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Samstag, 3. Januar 2026

Venezuela: 150 Jahre im Zangengriff des Westens

Die Debatte um Venezuela wird im Westen gerne auf eine einfache Formel reduziert: Sozialismus führt zu Elend, Maduro ist ein Diktator, die Bevölkerung leidet unter Misswirtschaft. Diese Erzählung verschleiert jedoch systematisch die lange Geschichte ausländischer Dominanz und die fortgesetzten Versuche westlicher Mächte, die Kontrolle über eines der rohstoffreichsten Länder der Welt zu behalten oder zurückzugewinnen.

Die lange Geschichte der Unterwerfung

Die Geschichte ausländischer Kontrolle über Venezuela beginnt nicht 2017 mit verschärften US-Sanktionen, nicht 1999 mit Chávez' Amtsantritt, sondern reicht mehr als 150 Jahre zurück.

Schuldenknechtschaft im 19. Jahrhundert

Schon kurz nach der Unabhängigkeit geriet Venezuela in die Schuldenfalle europäischer Banken. Der Höhepunkt dieser Entwicklung war die Venezuela-Krise von 1902/03, als Deutschland, Großbritannien und Italien venezolanische Häfen militärisch blockierten - wegen unbezahlter Schulden. Diese Blockade führte zur berüchtigten Roosevelt-Corollary der Monroe-Doktrin, mit der die USA die alleinige "Polizeigewalt" über Lateinamerika für sich beanspruchten.

Die frühe Ölära: Ausländische Konzerne übernehmen

Ab den 1910er und 1920er Jahren kontrollierten britische (Shell) und US-amerikanische Ölkonzerne (Standard Oil, später Exxon, Gulf Oil) praktisch die gesamte venezolanische Ölindustrie. Die Konzessionen waren extrem vorteilhaft für die Konzerne, während korrupte Diktatoren wie Juan Vicente Gómez (1908-1935) sich schmieren ließen. Venezuela selbst sah nur einen Bruchteil der Profite aus seinen eigenen Ressourcen.

Das Punto Fijo-System: Demokratie als Fassade

Das von 1958 bis 1998 herrschende Zweiparteiensystem erschien oberflächlich demokratisch, war aber eng an US-Interessen gebunden. Die beiden dominanten Parteien AD und COPEI waren strikt antikommunistisch ausgerichtet und verfolgten zunehmend neoliberale Wirtschaftspolitik. Als 1989 gegen vom IWF diktierte Strukturanpassungsmaßnahmen protestiert wurde, antwortete der Staat mit dem Caracazo-Massaker an der Bevölkerung.

Der Zangengriff: Ein System der Kontrolle

Die ausländische Dominanz funktionierte durch drei ineinandergreifende Mechanismen:

  1. Wirtschaftliche Kontrolle durch Ölkonzerne, Schuldendienst und IWF-Konditionalität
  2. Politische Einflussnahme durch Unterstützung gefügiger Eliten und Parteien
  3. Militärische Drohkulisse durch Interventionen in der Region als permanente Abschreckung

Chávez und der Versuch der Emanzipation

Hugo Chávez' eigentliches "Verbrechen" bestand nicht in Korruption oder Misswirtschaft - beides gab es unter vorherigen Regierungen reichlich. Sein Vergehen war der Versuch, Venezuela aus diesem System der Abhängigkeit zu befreien:

  • Verstaatlichung der Ölindustrie (2007)
  • Verwendung der Öleinnahmen für Sozialprogramme statt für westliche Konzerne
  • ALBA als Alternative zur vom Westen diktierten FTAA
  • Petro-Caribe zur solidarischen Energieversorgung der Karibik
  • Aufbau von Beziehungen zu China, Russland, Iran

Venezuela besitzt die größten Ölreserven weltweit, dazu riesige Goldvorkommen, Coltan und eine strategisch wichtige geografische Position. Eine unabhängige, sozialistische Regierung, die diese Ressourcen für die eigene Bevölkerung nutzt - das war und ist für das westliche Establishment unerträglich.

Die Farbenrevolutionen: Systematische Destabilisierung

Wenn wirtschaftliche Erpressung nicht ausreicht, folgt der Griff zu härteren Mitteln. Venezuela erlebte eine ganze Serie von Destabilisierungsversuchen:

Putschversuch 2002

Der Staatsstreich gegen Chávez wurde offen von den USA unterstützt. Die National Endowment for Democracy (NED) und USAID hatten jahrelang Oppositionsgruppen finanziert. Als Chávez für 47 Stunden gestürzt wurde, erkannten die USA die Putschregierung sofort an. Unternehmerverbände wie FEDECÁMARAS spielten eine zentrale Rolle - es ging um die Kontrolle über die staatliche Ölgesellschaft PDVSA.

Ölstreik 2002/03

Manager der PDVSA, koordiniert von der US-Botschaft, sabotierten die Ölproduktion, um die Wirtschaft lahmzulegen und Chávez zu stürzen. Der Versuch scheiterte und führte zur Entlassung tausender oppositioneller Manager.

Guarimbas: Organisierte Gewaltproteste

2014, 2017 und 2019 kam es zu organisierten Straßengewalt mit Barrikaden und gezielten Tötungen. Leopoldo López, ein Harvard-Absolvent mit engen CIA-Kontakten, war eine zentrale Figur. Ziel war es, die Regierung zu destabilisieren und eine internationale Intervention zu provozieren.

Die Guaidó-Operation 2019

Der dreisteste Versuch einer Farbenrevolution: Ein parlamentarischer Hinterbänkler erklärt sich zum "Interimspräsidenten" und wird sofort von USA und EU anerkannt. Es folgte der Versuch, das Militär zum Überlaufen zu bringen, lächerliche "Hilfskonvois" an der kolumbianischen Grenze als Propagandaaktion, während die Trump-Administration offen militärische Intervention diskutierte.

Das perfide System: Sanktionen als Würgeschlinge

Die Logik der Intervention folgt einem zynischen Muster:

  1. Ein Land versucht, seine Ressourcen für die eigene Bevölkerung zu nutzen
  2. Westliche Destabilisierung beginnt (NED-Finanzierung, Medienkrieg, Aufbau einer Opposition)
  3. Die Regierung wehrt sich und wird als "autoritär" gebrandmarkt
  4. Sanktionen werden verhängt und verschlimmern die Lage
  5. Die verschlechterte Lage wird als Beweis für "sozialistisches Versagen" präsentiert
  6. Weitere Sanktionen folgen angeblich als "Druck für Demokratie"
  7. Die resultierende Flüchtlingskrise wird als weiterer Beweis für das Versagen präsentiert

Die Sanktionspolitik hatte nachweislich drastische Auswirkungen. Die ab 2017 verhängten und 2019 massiv verschärften US-Sanktionen - Ölembargo, Einfrieren von Auslandsvermögen, Sekundärsanktionen gegen Drittländer - trafen eine bereits angeschlagene Wirtschaft mit voller Härte. Studien schätzten zehntausende zusätzliche Todesfälle durch Sanktionsfolgen. Der Zugang zu Medikamenten, Lebensmittelimporten und internationalen Finanzmärkten wurde massiv erschwert. Die Beschlagnahmung venezolanischer Auslandsvermögen (Citgo, Goldreserven in London) kam wirtschaftlicher Enteignung gleich.

Das globale Muster

Venezuela ist kein Einzelfall. Das Muster wiederholt sich überall dort, wo rohstoffreiche Länder versuchen, eigene Wege zu gehen:

  • Libyen unter Gaddafi: Golddinar-Initiative, afrikanische Entwicklungspläne → NATO-Intervention
  • Irak unter Saddam: Abkehr vom Petrodollar → Invasion
  • Iran seit 1979: Verstaatlichung der Ölindustrie → Jahrzehnte der Sanktionen

Die westliche Propaganda funktioniert, indem sie die Folgen der eigenen Aggression als Beweis für das Versagen der angegriffenen Systeme präsentiert. Wirtschaftliche Kriegsführung durch Sanktionen wird als moralische Politik verkauft, während die humanitären Konsequenzen zynisch instrumentalisiert werden.

Fazit

Die Krise in Venezuela ist nicht primär das Ergebnis sozialistischer Wirtschaftspolitik, sondern die Folge eines 150 Jahre andauernden Kampfes um Ressourcen und Kontrolle. Misswirtschaft und Korruption gab es unter pro-westlichen Regierungen genauso - aber sie wurden toleriert, solange die Profite in die richtigen Taschen flossen.

Der eigentliche Konflikt dreht sich um die Frage: Wem gehören die Ressourcen eines Landes? Der eigenen Bevölkerung oder internationalen Konzernen? Venezuela hat versucht, diese Frage zugunsten der eigenen Bevölkerung zu beantworten - und wird seitdem mit allen Mitteln bekämpft.

Die Sanktionen gegen Venezuela sind keine Reaktion auf Menschenrechtsverletzungen oder Demokratiedefizite - sie sind das Instrument, um ein unabhängiges Land in die Knie zu zwingen und ein abschreckendes Beispiel für andere zu statuieren, die es wagen könnten, einen ähnlichen Weg zu gehen.

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