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Freitag, 23. Oktober 2026

Bildungsfern – wer nach unten tritt, nennt es Mut. Eine Anklage.

Was du wissen musst – in 30 Sekunden
Jasmin Kosubek spricht von einem „Defizit in bildungsfernen Haushalten“, verweist auf die Erblichkeit des IQ und erklärt, Geld werde am Verhalten nichts ändern. Ein Kommentator nennt diese Rede „mutig“. Doch die Erblichkeit eines Merkmals besagt nichts über den Wert eines Menschen und bedeutet nicht, dass dessen Entwicklung feststeht. Freerk Huisken zeigt, wie Schulen Berechtigungen verteilen; Bazon Brock stellt die gesellschaftliche Rangordnung infrage. Wer aus Abschlüssen, Genen und sozialer Stellung eine Hierarchie der Menschen macht, hat nicht aufgeklärt. Er hat seine Vorurteile mit Fachausdrücken verkleidet.

Es gibt ein Wort, das so nüchtern klingt, dass viele seine Verachtung nicht mehr hören: bildungsfern. Es ist ein Wort, mit dem eine Gesellschaft ihren eigenen Anteil am Scheitern anderer unsichtbar macht.

In einem Video verwendet die Journalistin Jasmin Kosubek die Formulierung „dieses Defizit in bildungsfernen Haushalten“, verweist auf die teilweise Erblichkeit des IQ und erklärt schließlich:

„Und du kannst so viel Geld darein buttern wie du willst, es wird nichts am Verhalten ändern.“

Ein Kommentator begrüßt diese Ausführungen als „mutig“ und verweist seinerseits auf Zwillings- und Adoptionsforschung. Mutig? Seit wann ist es mutig, soziale Benachteiligung mit Genen zu erklären und dann zu verkünden, Investitionen könnten sowieso nichts bewirken? Der Beifall für solche Sätze verrät vor allem eines: wie bequem die Erklärung ist, die Verantwortung von gesellschaftlichen Verhältnissen auf die Benachteiligten selbst zu verlagern.

Ein Wort, das aus gesellschaftlichen Verhältnissen menschliche Eigenschaften macht

„Bildungsfern“: Wer ist hier eigentlich von wem entfernt? Die Menschen von der Bildung – oder die Bildung von den Menschen? Das Wort verschiebt die Perspektive. Die Hürden, die zwischen einem Kind und seinen Möglichkeiten liegen, verschwinden aus dem Bild: die finanzielle Lage der Eltern, der Wohnort, die Ausstattung der Schule, Zeit für Unterstützung, Nachhilfe, Erwartungen von Lehrkräften und Entscheidungen, die sehr früh getroffen werden.

Stattdessen bleibt ein Etikett am Menschen kleben. Der Bildungsabschluss wird zu einem gesellschaftlichen Rangabzeichen. Wer eine Hochschule besucht hat, gilt als „bildungsnah“. Wer sich Wissen selbst erarbeitet, liest, denkt, argumentiert und über Jahrzehnte Erfahrungen gesammelt hat, kann wegen eines fehlenden Zertifikats dennoch in die untere Schublade geraten. Nicht das Denken wird beurteilt, sondern der Lebenslauf.

Und wer das Wort ausspricht, sitzt selten selbst in jener Schublade. „Bildungsfern“ ist vor allem eine Bezeichnung der einen über die anderen. Es tarnt eine Hierarchie als neutrale Beschreibung.

Freerk Huisken: Wenn Lernen zur Konkurrenz wird

Der frühere Bremer Hochschullehrer Freerk Huisken hat in seinem Vortrag vom 14. Juni 2010, Ausbildung im Kapitalismus: Macht die Schule dumm? die gesellschaftliche Funktion der Notengebung angegriffen. Seine These: Schule vermittelt nicht nur Kenntnisse. Sie veranstaltet zugleich eine Konkurrenz, deren Ergebnisse als Leistungsunterschiede festgeschrieben werden. Aus einem Kind, das etwas noch nicht verstanden hat, wird durch Noten und Zeugnisse ein amtlich bescheinigter Verlierer.

Man muss diese weitgehende Systemkritik nicht in jedem Punkt übernehmen, um die Härte des zugrunde liegenden Widerspruchs zu erkennen. Warum gilt eine Klassenarbeit als abgeschlossen, wenn ein Teil der Kinder den Stoff nicht verstanden hat? Warum führt ein schlechtes Ergebnis in erster Linie zur Note – und nicht zu einer erneuten Anstrengung, das Wissen tatsächlich zu vermitteln?

Der Fall Sabine Czerny zeigt, dass das keine bloß abstrakte Frage ist. Die bayerische Grundschullehrerin erzielte mit ihrer vierten Klasse im Schuljahr 2007/08 außergewöhnlich gute Ergebnisse. In einer klassenübergreifenden Mathematikarbeit lag der Schnitt bei 1,8, in einer Heimat- und Sachkundeprobe bei 1,6. Die außergewöhnlichen Noten riefen bei der Schulleitung Misstrauen hervor. Nach ihrer öffentlichen Kritik an der Benotungspraxis wurde sie 2008 versetzt; als offizieller Grund wurde „Störung des Schulfriedens“ genannt. Die Schulaufsicht bestritt, dass gute Noten selbst der formale Versetzungsgrund gewesen seien.

Stellen wir uns das einmal vor: Eine Lehrerin bringt Kindern den verlangten Stoff so gut bei, dass sie hervorragend abschneiden. Nicht ihre Methode wird zum Vorbild. Ihre Ergebnisse werden zum Problem. Und dann erzählt man uns, die Schule sei einfach eine neutrale Messstation für bereits vorhandene Begabung.

Das ist der Punkt, an dem Huiskens Kritik für die Wortwahl „bildungsfern“ brisant wird: Zeugnisse sind nicht nur Beschreibungen. Sie entscheiden über Zugänge. Wer später über Bildungsunterschiede spricht, darf die Institutionen, die Chancen verteilen, nicht aus seiner Erklärung herausrechnen.

Aus einem Zeugnis wird ein Gen – und aus einem Gen ein Vorwand

In dieser Debatte werden mehrere Aussagen aneinandergereiht, die keineswegs dasselbe bedeuten: Haushalte haben unterschiedliche Schulabschlüsse. IQ-Unterschiede haben eine erbliche Komponente. Menschen verhalten sich unterschiedlich. Mehr Geld bringe nichts. Kosubek liefert die Brücke von Erblichkeit zu angeblich aussichtslosen Investitionen; der Kommentator gibt ihr das Gütesiegel wissenschaftlicher Gewissheit. Doch wo ist die Begründung für diesen Übergang?

Genau das ist der Denkfehler. Heritabilität beschreibt, wie stark Unterschiede eines Merkmals innerhalb einer untersuchten Bevölkerung statistisch mit genetischen Unterschieden zusammenhängen. Sie besagt nicht, dass ein einzelner Mensch zu 80 Prozent „aus Genen besteht“. Schon gar nicht sagt sie, dass seine Entwicklung unveränderlich sei. Die Höhe solcher Schätzungen hängt auch von Alter, untersuchter Bevölkerung und Umweltbedingungen ab.

Man nehme die Körpergröße. Sie gilt als stark erblich; in vielen untersuchten Populationen werden rund 80 Prozent der Größenunterschiede statistisch mit genetischen Unterschieden in Verbindung gebracht. Dennoch wurden europäische Männer zwischen den Geburtsjahrgängen der 1870er- und der 1970er-Jahre im Durchschnitt um etwa elf Zentimeter größer. Ihre Gene haben sich nicht in einem Jahrhundert neu erfunden. Verändert haben sich unter anderem Ernährung, Krankheitsbelastung, Hygiene und Lebensbedingungen. Ein hoher Erblichkeitswert hat diesen Wandel nicht verhindert. Warum also sollte eine Heritabilitätszahl beim IQ beweisen, dass Förderung nutzlos ist?

Ausgerechnet Adoptionsstudien, auf die der Kommentator sich beruft, machen die Bedeutung von Lebensbedingungen sichtbar. In einer schwedischen Untersuchung von 2015 lagen adoptierte Kinder bei einem Intelligenztest im jungen Erwachsenenalter im Durchschnitt 4,41 Punkte über ihren nicht adoptierten biologischen Geschwistern. Eine französische Studie von 1999 fand bei zuvor schwer benachteiligten Kindern deutliche Verbesserungen nach einer Adoption; der Zugewinn unterschied sich nach der sozialen Lage der aufnehmenden Familien.

Hinzu kommt der Flynn-Effekt: Über weite Teile des 20. Jahrhunderts stiegen die Ergebnisse vieler Intelligenztests von Generation zu Generation. Eine Metaanalyse fand im Mittel rund 2,3 standardisierte Punkte pro Jahrzehnt, je nach Test auch mehr. Ursachen und Aussagekraft dieser Veränderungen sind Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen. Eines lässt sich jedoch nicht behaupten: dass gemessene kognitive Leistungen unabhängig von Zeit und Umwelt für immer eingefroren wären.

Das bedeutet nicht, jede zusätzliche Ausgabe verbessere automatisch einen IQ-Wert. Es bedeutet aber sehr wohl: Die Behauptung, die Umgebung mache praktisch keinen Unterschied, ist mit solchen Befunden nicht zu halten. Und es ist erst recht unzulässig, aus einer Heritabilitätszahl eine politische Empfehlung zum Sparen an Bildung oder Unterstützung abzuleiten.

Das Entscheidende geht noch weiter: Selbst wenn eine Fähigkeit vollständig unveränderlich wäre, würde daraus keine geringere Menschenwürde und kein geringerer Anspruch auf gesellschaftliche Teilhabe folgen. Das ist keine Frage der Zwillingsforschung, sondern eine Frage unserer Grundsätze. Wer Hilfe nur dem zugesteht, der nachweislich zum künftigen Leistungsträger wird, spricht nicht über Bildung. Er spricht über die wirtschaftliche Verwertbarkeit von Menschen.

Und die Hochgebildeten? Ein Blick in die Geschichte

Jetzt zu denen, deren Rang in unserer Gesellschaft üblicherweise nicht infrage steht. Was hat ihre Ausbildung verhindert, als es wirklich um Urteilskraft, Widerstand und menschliche Verantwortung ging?

Schon im Oktober 1914 unterzeichneten 93 deutsche Wissenschaftler, Künstler und Schriftsteller den Aufruf an die Kulturwelt. Sie verteidigten darin Deutschlands Kriegsführung und wiesen Vorwürfe über Verbrechen deutscher Truppen im besetzten Belgien zurück. Unter ihnen waren weltberühmte Gelehrte. Bildungstitel, wissenschaftliche Erfolge und kulturelles Prestige haben sie nicht davor bewahrt, sich in den Dienst nationalistischer Kriegspropaganda zu stellen.

In der Zeit des Nationalsozialismus gelang es dem Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund bereits vor 1933, an zahlreichen Hochschulen große Wahlerfolge zu erzielen. 1931 wurde ein Nationalsozialist Vorsitzender der Deutschen Studentenschaft. Rund 40 bis 45 Prozent der deutschen Ärzte wurden während der NS-Zeit Mitglieder der NSDAP. Von den 15 Teilnehmern der Wannseekonferenz im Januar 1942 trugen acht einen Doktortitel.

Das sind keine Beweise dafür, dass Studierte grundsätzlich schlechtere Menschen wären. Sie sind ein vernichtender Gegenbeweis gegen die Vorstellung, akademische Bildung schütze von selbst vor politischer Verblendung und moralischem Versagen. Die Ermordung von Menschen wurde nicht nur durch rohe Gewalt vollzogen. Sie wurde von Verwaltungsfachleuten vorbereitet, juristisch organisiert, medizinisch legitimiert und bürokratisch abgewickelt.

Ebenso wenig darf man die Geschichte umdrehen und behaupten, die einfachen Leute seien geschlossen gegen Hitler gewesen. Der Historiker Jürgen W. Falter hat gezeigt, dass die NSDAP Wähler aus allen sozialen Schichten gewann. Vergleichsweise widerstandsfähig erwiesen sich bestimmte katholische und organisierte sozialistische Milieus. Gerade deshalb trifft der Befund: Nicht der Abschluss entschied über Haltung, sondern unter anderem politische Überzeugungen, soziale Bindungen und das Vermögen, einem herrschenden Weltbild zu widersprechen.

Bazon Brock: Wer trägt eigentlich diese Gesellschaft?

Der Kunsttheoretiker Bazon Brock stellt in seinem Gespräch über Autokratie und Dummheit eine unbequeme Gegenfrage: Warum verwechselt eine Gesellschaft den Rang eines Amtes mit dem Wert der Arbeit, von der sie tatsächlich lebt?

Sein Bild ist einfach. Fällt ein Bürgermeister aus, funktioniert der Alltag zunächst weiter. Fällt die Müllabfuhr aus, spüren alle sehr schnell, wovon ihr Zusammenleben abhängt. Trotzdem steht in der üblichen gesellschaftlichen Rangordnung der Bürgermeister oben und die Müllabfuhr unten. Brock erinnert daran, dass Kultur nicht nur in Museen und Universitäten entsteht. Sie lebt auch in der Arbeit der Menschen, die Straßen instand halten, Kranke pflegen, Brände löschen und das Gemeinwesen täglich tragen.

Hier trifft Brocks Gedanke auf Huiskens Schulkritik. Das eine System verteilt Berechtigungen, das andere macht aus solchen Berechtigungen einen Anspruch auf gesellschaftliche Überlegenheit. Wer oben steht, hält seinen Rang leicht für den Beweis größerer geistiger oder menschlicher Qualität. Wer unten steht, wird zum Gegenstand von Erklärungen über seine angeblichen Defizite.

Es gehört zur Logik dieser Überheblichkeit, dass der Mensch, der eine Stadt sauber hält, als „bildungsfern“ gelten kann, während der Mensch, der ihn vor laufender Kamera herabsetzt, sich für einen Vertreter unbequemer Wahrheiten hält.

Bildung ist keine Lizenz zur Menschenverachtung

Der Unterschied zwischen Ausbildung und Bildung ist entscheidend. Ausbildung vermittelt Kenntnisse, Fertigkeiten und häufig berufliche Berechtigungen. Bildung müsste mehr leisten: eigenständiges Denken, Kritikfähigkeit, den Umgang mit Widersprüchen und die Fähigkeit, andere Menschen nicht auf ihren gesellschaftlichen Nutzen zu reduzieren.

Theodor W. Adornos Begriff der Halbbildung bezeichnet gerade das Missverhältnis zwischen angehäuftem Wissen und fehlender kritischer Aneignung. Man kann Prüfungen bestehen und doch gedankenlos einer Ideologie folgen. Man kann keinen akademischen Titel besitzen und dennoch genauer sehen, was in einer Gesellschaft falsch läuft.

Und falls der eine oder andere nun einwendet, selbstverständlich hätten auch Gene Einfluss auf Intelligenz: Ja. Das wird hier gar nicht bestritten. Bestritten wird die dreiste Verwandlung einer wissenschaftlichen Aussage über statistische Unterschiede in ein Urteil über den Wert ganzer Bevölkerungsgruppen. Dieser Sprung ist weder Wissenschaft noch Aufklärung.

Die Anklage

Frau Kosubek, Sie sprechen vom „Defizit in bildungsfernen Haushalten“, nennen Erblichkeitszahlen, schieben das Verhalten nach und erklären schließlich, Geld könne daran nichts ändern. Dazwischen fällt Ihr „es tut mir leid“. Wofür soll das eine Entschuldigung sein? Für die Gene, die Sie anführen? Oder für den Schluss, mit dem Sie Menschen abschreiben? Dieses „es tut mir leid“ klingt wie ein Feigenblatt vor dem Tritt: Man gibt sich bedauernd und lässt die gesellschaftlichen Bedingungen, um die es gehen müsste, verschwinden. Sie haben nicht bewiesen, dass Förderung aussichtslos ist. Sie haben bloß behauptet, dass sie nichts nützt. Und das ist ein gewaltiger Unterschied.

Und an den Kommentator: Was soll daran mutig sein? Wer mit „80 Prozent genetisch“ auftritt, als sei damit ein Schicksal besiegelt, hat den Begriff Heritabilität nicht erklärt, sondern als Autoritätsstempel missbraucht. Die von Ihnen beschworene Adoptionsforschung zeigt gerade, dass die Umgebung einen Unterschied machen kann. Wer nur den Teil erzählt, der zu seinem Weltbild passt, hat keine unbequeme Wahrheit verteidigt. Er hat Wissenschaft zum Stichwortgeber für eine soziale Abwertung gemacht.

Eine Gesellschaft spricht von Chancengleichheit, sortiert Kinder früh, verteilt Zeugnisse und Zugangsrechte und bestaunt hinterher die Unterschiede, die sie mit hervorgebracht hat. Dann gibt sie den Aussortierten einen höflich klingenden Namen. Und wenn diese Menschen nicht aufsteigen, werden die Gene zur Entschuldigung dafür, dass man den eigenen Anteil nicht sehen will. Wer Bildung zur Rangordnung und Vererbung zur Ausrede macht, betreibt keine Aufklärung. Er betreibt die Rechtfertigung gesellschaftlicher Ungleichheit.

Das ist nicht Aufklärung. Das ist die nachträgliche Rechtfertigung einer Hierarchie.

Eine Gesellschaft, die ohne ihre Reinigungskräfte, Pflegekräfte, Handwerker und Fahrer keinen Tag auskäme, sollte endlich aufhören, ihnen ihren gesellschaftlichen Rang als geistigen Mangel auszulegen. Sie braucht ihre Arbeit. Sie schuldet ihnen Respekt. Und sie hat verdammt noch mal keinen Grund, mit dem Wort „bildungsfern“ von oben auf sie herabzusehen.

Was bilden die sich eigentlich ein? Sie bilden sich ein, gebildet zu sein.

Stand: 23. Oktober 2026


Quellen und Hinweise

Die Äußerungen von Jasmin Kosubek und dem Kommentator werden nach dem bereitgestellten Transkript wiedergegeben; der Originallink dieses Videos ist nicht verifiziert. Die Person des Kommentators ist nicht eindeutig belegt; daher erfolgt keine Namensnennung. Die verlinkte Huisken-Aufzeichnung ist eine nachweisbare Veröffentlichung eines Vortrags vom 14.06.2010, nicht notwendig identisch mit dem bereitgestellten Kurzvideo.

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