Es gibt Geschichten, die muss man erzählen. Nicht weil sie schön sind. Sondern weil sie zeigen, was dieses System mit Menschen macht.
Diese Geschichte ist wahr. Sie stammt aus dem engsten Kreis meiner Familie.
Ein Freund meines Vaters war schwer krank. Unheilbar. Seine Frau pflegte ihn, so lange sie konnte. Beide waren nicht mehr die Jüngsten. Es war absehbar: Irgendwann würde sie es nicht mehr schaffen. Irgendwann würde er ins Pflegeheim müssen.
Die beiden hatten sich ein kleines Häuschen erarbeitet. Nichts Großes. Kein Luxus. Einfach ein Zuhause. Ihr Zuhause. Das Ergebnis eines Arbeitslebens.
Und dann erfuhr er, was passiert, wenn man ins Pflegeheim muss und das Haus leer steht: Es gilt als "verwertbares Vermögen". Das Sozialamt kann verlangen, dass man es verkauft. Erst wenn das Geld aufgebraucht ist, gibt es Unterstützung.
Er hat das verstanden. Er hat verstanden, was das für seine Frau bedeutet hätte.
Also begann er zu recherchieren. Über Monate. Welche Medikamente. Welche Dosierungen. Er fragte vorsichtig nach, bei Menschen, die sich auskannten. Er sammelte Wissen. Für den Tag, an dem es soweit sein würde.
Eines Tages rief er meinen Vater an. Er verabschiedete sich.
Am nächsten Tag war er tot.
Ich schreibe das hier nicht, um Mitleid zu erregen. Ich schreibe das, weil wir begreifen müssen, was hier passiert ist.
Ein Mensch hat sich das Leben genommen, damit seiner Frau das Dach über dem Kopf bleibt.
Das ist kein individuelles Versagen. Das ist kein "tragischer Einzelfall". Das ist die logische Konsequenz eines Systems, das Menschen vor die Wahl stellt: Dein Leben oder dein Lebenswerk.
Das Sozialamt nennt es "Nachrangigkeit". Der Staat nennt es "Eigenverantwortung". Die Gesellschaft nennt es "so sind nun mal die Regeln".
Ich nenne es das, was es ist: Gewalt.
Wir leben in einem Land, in dem Menschen ihr ganzes Leben arbeiten, Steuern zahlen, Sozialabgaben leisten - und am Ende, wenn sie schwach und krank sind, nimmt man ihnen das Wenige, das sie sich aufgebaut haben.
Man redet von "Angemessenheit". Man prüft Quadratmeter. Man berechnet Marktwerte. Man schickt Briefe mit Fristen.
Und irgendwo sitzt ein alter, kranker Mann und rechnet nach. Nicht Quadratmeter. Sondern Tabletten.
Mein Vater ist mittlerweile auch schon viele Jahre tot. Die Frau, die damals als Krankenschwester dem Mann ungewollt Hinweise gab, ist ebenfalls gestorben. Die Generation, die das erlebt hat, geht.
Aber das System bleibt. Und jeden Tag stehen Menschen vor derselben Entscheidung.
Das Perfide: Das System zwingt niemanden direkt. Es schafft nur die Bedingungen, unter denen Menschen solche Entscheidungen treffen. Und dann kann man sagen: Er hat sich ja selbst entschieden. Er hätte ja auch das Haus verkaufen können.
So funktioniert strukturelle Gewalt. Sie hinterlässt keine Fingerabdrücke. Sie unterschreibt keine Urteile. Sie schafft nur Situationen, in denen Menschen keine guten Optionen mehr haben.
Ich habe keine Lösung anzubieten. Ich habe nur diese Geschichte.
Und die Frage, die mich nicht loslässt: In was für einem Land leben wir, wenn ein Mann sich umbringt, damit seine Frau in ihrem Haus bleiben darf?
Dieser Beitrag ist einem Menschen gewidmet, dessen Namen ich hier nicht nenne. Er hat getan, was er für richtig hielt. Das System hat ihn dahin gebracht.
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