Während Lieschen Müller versucht, ihre Miete zu bezahlen, ihre Familie durchzubringen und die Welt zu begreifen, arbeiten anderswo hochbezahlte Strategen an politischen Szenarien, gesellschaftlichen Leitbildern und der Beeinflussung öffentlicher Wahrnehmung. Denkfabriken beraten Regierungen. Wirtschaftliche Interessen finanzieren Forschung und Kampagnen. Scheinbare Bürgerbewegungen können künstlich erzeugt werden. Plattformen verwandeln menschliches Verhalten in auswertbare Daten. Das ist keine Science-Fiction; zentrale Verfahren sind dokumentiert. Die eigentliche Frage lautet: Wie soll der einzelne Mensch eine Ordnung kontrollieren, deren Spielregeln andere entwerfen, deren Informationsapparat er nicht besitzt und deren Folgen er tragen muss?
Stand: 11. Oktober 2026
Lieschen Müller steht morgens auf und geht ihrer Arbeit nach. Sie kümmert sich um ihre Kinder, zahlt die Miete, wartet beim Arzt und rechnet am Monatsende nach, was übrig bleibt. Vielleicht sieht sie, wie sich ihre Nachbarschaft verändert, wie vertraute Gewissheiten brüchig werden, wie neue Regeln in Kraft treten, deren Entstehung sie nicht beeinflusst hat. Abends schaltet sie die Nachrichten ein. Dort erklärt man ihr, was notwendig, alternativlos, modern oder rückständig sei. Und wenn sie Zweifel anmeldet, soll sie zunächst beweisen, dass ihre Zweifel wissenschaftlich belastbar sind.
Wie denn? Mit welcher Forschungsabteilung? Mit welchem Geld? Mit welchen Akten, Gutachten und Netzwerken? Lieschen Müller hat keine Denkfabrik. Genau das ist der Ausgangspunkt. Nicht ihre angebliche Unwissenheit. Sondern die groteske Ungleichheit der Mittel, mit denen Wirklichkeit gestaltet – und anschließend erklärt – wird.
Die Fabriken der Wirklichkeit
Es gibt Tausende Denkfabriken, Beratungsinstitute, Stiftungen, strategische Forschungsstellen und professionelle Interessenvertretungen. Manche leisten unabhängige Arbeit, manche vertreten klar erkennbare Auftraggeber, manche liegen irgendwo dazwischen. Ihr gemeinsames Merkmal ist nicht eine geheime Kommandostelle, sondern eine Ausstattung, von der der gewöhnliche Bürger nur träumen kann: Personal, Forschungsgelder, Zugang zu Entscheidungsträgern, Daten, internationale Kontakte und die Zeit, Jahre vorauszudenken. Die RAND Corporation untersucht in einem von der US-Armee geförderten Bericht, was Kommunikationskampagnen bewirken und welche Lehren sich daraus für künftige psychologische Einflussoperationen ziehen lassen. Chatham House beschreibt selbst, wie seine Expertise Regierungen, Diplomaten und außenpolitische Entscheidungen erreicht. Das sind keine Gerüchte über dunkle Hinterzimmer. Es sind öffentlich erklärte Tätigkeiten.
Die Wirkung solcher Institutionen beginnt nicht erst, wenn ein Minister ein Papier unterschreibt. Sie beginnt mit der Auswahl der Fragen: Welches Problem gilt als dringlich? Welche Lösung erscheint als vernünftig? Wer wird als Experte eingeladen? Welche Entwicklung nennt man Fortschritt, welche Widerstand? Wer diese Begriffe dauerhaft mitprägt, muss nicht jeden einzelnen Menschen fernsteuern. Es reicht, die Grenzen dessen zu verschieben, was in einer Gesellschaft überhaupt als denkbar erscheint.
Das setzt sich im Bildungssystem fort. Bildung kann zur Befreiung des Denkens beitragen. Sie kann aber auch bestehende Ordnungen reproduzieren. Die OECD veröffentlichte 2021 einen fast zweihundertseitigen Bericht darüber, wie Werte und Einstellungen in Lehrpläne eingebunden werden können. Die OECD ist selbst eine zwischenstaatliche Einrichtung, die Politikberatung und Standards entwickelt, und steht damit nicht außerhalb jener Strukturen, über die sie schreibt. Wer darin nur einen ungeplanten Wandel erkennen will, sollte das Dokument lesen. Die Feststellung ist bereits weitreichend genug: Gesellschaftliche Prägung wird geplant, beschrieben und institutionell organisiert. Warum wird über diese Planung nicht genauso öffentlich gestritten wie über die nächste Steuererhöhung?
Vision 2050: Wenn die Zukunft schon entworfen wird, während Lieschen Müller noch arbeitet
Wie weit die organisierte Gestaltung gesellschaftlicher Zukunft reichen kann, zeigt ein Dokument, das bereits 2011 veröffentlicht wurde: Dialoge Zukunft – Vision 2050, herausgegeben vom Rat für Nachhaltige Entwicklung. Auf 98 PDF-Seiten werden Zukunftsvorstellungen für Deutschland und die Welt im Jahr 2050 dokumentiert. Darunter finden sich Gesellschaftsmodelle ohne traditionelle Ehe, Vorstellungen einer grenzenlosen Welt, einer bargeldlosen Wirtschaft und einer umfassenden digitalen Vernetzung. Das sogenannte Verbarium, ein Wörterbuch künftig ausgestorbener Begriffe, lässt sogar das Wort „Ausländer“ im Jahr 2038 verschwinden, weil ein europäischer Staat entstanden sei. Bargeld soll nach dieser Vorstellung 2040 überflüssig geworden sein, weil Informationen über Konten, Identität, Gesundheit und Versicherungen zentral gespeichert und miteinander vernetzt werden.
Das sind Zukunftsvorstellungen einzelner Teilnehmer, kein rechtsverbindliches Regierungsprogramm. Aber wer glaubt, deshalb sei das Ganze bedeutungslos, sollte sich ansehen, wie dieser Zukunftsdialog zustande kam. Junge Menschen wurden auf Vorschlag von Politikern, Unternehmenschefs, Hochschulvertretern und anderen institutionellen Entscheidungsträgern ausgewählt. Sie entwickelten ihre Zukunftsentwürfe in einem organisierten Verfahren, diskutierten mit Vertretern aus Bundesministerien und dem Bundeskanzleramt, und die Ergebnisse sollten in die Fortschreibung der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie einfließen. Hier wurde gesellschaftliche Zukunft nicht einfach vorausgesagt. Hier wurden Vorstellungen davon entwickelt, welche Zukunft erstrebenswert sein sollte und welche Schritte dorthin führen könnten.
Und jetzt kommt der eigentliche Hammer: Die Teilnehmer stellten selbst fest, dass ihre Gruppe überwiegend akademisch gebildet, gesellschaftlich privilegiert und keineswegs repräsentativ für die Bevölkerung war. Das Auswahlverfahren wurde teilweise als intransparent kritisiert. Menschen aus benachteiligten Lebensverhältnissen waren nach Einschätzung der Beteiligten nicht ausreichend vertreten. Ausgerechnet bei einem Dialog über die Zukunft der gesamten Gesellschaft saßen also hauptsächlich diejenigen am Tisch, die ohnehin schon bessere Zugänge zu Bildung, Politik und gesellschaftlichen Institutionen besaßen. Wo war Lieschen Müller? Wer hatte sie gefragt, wie sie 2050 leben möchte? Wer hatte ihr überhaupt erklärt, dass solche Zukunftsentwürfe erarbeitet wurden?
Besonders bemerkenswert ist eine Formulierung in den abschließenden Handlungsempfehlungen. Der gesellschaftliche Dialog solle zwar von unten stattfinden, für seine Strukturierung aber ein Leitfaden von oben durch ein Lenkungsgremium vorgegeben werden. Vorgeschlagen wurden daneben Bürgerbeteiligung und Volksabstimmungen. Doch genau hier liegt die Machtfrage: Wer legt den Rahmen fest, innerhalb dessen Beteiligung stattfindet? Wer bestimmt die Themen, die Methoden, die Auswahl der Beteiligten und die Übersetzung ihrer Vorstellungen in politische Empfehlungen? Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob Bürger ihre Zukunft selbst bestimmen oder ob sie eingeladen werden, innerhalb eines bereits organisierten Verfahrens über die Zukunft nachzudenken.
Ich habe mich mit diesen Vorstellungen bereits ausführlich in meinem Beitrag „Die Vision 2050: Willkommen in der totalitären Wohlfühldiktatur – oder was?“ auseinandergesetzt. Dort geht es unter anderem um Familie, Nationalstaat, Bargeld, Digitalisierung und die Frage, wie gesellschaftliche Leitbilder unter dem Versprechen von Fortschritt und Nachhaltigkeit verändert werden sollen. Wer die ursprünglichen Aussagen überprüfen möchte, findet sie in der Veröffentlichung Dialoge Zukunft – Vision 2050 des Rates für Nachhaltige Entwicklung aus dem Jahr 2011, insbesondere auf den Seiten 12 bis 21, 38/39, 174/175 und 186 bis 189.
Das Dokument beweist nicht, dass jede darin beschriebene Zukunft bereits beschlossen war. Es beweist aber, dass gesellschaftliche Veränderungen über Jahrzehnte hinweg Gegenstand institutionell organisierter Planung, Beratung und politischer Meinungsbildung sind. Und genau das ist die Frage, die wir stellen müssen: Warum verfügen bestimmte Kreise über die Mittel, Zukunftsbilder zu entwerfen, politische Entscheidungsträger daran zu beteiligen und gesellschaftliche Leitbilder zu verbreiten, während Lieschen Müller oft nicht einmal weiß, dass solche Prozesse stattfinden?
Wer glaubt, gesellschaftliche Transformation falle einfach vom Himmel, sollte anfangen, die Dokumente jener Institutionen zu lesen, die sich seit Jahrzehnten mit ihrer Gestaltung beschäftigen.
Ukraine: Der Bauplan entsteht, während noch Bomben fallen
Wie solche Gestaltungsmacht praktisch aussieht, lässt sich an der Ukraine studieren. Seit dem russischen Angriff von 2022 kämpfen Menschen um ihr Leben, ihre Häuser und die Zukunft ihres Landes. Gleichzeitig begannen staatliche Stellen, internationale Finanzunternehmen und Berater, die wirtschaftlichen und technischen Strukturen des Wiederaufbaus zu entwerfen. Natürlich muss ein zerstörtes Land wiederaufgebaut werden. Aber wer bestimmt eigentlich, nach welchen Regeln es wiederaufgebaut wird? Wer sitzt am Verhandlungstisch, wenn Milliardeninvestitionen vorbereitet, Branchen priorisiert und Entscheidungsstrukturen festgelegt werden?
Am 10. November 2022 vereinbarte das ukrainische Wirtschaftsministerium mit BlackRock Financial Markets Advisory eine Beratung über eine Investitionsplattform. Das ukrainische Ministerium und BlackRock teilten öffentlich mit, worum es ging: nicht bloß um das Einsammeln von Geld, sondern um den Aufbau der Plattform, ihren Auftrag, ihre Zuständigkeiten und ihre Leitung. Im Mai 2023 folgte die Beratung zur Gestaltung eines geplanten Ukraine Development Fund. Im Blick waren unter anderem Energie, Infrastruktur, Landwirtschaft, Industrie und Informationstechnologie. Präsident Selenskyj nannte neben BlackRock auch JPMorgan und McKinsey als internationale Partner. Das ist die konkrete Ebene, auf der wirtschaftliche Zukunft entworfen wird: nicht am Küchentisch der Betroffenen, sondern zwischen Regierung, Finanzindustrie und internationalen Beratern.
Zur selben Entwicklung gehört die Digitalisierung staatlicher Dienstleistungen. Die ukrainische Plattform Diia wurde schon vor der russischen Großinvasion entwickelt und bündelt digitale Dokumente und Verwaltungsangebote. Im Januar 2023 kündigte die amerikanische Entwicklungsbehörde USAID rund 650.000 Dollar an, um Konzepte für die Übertragung dieser digitalen Verwaltungserfahrungen auf andere Länder zu erarbeiten. So wird aus einem nationalen Verwaltungsprojekt ein international beworbenes Modell. Die Fragen nach Datenmacht, Abhängigkeiten, Zugang und demokratischer Kontrolle verschwinden nicht, nur weil die Oberfläche bequem ist und die App funktioniert.
Die Journalistin Stavroula Pabst hat diese Verflechtungen bereits 2023 in Ukraine’s Future Lies in the Great Reset untersucht. Axel B. C. Krauss veröffentlichte den Text in deutscher Fassung unter dem Titel Die Zukunft der Ukraine liegt im Großen Reset. Auch in meinem eigenen Beitrag Ukraine als Versuchslabor habe ich mich mit dem Thema beschäftigt. Wer die Zusammenhänge selbst nachvollziehen will, findet hier meine Einordnung, die deutsche Fassung bei Axel B. C. Krauss und Pabsts englischen Originalartikel. Die Autorin zieht weitreichende politische Schlüsse; für die hier genannten Vereinbarungen kann man jedoch unmittelbar die Mitteilungen der ukrainischen Regierung und von BlackRock heranziehen.
Eine wichtige zeitliche Einordnung gehört dazu: BlackRock erklärte 2025, seine unentgeltliche Beratung bereits 2024 abgeschlossen zu haben; die Investorensuche für das geplante Fondsmodell wurde Anfang 2025 ausgesetzt. Wir reden also nicht von einem unverändert laufenden Mandat. Aber die dokumentierten Entscheidungen bleiben aufschlussreich: Private Finanzakteure werden an der Konstruktion öffentlicher Zukunftsmodelle beteiligt. Ihre Expertise mag gebraucht werden. Ihre Interessen verschwinden dadurch nicht. Und ein Regierungsauftrag beantwortet noch nicht die Frage, ob die Bevölkerung die geplanten Strukturen wirksam beeinflussen kann.
Stellen wir uns an dieser Stelle Lieschen Müller vor – oder eine ukrainische Familie, deren Haus zerstört wurde. Was kann sie über die Eigentums-, Finanzierungs- und Verwaltungsordnung ihres Landes mitentscheiden? Wer erklärt ihr die Alternativen, bevor die Verträge vorbereitet sind? Wenn Menschen den Wiederaufbau bezahlen und seine Folgen tragen, reicht es nicht, dass andere für sie einen Bauplan schreiben und ihnen anschließend erklären, er sei alternativlos.
Selbst der Protest kann zur Ware werden
Und wenn Lieschen Müller misstrauisch wird? Wenn sie den Nachrichten nicht mehr glaubt, neue Medien sucht, eine Initiative unterstützt, eine Protestbewegung entdeckt? Dann ist sie keineswegs automatisch außerhalb der Machtverhältnisse angekommen. Auch Aufmerksamkeit ist ein Markt, Empörung kann finanziert werden, und politische Gegenöffentlichkeiten sind nicht schon deshalb unabhängig, weil sie sich selbst so nennen.
Ausgerechnet die OECD benennt das Verfahren in ihrem Bericht Lobbying in the 21st Century ganz offen: Astroturfing. Gemeint sind Organisationen oder Kampagnen, die wie spontaner Protest von unten aussehen, tatsächlich aber geschaffen oder finanziert werden, um eine breite Bürgerunterstützung vorzutäuschen. Dieselbe Untersuchung warnt vor unklarer Finanzierung von Denkfabriken und wissenschaftlicher Forschung. Bemerkenswert ist dabei weniger, dass die OECD davor warnt, als dass eine Einrichtung mitten im internationalen Politikbetrieb solche Methoden selbst als Problem beschreibt. Ihre Aussagen sind eine Quelle, keine Absolution für die OECD.
Wer meint, das Eindringen in oppositionelle Gruppen sei bloß eine finstere Fantasie, sollte sich die Geschichte des FBI-Programms COINTELPRO ansehen. Das FBI räumt in seiner eigenen historischen Darstellung ein, dass Agenten Gruppen infiltrierten, interne Konflikte schürten und sie zu diskreditieren versuchten – teilweise ohne hinreichende Anhaltspunkte für Straftaten. Eine Bewegung kann also bekämpft werden, ohne dass man ihr öffentlich den Krieg erklärt. Man kann sie auch von innen beschädigen. Das ist historisch belegt. Es beweist nicht, dass jede heutige Graswurzelinitiative ferngesteuert ist. Aber es zerstört die naive Vorstellung, organisierte Gegenmacht bleibe schon deshalb unangetastet, weil sie von unten kommt.
Das gilt auch für die vermeintlich großen Befreiungsrezepte. Die einen erklären den Staat pauschal zum einzigen Übeltäter und versprechen Erlösung durch den Markt. Aber was, wenn gerade wirtschaftliche Abhängigkeiten politische Entscheidungen prägen? Dann beseitigt die Entmachtung des Staates nicht automatisch die Macht des Kapitals. Sie kann öffentliche Gegenmacht sogar schwächen. Andere erklären wiederum jede staatliche Regelung zur Lösung und übersehen, wie stark auch staatliche Entscheidungen durch finanzielle Interessen beeinflusst werden können. Wer nur Staat gegen Markt ausspielt, kann an der eigentlichen Frage vorbeireden: Wer besitzt die Mittel, beide zu beeinflussen?
Das digitale Labor kennt unseren Alltag
Mit dem Internet wurde nicht einfach nur Wissen zugänglich. Es entstand zugleich eine Infrastruktur, in der menschliches Verhalten messbar, sortierbar und kommerziell verwertbar wird. Was wir anklicken, wie lange wir verweilen, welche Themen uns aufregen, wem wir folgen: Solche Signale können genutzt werden, um die nächste Botschaft auf uns zuzuschneiden. Künstliche Intelligenz beschleunigt die Auswertung und die Produktion unterschiedlichster Fassungen derselben Nachricht.
Cambridge Analytica ist ein konkretes Lehrstück. Die amerikanische Federal Trade Commission stellte 2019 fest, dass das Unternehmen täuschende Methoden einsetzte, um Daten von Millionen Facebook-Nutzern für Wählerprofile und politische Zielgruppenansprache zu gewinnen. Man muss den Plattformen keine magische Allwissenheit zuschreiben. Es reicht, dass sie über Datenbestände und technische Mittel verfügen, die Lieschen Müller niemals besitzen wird. Sie sieht den Beitrag auf ihrem Bildschirm. Sie sieht nicht das Profil, aufgrund dessen gerade sie ihn zu sehen bekommt.
Und da soll sie bitte mit der gebotenen Gelassenheit erkennen, ob ein Aufreger organisch entstanden ist, ob ein bezahlter Akteur ihn verstärkt, ob eine Plattform das Thema bevorzugt oder ob jemand auf ihre Ängste zugeschnittene Botschaften testet. Sie müsste nicht bloß Medienkompetenz besitzen. Sie müsste die Geschäftsmodelle, Datenflüsse, technischen Systeme und Geldgeber durchschauen. Wer verlangt so etwas eigentlich von Menschen, die nebenbei noch ein ganzes Leben zu bewältigen haben?
Erst wird sie abhängig gemacht. Dann soll sie alles beweisen.
Besonders bequem wird es, wenn Kritik mit Etiketten erledigt werden kann. „Geschwurbel“. „Verschwörungstheorie“. „Rechte Verunsicherungsstrategien“. Solche Wörter können berechtigte Kritik bezeichnen; sie können aber ebenso als Abkürzung dienen, um eine unbequeme Frage nicht beantworten zu müssen. Ein Etikett ist keine Widerlegung. Und ein Verdacht allein ist noch kein Beweis. Wer sich auf Aufklärung beruft, muss beides aushalten.
Das wirkliche Missverhältnis bleibt: Ein Konzern kann eine Studie finanzieren, professionelle Kommunikation einkaufen und seine Position in Anhörungen vortragen. Eine internationale Organisation kann Reformmodelle über Jahre entwickeln. Lieschen Müller hat einen Feierabend, einen Internetanschluss und vielleicht den Mut, einen Leserbrief zu schreiben. Wenn sie sagt, dass wirtschaftliche Macht demokratische Entscheidungen verengt, wird sie nach der letzten Fußnote gefragt. Wenn dagegen eine mächtige Institution einen politischen Rahmen entwirft, wird dessen Fachsprache gern schon für Sachlichkeit gehalten.
Und ihre Ohnmacht ist nicht bloß theoretisch. Die Miete steigt. Eine Leistung wird gekürzt. Ein Wohnumfeld verändert sich. Öffentliche Infrastruktur wird abgebaut oder überlastet. Eine kulturelle Selbstverständlichkeit geht verloren. Nicht jede dieser Entwicklungen hat denselben Urheber, und nicht jede ist absichtlich erzeugt. Für Lieschen Müller macht das die Sache zunächst nur schwerer: Die Folgen tragen einen Namen. Die Verantwortlichkeiten zerfallen in Zuständigkeiten, Verträge, Märkte und Gremien. Wohin soll sie gehen? Wen soll sie verklagen? Welchen Beschluss soll sie angreifen, wenn das Problem aus einer ganzen Kette von Entscheidungen besteht?
Hier entsteht jene politische Ohnmacht, über die erstaunlich selten gesprochen wird. Von der Bürgerin erwartet man Selbstverantwortung. Aber sie verfügt weder über dieselben Erkenntnismittel noch über vergleichbare Möglichkeiten, gesellschaftliche Bedingungen zu gestalten. Ihr wird die Souveränität erklärt, während sich ihre tatsächliche Einflussmöglichkeit oft auf die Wahl zwischen bereits ausgearbeiteten Optionen beschränkt.
Wenn die Wand näher rückt
Was geschieht mit einem Menschen, der dauerhaft erlebt, dass sein Leben von Entscheidungen abhängt, die er kaum durchschauen oder verändern kann? Manche ziehen sich zurück. Manche resignieren. Manche werden wütend. Das ist keine Rechtfertigung für Gewalt und keine Diagnose einer gesamten Bevölkerung. Es ist eine Frage an die politische Ordnung: Wie lange kann man von Menschen gesellschaftlichen Frieden verlangen, wenn man ihre Erfahrung politischer Ohnmacht nicht ernst nimmt?
Die bequeme Antwort lautet, Lieschen Müller müsse ihre Wut nur richtig adressieren. Aber genau darin steckt die nächste Zumutung. Sie soll den Urheber benennen, dessen Netzwerke sie nicht kennt; sie soll eine Struktur beweisen, deren Unterlagen sie nicht besitzt; und sie soll dafür möglichst weder laut noch unbequem werden. Ansonsten gilt sie selbst als Problem. Eine demokratische Gesellschaft darf es sich nicht so einfach machen.
Darum endet diese Kritik auch nicht mit dem wohlfeilen Rat, jeder solle eben besser recherchieren. Das ist so, als würde man einem Menschen vor einer verschlossenen Banktür erklären, er müsse nur die Bilanz genauer lesen. Ein Informationsfreiheitsantrag kann etwas aufdecken; ein Lobbyregister kann Interessenvertretung sichtbar machen; Journalisten und Wissenschaftler können Zusammenhänge rekonstruieren. Aber keines dieser Werkzeuge ersetzt die Machtmittel einer Großorganisation. Die Behauptung, jeder könne mit genügend Fleiß allein zur eigenen Denkfabrik werden, ist eine romantische Vorstellung, die die wirkliche Ungleichheit verdeckt.
Wenn demokratische Selbstbestimmung mehr sein soll als eine feierliche Formel, müssen Einflusswege offengelegt, Finanzierung und Interessenkonflikte nachvollziehbar, öffentliche Entscheidungen überprüfbar und Kritik ohne politische Vorverurteilung möglich sein. Es braucht unabhängige Kontrolle, die selbst überprüft werden kann. Keine neue Priesterschaft, die dem Bürger erklärt, was er gefälligst zu glauben hat.
Lieschen Müller ist nicht zu dumm für Demokratie. Die Verhältnisse sind zu undurchsichtig, als dass man ihre Durchdringung einem einzelnen Menschen aufbürden dürfte.
Und das ist der Punkt, an dem die ganze Debatte über die angeblich freie Wahl ihren Glanz verliert: Freiheit besteht nicht nur darin, zwischen angebotenen Möglichkeiten auszuwählen. Sie setzt auch voraus, die Regeln hinterfragen und die Mächtigen zur Rechenschaft ziehen zu können, die diese Möglichkeiten gestalten.
Wer den Menschen die Verantwortung für ihr Leben zuschiebt, ihnen aber den Zugriff auf die entscheidenden Hebel verweigert, verkauft Ohnmacht als Selbstbestimmung.
Quellen und weiterführende Texte
- RAND Corporation: Do National Security Communication Campaigns Work? – von der US-Armee geförderte Auswertung zu Kommunikationskampagnen und möglichen Anwendungen für psychologische Operationen.
- Chatham House: Our Impact – Selbstdarstellung des Einflusses auf politische Entscheidungsprozesse.
- OECD (2021): Embedding Values and Attitudes in Curriculum – Werte und Einstellungen in Bildungsplänen.
- Rat für Nachhaltige Entwicklung (2011): Dialoge Zukunft – Vision 2050 – Originalbroschüre mit Nominierungsverfahren, Zukunftsentwürfen und Empfehlungen an die Politik.
- Eigener Beitrag: Die Vision 2050: Willkommen in der totalitären Wohlfühldiktatur – oder was? – ausführliche Auseinandersetzung mit den Zukunftsentwürfen.
- OECD (2021): Lobbying in the 21st Century, Kapitel 2 – Finanzierung von Denkfabriken und Astroturfing.
- FBI: And Justice for All, 1954–1971 – historische Einordnung von COINTELPRO.
- US-Handelsbehörde FTC (2019): Entscheidung zu Cambridge Analytica – Datenerhebung und politische Profilbildung.
- Ukraine, Wirtschaftsministerium (2022): Vereinbarung mit BlackRock – Beratungsauftrag für eine Investitionsplattform, einschließlich Struktur und Leitung.
- Ukraine, Wirtschaftsministerium (2023): Ukraine Development Fund – geplanter Wiederaufbaufonds und BlackRocks Beratungsrolle.
- Diia (2023): USAID-Unterstützung zur internationalen Verbreitung – ukrainische Mitteilung zur angekündigten Förderung.
- Kyiv Independent (2025): BlackRock setzt Investorensuche aus – Stand und Abschluss der Beratung.
- Eigener Beitrag: Ukraine als Versuchslabor – weiterführende Einordnung.
- Axel B. C. Krauss: Deutsche Fassung von Stavroula Pabsts Recherche – deutsche Übersetzung.
- Stavroula Pabst (2023): Ukraine’s Future Lies in the Great Reset – englische Originalveröffentlichung.
- Lobbyregister des Deutschen Bundestages – offengelegte Interessenvertretung und deren Grenzen.
- Eigene Reihe: Rom ist nicht untergegangen, Teil I – die weitergehende These der historischen Reproduktion von Macht.