Bei watson erschien dieser Tage ein Artikel über den Amazon-Film "Der Tiger", der exemplarisch vorführt, was in der deutschen Erinnerungskultur schiefläuft. Nicht der Film ist das Problem – sondern die Kritik daran.
Die steile These
Jennifer Ullrich, Senior-Redakteurin im Ressort Unterhaltung, attestiert dem Film ein "moralisches Desaster". Der Vorwurf: Die deutschen Soldaten werden als Menschen gezeigt. Mit Ängsten. Mit Zweifeln. Mit moralischen Konflikten. Das sei gefährlich, weil es "die Mär vom guten deutschen Soldaten" beschwöre.
Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Ein Film wird kritisiert, weil er seine Figuren nicht als eindimensionale Monster zeichnet.
Die absurde Logik
Was wäre die Alternative? Ausschließlich sadistische Karikaturen, die "Heil Hitler" brüllend durch die Gegend marodieren? Das wäre nicht nur historisch falsch – es wäre gefährlich. Denn es würde uns von der eigentlich verstörenden Frage entlasten: Wie wurden ganz normale Menschen Teil einer verbrecherischen Maschinerie?
Die Antwort ist unbequem. Es waren keine fremden Wesen. Es waren Bäcker, Lehrer, Familienväter. Menschen, die in einem System gefangen waren, das Verweigerung mit dem Tod bestrafte. Deserteure wurden erschossen. "Wehrkraftzersetzer" standrechtlich hingerichtet. Die Frage individueller Schuld in totalitären Systemen ist philosophisch komplex – und Filme, die diese Komplexität zeigen, betreiben nicht Apologetik, sondern Aufklärung.
Hannah Arendt prägte den Begriff der "Banalität des Bösen". Er beschreibt genau das: Das Grauen entsteht nicht durch Monster, sondern durch Menschen, die funktionieren. Wer das zeigt, relativiert nichts – er macht das Verstehen erst möglich.
Die Immunisierungsstrategie
Der Artikel operiert mit einem rhetorischen Trick: Wer widerspricht, gerät automatisch in den Verdacht, etwas relativieren zu wollen. Die moralische Rahmung macht Kritik unmöglich. Wer will schon als Nazi-Apologet dastehen?
Das ist keine Argumentation, das ist Erpressung.
Bezeichnend ist auch die Beweisführung: Als Kronzeuge für das "moralische Desaster" dient ein anonymer Rotten-Tomatoes-Kommentar. Das ist das analytische Niveau, auf dem hier operiert wird.
Der eigentliche Skandal
Während Deutschland seit Jahrzehnten eine Erinnerungskultur pflegt, die weltweit einzigartig ist, verdrängen andere Nationen ihre Verbrechen munter weiter. In London steht Churchill als Held – derselbe Churchill, unter dessen Verantwortung drei Millionen Bengalen verhungerten. Leopold II. wurde in Belgien lange geehrt, obwohl sein Kongo-Regime geschätzte zehn Millionen Menschen das Leben kostete. Die Opiumkriege, die Kolonialverbrechen, die Genozide an indigenen Völkern – all das wird als "Geschichte" abgehakt.
Aber wehe, ein deutscher Film zeigt einen Soldaten, der Angst hat.
Provokation als Geschäftsmodell
Auf ihrer Profilseite beschreibt sich die Autorin so: Sie "provozierte gern und oft mit Meinungstexten". Das ist die Selbstbeschreibung dessen, was wir hier lesen: Clickbait mit moralischem Anstrich.
Man nimmt ein sensibles Thema, formuliert eine steile These, die Empörung triggert, und generiert Aufmerksamkeit. Differenzierung stört dabei nur. Die Frage, ob ein Film künstlerisch gelungen ist, ob er historisch redlich arbeitet, ob seine Ambivalenz vielleicht gerade die Stärke ist – das erfordert Nachdenken. Nachdenken bringt keine Klicks.
Was auf der Strecke bleibt
Die eigentlich wichtige Debatte wird so verhindert: Wie erzählen wir von dieser Zeit? Wie vermeiden wir sowohl die Dämonisierung, die uns von der Selbstbefragung entlastet, als auch die Verharmlosung, die das Grauen relativiert?
Das sind schwierige Fragen. Sie erfordern mehr als moralische Posen und Rotten-Tomatoes-Zitate. Sie erfordern das, was diesem Artikel fehlt: intellektuelle Redlichkeit.
Stattdessen bekommen wir Kitsch. Moralischen Kitsch, der sich gut anfühlt, aber nichts erhellt. Der die richtigen Empörungsgesten macht, ohne je zur Erkenntnis vorzudringen.
Das ist kein Journalismus. Das ist Pose.
Den Original-Artikel findet man bei watson.de unter dem Titel "'Moralisches Desaster': Warum 'Der Tiger' bei Amazon problematisch ist"
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