Was du wissen musst – in 30 Sekunden
Melanie Amann, ehemals stellvertretende Chefredakteurin des Spiegel, sitzt bei Ben (ungeskriptet) und erklärt drei Stunden lang, warum Journalismus eine „Übersetzungsaufgabe" sei — ohne zu bemerken, dass sie damit exakt die Priesterherrschaft beschreibt, die Helmut Schelsky schon 1975 diagnostiziert hat. Sie schwärmt öffentlich von Habecks „gewaltigem Charisma", lässt während Corona das E-Mail-Postfach einer kritischen Kollegin durchsuchen, fädelt im eigenen Blatt PR-Artikel für ihren Geschäftspartner ein — und erklärt dem Publikum, Björn Höcke dürfe auf keinen Fall unkommentiert sprechen, weil die Menschen sonst ein „schiefes Bild" bekämen. Die Frage ist nicht, ob das Journalismus ist. Die Frage ist: Wem dient es?
I. Die Szene
Am 20. Mai 2026 veröffentlicht der Schweizer Podcaster Ben auf seinem Kanal ungeskriptet ein dreistündiges Gespräch mit Melanie Amann. Amann — promovierte Juristin, zwölf Jahre Spiegel, davon zwei als stellvertretende Chefredakteurin, seit Januar 2026 „Chefredakteurin Digital" bei Funke — kommt mit Notizen. Ben kommt ohne. Was folgt, ist ein Lehrstück darüber, wie Haltungsjournalismus funktioniert, wenn man ihm den Raum gibt, sich selbst zu erklären.
Ben behandelt Amann exakt so, wie er alle seine Gäste behandelt: als Gastgeber. Er hört zu. Er lässt reden. Er unterbricht höflich, aber selten. Er streitet nicht um des Streitens willen. Er gibt ihr Wasser und Respekt. Man muss Amann anrechnen, dass sie sich dem gestellt hat. Die meisten hätten abgesagt — sie kam, sie saß drei Stunden dort, sie wich keiner Frage aus. Das verdient Respekt, unabhängig davon, was sie inhaltlich abgeliefert hat. Und genau dieses Verhalten Bens — das sie selbst beim Höcke-Podcast als unverantwortlich kritisiert — ermöglicht es ihr, sich in einer Weise zu offenbaren, die kein konfrontatives Interview je erreicht hätte.