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Samstag, 2. Mai 2026

Arbeit als Herrschaftsinstrument — Monika Schnitzer und die Priester der Wirtschaftsweisheit

Was du wissen musst – in 30 Sekunden
Monika Schnitzer, Vorsitzende der Wirtschaftsweisen, erklärt dem Fernsehpublikum, warum Arbeitszwang eigentlich Fürsorge ist. Wer keine Gegenleistung fordert, erwartet nichts von den Menschen — so ihr Kernargument. Napoleon hat das klarer formuliert: Je mehr das Volk arbeitet, umso weniger Laster gibt es. Helmut Schelsky hat für Leute wie Schnitzer einen Begriff gehabt: Sinnproduzenten. Die Arbeit tun die anderen.

Frau Schnitzer, welche Arbeit meinen Sie eigentlich?

Monika Schnitzer, Professorin an der LMU München, Vorsitzende des Sachverständigenrates, Trägerin des Bundesverdienstordens und des Bayerischen Verdienstordens, Mitglied von mehr Beiräten und Kommissionen als ein Mensch mit beiden Händen abzählen kann — diese Frau sitzt im Fernsehen und erklärt uns, was Arbeit bedeutet. Was sie dem Menschen gibt. Warum der Arbeitszwang, der im gegenwärtigen System steckt, eigentlich kein Zwang ist, sondern Fürsorge. Pädagogik. Eine berechtigte gesellschaftliche Erwartung.

Man möchte fragen: Welche Arbeit meinen Sie eigentlich?

Was Schnitzer wirklich gesagt hat

Schnitzers Kernargument im Interview lautet so: Das aktuelle System — Hartz IV, Bürgergeld, Transferleistungen mit Bedingungen — ist richtig, weil es von den Empfängern verlangt, grundsätzlich arbeitswillig zu sein. Wer diese Forderung beim bedingungslosen Grundeinkommen abschafft, der signalisiert den Menschen: „Von euch erwarte ich eigentlich gar nichts." Und das, so Schnitzer wörtlich, sei nicht die richtige Einstellung. Der Mensch solle „erstmal für sich zuständig sein".

Das ist keine Kritik am Grundeinkommen. Das ist eine Verteidigung des Arbeitszwangs als erzieherisches Instrument. Der Staat als Vormund. Der Bürgergeldempfänger als Unmündiger, dem man Erwartungen kommunizieren muss, damit er nicht auf falsche Gedanken kommt.

Schelsky hat diese Haltung bereits 1975 auf den Begriff gebracht: „Die Masse, ja das Übermaß an professionellen Bedürfnissen, ›Erziehung‹ und ›Information‹ auszuüben, erstickt die mögliche geistige Selbständigkeit der davon passiv Betroffenen bereits im Keime." (S. 223) Und weiter: „Damit entsteht eine neue Form des ›Untertanen‹: der ›betreute Mensch‹. [...] Betreuung wird das Legitimitätsprinzip der Herrschaft für diejenigen, die den anderen die ›Legitimationskrise‹ predigen." (S. 370)

Frau Schnitzer predigt den Unmündigen die Pflicht zur Arbeitswilligkeit. Für sich selbst gilt das naturgemäß nicht.

Arbeit als Herrschaftsinstrument — eine lange Geschichte

Dabei ist der Gedanke, den Schnitzer hier verkauft, alles andere als neu. Napoleon hat ihn auf den Punkt gebracht: „Je mehr meine Völker arbeiten, umso weniger Laster wird es geben." Klarer lässt sich das Herrschaftskalkül hinter dem Arbeitsethos nicht formulieren. Arbeit nicht als Mittel zur Bedürfnisbefriedigung — sondern als Mittel zur Kontrolle. Als Mechanismus, der Menschen beschäftigt, erschöpft und konform hält.

Aristoteles hatte ein vollkommen anderes Verständnis von Arbeit: Ihr Zweck ist stets die Nicht-Arbeit. Ein Werkzeug wird erfunden, um die anstehende Arbeit so knapp wie möglich ausfallen zu lassen. Arbeiten, um weniger arbeiten zu müssen — das war die klassische Logik. Heute hat sich diese Zweck-Mittel-Relation ins genaue Gegenteil verkehrt. Arbeit ist nicht mehr Mittel, sondern Selbstzweck. Arbeit findet statt, damit weitere Arbeit stattfindet. Produziert wird für die Müllhalde. Und wo keine Arbeit mehr vorhanden ist, wird sie erfunden.

Der protestantische Arbeitsethos hat diese Inversion religiös aufgeladen, und die Nationalsozialisten haben ihn zur brutalen Staatsideologie gemacht — die Erotisierung des Arbeitsethos in ihrer pervertiertesten Form. Was viele nicht wissen: Der Slogan „Sozial ist, wer Arbeit schafft" wurde ursprünglich von Alfred Hugenberg erdacht — konservativer Zeitungsverleger, den Nazis nahestehend, Wahlkampf 1933. Der zynische Geist von „Arbeit macht frei" umweht uns bis heute. Wir merken es nur nicht mehr, weil er in die Sprache der Sachverständigenräte übersetzt wurde.

Denn was produziert Arbeit als Selbstzweck vor allem? Die Philosophie hat es oft genug beschrieben: Konformität und Dummheit. Weil das System sich auf erfolgreiche Übergänge von Fremd- zu Selbstzwängen stützen kann — auf den protestantischen Arbeitsethos, auf das postmoderne Selbstverwirklichungsideal — überlebt es sich immer wieder selbst. Und braucht dazu Leute wie Monika Schnitzer, die ihm im Fernsehen das intellektuelle Feigenblatt halten.

Der zerstörte Begriff

Dazu kommt Schnitzers zweites Argument: Arbeit sei für die meisten Menschen Sinn. Studien zum Grundeinkommen hätten gezeigt, dass die Menschen auch mit finanzieller Absicherung weiter arbeiten wollen — wegen sozialer Einbindung, wegen Struktur, wegen des Gefühls, gebraucht zu werden.

Das klingt nach Empathie. Es ist in Wirklichkeit eine Fälschung.

Der Arbeitsbegriff, den Schnitzer hier verwendet, ist ein historisches Fossil. Er stammt aus einer Zeit, in der Arbeit tatsächlich noch Beruf war — im ursprünglichen Wortsinn: Berufung. Eine Tätigkeit, mit der sich ein Mensch identifizieren konnte, die ein Handwerk, ein Können, eine Würde hatte. Diese Zeit ist vorbei. Und sie wurde nicht vom Grundeinkommen beendet. Sie wurde von der kapitalistischen Produktionsorganisation selbst beendet.

Was heute Arbeit heißt, ist in der überwältigenden Mehrheit der Fälle: ein atomisierter Teilschritt in einer zergliederten Produktionskette, vollständig ersetzbar, vollständig austauschbar, angepasst an Fließband und Neonlicht, an Schichtplan und Kennzahl. Der Mensch ist hier kein Träger von Können und Sinn — er ist ein variables Kostenelement. Kein Wunder, dass diese Gesellschaft nicht mehr von Berufen spricht, sondern von Jobs. Und der Ort, an dem man sie vermittelt, heißt folgerichtig nicht Berufungszentrum, sondern Jobcenter.

Welcher Mensch identifiziert sich heute noch mit seiner Arbeit? Welcher Lagerarbeiter kommt abends nach Hause und denkt: Das ist mein Sinn? Welche Kassiererin, welcher Paketzusteller, welcher Callcenter-Agent fühlt sich durch seine Arbeit als Mensch bestätigt? Die Antwort kennt jeder — außer Monika Schnitzer.

Arbeit in der entwickelten kapitalistischen Gesellschaft ist kein Sinnstifter. Sie ist ein Herrschaftsinstrument. Sie erzwingt Verfügbarkeit, sie diszipliniert Zeit und Körper, sie verhindert, dass Menschen auf andere Gedanken kommen. Das ist ihre Funktion — nicht die Selbstverwirklichung des Arbeiters, sondern die Reproduktion seiner Abhängigkeit.

Und genau dieses Instrument verteidigt Schnitzer, wenn sie sagt: Ohne Gegenleistungspflicht erwarten wir nichts von den Menschen. Was sie als Pädagogik verkauft, ist nacktes Interesse.

Schelskys Priester — und ihre steuerfinanzierte Luxusexistenz

Helmut Schelsky hat 1975 ein Buch geschrieben, das heute aktueller ist als damals: Die Arbeit tun die anderen. Seine These war einfach und vernichtend: Die neue Herrschaftsklasse in modernen Gesellschaften sind nicht mehr die Eigentümer der Fabriken. Es sind die Sinnproduzenten — die Deutungselite, die festlegt, was als legitim gilt, was als sozial gerecht, was als vernünftige Wirtschaftspolitik durchgeht.

Schelsky beschreibt, was diese Klasse antreibt, mit einer Präzision, die man heute kaum noch öffentlich aussprechen darf: „[Die Sinn-Produzenten leiten] daraus sowohl die Unterordnung der bloß lebensmateriell Produktiven unter ihre Sinngebungsherrschaft sowie die Berechtigung ab, unproduktiv von der Arbeit dieser anderen gut leben zu können. Die Sinn-Produzenten stellen die unproduktive, ihrerseits die Güter-Produzenten ausbeutende Klasse dar." (S. 179–180)

Und er benennt die Heuchelei, die im Kern dieser Klasse sitzt: ihre Forderung nach Leistung gilt ausschließlich nach unten. Die eigene Existenz — „die ja fast ausschließlich auf öffentlichen Steuerleistungen (Staatsbeamte) oder aus sonstigen öffentlichen Geldern [...] beruht" — zielt laut Schelsky keineswegs auf Leistung, sondern auf „die soziale Rechtfertigung und Wertüberlegenheit der eigenen, gruppenhaften Leistungsverweigerung und Luxusexistenz." (S. 181)

Monika Schnitzer ist der Idealtyp dieser Figur. Seit 1986 ununterbrochen im akademisch-institutionellen Komplex. Seit 1996 verbeamtete Professorin. Seit 2001 im Wissenschaftlichen Beirat des Wirtschaftsministeriums. Seit 2020 Wirtschaftsweise. Seit 2022 deren Vorsitzende. Dazwischen: Orden, Ehrungen, Kommissionen. Diese Frau hat noch keinen einzigen Tag ihres Berufslebens damit verbracht, sich zu fragen, ob sie nächsten Monat die Miete zahlen kann. Und genau diese Frau erklärt den Abhängigen, warum Bedingungslosigkeit das falsche Signal sendet.

Das Fördern-und-Fordern gilt nur nach unten

Kein Beiratsmitglied wird gefragt, ob es bereit ist zu arbeiten. Kein Lehrstuhlinhaber muss seine Mitwirkungsbereitschaft nachweisen, um sein Gehalt zu behalten. Die Zumutbarkeitsregeln des SGB II — Pendelzeiten, Eingliederungsvereinbarungen, Sanktionsandrohungen — gelten für genau jene Menschen, über die Schnitzer spricht. Nicht für sie. Nie für sie.

Schelsky nennt das die Herrschaft über das Wertebewusstsein — und erklärt, warum diese Herrschaft immer mit gutem Gewissen ausgeübt wird: „Wer die Standards, die Maßstäbe dessen errichtet und beherrscht, was als Ausbeutung und was als Freiheit zu gelten hat, ist wie jeder Machtsouverän immer ›ex lege‹." (S. 182) Außerhalb des Gesetzes. Für sich selbst. Die Regeln gelten für die anderen.

Das nennt man Klassenjustiz. Und wer sie im Fernsehen als Sachverstand verkleidet, macht sie nicht legitimer.

Hier müssen Arbeiter reden

Die Debatte über Grundeinkommen und Arbeitszwang wird in diesem Land ausschließlich von Menschen geführt, die von dem, worüber sie reden, keine persönliche Erfahrung haben. Die Betroffenen sitzen nicht in den Sachverständigenräten. Sie kommen höchstens als Datenpunkt vor — als Langzeitarbeitslose, als Transferleistungsempfänger, als Problem, das gelöst werden muss.

Von Napoleon über den protestantischen Arbeitsethos, über Hugenberg 1933 bis zur Wirtschaftsweisen im Fernsehstudio 2024 — die Herrschaftsfunktion der Arbeit hat ihre Form gewechselt, nicht ihr Wesen. Das Volk soll arbeiten. Damit es weniger Laster gibt. Damit es keine Zeit hat, die falschen Fragen zu stellen.

Schelsky hatte recht: Die Arbeit tun die anderen. Und die Sinnproduzenten erklären ihnen, warum das so sein muss.

Monika Schnitzer ist kein Einzelfall. Sie ist ein Typus. Die institutionell abgesicherte Expertin, die der ökonomischen Macht das intellektuelle Werkzeug liefert, das diese braucht, um ihre Interessen als alternativlose Vernunft erscheinen zu lassen. Dafür gibt es Orden. Dafür gibt es Beiratssitze. Dafür gibt es Fernsehauftritte.

Und wer das ausspricht, ist natürlich kein Analytiker. Sondern ein Populist.

So läuft das Spiel.


Marigny de Grilleau schreibt seit 2008 über Machtstrukturen, Sozialpolitik und die Mechanismen institutioneller Legitimation.

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Wir nähern uns immer mehr "Kraft durch Freude", und das gewollt.

Marigny de Grilleau hat gesagt…

Danke für den Hinweis — und für meine eigene Bildungslücke, die du damit geschlossen hast. „Kraft durch Freude" als Referenzpunkt hatte ich nicht auf dem Schirm, obwohl er präzise sitzt: Arbeit als Fürsorge, Beschäftigung als Befriedung, das Ganze verpackt als Menschenfreundlichkeit. Das Muster ist dasselbe, nur das Vokabular hat gewechselt.
Und dein Zusatz „gewollt" trifft den entscheidenden Punkt. Schnitzer irrt sich nicht — sie argumentiert in einem System, das genau diese Funktion braucht: die Legitimation von Zwang durch das Vokabular der Fürsorge. Schelsky hätte das als klassische Sinnproduktion erkannt.