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Dienstag, 17. Februar 2026

Die heilige Allianz der Arbeit

Warum alle Parteien, Gewerkschaften und Verbände am Arbeitsfetisch festhalten – und was das über unser System verrät

Es gibt in Deutschland eine Frage, die nicht gestellt werden darf. Nicht von links, nicht von rechts, nicht von den Gewerkschaften, nicht von den Kirchen, nicht von den Wohlfahrtsverbänden. Die Frage lautet: Wozu eigentlich Arbeit?

Nicht: Wie verteilen wir Arbeit gerechter? Nicht: Wie machen wir Arbeit humaner? Sondern: Warum halten wir an einem System fest, das Arbeit um der Arbeit willen erzwingt – obwohl die technologischen Mittel längst existieren, um den Menschen von ihr zu befreien?

Diese Frage wird nicht gestellt. Von niemandem. Und genau das ist der Skandal.

Die bizarre Einigkeit

Beobachten wir das politische Spektrum: Die Linke fordert "gute Arbeit für alle". Die SPD verspricht "Respekt für Arbeitsleistung". Die Grünen wollen "nachhaltige Arbeitsplätze". Die FDP predigt "Leistung muss sich lohnen". Die CDU beschwört die "arbeitende Mitte". Die AfD wettert gegen "Faulenzer im Sozialsystem".

Und alle – ausnahmslos alle – wettern gegen die "Sozialschmarotzer". Man versucht es manchmal in schöne Worte zu verpacken: "Fördern und Fordern", "Gegenleistung für Solidarität", "Missbrauch bekämpfen". Doch immer wieder bricht die nackte Verachtung durch.

"Spätrömische Dekadenz" – das war nicht AfD, das war Guido Westerwelle, FDP. Sozialhilfe-Mütter, die ihr Geld lieber in den Schnapsladen tragen statt ihre Kinder zu versorgen – das war die CDU-Debatte um Sachleistungen statt Bargeld. "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen" – Franz Müntefering, SPD. "Parasiten", "Drückeberger", "Sozial-Touristen" – das Vokabular der Entmenschlichung ist Mainstream, nicht Randphänomen.

Die AfD hat diese Rhetorik nicht erfunden. Sie hat sie nur geerbt – von denselben Volksparteien, die sich heute als ihre moralischen Gegner inszenieren.

Die Sprache entlarvt die Einigkeit: Von Merz bis Wagenknecht, von Habeck bis Lindner – sobald es um Menschen ohne Erwerbsarbeit geht, greifen alle zum selben Arsenal der Verachtung.

Die Gewerkschaften kämpfen um Arbeitsplätze – egal ob in Kindergärten oder Rüstungsfabriken. Die Caritas und Diakonie betreiben Maßnahmenzentren, in denen Akademiker das "professionelle Händeschütteln" üben. Die Arbeitgeberverbände finanzieren Kampagnen mit dem Slogan "Sozial ist, was Arbeit schafft" – ein Satz, den Alfred Hugenberg 1933 für die Nazis erdachte.

Von links bis rechts, von den Kanzeln bis in die Betriebsräte: Arbeit ist heilig. Arbeit ist Pflicht. Arbeit ist Würde. Arbeit ist Sinn.

Warum diese bizarre Einigkeit? Warum findet die einzig vernünftige Position – dass der Zweck der Arbeit ihre eigene Überwindung sein sollte – keinen politischen Ort?

Die Komplizen des Systems

Die Antwort ist unbequem: Alle diese Institutionen leben von der Arbeitsgesellschaft. Sie sind strukturell unfähig, das System in Frage zu stellen, weil sie Teil davon sind.

Die Gewerkschaften existieren nur, solange es Lohnarbeit gibt. Ihre Macht beruht auf der Organisierung von Arbeitnehmern. Eine Gesellschaft, die Arbeit radikal reduziert, würde sie überflüssig machen. Also kämpfen sie nicht gegen die Arbeit, sondern um Arbeit – um ihre eigene Existenzberechtigung.

Die Wohlfahrtsverbände – Caritas, Diakonie, AWO, Paritätischer – betreiben eine milliardenschwere Maßnahmenindustrie. Sie verdienen an jeder "Aktivierungsmaßnahme", an jedem "Bewerbungstraining", an jeder sinnlosen Beschäftigungstherapie. Die Jobcenter sind ihre Kunden, die Arbeitslosen ihre Rohstoffe. Ein System ohne Arbeitszwang würde ihre Geschäftsgrundlage vernichten.

Die Parteien brauchen das Versprechen der Vollbeschäftigung als Wahlkampfmunition. "Wir schaffen Arbeitsplätze" ist der universelle Köder, der seit Jahrzehnten funktioniert. Wer stattdessen sagt: "Wir befreien euch von der Arbeit" – der wird als Spinner abgetan oder als Gefahr bekämpft.

Die Intellektuellen und Experten – jene "Priesterschaft", die Sozialpolitik entwirft und ihre Umsetzung überwacht – beziehen ihre Macht aus der Komplexität des Systems. Je undurchschaubarer die Sozialgesetzbücher, desto unverzichtbarer die Experten. Vereinfachung wäre Machtverlust.

Sie alle bilden eine heilige Allianz der Arbeit – nicht durch Verschwörung, sondern durch strukturelle Interessenkonvergenz. Niemand muss sich absprechen. Das System reproduziert sich selbst.

Die totalitäre Dimension

Hannah Arendt definierte Totalitarismus nicht nur durch Terror, sondern durch die Unmöglichkeit einer Außenposition. Ein totalitäres System ist eines, das keine Alternative mehr denkbar erscheinen lässt.

In genau diesem Sinne ist die deutsche Arbeitsgesellschaft totalitär.

Wer die Grundannahme – dass jeder Mensch arbeiten muss – in Frage stellt, wird nicht widerlegt, sondern pathologisiert. Er ist "arbeitsscheu", "asozial", "Sozialschmarotzer". Die Sprache selbst ist kontaminiert: "Arbeitslos" – als fehle dem Menschen etwas Wesentliches. "Arbeitgeber" – als würden Unternehmen Arbeit verschenken statt Arbeitskraft kaufen. "Jobcenter" – als gäbe es dort Jobs.

Die Jobcenter vollstrecken diese Ideologie mit bürokratischer Präzision. Wer sich weigert, an der Simulation von Arbeit teilzunehmen – an den Motivationstrainings, den Bewerbungskursen, den "Aktivierungsmaßnahmen" –, dem werden die Grundmittel zum Leben gekürzt. Das System zwingt Menschen unter Androhung existenzieller Not, an ihrer eigenen Disziplinierung mitzuwirken.

Napoleon wusste es: "Je mehr meine Völker arbeiten, desto weniger Laster wird es geben." Die Jobcenter sind die Vollstrecker dieser Logik – nicht mehr mit Knute und Kerker, sondern mit Eingliederungsvereinbarungen und Sanktionsbescheiden.

Die Botschaft ist klar: Es gibt kein Außerhalb. Selbst sinnlose Arbeit ist besser als keine Arbeit. Der Mensch muss beschäftigt werden, koste es, was es wolle.

Die Perversion der Vernunft

Aristoteles erkannte vor 2.400 Jahren eine simple Wahrheit: Der Zweck der Arbeit ist die Nicht-Arbeit. Menschen erfinden Werkzeuge, um sich von Arbeit zu befreien. Das ist der Sinn von Technologie: Arbeit überflüssig zu machen.

Was erleben wir heute? Die vollständige Umkehrung dieser Zweck-Mittel-Relation.

Arbeit ist nicht mehr Mittel zum Zweck, sondern Selbstzweck. Neue Technologien werden nicht entwickelt, um Arbeit zu sparen, sondern um neue Arbeitsfelder zu erschließen. Die Digitalisierung, die uns von Routinearbeit befreien könnte, wird genutzt, um noch mehr Menschen in noch mehr Arbeitsprozesse einzubinden.

Die Bundesagentur für Arbeit beschäftigt über 100.000 Menschen. Sie vermittelt weniger als fünf Prozent der Arbeitslosen in Jobs. Der Rest findet selbst Arbeit – oder wird in Maßnahmen geparkt, die Milliarden verschlingen und nichts produzieren außer Statistiken und Konformität.

Arbeit findet statt, damit Arbeit stattfindet. Ein sich selbst perpetuierender Kreislauf, der jeder Vernunft spottet.

Jean Baudrillard beschrieb es präzise: "Ein gigantisches Ritual von Zeichen der Arbeit breitet sich über die ganze Gesellschaft aus – ob das noch produziert, Hauptsache, es reproduziert sich."

Die Frage, die gestellt werden muss

Warum akzeptieren wir das?

Warum nehmen wir hin, dass Menschen gezwungen werden, ihre Lebenszeit mit simulierter Beschäftigung zu verschwenden? Dass Milliarden in einen Apparat fließen, der sich selbst verwaltet? Dass die Würde des Menschen davon abhängt, ob er einen "Arbeitsplatz" hat – egal wie sinnlos, wie schlecht bezahlt, wie zerstörerisch?

Warum stellen wir nicht die naheliegende Frage: Wenn Vollbeschäftigung nicht mehr erreichbar ist – und das wissen alle Ökonomen –, warum organisieren wir unsere Gesellschaft dann weiterhin so, als wäre sie das höchste Ziel?

Die Antwort ist: Weil Arbeit ein Herrschaftsinstrument ist. Nicht trotz, sondern wegen ihrer zunehmenden Sinnlosigkeit.

Die Angst vor Arbeitslosigkeit diszipliniert die Beschäftigten. Sie senken die Köpfe, fordern keine höheren Löhne, akzeptieren schlechtere Bedingungen. Die Verwaltung der Arbeitslosen beschäftigt eine ganze Industrie – und hält die Betroffenen in Abhängigkeit und Kontrolle. Das Versprechen der Vollbeschäftigung legitimiert jeden Eingriff in das Leben der Menschen.

Das System braucht die Arbeitslosigkeit als Drohkulisse. Es braucht den Arbeitszwang als Disziplinierungsmittel. Es braucht die Simulation von Arbeit als Beweis, dass "alles getan wird".

Ein Gegenmodell

Es ginge auch anders.

Bildungsautonomie statt Zuweisung. Der Arbeitslose entscheidet selbst, welche Qualifikation er erwirbt. Keine Eingliederungsvereinbarungen, keine sinnlosen Maßnahmen. Ein Antrag: "Diese Ausbildung möchte ich machen." Bewilligung. Fertig.

Plattform statt Behörde. Eine öffentliche digitale Infrastruktur, auf der Unternehmen und Arbeitssuchende direkt zusammenfinden. Ohne Vermittler, ohne Fallmanager, ohne die 30.000 Euro Verwaltungskosten pro erfolgreicher Vermittlung.

Selbstverwaltung statt Bevormundung. Arbeitslose organisieren sich, unterstützen sich gegenseitig, verwalten Mittel selbst – wie früher die Gewerkschaftskassen.

Sozialämter für Härtefälle. Wer wirklich nicht kann – psychisch krank, suchtkrank, in komplexen Krisen –, bekommt individuelle Hilfe. Aber als Angebot, nicht als Kontrolle. Auf Augenhöhe.

Dieses Modell würde die entwürdigende Trennung zwischen SGB II und SGB XII aufheben. Es würde Milliarden an Bürokratiekosten sparen. Es würde Erwachsene als Erwachsene behandeln.

Vor allem aber würde es die Frage stellen, die nicht gestellt werden darf: Wozu eigentlich Arbeit?

Der Weg aus der Arbeitsfalle

Aristoteles' Vision einer Gesellschaft, in der Werkzeuge und Technologie den Menschen von der Arbeit befreien, ist heute technisch möglich. Sie scheitert nicht an der Ökonomie, sondern an der Ideologie.

Der Arbeitsfetisch ist eine Religion ohne Gott – aber mit Priestern, Tempeln und Inquisition. Die Jobcenter sind seine Kathedralen, die Sozialgesetzbücher seine heiligen Schriften, die Sanktionen seine Bußen.

Diese Religion zu überwinden, erfordert mehr als Reformen. Es erfordert die Erkenntnis, dass "Arbeit macht frei" eine Lüge war – und immer noch ist.

Nicht die Arbeitslosen müssen aktiviert werden. Das System muss beendet werden.

Nicht reformieren. Abschaffen.

Montag, 16. Februar 2026

Die Systemkritikerin aus dem Milliardärs-Orbit – oder: Wie man dem Volk den Libertarismus in die Synapsen pflanzt

 

Joana Cotar, geboren 1973 im rumänischen Pitești, floh als Kind mit ihrer Familie vor dem Ceaușescu-Regime nach Deutschland. Studium der Politikwissenschaft und Germanistik in Mannheim. Dann: Finanzbranche. IT-Projektmanagement bei der Deutschen Börse Group. Man merke sich das – Deutsche Börse Group, nicht irgendein Mittelständler aus Hessen.

2013 tritt sie der AfD bei, 2017 zieht sie in den Bundestag ein, wird digitalpolitische Sprecherin und Obfrau im Digitalausschuss. Nach innerparteilichen Konflikten verlässt sie 2022 die Fraktion, sitzt bis 2025 als fraktionslose Abgeordnete im Parlament. Soweit die offizielle Biografie.

Was man sich aber auf der Zunge zergehen lassen muss: Diese Frau gründete „Bitcoin im Bundestag", engagiert sich heute für das Milei-Institut und die Partei Team Freiheit. Finanzbranche, Deutsche Börse, Bitcoin, Milei – erkennt jemand das Muster? Nein? Keine Sorge, kommt noch.

Jetzt hat sie ein Buch geschrieben. „Inside Bundestag." Acht Jahre Insiderwissen, jetzt packt sie aus. Die alternativen Medien überschlagen sich. Jasmin Kosubek lädt sie ein und stellt – das muss man ihr zugutehalten – am Ende auch die richtigen Fragen. Endlich sagt's mal eine! Die Parteien haben sich den Staat zur Beute gemacht! Egal wen man wählt, das System ändert sich nicht!

Ja. Und? Das steht seit den 70er Jahren in Büchern. Das weiß jeder, der mal fünf Minuten nachgedacht hat. Aber gut, jetzt hat es eine Ex-Abgeordnete aufgeschrieben, die aus der Finanzbranche kommt, deren Bruder Milliarden bewegt und die ein Institut für Deregulierung nach Milei-Vorbild mitträgt – also klatschen alle brav.

Schauen wir uns mal an, was diese mutige Systemkritik so hergibt.

Die große Enthüllung: Politiker geben Geld aus

Ein Abgeordneter kostet eine halbe Million im Jahr. Skandal. Die fliegen Business Class. Skandal. Die kaufen sich iPhones von der Büropauschale. Skandal. Eine CDU-Kollegin hat eine E-Mail rumgeschickt, dass man Ende des Jahres noch schnell die Pauschale verbraten soll. Riesenskandal.

Jemand hat mal 956 Auslandsdienstreisen gezählt in zwei Jahren. Kosten: knapp 7 Millionen Euro. Da muss man jetzt erstmal tief durchatmen, sagt Frau Cotar. Der Interviewer empfiehlt Baldrian-Tee.

Leute. Sieben Millionen Euro. Bei einem Bundeshaushalt von über 400 Milliarden. Das ist, als würde jemand mit einer Lupe den Krümel auf dem Küchentisch untersuchen, während das Haus abbrennt.

Aber es geht noch weiter. Parteistiftungen kriegen 697 Millionen im Jahr. Irre! Fraktionen kriegen 140 Millionen. Wahnsinn! Sponsoring! Mandatsträgerabgaben! Ein raffiniertes System!

Ja. Und? Die Dame rechnet zusammen und kommt auf irgendwas über eine Milliarde. Dann sagt sie: Der Bundestag kostet 1,4 Milliarden im Jahr. Und dann – Achtung, jetzt kommt die ganz tiefe Analyse – sagt sie, ihr würden diese Zahlen gar nichts mehr sagen, weil sie so groß seien.

Willkommen im Club, Frau Cotar. Die Zahlen sagen Ihnen nichts, weil Sie nicht bis zu den Zahlen vorgedrungen sind, die tatsächlich etwas sagen.

Aber die Sozialhilfeempfänger, die sind das Problem

Während sich die Herrschaften eine halbe Million pro Nase gönnen, Business Class fliegen, Fahrdienste um 2 Uhr morgens rufen und ihre Büropauschale im Dezember noch schnell in den Elektronikmarkt tragen – während dieser ganze selbstbedienungsladen auf Hochtouren läuft – wissen dieselben Leute ganz genau, wo das eigentliche Problem liegt: Bei der alleinerziehenden Mutter, die Bürgergeld bezieht.

Die ist nämlich schuld. An allem. Am Staatshaushalt, an der Wirtschaftskrise, am Untergang des Abendlandes.

Schmarotzer. Parasiten. Bildungsferne Unterschicht. Sozialhilfemütter, die – Originalton eines Politikers, kein Witz – „die nächste Hartz-IV-Erhöhung lieber in den Schnapsladen tragen, als selbstbestimmte Verhütung zu betreiben." Das hat jemand gesagt, der vermutlich seine Flugreise nach Abu Dhabi als Dienstreise abgerechnet hat.

Und genau da schließt sich der Kreis zur libertären Agenda. Erst tretet ihr nach unten. Jahrzehntelang. Ihr redet den Leuten ein, dass die paar hundert Euro Sozialhilfe das Land ruinieren. Dass der Sozialstaat ein Fass ohne Boden ist. Dass die Faulen den Fleißigen auf der Tasche liegen. Ihr rechnet vor, was ein Bürgergeldempfänger kostet – bis auf den letzten Cent. Während oben drüber Hunderte Milliarden an Zinsen durch die Produktionskette fließen, ohne dass jemand auch nur hinschaut.

Und wenn die Stimmung dann reif ist, wenn alle glauben, dass der Sozialstaat das Problem ist – dann kommt die Lösung: Abschaffen. Deregulieren. Milei-Style. Der Markt regelt das. Und die Leute, die seit Jahren als Schmarotzer beschimpft werden, stehen dann ohne alles da. Kein Netz, kein Boden, nichts. Aber Elon Musk darf seine Satelliten ohne Genehmigungsverfahren ins All schießen. Freiheit halt.

Die Büropauschale von zwölftausend Euro empört Frau Cotar. Aber das Existenzminimum eines Sozialhilfeempfängers, das seit Jahrzehnten systematisch kleingerechnet wird? Darüber könnte man auch mal ein Buch schreiben. Macht nur keiner im libertären Milieu, weil die Armen keine Lobby haben – und schon gar keine Brüder, die 15 Milliarden verwalten.

Was Frau Cotar verschweigt – oder nicht weiß, oder nicht wissen will

Wir Bürger zahlen jedes Jahr – jedes einzelne Jahr – geschätzt 600 bis 700 Milliarden Euro an Zinskosten, die in sämtlichen Produkten und Dienstleistungen versteckt sind. Jeder Bauer zahlt Zinsen auf seinen Kredit, jeder Verarbeiter, jeder Spediteur, jeder Händler. Die Zinskosten kumulieren sich durch die gesamte Produktionskette und landen am Ende im Preis. Wenn Sie an der Kasse Ihren Einkauf über den Scanner ziehen, zahlen Sie im Schnitt 30 bis 35 Prozent an kumulierten Kapitalkosten mit. Ohne dass es irgendwo steht. Ohne dass es jemand ausweist. Ohne dass eine einzige Systemkritikerin auch nur ein Wort darüber verliert.

600 bis 700 Milliarden. Jedes Jahr. Allein in Deutschland.

Dagegen ist der gesamte Bundestag mit allem Drum und Dran ein Witz. Ein Rundungsfehler. Ein Furz im Sturm.

Aber Frau Cotar regt sich über iPhones und Business-Class-Flüge auf. Und die alternative Szene so: Ja! Genau! Endlich sagt's mal eine!

Geld entsteht in diesem System als Kredit. Geschäftsbanken schöpfen es aus dem Nichts – steht bei der Bundesbank, steht bei der Bank of England, ist kein Geheimnis. Es wird gegen Zins in die Wirtschaft gepumpt. Und da Geld nur über Schulden entsteht, muss das System permanent wachsen, damit die Zinsen bedient werden können. Die Geldproduzenten bestimmen, wer Kredit bekommt und wer nicht, wer wachsen darf und wer stirbt. IWF und Weltbank sagen Griechenland: Entweder ihr strukturiert um, oder wir drehen den Hahn zu. Und Griechenland strukturiert um. Jedes Land strukturiert um, wenn die Herren des Geldes es verlangen.

DAS ist Macht. Nicht die Büropauschale von zwölftausend Euro.

Aber darüber steht kein Wort in Cotars Buch. Kein. Einziges. Wort.

Der Bruder im Maschinenraum

Jetzt wird es richtig interessant. Und man muss dem Interviewer zugutehalten, dass er das tatsächlich angesprochen hat.

Joana Cotars Bruder heißt Alexander Tammers. Der Mann verwaltet rund 15 Milliarden Euro. Er war drittgrößter Investor bei der Twitter-Übernahme durch Elon Musk. Investiert in SpaceX, Neuralink, Telegram. Und seine Schwester saß als digitalpolitische Sprecherin im Bundestag.

Lesen Sie das noch mal. Langsam.

Ein Milliarden-Investor aus dem direkten Musk-Umfeld hat eine Schwester, die als digitalpolitische Sprecherin im Bundestag sitzt. Und diese Schwester schreibt jetzt ein Buch darüber, dass der Staat zu groß ist, dass dereguliert werden muss, dass Milei ein Vorbild ist, und gründet nebenbei „Free Speech Aid" – also ein Gegenstück zu „Hate Aid" –, weil wir ja alle so bedroht sind in unserer Meinungsfreiheit.

Free Speech als Flagge. Darunter: Deregulierung für Milliardäre.

Cotar sagt, als Oppositionspolitikerin hätte sie keinen Einfluss gehabt. Mag sein. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass sie jetzt – mit Buch, mit Vorträgen, mit Medienpräsenz – genau die Narrative in die alternative Szene trägt, die dem Milliardärs-Milieu nützen. Weniger Staat, weniger Regulierung, der Markt regelt das. Milei als Held. Musk als Freiheitskämpfer.

Und alle klatschen.

Das trojanische Pferd heißt Libertarismus

Hier muss man das ganz langsam buchstabieren, weil es offenbar noch nicht bei allen angekommen ist.

Phase eins: Das Großkapital kapert den Staat. Lobbyismus, Drehtüreffekte, gekaufte Politik, Bankenrettungen, Schuldensozialisierung. Der Staat wird zum Instrument der ökonomischen Macht. Soweit bekannt. Soweit richtig.

Phase zwei: Der Staat ist so gründlich diskreditiert, dass die Bevölkerung selbst seine Abschaffung fordert. Und genau in diesem Moment tauchen Leute auf – finanziert, vernetzt, mit Zugang zu den größten Medienmultiplikatoren der Welt – und sagen: Ja, genau, der Staat muss weg! Weniger Regulierung! Weniger Bürokratie! Freiheit!

Phase drei: Der Staat wird tatsächlich zurückgebaut. Die Regulierung, die auch das Kapital noch gebremst hat – so zahnlos sie war – fällt weg. Und was bleibt? Die nackte ökonomische Macht ohne jedes Gegengewicht. Keine Kartellaufsicht, kein Arbeitsschutz, keine demokratische Kontrolle über gar nichts. Aber hey – Freiheit!

DAS ist der libertäre Betrug. Man nimmt die berechtigte Wut der Leute über einen korrupten Staat und lenkt sie in eine Richtung, die genau jenen nützt, die diesen Staat korrumpiert haben. Der Staat war nie das Problem. Das Problem war immer, wer den Staat kontrolliert.

Und Milei? Das große Vorbild? Der Mann wollte Argentinien dollarisieren. Das heißt: die gesamte monetäre Souveränität an die Federal Reserve abgeben. Also an genau jenes private Zentralbanksystem, das den globalen Geldfluss kontrolliert. Das ist keine Befreiung. Das ist Kapitulation. Aber Frau Cotar findet das toll, und Herr Bagus schreibt Bücher darüber, wie wunderbar das alles ist.

Warum die alternative Szene darauf reinfällt

Weil die Wut echt ist. Die Leute haben Recht, wenn sie sagen: Die Politik vertritt uns nicht. Der Staat arbeitet nicht für uns. Die Parteien sind korrupt. Das stimmt alles.

Und dann kommt jemand, der genau das ausspricht, der Namen nennt, Zahlen liefert, der von innen berichtet – und die Leute denken: Endlich. Endlich einer von uns.

Nur ist Cotar nicht „eine von uns". Sie kommt aus einem Umfeld, das Milliarden bewegt. Ihr Bruder spielt in der obersten Liga des globalen Finanzkapitals. Sie bewegt sich im Orbit von Leuten, deren Geschäftsmodell davon abhängt, dass der Staat sie in Ruhe lässt. Und sie liefert genau die Narrative, die dieses Geschäftsmodell braucht.

Das ist keine Systemkritik. Das ist Marketing.

Die echte Systemkritik fängt da an, wo Cotar aufhört – nämlich bei der Frage: Wer kontrolliert die Geldschöpfung? Wer bestimmt, wie viel Geld in Umlauf kommt, wer es bekommt und zu welchen Bedingungen? Solange diese Frage nicht auf dem Tisch liegt, ist alles andere Kulisse. Jede Empörung über Diäten und Dienstreisen, jeder Ruf nach Deregulierung, jedes Milei-Poster an der Wand – nichts als Ablenkung vom eigentlichen Spiel.

Aber davon steht nichts in dem Buch. Und auf den alternativen Kanälen klatschen sie trotzdem.

Man wüsste ja gern, ob das Naivität ist – oder Kalkül.

Sonntag, 15. Februar 2026

Der Vater der KI: „Nur DIESE Jobs sind noch sicher!" Büroarbeit stirbt (Jürgen Schmidhuber)

 

 

Herr Schmidhuber macht hier das, was Technologie-Evangelisten immer machen: historische Analogien bemühen, die bei genauem Hinsehen hinken. Ja, vor 200 Jahren waren 60% in der Landwirtschaft. Aber die Transition dauerte 200 Jahre und wurde begleitet von Massenelend, Kinderarbeit, Slums, sozialen Kämpfen und zwei Weltkriegen.


Das "hat sich doch alles geregelt" ist Überlebenden-Bias – die Millionen, die in diesem Prozess verarmt und gestorben sind, reden nicht mehr. Und die Industrieroboter? Die Deindustrialisierung hat ganze Regionen zerstört – Rust Belt, Ruhrgebiet, englische Midlands. Die "neuen Jobs" wie YouTube-Blogger sind oft prekär, ohne Sozialversicherung, ohne Tarifvertrag. Das ist kein Ersatz für Facharbeiter mit Betriebsrente.

Das Handwerker-Versprechen ist ein Trostpflaster. Nicht jeder kann Klempner werden. Und wenn Millionen Büroarbeiter plötzlich ins Handwerk drängen, kollabieren dort die Löhne.

Was Schmidhuber komplett auslässt: Wer profitiert? Microsoft, Google, OpenAI-Investoren Die Machtkonzentration: Wenige Konzerne kontrollieren die Infrastruktur des Denkens KI wird nicht gewählt, nicht kontrolliert, nicht rechenschaftspflichtig Kreative Arbeit wird gesampelt ohne Vergütung der Urheber Jede Interaktion wird gespeichert, analysiert, monetarisiert Die Frage, die er nicht stellt: Warum sollte eine Technologie, die Arbeit ersetzt, den Arbeitern nützen – wenn die Eigentumsverhältnisse bleiben wie sie sind?

Wer auf der Gewinnerseite sitzt, predigt gerne individuelle Anpassung. Die systemische Frage nach Macht und Verteilung stellt er nicht. Das ist keine Analyse, das ist Ideologie.

Emanzipation als Verwertungslogik – Die Zahnräder hinter der Fassade (Teil 2)

Den ersten Teil dieser Analyse finden Sie hier: Emanzipation als Verwertungslogik – Wie die ökonomische Macht beide Geschlechter in die Zange nimmt (Teil 1)

Im ersten Teil haben wir anhand der MANNdat-Dokumentation „Geschichte des Wehrpflichtsexismus in Deutschland" gezeigt, wie die Wehrpflicht-Asymmetrie einer ökonomischen Verwertungslogik folgt: der Mann als disponible Masse, die Frau als geschützte Reproduktionsinfrastruktur, die Emanzipation als Verdoppelung des Arbeitskräftereservoirs ohne Entlohnung der Reproduktion – und der Geschlechterkampf als Ablenkung vom Klassenkampf.

In diesem zweiten Teil ziehen wir die Fäden weiter. Denn wer die Verwertungslogik konsequent zu Ende denkt, stößt auf Zusammenhänge, die weit über die Wehrpflichtfrage hinausreichen – und die zeigen, dass es sich nicht um isolierte Phänomene handelt, sondern um Zahnräder desselben Mechanismus.

Die dysgenische Selektion: Krieg als Zucht gegen den Widerstandsgeist

Dieser Gedanke ist unbequem, aber er lässt sich nicht wegdiskutieren: Wenn in jedem Krieg die mutigsten, körperlich stärksten, widerstandsfähigsten Männer an die Front geschickt werden – und dort sterben – dann überleben bevorzugt die Angepassten. Die Fügsamen. Diejenigen, die sich dem System unterordnen, die nicht auffallen, die gehorchen.

Über Generationen hinweg wirkt Krieg damit als Selektionsmechanismus gegen Widerstandsgeist. Es ist schlichte Populationsgenetik: Wer sich gegen die Obrigkeit auflehnt, wird an die Front gestellt. Wer funktioniert, überlebt. Nach jedem großen Krieg ist die überlebende Bevölkerung im Durchschnitt angepasster, gehorsamer, weniger rebellisch als die Generation zuvor.

Man muss das nicht als bewusste Planung verstehen, um die Funktion zu erkennen. Es ist gleichgültig, ob eine Machtelite dies kalkuliert oder ob es sich als emergentes Muster ergibt – das Ergebnis ist identisch: Krieg züchtet Gehorsam. Er selektiert systematisch gegen die Eigenschaften, die nötig wären, um das System in Frage zu stellen. Die ökonomische Macht braucht keine Verschwörung, um davon zu profitieren – sie muss lediglich den Mechanismus nicht unterbrechen.

Und wer nach 1945 auf die westdeutsche Wirtschaftswundergesellschaft blickt – auf ihre Obrigkeitshörigkeit, ihre Konsumbereitschaft, ihre politische Passivität – der sieht das Ergebnis dieser Selektion in Echtzeit.

Die Zuchtbuchlogik: Wenige Bullen, viele Kühe

Es gibt eine Parallele, die man nicht aussprechen soll, die aber analytisch zwingend ist. In der Tierzucht braucht man wenige männliche Tiere, aber viele weibliche – ein Bulle kann hunderte Kühe decken. Die Weibchen sind der Flaschenhals der Reproduktion, die Männchen sind ersetzbar.

Genau dieses Kalkül liegt dem „Schutz" der Frauen vor dem Kriegsdienst zugrunde, wenn man es auf die biologische Ebene herunterbricht. Eine Gesellschaft kann den Verlust von fünfzig Prozent ihrer männlichen Bevölkerung reproduktiv verkraften – den Verlust von fünfzig Prozent der weiblichen nicht. Das ist keine Wertschätzung, das ist Bestandsrechnung.

Man mag einwenden, dass moderne Gesellschaften nicht mehr in diesen Kategorien denken. Aber die Politik handelt exakt so – über Jahrhunderte hinweg, bis heute. Die Rhetorik hat sich verfeinert, von der „Bestimmung der Frau" über das „Frau-Sein" bis zur „Vereinbarkeit von Familie und Beruf". Das darunterliegende Kalkül ist dasselbe geblieben: Die Reproduktionskapazität wird geschützt, die disponible Masse wird verheizt.

Der Unterschied zur Tierzucht besteht lediglich darin, dass man dem Bullen keine Geschichte erzählt, warum er zum Schlachter muss. Dem Mann erzählt man eine von Ehre, Pflicht und Vaterland.

Die Entsorgung: Was mit denen geschieht, die überleben

Wenn die Verwertungslogik stimmt, dann müsste sich ihre Signatur auch am Umgang mit denjenigen zeigen, die den Krieg überleben. Und genau das tut sie.

Posttraumatische Belastungsstörungen, Suizid, Obdachlosigkeit, Alkoholismus, zerbrochene Familien – das ist die Bilanz derer, die „ihrem Land gedient" haben. In den USA sind Veteranen unter Obdachlosen massiv überrepräsentiert. In Deutschland werden ehemalige Soldaten mit PTBS durch ein Versorgungssystem geschleust, das auf Minimierung von Kosten ausgelegt ist, nicht auf Heilung.

Das System investiert nicht in die Reparatur, weil das „Menschenmaterial" seinen Verwertungszweck bereits erfüllt hat. Der Soldat ist ein Verbrauchsgegenstand: einsetzen, nutzen, entsorgen. Die Dankbarkeitsrituale am Veteranentag oder am Volkstrauertag sind die billigste Form der Entsorgung – ein symbolisches Pflaster auf eine systemische Wunde, das gleichzeitig dazu dient, die nächste Generation für denselben Verwertungszyklus zu rekrutieren. Denn der junge Mann soll die Ehrung sehen, nicht die Obdachlosigkeit danach.

Die Söhne der Mächtigen kämpfen nie

Es gibt eine Probe, die jede patriotische Erzählung sofort entlarvt: Wo sind die Söhne derjenigen, die den Krieg beschließen?

Die Antwort ist über Jahrhunderte hinweg dieselbe: nicht an der Front. Von den europäischen Adelshäusern, die Bauern in die Schlachten schickten, über die Industriellenfamilien beider Weltkriege bis zu den politischen Dynastien der Gegenwart – der Krieg ist eine Veranstaltung der Unter- und Mittelschicht. Die Söhne der Quandts, der Rockefellers, der Porsches haben nie in einem Schützengraben gelegen.

Das allein widerlegt die Erzählung, dass eine Nation gemeinsam für ihre Freiheit kämpft. Nationen kämpfen nicht. Arme Männer kämpfen. Und sie kämpfen für die Interessen derer, die ihre eigenen Söhne systematisch dem Zugriff des Staates entziehen, den sie selbst kontrollieren.

Wenn der Krieg wirklich das wäre, als was er verkauft wird – ein Überlebenskampf des Volkes, eine Verteidigung der Heimat, eine Frage der nationalen Existenz – dann müsste jeder kämpfen. Dass die Machtelite ihre Kinder dem Zugriff entzieht, beweist, dass sie selbst nicht an die Erzählung glaubt, die sie der Bevölkerung auftischt.

Die Bildungsbenachteiligung: Produktion disponibler Masse

Die Verwertungslogik beginnt nicht erst bei der Musterung. Sie beginnt in der Schule.

Jungen schneiden im Bildungssystem systematisch schlechter ab als Mädchen. Sie brechen häufiger die Schule ab, machen seltener Abitur, studieren seltener. Das wird wahlweise als biologische Disposition („Jungen reifen später"), als pädagogisches Problem oder als individuelles Versagen verhandelt. Nie als systemische Funktion.

Aber wenn man die Verwertungslogik konsequent anwendet, ergibt die Bildungsbenachteiligung von Jungen einen erschreckenden Sinn: Man braucht keine gebildeten Kanonenfutter. Man braucht Männer mit wenig Optionen – Männer, für die das Militär, der Niedriglohnsektor oder prekäre Beschäftigung die einzigen Wege sind. Ein junger Mann mit Universitätsabschluss und Perspektive ist schwerer zu rekrutieren als einer ohne Schulabschluss und ohne Alternative.

Die systematische Unterförderung von Jungen produziert genau das, was die Verwertungsmaschinerie braucht: disponible Masse. Nicht durch Verschwörung, sondern durch konsequentes Desinteresse an der Lösung eines Problems, dessen Fortbestehen dem System nützt.

Dass gleichzeitig Milliarden in die Mädchenförderung fließen, ist in dieser Logik kein Widerspruch – sondern die andere Seite derselben Medaille: Die Frauen sollen gebildet genug sein, um als Arbeitskraft verwertbar zu sein, aber gleichzeitig die Reproduktion leisten. Die Männer sollen gerade ungebildet genug sein, um als Verfügungsmasse zu funktionieren.

Die Migrationslogik: Importierte Reproduktion

Und wenn die einheimische Reproduktion dennoch nicht ausreicht? Wenn Frauen, die jetzt arbeiten müssen statt Kinder bekommen zu können, nicht mehr genügend Nachwuchs produzieren?

Dann importiert man junge, arbeitsfähige Körper. Vorzugsweise männliche, vorzugsweise entwurzelt, ohne Netzwerk, ohne gewachsene Solidarstrukturen – und damit maximal ausbeutbar. Die Migrationspolitik folgt derselben Verwertungslogik: Wenn die inländische Arbeitskraftproduktion stockt, wird Arbeitskraft von außen zugeführt. Nicht aus Humanität – sondern weil die Maschine gefüttert werden muss.

Das erklärt auch, warum Integrationspolitik chronisch unterfinanziert ist. Integrierte Menschen mit Netzwerken, Sprachkenntnissen und Rechtskenntnis sind schwerer auszubeuten als isolierte. Die mangelnde Integration ist kein politisches Versagen – sie ist funktional.

Die aktuelle Wehrpflichtdebatte: Die Rolle rückwärts in Echtzeit

Und nun schließt sich der Kreis zur Gegenwart. Europa rüstet auf. Die Wehrpflichtdebatte ist zurück. Und wieder – vorhersehbar wie ein Uhrwerk – ausschließlich für Männer.

Dieselben Politiker, die „Gleichstellung" als Staatsziel formulieren, die Genderbeauftragte in jede Institution pflanzen, die von Diversität und Inklusion sprechen, vollziehen ohne jeden Anflug von Scham die Rolle rückwärts zum männlichen Krieger. Kein Aufschrei der Gleichstellungsbeauftragten. Kein Protest der Frauenverbände. Kein einziger Leitartikel, der die offensichtliche Frage stellt: Wenn wir gleichgestellt sind – warum dann nicht auch hier?

Denn das ist die Grenze der Gleichstellung: Sie endet dort, wo es unbequem wird, wo es gefährlich wird, wo es wehtut. Gleichstellung gilt beim Zugang zu Aufsichtsräten, nicht beim Zugang zum Schützengraben. Bei Quoten in Vorständen, nicht bei Quoten in Leichensäcken.

Die MANNdat-Dokumentation der „Geschichte des Wehrpflichtsexismus in Deutschland" zeigt: Dieses Muster ist nicht neu. Es ist sechs Jahrzehnte alt – mindestens. Und es hat sich kein einziges Mal geändert. Die Begründungen wechseln, das Ergebnis bleibt.

Medien als Narrativmaschine

Die gesamte Konstruktion – von der dysgenischen Selektion über die Zuchtbuchlogik bis zur Bildungsbenachteiligung – funktioniert nur unter einer Bedingung: Das Narrativ muss stimmen. Die Geschichte muss erzählt und geglaubt werden.

Männer sind Täter, Frauen sind Opfer. Krieg ist notwendige Verteidigung. Wehrpflicht ist Ehrenpflicht. Gleichstellung ist erreicht, außer wo Frauen noch benachteiligt sind. Männer, die auf ihre Benachteiligung hinweisen, sind Jammerer, Rechte, Frauenfeinde.

Ohne die permanente mediale Aufrechterhaltung dieser Erzählungen würde die Absurdität der Asymmetrie sofort sichtbar werden. Ein einziger ehrlicher Leitartikel, der fragt, warum Gleichstellung an der Kasernentür endet, würde das gesamte Kartenhaus gefährden. Deshalb wird diese Frage nicht gestellt – nicht aus Versehen, sondern weil die Medien integraler Bestandteil der Verwertungsmaschinerie sind.

Sie sind nicht Berichterstatter der Macht – sie sind ihr Sprachrohr. Sie liefern die Erzählung, die das System braucht, um die Masse ruhig zu halten: eine Erzählung von Demokratie, Gleichheit und Freiheit, die bei näherer Betrachtung genau das Gegenteil verschleiert.

Fazit: Die Zahnräder sichtbar machen

Die Wehrpflichtfrage ist ein Fenster. Wer hindurchschaut, sieht nicht nur eine geschlechterpolitische Asymmetrie, sondern einen Gesamtmechanismus, dessen einzelne Teile ineinandergreifen wie Zahnräder:

Krieg selektiert gegen Widerstandsgeist. Bildung produziert disponible Masse. Migration ersetzt fehlende Reproduktion. Medien liefern das Narrativ. Der Geschlechterkampf verhindert den Klassenkampf. Die Emanzipation verdoppelt das Arbeitskräftereservoir. Die Reproduktion bleibt unbezahlt. Die Söhne der Mächtigen bleiben verschont. Die Veteranen werden entsorgt. Und die Frau wird nicht geschützt – ihre Gebärfähigkeit wird geschützt.

Das System braucht keine Verschwörung, um so zu funktionieren. Es braucht nur eine Machtelite, die den Mechanismus nicht unterbricht, weil er ihr nützt. Alles andere – die Rhetorik, die Gesetze, die Gleichstellungspolitik, die empörten Leitartikel – ist Dekoration auf einer Maschine, die seit Jahrhunderten nach derselben Logik läuft.

Wer das einmal gesehen hat, kann es nicht mehr entsehen.


Weiterführend:

Emanzipation als Verwertungslogik – Wie die ökonomische Macht beide Geschlechter in die Zange nimmt (Teil 1)

Quellen und weiterführende Lektüre:

Samstag, 14. Februar 2026

Emanzipation als Verwertungslogik – Wie die ökonomische Macht beide Geschlechter in die Zange nimmt (Teil 1)

Eine Analyse anlässlich der MANNdat-Dokumentation „Geschichte des Wehrpflichtsexismus in Deutschland"

Die Webseite MANNdat hat in einem aufschlussreichen Zweiteiler die „Geschichte des Wehrpflichtsexismus in Deutschland" dokumentiert – gestützt auf das Buch »Besonders Frauen«: Schwarzbuch Feminismus 1968–2019 von Gunnar Kunz. Die Chronologie legt offen, wie über sechs Jahrzehnte hinweg Gleichberechtigung als Einbahnstraße praktiziert wurde: gleiche Rechte für Frauen, aber keine gleichen Pflichten. Die Wehrpflicht blieb ausschließlich Männersache – verteidigt von einer breiten Koalition aus Feministinnen, Politikerinnen aller Parteien und Frauenorganisationen, mit wechselnden Begründungen, aber stets demselben Ergebnis.

Wer diese Chronik liest, dem fällt ein Muster auf, das über die Geschlechterfrage hinausweist. Denn die eigentliche Frage lautet nicht: Warum wurden Männer anders behandelt als Frauen? Die eigentliche Frage lautet: Wem nützt diese Asymmetrie?

Der Mann als disponible Masse

Aus der Perspektive ökonomischer Macht – nicht des kleinen Bürgers, sondern der systemischen Kapitalverwertungslogik – besitzt der einzelne Mann einen bestimmten funktionalen Status: Er ist austauschbar. Biologisch kann ein Mann theoretisch hunderte Nachkommen zeugen. Für die Reproduktion der Arbeitskraft, und das ist der entscheidende Punkt, ist er numerisch verzichtbar. Daraus ergibt sich die historische Bereitschaft, Männer in Kriegen zu verheizen, in Zwangsdienste zu pressen, sie als opferbare Masse zu behandeln – ohne dass dies je als strukturelle Diskriminierung zur Kenntnis genommen wurde.

Die MANNdat-Dokumentation belegt dies eindrücklich: Von der Einführung der Wehrpflicht 1955 über die gescheiterte Klage von Alexander Dory 2003 bis zur Aussetzung 2011 – und den sofortigen Bestrebungen, neue Zwangsdienste ausschließlich für Männer einzuführen. Der Mann ist das austauschbare Produktionsmittel und der austauschbare Soldat.

Die Frau als geschützte Reproduktionsinfrastruktur – aber nur biologisch

Der vermeintliche „Schutz" der Frauen vor der Wehrpflicht, der sich durch die gesamte Chronik zieht, hat in dieser Lesart wenig mit Humanität oder Wertschätzung zu tun. Er hat alles mit der Sicherung der biologischen Reproduktion zu tun – der nächsten Generation von Arbeitern und Soldaten. Wenn Elisabeth Schwarzhaupt 1955 erklärt, die „Natur und Bestimmung der Frau" verbiete den Dienst an der Waffe, wenn Liselotte Funcke 1978 formuliert, Frauen, die „bestimmt sind, Leben zu geben", dürften nicht zum Töten gezwungen werden, oder wenn DDR-Frauen 1982 protestieren, Armeedienst widerspreche ihrem „Frau-Sein" – dann klingt das nach Wertschätzung. Funktional betrachtet ist es Bestandsschutz für eine Produktionsressource.

Die „Gebärmaschine" – so zynisch das klingt – durfte nicht gefährdet werden. Nicht aus Respekt vor der Frau, sondern aus Verwertungsinteresse.

Die Probe aufs Exempel: Warum schont man eine Reservearmee?

Es gibt einen einfachen logischen Test, an dem die gesamte Schutzkonstruktion scheitert. Die Frage lautet: Wenn eine Nation tatsächlich in ihrer Existenz bedroht wäre – wenn es wirklich ums nackte Überleben ginge – warum sollte man dann die Hälfte der Bevölkerung von der Verteidigung ausnehmen?

Frauen können an der Front bestehen. Das ist keine Spekulation, das ist historisch belegt: von den sowjetischen Scharfschützinnen und Pilotinnen im Zweiten Weltkrieg über die kurdischen Kämpferinnen bis zu den israelischen Streitkräften. Wenn es wirklich brennt, zählt jeder Körper. Dann wirft man alles in die Waagschale – Männer, Frauen, jeden.

Dass man das nicht tut – dass man selbst angesichts behaupteter existenzieller Bedrohungen eine gigantische Reservearmee schont – lässt logisch nur zwei Schlüsse zu:

Entweder die Bedrohung ist nie so existenziell, wie sie der Bevölkerung dargestellt wird. Der Krieg ist kein Überlebenskampf des Volkes, sondern ein kalkuliertes Unternehmen, bei dem man es sich leisten kann, die Reproduktionsreserve zu schonen, weil man sie nach dem Krieg für den Wiederaufbau der Arbeitskraftbasis braucht.

Oder die ökonomische Machtelite plant bereits über den Krieg hinaus – was bedeutet, dass der Krieg selbst nur eine Phase im Verwertungszyklus ist. Man braucht die Frauen nicht als Soldatinnen im Krieg, man braucht sie danach: um die nächste Generation zu produzieren, die wieder arbeiten und wieder kämpfen wird.

In beiden Fällen entpuppt sich der „Schutz der Frau" nicht als Humanismus, sondern als Investitionsschutz. Man schützt nicht die Frau als Menschen – man schützt die Produktionskapazität für zukünftige Arbeitskraft. Und der Krieg selbst ist Realität für den kleinen Mann, der stirbt – aber ein Geschäftsvorgang im Kosten-Nutzen-Kalkül derjenigen, die ihn niemals selbst führen.

Dass ökonomische Macht längst supranational und transnational operiert, während die kleinen Männer gegeneinander kämpfen, vollendet das Bild: Sie sterben für Grenzen, die für das Kapital nicht mehr existieren.

Die doppelte Falle: Emanzipation als Arbeitskraftmobilisierung

Und hier beginnt die eigentliche Perfidie. Die Frauenbewegung hat – in ihrer politisch durchgesetzten Mainstream-Variante – etwas erreicht, das dem Kapital einen enormen Dienst erwiesen hat: die Integration der Frauen in den Arbeitsmarkt. Das Arbeitskräfteangebot wurde verdoppelt. Strukturell wirkt das lohndrückend. Wo früher ein Einkommen eine Familie ernähren konnte, braucht es heute zwei Einkommen für denselben Lebensstandard.

Gleichzeitig wurde die Reproduktionsarbeit – Schwangerschaft, Geburt, Kinderbetreuung – zu keinem Zeitpunkt als ökonomische Leistung anerkannt und entsprechend entlohnt. Das Ergebnis: Das Kapital bekommt beides – die Arbeitskraft der Frau am Markt und die unbezahlte Reproduktion der nächsten Generation.

Die Frauenbewegung hatte ihre Monopolstellung bei der Reproduktion nie als Verhandlungsmasse genutzt, um deren Bezahlung durchzusetzen. Sie hätte sagen können: Ohne uns keine nächste Generation, also bezahlt uns dafür. Stattdessen wurde die Reproduktion entwertet und die Erwerbsarbeit zum einzigen Maßstab gesellschaftlicher Teilhabe erhoben – ganz im Sinne der Verwertungslogik.

Wo ist die Selbstbestimmung geblieben?

Hier schließt sich der Kreis. Das erklärte Ziel der frühen Frauenbewegung war Selbstbestimmung: die Wahlfreiheit zwischen Erwerbsarbeit und Familienarbeit. Was ist daraus geworden?

Mit der Agenda 2010 und den Hartz-Reformen wurde ein Regime errichtet, das Frauen – besonders im Leistungsbezug – unter Androhung existenzbedrohender Sanktionen in den Arbeitsmarkt presst. Fremdbetreuung ist keine Option, sondern Pflicht. Die jüngsten Vorstöße verschärfen dies weiter: Spätestens ein Jahr nach der Geburt hat eine Mutter sich dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stellen. Wer das nicht tut, wird sanktioniert.

Das ist bemerkenswert: Vor der „Emanzipation" hatte eine Frau – wenn auch im Rahmen patriarchaler Strukturen – die faktische Möglichkeit, bei ihren Kindern zu bleiben. Das war gesellschaftlich akzeptiert, teilweise sogar erwartet. Heute, nach Jahrzehnten feministischer Errungenschaften, ist diese Wahlfreiheit geringer als zuvor. Die Frau muss erwerbstätig sein. Die Selbstbestimmung wurde durch einen neuen Zwang ersetzt – nur dass dieser Zwang jetzt als „Gleichstellung" und „Teilhabe" verkauft wird.

Die Frauenbewegung als Steigbügelhalter

Die unbequeme Wahrheit: Die politisch wirksame Frauenbewegung hat in ihrer Mainstream-Ausprägung nie das System der Kapitalverwertung angegriffen. Sie hat die Verteilung innerhalb des Systems verändert – Zugang zum Arbeitsmarkt, zu Karrieren, zu militärischen Laufbahnen – aber stets nur als Wahlmöglichkeit, nie als Pflicht. Und sie hat dabei dem Kapital in mehrfacher Hinsicht gedient:

Sie hat das Arbeitskräftereservoir verdoppelt und damit strukturellen Lohndruck erzeugt. Sie hat die Reproduktionsarbeit unbezahlt gelassen, obwohl gerade hier ihre Verhandlungsmacht lag. Sie hat Männer als Feindbild inszeniert, statt die ökonomische Machtstruktur anzugreifen. Und sie hat die Wehrpflicht-Asymmetrie verteidigt, die dem System die disponible Soldatenmasse sicherte.

Das Ergebnis ist eine Situation, in der beide Geschlechter stärker ausgebeutet werden als zuvor – aber die Konfrontationslinie zwischen Mann und Frau verläuft, statt zwischen Arbeit und Kapital. Der Geschlechterkampf als Ablenkungsmanöver vom Klassenkampf. Die Identitätspolitik als Systemstabilisierung.

Die Synthese

Die MANNdat-Dokumentation zeigt die eine Seite: wie Männer systematisch als Pflichtträger und Verfügungsmasse behandelt wurden und werden, während Gleichberechtigung selektiv nur dort gilt, wo sie Vorteile bringt. Das ist skandalös genug.

Aber die Analyse greift tiefer, wenn man die Frage nach dem cui bono stellt. Dann zeigt sich: Die Geschlechterasymmetrie ist kein Fehler im System – sie ist das System. Männer als disponible Arbeitskraft und Kanonenfutter, Frauen als biologische Reproduktionsressource und seit der „Emanzipation" zusätzlich als billige Arbeitskraft, der man die Bezahlung ihrer Monopolleistung – der Reproduktion – verweigert. Und ein Geschlechterkampf, der beide Seiten davon abhält, die eigentliche Machtfrage zu stellen.

Das nannte man früher divide et impera. Heute nennt man es Gleichstellungspolitik.


Im zweiten Teil dieser Analyse ziehen wir die Fäden weiter: Warum produziert Krieg über Generationen hinweg eine gefügigere Bevölkerung? Warum gleicht die Logik hinter dem „Schutz der Frau" einer Zuchtbuchkalkulation? Was geschieht mit den Männern, die überleben – und warum investiert niemand in ihre Reparatur? Warum kämpfen die Söhne der Mächtigen nie? Welche Rolle spielt die systematische Bildungsbenachteiligung von Jungen bei der Produktion disponibler Masse? Und warum folgt die aktuelle Wehrpflichtdebatte exakt demselben Muster, während dieselben Politiker „Gleichstellung" predigen?

Teil 2: Die Zahnräder hinter der Fassade – demnächst auf diesem Blog.


Quellen und weiterführende Lektüre:

Freitag, 13. Februar 2026

Klaus, die Taube – und der Mensch auf der Parkbank Über eine Gesellschaft, die für Tauben 50 Kilometer fährt und an Obdachlosen vorbeigeht

Es gibt Geschichten, die klingen harmlos. Niedlich sogar. Geschichten, bei denen man erst lächelt – und dann, wenn man einen Moment innehält, das Lächeln im Hals stecken bleibt.

Dies ist so eine Geschichte.

Auf dem Pausenhof einer Schule lebt eine Taube. Die Kinder haben sie Klaus getauft. Klaus kommt jeden Morgen. Klaus pickt die Krümel auf, die von den Pausenbroten übrig bleiben. Klaus gehört dazu. Klaus ist Familie.

Vorgestern dann: Ein Falke stürzt herab. Mitten auf dem Pausenhof. Mitten unter den Kindern. Er schlägt Klaus. Tiefe Wunden reißt er in den kleinen Körper. Federn fliegen. Blut. Stille. Und dann – das Schreien der Kinder.

Was dann passiert, ist bemerkenswert.

Die Kinder werfen sich dazwischen. Zwischen Falke und Taube. Zwischen Raubtier und Beute. Zwischen Leben und Tod. Sie verjagen den Falken. Der zieht sich auf einen Baum zurück, zehn Meter hoch, und schaut herab. Wartet. Versteht die Welt nicht mehr.

Die Kinder raffen sich zusammen. Einer ruft: Hat jemand einen Karton? Ein anderer ruft die Polizei. Die Polizei gibt die Nummer des Tierhilfswerks. Und das Tierhilfswerk – man höre und staune – fährt fünfzig Kilometer. Fünfzig Kilometer für eine Stadttaube namens Klaus. Sie kommen, sie nehmen Klaus mit, sie verarzten ihn.

Happy End.

Oder?

Der Falke auf dem Baum

Reden wir über den, über den niemand redet.

Der Falke sitzt auf seinem Ast. Er hat nicht aus Bosheit angegriffen. Er hat nicht aus Grausamkeit zugeschlagen. Er hat getan, was seine Natur ihm vorschreibt: überleben. Er hat keine Alternative. Er kann keinen Antrag auf Grundsicherung stellen. Er kann nicht zum Discounter gehen und sich eine Packung Hühnchen für 2,99 Euro kaufen. Er muss töten, um zu leben. Das ist keine Grausamkeit – das ist Biologie.

Aber das interessiert niemanden.

Die Kinder haben den Falken verjagt. Sie haben ihm seine Mahlzeit genommen. Sie haben ihn dem Hunger überlassen. Vielleicht dem Tod. Denn ein Falke, der nicht jagt, stirbt. So einfach ist das. So brutal. So wahr.

Aber Klaus hat einen Namen. Und der Falke hat keinen.

Wer einen Namen hat, wird gerettet. Wer keinen hat, wird vergessen. Merken Sie sich diesen Satz. Er wird gleich noch wichtiger.

Walt Disneys Erben

Woher kommt das? Woher kommt diese selektive Empathie, die ein Tier zum Schützling macht und ein anderes zum Feind? Die Antwort sitzt tief. Sie sitzt in Kinderzimmern. Vor Bildschirmen. In den Geschichten, die wir unseren Kindern erzählen.

Bambi. Der Wolf ist böse. Das Reh ist unschuldig. Der Jäger ist der Teufel.

Findet Nemo. Jeder Fisch hat eine Persönlichkeit, einen Traum, eine Familie.

Aristocats. Katzen sind Adel. Hunde sind loyal. Und die Welt ist gut, solange wir nur fest genug daran glauben.

Generationen von Kindern sind mit diesen Bildern aufgewachsen. Generationen, die gelernt haben, dass Tiere fühlen wie wir. Dass sie leiden wie wir. Dass sie Hilfe verdienen wie wir. Und das stimmt sogar – zum Teil. Tiere fühlen. Tiere leiden. Keine Frage.

Aber die Natur kennt kein Gut und Böse. Die Natur kennt kein Opfer und keinen Täter. Die Natur kennt nur: Fressen und Gefressenwerden. Und wer das nicht akzeptiert, der rettet Tauben und lässt Falken verhungern. Der weint über Bambi und isst abends sein Schnitzel.

Fünfzig Kilometer

Halten wir einen Moment inne und rechnen.

Fünfzig Kilometer Anfahrt. Fünfzig Kilometer Rückfahrt. Einhundert Kilometer. Für eine einzelne Stadttaube. Spritkosten. Personalkosten. Fahrzeugkosten. Tierarztkosten.

Niemand – niemand – stellt die gute Absicht in Frage. Diese Menschen vom Tierhilfswerk sind Idealisten. Sie tun, woran sie glauben. Respekt.

Aber jetzt die Frage, die wehtut:

Wann ist das letzte Mal jemand fünfzig Kilometer gefahren, um einen Obdachlosen aufzusammeln?

Stille.

Genau.

Der Mensch auf der Parkbank

Es ist Winter. Minus fünf Grad. Minus zehn vielleicht. Es ist die Art von Kälte, die in die Knochen kriecht, die die Finger taub macht, die tötet – leise, langsam, gnadenlos.

Auf einer Parkbank liegt ein Mensch. Vielleicht zugedeckt mit Pappe. Vielleicht mit einer Decke, die längst nicht mehr wärmt. Vielleicht riecht er. Vielleicht murmelt er vor sich hin. Vielleicht liegt er einfach nur da – still, reglos, vergessen.

Die Kinder gehen vorbei. Die Eltern gehen vorbei. Alle gehen vorbei.

Niemand ruft die Polizei. Niemand ruft das Hilfswerk. Niemand fragt: Hat jemand einen Karton? Niemand fährt fünfzig Kilometer. Niemand fährt auch nur fünfzig Meter.

Denn dieser Mensch hat keinen Namen. Nicht für uns. Nicht für die Gesellschaft. Er ist der Obdachlose. Nicht Peter. Nicht Anke. Nicht Klaus.

Er ist eine Kategorie. Ein Stadtmöbel. Ein Problem, das man ausblendet, indem man die Straßenseite wechselt.

Die große Lüge der selektiven Empathie

Und hier wird es bitter. Richtig bitter.

Denn bei Klaus, der Taube, kommt niemand auf die Idee zu sagen: Der hätte halt schneller fliegen sollen. Niemand sagt: Selber schuld, warum sitzt der auch auf dem Pausenhof rum. Niemand sagt: Der will das doch so.

Aber beim Menschen auf der Parkbank? Da kommen sie alle, die Sätze. Die vergifteten Sätze:

Der könnte doch arbeiten.

Der ist selber schuld.

Der will das so.

Der säuft doch nur.

Für solche Leute zahle ich keine Steuern.

Beim Tier ist das Opfer immer unschuldig. Beim Menschen wird das Opfer zum Täter umgedeutet. Und schwupps – ist das Gewissen entlastet. Die Empathie abgeschaltet. Der Blick abgewendet.

Das ist kein Zufall. Das ist Konditionierung.

Das ist das Ergebnis einer Gesellschaft, die Mitgefühl zur Ware gemacht hat. Die entscheidet, wer es verdient und wer nicht. Die für Tauben Hilfswerke finanziert und für Menschen die Kältebusse streicht.

Die Kinder trifft keine Schuld

Und das muss gesagt werden: Die Kinder haben nichts falsch gemacht. Sie haben aus dem Herzen gehandelt. Mutig. Spontan. Bedingungslos. Sie haben sich zwischen einen Falken und eine Taube geworfen, ohne eine Sekunde nachzudenken. Das ist großartig. Das ist menschlich im besten Sinne.

Die Kinder sind nicht das Problem.

Wir sind das Problem.

Wir, die Erwachsenen, die ihnen eine Welt gebaut haben, in der ein Tierhilfswerk selbstverständlich fünfzig Kilometer fährt – während in derselben Stadt Menschen auf der Straße erfrieren, weil das Geld für den Kältebus fehlt. Wir, die wir Spendenaufrufe für Katzenbabys teilen und an der Obdachlosenzeitung vorbeigehen. Wir, die wir uns über Tierquälerei empören und gleichzeitig wegschauen, wenn ein Mensch vor unserer Haustür zugrunde geht.

Eine letzte Frage

Klaus, die Taube, wird vermutlich durchkommen. Die Wunden werden verheilen. Die Kinder werden jubeln, wenn Klaus wieder auf dem Pausenhof auftaucht. Es wird vielleicht sogar einen kleinen Artikel in der Lokalzeitung geben: „Schulkinder retten Pausenhof-Taube vor Falkenangriff." Alle werden lächeln. Alle werden sich gut fühlen.

Und irgendwo in derselben Stadt, vielleicht nur ein paar Straßen weiter, wird ein Mensch auf einer Parkbank liegen. Bei minus fünf Grad. Ohne Namen. Ohne Karton. Ohne jemanden, der fünfzig Kilometer fährt.

Und niemand – niemand – wird einen Artikel darüber schreiben.Bei aller Tierliebe – und ich meine das aufrichtig, bei aller Tierliebe: Wir müssen uns fragen, was mit einer Gesellschaft passiert ist, die ihre Empathie nach Fell und Federn sortiert statt nach Bedürftigkeit. Die für Tauben Rettungswagen schickt und für Menschen die Achseln zuckt.

Denn wenn wir das nicht mehr fragen, dann haben wir aufgehört, eine menschliche Gesellschaft zu sein.

Dann sind wir nur noch eine, die gut darin ist, sich gut zu fühlen. 

Marigny de Grilleau

Donnerstag, 12. Februar 2026

Wenn Gesetze ihre Adressaten nicht mehr erreichen – Warum das Sozialrecht verfassungswidrig unverständlich ist


Eine renommierte Juristin hat gerade nachgewiesen, dass EU-Gesetze so unklar sind, dass niemand mehr seine Rechte daraus ablesen kann. Was für den „Data Act" gilt, gilt für das deutsche Sozialrecht erst recht – mit dem Unterschied, dass es hier nicht um Datenhandel geht, sondern um das nackte Überleben.


Ein Befund, der aufhorchen lässt

Prof. Dr. Dr. h.c. Christiane Wendehorst, eine der angesehensten Juristinnen im deutschsprachigen Raum, hat sich den sogenannten „Data Act" der EU vorgenommen – ein Gesetz, das regeln soll, wem welche Daten gehören und wer was damit machen darf. Ihr Ergebnis, veröffentlicht in der Neuen Juristischen Wochenschrift (NJW 2025, S. 291 ff.), ist vernichtend:

Das Gesetz stellt den Rechtsanwender – also denjenigen, der es befolgen soll – „in fast allen Kapiteln vor fundamentale Auslegungsprobleme, die nicht nur Randaspekte, sondern teilweise den Kern der Regelung betreffen."

Auf Deutsch: Selbst Fachleute verstehen nicht, was das Gesetz eigentlich will. Nicht in Details, sondern im Grundsätzlichen.

Wendehorst geht noch weiter: Wenn ein Gesetz „so unklar ist, dass die Adressaten ihre Rechte und Pflichten nicht erkennen können", dann kann das zur Nichtigkeit führen – das Gesetz wäre dann schlicht ungültig. Die Hürden dafür seien allerdings „extrem hoch" und vom Europäischen Gerichtshof „kaum je als erfüllt angesehen" worden.

Das ist ein bemerkenswerter Satz. Übersetzt heißt er: Ja, es gibt eine Grenze. Aber die Gerichte weigern sich, sie durchzusetzen.

Man sollte hier kurz innehalten und eine naheliegende Frage stellen: Ist diese Unklarheit wirklich ein handwerkliches Versehen? Oder ist ein Gesetz, das so viel Spielraum lässt, dass es jeder auslegen kann, wie es ihm passt, vielleicht genau so gewollt? Denn wem nützt die Unklarheit? Den Unternehmen, die Heerscharen von Anwälten beschäftigen, um die dehnbaren Formulierungen in ihrem Sinne auszulegen – und Gerichte, die ihnen dabei folgen. Dazu später mehr.

Was hat das mit Hartz IV und Sozialhilfe zu tun?

Alles.

Denn was Wendehorst für den Data Act beschreibt – Gesetze, die so komplex, so verschachtelt, so voller interner Querverweise sind, dass selbst Juristen kapitulieren –, das ist im deutschen Sozialrecht nicht die Ausnahme. Es ist der Normalzustand. Seit Jahrzehnten.

Nur gibt es einen entscheidenden Unterschied: Der Data Act richtet sich an Unternehmen. Die haben Rechtsabteilungen, Compliance-Teams, spezialisierte Anwaltskanzleien. Sie können es sich leisten, Gesetze nicht zu verstehen – sie bezahlen jemanden, der es für sie tut.

Das Sozialgesetzbuch richtet sich an Menschen, die kein Geld haben. Die krank sind, behindert, alt, arbeitslos. Menschen, die per Definition in einer Notlage stecken.

Und jetzt schauen wir uns an, was der Gesetzgeber diesen Menschen zumutet.

Es gibt nicht ein Sozialgesetzbuch. Es gibt zwölf. SGB I bis SGB XII – jedes ein eigenes Regelwerk, jedes hunderte von Paragrafen stark. Dazu kommen Dutzende von Verordnungen: Regelbedarfsermittlungsgesetz, Regelbedarfsstufen-Fortschreibungsverordnung, Eingliederungshilfe-Verordnung, Werkstättenverordnung, Budgetverordnung – die Liste nimmt kein Ende. Dann die Ausführungsgesetze der sechzehn Bundesländer, die jeweils eigene Regeln aufstellen. Dann die Richtlinien der über 400 kommunalen Träger, die innerhalb der Landesgesetze nochmals eigene Maßstäbe anwenden. Was in München gilt, gilt nicht in Hamburg. Was in Leipzig bewilligt wird, wird in Passau abgelehnt.

Allein der Nomos-Kommentar zum SGB XII – also die juristische Erklärung nur eines einzigen dieser zwölf Bücher – umfasst fast 2.000 Seiten. Die Kommentierung zum SGB IX, dem Rehabilitations- und Teilhaberecht, ist ähnlich umfangreich. Zusammen mit den Kommentaren zu SGB I, SGB II, SGB X und den einschlägigen Nebengesetzen steht man vor einer Bibliothek, die mehrere Regalmeter füllt – und die sich mit jeder Gesetzesänderung, jeder neuen BSG-Entscheidung, jeder aktualisierten Verordnung weiter ausdehnt.

Und jeder einzelne Paragraf verweist auf andere Paragrafen. § 35a SGB XII verweist auf § 34 SGB X. § 42 SGB XII verweist auf §§ 27a bis 40 SGB XII. § 113 SGB IX verweist auf § 102, der auf § 99 verweist, der auf die Eingliederungshilfe-Verordnung verweist, die auf die ICF-Klassifikation der WHO verweist. Man öffnet einen Paragrafen und landet in einem Spinnennetz aus Querverweisen, das selbst Fachanwälte mit jahrelanger Spezialisierung regelmäßig in Sackgassen führt.

Von diesen Menschen – von den Kranken, den Behinderten, den Alten, den Arbeitslosen – erwartet der Gesetzgeber, dass sie dieses System durchschauen. Dass sie wissen, was ihnen zusteht. Dass sie erkennen, wenn ein Bescheid falsch ist. Dass sie fristgerecht Widerspruch einlegen, die richtige Rechtsgrundlage benennen und im Zweifel vor Gericht gehen – ohne Anwalt, denn den können sie sich nicht leisten, und Prozesskostenhilfe wird oft genug abgelehnt.

Das ist nicht nur unzumutbar. Das ist zynisch.

Unverständlichkeit ist kein Zufall – sie ist ein System

Hier liegt der Kern des Problems, und hier geht die Kritik über Wendehorst hinaus: Die Unverständlichkeit des Sozialrechts ist nicht einfach ein handwerklicher Mangel. Sie hat eine Funktion.

Wer seine Rechte nicht kennt, fordert sie nicht ein. Wer seinen Bescheid nicht versteht, legt keinen Widerspruch ein. Wer das System nicht durchschaut, glaubt dem Sachbearbeiter, wenn der sagt: „Da können wir nichts machen." Die Widerspruchsquoten im Sozialrecht sind erstaunlich niedrig – und die Erfolgsquoten derjenigen, die trotzdem widersprechen, erstaunlich hoch. Das bedeutet: Die Behörden erlassen massenhaft fehlerhafte Bescheide. Aber die Mehrheit der Betroffenen wehrt sich nicht. Nicht weil der Bescheid richtig ist, sondern weil sie nicht wissen, dass er falsch ist.

Denn man muss sich fragen: Wer schreibt diese Gesetze? Nicht die Menschen, die auf Grundsicherung angewiesen sind. Nicht die alleinerziehende Mutter, die Wohngeld braucht. Nicht der schwerbehinderte Rentner, der eine behinderungsgerechte Wohnung sucht. Sozialgesetze werden geschrieben von Ministerialbeamten, überarbeitet von Fachreferenten, beeinflusst von Lobbyverbänden – und in einer Sprache verabschiedet, die nur Juristen verstehen. Die Betroffenen sitzen nicht am Tisch. Sie sitzen am anderen Ende – dort, wo die Bescheide ankommen.

Und jetzt der Vergleich, der das ganze Ausmaß sichtbar macht: Wenn es um Steuerrecht geht, um Unternehmensregulierung, um Handelsabkommen – wer schreibt dann die Gesetze? Die großen Wirtschaftskanzleien liefern fertige Formulierungshilfen an Ministerien. Branchenverbände reichen Positionspapiere ein, die sich Absatz für Absatz im Gesetzentwurf wiederfinden. Die vier großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften beraten gleichzeitig die Unternehmen und die Regierungen, die diese Unternehmen regulieren sollen. Lobbyregister, soweit sie existieren, dokumentieren tausende Treffen zwischen Industrievertretern und Gesetzgebern – pro Legislaturperiode.

Das Ergebnis: Die ökonomische Macht schreibt sich ihre eigenen Regeln. Nicht im Hinterzimmer, sondern ganz offen, über den institutionalisierten Weg der „Konsultation", der „Expertenanhörung", der „Formulierungshilfe". Und diese Regeln sind – oh Wunder – so gestaltet, dass diejenigen, die sie geschrieben haben, sie auch durchschauen und für sich nutzen können.

Beim Sozialrecht läuft es genau umgekehrt. Hier sitzen keine Lobbyisten der Grundsicherungsempfänger in den Ministerien. Hier liefern keine Anwaltskanzleien „Formulierungshilfen" im Interesse der Behinderten und Alten. Die Komplexität, die bei Unternehmensgesetzen den Eingeweihten nützt, nützt beim Sozialrecht den Behörden – und schadet denen, für die es angeblich gemacht ist.

Und genau hier offenbart sich die eigentliche Struktur: Die Komplexität des Sozialrechts ist kein Versagen des Gesetzgebers. Sie ist ein Bollwerk. Ein Schutzwall, der nicht die Schwachen vor Willkür schützt, sondern die öffentlichen Haushalte vor den Ansprüchen der Schwachen. Jeder Querverweis, jede Verordnungsermächtigung, jede unbestimmte Rechtsbegriff-Kaskade – „angemessen", „erforderlich", „zumutbar" – ist eine Stelle, an der ein Sachbearbeiter Nein sagen kann, ohne begründen zu müssen, warum eigentlich nicht Ja.

Das ist keine Verschwörung im klassischen Sinne. Kein Politiker setzt sich hin und sagt: „Lasst uns das Gesetz unverständlich machen, damit die Leute ihre Ansprüche nicht durchsetzen." Es ist subtiler und deshalb wirksamer. Es ist ein System, das nach oben durchlässig ist – wer Anwälte, Berater, Ressourcen hat, kommt durch – und nach unten dicht. Wer arm ist, krank, behindert und allein, prallt an einem Regelwerk ab, das formal für ihn geschrieben wurde, aber faktisch gegen ihn arbeitet.

Wendehorst nennt die unverständlichen EU-Rechtsakte „technokratische Ermächtigungsprogramme". Für das Sozialrecht könnte man es noch schärfer formulieren: Es sind bürokratische Entmündigungsprogramme. Sie nehmen den Schwächsten die Möglichkeit, ihre verfassungsmäßig garantierten Rechte selbst wahrzunehmen – und verweisen sie auf eine „Rechtsberatung", die sie sich nicht leisten können, und auf Gerichte, die im Zweifel der Verwaltung den Rücken stärken, statt den Betroffenen zuzuhören.

Was sagt das Grundgesetz dazu?

Das Rechtsstaatsprinzip – verankert in Artikel 20 des Grundgesetzes – verlangt, dass Gesetze klar und bestimmt sein müssen. „Normenklarheit" und „Normenbestimmtheit" nennt das Bundesverfassungsgericht diese Anforderungen. Der Bürger muss erkennen können, was von ihm verlangt wird und was ihm zusteht.

Dieses Prinzip wird im Sozialrecht täglich verletzt. Nicht an den Rändern, sondern im Kern. Wenn ein Mensch, der auf existenzsichernde Leistungen angewiesen ist, ohne juristische Hilfe nicht herausfinden kann, ob ihm 50 Euro mehr oder weniger im Monat zustehen – dann ist das kein Randproblem. Dann ist das Gesetz in seiner Substanz gescheitert.

Und anders als beim EU-Recht, wo es „nur" um Marktregulierung geht, steht hier das Grundrecht auf ein menschenwürdiges Existenzminimum auf dem Spiel – das Fundament, auf dem laut Bundesverfassungsgericht die gesamte Sozialstaatlichkeit ruht.

Die eigentliche Frage

Wendehorst stellt am Ende ihres Aufsatzes die Frage, ob Gesetze, die niemand mehr versteht, überhaupt einen Geltungsanspruch haben. Das ist eine unbequeme Frage. Für das EU-Recht. Für das Sozialrecht ist sie noch unbequemer.

Denn hier geht es nicht um abstrakte Rechtsprinzipien. Hier geht es um Menschen, die am Ende des Monats entscheiden müssen, ob sie heizen oder essen. Die in verschimmelten Wohnungen sitzen, weil das System, das sie schützen soll, sie in einem Labyrinth aus Paragrafen, Verordnungen und Zuständigkeiten gefangen hält. Die gegen Bescheide kämpfen, die sie nicht verstehen, auf Grundlage von Gesetzen, die sie nicht lesen können, nach Maßstäben, die selbst Richter unterschiedlich auslegen.

Was das konkret bedeutet – wie dieses System im Einzelfall zuschlägt, wie Gerichte Atteste übergehen, Gutachten ignorieren und zwanzig Seiten Argumentation mit einem einzigen Satz abwischen –, das zeige ich in einem Folgebeitrag an einem dokumentierten Fall.

Das Muster wird Sie nicht überraschen. Aber es wird Sie wütend machen.


Quelle: Wendehorst, NJW 2025, S. 291 ff. – Analyse des EU Data Act (Verordnung (EU) 2023/2854)

Marigny de Grilleau

Mittwoch, 11. Februar 2026

Die KI-Jobkrise und das Märchen vom goldenen Handwerksboden

 


Ein Professor warnt in dramatischen Worten vor der KI-Revolution. Ein „Spiel um unsere Existenz" sei das, die „größte Revolution auf dem Arbeitsmarkt seit einem halben Jahrhundert". Politiker hätten keine Ahnung, spielten die drei Affen, und Programmierer — die angeblich Unantastbaren der letzten zwei Jahrzehnte — würden „als allererstes weggefegt". Soweit die Diagnose, und sie klingt durchaus plausibel.

Dann kommt die Therapie. Und da wird es lächerlich.

Die Rechnung, die keiner aufmacht

Im Vereinigten Königreich stehen 1,2 Millionen Hochschulabsolventen gerade einmal 17.000 offenen Stellen gegenüber. Verhältnis: 70 zu 1. Und die Lösung unseres Professors? „Handwerk hat goldenen Boden." Friedrich Merz habe „nicht so ganz unrecht" mit seinem Vorschlag, man solle doch lieber eine handwerkliche Ausbildung machen.

Rechnen wir das mal durch, was passiert, wenn diese Empfehlung befolgt wird.

Nehmen wir an, auch nur ein Drittel dieser überschüssigen Akademiker orientiert sich in Richtung Handwerk um. Das wären 400.000 Menschen, die plötzlich auf einen Markt drängen, der sie nie erwartet hat. Was passiert mit einem Markt, der mit Arbeitskräften geflutet wird? Die Löhne fallen. Der „goldene Boden" wird zum Billiglohnsektor. Das ist kein ökonomisches Geheimwissen, das ist Angebot und Nachfrage — etwas, das man im ersten Semester BWL lernt, jenem Studiengang, den der Professor ja noch für studierenswert hält.

Der demographische Wandel, der hier gerne als Gegenargument angeführt wird, ändert daran wenig. Denn wenn Millionen von Akademikern gleichzeitig ins Handwerk umgelenkt werden, ist der demographische Mangel in kürzester Zeit überrannt. Und dann stehen Handwerker vor demselben Problem wie die Akademiker jetzt: Zu viele Menschen für zu wenige Stellen. Nur mit dem Unterschied, dass sie zuvor ihre akademische Qualifikation aufgegeben haben.

Der Roboter im Raum

Aber es kommt noch besser. Denn unser Professor ignoriert den Elefanten — oder besser: den Roboter im Raum. Die humanoiden Roboter, die gerade in Serie gehen. Tesla Optimus, Boston Dynamics Atlas, Figure, Agility Robotics — sie alle werden nicht entwickelt, um in Laboren herumzustehen. Sie werden entwickelt, um physische Arbeit zu verrichten. Genau jene Arbeit, die angeblich den „goldenen Boden" bildet.

Wenn KI die kognitive Arbeit ersetzt und Roboter die physische — was genau bleibt dann übrig? Empathie, sagt der Professor. Menschenkenntnis. Intuition. Erfahrungswissen.

Das klingt wunderbar. Und es ist vollkommen wertlos als Arbeitsmarktkonzept.

Denn kein Unternehmen stellt jemanden ein, weil er empathisch ist. Unternehmen stellen Menschen ein, die Wertschöpfung erzeugen. Wenn eine KI die Analyse macht, ein Roboter die Umsetzung und ein Algorithmus die Kundenbetreuung — dann ist „Empathie" kein Berufsprofil, sondern eine nette Eigenschaft, für die niemand bezahlt.

Die verbotene Frage

Was der Professor in Wirklichkeit demonstriert, ist die intellektuelle Bankrotterklärung einer ganzen Klasse. Er erkennt die Dimension des Problems — und bietet als Lösung Selbstoptimierung an. Mach mehr Erfahrungen. Sei breiter aufgestellt. Trainiere deine Soft Skills. Das ist nichts anderes als die neoliberale Standardantwort auf jedes strukturelle Problem: Der Einzelne muss sich anpassen, das System bleibt unangetastet.

Die Frage, die nicht gestellt wird — und die nicht gestellt werden darf —, lautet: Was passiert in einer Gesellschaft, in der menschliche Arbeit in großem Maßstab überflüssig wird? Nicht einzelne Berufe. Nicht einzelne Sektoren. Sondern menschliche Arbeit als solche.

Diese Frage führt unweigerlich zu Antworten, die das bestehende System infrage stellen. Bedingungsloses Grundeinkommen, Umverteilung, Vergesellschaftung von KI-Gewinnen, Neuordnung des Eigentumsbegriffs. Alles Dinge, über die ein Professor, der seine Karriere im bestehenden System gebaut hat, nicht reden will. Oder nicht reden kann, ohne seine eigene Position zu gefährden.

Die ehrliche Diagnose

Die ehrliche Diagnose lautet: Wenn KI und Robotik tatsächlich das leisten, was angekündigt wird — und vieles spricht dafür —, dann ist „lerne ein Handwerk" oder „sammle Erfahrungen" keine Lösung. Es ist eine Beruhigungspille. Es ist das Äquivalent dazu, den Passagieren der Titanic zu empfehlen, Schwimmunterricht zu nehmen, während das Schiff sinkt.

Was wir erleben, ist ein Professor, der den Eisberg beschreibt, die Kollision ankündigt — und dann Schwimmtipps gibt. Nicht weil er dumm wäre, sondern weil die ehrliche Antwort politisch nicht verfügbar ist. Sie liegt außerhalb des Sagbaren. Und solange das so bleibt, werden wir weiter Variationen desselben Theaters erleben: Dramatische Warnungen, gefolgt von individualistischen Lösungsvorschlägen, die an der Dimension des Problems so grandios vorbeigehen, dass man tatsächlich nur noch lachen kann.

Freitag, 6. Februar 2026

Dugins blinder Fleck - Warum die „5 Westen"-Analyse zu kurz greift

Alexander Dugin, der russische Philosoph und Geostratege, hat kürzlich eine interessante These vorgelegt: Der „kollektive Westen" sei fragmentiert, zerfallen in „fünf Westen" - Trump-USA, die Europäische Union, Großbritannien, die WOKE-Globalisten und Israel. Jeder dieser „Westen" agiere mit eigenen Interessen, teilweise gegeneinander. Russland, so Dugin, stehe nun nicht mehr einem einheitlichen Block gegenüber, sondern fünf rivalisierenden Machtpolen.

Die Beobachtung ist nicht falsch. Tatsächlich sehen wir Fragmentierung, Spannungen, scheinbare Bruchlinien innerhalb des transatlantischen Gefüges. Aber Dugins Analyse greift zu kurz. Radikal zu kurz. Denn er macht denselben Fehler wie fast alle Geostrategen unserer Zeit: Er analysiert die Bühne, nicht die Regisseure. Er sieht Fragmentierung, wo Kontrolle herrscht. Er sieht Konflikt, wo Kooperation läuft - hinter den Kulissen, auf jener Ebene, die nie in Nachrichtensendungen erscheint: der Kontrolle über die Geldschöpfung.

Die eigentliche Frage lautet nicht: „Welche Westen gibt es?" Die Frage lautet: „Wer finanziert sie alle - und warum?"

Der blinde Fleck aller Geostrategen

Dugin steht nicht allein. Kissinger analysierte Machtbalancen. Brzezinski entwarf das „große Schachbrett". Huntington sprach vom „Kampf der Kulturen". Alle brillante Köpfe. Alle mit scharfsinnigen Beobachtungen über Konfliktlinien, Ideologien, geopolitische Interessen.

Und alle übersehen sie die zentrale Machtfrage: Wer kontrolliert die Geldschöpfung?

Das ist kein Zufall. Diese Frage zu stellen bedeutet, an das Fundament des gesamten Systems zu rühren. Wer hier gräbt, stößt nicht auf ideologische Differenzen oder kulturelle Konflikte, sondern auf die nüchterne Wahrheit darüber, wie Macht in modernen Gesellschaften tatsächlich organisiert ist.

Das Geldsystem - genauer: die schuld-basierte Geldschöpfung durch Zentralbanken und Geschäftsbanken - ist der blinde Fleck fast jeder politischen Analyse. Marx sah ihn nicht. Robert Kurz sah ihn nicht. Dugin sieht ihn nicht.

Das Geldsystem als Kern der Macht

Dabei ist der Mechanismus einfach zu verstehen: Geld entsteht durch Schulden. Ausnahmslos.

Wenn eine Bank einen Kredit vergibt, schöpft sie Geld. Dieses Geld existiert vorher nicht - es wird in dem Moment geschaffen, in dem jemand sich verschuldet. Wenn gespart wird, muss sich an anderer Stelle jemand verschulden, sonst schrumpft die Geldmenge. Der Zins, der auf alle Kredite erhoben wird, ist nicht im System enthalten - er kann nur durch neue Schulden, durch neues geschöpftes Geld bedient werden.

Das System zwingt daher strukturell zum Wachstum. Zum ewigen Wachstum. Auf einem endlichen Planeten. Mit endlichen Ressourcen. Die Konsequenzen - ökologisch, sozial, geopolitisch - sind das, was wir als „Krise" wahrnehmen. Aber es ist keine Krise. Es ist Systemlogik.

Und hier liegt die entscheidende Erkenntnis: Dieses System gilt für Kapitalismus UND Sozialismus gleichermaßen.

Die Sowjetunion hatte eine Zentralbank. Sie hatte Staatsschulden. Sie hatte Zinsen. China hat es heute. Die USA haben es. Die EU hat es. Jeder der „5 Westen" Dugins operiert auf Basis desselben Geldschöpfungsprinzips.

„Links" und „Rechts" sind Varianten innerhalb desselben Systems - nicht Alternativen zum System.

Das bedeutet: Die ideologischen Kämpfe, die wir beobachten - Kapitalismus gegen Sozialismus, Globalisten gegen Nationalisten, Ost gegen West - sind Oberflächenphänomene. Sie finden statt innerhalb eines Rahmens, der nie zur Debatte steht: die Kontrolle über Geld, Kredit und Schulden durch eine kleine Anzahl von Institutionen.

Der historische Beweis: Alle Seiten, eine Quelle

Wer das für Spekulation hält, sollte sich mit der Arbeit von Antony Sutton auseinandersetzen. Sutton, ein Stanford-Ökonom, verbrachte Jahrzehnte damit, die Finanzströme zwischen Wall Street und den großen ideologischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts zu dokumentieren.

Sein Befund: Wall Street finanzierte die bolschewistische Revolution. Dieselben Banken, dieselben Konzerne finanzierten Adolf Hitler und den Aufbau der NS-Kriegsmaschinerie. Dieselben Netzwerke unterstützten Mao Zedong.

Warum sollten kapitalistische Eliten kommunistische Revolutionen finanzieren? Die Antwort ist simpel: Wer beide Seiten eines Konflikts kontrolliert, kontrolliert das Ergebnis.

Carroll Quigley, Historiker und Mentor Bill Clintons, beschrieb in seinem Werk „The Anglo-American Establishment" die Rhodes-Milner-Gruppe - ein Netzwerk britischer und amerikanischer Eliten, das seit dem späten 19. Jahrhundert bewusst auf beiden Seiten geopolitischer Konflikte agierte. Nicht aus Verwirrung. Nicht aus Opportunismus. Sondern aus strategischem Kalkül.

Siehe auch: Das globale Theater: Warum der Krieg echt, aber der Feind eine Illusion ist

Wer wirklich kontrolliert: Der alte Adel

Hier wird es interessant - und hier liegt möglicherweise der größte blinde Fleck moderner Analysen. Wenn wir über „die Eliten" sprechen, über „Finanzoligarchie" oder „globale Machtstrukturen", fallen oft bestimmte Namen: Rothschild, Rockefeller, Warburg. Bankiersfamilien, häufig jüdischer Herkunft.

Aber ist das die ganze Wahrheit?

Betrachten wir die Strukturen, die niemals verschwanden:

City of London Corporation - Eine eigenständige Rechtseinheit innerhalb Londons, älter als das britische Parlament selbst, mit eigenen Gesetzen und bis heute weitgehend unabhängig von demokratischer Kontrolle. Hier residieren die ältesten Banken, hier wird globales Finanzkapital koordiniert. Diese Institution existiert seit über 1000 Jahren.

Privy Council - Der Geheimrat der britischen Krone. Formal beratend, faktisch bis heute einflussreich in Gesetzgebung und Verwaltung des Commonwealth.

Britisches Königshaus und verbundene Adelshäuser - Kontinuität seit Wilhelm dem Eroberer (1066). Landbesitz in einem Ausmaß, der kaum vorstellbar ist. Die verstorbene Queen Elizabeth II. war die größte Landbesitzerin der Welt.

Oxford und Cambridge - Nicht einfach Universitäten, sondern Rekrutierungs- und Sozialisationszentren der Elite. Wer hier studiert, wird Teil eines Netzwerks, das seit Jahrhunderten besteht. Zugang über Geburt und Verbindungen.

Geheimdienste - MI6, GCHQ. Traditionell dominiert von Absolventen von Eton, Oxford, Cambridge - also vom Adel und den mit ihm verbundenen Kreisen.

Diese Strukturen sind 500 bis 1000 Jahre alt.

Die Rothschilds sind circa 250 Jahre alt. Die Rockefellers circa 150 Jahre.

Wer ist wahrscheinlicher der Chef?

800 Jahre Währung = 800 Jahre Macht

Ein weiterer Indikator für diese Kontinuität: Das britische Pfund Sterling ist die älteste noch existierende Währung der Welt - über 800 Jahre alt, mit Ursprüngen um 1200 n. Chr. Keine andere heute genutzte Währung kommt auch nur annähernd an diese Beständigkeit heran.

Zum Vergleich:

  • Der US-Dollar existiert seit 1792 (gut 230 Jahre)
  • Der Schweizer Franken seit 1850 (etwa 175 Jahre)
  • Der Euro seit 1999 (25 Jahre)
  • Russland, Frankreich, Deutschland - alle erlebten Währungsreformen, Hyperinflationen, Zusammenbrüche, Neugründungen

Aber das Pfund überlebte.

Das ist kein Zufall. Eine Währung über acht Jahrhunderte stabil zu halten erfordert institutionelle Kontinuität, Kontrolle über Handel und Kredit, militärische Macht und ein Netzwerk, das niemals wirklich zusammenbrach. Selbst als das britische Empire formal endete und der US-Dollar die globale Leitwährung wurde, blieb die City of London das entscheidende Finanzzentrum für Offshore-Banking und globale Kapitalströme.

Die Bank of England, 1694 als Privatbank gegründet - also über 330 Jahre alt - wurde zwar 1946 formell „verstaatlicht", aber die Strukturen, die Netzwerke, die Funktionsweise blieben erhalten. Sie ist bis heute zentral in der globalen Finanzarchitektur.

Der Übergang von britischer zu amerikanischer Hegemonie nach 1945 war kein Machtwechsel - es war eine Machtverschiebung innerhalb derselben Netzwerke. Carroll Quigley beschrieb dieses Phänomen präzise: Das "Anglo-American Establishment" - eine Verschmelzung britischer und amerikanischer Eliten, koordiniert über Institutionen wie die Rhodes-Milner-Gruppe, den Council on Foreign Relations, die Pilgrims Society. Der Dollar übernahm die Funktion des Pfunds, aber die Kontrolle blieb bei den gleichen Strukturen.

800 Jahre Währungskontinuität sind 800 Jahre Machtkontinuität.

Die Funktion der „Rothschild-Verschwörung"

Eine berechtigte Frage: Warum wird die Geschichte von „den Rothschilds, die die Welt kontrollieren" so massiv verbreitet?

Mögliche Erklärungen:

1. Ablenkung vom echten Adel
Wenn alle auf „die Rothschilds" schauen, schaut niemand auf die City of London Corporation, das britische Königshaus, die alten Familien, die seit Jahrhunderten Kontinente besitzen. Die Bankiers sind sichtbar. Der Adel operiert diskret.

2. Antisemitismus als Diskurs-Waffe
Wer „Rothschild" sagt, kann leicht als Antisemit gebrandmarkt werden. Das macht es einfach, berechtigte Kritik am Finanzsystem zu delegitimieren. Ein perfekter Diskurs-Stopper.

3. Die „sichtbaren Juden" als Blitzableiter
Historisch wurden jüdische Finanziers oft als Verwalter der Vermögen des Adels eingesetzt. Rechtlos, jederzeit enteignbar, vertreibbar. Wenn es Ärger gab - Schuldenkrisen, Revolten - konnte man sie opfern. Das Muster wiederholt sich durch die Geschichte.

4. Verschleierung der Kontinuität
Der britische Adel herrscht seit 1000 Jahren. Das britische Empire wurde nie aufgelöst, nur umbenannt (Commonwealth). Die Strukturen sind dieselben. Das ist die echte Kontinuität. Aber sie wird übersehen, wenn alle auf die „neureichen" Bankiers starren.

Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass Familien wie die Rothschilds Finanzverwalter dieser alten Machtstrukturen waren und sind - reich, einflussreich, aber niemals wirklich souverän. Denn wer rechtlos ist, kann jederzeit entmachtet werden. Der Adel hingegen ist das Recht.

Warum wird das ausgeblendet?

Wenn die Fakten so klar sind - dokumentiert von Sutton, Quigley und anderen - warum spricht kaum jemand darüber?

Die Antwort ist einfach: Weil wer das Geldsystem angreift, das Fundament aller Macht angreift.

„Kontrollierte Opposition" ist ein Mechanismus, den Geheimdienste und Machteliten seit Jahrhunderten nutzen. Man lässt Kritik zu - sogar radikale Kritik. Man fördert sie bisweilen. Aber nur innerhalb bestimmter Grenzen. Über Kapitalismus darf gesprochen werden. Über Ausbeutung. Über Klassenkampf. Über kulturelle Hegemonie.

Aber nicht über die Geldschöpfung.

Nicht darüber, wer die Federal Reserve kontrolliert (gegründet 1913 durch ein Konsortium privater Banken auf Jekyll Island). Nicht darüber, wer die Bank of England kontrolliert (gegründet 1694 als Privatbank, bis heute eingebettet in die Strukturen der City of London). Nicht darüber, dass die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIS) in Basel das koordinierende Zentrum aller Zentralbanken ist - jenseits demokratischer Kontrolle, jenseits nationaler Souveränität.

Diese Themen sind tabu. Selbst kluge, radikale Denker meiden sie. Warum? Manchmal aus Unwissenheit. Oft aus Angst. Bisweilen, weil sie selbst Teil des Systems sind.

Michel Foucault analysierte „Disziplinarmacht" - aber nicht die Macht der Geldschöpfung. Robert Kurz kritisierte die „Warenform" - aber nicht die Schuld-Geld-Form. Alexander Dugin beschreibt geopolitische Fragmentierungen - aber nicht die finanzielle Integration hinter den Kulissen.

Das Beispiel der Arbeiterbewegung

Robert Kurz hat in seinem „Schwarzbuch Kapitalismus" eine wichtige Erkenntnis festgehalten: Die Arbeiterbewegung war keine Alternative zum Kapitalismus, sondern Teil des Systems.

Gewerkschaften kämpften für das „Recht auf Arbeit". Aber „abstrakte Arbeit" - Lohnarbeit, entfremdete Arbeit - ist selbst die kapitalistische Kategorie. Die Bewegung wollte nicht aus dem System heraus, sondern besser darin teilhaben. Sie kämpfte für höhere Löhne, bessere Bedingungen, soziale Absicherung - alles innerhalb der Logik des Systems.

Die Sowjetunion nannte sich „sozialistisch", aber die Arbeiter blieben Arbeiter. Sie hatten einen anderen Chef - den Staat statt den Privatkapitalisten - aber dieselbe Warenproduktion, dasselbe Geldsystem, denselben Wachstumszwang.

Napoleon wusste es bereits: „Je mehr die Völker arbeiten, desto weniger Laster haben sie." Arbeit ist nicht primär ökonomische Notwendigkeit. Arbeit ist soziale Kontrolle. Ein beschäftigtes Volk hat keine Zeit für Revolution. Keine Energie für kritisches Denken. Keine Kapazität für Widerstand.

Gewerkschaften kämpfen heute für Arbeitsplätze - selbst in der Rüstungsindustrie. Selbst in umweltzerstörenden Sektoren. Selbst in sinnlosen Bürokratien. Hauptsache Arbeit. Nicht, weil Arbeit sinnvoll ist. Sondern weil das System arbeitende, abhängige, erschöpfte Menschen braucht.

Hier zeigt sich wieder: Die Debatte „Links vs. Rechts" läuft innerhalb des Systems. Sie berührt nie die Frage: Warum müssen wir überhaupt so viel arbeiten, wenn Produktivität sich verfünffacht hat?

Die Antwort: Weil das Schuldgeldsystem permanente Expansion verlangt. Und Expansion verlangt Arbeit, Konsum, Wachstum. Ad infinitum.

Was das für Dugins „5 Westen" bedeutet

Zurück zu Dugin. Seine Beobachtung stimmt: Es gibt Fragmentierung. Trump agiert anders als Brüssel. London anders als Berlin. Globalisten anders als Nationalisten.

Aber diese Fragmentierung ist oberflächlich.

Auf der Ebene der Rhetorik, der Identitätspolitik, der medialen Inszenierung gibt es Unterschiede. Auf der Ebene dessen, was wirklich zählt - wer kontrolliert Geld, Kredit, Ressourcen, Informationen - gibt es Kontinuität.

Die Federal Reserve arbeitet mit der EZB zusammen. Die Bank of England mit beiden. Die BIS koordiniert alle. SWIFT (das internationale Zahlungssystem) wird von denselben Akteuren kontrolliert, egal ob die Regierung in Washington „links" oder „rechts" ist.

Die „5 Westen" Dugins nutzen alle:

  • Dasselbe Finanzsystem (Zentralbanken, Fiat-Währungen, Schuld-Geld)
  • Dieselben Handelsstrukturen (WTO, IWF, Weltbank)
  • Dieselben Überwachungsnetzwerke (Five Eyes, NSA-Kooperationen)
  • Dieselben IT-Infrastrukturen (Microsoft, Google, Amazon - global vernetzt)

Wenn es wirkliche Feindschaft gäbe, würde man diese Systeme trennen. Das geschieht nicht. Russland und China bauen Alternativen (BRICS, alternative Zahlungssysteme) - aber auch sie bleiben im Rahmen des schuld-basierten Geldsystems.

Das ist der Punkt: Solange alle am selben Grundsystem hängen, ist Fragmentierung kontrollierbar. Sie mag chaotisch aussehen. Sie mag gefährlich wirken. Aber sie bedroht nie die zentrale Machtstruktur.

Die Frage, die alles entscheidet

Nicht „Links vs. Rechts".
Nicht „Kapitalismus vs. Sozialismus".
Nicht „West vs. Ost".
Nicht „5 Westen vs. Russland".

Sondern: Wer darf Geld schöpfen - und warum?

Diese Frage zu stellen bedeutet, die gesamte politische Debatte neu zu rahmen. Plötzlich wird klar:

  • Warum „linke" und „rechte" Regierungen dieselbe Austeritätspolitik betreiben (Schuldenlogik)
  • Warum Kriege unabhängig von Ideologien finanziert werden (beide Seiten brauchen Kredite)
  • Warum „Demokratie" nie das Geldsystem zur Abstimmung stellt (es ist der Souverän, nicht das Volk)
  • Warum Revolutionen scheitern oder kooptiert werden (wer das Geld kontrolliert, kontrolliert das Ergebnis)

Margrit Kennedy, Bernard Lietaer, Ellen Brown, G. Edward Griffin - sie alle haben über das Geldsystem geschrieben. Ihre Arbeiten sind zugänglich. Ihre Argumente sind nachvollziehbar. Und sie werden systematisch ignoriert - von Mainstream-Ökonomen, von Politikern, von den meisten „kritischen" Denkern.

Warum? Weil diese Frage, einmal wirklich gestellt, das gesamte Machtgefüge infrage stellt.

Fazit: Sehen, was hinter der Bühne geschieht

Alexander Dugin ist ein kluger Kopf. Seine Analysen sind lesenswert. Aber sie bleiben an der Oberfläche, solange sie die Machtfrage nicht auf die Ebene des Geldsystems herunterbrechen.

Die „5 Westen" sind keine autonomen Machtpole. Sie sind Varianten innerhalb eines Systems, das sie alle umfasst und kontrolliert. Ein System, das auf Schuld basiert. Auf Zinsen. Auf permanentem Wachstum. Auf der Kontrolle weniger über die Geldschöpfung für alle - und diese „wenigen" sind nicht die sichtbaren Gesichter, sondern die Strukturen, die seit Jahrhunderten bestehen: Der alte Adel, die City of London, Institutionen wie die Bank of England, die niemals demokratischer Rechenschaft unterworfen waren.

Wer das versteht, sieht die Welt anders. Nicht als Kampf zwischen Ideologien. Sondern als Management eines Systems, das seine Konflikte inszeniert, um seine Grundlage zu verschleiern.

Die eigentliche Frage lautet: Wer schöpft das Geld? Wer profitiert davon? Und warum lassen wir das zu?

Solange diese Frage nicht im Zentrum steht, bleibt jede Analyse - ob von Dugin, Kurz oder anderen - unvollständig.

Das Geldsystem ist der blinde Fleck. Wer ihn sieht, sieht alles.


Quellen:

  • Antony C. Sutton: Wall Street and the Bolshevik Revolution (1974); Wall Street and the Rise of Hitler (1976)
  • Carroll Quigley: The Anglo-American Establishment (1981)
  • Robert Kurz: Schwarzbuch Kapitalismus (1999)
  • G. Edward Griffin: The Creature from Jekyll Island (1994)
  • Margrit Kennedy: Geld ohne Zinsen und Inflation (1990)
  • Bernard Lietaer: Das Geld der Zukunft (2002)