Am 23. Februar 2026 sitzt ein emeritierter Professor im Bundestag und erklärt den Abgeordneten, wie man Millionen Menschen das Leben noch schwerer machen kann. Sein Name: Ulrich van Suntum. Seine Stellungnahme liest sich nicht wie Wissenschaft. Sie liest sich wie ein Handbuch der Unterwerfung. Und niemand fragt: Wer ist dieser Mann eigentlich – und in wessen Auftrag spricht er?
Das System, das van Suntum verteidigt
Bevor wir über van Suntum reden, müssen wir über das System reden, das Männer wie ihn überhaupt erst in den Bundestag einlädt.
In Deutschland gibt es offiziell „rund eine Million offene Stellen" – eine Zahl, die Politiker und Sachverständige wie van Suntum wie ein Mantra wiederholen, um den Eindruck zu erzeugen: Es gibt genug Arbeit, die Leute sind bloß zu faul. Aber diese Zahl ist eine Lüge auf Beinen.
Die Bundesagentur für Arbeit meldete im Januar 2026 gerade einmal 598.000 Stellen – nicht eine Million. Die höhere Zahl stammt aus IAB-Hochrechnungen, die auch ungemeldete Stellen schätzen. Was die Zahl weiter aufbläht: Zeitarbeitsfirmen, die dieselbe Stelle vielfach melden. Unternehmen, die parallel auf Indeed, StepStone, LinkedIn und der BA-Jobbörse ausschreiben – jede Anzeige wird separat gezählt. Und dann sind da die Ghost Jobs – Stellen, die es gar nicht gibt. Anzeigen, die stehenbleiben, obwohl die Position längst intern besetzt ist. Die BA gibt selbst zu, dass Stellenangebote nur stichprobenartig überprüft werden.
Und jetzt die Zahl, die van Suntum niemals nennen wird: Für die 1,157 Millionen Leistungsberechtigten, die nur als Helfer arbeiten können, standen gerade einmal 120.000 passende Helferstellen zur Verfügung. Das ist ein Verhältnis von fast zehn zu eins. Zehn Menschen, eine Stelle. Und diese eine Stelle? Oft befristet. Oft Leiharbeit. Oft unter Mindestlohn nach Abzug der Fahrtkosten. Oft ein Drei-Monats-Vertrag, nach dem man wieder beim Jobcenter sitzt – der sogenannte Drehtüreffekt, den die Arbeitgeberverbände (!) selbst in ihrer Stellungnahme als Problem benennen.
Das ist die Realität, in der van Suntum sich hinstellt und sagt: Die Leute wollen einfach nicht arbeiten.
Was van Suntum wirklich fordert: Ein Katalog der Demütigung
Lesen Sie seine Stellungnahme. Lesen Sie sie genau. Denn was dort steht, ist kein Reformvorschlag. Es ist ein Programm zur systematischen Erniedrigung von Menschen, die ohnehin am unteren Ende der Gesellschaft stehen.
1. Die Scheck-Schikane
Van Suntum schlägt vor, „notorische Arbeitsverweigerer" zu zwingen, sich ihr Geld wöchentlich persönlich per Scheck im Jobcenter abzuholen. Und jetzt halten Sie sich fest – er schreibt wörtlich: „ggfs. nach angemessener Zeit im Warteraum".
Das ist kein Versehen. Das ist kein unglücklicher Nebensatz. Das Warten ist der Zweck. Ein Professor der Volkswirtschaftslehre schlägt einem Bundestagsausschuss vor, Menschen zur Strafe warten zu lassen. Nicht um sie zu beraten. Nicht um sie zu vermitteln. Sondern um ihnen zu zeigen, wo ihr Platz ist.
In was für einer Gesellschaft sind wir angekommen, wenn das als seriöser Politikvorschlag durchgeht?
2. Gesundheit als Druckmittel
Van Suntum fordert, erwerbsfähigen Bürgergeldempfängern die reguläre Gesundheitsversorgung zu entziehen und sie auf das „Basisniveau" herabzustufen. Das bedeutet: kein Zahnersatz. Keine Reha. Keine freie Arztwahl. Er nennt das einen „weiteren Anreiz".
Anreiz. Die Gesundheit eines Menschen. Ein Anreiz.
Man muss sich klarmachen, was das heißt: Ein Mensch mit kaputten Zähnen, der keine Behandlung bekommt. Ein Mensch mit einem kaputten Rücken, der keine Reha bekommt. Nicht weil das Geld fehlt – sondern weil ein Professor findet, dass körperliches Leiden ein guter Motivator ist, sich um einen der nicht existierenden Jobs zu bewerben.
Wie nennt man es, wenn ein Staat seinen Bürgern gezielt medizinische Versorgung entzieht, um sie zu einem bestimmten Verhalten zu zwingen? Van Suntum nennt es Anreizpolitik. Andere würden es anders nennen.
3. Zwangsarbeit – und schlimmer
Van Suntum befürwortet die Pflicht zu gemeinnütziger Arbeit. Das allein wäre schon diskussionswürdig. Aber er geht weiter. Deutlich weiter.
Er fordert, dass die bisherigen Schutzmechanismen – die Kriterien „zusätzlich", „im öffentlichen Interesse" und „wettbewerbsneutral" – gestrichen werden.
Was klingt wie ein technisches Detail, ist der eigentliche Kern seines Programms. Denn ohne diese Kriterien passiert Folgendes: Bürgergeldempfänger werden „leihweise" in die Privatwirtschaft vermittelt – in Industrie, Handwerk, Einzelhandel, Gastronomie. Van Suntum schreibt das explizit. Der Arbeitgeber zahlt ein Entgelt – aber nicht an den Arbeiter. Das Geld geht an das Jobcenter.
Lassen Sie das sacken. Van Suntum schlägt vor, dass Menschen unter Zwang arbeiten, dass die Arbeitgeber dafür bezahlen, dass das Geld aber nicht an die Arbeiter geht, sondern an die Behörde. Der Arbeiter selbst bekommt weiterhin seinen Bürgergeld-Regelsatz. Der Arbeitgeber bekommt eine billige Arbeitskraft ohne arbeitsrechtliche Verpflichtungen. Und das Jobcenter wird zur staatlichen Leiharbeitsfirma.
Das ist kein Reformvorschlag. Das ist ein Geschäftsmodell – auf dem Rücken der Schwächsten.
Die große Heuchelei: Nach unten treten, nach oben buckeln
Und hier wird die Sache erst richtig unerträglich. Denn während Professoren wie van Suntum den Bundestag davon überzeugen wollen, dass Menschen im Warteraum sitzen und auf ihre Schecks warten sollen, passiert auf der anderen Seite der Gesellschaft etwas ganz anderes.
Deutsche Unternehmen werden mit Milliarden an Staatsgeld quersubventioniert. Steuervergünstigungen, Förderprogramme, Standortsicherungsprämien, Kurzarbeitergeld als Dauersubvention, indirekte Unterstützung durch Infrastruktur, Forschungsförderung und Bürgschaften. Wenn ein Konzern Stellen abbaut, bekommt er Umstrukturierungshilfen. Wenn er ins Ausland verlagert, bekommt er Standortsicherungspakete. Wenn er in der Krise steckt, springt der Staat ein.
Aber wenn ein Mensch nach sechs Monaten Leiharbeit, die in Arbeitslosigkeit endete, nicht schnell genug den nächsten Drei-Monats-Vertrag annimmt – dann ist er ein „notorischer Arbeitsverweigerer", der im Warteraum sitzen soll.
Das ist keine soziale Marktwirtschaft. Das ist nicht einmal mehr zynisch. Das ist ein System, das Milliarden nach oben umverteilt und dann nach unten tritt, wenn die Betroffenen aufmucken. Wer die ganze Ökonomie hinter diesem Treten nach unten verstehen will – wie mit Armut Geld verdient wird und wer davon profitiert – dem sei Teil II: Die Ökonomie des Elends empfohlen.
Wer ist dieser Mann?
Und wer liefert die akademische Legitimation für dieses Treten? Schauen wir uns Ulrich van Suntum einmal genau an.
Ein Lobbyist im Professorentalar. Van Suntum war jahrelang Botschafter der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM). Die INSM klingt wie ein Wirtschaftsforschungsinstitut. Sie ist es nicht. Sie ist eine von Arbeitgeberverbänden – vor allem Gesamtmetall – mit über 100 Millionen Euro seit dem Jahr 2000 finanzierte Lobbyorganisation. Ihr Ziel: Deregulierung des Arbeitsmarkts, Abbau des Sozialstaats, Senkung von Unternehmenssteuern. Laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung liefern Wissenschaftler wie van Suntum der INSM das, was sie am dringendsten braucht: akademische Fassade. LobbyControl stuft die INSM als Tarnorganisation für Arbeitgeberinteressen ein.
Aber die INSM ist nur die Vergangenheit. Die Gegenwart ist schlimmer.
Van Suntum sitzt aktuell im Wissenschaftlichen Beirat der „Stiftung Familienunternehmen und Politik". Der Name klingt nach Mittelstand und Backstube. Die Realität: Die Stiftung ist unter der Registernummer R000083 im offiziellen Lobbyregister des Deutschen Bundestages eingetragen. Sie wird finanziert von einem exklusiven Förderkreis aus rund 600 der umsatzstärksten Unternehmen Deutschlands – Mindestbeitrag 13.000 Euro pro Jahr. Umsatz 2024: rund 3,4 Millionen Euro. Ihr erklärtes Ziel: die „strategische Positionierung der Interessen von Familienunternehmen in Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit". Im Klartext: Lobbying gegen Vermögenssteuer, für niedrigere Unternehmenssteuern, gegen alles, was Konzerne Geld kostet. Van Suntum liefert dieser Maschinerie das, was sie am dringendsten braucht: das akademische Gütesiegel.
Wer Sozialausgaben kürzen will, senkt Staatsausgaben. Wer Staatsausgaben senkt, entlastet Steuerzahler. Wer die größten Steuerzahler vertritt, profitiert am meisten. Das ist keine Verschwörungstheorie. Das ist Betriebswirtschaft.
Und dann ist da die AfD-Verbindung – und die geht tiefer als bisher bekannt. Van Suntum ist nicht einfach ein gelegentlicher Redner bei der Desiderius-Erasmus-Stiftung, der AfD-nahen Kaderschmiede. Er ist Zweiter Stellvertretender Vorsitzender des Kuratoriums. Das ist kein Gastauftritt. Das ist eine Leitungsfunktion. Und seine Kollegen in diesem Kuratorium? Der Vorsitzende ist Karlheinz Weißmann – Mitgründer des „Instituts für Staatspolitik".
Van Suntum legt diesen Interessenkonflikt in seiner Stellungnahme vor dem Bundestag nicht offen. Kein einziges Wort.
Er tritt auf als „Einzelsachverständiger". Neutral. Unabhängig. Wissenschaftlich. Und niemand fragt nach.
Politisch rechts außen vernetzt. Van Suntum war Landesvorsitzender NRW und stellvertretender Bundesvorsitzender der Lucke-Partei ALFA. Er wurde als parteiloses Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der AfD geführt. Seine positive Bewertung des AfD-Antrags im Bundestag – er gibt ihm die beste Note aller Entwürfe – ist keine fachliche Überraschung. Sie ist die logische Konsequenz einer politischen Biographie.
Selbst die eigene Uni distanziert sich. Das Rektorat und das Dekanat der Universität Münster haben sich nach umstrittenen Social-Media-Äußerungen öffentlich von van Suntum distanziert. Wenn die eigene Alma Mater sich von einem distanziert, dann ist das kein Kavaliersdelikt.
Wo ist die Wissenschaft?
Und jetzt die entscheidende Frage: Was liefert dieser „Sachverständige" eigentlich an Wissenschaft?
Nichts.
Keine einzige eigene empirische Studie zur Wirksamkeit von Sanktionen in Deutschland. Stattdessen internationale Vergleiche, die nach Belieben zurechtgebogen werden. Dänemark soll Vorbild sein – aber nur bei der Arbeitspflicht. Dass Dänemark massiv in aktive Arbeitsmarktpolitik investiert und erheblich höhere Sozialleistungen bietet, verschweigt van Suntum. Das ist keine Wissenschaft. Das ist Rosinenpickerei mit Professorentitel.
Das Bundesverfassungsgericht hat 2019 klare Grenzen für Sanktionen gezogen. Sämtliche anderen Sachverständigen – DGB, Paritätischer, Jobcenter – beziehen sich darauf. Van Suntum? Kein Wort. Als existiere das Grundgesetz in diesem Punkt nicht. (Dass die Menschenwürde kein Verhandlungsgegenstand ist, sondern ein Verfassungsauftrag, habe ich an anderer Stelle ausführlich dargelegt: Die Menschenwürde ist kein Antrag – sie ist ein Auftrag.)
Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat belegt: Der „Totalverweigerer", auf den van Suntums gesamtes Gebäude aufgebaut ist, ist empirisch eine Randerscheinung. Totale Sanktionen werden so gut wie nie verhängt, weil der Fall so gut wie nie eintritt. Schlimmer noch: IAB-Studien zeigen, dass harte Sanktionen die Chance auf nachhaltige Beschäftigung langfristig senken – um rund 4 Prozent nach vier Jahren. Van Suntum ignoriert das. Vollständig.
Und dann diese Aussage über ausländische Leistungsbezieher: Sie würden „erst bei uns" lernen, dass man „auch ohne Arbeit genug Geld zum Leben bekommen kann". Kein Beleg. Keine Studie. Keine Differenzierung. Ein Professor, der vor dem Deutschen Bundestag Stammtisch-Ressentiments als Expertise verkauft.
1970: 100.000 Arbeitslose. Was sagt uns das?
Legen wir die Verhältnismäßigkeit auf den Tisch. Im Jahr 1970 gab es in der Bundesrepublik etwa 100.000 Arbeitslose. War das Land lahmgelegt? Implodierte der Sozialstaat? Nein. Das System funktionierte.
Wenn es tatsächlich Menschen gibt, die unter keinen Umständen arbeiten wollen – echte Totalverweigerer, nicht die Phantome, mit denen van Suntum operiert – dann wäre das eine verschwindend kleine Gruppe. Eine Gruppe, mit der jede Gesellschaft leben kann, ohne ihre Grundprinzipien über Bord zu werfen.
Aber darum geht es van Suntum und seinen Auftraggebern nicht. Der „Totalverweigerer" ist ein Popanz. Ein Feindbild, das gebraucht wird, um etwas ganz anderes zu rechtfertigen: ein System von Sanktionen, Zwang und Druck, das nicht die angeblichen Verweigerer trifft – sondern alle. Jeden Leistungsbezieher. Jeden Arbeitnehmer in prekärer Beschäftigung. Jeden, der weiß: Wenn ich meinen Dreijahresvertrag verliere, wenn die Leiharbeit endet, wenn der befristete Job ausläuft – dann wartet das Jobcenter. Und dort wartet jetzt nicht mehr nur Bürokratie, sondern Demütigung als Programm.
Das ist die eigentliche Funktion. Sanktionen gegen Bürgergeldempfänger sind nicht dazu da, Arbeitslose zu aktivieren. Sie sind dazu da, Arbeitnehmer einzuschüchtern. Wer sieht, was mit Menschen am unteren Ende passiert – Scheck-Schikane, Gesundheitsentzug, Zwangsarbeit ohne Lohn – der schluckt den nächsten Hungerlohn, die nächste Befristung, die nächste Entwürdigung. Still. Dankbar. Gefügig.
Das ist kein Sozialstaat. Das ist ein Herrschaftsinstrument.
Die eigentliche Frage
Van Suntum ist kein Einzelfall. Er ist ein Symptom. Ein System, das Menschen wie ihn – INSM-Lobbyisten, AfD-nahe Akademiker, Männer die vom Hörsaal direkt in die Politikberatung gewechselt sind und deren Lebenslauf keine einzige Zeile enthält, die an die Realität derer erinnert, über die sie urteilen – als „unabhängige Sachverständige" vor den Bundestag lädt, hat ein Legitimationsproblem.
Van Suntum ist dabei nicht einmal der einzige Abrissunternehmer in Professorentalar. Was sein Kollege Prof. Dr. Schlegel an konkreten Gesetzesänderungen fordert – acht Punkte, die den Sozialstaat Stück für Stück abwickeln – liest sich wie das Pflichtenheft einer Demontage: Das Demontage-Programm: Acht Forderungen, die den Sozialstaat abwickeln. Und wer verstehen will, auf welchem ideologischen Fundament solche Gutachten stehen – wie der Begriff „selbstverschuldete Bedürftigkeit" die gesamte Strukturgeschichte der Arbeitslosigkeit ausblendet – findet die Analyse hier: „Selbstverschuldete Bedürftigkeit" – Das Schlegel-Gutachten und die Geschichte, die es nicht kennen will.
Dieser Mann schlägt vor, dass Menschen im Warteraum sitzen, um gedemütigt zu werden. Dass Kranke keine Behandlung bekommen, um „Anreize" zu setzen. Dass Menschen unter Zwang für Unternehmen arbeiten, ohne dafür bezahlt zu werden. Und er tut das alles, ohne seine Verstrickung mit Arbeitgeberlobbys offenzulegen, ohne Verfassungsrecht zu beachten, ohne eine einzige wissenschaftliche Studie zu zitieren, die seine Thesen stützt.
Die Frage ist nicht, ob van Suntum das Recht hat, solche Positionen zu vertreten.
Die Frage ist: Warum hört ihm jemand zu?
Und die noch wichtigere Frage: Wem nützt es?
Den 5,4 Millionen Menschen im Bürgergeldbezug ganz sicher nicht. Aber den Arbeitgebern, die billige, rechtlose, eingeschüchterte Arbeitskräfte brauchen – denen nützt es sehr.
Und genau deshalb sitzt van Suntum im Bundestag.
Und die Gegenseite? Schweigt sich ins System ein
Jetzt könnte man sagen: Aber es gibt doch Widerstand. Der DGB hat dagegen gestimmt. Der Paritätische „kritisiert scharf". Wasilewski spricht von Menschenwürde. Alles gut also?
Nein. Nichts ist gut.
Denn was diese Akteure machen, ist kontrollierte Opposition. Sie kritisieren innerhalb der Spielregeln, die das System vorgibt – und genau deshalb verändert sich nie etwas. Der DGB sagt: Die Sanktionen sind unverhältnismäßig. Er sagt nicht: Das ganze Sanktionsregime ist ein Instrument zur Lohndisziplinierung, das den Arbeitgebern nützt, mit denen wir am Verhandlungstisch sitzen. Der Paritätische sagt: Vulnerable Gruppen müssen geschützt werden. Er sagt nicht: Wir selbst betreiben Maßnahmenträger, die über Jobcenter finanziert werden, und verdienen an genau dem System, das wir kritisieren. Wasilewski spricht von Menschenwürde – und das klingt gut, das klingt edel. Aber Menschenwürde ist kein Appell an die Moral der Mächtigen. Sie ist ein Grundrecht, das durchgesetzt werden muss. Gegen die Mächtigen. Nicht als Bitte.
Keiner von ihnen stellt die Frage: Warum gibt es nach Jahrzehnten von Hartz-Reformen, Bürgergeld-Reformen, SGB-II-Änderungsgesetzen immer mehr Armut, mehr prekäre Beschäftigung, mehr Leiharbeit, mehr Drehtür? Keiner fragt: Wenn das System seit zwanzig Jahren reformiert wird und die Ergebnisse jedes Mal schlechter werden – ist dann vielleicht nicht die Reform das Problem, sondern das System selbst?
Diese Frage stellen sie nicht. Weil sie Teil des Systems sind. Weil der DGB seinen Platz in der Sozialpartnerschaft nicht verlieren will. Weil der Paritätische seine Fördermittel braucht. Weil jeder, der zu laut wird, seinen Stuhl am Tisch verliert. Und so entsteht ein Schauspiel, das Demokratie simuliert: Auf der einen Seite die van Suntums, die Zwangsarbeit und Gesundheitsentzug fordern. Auf der anderen Seite die Verbände, die „scharf kritisieren" und „erhebliche Bedenken" anmelden. Und am Ende wird das Gesetz verabschiedet, die Sanktionen werden verschärft, und alle gehen nach Hause.
Wer es nicht glaubt, soll die Stellungnahme des Paritätischen lesen. Genau lesen. Dann fällt auf, was dort passiert:
Sie verhandeln über das Ausmaß der Grausamkeit, nicht über die Grausamkeit selbst. Sanktionen über 30 Prozent gehen zu weit, sagen sie. Im Umkehrschluss heißt das: Sanktionen bis 30 Prozent sind okay. Sie akzeptieren die Grundprämisse – dass der Staat das Existenzminimum kürzen darf, um Verhalten zu erzwingen – und feilschen nur noch um die Prozente. Das ist kein Widerstand. Das ist Preisverhandlung über die Dosis des Giftes.
Sie verstecken sich hinter dem Bundesverfassungsgericht, statt eine eigene moralische Position zu formulieren. Ihr stärkstes Argument lautet: Das BVerfG hat Grenzen gesetzt. Übersetzt heißt das: Wir selbst haben keine Haltung, wir berufen uns auf das, was Richter erlaubt haben. Wenn das Gericht morgen 50 Prozent Kürzung erlaubt, bricht ihr Argument zusammen.
Sie fordern mehr Geld – für sich selbst. Zwischen den Zeilen liest man: mehr Eingliederungstitel, mehr geförderte Beschäftigung nach §16i, mehr Mittel für Maßnahmenträger. Wer sind die Maßnahmenträger? Unter anderem ihre eigenen Mitgliedsorganisationen. 94 Prozent der Einnahmen des Paritätischen stammen aus Staatsmitteln. Wenn der Eingliederungstitel schrumpft, schrumpft ihr Geschäftsmodell. Die Kritik klingt sozial. Der Antrieb ist ökonomisch.
Sie benennen Symptome, nie Ursachen. Wohnungslosigkeit droht, Verschuldung droht, Stromsperren drohen – alles richtig. Aber warum gibt es 5,4 Millionen im Bürgergeld? Warum reichen die Löhne nicht? Warum ist der Arbeitsmarkt so beschaffen, dass Vollzeitarbeit kaum mehr einbringt als der Transferbezug? Diese Fragen stellen sie nicht. Denn die Antworten würden das System selbst in Frage stellen – und damit ihren eigenen Platz darin.
Und sie schreiben in einer Sprache, die kein Betroffener versteht. „Ein dogmatisches Verständnis von Vermittlungsvorrang droht zu Lasten der nachhaltigen Arbeitsförderung durch Qualifizierung und Weiterbildung zu gehen." Das liest kein Mensch, der im Bürgergeld sitzt. Diese Stellungnahme ist nicht für die Betroffenen geschrieben. Sie ist für andere Bürokraten geschrieben. Die Betroffenen sind Gegenstand des Textes, nicht sein Publikum.
Der Fachbegriff dafür ist: lizenzierte Opposition. Der Paritätische darf kritisieren – innerhalb festgelegter Grenzen. Er darf die Dosis des Giftes verhandeln, aber nie die Frage stellen, warum überhaupt Gift verabreicht wird. Und für diese Rolle – den kontrollierten Widerstand, der nichts verändert, aber alles legitimiert – wird er bezahlt. Mit Staatsknete. Das ist der Deal. (Wer die ganze Dimension dieses Deals verstehen will: Die Armutsindustrie: Der Paritätische Wohlfahrtsverband als Profiteur der sozialen Not.)
Die Betroffenen? Die hat keiner gefragt. Die sitzen nicht im Ausschuss. Die haben keinen Verband, der für sie spricht – denn die Verbände, die vorgeben es zu tun, sprechen längst vor allem für sich selbst.
Es ist immer dasselbe Muster: Menschen, die nie in der Realität derer gelebt haben, über die sie urteilen, definieren die Regeln – ob als Sachverständige im Bundestag, als Gutachter oder als Richter am Sozialgericht. Wie tief die Kluft zwischen den Milieus der Entscheider und dem Leben der Betroffenen ist, zeigt ein Blick auf die Sozialgerichtsbarkeit: Der Richter und sein Milieu: Wie Sozialisation zum Urteil wird.
Weiterlesen – die ganze Reihe:
→ Teil II: Die Ökonomie des Elends
→ Das Demontage-Programm: Acht Forderungen, die den Sozialstaat abwickeln
→ Der Richter und sein Milieu: Wie Sozialisation zum Urteil wird
→ Die Menschenwürde ist kein Antrag – sie ist ein Auftrag
→ Der DGB als Komplize der ökonomischen Macht: Harte Wahrheiten über systemische Verräter
→ Die Armutsindustrie: Der Paritätische Wohlfahrtsverband als Profiteur der sozialen Not
→ Die Wohlfahrtsindustrie betreut uns in die Unmündigkeit – staatlich gefördert
→ Die organisierte Menschenverachtung – Wie unser System Arbeitslose systematisch vernichtet
Quellen: Sämtliche Stellungnahmen, Anträge und Drucksachen zur öffentlichen Anhörung vom 23. Februar 2026 sind auf der offiziellen Seite des Bundestags abrufbar: Ausschuss für Arbeit und Soziales – Anhörung Grundsicherung. Dort finden sich unter anderem: Ausschussdrucksache 21(11)79 (Stellungnahme van Suntum), Ausschussdrucksache 21(11)93 (Materialzusammenstellung mit allen Stellungnahmen von DGB, Paritätischem Wohlfahrtsverband, Bundesagentur für Arbeit, Jobcenter StädteRegion Aachen, BDA, Deutschem Landkreistag, Deutschem Städtetag u.a.). Weitere Quellen: Lobbypedia, LobbyControl, Hans-Böckler-Stiftung, BVerfG 1 BvL 7/16 (2019), IAB-Studien zur Sanktionswirkung. Lesen Sie selbst. Prüfen Sie nach.