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Freitag, 7. August 2026

Der härteste Gläubiger – Warum ein absolut knappes Geld den Zins nicht abschafft, sondern vollendet

Was du wissen musst – in 30 Sekunden

Roman Reher, in der Szene als „Blocktrainer“ bekannt, legt in einem zweieinhalbstündigen Podcast dar, das Wurzelproblem aller Politik sei das ungedeckte Geld, und Bitcoin sei die Lösung. Zinsen werden zwar an einzelnen Stellen beiläufig erwähnt, eine Untersuchung ihrer Entstehung, ihrer Anhäufung in den Preisen oder ihrer Verteilungswirkung findet aber nicht statt; Schulden hält er ausdrücklich nicht für das Problem (1:02:37). Das ist die Bruchstelle. Zins ist seit dem 18. Jahrhundert v. Chr. unter reinem Warengeld dokumentiert – abgewogenes Silber, Gerste, Höchstzinsen von 20 und 33⅓ Prozent, Schuldknechtschaft bei Nichtzahlung. Er entsteht nicht aus der Vermehrbarkeit des Geldes, sondern aus dessen Überlegenheit gegenüber der Ware. Ein Geld, das nicht verdirbt, nichts kostet und garantiert knapper wird, treibt diese Überlegenheit ins Maximum. Und Reher führt es selbst vor: Sein Zukunftsentwurf ist ein Stablecoin mit Bitcoin-Deckung, der zehn Prozent Rendite im Jahr zahlt (1:15:32).

Es gehört zu den zuverlässigsten Vorgängen unserer Zeit, dass jede Generation ihre eigene Erlösungswährung erfindet und dabei überzeugt ist, als erste hinter die Kulissen geschaut zu haben. Man erkennt das Muster an einem Detail: Die Diagnose ist präzise, die Geschichtskenntnis reicht zurück bis 1971, und die Frage, wie das Elend vor 1971 zustande kam, wird nicht gestellt.

Der Anlass für diesen Text ist ein langes Podcast-Gespräch mit Roman Reher, der als „Blocktrainer“ zu den bekanntesten deutschen Bitcoin-Vermittlern gehört und das Thema bis in den Bundestag trägt. Es lohnt sich, weil es ehrlich geführt ist. Der Gastgeber stellt die richtigen Einwände, der Gast weicht ihnen nicht aus, und beide haben sichtlich Freude an der Sache. Genau deshalb kann man an diesem Gespräch etwas zeigen, das an schlechteren Beispielen unterginge: wo die Argumentation reißt, und zwar an einer Stelle, die keiner der beiden auch nur berührt. Alle Zeitangaben in diesem Text beziehen sich auf das unten eingebettete Video und sind nachprüfbar.


I. Was tatsächlich vorgeschlagen wird

Die Diagnose lautet: Geld entsteht heute durch Schuldenaufnahme an zentraler Stelle. Jede neue Einheit entwertet die vorhandenen. Das ist eine verdeckte Steuer (1:42:41), sie erklärt die Kurzatmigkeit der Politik, und sie ist der Ursprung nahezu aller strukturellen Probleme (18:38–19:13; 58:28). Deshalb, so die Folgerung, sei Wählen wirkungslos (9:05–9:12; 41:04–41:55) und die Beschäftigung mit Vorgängen, die er nicht verändern könne, Zeitverschwendung (13:05–13:21), und die einzig vernünftige Handlung bestehe darin, die eigene Kaufkraft in ein Gut zu retten, das niemand vermehren kann.

Der erste Teil dieser Diagnose ist nicht abwegig. Die Emission neuer Geldeinheiten ist eine Steuer, und wer zuerst an das neue Geld kommt, kauft zu alten Preisen – Richard Cantillon hat das in seinem Essai sur la nature du commerce en général beschrieben, gut zweihundertfünfzig Jahre bevor es zum Schlagwort wurde. Auch die Beobachtung, dass mit der Aufhebung der Goldeinlösung des Dollars 1971 eine Zäsur liegt (1:03:05), ist keine Erfindung.

Der zweite Teil folgt aus dem ersten nicht. Und der dritte Teil – Bitcoin als Ausweg – scheitert an einer Frage, die im gesamten Gespräch nicht vorkommt.

II. Der Zins ist älter als die Notenbank

Wer behauptet, das ungedeckte Geld sei die Wurzel, muss erklären, warum die Erscheinungen, die er beklagt, dokumentiert sind, seit Menschen überhaupt schreiben.

In Mesopotamien wurde in abgewogenem Silber und in Gerste gerechnet – härteres Geld ist kaum denkbar. Aus dem Codex Hammurapi (18. Jahrhundert v. Chr.) und den Urkunden derselben Zeit gehen Höchstzinsen von zwanzig Prozent auf Silber und einem Drittel auf Gerste hervor; bei spekulativen Geschäften sind Sätze bis zu 66 Prozent belegt. Bei Nichtzahlung drohte die Schuldknechtschaft. Gedeckelt wird nur, was existiert und drückt.

Und weil selbst diese Sätze binnen einer Generation dazu führten, dass Bauern erst ihr Feld, dann ihre Kinder, dann sich selbst verpfändeten, entwickelten dieselben Gesellschaften das Gegeninstrument: den herrschaftlichen Schuldenerlass. Die Begriffe sind überliefert – mīšarum in Babylon, andurārum in Assur, amargi im sumerischen Lagaš. Das am besten erhaltene Dokument ist das Edikt des Königs Ammi-ṣaduqa (Mitte des 17. Jahrhunderts v. Chr.), 1958 von F. R. Kraus ediert: Private Schulden aus Darlehen in Silber und Getreide wurden gestrichen, verpfändete Menschen kehrten in ihre Familien zurück, unter Zwang veräußertes Land fiel an die alten Inhaber. Der biblische Nachhall steht im 25. Kapitel des Levitikus als Jubeljahr.

Viertausend Jahre Zins, viertausend Jahre Schuldknechtschaft, viertausend Jahre Erlassversuche – ohne eine einzige Zentralbank, ohne Papiergeld, ohne Fiat. Damit ist die Kernthese in ihrer starken Form erledigt: Was geheilt werden soll, ist erheblich älter als die Krankheit, die als Ursache benannt wird.

Zur Redlichkeit gehört der Streitstand: Michael Hudson liest diese Edikte als regelmäßig wiederkehrende Institution und zieht die Linie bis zum Jubeljahr durch. Niels Peter Lemche hat dieser Deutung bereits 1979 im Journal of Near Eastern Studies widersprochen und ihr einen Zirkelschluss vorgeworfen. Ob die Erlasse Institution oder Ausnahme waren, ist offen. Dass es sie gab und wogegen sie gerichtet waren, ist es nicht.

III. Woher der Zins wirklich kommt

Silvio Gesell hat 1916 die Frage gestellt, die in dem Podcast fehlt: Warum verlangt jemand überhaupt einen Aufschlag dafür, sein Geld herzugeben? Seine Antwort ist unbequem einfach. Geld hat gegenüber der Ware einen strukturellen Vorteil. Wer Kartoffeln, Milch, Bauholz oder seine eigene Arbeitskraft anbietet, steht unter Zeitdruck: Ware verdirbt, rostet, kostet Lager, und Arbeitskraft, die heute nicht verkauft wird, ist morgen nicht nachholbar. Wer dagegen Geld hält, kann warten. Aus dieser Asymmetrie entsteht die Prämie dafür, die überlegene Position vorübergehend aufzugeben. Gesell nannte sie den Urzins. Er wollte sie nicht durch besseres Geld beseitigen, sondern durch schlechteres: durch ein Geld mit Haltekosten, dem Verderb der Ware nachgebildet.

Keynes hat diesen Gedanken zwanzig Jahre später im siebzehnten Kapitel der Allgemeinen Theorie formalisiert. Jedes Gut hat danach einen eigenen Zinssatz, zusammengesetzt aus drei Größen: Ertrag (q), Durchhaltekosten (c) und Liquiditätsprämie (l). Der Zinssatz, der die Wirtschaft regiert, ist der des Gutes mit der höchsten Liquiditätsprämie bei den niedrigsten Durchhaltekosten. Im dreiundzwanzigsten Kapitel würdigt Keynes Gesell ausdrücklich und versteht die eigene Liquiditätspräferenz als dessen Vollendung – ein Detail, das in der Literatur der harten Währungen selten auftaucht.

Nun führe man an dieser Formel durch, was Bitcoin ist. Durchhaltekosten: praktisch null. Verderb: keiner. Schwund: keiner. Angebotswachstum: gegen null laufend – am 9. März 2026 wurde bei Blockhöhe 939.999 die zwanzigmillionste Einheit geschöpft, es fehlen weniger als eine Million von einundzwanzig. Liquiditätsprämie: so hoch, wie ein Gut sie überhaupt erreichen kann.

Das ist keine Aufhebung des Urzinses. Das ist sein Maximum. Bitcoin ist nicht das Gegenteil von Gesells Diagnose, sondern deren Extremfall.

IV. Der Boden unter dem Realzins

Daraus folgt der zweite Mechanismus, und er ist der praktisch wirksamere. Wenn das Geld selbst real aufwertet, kann der Realzins niemals unter diese Aufwertungsrate fallen. Jede Investition, jedes Unternehmen, jede Werkstatt, jede Ausbildung muss erst schlagen, was das bloße Nichtstun einbringt. Wer nicht handelt, verdient. Wer handelt, muss den Nichthandelnden übertreffen, um überhaupt gleichzuziehen.

Im Gespräch wird genau das als Tugend beschrieben: Die Menschen würden vorsichtiger mit ihrem Geld umgehen, langfristiger denken und zunächst weniger konsumieren (23:35–24:36). Was ökonomisch dabei geschieht, wird nicht dazugesagt. Das Halten wird zur ertragreichsten Tätigkeit der Volkswirtschaft. Das ist die Definition der Rente. Und es braucht dafür nicht einmal einen Schuldner.

Man kann den Unterschied zum heutigen System in einem Satz fassen. Das entwertende Geld erzwingt Handeln. Das aufwertende Geld erzwingt Unterlassen. Der Zins verschwindet nicht – er wandert aus dem Kreditvertrag in den bloßen Besitz. Rentier, ohne je Gläubiger geworden zu sein.

V. Wer erarbeitet den Zins?

Eine Frau steht an der Kasse. Sie hat keinen Kredit, sie hat kein Depot, sie hat keinen Vermögensberater, sie hat 41,80 Euro auf dem Band. Sie hat in ihrem Leben nie einen Zinsvertrag unterschrieben und wird es auch nicht tun. In dem Moment, in dem die Kassiererin die Ware über den Scanner zieht, zahlt sie Zinsen.

Nicht bildlich. Tatsächlich. Sie bezahlt die Finanzierung des Regals, des Kühlaggregats, des Lieferwagens, der Lagerhalle, der Verpackungsmaschine, des Silos und des Ackerschleppers, und sie bezahlt in ihrer Miete die Finanzierung des Hauses, in dem sie wohnt. Das ist die unsichtbare Steuer. Sie steht auf keinem Bescheid, sie kennt keinen Freibetrag, sie kennt keine Progression, sie wird nicht erhoben und nicht veranlagt – sie wird kassiert, an jeder Kasse, jeden Tag, von jedem.

Und damit ist die Frage gestellt, die in Debatten über Geld fast nie gestellt wird, obwohl sie die einfachste von allen ist: Wer arbeitet eigentlich für den Zins?

Für die Miete arbeitet jemand. Für das Brot arbeitet jemand. Für den Zins arbeitet niemand – er ist ein Anspruch auf fremde Leistung, der aus dem Besitz folgt und nicht aus einer Tätigkeit. Das heißt nicht, dass er aus dem Nichts käme. Er muss erwirtschaftet werden, nur eben von anderen. Er wird nicht zusätzlich produziert, sondern aus dem herausgenommen, was ohnehin produziert wird.

Das geschieht nicht nur dort, wo jemand einen Kreditvertrag unterschreibt. Es geschieht in jedem Preis, und es geschieht kumulativ. Der Rohstofflieferant kalkuliert seine Finanzierungskosten in den Verkaufspreis. Der weiterverarbeitende Betrieb bezahlt diesen Preis, übernimmt damit den enthaltenen Anteil und legt seine eigenen Kosten obenauf. Der Großhandel übernimmt beides und rechnet seine hinzu, der Einzelhandel ebenso. Im Endpreis stecken deshalb die Finanzierungskosten sämtlicher Vorstufen.

Das ist keine Doppelzählung, solange auf jeder Stufe nur der neu hinzukommende Betrag erfasst wird – Helmut Creutz hat genau das beschrieben. Und der übliche Einwand, die Zinsausgabe des einen sei das Einkommen des anderen, widerlegt es nicht. Er stimmt zwar; Eurostat führt Zinsen in den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen folgerichtig als Verteilungstransaktion, jeder gezahlte Zins erscheint zugleich als empfangener. Aber das betrifft, was mit dem Geld danach geschieht, nicht die Frage, wer es vorher aufbringt. Auch der Lohn ist das Einkommen eines anderen und trotzdem Bestandteil des Preises.

Helmut Creutz und Margrit Kennedy haben daraus in den achtziger Jahren eine Zahl gemacht: ein durchschnittlicher Anteil von etwa dreißig bis vierzig Prozent in den Endpreisen. Ihre Einzelbeispiele sind bis heute die bekanntesten Belege dieser Debatte – Müllabfuhrgebühren rund zwölf Prozent, Trinkwasser achtunddreißig, Abwasser siebenundvierzig, die Kostenmiete im sozialen Wohnungsbau siebenundsiebzig. Rechnet man das auf die privaten Konsumausgaben in Deutschland hoch, die 2024 bei rund 2,28 Billionen Euro lagen, ergeben sich bei dreißig Prozent etwa 685 Milliarden und bei fünfunddreißig Prozent knapp 800 Milliarden Euro. Eine Größenordnung von siebenhundert Milliarden liegt damit am unteren Rand dieses Ansatzes.

Und jetzt kommt das Entscheidende, das in dieser Debatte fast immer untergeht. Dieser Betrag wird nicht in der Fläche umgewälzt. Er fließt in eine Richtung.

Bezahlt wird er nach dem Konsum. Wer sein ganzes Einkommen ausgibt, weil er es ausgeben muss, zahlt den Kapitalkostenanteil auf jeden einzelnen Euro, den er besitzt. Empfangen wird er nach dem Vermögen. Kapitalerträge fallen dort an, wo Kapital liegt – und in Deutschland liegt es sehr konzentriert. Nach der Vermögensbefragung der Bundesbank für 2023 hält das reichste Zehntel der Haushalte über die Hälfte des gesamten Nettovermögens; der mittlere Haushalt kommt auf gut hunderttausend Euro, das untere Zwanzigstel steht netto in den Schulden. Zum obersten Zehntel gehört, wer mehr als rund 777.000 Euro besitzt.

Zwei verschiedene Schlüssel also: gezahlt wird nach der Konsumquote, empfangen wird nach der Vermögensquote. Und diese beiden Quoten laufen genau gegeneinander. Wer unten steht, hat eine Konsumquote nahe hundert Prozent und eine Vermögensquote nahe null. Wer oben steht, hat es umgekehrt.

Das ist keine horizontale Umverteilung, bei der alle zahlen und alle empfangen und es sich am Ende ausgleicht. Es ist eine vertikale, und sie läuft nach oben. Die Frau an der Kasse zahlt den vollen Satz und bekommt nichts zurück. Sie ist nicht am Rand dieses Systems. Sie ist seine Finanzierungsgrundlage.

VI. Zins oder Kapitalkosten – und warum das den Unterschied macht

An dieser Stelle muss man genau sein, weil hier der eigentliche Streit liegt und nicht bei der Kettenlogik.

Kennedy schreibt ausdrücklich von „Zinsen oder Kapitalkosten". Das sind zwei verschiedene Dinge. Die eine Größe ist der an einen Gläubiger tatsächlich gezahlte Zins. Die andere ist die geforderte Verzinsung des eingesetzten Kapitals insgesamt – auch des eigenen. Wer eine Million in Maschinen und Waren bindet, verzichtet auf jede andere Anlage und trägt das volle Verlustrisiko; die betriebliche Kostenrechnung führt das als kalkulatorischen Eigenkapitalzins, und im Preis erscheint es nicht als Zinsposten, sondern als geforderte Rendite. Auch dieser Betrag muss erwirtschaftet werden, und auch ihn zahlt am Ende der Käufer.

Für die Höhe der Zahl ist das entscheidend. Nimmt man den engen Begriff – tatsächlich an Gläubiger überwiesene Zinsen –, liegt der Anteil deutlich niedriger. Nimmt man den weiten Begriff – Ertrag auf das gesamte eingesetzte Kapital –, wird die Größenordnung von dreißig bis vierzig Prozent plausibel. Creutz und Kennedy rechnen mit dem weiten Begriff. Belegt ist sie damit noch nicht: Um von den gesamtwirtschaftlichen Kapitaleinkommen auf den Anteil in den Konsumpreisen zu schließen, müsste man sauber trennen, was auf Investitionen, Exporte, importierte Vorleistungen, staatliche Nachfrage, Abschreibungen und Handelsspannen entfällt. Diese Rechnung existiert nicht. Die siebenhundert Milliarden sind deshalb eine modellhafte Hochrechnung nach einem nachvollziehbaren Ansatz – und nicht eine aus den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen ablesbare Summe. Wer die Zahl benutzt, sollte beides dazusagen: den Begriff und den Status.

Denn wenn die dreißig bis vierzig Prozent den Ertrag auf alles eingesetzte Kapital meinen, dann trägt das Geldsystem diesen Anteil nicht allein. Es wirken mehrere Ursachen zugleich: Eigentümer verlangen eine Rendite, Gläubiger verlangen Zinsen, das Steuerrecht begünstigt die eine Finanzierungsform gegenüber der anderen, und Wettbewerb und Marktmacht entscheiden, wie viel davon sich im Preis tatsächlich durchsetzen lässt.

Wer daraus allerdings folgerte, mit dem Geld habe das dann nichts mehr zu tun, hätte Kapitel IV nicht verstanden – und ich hätte es beinahe selbst falsch aufgeschrieben. Die geforderte Eigenkapitalrendite entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie bemisst sich am erreichbaren sicheren Ertrag zuzüglich eines Risikoaufschlags; ein Investor vergleicht die Beteiligung stets mit dem, was er ohne Risiko bekommt. Genau so rechnet auch die Europäische Kommission, wenn sie einen kalkulatorischen Eigenkapitalzins bestimmen will: risikofreier Zinssatz plus Aufschlag. Das ist nichts anderes als Keynes' Befund aus dem siebzehnten Kapitel – der Zinssatz des liquidesten Gutes setzt die Meßlatte für alle übrigen.

Damit gilt es in beide Richtungen. Ein Geld mit Haltekosten senkt die Meßlatte und mit ihr beide Größen, die Fremdkapitalzinsen unmittelbar, die geforderte Eigenkapitalrendite über den Vergleichsmaßstab. Ein aufwertendes Geld hebt sie an, ebenfalls beide. Was keine Geldordnung beseitigt, ist der Anspruch des Kapitals auf einen Anteil am Produkt überhaupt – der ist älter und breiter als die Art des Geldes, in der er abgerechnet wird, wie Kapitel II gezeigt hat. Die Geldordnung bestimmt nicht, dass es ihn gibt. Sie bestimmt, wie hoch er ausfällt. Und genau deshalb ist die Richtung, in die Bitcoin wirkt, nicht gleichgültig.

Was daraus für unseren Gegenstand folgt, ist trotzdem eindeutig, und zwar in beide Richtungen. Ein aufwertendes Geld senkt weder die eine noch die andere Größe. Es hebt beide an, weil es die Meßlatte anhebt, die jede Investition überspringen muss, bevor sie sich gegenüber dem bloßen Halten lohnt. Von allen Dingen, die Bitcoin verändern könnte, ist dieses das letzte.

VII. Der Zins steht im Einkommensteuergesetz

Und nun die Beobachtung, die der ganzen Erzählung von der geldpolitischen Naturkonstante den Boden entzieht.

Nimmt ein Unternehmen einen Kredit auf, sind die betrieblich veranlassten Zinsen Betriebsausgaben nach § 4 Abs. 4 EStG. Sie mindern den steuerpflichtigen Gewinn. Finanziert dasselbe Unternehmen dieselbe Investition aus eigenem Kapital, darf es die kalkulatorische Verzinsung dieses Kapitals nicht abziehen; sie muss aus dem bereits versteuerten Gewinn erwirtschaftet werden. Bei Kapitalgesellschaften kommt hinzu, dass Gewinnausschüttungen das steuerpflichtige Einkommen der Gesellschaft nicht mindern.

Das Ergebnis ist eine systematische Bevorzugung der Verschuldung. Sie ist nicht unbegrenzt – die Zinsschranke deckelt den Abzug grundsätzlich bei dreißig Prozent des steuerlichen EBITDA, mit einer Freigrenze bei drei Millionen Euro Nettozinsaufwand, und die Gewerbesteuer rechnet ein Viertel bestimmter Finanzierungsentgelte oberhalb eines Freibetrags von 200.000 Euro wieder hinzu. Der Grundmechanismus bleibt bestehen. Wer sich verschuldet, wird steuerlich besser behandelt als wer aus Eigenem finanziert. Der Hebeleffekt tut das Übrige: Solange die Investition mehr einbringt, als der Kredit kostet, steigt die Rendite auf das eigene Kapital mit jedem aufgenommenen Euro.

Damit ist der Zinsanteil in den Preisen kein Naturzustand. Er ist zu einem erheblichen Teil das Ergebnis einer Steuerordnung, die von einem Gesetzgeber beschlossen wurde und die derselbe Gesetzgeber ändern könnte. Wer also erklärt, an der Höhe der Kapitalkosten in unseren Preisen sei politisch nichts zu machen, weil hier Thermodynamik walte, sollte einen Blick in das Einkommensteuergesetz werfen. Dort steht kein Naturgesetz. Dort stehen Sätze, die jemand aufgeschrieben hat.

Dass es sich dabei um keine Randbeobachtung handelt, zeigt die Europäische Kommission selbst. Sie nennt die Ungleichbehandlung debt-equity bias: Zinsen seien vom steuerpflichtigen Einkommen abziehbar, für Eigenkapital gebe es regelmäßig keinen entsprechenden Abzug, und das schaffe einen erheblichen Anreiz, Kredite aufzunehmen statt Eigenkapital einzusetzen. Am 11. Mai 2022 legte sie deshalb einen Richtlinienvorschlag vor, der einen fiktiven Zins auf Eigenkapitalzuwächse abziehbar machen und zugleich den Zinsabzug begrenzen sollte.

Aus dem Vorschlag ist nichts geworden. Der Rat verschob die Beratungen im Dezember 2022, und die Kommission hat inzwischen angekündigt, ihn zurückzuziehen. Das ist der eigentliche Befund: Die Bevorzugung des Fremdkapitals wurde erkannt, benannt, mit einem Gesetzentwurf beantwortet – und der Entwurf liegt seit Jahren auf Eis. Hier hat niemand gegen ein Naturgesetz verloren. Hier ist eine politische Entscheidung nicht getroffen worden.

Zum Streitstand: Gerhard Niederegger hielt Creutz einen Anteil von etwa zehn Prozent entgegen; Creutz hat ihm öffentlich geantwortet und auf den Zinsanteil in den Wohnkosten verwiesen, die rund ein Viertel aller Haushaltsausgaben ausmachen. Entschieden wurde der Streit nie, und er lässt sich auch nicht amtlich entscheiden, weil keine Statistik den Kapitalkostenanteil an Endpreisen ausweist. Wer mit dreißig bis vierzig Prozent argumentiert, argumentiert mit einer nachvollziehbaren, aber nicht amtlich festgestellten Schätzung nach dem Ansatz von Creutz und Kennedy. Creutz selbst hat eingeräumt, dass seine Einzelbeispiele nicht für sämtliche Waren repräsentativ sind.

Was unabhängig von jeder Prozentzahl bleibt, ist die Richtung. Der Kapitalkostenanteil in den Preisen wird von allen bezahlt, aber nicht von allen empfangen. Wer nichts besitzt, zahlt ihn ausschließlich. Wer viel besitzt, empfängt mehr, als er zahlt. Dazwischen verläuft eine Linie, und sie verläuft weit oben. Ob sie bei zehn Prozent des Preises liegt oder bei vierzig, ändert die Richtung des Stroms nicht, sondern nur seine Stärke.

VIII. Warum die Politik tatsächlich nichts ändern kann

An einer Stelle hat Reher recht, und zwar entschiedener, als er selbst begründet. Er sagt, es sei gleichgültig, wen man wähle, weil das Wurzelproblem unterhalb der Politik liege. Der Satz stimmt. Nur liegt es nicht dort, wo er es vermutet.

Geld entsteht in unserem System nicht bei der Zentralbank, sondern bei den Geschäftsbanken, und zwar im Moment der Kreditvergabe. Das ist keine Außenseiterthese mehr. Die Deutsche Bundesbank hat es im Monatsbericht April 2017 in aller Deutlichkeit geschrieben: Die Fähigkeit der Banken, Kredite zu vergeben und Geld zu schaffen, hängt nicht davon ab, ob sie zuvor über Einlagen oder freie Zentralbankguthaben verfügen. Die Bank of England hatte drei Jahre zuvor dasselbe festgestellt. Buchgeld entsteht durch Bilanzverlängerung – auf der einen Seite die Forderung, auf der anderen das Guthaben, beide neu.

Und der Staat? Der Staat darf das nicht. Artikel 123 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union verbietet der Europäischen Zentralbank und den nationalen Zentralbanken ausdrücklich, Mitgliedstaaten Kredit zu gewähren oder ihre Schuldtitel unmittelbar zu erwerben. Der Staat muss sich also am Kapitalmarkt Geld leihen, das dort zuvor von privaten Instituten geschaffen wurde, und er zahlt dafür Zinsen. Er ist Kunde bei einem Gewerbe, dessen Produkt er selbst als gesetzliches Zahlungsmittel definiert hat.

Wer also fragt, warum keine Regierung eine grundlegend andere Politik macht, muss nicht bei den Charakterschwächen der Abgeordneten anfangen. Die Antwort liegt in der Konstruktion: Wer die Grundlage nicht schaffen darf, auf der er handelt, kann über sie auch nicht verfügen. In diesem Punkt trifft Reher etwas Richtiges.

Zur Genauigkeit: Ein erheblicher Teil der deutschen Staatsanleihen liegt seit 2015 nicht bei privaten Banken, sondern beim Eurosystem selbst, das seine Gewinne wiederum abführt. Die Aussage „der Staat leiht sich alles bei Privatbanken" ist in dieser Schärfe zu eng. Das strukturelle Verbot der unmittelbaren Staatsfinanzierung bleibt davon unberührt.

Nur zieht Reher aus dem richtigen Befund die entgegengesetzte Konsequenz. Er hält das für Thermodynamik – für eine Naturkonstante, an der niemand schuld ist und gegen die man nichts unternehmen kann. Artikel 123 ist aber kein Naturgesetz. Er ist ein Vertragstext, ausgehandelt von Menschen, unterschrieben an einem Datum, änderbar auf demselben Weg, auf dem er entstanden ist. Was ein Vertrag geschaffen hat, kann ein Vertrag aufheben. Genau deshalb ist die Frage, wer die Geldschöpfung kontrolliert, eine politische Frage und keine physikalische – und genau deshalb ist der Rückzug aus der Politik keine Antwort darauf, sondern deren Verweigerung.

Und hier schließt sich der Kreis. Was geschähe unter einem Bitcoin-Standard? Der Staat könnte weiterhin kein Geld schaffen. Er müsste es sich weiterhin gegen Zins von denen leihen, die es haben. Nur wären die Emittenten dann nicht mehr Banken unter Aufsicht und mit Lizenz, sondern industrielle Miner und frühe Halter, und die Regel wäre nicht mehr ein Vertragstext, den man ändern kann, sondern ein Protokoll, das genau dafür gebaut wurde, nicht änderbar zu sein.

Die Geldschöpfung würde nicht zurückgeholt. Sie würde endgültig privatisiert. Die Politik könnte dann nicht nur nichts mehr ändern – sie dürfte es auch nie wieder. Reher hält das für die Lösung. Es ist die Zementierung des Zustands, den er beklagt.

IX. Das Kreuz aus Gold

Man muss das nicht theoretisch verhandeln, es ist geschehen. Zwischen 1873 und 1896 lag über der westlichen Welt eine lange Deflation unter Goldbindung. Die Wirtschaft wuchs, die Preise fielen, und für jeden Schuldner bedeutete das: Er hatte in billigem Geld aufgenommen und musste in teurem zurückzahlen. Die Schuld wuchs real, ohne dass sich am Vertrag ein Buchstabe änderte.

Die Reaktion kam nicht von Banken. Sie kam von Farmern. Aus ihr speiste sich in den Vereinigten Staaten die Populist-Bewegung, aus ihr der Wahlkampf von 1896, in dem William Jennings Bryan der Goldbindung entgegenhielt, man werde die Menschheit nicht an ein Kreuz aus Gold schlagen. Der historische Kampf gegen das harte Geld wurde von Verschuldeten geführt, nicht von Notenbankern. Wer heute die Rückkehr zum harten Standard als Befreiung anpreist, sollte wenigstens wissen, wer sich beim letzten Mal befreien wollte – und wovon.

Auch die im Podcast liebevoll gezeichnete Zeit vor der Zentralbank gehört hierher (1:04:55–1:05:42). Sie wird als Epoche der Selbstreinigung geschildert: Wenn eine Bank mehr Noten ausgab, als sie Gold hatte, brach sie zusammen, und die Noten wurden ungültig. In Rehers eigenen Worten: Man öffnete seine Geldbörse, und ein Teil der Scheine war nichts mehr wert. Das wird als Hygiene beschrieben. Nur hielt die Geldbörse nicht der Emittent, sondern der Arbeiter, der Handwerker, die Witwe. Die amerikanische Free Banking Era von 1837 bis 1863 begann und endete mit Paniken, und die großen Zusammenbrüche danach – 1873, 1893 – fielen bereits in das National-Banking-System, also ebenfalls in die Zeit der Goldbindung. Keine dieser Krisen war eine Reinigung des Systems. Sie waren die Enteignung derer, die keine Zeit zum Warten hatten.

X. Die Elastizität kehrt immer zurück

Und selbst wenn man alles Bisherige beiseiteschöbe, bliebe die Frage, was geschähe, wenn ein solches Geld tatsächlich Zahlungsmittel würde.

Jede reale Wirtschaft braucht Vorfinanzierung. Saat vor Ernte, Lohn vor Verkauf, Bau vor Miete, Ausbildung vor Beruf. Kredit ist keine Erfindung der Notenbank, sondern eine Funktion der Zeit. In einem Geld mit fixer Menge lautet die Folge: Die Schuld ist in etwas nominiert, das automatisch schwerer wird.

Und hier tritt der Vorgang ein, den man beim Gold über Jahrhunderte beobachten kann und den Reher zunächst als Absurdität beschreibt (1:25:36–1:25:51) und wenig später ausdrücklich eine Lüge nennt (1:27:56–1:28:13): Die Knappheit besteht auf der untersten Ebene. Die Ansprüche darauf sind beliebig vermehrbar. Gold war knapp, Goldzertifikate waren es nie. Bitcoin ist knapp – Forderungen auf Bitcoin sind es nicht. Nichts im Protokoll verhindert, dass ein Verwahrer, eine Börse, ein Emittent mehr Ansprüche ausgibt, als er Bestände hält.

Das ist keine Prognose. Es ist bereits geschehen, und zwar geschlossen innerhalb von sieben Monaten: Voyager Digital stellte am 1. Juli 2022 die Auszahlungen ein und beantragte am 5. Juli Gläubigerschutz. Celsius fror am 12. Juni ein und meldete am 13. Juli Insolvenz an. FTX folgte am 11. November, BlockFi am 28. November, Genesis am 19. Januar 2023. Es waren keine Protokollfehler. Es waren Teilreservegeschäfte auf ein Gut mit fixer Obergrenze: Kundenbestände wurden verliehen und weiterverpfändet, und als die Ansprüche gleichzeitig fällig gestellt wurden, war weniger da als versprochen. Der Insolvenzverwalterbericht im Celsius-Verfahren stellte überdies fest, dass nicht einmal die als Verwahrung deklarierten Konten sauber getrennt geführt worden waren. Bankrun, lehrbuchgetreu, in einem System, das angetreten war, den Bankrun unmöglich zu machen.

XI. Der Zehn-Prozent-Beweis

Man muss Reher dabei nichts unterstellen. Er legt es im letzten Drittel selbst auf den Tisch, in bester Laune und ohne zu bemerken, was er dort ausbreitet.

Reher schildert das Modell eines börsennotierten Unternehmens, das Vorzugsaktien ausgibt, davon Bitcoin kauft, das eingesammelte Geld nie zurückzahlt und die Dividende aus der Wertentwicklung des Bestandes bedient (1:14:48–1:15:16). Dann überträgt er dieses Modell auf sein eigentliches Zukunftsbild: einen Stablecoin, gedeckt mit Bitcoin, der eine Rendite von zehn Prozent im Jahr auszahlt, damit ihn Menschen weltweit dem Euro und dem Renminbi vorziehen (1:15:32–1:15:46). Er nennt das clever, und in der Sache hat er recht: Es wäre ein außerordentlich wirksames geldpolitisches Instrument.

Es ist nur eben Zins. Zehn Prozent, jährlich, auf hinterlegtes Kapital, ausgezahlt an die, die bereits welches haben. An anderer Stelle erklärt er, Bitcoin lasse sich als Sicherheit für Kredite hinterlegen, die man mit dem nächsten Kredit ablöst, und so fort – die Beleihungskette als Lebensform (2:44:52–2:45:30).

Und man muss ihn hier beim Wort nehmen, gerade weil er sauber formuliert: Der Coin soll voll gedeckt sein. Dann aber lautet die Frage, woher die zehn Prozent kommen sollen. Sie können nur aus einem kommen: aus der Wertsteigerung der Deckung. Genau so beschreibt er das Vorbild – die Dividende wird aus der Wertentwicklung des Bestandes bedient, finanziert über die weitere Ausgabe von Papieren, solange der Kurs steigt.

Das ist eine Konstruktion, die dauerndes Wachstum nicht erhofft, sondern voraussetzt. Und damit ist sie strukturell dasselbe Versprechen, das dem Schuldgeld vorgeworfen wird, nur an eine andere Stelle verlegt: Nicht mehr die Schuld muss wachsen, sondern die Sicherheit. Fällt sie, fällt zuerst die Rendite und danach die Deckung. Sie ist seit dem 6. Oktober 2025 um etwa die Hälfte gefallen.

Der Entwurf, der den Zins überflüssig machen soll, ist also eine Zinsökonomie, deren Zahlungsfähigkeit an die immerwährende Aufwertung des Basisgutes gebunden ist. Ein System, das nur funktioniert, solange es steigt, ist keine Alternative zum Schuldgeld. Es ist dessen Spiegelbild.

Konsequent ist deshalb auch das Ende des Gesprächs. Die Selbstverwahrung, das ganze Pathos der zwölf Wörter und der eigenen Souveränität, wird deutlich relativiert: Zu Hause aufzubewahren sei gefährlich, Deutschland ohnehin nicht der Ort dafür (2:08:03–2:08:19); besser bei Verwahrstellen, verteilt auf mehrere Anbieter, und in den Vereinigten Staaten gebe es ja die Spot-ETFs, über die man Bitcoin faktisch bei einem großen Vermögensverwalter halte (2:43:42–2:44:25). Am Ende steht der Satz, unter diesen Bedingungen brauche man den ganzen „Voodoo“ mit der Selbstverwahrung nicht mehr (2:45:41–2:45:48). Man könne jederzeit auf der Blockchain nachsehen, ob die Bestände existieren – das stimmt. Nur war das beim Gold auch nie das Problem. Die Frage ist nicht, ob es da ist. Die Frage ist, ob dein Anspruch darauf durchsetzbar ist, wenn es darauf ankommt.

Nach zweieinhalb Stunden Kritik an Vertrauensinstanzen endet der Weg bei einer Vertrauensinstanz. Sie ist nur größer geworden.

XII. Der Sparplan und der Kurs

Ein Detail noch, das man kennen sollte, bevor man dem freundlichen Rat folgt, statt in die Spielothek lieber fünfzig Euro im Monat in Bitcoin zu tragen (1:23:26–1:24:07). Reher rechnet mit einer Verzehnfachung über zehn Jahre und verweist auf die Rendite eines monatlichen Sparplans der vergangenen zehn Jahre (1:23:51–1:24:07; 1:24:35–1:24:53); die starken Schwankungen fange ein langfristiger Sparplan dadurch auf, dass in Hoch- wie in Tiefphasen gekauft werde (2:37:37–2:37:52).

Der Stand zum Zeitpunkt dieses Beitrags: Bitcoin erreichte sein Allzeithoch am 6. Oktober 2025 bei rund 126.200 US-Dollar, umgerechnet gut 106.000 Euro. Anfang August 2026 notiert er bei etwa 63.000 Dollar – annähernd die Hälfte. Wer im Herbst 2025 anfing, hat nach zehn Monaten die Hälfte verloren. Wer 2018 anfing, hat 84 Prozent Rückgang erlebt, wer 2021 einstieg, rund 77.

Für einen Unternehmer mit laufenden Einnahmen ist das eine Volatilität. Für eine Familie in der Grundsicherung ist es ein Totalschaden – und es kommt hinzu, dass Bitcoin sozialrechtlich verwertbares Vermögen ist. Wer Leistungen nach dem SGB II oder SGB XII bezieht, hält damit kein Refugium, sondern einen anrechenbaren Bestand, den er im Bedarfsfall zuerst einzusetzen hat. Die Freiheit, die hier beworben wird, ist eine Freiheit für Leute, die schon etwas übrig haben.

XIII. Wie Macht zu Physik wird

Bleibt die Frage, warum das dem nicht auffällt, der es vorträgt. Die Antwort steckt in der Sprache.

Das gesamte Gespräch arbeitet mit einer Naturmetaphorik: Thermodynamik, Energieaufnahme, Energieeffizienz, das Unternehmen als Exoskelett (15:25–16:15), Katzen, die vor allem kranke Tiere erbeuten, weil das die leichter verfügbare Energie ist (46:05–46:25). Vielen Politikern sei dieser Prozess gar nicht bewusst, er sei eher eine logische Konsequenz (21:48–21:56); Schuld gebe er niemandem (2:32:20–2:32:37). Diese Bescheidenheitsgeste – ich beobachte nur, ich urteile nicht, ich werbe nicht – wirkt sympathisch. Sie hat aber eine Funktion: Sie macht Aussagen unwiderlegbar. Wer widerspricht, widerspricht scheinbar nicht einem Argument, sondern einer Beobachtung.

Und sie hat einen Preis, der für diese Reihe der entscheidende ist. Ein Modell, in dem Macht als Physik erscheint, kann keine Akteure mehr benennen. Es kann nicht fragen, wer die Emission kontrolliert, wem die Verwahrstellen gehören, wer die Regeln schreibt und wer außerhalb jeder Rechenschaft steht. Es hat diese Fragen in Naturgesetze übersetzt, und Naturgesetze klagt man nicht an. Wer Herrschaft in Energieflüsse auflöst, hat sie nicht durchschaut. Er hat sie unsichtbar gemacht.

XIV. Wer in dieser Rechnung nicht vorkommt

An zwei Stellen wird das ganz konkret, und sie stehen unabhängig voneinander im Gespräch.

Die erste liegt bei Minute 31. Reher erklärt dort, die Probleme dieses Landes hätten ein Ausmaß erreicht, dem die Politik nicht mehr gewachsen sei. Er wisse nicht, wie die Lösung aussehe, und setzt hinzu: „Das ist auch nicht mein Problem." Sein Problem beginne bei ihm zu Hause, vor der eigenen Haustür (31:01–31:16). Niemand hatte ihn danach gefragt; er sagt es von sich aus.

Die zweite liegt bei Minute 56, und auch sie kommt von ihm selbst. Er denkt durch, was eine konsequent marktwirtschaftliche Ordnung bedeuten würde, und nennt als Beispiel, dass die gesetzliche Krankenversicherung dann freiwillig wäre. Den naheliegenden Einwand – was denn mit denen sei, die sich das nicht leisten können – bringt er im selben Atemzug selbst vor. Beantwortet wird er nicht. Der Gedanke läuft stattdessen darauf hinaus, dass die daraus entstehenden Probleme so gewaltig wären, dass die Menschen diesen Weg als zu schmerzhaft empfänden und ihn deshalb nicht gingen (56:08–56:31).

Das ist der bemerkenswerte Vorgang: Die Frage wird gestellt, von ihm, und dann liegen gelassen. Nicht abgewehrt, nicht bestritten – einfach nicht beantwortet.

Wenig später kommt die Zahl, die man kennt: fünfzehn Millionen Nettosteuerzahler trügen „nahezu alles“, alle anderen lebten ganz oder teilweise von dem, was durch den Staat gelaufen sei (52:54–53:30). Daraus folgt für ihn, die Mehrheit werde niemals so wählen, dass sie sich in den eigenen Ast säge – Demokratie könne die richtige Politik also gar nicht hervorbringen (53:57–54:20).

Diese Rechnung ist methodisch brüchig: Wer fünfundvierzig Jahre eingezahlt hat und heute Rente bezieht, erscheint darin als Empfänger. Kinder erscheinen darin als Empfänger. Pflegebedürftige erscheinen darin als Empfänger. Aber wichtiger als ihre Schwäche ist, wohin sie führt. Aus der Feststellung, dass die Mehrheit nicht die Richtigen wählt, folgt in dieser Denkschule regelmäßig dasselbe: dass mit der Mehrheit etwas nicht stimmt. Der wenige Minuten zuvor zustimmend zitierte Hans-Hermann Hoppe (49:04) hat daraus 2001 die Konsequenz gezogen und in Democracy: The God That Failed die Monarchie für vorzugswürdig erklärt. In unserer Reihe über die Tastatur-Eugenik ist dieselbe Linie an anderer Stelle beschrieben worden: Am Ende steht immer die Frage, wer eigentlich mitentscheiden dürfen soll.

Und darunter liegt eine Anthropologie, die im Gespräch mehrfach durchbricht. Moral sei ein Werkzeug der Marktfindung, kulturabhängig, im Auge des Betrachters (2:14:28). Die endgültige Moral sei das Überleben: Wer überlebt, bestimmt danach, was moralisch in Ordnung war (2:15:17). Gewaltenteilung sei, dass jeder sein Eigentum mit Gewalt schütze; das sei die beste, die es gebe (1:54:07–1:54:21). Wer sich nicht schütze, mache sich angreifbar für jemanden, der sich mit wenig Aufwand nehme, was ihm gehört (46:42–46:59) – wie bei den Katzen, die sich die Kranken holen.

Man muss diesen Satz nur einmal auf Menschen anwenden, die genau das nicht können. Auf eine Frau mit Erwerbsminderungsrente. Auf ein pflegebedürftiges Kind. Auf einen Achtzigjährigen im Heim. In diesem Weltbild sind sie keine Rechtssubjekte. Sie sind leicht verfügbare Energie.

XV. Grenzen dieses Arguments

Damit hier niemand mehr liest, als dasteht.

Erstens: Die technische Beschreibung von Bitcoin, die in dem Gespräch gegeben wird, ist im Wesentlichen zutreffend. Das Protokoll leistet, was behauptet wird. Wer politisch verfolgt wird, wem Konten geschlossen werden, wer in einer Hyperinflation lebt, hat damit ein Mittel in der Hand, das es zuvor nicht gab. Das ist real, und es kleinzureden wäre unehrlich.

Zweitens: Die Analyse der amerikanischen Stablecoin-Gesetzgebung ist der stärkste Teil des Gesprächs (1:11:05–1:14:09). Dass ein privater Dollar weltweit ohne Registrierung nutzbar wird, dass seine Deckung Nachfrage nach amerikanischen Staatsanleihen erzeugt und dass Europa dem nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen hat (1:18:03–1:18:50), ist zutreffend beobachtet. Nur ist das die Ausweitung monetärer Herrschaft, nicht ihre Auflösung – die eingefrorenen dreihundert Millionen im Iran-Kontext, die er selbst erwähnt (1:34:38–1:34:55), beweisen es.

Drittens: Die Kritik am Denar-Beispiel gilt der Zuspitzung, nicht dem Kern. Die Zahlen im Gespräch (59:25–59:49) sind gebügelt – die Entwertung beginnt bereits unter Nero im Jahr 64, nicht erst dreihundert Jahre nach Augustus, und sie endet erheblich tiefer als bei den genannten 17,5 Prozent. Dass Roms Silbergeld verfiel, stimmt trotzdem.

Viertens, und das ist mir das wichtigste: Es wird hier niemandem Absicht unterstellt. Ich halte Reher für überzeugt von dem, was er sagt. Genau das ist der Punkt. Eine Ideologie braucht keine Verschwörer, sie braucht Sinnproduzenten – Menschen, die eine Deutung anbieten, in der die Bestehenden im Recht sind, und die diese Deutung glauben. Helmut Schelsky hat diese Schicht beschrieben, und sie ist nie an ihrer Bösartigkeit erkennbar, sondern an ihrer Nützlichkeit für die, die ohnehin oben stehen. Wer den Zins nicht erwähnt, während er über Geld spricht, muss ihn nicht verschweigen wollen. Es genügt, dass ihn nie jemand danach gefragt hat.

XVI. Warum das in diese Reihe gehört

Unsere Serie fragt seit langem nach der Kontinuität der Institutionen über den Untergang der Reiche hinweg. Hier zeigt sie sich in ihrer schlichtesten Form.

Der Denar wurde entwertet, und die Erklärung lautet heute: Deshalb ging Rom unter. Aber die Verschuldung der römischen Kleinbauern, die Schuldknechtschaft, die Konzentration des Landes in wenigen Händen – all das geschah, während der Denar hart war. Die nexi, die ihre Freiheit für Schulden verpfändeten, gab es lange vor Nero; das nexum wurde der Überlieferung nach 326 v. Chr. abgeschafft, ein knappes halbes Jahrtausend vor der ersten Münzverschlechterung. Die Entwertung war nicht die Ursache des Verfalls. Sie war das Mittel, mit dem am Ende versucht wurde, ihn zu bezahlen.

Deshalb ist die Rückkehr zum härtesten denkbaren Geld keine Befreiung. Sie ist die Rückkehr an den Anfang derselben Geschichte, nur mit besserer Kryptografie. Das absolut knappe Geld ist immer das Geld des Gläubigers gewesen. Das Neue an unserer Lage ist allein, dass diesmal die Verschuldeten selbst dafür werben – fünfzig Euro im Monat, aus dem Wenigen gespart, in ein Gut, dessen Verteilung längst feststeht.

Man hat uns viele Erlösungswährungen angeboten. Sie hatten alle eines gemeinsam: Wer früh dabei war, hat gewonnen, und wer früh dabei war, hatte etwas übrig. Genau darin besteht der Zins. Er braucht dazu keine Notenbank. Er braucht nur ein Gut, das warten kann, und Menschen, die es nicht können.


Belege und Quellen

Zeitangaben: beziehen sich auf das oben eingebettete Gespräch und sind dort nachprüfbar.

Mesopotamien: Codex Hammurapi, 18. Jh. v. Chr.; Höchstzinsen 20 % (Silber) und 33⅓ % (Gerste), Schuldknechtschaft bei Nichtzahlung. F. R. Kraus, Ein Edikt des Königs Ammi-ṣaduqa von Babylon, Leiden 1958; ders., Königliche Verfügungen in altbabylonischer Zeit. Zur Gegenposition: Niels Peter Lemche, „Andurārum and Mīšarum", Journal of Near Eastern Studies 38 (1979), S. 11–22. Zur weitreichenden Deutung: Michael Hudson, …and forgive them their debts, 2018. Biblische Parallelen: Lev 25; Dtn 15,1–12; Ex 23,10–11.

Zinstheorie: Silvio Gesell, Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld, 1916 (Urzins, Schwundgeld). John Maynard Keynes, The General Theory of Employment, Interest and Money, 1936, Kap. 17 (Eigenzins aus q, c und l) sowie Kap. 23 (Würdigung Gesells).

Deflation und Goldbindung: US-amerikanische Free Banking Era 1837–1863; National Banking Acts 1863/64; Paniken 1837, 1857, 1873, 1893; Coinage Act 1873; William Jennings Bryan, Rede vor dem Parteitag der Demokraten, Chicago, 9. Juli 1896.

Zusammenbrüche 2022/23: Voyager Digital – Einfrieren 1.7.2022, Chapter 11 am 5.7.2022; Celsius Network – Einfrieren 12.6.2022, Chapter 11 am 13.7.2022; FTX – 11.11.2022; BlockFi – 28.11.2022; Genesis Global Capital – 19./20.1.2023. Vgl. den Bericht des gerichtlich bestellten Examiners im Celsius-Verfahren vom 14.11.2022 sowie Federal Reserve Bank of Chicago, Chicago Fed Letter Nr. 479 (2023), „A Retrospective on the Crypto Runs of 2022".

Bitcoin-Angebot und Kurs: Obergrenze 21.000.000; zwanzigmillionste Einheit am 9. März 2026 bei Blockhöhe 939.999; Umlauf Mitte 2026 rund 20,04 Mio.; Blockprämie derzeit 3,125 BTC, nächste Halbierung um 2028; Schätzungen dauerhaft verlorener Bestände: 2,3 bis 4 Mio. Allzeithoch 6. Oktober 2025 bei rund 126.200 US-Dollar (gut 106.000 Euro); Kurs Anfang August 2026 rund 63.000 US-Dollar, also etwa 50 % unter dem Hoch.

Geldschöpfung und Staatsfinanzierung: Deutsche Bundesbank, „Die Rolle von Banken, Nichtbanken und Zentralbank im Geldschöpfungsprozess", Monatsbericht April 2017 (dort ausdrücklich: die Kreditvergabe der Banken hängt nicht vom vorherigen Vorhandensein von Einlagen oder freien Zentralbankguthaben ab); Bank of England, „Money creation in the modern economy", Quarterly Bulletin 2014 Q1. Verbot der monetären Staatsfinanzierung: Art. 123 AEUV. Zinsausgaben des Bundes 2024 rund 34 Mrd. Euro, Zins-Steuer-Quote rund 10 % (BMF-Monatsberichte Februar 2024 und Januar 2025).

Zinsanteil in den Preisen: Margrit Kennedy, Geld ohne Zinsen und Inflation, 1987 ff., auf Berechnungen von Helmut Creutz gestützt: durchschnittlich 30–40 % der Endpreise; Einzelwerte Müllabfuhr rund 12 %, Trinkwasser 38 %, Abwasser 47 %, Kostenmiete im sozialen Wohnungsbau 77 %. Gegenposition: Gerhard Niederegger, Das Freigeldsyndrom (rund 10 %), dazu die Erwiderung von Creutz. Private Konsumausgaben in Deutschland 2024 rund 2,28 Billionen Euro (VGR, Konsumausgaben privater Haushalte und privater Organisationen ohne Erwerbszweck); daraus 685 bzw. rund 800 Mrd. Euro bei 30 bzw. 35 %. Zinsen werden in den VGR nach ESVG als Verteilungstransaktion D.41 erfasst. Eine amtliche Statistik des Kapitalkostenanteils an Endpreisen existiert nicht.

Steuerliche Bevorzugung des Fremdkapitals: Europäische Kommission, Vorschlag für eine Richtlinie über einen Freibetrag zur Reduzierung der steuerlichen Begünstigung von Fremd- gegenüber Eigenkapital (DEBRA), COM(2022) 216 vom 11. Mai 2022; Verschiebung der Beratungen durch den ECOFIN-Rat am 6. Dezember 2022; angekündigte Rücknahme des Vorschlags im Arbeitsprogramm der Kommission für 2026. § 4 Abs. 4 EStG (Betriebsausgabenabzug betrieblich veranlasster Zinsen); Zinsschranke § 4h EStG i. V. m. § 8a KStG (Abzugsgrenze grundsätzlich 30 % des steuerlichen EBITDA, Freigrenze 3 Mio. Euro Nettozinsaufwand); gewerbesteuerliche Hinzurechnung § 8 Nr. 1 GewStG (ein Viertel der Summe der Finanzierungsentgelte oberhalb eines Freibetrags von 200.000 Euro). Eine kalkulatorische Verzinsung des Eigenkapitals ist steuerlich nicht abziehbar; Gewinnausschüttungen mindern das Einkommen der Kapitalgesellschaft nicht.

Weiteres: Richard Cantillon, Essai sur la nature du commerce en général (postum 1755). Hans-Hermann Hoppe, Democracy: The God That Failed, 2001. Zur römischen Schuldknechtschaft: nexum, abgeschafft durch die Lex Poetelia Papiria, überliefert für 326 v. Chr.

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