Es gehört zum guten Ton in der politischen Debatte, den Arbeitslosen als das Problem zu identifizieren. "Schmarotzer", "Parasiten", "Sozialbetrüger" – das Vokabular ist so beständig wie infam. Das Sozialsystem, so heißt es, würde ausufern. Die Fleißigen finanzieren die Faulen. Deutschland könne sich das nicht mehr leisten.
Diese Erzählung ist nicht nur falsch. Sie ist eine Täter-Opfer-Umkehr von beachtlicher Perfidie.
Die Rechnung, die niemand aufmacht
Betrachten wir die Entwicklung der letzten Jahrzehnte: Die Produktivität stieg zwischen 1970 und 2013 um 117 Prozent – die Reallöhne nur um 89 Prozent. Die kumulierte Lohnzurückhaltung in diesem Zeitraum wird auf über zwei Billionen Euro geschätzt. Die Gewinne explodierten, die Löhne stagnierten.
Gleichzeitig wurde das Arbeitskräfteangebot systematisch ausgeweitet. Die Frauenerwerbsquote stieg von 46 Prozent (1970) auf über 74 Prozent heute. Fast 50 Prozent der erwerbstätigen Frauen arbeiten in Teilzeit – und leisten nebenbei 44 Prozent mehr unbezahlte Arbeit als Männer. Dazu Automatisierung, Globalisierung – immer weniger Arbeit für immer mehr Menschen.
Und dann kam die Agenda 2010. Man hat nicht nur das Kapital grenzenlos agieren lassen – Produktionsverlagerung, Steuerflucht, Lohndumping im Ausland. Man hat auch die Arbeitskräfte grenzenlos gemacht. Wanderarbeiter aus allen Herren Ländern, eine entwurzelte Masse, die um dieselben schrumpfenden Arbeitsplätze konkurriert. Nicht weil diese Menschen böswillig wären – sie sind genauso Spielball wie der deutsche Arbeitslose. Aber sie sind nützlich: als zusätzlicher Druck auf den Arbeitsmarkt, als weiterer Hebel gegen Lohnforderungen.
Mehr Menschen konkurrieren um weniger Arbeitsplätze. Das ist keine Verschwörungstheorie, das ist Mathematik. Das ist gewollt.
Und wer trägt die Verantwortung für diese strukturelle Entwicklung? Der Arbeitslose an der Supermarktkasse, der seinen Antrag ausfüllt? Der polnische Bauarbeiter, der für einen Bruchteil des Tariflohns schuftet?
Das Lohnabstandsgebot als Erpressungsinstrument
Ein besonders zynisches Detail: Je niedriger das Arbeitslosengeld, desto niedriger kann der Lohn ausfallen. Das nennt sich Lohnabstandsgebot und wird als Argument für angemessene Entlohnung verkauft. In Wahrheit funktioniert es umgekehrt: Man drückt die Sozialleistungen, um die Löhne drücken zu können.
Der Arbeitslose dient als Drohkulisse. Schau her, so könnte es dir ergehen. Also nimm den Hungerlohn und sei dankbar.
Die missbrauchte Emanzipation
Und dann die Frauen. Die feministische Erzählung lautet: Die Frau wurde befreit, sie darf jetzt arbeiten. Die ökonomische Realität sieht anders aus.
Reproduktionsarbeit – Kinder gebären, aufziehen, pflegen, den Haushalt organisieren – war immer Arbeit. Sie wurde nur nie bezahlt. Die Frauen hatten in diesem Bereich eine Monopolstellung.
Anstatt sich diese Monopolstellung bezahlen zu lassen, sind sie an die Werkbänke getreten. Das Ergebnis: Sie arbeiten jetzt doppelt – im Betrieb und zu Hause. Das Kapital hat sein Arbeitskräfteangebot verdoppelt, ohne für die Reproduktionsarbeit jemals einen Cent zu zahlen.
Früher hatten sie keine Wahl – sie mussten zu Hause bleiben, unbezahlt. Heute haben sie wieder keine Wahl – sie müssen arbeiten gehen, und die Kindererziehung bleibt weiterhin unbezahlt, nur dass sie jetzt zusätzlich geleistet werden muss. Und wer sich dennoch für die Kinder entscheidet, wird verächtlich behandelt. "Nur Hausfrau" – als wäre das keine Arbeit.
Das ist keine Emanzipation. Das ist eine Verdopplung der Ausbeutung.
Die Rechnung, die niemand aufmacht
Machen wir ein Gedankenexperiment: Ein Krippenplatz kostet den Steuerzahler durchschnittlich über 1.000 Euro im Monat, ein Kindergartenplatz etwa 640 Euro – die Eltern tragen davon nur rund 12 Prozent. Mit Infrastruktur, Gebäuden, Verwaltung liegt man schnell bei 1.500 Euro monatlich pro Kind.
Stellen wir uns vor, Frauen hätten tatsächlich die Wahl: Entweder Fremdbetreuung – der Staat zahlt die 1.500 Euro an die Kita – oder Selbstbetreuung – die Mutter erhält 1.500 Euro monatlich als Erziehungsgehalt.
Was würde passieren? Wenn auch nur die Hälfte der Mütter sich für die Selbstbetreuung entscheiden würde – was angesichts der Doppelbelastung nicht unwahrscheinlich wäre – dann wären 50 Prozent weniger Frauen auf dem Arbeitsmarkt.
Die Konsequenz: Weniger Konkurrenz um Arbeitsplätze. Weniger Arbeitslose. Höhere Löhne. Eine tatsächliche Verhandlungsposition für die verbliebenen Arbeitnehmer.
Aber genau das ist nicht gewollt. Also gibt es diese Wahl nicht. Die Frau soll an die Werkbank, das Kind in die Fremdbetreuung, und die Reproduktionsarbeit bleibt das, was sie immer war: unbezahlt und unsichtbar.
Die Funktion des Sündenbocks
Warum also der Arbeitslose als Feindbild? Weil er eine Funktion erfüllt. Solange die Wut sich gegen "die da unten" richtet, richtet sie sich nicht gegen die Strukturen, die diese Misere produzieren.
Der Arbeitslose ist nicht das Problem. Er ist das Symptom.
Das Problem ist ein System, das systematisch mehr Arbeitskräfte produziert als es Arbeit gibt – und dann die Überflüssigen für ihre Überflüssigkeit bestraft.
Wer den Arbeitslosen einen Schmarotzer nennt, hat entweder nichts verstanden oder hofft darauf, dass andere nichts verstehen.

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen