Wer über "Boomer" spricht, spricht über Charaktere – aber Charaktere entstehen nicht im luftleeren Raum. Ein Geldsystem, das auf Zins, Zinseszins und permanentem Wachstumszwang beruht, braucht bestimmte Verhaltensmuster: Konsum, Verschuldung, Verdrängung der eigenen Position im Verteilungsprozess. Diese Muster sind keine Generationeneigenschaft. Sie sind eine Systemanforderung – bei jeder Generation, nicht nur bei einer. Wer das Geldsystem selbst gestaltet und seine Schöpfung "aus dem Nichts" kontrolliert, kennt diesen Mechanismus genau. Wer ihn nur erleidet, wird hineingeboren – und hinterher mit dem Finger auf sich selbst zeigen gelassen. Das ist das Pferd am Kopf.
In den ersten drei Teilen dieser Serie wurde gezeigt, wie "Boomer" als Kampfbegriff funktioniert (Teil 1), wie er sich in Echtzeit auf X entfaltet (Teil 2) und wie er institutionell abgesichert wird – von Fratzscher über T-Online bis zum DIW (Teil 3). Was in all dem fehlte, ist die Frage, die eigentlich vor jeder anderen hätte stehen müssen: Wer hat das System gebaut, in dem diese Charaktere überhaupt erst entstehen?
Charaktere, die das System braucht
Ein Geldsystem, das auf Zins und Zinseszins beruht, ist kein neutrales Werkzeug. Es verlangt Wachstum, permanent, ohne Unterbrechung – denn Zins muss aus zukünftigem Wachstum bedient werden, sonst gerät das System ins Stocken. Ein solches System erzeugt zwangsläufig bestimmte Charaktere: Menschen, die konsumieren, statt zu sparen, weil Sparen im Nullzins-Umfeld bestraft wird. Menschen, die sich verschulden, weil Eigentum ohne Kredit unerreichbar wird. Menschen, die die eigene Position im Verteilungsprozess verdrängen, weil das tägliche Überleben im System keine Zeit für diese Frage lässt. Das ist keine moralische Schwäche. Das ist Konditionierung durch Systemzwang – bei den Boomern genauso wie bei jeder Generation davor und danach.
Geld aus dem Nichts – und wer es genau weiß
Dass Geld heute überwiegend nicht von Zentralbanken gedruckt, sondern von Geschäftsbanken bei jeder Kreditvergabe neu geschaffen wird, ist keine Randmeinung mehr. Die Bank of England hat es 2014 in ihrem eigenen Quarterly Bulletin unmissverständlich dargelegt: Der Großteil des Geldes in der modernen Wirtschaft entsteht dadurch, dass Geschäftsbanken Kredite vergeben – nicht dadurch, dass sie vorhandene Einlagen weiterreichen. Wer an den Hebeln dieses Systems sitzt – Zentralbanken, Geschäftsbanken, Clearingstellen –, verfügt über ein Verständnis der Mechanik, das dem Rest der Gesellschaft strukturell vorenthalten bleibt. Das ist keine Verschwörung. Es ist Informationsasymmetrie, institutionell verankert, seit Jahrzehnten dokumentiert – nur eben nicht im Lehrbuch, mit dem die meisten von uns Wirtschaft gelernt haben.
Das Pferd am Kopf
Und jetzt die eigentliche Volte: Aus dieser Informationsasymmetrie und dem daraus resultierenden Verteilungsmechanismus – der, wie in Teil 3 belegt, seit Jahrzehnten überwiegend nach oben verläuft – wird kein Systemvorwurf. Es wird ein Generationenvorwurf. Man zeigt nicht auf die Konstrukteure des Systems und die Nutznießer der Geldschöpfung. Man zeigt auf die Sozialisierten. Auf den Rentner, der 45 Jahre lang in genau dieses System eingezahlt hat, weil ihm keine Alternative angeboten wurde. Das ist das Pferd am Kopf: Man macht diejenigen für die Wirkung eines Systems verantwortlich, die in dieses System hineingeboren wurden, ohne es mitgestaltet zu haben – und entlastet diejenigen, die es gestaltet haben und seine Funktionsweise am genauesten kennen.
Der unsichtbare Täter
Kein Jahrgang hat sich für Zins und Zinseszins entschieden. Kein Jahrgang hat entschieden, dass Geld Ware ist statt neutrales Tauschmittel – und genau das ist der Kern: Solange Geld Ware bleibt statt neutrales Medium, folgt Konzentration nach oben nicht aus der Bosheit Einzelner, sondern aus der Funktionsweise des Systems selbst. Diese Funktionsweise hat Institutionen, aber kein Geburtsdatum. Und solange die öffentliche Debatte bei "der Boomer ist schuld" stehenbleibt, muss niemand diese Institutionen benennen, ihre Entscheidungen offenlegen oder ihre Profiteure nennen.
Der Boomer ist nicht der Täter. Er ist, wie jede Generation vor und nach ihm, in einem System sozialisiert worden, das er sich nicht ausgesucht hat – und wird jetzt für dessen Wirkung mit dem Finger belegt. Der eigentliche Täter bleibt unsichtbar, solange die Debatte bei Alterskohorten hängenbleibt, statt bei Zinsmechanik, Geldschöpfung und Verteilungsarchitektur anzukommen.
Dieser Beitrag ist Teil einer Serie. Teil 1: Der Boomer als Sündenbock – Wie ein Kampfbegriff die Klassenfrage tötet. Teil 2: Der Kampfbegriff in Aktion – Dokumentiert in Echtzeit. Teil 3: Der Boomer als Staatsfeind – Wie Eliten einen Sündenbock konstruieren.
Marigny de Grilleau schreibt seit zwanzig Jahren über Macht, Sprache und die Mechanismen, die beides verschleiern.