Eine Garten-YouTuberin steht den Tränen nahe. Ihr Kanal wurde gelöscht. Einfach so. Ohne Vorwarnung, ohne konkreten Grund, ohne menschlichen Ansprechpartner. Sechs Jahre Arbeit - weg. "Spam, irreführende Praktiken und Betrug" lautete der Vorwurf. Was sie konkret verbrochen haben soll? Das erfährt sie nicht. Wie sie sich verteidigen soll? Unmöglich. 800 Zeichen Widerspruchsformular, dann Schweigen.
Ich schaue mir das Video an und denke: Willkommen in meiner Welt. Willkommen in der Welt von tausenden Menschen, die das seit zehn Jahren erleben.
Die Entdeckung der Ohnmacht
Was mich an diesem Fall fasziniert, ist nicht die Ungerechtigkeit selbst - die ist banal, alltäglich, systematisch. Was mich fasziniert, ist das Erwachen. Da steht jemand, der jahrelang brav Kochvideos und Gartentipps produziert hat, politisch völlig unverdächtig, und entdeckt plötzlich: Es gibt keine Instanz, an die man sich wenden kann. Keine Telefonnummer. Keinen Menschen. Nur Algorithmen und Formulare.
"Wie soll ich mich wehren, wenn ich nicht weiß, was ich verbrochen habe?"
Diese Frage stellen kritische Blogger, Friedensaktivisten und politisch unbequeme Stimmen seit einem Jahrzehnt. Mein Facebook-Account ist lebenslang gesperrt. Nicht wegen Spam. Nicht wegen Betrug. Weil ich politisch nicht opportun bin. Und anders als diese Gärtnerin bekomme ich keine Wiederherstellung nach 24 Stunden, weil irgendein größerer YouTuber seinen "persönlichen Betreuer" einschaltet.
Das Märchen von der neutralen Plattform
Die Kanalbetreiberin ist empört, dass eine KI über ihre Existenzgrundlage entscheidet. Sie fordert, dass "ein Mensch drüberschauen" sollte, bevor solche Entscheidungen fallen. Sie glaubt noch an das System - sie denkt, es handele sich um einen Fehler, um mangelnde Programmierung, um fehlende Sensibilität der Algorithmen.
Sie begreift nicht, dass das System genau so funktioniert, wie es funktionieren soll.
Die Willkür ist kein Bug. Sie ist ein Feature. Sie hält alle in permanenter Unsicherheit. Niemand weiß genau, wo die Grenzen verlaufen. Also übt jeder Selbstzensur. Und wer sich trotzdem zu sicher fühlt, dem wird gelegentlich demonstriert, wie schnell alles vorbei sein kann.
Warum trifft es einen Gartenkanal?
Die Kommentare unter dem Video sind aufschlussreich. Menschen weisen darauf hin:
Saatgut ist monopolisiert. Saatguttauschbörsen arbeiten am Rande der Legalität. Wer Menschen beibringt, selbst Samen zu gewinnen und zu tauschen, untergräbt Geschäftsmodelle.
Selbstversorgung bedeutet Unabhängigkeit. Wer seinen eigenen Garten bewirtschaftet, einkocht, konserviert, braucht weniger vom industriellen Nahrungssystem. Das darf nicht sein.
Do-it-yourself ist der natürliche Feind von Fertigprodukten, Chemie, Konzernprofiten.
Vielleicht war es tatsächlich nur ein algorithmischer Fehler. Vielleicht. Aber dass ausgerechnet Kanäle, die Menschen zur Selbständigkeit anleiten, immer wieder "versehentlich" getroffen werden - das fällt auf.
Die Schlinge zieht sich zu
YouTuber, die vor politischen Entwicklungen warnen, werden gnadenlos gelöscht. Wer Tipps gibt, wie man sich unabhängiger machen kann, gerät ins Visier. Eigene Meinungen - Fehlanzeige. Und jetzt trifft es eben auch die, die dachten, sie seien sicher, weil sie doch "nur" über Einkochen und Hochbeete reden.
Die Gärtnerin im Video versteht noch nicht, dass sie keine Ausnahme ist. Sie denkt, wenn sie nur herausfindet, welche Regel sie gebrochen hat, kann sie ihr "Verhalten anpassen". Sie glaubt noch an transparente Regeln, an faire Verfahren, an die Möglichkeit, durch Wohlverhalten sicher zu sein.
Diese Illusion wird ihr genommen werden. Nicht heute, nicht morgen. Aber die Erfahrung, von einer Sekunde auf die nächste ausgelöscht werden zu können - die vergisst man nicht.
Ein Funken Hoffnung?
Vielleicht ist das der einzige Silberstreif: Wenn es genug Menschen trifft, die bisher dachten, das ginge sie nichts an, dann entsteht vielleicht irgendwann eine kritische Masse. Dann begreifen vielleicht auch die politischen Analphabeten in ihren gemütlichen Blasen, dass wir keine "wunderbare Demokratie" haben, sondern ein System, in dem private Konzerne darüber entscheiden, wer sprechen darf und wer nicht.
Willkommen in der Realität.
Sie ist weniger gemütlich als ein Gartenvideo. Aber sie ist real.
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