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Donnerstag, 19. Februar 2026

Teil II: Die Ökonomie des Elends

Was entsteht, wenn Schlegel Recht bekommt

Gutachten enden auf Papier. Die Konsequenzen enden auf der Straße.

Was Schlegel im Oktober 2025 im Auftrag von Gesamtmetall entwirft, ist kein abstrakte Rechtskonstrukt. Es ist ein Produktionsplan. Es produziert Obdachlose. Es produziert Kranke ohne Arzt. Es produziert Kriminalität. Es produziert Profit – für genau jene, die das System betreiben.

Der Markt der Verelendung

Wenn Menschen kein Geld mehr haben, keine Wohnung, keine Krankenversicherung – hören sie nicht auf zu existieren. Sie verschwinden nur aus dem Sichtfeld der Statistik und tauchen wieder auf: in der Notaufnahme, im Gefängnis, in der Obdachlosenunterkunft, in der Suchthilfe.

Jeder dieser Orte hat eine Kostenrechnung. Und hinter jeder Kostenrechnung steht ein Träger, der abrechnet.

Wer glaubt, die Abwicklung des Sozialstaats koste nichts, versteht nicht, wie das System funktioniert. Es kostet mehr. Nur anders. Und das Geld fließt in andere Taschen.

Beschaffungskriminalität: Die unvermeidliche Konsequenz

Wer kein Geld hat, aber Bedürfnisse – der findet Wege.

Das ist keine Moralisierung. Das ist Sozialpsychologie, seit Jahrzehnten belegt. Die Kriminologie kennt den Begriff der Beschaffungskriminalität nicht ohne Grund: Wenn legale Existenzmittel wegfallen, wächst die Bereitschaft zu illegalen. Ladendiebstahl. Schwarzarbeit. Betrug. Drogenhandel als Einkommensquelle.

Schlegel und seine Auftraggeber wissen das. Die Kriminalisierung der Armen ist kein Kollateralschaden – sie ist funktional. Sie schafft die nächste Branche, die von der Verelendung profitiert.

Die Gefängnisindustrie: Das amerikanische Vorbild wartet

In den Vereinigten Staaten ist das Gefängnis eine Industrie. Private Unternehmen wie CoreCivic und GEO Group betreiben Haftanstalten – und werden für jeden belegten Platz bezahlt. Ihr Geschäftsmodell erfordert volle Zellen. Also lobbyieren sie für härtere Gesetze, längere Strafen, niedrigere Hürden für Inhaftierung.

Deutschland bewegt sich in diese Richtung. Privatisierungsdebatten um Justizvollzugsanstalten sind keine Fantasie mehr – sie laufen. Und die Logik ist dieselbe: Wer mehr Menschen aus dem Sozialsystem herausdefiniert, wer Sanktionen verschärft, wer Beschaffungskriminalität produziert, der befüllt die Zellen.

Das ist das Geschäftsmodell hinter dem Gutachten. Schlegel schreibt den Zulauf. Die Industrie kassiert den Umsatz.

Die Löhne: Nach unten ohne Boden

Schlegels Gutachten ist kein isoliertes Rechtsdokument. Es ist Teil einer Gesamtstrategie, die seit dreißig Jahren läuft.

Zehn Millionen Wanderarbeiter aus Osteuropa arbeiten allein in Deutschland – instrumentalisiert als Druckmittel gegen die Löhne der einheimischen Arbeiterschaft. Automatisierung vernichtet Stellen in der Produktion. Deindustrialisierung macht ganze Regionen obsolet. Und das Bürgergeld – das letzte Verhandlungsinstrument der Schwachen – soll nun so verschärft werden, dass kein Mensch mehr wagt, eine Stelle abzulehnen, egal zu welchem Lohn, egal unter welchen Bedingungen.

Das ist der eigentliche Zweck der Totalsanktion. Nicht Faulheit bekämpfen. Lohnuntergrenzen zerstören.

Wer jederzeit vollständig enteignet werden kann – kein Geld, keine Wohnung, kein Arzt – nimmt jeden Job zu jedem Preis an. Das ist das ökonomische Kalkül hinter der juristischen Konstruktion. Schlegel liefert die Blaupause. Gesamtmetall erntet die Dividende.

Die Gewerkschaften: Schon lange auf der anderen Seite

Man könnte erwarten, dass die Gewerkschaften hier Widerstand leisten. Dass sie die Verhandlungsmacht der Beschäftigten verteidigen, indem sie das Bürgergeld als Rückzugsoption schützen.

Man erwartet zu viel.

Der DGB hat bei Hartz IV mitgemacht. Der damalige Vorsitzende Michael Sommer nannte es 2005 in Talkshows öffentlich einen „Schutz vor Armut" – während Millionen Menschen in Niedriglohnjobs gedrängt wurden, weil die Drohung des Totalentzugs ihre Verhandlungsmacht vernichtete. Die Gewerkschaftsbasis protestierte. Die Führung kapitulierte.

Das ist kein Versagen. Das ist Struktur. Der DGB wurde nach 1945 nicht als revolutionäre Gegenmacht aufgebaut, sondern mit Unterstützung der westlichen Besatzungsmächte als kontrollierbare Arbeitnehmervertretung – eine Instanz, die Widerstand in geregelten Bahnen hält und abbricht, sobald er über das selbst gesetzte Ziel hinaus zu gehen droht. Eine Basisorganisation im rechtlichen Sinn gibt es innerhalb des DGB nicht. Wahlen von unten nach oben existieren nicht.

Was bleibt, ist ein Verband, der gleichzeitig Systemkritik simuliert und das System stützt. Der DGB ist nicht der Gegner des Schlegel-Gutachtens. Er ist sein stilles Komplement.

Die Wohlfahrtsindustrie: Profit aus der Not

Wer glaubt, die karitativen Verbände stünden auf der Seite der Armen, sollte sich die Bilanzen ansehen.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband beschäftigt in seinen angeschlossenen Organisationen 501.000 Menschen – mehr als Volkswagen, Siemens und Bosch in Deutschland zusammen. Dazu kommen 1,5 Millionen Ehrenamtliche, die unbezahlt Aufgaben übernehmen, für die eigentlich sozialversicherungspflichtige Stellen geschaffen werden müssten. 94% des Einkommens stammen aus öffentlichen Mitteln – Steuergeld, Jobcenter-Budgets, EU-Strukturfonds.

Das Geschäftsmodell ist simpel: Armut wird verwaltet, nicht bekämpft. Denn wer die Armut beendet, beendet den eigenen Umsatz.

Die Doppelzüngigkeit hat ein Gesicht: Verbandschef Ulrich Schneider unterstützte Hartz-IV-Sanktionen mit der Begründung, das System müsse „akzeptiert werden von denen, die es finanzieren" – und forderte gleichzeitig vier Milliarden Euro mehr für seinen Apparat. Mehr Sanktionen bedeuten mehr Durchfälle, mehr Beratungsbedarf, mehr Eingliederungsmaßnahmen, mehr Abrechnung.

Das ist kein Widerspruch. Das ist Geschäftsstrategie.

Das ist kein Vorwurf an die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter an der Front. Das ist eine Analyse der Systemlogik: Je mehr Verelendung, desto mehr Durchlauf. Je mehr Durchlauf, desto mehr Abrechnung.

Schlegel liefert mit seiner Totalsanktions-Logik den Rohstoff für genau diesen Kreislauf: Menschen, die sanktioniert werden, fallen aus dem Bürgergeld-System heraus – und kommen durch die Hintertür der Reintegrations- und Notfallhilfe wieder herein. Nur dass jetzt zwischen ihrem Herausfallen und ihrem Ankommen eine Reihe von Institutionen stehen, die abrechnen. Allein die gesamte deutsche Wohlfahrtsindustrie – Paritätischer, Caritas, Diakonie, AWO, DRK – beschäftigt über zwei Millionen Hauptamtliche. Sie ist einer der größten Wirtschaftsakteure dieses Landes. Und sie lebt davon, dass die Not nicht aufhört.

Obdachlosigkeit, Drogen, Alkohol: Was kommt, wenn der Boden wegfällt

Das ist kein Horrorszenario. Das ist die empirische Konsequenz jedes Sozialstaatsabbaus, dokumentiert von Ländern, die diesen Weg früher gegangen sind.

In den USA explodierte die Obdachlosigkeit nach den Welfare-Reformen der 1990er Jahre. In Großbritannien nach den Kürzungen unter Cameron. In beiden Ländern stiegen parallel dazu Drogenkonsum, Alkoholkonsum, Selbstmordrate und Kleinkriminalität – nicht weil die Menschen schwächer wurden, sondern weil der Boden wegbrach.

Wer keinen Ausweg sieht, sucht Betäubung. Das ist menschlich. Das ist messbar. Und das ist – für bestimmte Industrien – ein Markt.

Die Pharmaindustrie. Die private Suchthilfe. Die Notunterkünfte in privater Trägerschaft. Die Security-Firmen, die Obdachlose aus Innenstädten vertreiben – im Auftrag von Kommunen, die das Sicherheitsgefühl der Konsumenten schützen wollen.

Jede dieser Branchen wächst proportional zur Verelendung. Keine von ihnen hat ein Interesse daran, dass die Verelendung endet.

Das System hat keinen Ausgang – es hat Profiteure

Was Schlegel entwirft, ist kein Systemfehler. Es ist ein Systemzustand, der für bestimmte Akteure optimal funktioniert:

Für Gesamtmetall: niedrigere Löhne durch maximierten Arbeitsdruck. Für die Gefängnisindustrie: wachsende Belegungszahlen durch produzierte Kriminalität. Für die Wohlfahrtsverbände: wachsende Abrechnungsvolumina durch wachsende Bedürftigkeit. Für die Suchthilfe: wachsende Klientel durch wachsende Hoffnungslosigkeit. Für die Immobilienwirtschaft: billiger freiwerdende Wohnfläche durch Zwangsumzüge.

Am Ende des Gutachtens steht kein gerechterer Sozialstaat. Am Ende steht eine Ökonomie des Elends – ein System, das von der Not seiner Opfer lebt und deshalb ein vitales Interesse daran hat, dass die Not nicht aufhört.

Schlegel hat dafür ein Honorar bekommen.

Gesamtmetall hat einen Auftrag vergeben.

Und irgendwo auf der Straße – ohne Geld, ohne Wohnung, ohne Arzt – bezahlt jemand die Rechnung.

→ Teil I: Selbstverschuldete Bedürftigkeit" – Das Schlegel-Gutachten und die Geschichte, die es nicht kennen will

Marigny de Grilleau

Teil I: „Selbstverschuldete Bedürftigkeit" – Das Schlegel-Gutachten und die Geschichte, die es nicht kennen will

Das Gutachten Schlegel/INSM und die Geschichte, die es nicht kennen will

Es gibt Begriffe, die Geschichte tragen. Schwer, blutig, unverkennbar.

„Selbstverschuldete Bedürftigkeit" ist so ein Begriff.

Prof. Dr. Rainer Schlegel, ehemaliger Präsident des Bundessozialgerichts, verwendet ihn in seinem Gutachten für die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) – Oktober 2025 – ohne mit der Wimper zu zucken. Wer eine zumutbare Arbeit ablehne, sei nicht „bedürftig" im Rechtssinn. Die Bedürftigkeit sei selbstverschuldet. Und deshalb: kein Geld, keine Wohnung, keine Krankenversicherung.

Wer die Geschichte kennt, hält inne.

Kein Geld. Kein Dach. Kein Arzt.

Wer eine zumutbare Arbeit ablehnt, soll laut Schlegel keinen Anspruch auf Grundsicherung mehr haben. Keinen Regelsatz. Keine Miete. Keine Heizkosten. Auch bei wiederholter Pflichtverletzung sieht er nur „Härtefallregelungen" vor – als Gnadenakt, nicht als Recht.

Und dann kommt der Punkt, der alles übertrifft: Wer keine Leistungen mehr bekommt, verliert damit auch die gesetzliche Krankenversicherung. Die staatliche Auffangversicherung? Greift laut Schlegel ebenfalls nicht – denn die Bedürftigkeit sei ja selbstverschuldet. Was bleibt: Notaufnahme. Akute Schmerzen. Schwangerschaft.

Das ist das Versorgungsniveau eines Armenhauses. Nur ohne das Armenhaus.

Die unfreiwillige Selbstentlarvung

Bevor wir zum historischen Vergleich kommen – Schlegel kommt ihm selbst zuvor.

Er schreibt in seinem Gutachten vorsorglich, Kritiker würden „unzulässige Parallelen zum Vorgehen des NS-Regimes gegen Arbeitsscheue" ziehen. Er baut diesen Abwehrreflex proaktiv in sein eigenes Papier ein – gegen eine Kritik, die zum Zeitpunkt der Abfassung noch niemand öffentlich erhoben hatte.

Das ist kein Argument. Das ist ein Geständnis.

Aber es kommt noch besser. Im Februar 2024, kurz vor seinem Ausscheiden als BSG-Präsident, gab Schlegel der Legal Tribune Online ein Abschiedsinterview. Darin berichtet er stolz, dass er am BSG ein Forschungsprojekt zur NS-Vergangenheit des Gerichts initiiert habe – zur Frage, ob frühere Richter „Gedankengut aus der NS-Zeit in ihre Rechtsprechung getragen haben." Er warnt vor der AfD. Er sagt wörtlich: „Die NSDAP hat auch mit geringen Prozentpunkten angefangen."

Wenige Monate später legt er der INSM ein Gutachten vor, das die Verwaltungslogik der NS-Asozialen-Verfolgung in moderne Rechtssprache übersetzt.

Derselbe Mann. Zwei Dokumente. Ein Widerspruch, für den es keine ehrliche Auflösung gibt.

Wer sich gegen einen Vorwurf verteidigt, bevor er gestellt wurde, und gleichzeitig vor historischen Wiederholungen warnt – der weiß genau, was er tut. Schlegel kennt die Geschichte. Er weiß, welche Logik er reaktiviert. Und er tut es trotzdem – mit Fußnoten, mit Paragraphen, mit dem Rückenwind von Gesamtmetall.

Wolfgang Ayaß und die Erfindung des „Asozialen"

Der Historiker Wolfgang Ayaß hat in seinem Standardwerk „Asoziale" im Nationalsozialismus akribisch dokumentiert, wie das NS-Regime eine Kategorie von Menschen schuf, die außerhalb der Volksgemeinschaft standen – nicht wegen Rasse, sondern wegen Verhalten. Wegen mangelnder „Leistungsbereitschaft".

Betroffen waren: Arbeitslose, die sich Arbeit verweigerten. Bettler. Obdachlose. „Herumtreiber". Menschen, die tranken, straffällig wurden, nicht „funktionierten".

Das NS-Regime nannte sie: asozial. Und es entwickelte für sie eine eigene Verfolgungslogik: Der entscheidende Rechtsbegriff lautete selbstverschuldete Notlage. Wer durch eigenes Verhalten in Not geraten war, hatte keinen Anspruch auf Fürsorge der Volksgemeinschaft. Die Konsequenz war nicht Strafe im strafrechtlichen Sinn. Es war Entzug. Entzug von Unterstützung. Entzug von Rechten. Einweisung in Arbeitslager. Deportation in Konzentrationslager, wo die „Asozialen" den schwarzen Winkel trugen.

Das Instrument: Vermutung. Wer nicht arbeitete, obwohl er arbeiten konnte, galt als arbeitsscheu. Der Beweis lag beim Betroffenen.

Die falsche Kleidung als Rechtstatbestand

Schlegel will gesetzliche Vermutungsregelungen einführen. Er fordert wörtlich eine Vermutungsregelung für den Fall, dass jemand „in ihrem Verhalten oder Auftreten bei Vorstellungsgesprächen nach Wahrnehmung des potenziellen Arbeitgebers auf eine fehlende Bereitschaft zur ernsthaften Arbeitsuche schließen lässt" oder „unrealistische Entgeltvorstellungen" äußert.

Das bedeutet in der Praxis: Wer in den Augen des Arbeitgebers die falsche Kleidung trägt oder sich falsch verhält, dem wird gesetzlich unterstellt, er wolle nicht arbeiten. Gelingt der Gegenbeweis nicht: kein Bürgergeld, keine Miete, keine Krankenversicherung.

Kein Richter entscheidet. Der Sachbearbeiter entscheidet. Der Arbeitgeber kann melden.

Wolfgang Ayaß beschreibt auf Seite 177 seines Werkes die Arbeitserziehungslager des NS-Regimes: 56 Tage Haft – kein Urteil, kein Richter, keine Anklage. Rein administrative Einweisung für Menschen, die zu langsam arbeiteten, zu wenig leisteten, sich „verweigerten". Ein Betrieb konnte einen Arbeiter melden. Die Gestapo entschied. Das reichte.

Die Struktur ist identisch mit dem, was Schlegel heute fordert: Nicht das Strafrecht greift, sondern die Verwaltung. Kein Gericht – der Sachbearbeiter entscheidet. Der Arbeitgeber berichtet, was er gesehen hat. Die Kleidung. Das Verhalten.

Arbeitserziehungslager damals. Vollständiger Leistungsentzug heute. Die Konsequenz ist eine andere. Die Logik ist dieselbe: Wer nicht funktioniert, wer nicht passt, wer auffällt – fällt aus dem Schutzbereich des Staates heraus. Administrativ. Ohne Gericht. Auf Zuruf.

Und man frage sich: Was sind die heutigen Pflicht-Coachings, die Eingliederungsmaßnahmen, die Aktivierungskurse „damit man sich das Arbeiten nicht entwöhnt" – wenn nicht die zivilisierte Fortsetzung genau dieser Logik? Der Rahmen ist weicher geworden. Das Prinzip – Zwang zur Anpassung unter Androhung des Entzugs – ist geblieben.

Die Sprache lügt nicht

Ayaß zeigt, dass die Verfolgung der „Asozialen" immer mit dem Angriff auf die Sprache begann. Begriffe wie „arbeitsscheu", „gemeinschaftsfremd", „Schmarotzer" wurden systematisch in die Rechtsprache eingeführt – um die Entrechtung administrativ handhabbar zu machen.

Heute: „Totalverweigerer". „Selbstverschuldete Bedürftigkeit". „Unrealistische Lohnforderungen" als Indiz für fehlende Arbeitswilligkeit.

Jugendliche sagen heute „hartzen" und meinen: faulenzen, schmarotzen, nutzlos sein. Die Spracharbeit der letzten drei Jahrzehnte – Hartz IV, die Dauerkampagne über „Sozialstaatsmissbrauch", die INSM-finanzierten Werbefeldzüge – hat diese Sprache ins Alltagsbewusstsein eingeschrieben. Der Hartzer ist der neue Ausgestoßene, der neue „Asoziale", der neue „Arbeitsscheue". Er dient der massenpsychologischen Aufwertung derer, die noch Arbeit haben – und sei sie noch so schlecht bezahlt: Gottlob, ich bin kein Hartzer. Wenigstens das.

Das ist keine spontane Volksmeinung. Das ist das Ergebnis von Jahrzehnten gezielter Spracharbeit. Schlegel liefert ihr die juristische Krönung.

Wer ist dieser Mann – und wer bezahlt ihn?

Rainer Schlegel war über acht Jahre Präsident des Bundessozialgerichts. Er hat in dieser Zeit über die Ansprüche von Millionen Menschen mitentschieden: Arbeitslose, Kranke, Behinderte, Arme. Er ist CDU-Mitglied – er sagt es selbst im Interview, ohne Umschweife.

Seit März 2024 ist er Pensionär. Nicht Rentner. Pensionär. Mit einer lebenslangen Beamtenpension, die kein Jobcenter der Welt kürzen kann. Kein Sachbearbeiter kann ihn auffordern, seine Kleidung zu überdenken. Keine Vermutungsregelung trifft ihn. Er ist abgesichert – auf Staatskosten, auf Lebenszeit.

Für sein Gutachten hat er ein Honorar erhalten. Von der INSM – finanziert durch Gesamtmetall, den Arbeitgeberverband der Metall- und Elektroindustrie, der seit dem Jahr 2000 systematisch für Lohnzurückhaltung, Deregulierung und Sozialstaatsabbau wirbt.

Dieselben Arbeitgeberverbände, die Zehn Millionen Osteuropäer als Wanderarbeiter, als Lohndrücker, als Streikbrecher wider Willen durch Deutschland schleusen – und damit die Löhne drücken. Automatisierung vernichtet weitere Arbeitsplätze. Deindustrialisierung macht ganze Regionen beschäftigungslos. Und während all das passiert, bezahlen dieselben Akteure einen abgesicherten Pensionisten dafür, denjenigen, die am Ende dieser Entwicklungen stehen, auch noch den Arzt wegzunehmen.

Das ist keine Sachverhaltsanalyse. Das ist ein Auftrag. Und Schlegel führt ihn aus.

Was normalisiert wird

Normalisiert wird der Gedanke, dass ein Mensch ohne Arbeit kein vollständiges Mitglied der Gesellschaft ist.

Normalisiert wird, dass Würde im Umgang mit Behörden verdächtig ist.

Normalisiert wird, dass der Staat kranken Menschen die medizinische Versorgung entziehen darf – wenn er ihre Not für selbst verschuldet hält.

Das ist nicht Sozialreform. Das ist die Herausdefinition bestimmter Menschen aus dem Schutzbereich des Staates – Gutachten für Gutachten, Paragraph für Paragraph.

Ayaß hat beschrieben, wie es endet, wenn eine Gesellschaft diesen Weg geht.

Schlegel hat gewarnt: „Die NSDAP hat auch mit geringen Prozentpunkten angefangen."

Und dann hat er das Gutachten geschrieben. 

Wer das für bewusste Korruption hält, unterschätzt die Eleganz des Systems. Anthony Sutton beschrieb es als Zwiebelstruktur: Der Kern gibt die Richtung weiter in die nächste Schicht, die nächste Schicht in die übernächste – jede in sich geschlossen, jede ohne vollständiges Bild des Ganzen. Schlegel muss den Kern nicht kennen. Er liefert trotzdem. Das System produziert seine Überzeugungstäter – es bestellt sie nicht. 

Was folgt

Gutachten enden auf Papier. Die Konsequenzen enden auf der Straße.

Was Schlegel im Auftrag von Gesamtmetall entwirft, ist kein abstraktes Rechtskonstrukt. Es ist ein Produktionsplan. Er produziert Obdachlose. Er produziert Kranke ohne Arzt. Er produziert Kriminalität. Und er produziert Profit – für genau jene, die dieses System betreiben und von ihm leben.

Wer das nicht glaubt, sollte sich ansehen, wer in diesem Land an der Verelendung verdient: die Gefängnisindustrie, die Wohlfahrtskonzerne mit ihren zweistelligen Milliardenbudgets, die Träger der Pflichtmaßnahmen, die Suchthilfe, die private Sicherheitsbranche.

Alle diese Akteure brauchen, was Schlegel produziert: Menschen ohne Netz.

Teil II: Die Ökonomie des Elends – Wer an der Verelendung verdient


Mittwoch, 18. Februar 2026

17.000 tote Babys in einem Stahlcontainer – und niemand ging ins Gefängnis

Eine Geschichte über industrielle Verwertung, sprachliche Tarnung und das Verschwinden von Beweisen

Im Februar 1982 schickten die Arbeiter der Martin Container Company in Los Angeles einen Truck nach Woodland Hills, um einen unbezahlten Seecontainer zu pfänden. Was sie fanden, als sie die Stahltüren öffneten, veränderte ihr Leben.

Hank Stolk, einer der Arbeiter, beschrieb es so: „Einer der Behälter fiel herunter und schlug direkt vor meinen Füßen auf. Er öffnete sich und da war er… ein verstümmelter Körper."

Sein Kollege Ron Gillette fand deutlichere Worte: „Stehen Sie da und starren Sie 15 Minuten lang auf ein auseinandergerissenes Baby, so wie ich es getan habe. Stehen Sie da und zählen Sie die Finger und schauen Sie auf Beine mit kleinen Kniescheiben, die vom Körper gerissen wurden. Stehen Sie da und versuchen Sie, den Kopf zu finden, nur um festzustellen, dass es keinen Kopf gibt."

Ein Lkw-Fahrer, der am nächsten Tag zur Arbeit kam, sagte: „Es waren einfach winzige Babys, wissen Sie? Alle in Stücke gerissen. Köpfe abgehackt, Arme, Beine… es macht einen einfach krank, so etwas zu sehen. Man möchte einfach nur weinen."

Der Container war von vorne bis zur Decke und zu den Seiten damit gefüllt. 16.433 Körper, wie die spätere Zählung ergab. Nicht gekühlt. In einem Stahlcontainer. Seit mindestens zwei Jahren.

Die Vorgeschichte: Ein Geschäftsmodell

Malvin Weisberg betrieb seit 1976 die „Medical Analytic Laboratories" in Santa Monica. Ein profitables Geschäftsmodell: Kliniken, Krankenhäuser und niedergelassene Ärzte in Kalifornien und anderen Bundesstaaten schickten ihm abgetriebene Föten zur Pathologieuntersuchung. Weisberg ließ die Untersuchungen von einem angestellten Pathologen durchführen, kassierte dafür Medi-Cal-Zahlungen – und war vertraglich verpflichtet, die Überreste anschließend ordnungsgemäß zu entsorgen.

Das tat er nicht. Die Entsorgung hätte Geld gekostet, und die Luftreinhaltungsvorschriften in Los Angeles machten eine Verbrennung vor Ort unmöglich. Also kaufte Weisberg 1980 einen Seecontainer und ließ ihn in seinen Hinterhof liefern. Schon der erste Scheck über 1.700 Dollar platzte – aber der Container stand nun da, und Weisberg begann, die Körper darin zu stapeln.

Fast 175.000 Dollar an Medi-Cal-Zahlungen flossen in sein Labor, davon 88.000 Dollar allein für Pathologietests an abgetriebenen Föten. Die Hälfte davon – 44.000 Dollar – kam aus Bundesmitteln, obwohl das Hyde Amendment genau solche Zahlungen verbot. Als Bundesprüfer später die Bücher durchgingen, stellte der HHS-Inspektor Richard Kusserow fest, dass das Labor „routinemäßig fragwürdige Abrechnungen unter falschem Abrechnungscode eingereicht" hatte. Strafrechtliche Konsequenzen? Keine. Das Labor war geschlossen, Weisberg bankrott – „keine Vermögenswerte, gegen die man zivilrechtlich vorgehen könnte."

Ein Mann kassiert jahrelang öffentliche Gelder für Dienstleistungen, die er nicht erbringt, lagert Tausende menschlicher Überreste illegal in seinem Garten – und das System zuckt die Achseln.

Die Frage, die nie beantwortet wurde

Als das Los Angeles County Board of Supervisors von dem Fund erfuhr, ordnete es Autopsien an – und stellte die entscheidende Frage: Wurden einige dieser Babys lebend in Formaldehyd getaucht?

Um das festzustellen, musste ein Pathologe die Lungen auf Sauerstoffrückstände untersuchen. Denn wenn die Lungen Sauerstoff enthalten, hat das Kind nach der Entnahme aus dem Mutterleib geatmet. Es war lebendig. Dann wäre es kein „Schwangerschaftsabbruch" mehr gewesen, sondern die Tötung eines geborenen Menschen.

Dr. Joseph Wood, ein Pathologe aus San Diego, führte an einem einzigen Tag Autopsien an 43 der größeren Körper durch. Er entnahm Lungenproben und legte sie in Probengefäße. Der Bestatter Glenn Wong, der als Fotograf hinzugezogen wurde, beschrieb, was er sah: „Glauben Sie mir, sie waren zerstückelt. Bei einigen traten die Augen hervor, bei anderen war der Brustkorb aufgerissen. Ich erinnere mich an einen Fall, wo ich eine Hand und einen Fuß völlig getrennt sah."

193 der Körper waren nachweislich älter als 20 Wochen, der älteste fast 30 Wochen. Bei 30 Wochen wiegt ein Baby etwa 1.300 bis 1.500 Gramm, ist circa 40 Zentimeter lang, hat Fingernägel, kann hören, reagiert auf Licht, hat Schlaf-Wach-Zyklen – und ist mit neonatologischer Versorgung überlebensfähig. Selbst in den frühen 1980er Jahren. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Al Albergate, bestätigte, dass fünf bis sieben der Körper „possibly viable" waren – also außerhalb des Mutterleibs hätten überleben können.

Was ergaben die Lungenuntersuchungen? Das Ergebnis wurde nie veröffentlicht. Die Staatsanwaltschaft erklärte schlicht, die 20-Wochen-Grenze des kalifornischen Gesetzes sei wegen des Roe v. Wade-Urteils von 1973 „verfassungsrechtlich nicht durchsetzbar" – und stellte die Ermittlungen ein.

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Die zentrale forensische Frage – ob lebensfähige Kinder getötet wurden – wurde möglicherweise beantwortet, aber das Ergebnis verschwand in den Akten. Und dann wurden die Bedingungen geschaffen, unter denen eine spätere Überprüfung unmöglich wurde.

Die Herkunft: Inglewood Women's Hospital

Die 43 größten Körper trugen alle noch Etiketten. Sie stammten vom Inglewood Women's Hospital, das Dr. Morton Barke gehörte. Barke hatte die Klinik 1970 in einer vorwiegend afroamerikanischen Gemeinde eröffnet – die Immobilien waren günstig, die Klientel reichlich vorhanden.

Auf dem Höhepunkt seines Betriebs führte das Inglewood Women's Hospital mehr als 74 Abtreibungen pro Tag durch. In einem einzigen Operationsraum.

Mindestens acht Frauen starben dort nachweislich durch die Hände der Abtreibungsärzte: Jannet Foster, Margaret Davis, Kathy Murphy, Lynette Wallace, Cora Mae Lewis, Yvonne Tanner, Belinda Byrd und Elizabeth Tsuji. Alle bis auf eine waren Afroamerikanerinnen.

Belinda Byrd war 37 Jahre alt, als sie am 24. Januar 1987 eine Abtreibung durch Dr. Stephen Pine vornehmen ließ. Sie war die 74. Patientin des Tages. Nach dem Eingriff wurde sie drei Stunden lang unbeaufsichtigt auf einer Bahre liegen gelassen. Als man sie fand, war sie nicht mehr ansprechbar. Das Personal brauchte weitere zwei Stunden, um sie in ein geeignetes Krankenhaus zu verlegen. Drei Tage später war sie tot.

Ihre Mutter schrieb an die Staatsanwaltschaft: „Die Leute sagen mir, dass nichts passiert ist, dass niemals etwas mit weißen Abtreibungsärzten passiert, die junge schwarze Frauen tot zurücklassen. Ich leide wirklich sehr und will Gerechtigkeit für Belinda und alle anderen Frauen, die wie Schafe zur Schlachtbank gehen."

1988 schloss das Gesundheitsamt die Klinik wegen einer 14-jährigen Geschichte von Mängeln und schweren Verstößen. Barke verkaufte sofort an einen Kollegen, Dr. Edward Allred von der Abtreibungskette „Family Planning Associates". Die Klinik öffnete unter neuem Namen wieder – als „Klinik" statt „Krankenhaus" unterlag sie weniger strenger Aufsicht.

Die vier bekannten Ärzte des Inglewood Women's Hospital wurden alle wegen grober Fahrlässigkeit diszipliniert. Keiner ging ins Gefängnis. Die meisten praktizierten Jahre später weiter – in Botox-Kliniken, als medizinische Marihuana-Gutachter, in gynäkologischen Praxen.

Der Kampf um die Sprache

Hier beginnt die eigentlich interessante Analyse. Denn der gesamte juristische und politische Konflikt, der sich über dreieinhalb Jahre hinzog, drehte sich nicht um die Frage, wie 16.433 menschliche Körper in einem Container landen konnten. Er drehte sich um ein einziges Problem: Wie nennt man sie?

Die Arbeiter, die den Container öffneten, sprachen instinktiv von „Babys". Sie sahen Finger, Kniescheiben, Köpfe – oder deren Abwesenheit. Für sie war die Sache eindeutig.

Präsident Reagan schrieb von „these children" – diesen Kindern – und nannte den Fall eine „nationale Tragödie". Er verglich die Situation mit Gettysburg: „Genau wie die schreckliche Opferzahl von Gettysburg auf eine tragische Entscheidung eines gespaltenen Supreme Court zurückgeführt werden kann, so können wir auch diese Tode betrauern."

Die ACLU und das Feminist Women's Health Center – selbst ein Abtreibungsanbieter – bestanden auf „fetal tissue": Gewebe. Sie klagten jahrelang dafür, dass die Überreste als medizinischer Abfall eingeäschert werden. Die Anwältinnen Carol Downer und Gloria Allred arbeiteten hinter den Kulissen genau darauf hin.

Bezirksrat Michael Antonovich brachte den Punkt auf den Tisch: „Die ACLU kommt und sagt, das sei nur ‚Gewebe', man solle sie verbrennen, eine Bestattung sei nicht nötig, weil das sonst Probleme schaffen würde. Probleme für wen?"

Der Besitzer des Lagerplatzes sah es noch klarer: „Sogar beim Gerichtsmediziner hatte ich das Gefühl, dass sie diese wie tote Menschen behandelten – und es sind tote Menschen. So haben es alle gesehen. Offensichtlich sieht die ACLU das nicht so."

Das ist der Kern: Wer die Definitionshoheit über die Sprache hat, bestimmt, was Realität ist. „Fetal tissue" kann man verbrennen. „Babys" muss man bestatten. Und eine Bestattung von 16.433 „Babys" – das wäre ein Bild gewesen, das sich nicht mehr aus der öffentlichen Wahrnehmung entfernen lässt.

Die systematische Vernichtung der Beweise

Um dem Gerichtsbeschluss zu entsprechen, dass die Identität der Mütter, der Babys und der Abtreibungsärzte verschleiert werden müsse, ordnete das Gesundheitsamt von Los Angeles County Folgendes an: Die Körper wurden in Massen aus ihren individuellen, identifizierenden Behältern in sechs sarggroße Sperrholzkisten gekippt. Das Amt versicherte der ACLU, dass keine Behälter mit identifizierenden Markierungen übrig bleiben würden.

Man muss verstehen, was hier geschah: Die Behälter, die Weisberg gelagert hatte, trugen Etiketten mit den Namen der Mütter und der durchführenden Ärzte. Sie waren Beweismaterial. Die systematische „Anonymisierung" war gleichzeitig eine systematische Beweisvernichtung – durchgeführt nicht von Kriminellen, sondern von Behörden, auf richterliche Anordnung, im Namen des Persönlichkeitsschutzes.

Am 6. Oktober 1985 – dreieinhalb Jahre nach der Entdeckung – wurden die sechs Kisten auf dem Odd Fellows Cemetery in Boyle Heights beigesetzt. Es war, so heißt es, die größte bekannte Friedhofsbestattung menschlicher Körper in der Geschichte.

Abtreibungsgegner hatten katholische Friedhöfe angeboten. Das Gericht untersagte dies: Eine religiöse Zeremonie unter staatlicher Beteiligung verstoße gegen die Verfassung. Der konfessionslose Odd Fellows Cemetery wurde gewählt. Die ACLU hatte nicht einmal gegen die Bestattung selbst gewonnen – nur gegen ihre symbolische Aufladung.

Die Randnotiz, die keine ist: John Roberts

Eine Fußnote, die Jahrzehnte später Bedeutung gewann: Im Weißen Haus befasste sich 1982 ein junger Anwalt namens John Roberts mit dem Fall. Roberts, damals im Büro des White House Counsel, verfasste ein Memo an seinen Vorgesetzten Fred Fielding. Darin schrieb er: „Die Position des Präsidenten ist, dass die Föten menschliche Wesen waren, oder zumindest nicht bewiesen werden kann, dass sie es nicht waren, und dementsprechend scheint eine Gedenkfeier völlig angemessen."

Gleichzeitig wollte Roberts, dass Reagans Brief zur Gedenkfeier unter Verschluss bleibt. Der Brief wurde trotzdem veröffentlicht.

John Roberts ist heute Chief Justice des Supreme Court der Vereinigten Staaten.

Was dieser Fall zeigt

Dieser Fall wird in der öffentlichen Wahrnehmung – sofern er überhaupt bekannt ist – als Episode der Abtreibungsdebatte behandelt. Pro-Lifer instrumentalisierten die Bilder, Pro-Choicer verteidigten das Recht auf den Eingriff. Beide Seiten benutzten die 16.433 Körper als Munition für ihre jeweilige Position.

Aber wenn man einen Schritt zurücktritt und die Struktur betrachtet, sieht man etwas anderes:

Ein industrielles Verwertungssystem. Kliniken produzierten den „Abfall", ein Labor kassierte öffentliche Gelder für dessen „Verarbeitung", und die Entsorgung war der Kostenfaktor, an dem gespart wurde. Die Körper waren Durchlaufposten in einer Wertschöpfungskette.

Rassistische Selektion. Die Klinik, die die größten Babys lieferte, operierte gezielt in einer armen, schwarzen Nachbarschaft. Die Frauen, die dort starben, waren fast ausschließlich Afroamerikanerinnen. Die Mutter eines der Opfer formulierte es deutlicher als jede akademische Analyse.

Juristische Immunität. Weder Weisberg noch die Ärzte wurden strafrechtlich verfolgt. Nicht weil die Beweise fehlten, sondern weil die Rechtsauslegung so justiert wurde, dass das Gesetz ins Leere lief.

Sprachliche Tarnkappen. Die Fachterminologie – „fetal tissue", „medical waste", „disposal" – übersetzte eine Realität, die Augenzeugen als „Kriegszone" beschrieben, in eine bürokratisch verwaltbare Angelegenheit.

Behördliche Beweisvernichtung. Die identifizierenden Behälter wurden zerstört, die Körper anonymisiert, die Lungenuntersuchungsergebnisse nie veröffentlicht. Nicht durch Verschwörung, sondern durch das reguläre Funktionieren institutioneller Prozesse.

Die Reporterin Jane Chastain stellte in der Dokumentation eine Zahl in den Raum, die den ganzen Fall in Perspektive setzt: Alle drei Tage wurde damals in den Vereinigten Staaten eine vergleichbare Anzahl ungeborener Kinder „entsorgt". 17.000 alle drei Tage. Der Container in Woodland Hills war kein Skandal. Er war ein Ausschnitt aus dem Normalbetrieb – der nur deshalb sichtbar wurde, weil jemand seine Rechnungen nicht bezahlt hatte.


Die in diesem Artikel verwendeten Augenzeugenberichte stammen aus zeitgenössischen Medienberichten, Gerichtsakten (Feminist Women's Health Center, Inc. v. Philibosian, 157 Cal. App. 3d 1076), der Dokumentation des Center for the Documentation of the American Holocaust sowie einer Fernsehdokumentation der Reporterin Jane Chastain aus den

Dienstag, 17. Februar 2026

Die heilige Allianz der Arbeit

Warum alle Parteien, Gewerkschaften und Verbände am Arbeitsfetisch festhalten – und was das über unser System verrät

Es gibt in Deutschland eine Frage, die nicht gestellt werden darf. Nicht von links, nicht von rechts, nicht von den Gewerkschaften, nicht von den Kirchen, nicht von den Wohlfahrtsverbänden. Die Frage lautet: Wozu eigentlich Arbeit?

Nicht: Wie verteilen wir Arbeit gerechter? Nicht: Wie machen wir Arbeit humaner? Sondern: Warum halten wir an einem System fest, das Arbeit um der Arbeit willen erzwingt – obwohl die technologischen Mittel längst existieren, um den Menschen von ihr zu befreien?

Diese Frage wird nicht gestellt. Von niemandem. Und genau das ist der Skandal.

Die bizarre Einigkeit

Beobachten wir das politische Spektrum: Die Linke fordert "gute Arbeit für alle". Die SPD verspricht "Respekt für Arbeitsleistung". Die Grünen wollen "nachhaltige Arbeitsplätze". Die FDP predigt "Leistung muss sich lohnen". Die CDU beschwört die "arbeitende Mitte". Die AfD wettert gegen "Faulenzer im Sozialsystem".

Und alle – ausnahmslos alle – wettern gegen die "Sozialschmarotzer". Man versucht es manchmal in schöne Worte zu verpacken: "Fördern und Fordern", "Gegenleistung für Solidarität", "Missbrauch bekämpfen". Doch immer wieder bricht die nackte Verachtung durch.

"Spätrömische Dekadenz" – das war nicht AfD, das war Guido Westerwelle, FDP. Sozialhilfe-Mütter, die ihr Geld lieber in den Schnapsladen tragen statt ihre Kinder zu versorgen – das war die CDU-Debatte um Sachleistungen statt Bargeld. "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen" – Franz Müntefering, SPD. "Parasiten", "Drückeberger", "Sozial-Touristen" – das Vokabular der Entmenschlichung ist Mainstream, nicht Randphänomen.

Die AfD hat diese Rhetorik nicht erfunden. Sie hat sie nur geerbt – von denselben Volksparteien, die sich heute als ihre moralischen Gegner inszenieren.

Die Sprache entlarvt die Einigkeit: Von Merz bis Wagenknecht, von Habeck bis Lindner – sobald es um Menschen ohne Erwerbsarbeit geht, greifen alle zum selben Arsenal der Verachtung.

Die Gewerkschaften kämpfen um Arbeitsplätze – egal ob in Kindergärten oder Rüstungsfabriken. Die Caritas und Diakonie betreiben Maßnahmenzentren, in denen Akademiker das "professionelle Händeschütteln" üben. Die Arbeitgeberverbände finanzieren Kampagnen mit dem Slogan "Sozial ist, was Arbeit schafft" – ein Satz, den Alfred Hugenberg 1933 für die Nazis erdachte.

Von links bis rechts, von den Kanzeln bis in die Betriebsräte: Arbeit ist heilig. Arbeit ist Pflicht. Arbeit ist Würde. Arbeit ist Sinn.

Warum diese bizarre Einigkeit? Warum findet die einzig vernünftige Position – dass der Zweck der Arbeit ihre eigene Überwindung sein sollte – keinen politischen Ort?

Die Komplizen des Systems

Die Antwort ist unbequem: Alle diese Institutionen leben von der Arbeitsgesellschaft. Sie sind strukturell unfähig, das System in Frage zu stellen, weil sie Teil davon sind.

Die Gewerkschaften existieren nur, solange es Lohnarbeit gibt. Ihre Macht beruht auf der Organisierung von Arbeitnehmern. Eine Gesellschaft, die Arbeit radikal reduziert, würde sie überflüssig machen. Also kämpfen sie nicht gegen die Arbeit, sondern um Arbeit – um ihre eigene Existenzberechtigung.

Die Wohlfahrtsverbände – Caritas, Diakonie, AWO, Paritätischer – betreiben eine milliardenschwere Maßnahmenindustrie. Sie verdienen an jeder "Aktivierungsmaßnahme", an jedem "Bewerbungstraining", an jeder sinnlosen Beschäftigungstherapie. Die Jobcenter sind ihre Kunden, die Arbeitslosen ihre Rohstoffe. Ein System ohne Arbeitszwang würde ihre Geschäftsgrundlage vernichten.

Die Parteien brauchen das Versprechen der Vollbeschäftigung als Wahlkampfmunition. "Wir schaffen Arbeitsplätze" ist der universelle Köder, der seit Jahrzehnten funktioniert. Wer stattdessen sagt: "Wir befreien euch von der Arbeit" – der wird als Spinner abgetan oder als Gefahr bekämpft.

Die Intellektuellen und Experten – jene "Priesterschaft", die Sozialpolitik entwirft und ihre Umsetzung überwacht – beziehen ihre Macht aus der Komplexität des Systems. Je undurchschaubarer die Sozialgesetzbücher, desto unverzichtbarer die Experten. Vereinfachung wäre Machtverlust.

Sie alle bilden eine heilige Allianz der Arbeit – nicht durch Verschwörung, sondern durch strukturelle Interessenkonvergenz. Niemand muss sich absprechen. Das System reproduziert sich selbst.

Die totalitäre Dimension

Hannah Arendt definierte Totalitarismus nicht nur durch Terror, sondern durch die Unmöglichkeit einer Außenposition. Ein totalitäres System ist eines, das keine Alternative mehr denkbar erscheinen lässt.

In genau diesem Sinne ist die deutsche Arbeitsgesellschaft totalitär.

Wer die Grundannahme – dass jeder Mensch arbeiten muss – in Frage stellt, wird nicht widerlegt, sondern pathologisiert. Er ist "arbeitsscheu", "asozial", "Sozialschmarotzer". Die Sprache selbst ist kontaminiert: "Arbeitslos" – als fehle dem Menschen etwas Wesentliches. "Arbeitgeber" – als würden Unternehmen Arbeit verschenken statt Arbeitskraft kaufen. "Jobcenter" – als gäbe es dort Jobs.

Die Jobcenter vollstrecken diese Ideologie mit bürokratischer Präzision. Wer sich weigert, an der Simulation von Arbeit teilzunehmen – an den Motivationstrainings, den Bewerbungskursen, den "Aktivierungsmaßnahmen" –, dem werden die Grundmittel zum Leben gekürzt. Das System zwingt Menschen unter Androhung existenzieller Not, an ihrer eigenen Disziplinierung mitzuwirken.

Napoleon wusste es: "Je mehr meine Völker arbeiten, desto weniger Laster wird es geben." Die Jobcenter sind die Vollstrecker dieser Logik – nicht mehr mit Knute und Kerker, sondern mit Eingliederungsvereinbarungen und Sanktionsbescheiden.

Die Botschaft ist klar: Es gibt kein Außerhalb. Selbst sinnlose Arbeit ist besser als keine Arbeit. Der Mensch muss beschäftigt werden, koste es, was es wolle.

Die Perversion der Vernunft

Aristoteles erkannte vor 2.400 Jahren eine simple Wahrheit: Der Zweck der Arbeit ist die Nicht-Arbeit. Menschen erfinden Werkzeuge, um sich von Arbeit zu befreien. Das ist der Sinn von Technologie: Arbeit überflüssig zu machen.

Was erleben wir heute? Die vollständige Umkehrung dieser Zweck-Mittel-Relation.

Arbeit ist nicht mehr Mittel zum Zweck, sondern Selbstzweck. Neue Technologien werden nicht entwickelt, um Arbeit zu sparen, sondern um neue Arbeitsfelder zu erschließen. Die Digitalisierung, die uns von Routinearbeit befreien könnte, wird genutzt, um noch mehr Menschen in noch mehr Arbeitsprozesse einzubinden.

Die Bundesagentur für Arbeit beschäftigt über 100.000 Menschen. Sie vermittelt weniger als fünf Prozent der Arbeitslosen in Jobs. Der Rest findet selbst Arbeit – oder wird in Maßnahmen geparkt, die Milliarden verschlingen und nichts produzieren außer Statistiken und Konformität.

Arbeit findet statt, damit Arbeit stattfindet. Ein sich selbst perpetuierender Kreislauf, der jeder Vernunft spottet.

Jean Baudrillard beschrieb es präzise: "Ein gigantisches Ritual von Zeichen der Arbeit breitet sich über die ganze Gesellschaft aus – ob das noch produziert, Hauptsache, es reproduziert sich."

Die Frage, die gestellt werden muss

Warum akzeptieren wir das?

Warum nehmen wir hin, dass Menschen gezwungen werden, ihre Lebenszeit mit simulierter Beschäftigung zu verschwenden? Dass Milliarden in einen Apparat fließen, der sich selbst verwaltet? Dass die Würde des Menschen davon abhängt, ob er einen "Arbeitsplatz" hat – egal wie sinnlos, wie schlecht bezahlt, wie zerstörerisch?

Warum stellen wir nicht die naheliegende Frage: Wenn Vollbeschäftigung nicht mehr erreichbar ist – und das wissen alle Ökonomen –, warum organisieren wir unsere Gesellschaft dann weiterhin so, als wäre sie das höchste Ziel?

Die Antwort ist: Weil Arbeit ein Herrschaftsinstrument ist. Nicht trotz, sondern wegen ihrer zunehmenden Sinnlosigkeit.

Die Angst vor Arbeitslosigkeit diszipliniert die Beschäftigten. Sie senken die Köpfe, fordern keine höheren Löhne, akzeptieren schlechtere Bedingungen. Die Verwaltung der Arbeitslosen beschäftigt eine ganze Industrie – und hält die Betroffenen in Abhängigkeit und Kontrolle. Das Versprechen der Vollbeschäftigung legitimiert jeden Eingriff in das Leben der Menschen.

Das System braucht die Arbeitslosigkeit als Drohkulisse. Es braucht den Arbeitszwang als Disziplinierungsmittel. Es braucht die Simulation von Arbeit als Beweis, dass "alles getan wird".

Ein Gegenmodell

Es ginge auch anders.

Bildungsautonomie statt Zuweisung. Der Arbeitslose entscheidet selbst, welche Qualifikation er erwirbt. Keine Eingliederungsvereinbarungen, keine sinnlosen Maßnahmen. Ein Antrag: "Diese Ausbildung möchte ich machen." Bewilligung. Fertig.

Plattform statt Behörde. Eine öffentliche digitale Infrastruktur, auf der Unternehmen und Arbeitssuchende direkt zusammenfinden. Ohne Vermittler, ohne Fallmanager, ohne die 30.000 Euro Verwaltungskosten pro erfolgreicher Vermittlung.

Selbstverwaltung statt Bevormundung. Arbeitslose organisieren sich, unterstützen sich gegenseitig, verwalten Mittel selbst – wie früher die Gewerkschaftskassen.

Sozialämter für Härtefälle. Wer wirklich nicht kann – psychisch krank, suchtkrank, in komplexen Krisen –, bekommt individuelle Hilfe. Aber als Angebot, nicht als Kontrolle. Auf Augenhöhe.

Dieses Modell würde die entwürdigende Trennung zwischen SGB II und SGB XII aufheben. Es würde Milliarden an Bürokratiekosten sparen. Es würde Erwachsene als Erwachsene behandeln.

Vor allem aber würde es die Frage stellen, die nicht gestellt werden darf: Wozu eigentlich Arbeit?

Der Weg aus der Arbeitsfalle

Aristoteles' Vision einer Gesellschaft, in der Werkzeuge und Technologie den Menschen von der Arbeit befreien, ist heute technisch möglich. Sie scheitert nicht an der Ökonomie, sondern an der Ideologie.

Der Arbeitsfetisch ist eine Religion ohne Gott – aber mit Priestern, Tempeln und Inquisition. Die Jobcenter sind seine Kathedralen, die Sozialgesetzbücher seine heiligen Schriften, die Sanktionen seine Bußen.

Diese Religion zu überwinden, erfordert mehr als Reformen. Es erfordert die Erkenntnis, dass "Arbeit macht frei" eine Lüge war – und immer noch ist.

Nicht die Arbeitslosen müssen aktiviert werden. Das System muss beendet werden.

Nicht reformieren. Abschaffen.

Montag, 16. Februar 2026

Die Systemkritikerin aus dem Milliardärs-Orbit – oder: Wie man dem Volk den Libertarismus in die Synapsen pflanzt

 

Joana Cotar, geboren 1973 im rumänischen Pitești, floh als Kind mit ihrer Familie vor dem Ceaușescu-Regime nach Deutschland. Studium der Politikwissenschaft und Germanistik in Mannheim. Dann: Finanzbranche. IT-Projektmanagement bei der Deutschen Börse Group. Man merke sich das – Deutsche Börse Group, nicht irgendein Mittelständler aus Hessen.

2013 tritt sie der AfD bei, 2017 zieht sie in den Bundestag ein, wird digitalpolitische Sprecherin und Obfrau im Digitalausschuss. Nach innerparteilichen Konflikten verlässt sie 2022 die Fraktion, sitzt bis 2025 als fraktionslose Abgeordnete im Parlament. Soweit die offizielle Biografie.

Was man sich aber auf der Zunge zergehen lassen muss: Diese Frau gründete „Bitcoin im Bundestag", engagiert sich heute für das Milei-Institut und die Partei Team Freiheit. Finanzbranche, Deutsche Börse, Bitcoin, Milei – erkennt jemand das Muster? Nein? Keine Sorge, kommt noch.

Jetzt hat sie ein Buch geschrieben. „Inside Bundestag." Acht Jahre Insiderwissen, jetzt packt sie aus. Die alternativen Medien überschlagen sich. Jasmin Kosubek lädt sie ein und stellt – das muss man ihr zugutehalten – am Ende auch die richtigen Fragen. Endlich sagt's mal eine! Die Parteien haben sich den Staat zur Beute gemacht! Egal wen man wählt, das System ändert sich nicht!

Ja. Und? Das steht seit den 70er Jahren in Büchern. Das weiß jeder, der mal fünf Minuten nachgedacht hat. Aber gut, jetzt hat es eine Ex-Abgeordnete aufgeschrieben, die aus der Finanzbranche kommt, deren Bruder Milliarden bewegt und die ein Institut für Deregulierung nach Milei-Vorbild mitträgt – also klatschen alle brav.

Schauen wir uns mal an, was diese mutige Systemkritik so hergibt.

Die große Enthüllung: Politiker geben Geld aus

Ein Abgeordneter kostet eine halbe Million im Jahr. Skandal. Die fliegen Business Class. Skandal. Die kaufen sich iPhones von der Büropauschale. Skandal. Eine CDU-Kollegin hat eine E-Mail rumgeschickt, dass man Ende des Jahres noch schnell die Pauschale verbraten soll. Riesenskandal.

Jemand hat mal 956 Auslandsdienstreisen gezählt in zwei Jahren. Kosten: knapp 7 Millionen Euro. Da muss man jetzt erstmal tief durchatmen, sagt Frau Cotar. Der Interviewer empfiehlt Baldrian-Tee.

Leute. Sieben Millionen Euro. Bei einem Bundeshaushalt von über 400 Milliarden. Das ist, als würde jemand mit einer Lupe den Krümel auf dem Küchentisch untersuchen, während das Haus abbrennt.

Aber es geht noch weiter. Parteistiftungen kriegen 697 Millionen im Jahr. Irre! Fraktionen kriegen 140 Millionen. Wahnsinn! Sponsoring! Mandatsträgerabgaben! Ein raffiniertes System!

Ja. Und? Die Dame rechnet zusammen und kommt auf irgendwas über eine Milliarde. Dann sagt sie: Der Bundestag kostet 1,4 Milliarden im Jahr. Und dann – Achtung, jetzt kommt die ganz tiefe Analyse – sagt sie, ihr würden diese Zahlen gar nichts mehr sagen, weil sie so groß seien.

Willkommen im Club, Frau Cotar. Die Zahlen sagen Ihnen nichts, weil Sie nicht bis zu den Zahlen vorgedrungen sind, die tatsächlich etwas sagen.

Aber die Sozialhilfeempfänger, die sind das Problem

Während sich die Herrschaften eine halbe Million pro Nase gönnen, Business Class fliegen, Fahrdienste um 2 Uhr morgens rufen und ihre Büropauschale im Dezember noch schnell in den Elektronikmarkt tragen – während dieser ganze selbstbedienungsladen auf Hochtouren läuft – wissen dieselben Leute ganz genau, wo das eigentliche Problem liegt: Bei der alleinerziehenden Mutter, die Bürgergeld bezieht.

Die ist nämlich schuld. An allem. Am Staatshaushalt, an der Wirtschaftskrise, am Untergang des Abendlandes.

Schmarotzer. Parasiten. Bildungsferne Unterschicht. Sozialhilfemütter, die – Originalton eines Politikers, kein Witz – „die nächste Hartz-IV-Erhöhung lieber in den Schnapsladen tragen, als selbstbestimmte Verhütung zu betreiben." Das hat jemand gesagt, der vermutlich seine Flugreise nach Abu Dhabi als Dienstreise abgerechnet hat.

Und genau da schließt sich der Kreis zur libertären Agenda. Erst tretet ihr nach unten. Jahrzehntelang. Ihr redet den Leuten ein, dass die paar hundert Euro Sozialhilfe das Land ruinieren. Dass der Sozialstaat ein Fass ohne Boden ist. Dass die Faulen den Fleißigen auf der Tasche liegen. Ihr rechnet vor, was ein Bürgergeldempfänger kostet – bis auf den letzten Cent. Während oben drüber Hunderte Milliarden an Zinsen durch die Produktionskette fließen, ohne dass jemand auch nur hinschaut.

Und wenn die Stimmung dann reif ist, wenn alle glauben, dass der Sozialstaat das Problem ist – dann kommt die Lösung: Abschaffen. Deregulieren. Milei-Style. Der Markt regelt das. Und die Leute, die seit Jahren als Schmarotzer beschimpft werden, stehen dann ohne alles da. Kein Netz, kein Boden, nichts. Aber Elon Musk darf seine Satelliten ohne Genehmigungsverfahren ins All schießen. Freiheit halt.

Die Büropauschale von zwölftausend Euro empört Frau Cotar. Aber das Existenzminimum eines Sozialhilfeempfängers, das seit Jahrzehnten systematisch kleingerechnet wird? Darüber könnte man auch mal ein Buch schreiben. Macht nur keiner im libertären Milieu, weil die Armen keine Lobby haben – und schon gar keine Brüder, die 15 Milliarden verwalten.

Was Frau Cotar verschweigt – oder nicht weiß, oder nicht wissen will

Wir Bürger zahlen jedes Jahr – jedes einzelne Jahr – geschätzt 600 bis 700 Milliarden Euro an Zinskosten, die in sämtlichen Produkten und Dienstleistungen versteckt sind. Jeder Bauer zahlt Zinsen auf seinen Kredit, jeder Verarbeiter, jeder Spediteur, jeder Händler. Die Zinskosten kumulieren sich durch die gesamte Produktionskette und landen am Ende im Preis. Wenn Sie an der Kasse Ihren Einkauf über den Scanner ziehen, zahlen Sie im Schnitt 30 bis 35 Prozent an kumulierten Kapitalkosten mit. Ohne dass es irgendwo steht. Ohne dass es jemand ausweist. Ohne dass eine einzige Systemkritikerin auch nur ein Wort darüber verliert.

600 bis 700 Milliarden. Jedes Jahr. Allein in Deutschland.

Dagegen ist der gesamte Bundestag mit allem Drum und Dran ein Witz. Ein Rundungsfehler. Ein Furz im Sturm.

Aber Frau Cotar regt sich über iPhones und Business-Class-Flüge auf. Und die alternative Szene so: Ja! Genau! Endlich sagt's mal eine!

Geld entsteht in diesem System als Kredit. Geschäftsbanken schöpfen es aus dem Nichts – steht bei der Bundesbank, steht bei der Bank of England, ist kein Geheimnis. Es wird gegen Zins in die Wirtschaft gepumpt. Und da Geld nur über Schulden entsteht, muss das System permanent wachsen, damit die Zinsen bedient werden können. Die Geldproduzenten bestimmen, wer Kredit bekommt und wer nicht, wer wachsen darf und wer stirbt. IWF und Weltbank sagen Griechenland: Entweder ihr strukturiert um, oder wir drehen den Hahn zu. Und Griechenland strukturiert um. Jedes Land strukturiert um, wenn die Herren des Geldes es verlangen.

DAS ist Macht. Nicht die Büropauschale von zwölftausend Euro.

Aber darüber steht kein Wort in Cotars Buch. Kein. Einziges. Wort.

Der Bruder im Maschinenraum

Jetzt wird es richtig interessant. Und man muss dem Interviewer zugutehalten, dass er das tatsächlich angesprochen hat.

Joana Cotars Bruder heißt Alexander Tammers. Der Mann verwaltet rund 15 Milliarden Euro. Er war drittgrößter Investor bei der Twitter-Übernahme durch Elon Musk. Investiert in SpaceX, Neuralink, Telegram. Und seine Schwester saß als digitalpolitische Sprecherin im Bundestag.

Lesen Sie das noch mal. Langsam.

Ein Milliarden-Investor aus dem direkten Musk-Umfeld hat eine Schwester, die als digitalpolitische Sprecherin im Bundestag sitzt. Und diese Schwester schreibt jetzt ein Buch darüber, dass der Staat zu groß ist, dass dereguliert werden muss, dass Milei ein Vorbild ist, und gründet nebenbei „Free Speech Aid" – also ein Gegenstück zu „Hate Aid" –, weil wir ja alle so bedroht sind in unserer Meinungsfreiheit.

Free Speech als Flagge. Darunter: Deregulierung für Milliardäre.

Cotar sagt, als Oppositionspolitikerin hätte sie keinen Einfluss gehabt. Mag sein. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass sie jetzt – mit Buch, mit Vorträgen, mit Medienpräsenz – genau die Narrative in die alternative Szene trägt, die dem Milliardärs-Milieu nützen. Weniger Staat, weniger Regulierung, der Markt regelt das. Milei als Held. Musk als Freiheitskämpfer.

Und alle klatschen.

Das trojanische Pferd heißt Libertarismus

Hier muss man das ganz langsam buchstabieren, weil es offenbar noch nicht bei allen angekommen ist.

Phase eins: Das Großkapital kapert den Staat. Lobbyismus, Drehtüreffekte, gekaufte Politik, Bankenrettungen, Schuldensozialisierung. Der Staat wird zum Instrument der ökonomischen Macht. Soweit bekannt. Soweit richtig.

Phase zwei: Der Staat ist so gründlich diskreditiert, dass die Bevölkerung selbst seine Abschaffung fordert. Und genau in diesem Moment tauchen Leute auf – finanziert, vernetzt, mit Zugang zu den größten Medienmultiplikatoren der Welt – und sagen: Ja, genau, der Staat muss weg! Weniger Regulierung! Weniger Bürokratie! Freiheit!

Phase drei: Der Staat wird tatsächlich zurückgebaut. Die Regulierung, die auch das Kapital noch gebremst hat – so zahnlos sie war – fällt weg. Und was bleibt? Die nackte ökonomische Macht ohne jedes Gegengewicht. Keine Kartellaufsicht, kein Arbeitsschutz, keine demokratische Kontrolle über gar nichts. Aber hey – Freiheit!

DAS ist der libertäre Betrug. Man nimmt die berechtigte Wut der Leute über einen korrupten Staat und lenkt sie in eine Richtung, die genau jenen nützt, die diesen Staat korrumpiert haben. Der Staat war nie das Problem. Das Problem war immer, wer den Staat kontrolliert.

Und Milei? Das große Vorbild? Der Mann wollte Argentinien dollarisieren. Das heißt: die gesamte monetäre Souveränität an die Federal Reserve abgeben. Also an genau jenes private Zentralbanksystem, das den globalen Geldfluss kontrolliert. Das ist keine Befreiung. Das ist Kapitulation. Aber Frau Cotar findet das toll, und Herr Bagus schreibt Bücher darüber, wie wunderbar das alles ist.

Warum die alternative Szene darauf reinfällt

Weil die Wut echt ist. Die Leute haben Recht, wenn sie sagen: Die Politik vertritt uns nicht. Der Staat arbeitet nicht für uns. Die Parteien sind korrupt. Das stimmt alles.

Und dann kommt jemand, der genau das ausspricht, der Namen nennt, Zahlen liefert, der von innen berichtet – und die Leute denken: Endlich. Endlich einer von uns.

Nur ist Cotar nicht „eine von uns". Sie kommt aus einem Umfeld, das Milliarden bewegt. Ihr Bruder spielt in der obersten Liga des globalen Finanzkapitals. Sie bewegt sich im Orbit von Leuten, deren Geschäftsmodell davon abhängt, dass der Staat sie in Ruhe lässt. Und sie liefert genau die Narrative, die dieses Geschäftsmodell braucht.

Das ist keine Systemkritik. Das ist Marketing.

Die echte Systemkritik fängt da an, wo Cotar aufhört – nämlich bei der Frage: Wer kontrolliert die Geldschöpfung? Wer bestimmt, wie viel Geld in Umlauf kommt, wer es bekommt und zu welchen Bedingungen? Solange diese Frage nicht auf dem Tisch liegt, ist alles andere Kulisse. Jede Empörung über Diäten und Dienstreisen, jeder Ruf nach Deregulierung, jedes Milei-Poster an der Wand – nichts als Ablenkung vom eigentlichen Spiel.

Aber davon steht nichts in dem Buch. Und auf den alternativen Kanälen klatschen sie trotzdem.

Man wüsste ja gern, ob das Naivität ist – oder Kalkül.

Sonntag, 15. Februar 2026

Der Vater der KI: „Nur DIESE Jobs sind noch sicher!" Büroarbeit stirbt (Jürgen Schmidhuber)

 

 

Herr Schmidhuber macht hier das, was Technologie-Evangelisten immer machen: historische Analogien bemühen, die bei genauem Hinsehen hinken. Ja, vor 200 Jahren waren 60% in der Landwirtschaft. Aber die Transition dauerte 200 Jahre und wurde begleitet von Massenelend, Kinderarbeit, Slums, sozialen Kämpfen und zwei Weltkriegen.


Das "hat sich doch alles geregelt" ist Überlebenden-Bias – die Millionen, die in diesem Prozess verarmt und gestorben sind, reden nicht mehr. Und die Industrieroboter? Die Deindustrialisierung hat ganze Regionen zerstört – Rust Belt, Ruhrgebiet, englische Midlands. Die "neuen Jobs" wie YouTube-Blogger sind oft prekär, ohne Sozialversicherung, ohne Tarifvertrag. Das ist kein Ersatz für Facharbeiter mit Betriebsrente.

Das Handwerker-Versprechen ist ein Trostpflaster. Nicht jeder kann Klempner werden. Und wenn Millionen Büroarbeiter plötzlich ins Handwerk drängen, kollabieren dort die Löhne.

Was Schmidhuber komplett auslässt: Wer profitiert? Microsoft, Google, OpenAI-Investoren Die Machtkonzentration: Wenige Konzerne kontrollieren die Infrastruktur des Denkens KI wird nicht gewählt, nicht kontrolliert, nicht rechenschaftspflichtig Kreative Arbeit wird gesampelt ohne Vergütung der Urheber Jede Interaktion wird gespeichert, analysiert, monetarisiert Die Frage, die er nicht stellt: Warum sollte eine Technologie, die Arbeit ersetzt, den Arbeitern nützen – wenn die Eigentumsverhältnisse bleiben wie sie sind?

Wer auf der Gewinnerseite sitzt, predigt gerne individuelle Anpassung. Die systemische Frage nach Macht und Verteilung stellt er nicht. Das ist keine Analyse, das ist Ideologie.

Emanzipation als Verwertungslogik – Die Zahnräder hinter der Fassade (Teil 2)

Den ersten Teil dieser Analyse finden Sie hier: Emanzipation als Verwertungslogik – Wie die ökonomische Macht beide Geschlechter in die Zange nimmt (Teil 1)

Im ersten Teil haben wir anhand der MANNdat-Dokumentation „Geschichte des Wehrpflichtsexismus in Deutschland" gezeigt, wie die Wehrpflicht-Asymmetrie einer ökonomischen Verwertungslogik folgt: der Mann als disponible Masse, die Frau als geschützte Reproduktionsinfrastruktur, die Emanzipation als Verdoppelung des Arbeitskräftereservoirs ohne Entlohnung der Reproduktion – und der Geschlechterkampf als Ablenkung vom Klassenkampf.

In diesem zweiten Teil ziehen wir die Fäden weiter. Denn wer die Verwertungslogik konsequent zu Ende denkt, stößt auf Zusammenhänge, die weit über die Wehrpflichtfrage hinausreichen – und die zeigen, dass es sich nicht um isolierte Phänomene handelt, sondern um Zahnräder desselben Mechanismus.

Die dysgenische Selektion: Krieg als Zucht gegen den Widerstandsgeist

Dieser Gedanke ist unbequem, aber er lässt sich nicht wegdiskutieren: Wenn in jedem Krieg die mutigsten, körperlich stärksten, widerstandsfähigsten Männer an die Front geschickt werden – und dort sterben – dann überleben bevorzugt die Angepassten. Die Fügsamen. Diejenigen, die sich dem System unterordnen, die nicht auffallen, die gehorchen.

Über Generationen hinweg wirkt Krieg damit als Selektionsmechanismus gegen Widerstandsgeist. Es ist schlichte Populationsgenetik: Wer sich gegen die Obrigkeit auflehnt, wird an die Front gestellt. Wer funktioniert, überlebt. Nach jedem großen Krieg ist die überlebende Bevölkerung im Durchschnitt angepasster, gehorsamer, weniger rebellisch als die Generation zuvor.

Man muss das nicht als bewusste Planung verstehen, um die Funktion zu erkennen. Es ist gleichgültig, ob eine Machtelite dies kalkuliert oder ob es sich als emergentes Muster ergibt – das Ergebnis ist identisch: Krieg züchtet Gehorsam. Er selektiert systematisch gegen die Eigenschaften, die nötig wären, um das System in Frage zu stellen. Die ökonomische Macht braucht keine Verschwörung, um davon zu profitieren – sie muss lediglich den Mechanismus nicht unterbrechen.

Und wer nach 1945 auf die westdeutsche Wirtschaftswundergesellschaft blickt – auf ihre Obrigkeitshörigkeit, ihre Konsumbereitschaft, ihre politische Passivität – der sieht das Ergebnis dieser Selektion in Echtzeit.

Die Zuchtbuchlogik: Wenige Bullen, viele Kühe

Es gibt eine Parallele, die man nicht aussprechen soll, die aber analytisch zwingend ist. In der Tierzucht braucht man wenige männliche Tiere, aber viele weibliche – ein Bulle kann hunderte Kühe decken. Die Weibchen sind der Flaschenhals der Reproduktion, die Männchen sind ersetzbar.

Genau dieses Kalkül liegt dem „Schutz" der Frauen vor dem Kriegsdienst zugrunde, wenn man es auf die biologische Ebene herunterbricht. Eine Gesellschaft kann den Verlust von fünfzig Prozent ihrer männlichen Bevölkerung reproduktiv verkraften – den Verlust von fünfzig Prozent der weiblichen nicht. Das ist keine Wertschätzung, das ist Bestandsrechnung.

Man mag einwenden, dass moderne Gesellschaften nicht mehr in diesen Kategorien denken. Aber die Politik handelt exakt so – über Jahrhunderte hinweg, bis heute. Die Rhetorik hat sich verfeinert, von der „Bestimmung der Frau" über das „Frau-Sein" bis zur „Vereinbarkeit von Familie und Beruf". Das darunterliegende Kalkül ist dasselbe geblieben: Die Reproduktionskapazität wird geschützt, die disponible Masse wird verheizt.

Der Unterschied zur Tierzucht besteht lediglich darin, dass man dem Bullen keine Geschichte erzählt, warum er zum Schlachter muss. Dem Mann erzählt man eine von Ehre, Pflicht und Vaterland.

Die Entsorgung: Was mit denen geschieht, die überleben

Wenn die Verwertungslogik stimmt, dann müsste sich ihre Signatur auch am Umgang mit denjenigen zeigen, die den Krieg überleben. Und genau das tut sie.

Posttraumatische Belastungsstörungen, Suizid, Obdachlosigkeit, Alkoholismus, zerbrochene Familien – das ist die Bilanz derer, die „ihrem Land gedient" haben. In den USA sind Veteranen unter Obdachlosen massiv überrepräsentiert. In Deutschland werden ehemalige Soldaten mit PTBS durch ein Versorgungssystem geschleust, das auf Minimierung von Kosten ausgelegt ist, nicht auf Heilung.

Das System investiert nicht in die Reparatur, weil das „Menschenmaterial" seinen Verwertungszweck bereits erfüllt hat. Der Soldat ist ein Verbrauchsgegenstand: einsetzen, nutzen, entsorgen. Die Dankbarkeitsrituale am Veteranentag oder am Volkstrauertag sind die billigste Form der Entsorgung – ein symbolisches Pflaster auf eine systemische Wunde, das gleichzeitig dazu dient, die nächste Generation für denselben Verwertungszyklus zu rekrutieren. Denn der junge Mann soll die Ehrung sehen, nicht die Obdachlosigkeit danach.

Die Söhne der Mächtigen kämpfen nie

Es gibt eine Probe, die jede patriotische Erzählung sofort entlarvt: Wo sind die Söhne derjenigen, die den Krieg beschließen?

Die Antwort ist über Jahrhunderte hinweg dieselbe: nicht an der Front. Von den europäischen Adelshäusern, die Bauern in die Schlachten schickten, über die Industriellenfamilien beider Weltkriege bis zu den politischen Dynastien der Gegenwart – der Krieg ist eine Veranstaltung der Unter- und Mittelschicht. Die Söhne der Quandts, der Rockefellers, der Porsches haben nie in einem Schützengraben gelegen.

Das allein widerlegt die Erzählung, dass eine Nation gemeinsam für ihre Freiheit kämpft. Nationen kämpfen nicht. Arme Männer kämpfen. Und sie kämpfen für die Interessen derer, die ihre eigenen Söhne systematisch dem Zugriff des Staates entziehen, den sie selbst kontrollieren.

Wenn der Krieg wirklich das wäre, als was er verkauft wird – ein Überlebenskampf des Volkes, eine Verteidigung der Heimat, eine Frage der nationalen Existenz – dann müsste jeder kämpfen. Dass die Machtelite ihre Kinder dem Zugriff entzieht, beweist, dass sie selbst nicht an die Erzählung glaubt, die sie der Bevölkerung auftischt.

Die Bildungsbenachteiligung: Produktion disponibler Masse

Die Verwertungslogik beginnt nicht erst bei der Musterung. Sie beginnt in der Schule.

Jungen schneiden im Bildungssystem systematisch schlechter ab als Mädchen. Sie brechen häufiger die Schule ab, machen seltener Abitur, studieren seltener. Das wird wahlweise als biologische Disposition („Jungen reifen später"), als pädagogisches Problem oder als individuelles Versagen verhandelt. Nie als systemische Funktion.

Aber wenn man die Verwertungslogik konsequent anwendet, ergibt die Bildungsbenachteiligung von Jungen einen erschreckenden Sinn: Man braucht keine gebildeten Kanonenfutter. Man braucht Männer mit wenig Optionen – Männer, für die das Militär, der Niedriglohnsektor oder prekäre Beschäftigung die einzigen Wege sind. Ein junger Mann mit Universitätsabschluss und Perspektive ist schwerer zu rekrutieren als einer ohne Schulabschluss und ohne Alternative.

Die systematische Unterförderung von Jungen produziert genau das, was die Verwertungsmaschinerie braucht: disponible Masse. Nicht durch Verschwörung, sondern durch konsequentes Desinteresse an der Lösung eines Problems, dessen Fortbestehen dem System nützt.

Dass gleichzeitig Milliarden in die Mädchenförderung fließen, ist in dieser Logik kein Widerspruch – sondern die andere Seite derselben Medaille: Die Frauen sollen gebildet genug sein, um als Arbeitskraft verwertbar zu sein, aber gleichzeitig die Reproduktion leisten. Die Männer sollen gerade ungebildet genug sein, um als Verfügungsmasse zu funktionieren.

Die Migrationslogik: Importierte Reproduktion

Und wenn die einheimische Reproduktion dennoch nicht ausreicht? Wenn Frauen, die jetzt arbeiten müssen statt Kinder bekommen zu können, nicht mehr genügend Nachwuchs produzieren?

Dann importiert man junge, arbeitsfähige Körper. Vorzugsweise männliche, vorzugsweise entwurzelt, ohne Netzwerk, ohne gewachsene Solidarstrukturen – und damit maximal ausbeutbar. Die Migrationspolitik folgt derselben Verwertungslogik: Wenn die inländische Arbeitskraftproduktion stockt, wird Arbeitskraft von außen zugeführt. Nicht aus Humanität – sondern weil die Maschine gefüttert werden muss.

Das erklärt auch, warum Integrationspolitik chronisch unterfinanziert ist. Integrierte Menschen mit Netzwerken, Sprachkenntnissen und Rechtskenntnis sind schwerer auszubeuten als isolierte. Die mangelnde Integration ist kein politisches Versagen – sie ist funktional.

Die aktuelle Wehrpflichtdebatte: Die Rolle rückwärts in Echtzeit

Und nun schließt sich der Kreis zur Gegenwart. Europa rüstet auf. Die Wehrpflichtdebatte ist zurück. Und wieder – vorhersehbar wie ein Uhrwerk – ausschließlich für Männer.

Dieselben Politiker, die „Gleichstellung" als Staatsziel formulieren, die Genderbeauftragte in jede Institution pflanzen, die von Diversität und Inklusion sprechen, vollziehen ohne jeden Anflug von Scham die Rolle rückwärts zum männlichen Krieger. Kein Aufschrei der Gleichstellungsbeauftragten. Kein Protest der Frauenverbände. Kein einziger Leitartikel, der die offensichtliche Frage stellt: Wenn wir gleichgestellt sind – warum dann nicht auch hier?

Denn das ist die Grenze der Gleichstellung: Sie endet dort, wo es unbequem wird, wo es gefährlich wird, wo es wehtut. Gleichstellung gilt beim Zugang zu Aufsichtsräten, nicht beim Zugang zum Schützengraben. Bei Quoten in Vorständen, nicht bei Quoten in Leichensäcken.

Die MANNdat-Dokumentation der „Geschichte des Wehrpflichtsexismus in Deutschland" zeigt: Dieses Muster ist nicht neu. Es ist sechs Jahrzehnte alt – mindestens. Und es hat sich kein einziges Mal geändert. Die Begründungen wechseln, das Ergebnis bleibt.

Medien als Narrativmaschine

Die gesamte Konstruktion – von der dysgenischen Selektion über die Zuchtbuchlogik bis zur Bildungsbenachteiligung – funktioniert nur unter einer Bedingung: Das Narrativ muss stimmen. Die Geschichte muss erzählt und geglaubt werden.

Männer sind Täter, Frauen sind Opfer. Krieg ist notwendige Verteidigung. Wehrpflicht ist Ehrenpflicht. Gleichstellung ist erreicht, außer wo Frauen noch benachteiligt sind. Männer, die auf ihre Benachteiligung hinweisen, sind Jammerer, Rechte, Frauenfeinde.

Ohne die permanente mediale Aufrechterhaltung dieser Erzählungen würde die Absurdität der Asymmetrie sofort sichtbar werden. Ein einziger ehrlicher Leitartikel, der fragt, warum Gleichstellung an der Kasernentür endet, würde das gesamte Kartenhaus gefährden. Deshalb wird diese Frage nicht gestellt – nicht aus Versehen, sondern weil die Medien integraler Bestandteil der Verwertungsmaschinerie sind.

Sie sind nicht Berichterstatter der Macht – sie sind ihr Sprachrohr. Sie liefern die Erzählung, die das System braucht, um die Masse ruhig zu halten: eine Erzählung von Demokratie, Gleichheit und Freiheit, die bei näherer Betrachtung genau das Gegenteil verschleiert.

Fazit: Die Zahnräder sichtbar machen

Die Wehrpflichtfrage ist ein Fenster. Wer hindurchschaut, sieht nicht nur eine geschlechterpolitische Asymmetrie, sondern einen Gesamtmechanismus, dessen einzelne Teile ineinandergreifen wie Zahnräder:

Krieg selektiert gegen Widerstandsgeist. Bildung produziert disponible Masse. Migration ersetzt fehlende Reproduktion. Medien liefern das Narrativ. Der Geschlechterkampf verhindert den Klassenkampf. Die Emanzipation verdoppelt das Arbeitskräftereservoir. Die Reproduktion bleibt unbezahlt. Die Söhne der Mächtigen bleiben verschont. Die Veteranen werden entsorgt. Und die Frau wird nicht geschützt – ihre Gebärfähigkeit wird geschützt.

Das System braucht keine Verschwörung, um so zu funktionieren. Es braucht nur eine Machtelite, die den Mechanismus nicht unterbricht, weil er ihr nützt. Alles andere – die Rhetorik, die Gesetze, die Gleichstellungspolitik, die empörten Leitartikel – ist Dekoration auf einer Maschine, die seit Jahrhunderten nach derselben Logik läuft.

Wer das einmal gesehen hat, kann es nicht mehr entsehen.


Weiterführend:

Emanzipation als Verwertungslogik – Wie die ökonomische Macht beide Geschlechter in die Zange nimmt (Teil 1)

Quellen und weiterführende Lektüre:

Samstag, 14. Februar 2026

Emanzipation als Verwertungslogik – Wie die ökonomische Macht beide Geschlechter in die Zange nimmt (Teil 1)

Eine Analyse anlässlich der MANNdat-Dokumentation „Geschichte des Wehrpflichtsexismus in Deutschland"

Die Webseite MANNdat hat in einem aufschlussreichen Zweiteiler die „Geschichte des Wehrpflichtsexismus in Deutschland" dokumentiert – gestützt auf das Buch »Besonders Frauen«: Schwarzbuch Feminismus 1968–2019 von Gunnar Kunz. Die Chronologie legt offen, wie über sechs Jahrzehnte hinweg Gleichberechtigung als Einbahnstraße praktiziert wurde: gleiche Rechte für Frauen, aber keine gleichen Pflichten. Die Wehrpflicht blieb ausschließlich Männersache – verteidigt von einer breiten Koalition aus Feministinnen, Politikerinnen aller Parteien und Frauenorganisationen, mit wechselnden Begründungen, aber stets demselben Ergebnis.

Wer diese Chronik liest, dem fällt ein Muster auf, das über die Geschlechterfrage hinausweist. Denn die eigentliche Frage lautet nicht: Warum wurden Männer anders behandelt als Frauen? Die eigentliche Frage lautet: Wem nützt diese Asymmetrie?

Der Mann als disponible Masse

Aus der Perspektive ökonomischer Macht – nicht des kleinen Bürgers, sondern der systemischen Kapitalverwertungslogik – besitzt der einzelne Mann einen bestimmten funktionalen Status: Er ist austauschbar. Biologisch kann ein Mann theoretisch hunderte Nachkommen zeugen. Für die Reproduktion der Arbeitskraft, und das ist der entscheidende Punkt, ist er numerisch verzichtbar. Daraus ergibt sich die historische Bereitschaft, Männer in Kriegen zu verheizen, in Zwangsdienste zu pressen, sie als opferbare Masse zu behandeln – ohne dass dies je als strukturelle Diskriminierung zur Kenntnis genommen wurde.

Die MANNdat-Dokumentation belegt dies eindrücklich: Von der Einführung der Wehrpflicht 1955 über die gescheiterte Klage von Alexander Dory 2003 bis zur Aussetzung 2011 – und den sofortigen Bestrebungen, neue Zwangsdienste ausschließlich für Männer einzuführen. Der Mann ist das austauschbare Produktionsmittel und der austauschbare Soldat.

Die Frau als geschützte Reproduktionsinfrastruktur – aber nur biologisch

Der vermeintliche „Schutz" der Frauen vor der Wehrpflicht, der sich durch die gesamte Chronik zieht, hat in dieser Lesart wenig mit Humanität oder Wertschätzung zu tun. Er hat alles mit der Sicherung der biologischen Reproduktion zu tun – der nächsten Generation von Arbeitern und Soldaten. Wenn Elisabeth Schwarzhaupt 1955 erklärt, die „Natur und Bestimmung der Frau" verbiete den Dienst an der Waffe, wenn Liselotte Funcke 1978 formuliert, Frauen, die „bestimmt sind, Leben zu geben", dürften nicht zum Töten gezwungen werden, oder wenn DDR-Frauen 1982 protestieren, Armeedienst widerspreche ihrem „Frau-Sein" – dann klingt das nach Wertschätzung. Funktional betrachtet ist es Bestandsschutz für eine Produktionsressource.

Die „Gebärmaschine" – so zynisch das klingt – durfte nicht gefährdet werden. Nicht aus Respekt vor der Frau, sondern aus Verwertungsinteresse.

Die Probe aufs Exempel: Warum schont man eine Reservearmee?

Es gibt einen einfachen logischen Test, an dem die gesamte Schutzkonstruktion scheitert. Die Frage lautet: Wenn eine Nation tatsächlich in ihrer Existenz bedroht wäre – wenn es wirklich ums nackte Überleben ginge – warum sollte man dann die Hälfte der Bevölkerung von der Verteidigung ausnehmen?

Frauen können an der Front bestehen. Das ist keine Spekulation, das ist historisch belegt: von den sowjetischen Scharfschützinnen und Pilotinnen im Zweiten Weltkrieg über die kurdischen Kämpferinnen bis zu den israelischen Streitkräften. Wenn es wirklich brennt, zählt jeder Körper. Dann wirft man alles in die Waagschale – Männer, Frauen, jeden.

Dass man das nicht tut – dass man selbst angesichts behaupteter existenzieller Bedrohungen eine gigantische Reservearmee schont – lässt logisch nur zwei Schlüsse zu:

Entweder die Bedrohung ist nie so existenziell, wie sie der Bevölkerung dargestellt wird. Der Krieg ist kein Überlebenskampf des Volkes, sondern ein kalkuliertes Unternehmen, bei dem man es sich leisten kann, die Reproduktionsreserve zu schonen, weil man sie nach dem Krieg für den Wiederaufbau der Arbeitskraftbasis braucht.

Oder die ökonomische Machtelite plant bereits über den Krieg hinaus – was bedeutet, dass der Krieg selbst nur eine Phase im Verwertungszyklus ist. Man braucht die Frauen nicht als Soldatinnen im Krieg, man braucht sie danach: um die nächste Generation zu produzieren, die wieder arbeiten und wieder kämpfen wird.

In beiden Fällen entpuppt sich der „Schutz der Frau" nicht als Humanismus, sondern als Investitionsschutz. Man schützt nicht die Frau als Menschen – man schützt die Produktionskapazität für zukünftige Arbeitskraft. Und der Krieg selbst ist Realität für den kleinen Mann, der stirbt – aber ein Geschäftsvorgang im Kosten-Nutzen-Kalkül derjenigen, die ihn niemals selbst führen.

Dass ökonomische Macht längst supranational und transnational operiert, während die kleinen Männer gegeneinander kämpfen, vollendet das Bild: Sie sterben für Grenzen, die für das Kapital nicht mehr existieren.

Die doppelte Falle: Emanzipation als Arbeitskraftmobilisierung

Und hier beginnt die eigentliche Perfidie. Die Frauenbewegung hat – in ihrer politisch durchgesetzten Mainstream-Variante – etwas erreicht, das dem Kapital einen enormen Dienst erwiesen hat: die Integration der Frauen in den Arbeitsmarkt. Das Arbeitskräfteangebot wurde verdoppelt. Strukturell wirkt das lohndrückend. Wo früher ein Einkommen eine Familie ernähren konnte, braucht es heute zwei Einkommen für denselben Lebensstandard.

Gleichzeitig wurde die Reproduktionsarbeit – Schwangerschaft, Geburt, Kinderbetreuung – zu keinem Zeitpunkt als ökonomische Leistung anerkannt und entsprechend entlohnt. Das Ergebnis: Das Kapital bekommt beides – die Arbeitskraft der Frau am Markt und die unbezahlte Reproduktion der nächsten Generation.

Die Frauenbewegung hatte ihre Monopolstellung bei der Reproduktion nie als Verhandlungsmasse genutzt, um deren Bezahlung durchzusetzen. Sie hätte sagen können: Ohne uns keine nächste Generation, also bezahlt uns dafür. Stattdessen wurde die Reproduktion entwertet und die Erwerbsarbeit zum einzigen Maßstab gesellschaftlicher Teilhabe erhoben – ganz im Sinne der Verwertungslogik.

Wo ist die Selbstbestimmung geblieben?

Hier schließt sich der Kreis. Das erklärte Ziel der frühen Frauenbewegung war Selbstbestimmung: die Wahlfreiheit zwischen Erwerbsarbeit und Familienarbeit. Was ist daraus geworden?

Mit der Agenda 2010 und den Hartz-Reformen wurde ein Regime errichtet, das Frauen – besonders im Leistungsbezug – unter Androhung existenzbedrohender Sanktionen in den Arbeitsmarkt presst. Fremdbetreuung ist keine Option, sondern Pflicht. Die jüngsten Vorstöße verschärfen dies weiter: Spätestens ein Jahr nach der Geburt hat eine Mutter sich dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stellen. Wer das nicht tut, wird sanktioniert.

Das ist bemerkenswert: Vor der „Emanzipation" hatte eine Frau – wenn auch im Rahmen patriarchaler Strukturen – die faktische Möglichkeit, bei ihren Kindern zu bleiben. Das war gesellschaftlich akzeptiert, teilweise sogar erwartet. Heute, nach Jahrzehnten feministischer Errungenschaften, ist diese Wahlfreiheit geringer als zuvor. Die Frau muss erwerbstätig sein. Die Selbstbestimmung wurde durch einen neuen Zwang ersetzt – nur dass dieser Zwang jetzt als „Gleichstellung" und „Teilhabe" verkauft wird.

Die Frauenbewegung als Steigbügelhalter

Die unbequeme Wahrheit: Die politisch wirksame Frauenbewegung hat in ihrer Mainstream-Ausprägung nie das System der Kapitalverwertung angegriffen. Sie hat die Verteilung innerhalb des Systems verändert – Zugang zum Arbeitsmarkt, zu Karrieren, zu militärischen Laufbahnen – aber stets nur als Wahlmöglichkeit, nie als Pflicht. Und sie hat dabei dem Kapital in mehrfacher Hinsicht gedient:

Sie hat das Arbeitskräftereservoir verdoppelt und damit strukturellen Lohndruck erzeugt. Sie hat die Reproduktionsarbeit unbezahlt gelassen, obwohl gerade hier ihre Verhandlungsmacht lag. Sie hat Männer als Feindbild inszeniert, statt die ökonomische Machtstruktur anzugreifen. Und sie hat die Wehrpflicht-Asymmetrie verteidigt, die dem System die disponible Soldatenmasse sicherte.

Das Ergebnis ist eine Situation, in der beide Geschlechter stärker ausgebeutet werden als zuvor – aber die Konfrontationslinie zwischen Mann und Frau verläuft, statt zwischen Arbeit und Kapital. Der Geschlechterkampf als Ablenkungsmanöver vom Klassenkampf. Die Identitätspolitik als Systemstabilisierung.

Die Synthese

Die MANNdat-Dokumentation zeigt die eine Seite: wie Männer systematisch als Pflichtträger und Verfügungsmasse behandelt wurden und werden, während Gleichberechtigung selektiv nur dort gilt, wo sie Vorteile bringt. Das ist skandalös genug.

Aber die Analyse greift tiefer, wenn man die Frage nach dem cui bono stellt. Dann zeigt sich: Die Geschlechterasymmetrie ist kein Fehler im System – sie ist das System. Männer als disponible Arbeitskraft und Kanonenfutter, Frauen als biologische Reproduktionsressource und seit der „Emanzipation" zusätzlich als billige Arbeitskraft, der man die Bezahlung ihrer Monopolleistung – der Reproduktion – verweigert. Und ein Geschlechterkampf, der beide Seiten davon abhält, die eigentliche Machtfrage zu stellen.

Das nannte man früher divide et impera. Heute nennt man es Gleichstellungspolitik.


Im zweiten Teil dieser Analyse ziehen wir die Fäden weiter: Warum produziert Krieg über Generationen hinweg eine gefügigere Bevölkerung? Warum gleicht die Logik hinter dem „Schutz der Frau" einer Zuchtbuchkalkulation? Was geschieht mit den Männern, die überleben – und warum investiert niemand in ihre Reparatur? Warum kämpfen die Söhne der Mächtigen nie? Welche Rolle spielt die systematische Bildungsbenachteiligung von Jungen bei der Produktion disponibler Masse? Und warum folgt die aktuelle Wehrpflichtdebatte exakt demselben Muster, während dieselben Politiker „Gleichstellung" predigen?

Teil 2: Die Zahnräder hinter der Fassade – demnächst auf diesem Blog.


Quellen und weiterführende Lektüre: