– Rajoys Satz vor dem WM-Halbfinale löste sofortige Empörung aus – dabei geht der Streit nicht um 26 Spieler, sondern um die Frage, was ein Volk und eine Nation heute noch sein dürfen.
– Ein Pass beantwortet eine Rechtsfrage, aber nicht die kulturelle Frage nach Herkunft, Geschichte und gewachsener Zugehörigkeit – bei anderen Völkern (z. B. den Aboriginal Peoples) wird diese Unterscheidung selbstverständlich gemacht.
– Politiker und Funktionäre wie Sutherland, Timmermans, Sarkozy, Mounk und Kahane haben die Auflösung gesellschaftlicher Homogenität offen als politisches Ziel formuliert, nicht als Naturereignis beschrieben.
– Der Rassismusvorwurf wirkt dabei als Grenzwächter: Er verhindert die eigentliche Debatte über den Nationsbegriff, statt sie zu führen.
– Fahne, Hymne und Trikot bleiben – nur die Frage, welches historische Gemeinwesen sie noch verkörpern, soll nicht mehr gestellt werden.
Was die Empörung über Mariano Rajoy und die französische Nationalmannschaft verdeckt
Ein Satz genügte, und der politische Apparat setzte sich in Bewegung. Vor dem WM-Halbfinale zwischen Spanien und Frankreich schrieb der frühere spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy über die französische Mannschaft: „Allerdings spielen dort keine Franzosen." Frankreichs Innenminister sprach von einer inakzeptablen Äußerung, der französische Fußballverband erkannte „rassistische Untertöne", Politiker in Frankreich und Spanien überboten einander mit Empörung. T-online präsentierte den Vorgang unter der Überschrift „Frankreich ohne Franzosen".[1]
Man kann Rajoys Satz für pauschal, ungeschickt oder bewusst provozierend halten. Doch die reflexartige Antwort – alle Spieler besäßen einen französischen Pass, also sei jede weitere Frage erledigt – legt den eigentlichen Konflikt nicht offen. Sie soll ihn beenden.
Denn gestritten wird in Wahrheit nicht über 26 Fußballspieler. Gestritten wird darüber, was ein Volk und was eine Nation überhaupt noch sein dürfen.
Ein Pass beantwortet eine Rechtsfrage – aber nicht jede kulturelle Frage
Im heute politisch verbindlichen Sprachgebrauch ist Franzose, wer die französische Staatsangehörigkeit besitzt. Das ist staatsrechtlich eindeutig. Daraus wird jedoch zunehmend der weitergehende Anspruch abgeleitet, „Franzose" dürfe ausschließlich in diesem verwaltungsrechtlichen Sinne verstanden werden. Geschichte, Abstammung, kulturelle Kontinuität und generationenübergreifende Verwurzelung sollen für den Nationsbegriff keine eigenständige Bedeutung mehr haben.
Damit wird aber nicht nur eine neutrale Definition verwendet. Es wird eine ältere Definition verdrängt.
Frankreich war nicht immer bloß die Summe sämtlicher Inhaber französischer Ausweispapiere. Es ist aus geschichtlichen Landschaften, Sprachen, Überlieferungen und Bevölkerungen hervorgegangen: aus Bretonen, Basken, Korsen, Elsässern, Okzitanen und anderen Gruppen, die über Jahrhunderte in einen gemeinsamen staatlichen und kulturellen Zusammenhang hineinwuchsen. Dieses historische Volk verschwindet nicht deshalb als Begriff, weil der Staat heute jeden Staatsbürger unabhängig von seiner Herkunft rechtlich gleichbehandelt.
Bei anderen Völkern versteht man diese Unterscheidung ohne Schwierigkeiten. Ein Franzose, der nach Australien auswandert und dort die Staatsangehörigkeit erhält, wird dadurch Australier, aber nicht zum Angehörigen der Aboriginal Peoples. Auch seine in Australien geborenen Kinder werden nicht allein durch Geburtsort und Pass zu Aboriginal People. Niemand betrachtet diese Feststellung als Angriff auf ihre Menschenwürde. Man unterscheidet selbstverständlich zwischen Staatsangehörigkeit und historisch-kultureller beziehungsweise indigener Zugehörigkeit.
Warum soll eine solche Unterscheidung ausgerechnet bei europäischen Völkern schon als moralischer Verdachtsfall gelten?
Das Dorfexperiment
Stellen wir uns vor, ein bayerisches Dorf und ein Dorf in Uganda wollten ihre Fußballmannschaften gegeneinander antreten lassen. Der Sinn dieses Spiels läge gerade darin, dass sich zwei örtlich gewachsene Gemeinschaften begegnen. Einzelne Zugezogene könnten selbstverständlich längst Teil dieser Gemeinschaften geworden sein. Würden beide Dörfer aber beliebig Spitzenspieler aus aller Welt anwerben, ihnen rasch die formale Mitgliedschaft verschaffen und anschließend unter den alten Ortsnamen antreten, wäre der ursprüngliche Sinn verloren.
Auf dem Spielbericht stünden weiterhin die beiden Dorfnamen. Die Zuschauer sähen weiterhin die Wappen und hörten die örtlichen Lieder. Tatsächlich spielten jedoch zwei beliebig zusammengestellte Auswahlmannschaften gegeneinander. Die Herkunftsbezeichnungen wären nur noch Etiketten.
Genau diese Frage stellt sich im Nationalfußball: Welche wirkliche Verbindung muss zwischen einer Mannschaft und der Gemeinschaft bestehen, die sie angeblich repräsentiert? Reicht jedes formale Dokument? Genügen Geburt und Sozialisation? Gehören gemeinsame Sprache, Geschichte und kulturelle Prägung dazu? Oder soll das Trikot nur noch eine verwaltungsrechtliche Spielberechtigung anzeigen?
Diese Fragen sind nicht rassistisch. Sie berühren den Sinn des Wortes „Nationalmannschaft".
Staatsauswahl wäre die ehrlichere Bezeichnung
Der heutige Nationalfußball ist tatsächlich kein Wettbewerb ethnisch und kulturell klar unterscheidbarer Völker mehr. Er ist ein Wettbewerb staatlicher Fußballverbände, die nach ihren Regeln spielberechtigte Staatsbürger aufstellen. „Staatsauswahl" oder „Verbandsauswahl" wäre deshalb vielfach die ehrlichere Bezeichnung.
Doch auf den Begriff Nationalmannschaft will niemand verzichten. Zu wertvoll sind Fahne, Hymne, Ländername und die über Generationen entstandene emotionale Bindung. Nationale Gefühle bringen Zuschauer, Einschaltquoten, Werbeverträge und Milliardenumsätze. So entsteht ein bemerkenswerter Widerspruch: Der überlieferte Inhalt der Nation wird bestritten, ihre Symbole werden zugleich mit größter Intensität vermarktet.
Die Fahne bleibt. Die Hymne bleibt. Das Trikot bleibt. Nur die Frage, welches geschichtliche Gemeinwesen diese Zeichen verkörpern, soll nicht mehr gestellt werden.
Globaler Einheitsbrei mit nationaler Verpackung
Der Fußball ist dabei nur ein besonders sichtbares Beispiel. Derselbe Vorgang vollzieht sich seit Jahrzehnten in nahezu allen Lebensbereichen. Von China bis zum Ural, von Europa bis nach Südamerika tragen Menschen Jeans und T-Shirts, trinken Coca-Cola, essen bei denselben Fast-Food-Ketten, benutzen dieselben Smartphones, hören dieselben international produzierten Musikstile und bewegen sich auf denselben digitalen Plattformen.
Regionale Kleidung, Handwerkstraditionen, Volksmusik, eigene Rituale und besondere Lebensformen verschwinden nicht unbedingt restlos. Sie werden jedoch aus dem Alltag zurückgedrängt. Häufig überleben sie nur noch als Folklore, Museumsbestand, Touristenangebot oder bewusst gepflegte kulturelle Insel.
Anschließend verkauft die globale Konsumindustrie den Menschen die Reste ihrer eigenen Kultur als Ware zurück: das Volksfest als Event, die regionale Küche als Lifestyleprodukt, das Volkslied als Bühnendarbietung und die Nationalflagge als Fanartikel.
Der Inhalt wird vereinheitlicht, die unterschiedliche Verpackung bleibt verkäuflich.
Auch die Fußballkultur folgt dieser Logik. Internationale Nachwuchsakademien, globale Transfermärkte, weltweit ähnliche Trainingsmethoden, Spielerberater, Investoren und Medienkonzerne schleifen Unterschiede ab. Unter den Fahnen verschiedener Länder begegnen sich zunehmend Bestandteile desselben globalen Systems. Die nationale Dramaturgie verdeckt die fortschreitende kulturelle Angleichung.
Dieser Umbau fiel nicht vom Himmel
Es wird gern so gesprochen, als sei die multiethnische Transformation Europas ein Naturereignis, das Politik lediglich verwalten müsse. Die dokumentierten Aussagen einflussreicher Politiker und Funktionäre zeigen etwas anderes: Die Überwindung gesellschaftlicher Homogenität wurde ausdrücklich begrüßt, als notwendig dargestellt und politisch gefördert.
Der frühere UN-Sonderbeauftragte für Migration Peter Sutherland erklärte 2012 vor dem britischen Oberhaus, Europäer hegten noch ein Gefühl eigener Homogenität und Verschiedenheit. Genau dieses Gefühl solle die Europäische Union seiner Ansicht nach „nach Kräften untergraben". Im selben Zusammenhang bezeichnete er demografische Entwicklungen als entscheidendes Argument für multikulturelle Staaten.[2] Bemerkenswert ist dabei, wer hier sprach: Im offiziellen Protokoll des Oberhauses wird Sutherland nicht nur als UN-Sonderberater geführt, sondern zugleich als „Chairman, Goldman Sachs International". Migrationspolitik und globale Finanzwirtschaft trafen an dieser Stelle nicht zufällig aufeinander, sondern in ein und derselben Person.
Der damalige Vizepräsident der EU-Kommission Frans Timmermans erklärte 2015: „Vielfalt ist das Schicksal der Menschheit." Keine Nation, auch nicht an den entlegensten Orten, werde ohne Vielfalt in ihrer Zukunft existieren. Staaten ohne entsprechende Erfahrungen müssten lernen, damit umzugehen.[3]
Nicolas Sarkozy bestimmte 2008 in einer offiziellen Rede als politisches Ziel, die „Herausforderung der Vermischung" zu bewältigen. Er verlangte „republikanischen Voluntarismus", wollte die gesellschaftliche Vielfalt stärker in den Eliten abbilden und schloss mit der Ankündigung: „Wir müssen uns ändern, und wir werden uns ändern."[4]
Der Politikwissenschaftler Yascha Mounk bezeichnete den Umbau einer monoethnischen und monokulturellen Demokratie in eine multiethnische Gesellschaft als historisch einzigartiges Experiment. Gerade das Wort „Experiment" ist entlarvend: Es beschreibt einen tiefgreifenden Vorgang mit offenem Ausgang, dessen Folgen die betroffenen Bevölkerungen zu tragen haben.[5]
Anetta Kahane erklärte bereits 2015 im Tagesspiegel, es sei die „größte Bankrotterklärung" der deutschen Politik gewesen, dass ein Drittel des Staatsgebiets „weiß blieb". Sie forderte einen neuen Aufbau Ost auch in kultureller Hinsicht.[6] Bemerkenswert ist nicht allein die drastische Wortwahl. Bemerkenswert ist, dass die ethnische Zusammensetzung eines Landesteils hier ausdrücklich zum Gegenstand politischer Bewertung und gewünschter Veränderung gemacht wird.
Diese Aussagen stammen nicht aus einem einzelnen Milieu und nicht von bedeutungslosen Randfiguren. Sie kommen aus der Europäischen Union, den Vereinten Nationen, nationalen Regierungen, Wissenschaft, Stiftungswesen und politischem Aktivismus. Dazu treten Gesetze, Förderprogramme, Migrationsabkommen, institutionelle Diversitätsvorgaben und eine mediale Sprache, die alle in dieselbe Richtung wirken.
Steuerung muss nicht bedeuten, dass irgendwo ein einziger allmächtiger Regisseur jeden Schritt befiehlt. Politische Steuerung zeigt sich in formulierten Zielen, aufgebauten Netzwerken, veränderten Gesetzen, bereitgestellten Geldern, institutionellen Anreizen und moralischen Sanktionen. Genau diese Instrumente sind sichtbar.
Die Rassismusanklage als Grenzwächter des neuen Nationsbegriffs
Damit der Umbau dauerhaft funktioniert, genügt es nicht, Gesetze und Bevölkerungsstrukturen zu verändern. Auch die Begriffe müssen neu besetzt werden.
Zunächst wird „Franzose" von einer historischen Kultur- und Herkunftsgemeinschaft auf eine reine Staatsangehörigkeit reduziert. Anschließend wird diese neue Bedeutung zur einzig zulässigen erklärt. Wer noch zwischen Staatsangehörigkeit und historischer Volkszugehörigkeit unterscheidet, sieht sich nicht nur einem Gegenargument gegenüber, sondern einem moralischen Verdacht.
Der Rassismusvorwurf erfüllt dabei eine disziplinierende Funktion. Er markiert die Grenze dessen, was öffentlich noch gefragt werden darf. Die Debatte über den Nationsbegriff wird nicht geführt, sondern durch die moralische Verurteilung des Fragenden ersetzt.
Das bedeutet nicht, dass jede Äußerung über Herkunft automatisch klug oder gerecht formuliert wäre. Rajoys Behauptung, in der Mannschaft spielten überhaupt keine Franzosen, ist eine grobe Zuspitzung. Viele Spieler sind in Frankreich geboren, dort aufgewachsen und ohne Zweifel französisch sozialisiert. Doch gerade deshalb wäre eine ernsthafte Diskussion möglich: Ein Mensch kann französischer Staatsbürger, kulturell französisch geprägt und zugleich von anderer familiärer Herkunft sein. Nur die offizielle Debatte duldet diese Mehrschichtigkeit kaum. Sie verlangt die vollständige Gleichsetzung von Pass, Volk, Kultur und Nation – und erklärt jede Abweichung davon zum Skandal.
So wird nicht Rassismus bekämpft, sondern eine politische Definition abgesichert.
Die eigentliche Wunde
Der Streit um Frankreichs Mannschaft zeigt, wie weit der Transformationsprozess bereits fortgeschritten ist. Die traditionelle Nation soll als geschichtliche Abstammungs- und Kulturgemeinschaft keine politische Bedeutung mehr besitzen. Gleichzeitig werden ihre Symbole benötigt, um Bindung und Begeisterung auf das neu definierte Staatsvolk zu übertragen.
Man soll „Frankreich!" rufen, aber nicht mehr fragen, was Frankreich jenseits einer Verwaltungseinheit ausmacht. Man soll die Hymne mitsingen, aber historische Kontinuität nicht zum Thema machen. Man soll die Fahne kaufen, aber die überlieferte Gemeinschaft, aus der diese Fahne hervorging, nur noch als eine beliebige Gruppe unter vielen betrachten.
Wer auf diesen Widerspruch hinweist, ist nicht automatisch ein Rassist. Er kann schlicht erkannt haben, dass unter gleichbleibenden Namen und Symbolen ein grundlegend anderer Nationsbegriff durchgesetzt wurde.
Die ehrliche Antwort auf Rajoy wäre deshalb nicht Empörung, sondern Klartext:
Die französische Nationalmannschaft ist eine Auswahl französischer Staatsbürger. Sie repräsentiert das heutige politische Frankreich, wie es von Staat und Verbänden definiert wird. Sie ist keine ethnisch-französische Auswahl und will es ausdrücklich nicht sein.
Dann könnte die eigentliche Auseinandersetzung endlich beginnen: Wollen die europäischen Völker ihre historische und kulturelle Kontinuität bewahren? Oder sollen sie in einer global vereinheitlichten, multiethnischen Konsumgesellschaft aufgehen, in der ihre Namen, Fahnen und Traditionen nur noch als dekorative Marken fortbestehen?
Genau diese Frage wird durch die routinemäßig geschwungene Rassismuskeule verdeckt. Und genau deshalb muss sie gestellt werden.
Quellen
[1] T-online: „Frankreich ohne Franzosen" – Spanischer Politiker empört vor WM-Halbfinale. Zum Artikel, 13. Juli 2026.
[2] House of Lords: The EU's Global Approach to Migration and Mobility – Oral Evidence, Peter Sutherland. Zum Dokument (insb. S. 21 und 25), 20. Juni 2012.
[3] Europäische Kommission: Opening remarks of First Vice-President Frans Timmermans at the First Annual Colloquium on Fundamental Rights. Zur Rede, 1. Oktober 2015.
[4] Élysée: Rede Nicolas Sarkozys über Chancengleichheit und die Förderung der Vielfalt. Zur Rede, 17. Dezember 2008.
[5] Persuasion: Yascha Mounk on Making Diverse Democracies Work. Zum Gespräch, 23. April 2022 (dort erläutert Mounk auch seinen Begriff des „Experiments").
[6] Tagesspiegel: „Dem Osten wurde es erspart, Einwanderungsland zu werden". Zum Artikel, 17. Juli 2015.

