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Samstag, 11. April 2026

Für eure Zähne reicht's nicht – oder: Wenn sie kein Brot beißen können, sollen sie doch Kuchen lutschen

Was du wissen musst – in 30 Sekunden:
AfD-Politikerin Oeynhausen empört sich, dass Bürgergeld-Empfänger Zahnersatz „zu 100 Prozent" bekommen, während „die Fleißigen" draufzahlen. Die Zahlen erzählen eine andere Geschichte: Der „Sozialfall" bekommt eine Kunststoff-Vollprothese für ca. 900 Euro – das Billigste, was die Zahnmedizin kennt. Der „Fleißige", der sich Keramik-Implantate für 15.000 Euro setzt, bekommt von der Kasse denselben Festzuschuss: rund 600 Euro. Oeynhausens Forderung „versicherungsfremde Leistungen raus" würde bedeuten: Dem Armen nicht mal mehr die Plastikzähne bezahlen. Wenn sie kein Brot beißen können, sollen sie doch Kuchen lutschen.

Dr. Daniela Oeynhausen, gesundheitspolitische Sprecherin der AfD im Brandenburger Landtag, hat ein Video veröffentlicht, das nach Volksaufstand klingt. Die Botschaft, eingedampft: Ihr, die Fleißigen, zahlt jahrelang ein — und müsst für euren Zahnersatz trotzdem Kredit aufnehmen. Während die da unten alles geschenkt bekommen. Zu 100 Prozent.

 

Schauen wir uns an, was „alles" bedeutet.

Was der Sozialfall „geschenkt" bekommt

Ein Grundsicherungsempfänger, komplett zahnlos, bekommt als Härtefall die sogenannte Regelversorgung zu 100 Prozent von der Kasse bezahlt. Das klingt großzügig. Bis man weiß, was Regelversorgung heißt: eine Vollprothese aus Kunststoff. Kunststoffbasis, Kunststoffzähne, gehalten durch Saugkraft und Haftcreme. Kosten pro Kiefer: circa 500 bis 900 Euro. Für beide Kiefer zusammen vielleicht 1.500 Euro. 60 bis 70 Prozent der Unterkiefer-Prothesenträger berichten von Schwierigkeiten beim Zubeißen. Das ist kein Geschenk — das ist das absolute Minimum, das man einem Menschen in den Mund setzen kann, ohne dass es als Körperverletzung durchgeht.

Was der „Fleißige" bekommt — und was er will

Jetzt der Vergleich, den Oeynhausen so sorgfältig vermeidet. Der gut verdienende Patient lässt sich sechs Implantate im Oberkiefer setzen, Keramikversorgung, All-on-6. Kosten: 15.000 bis 20.000 Euro. Was zahlt die Kasse? Denselben befundorientierten Festzuschuss wie dem Härtefall. Rund 500 bis 600 Euro ohne Bonusheft, maximal 750 Euro mit zehn Jahren lückenloser Vorsorge. Der Rest — 14.000 bis 19.000 Euro — ist Eigenanteil.

Der Festzuschuss ist nämlich befundbezogen, nicht behandlungsbezogen. Egal ob Plastikprothese oder Keramik-Implantate: Die Kasse zahlt denselben Betrag. Sämtliche Kosten für die Implantate selbst, die Aufbauten und Verbindungselemente gehören nicht zur Regelversorgung. Das ist kein Geheimnis — das ist geltendes Recht seit 2005.

Die Rechnung, die Oeynhausen nicht macht

Stellen wir es nebeneinander:

Der Härtefall bekommt: Plastikprothese, beide Kiefer, ca. 1.500 Euro. Kasse zahlt: 1.500 Euro (100% der Regelversorgung). Eigenanteil: 0 Euro.

Der „Fleißige" bekommt: Keramik-Implantate, ein Kiefer, ca. 15.000 Euro. Kasse zahlt: ca. 600 Euro Festzuschuss. Eigenanteil: ca. 14.400 Euro.

Die Empörung, die Oeynhausen verkauft, basiert auf der Suggestion, dass der Sozialfall mehr bekommt. In Wahrheit bekommt er weniger — nämlich das Billigste, was es gibt. Der Unterschied ist nicht, dass die Kasse dem einen mehr zahlt. Der Unterschied ist, dass der eine sich teurere Zähne leisten kann und der andere nicht.

Was „versicherungsfremde Leistungen raus" wirklich heißt

Oeynhausens Schlüsselforderung klingt nach Effizienz. In der Praxis heißt es: Die Beiträge, die der Bund für Bürgergeld-Empfänger an die Krankenkassen zahlt, sollen gestrichen werden. Das Ergebnis: Menschen in der Grundsicherung stehen ohne Krankenversicherung da. Kein Zahnersatz — nicht mal die 900-Euro-Plastikprothese. Keine Arztbesuche, keine Medikamente.

Das Bundesverfassungsgericht hat in BVerfGE 125, 175 klargestellt: Das Grundrecht auf ein menschenwürdiges Existenzminimum umfasst die medizinische Versorgung. Art. 1 Abs. 1 GG, Sozialstaatsprinzip Art. 20 Abs. 1 GG. Das ist kein politisches Zugeständnis, das ist ein Grundrecht. Nicht verhandelbar, auch nicht von der AfD.

Wenn sie kein Brot beißen können, sollen sie doch Kuchen lutschen.

Die Finanzkommission Gesundheit hat Ende März 2026 tatsächlich vorgeschlagen, den Festzuschuss von 60 auf 50 Prozent zurückzufahren — eine Rückkehr zum Niveau vor 2020. Die geschätzte Einsparung: 590 Millionen Euro pro Jahr. Für den Implantat-Patienten bedeutet das vielleicht 100 Euro weniger Zuschuss — ein Rundungsfehler bei 15.000 Euro Gesamtkosten. Für den Härtefall könnte es bedeuten, dass die billigste Prothese nicht mehr vollständig gedeckt wird.

Oeynhausen instrumentalisiert die berechtigte Frustration der Mittelschicht über hohe Eigenanteile, um die Versorgung derer zu attackieren, die sich nicht einmal das Billigste leisten können. Das ist kein Gerechtigkeitsargument. Das ist Marie Antoinette beim Zahnarzt: Wenn sie kein Brot beißen können, sollen sie doch Kuchen lutschen.

Nur dass Marie Antoinette den Satz nie gesagt hat. Und Oeynhausen ihn meint.


Marigny de Grilleau, April 2026

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