Sie werden Schmarotzer genannt. Parasiten. Sozialschmarotzer. Man zeigt mit dem Finger auf sie. Man spuckt auf sie herab. Man gibt ihnen die Schuld für alles — für die Inflation, für den Wohnungsmangel, für die Staatsverschuldung, für den gesellschaftlichen Niedergang. Sie sind die Sündenböcke des 21. Jahrhunderts. Und niemand nennt es beim Namen: Das ist eine Hexenjagd.
Es gab eine Zeit in der man nicht laut sagen durfte dass man krank ist. Dass man anders liebt. Dass man dem falschen Gott dient. Wer es trotzdem sagte — oder wer es nicht sagen musste weil die Nachbarn es schon wussten — der wurde ausgegrenzt. Gedemütigt. Verfolgt. Verbrannt.
Diese Zeit ist nicht vorbei. Sie hat nur die Zielgruppe gewechselt.
Heute darf man nicht laut sagen dass man arbeitslos ist. Dass man Bürgergeld bezieht. Dass man aufstockt. Wer es sagt — beim Arzt, beim Amt, beim Vermieter, beim ersten Date — der sieht es in den Augen des anderen: den kurzen Moment der Einschätzung, des Urteils, der Distanzierung. Schmarotzer. Versager. Einer der es nicht geschafft hat. Einer dem man nicht trauen kann.
Niemand hat das beschlossen. Es wurde nicht per Gesetz eingeführt. Es ist langsam gewachsen — durch tausend Talkshows, durch hunderttausend Kommentare, durch Schlagzeilen die immer dasselbe sagen: Die da unten sind schuld.
