Frankreich brennt, und in Deutschland reiben sich die üblichen Verdächtigen die Hände. Das Problem dahinter ist real: Der politische Islam hat sich über Jahrzehnte in Westeuropa festgesetzt – mit tatkräftiger Hilfe eines Staates, der Ankara, Teheran und das Umfeld der Muslimbrüder zu Dialogpartnern adelte. Was dagegen hilft, ist seit Langem bekannt. Ein Teil der Linken hat es mit „Dialog“ verhindert und den Muslimbrüdern die Tür aufgehalten. Die Rechte könnte es einfordern. Stattdessen schreit sie „die Fremden“ und gießt Öl ins Feuer. Kein Wunder: Wer vom Brand lebt, hat kein Interesse am Löschen.
Zwei Texte liegen auf meinem Tisch, beide von Männern namens Krauss. Hartmut Krauss, Islamkritiker aus der Tradition der Aufklärung, seziert seit Jahren den Islam als religiös verbrämte Herrschaftsideologie, zuletzt in seiner Analyse „Der Islam als destruktiv-reaktionärer Migrationsimport“. Axel Krauss, seit über zwanzig Jahren Beobachter der sogenannten alternativen Szene, rechnet in seinem Aufruf vom 20. Oktober mit dem ab, was er das „fake-alternative Kartell“ nennt – jenen investorengepäppelten Portalen und Influencern, die sich auf die Unruhen in Frankreich stürzen wie Geier auf Aas.
Man könnte die beiden für Gegner halten. Der eine benennt die Gefahr aus dem islamischen Milieu, der andere die Gefahr der Hetze dagegen. Das ist ein Irrtum. Erst zusammen ergeben sie das ganze Bild – und dieses Bild ist für die Rechte vernichtend.
Das Problem ist real
Fangen wir mit dem an, was die Wohlfühl-Integrationsprosa seit dreißig Jahren wegmoderiert. Hartmut Krauss' Kernargument: Der orthodoxe Islam ist kein bloßer Gottesglaube, sondern ein Regelwerk mit Anspruch auf alle Lebensbereiche – Recht, Staat, Alltagsmoral, Geschlechterordnung. Wer die Scharia über das staatliche Gesetz stellt, steht im Konflikt mit dem Grundgesetz und der französischen Laizität. Das ist keine Gesinnung, das ist Logik zweier Normensysteme, die sich ausschließen.
Die Daten geben ihm recht. Eine Ifop-Erhebung unter rund tausend Muslimen in Frankreich aus dem Spätsommer 2025 zeigt: 46 Prozent wollen das islamische Recht ganz oder teilweise in Frankreich angewendet sehen. Unter den 15- bis 24-Jährigen halten 57 Prozent die Regeln des Islam für wichtiger als die Gesetze der Republik. Jeder dritte junge Muslim fühlt sich dem Denken der Muslimbrüder nahe. Und – das ist der eigentliche Sprengsatz – bei fast allen Indikatoren sind die Jungen strenger als die Alten. Die Säkularisierung läuft rückwärts.
Man kann über Auftraggeber und Fragestellungen dieser Studie streiten, und in Frankreich tun das Muslimverbände inzwischen sogar vor Gericht. Den Trend wegdiskutieren kann man nicht.
Wer wissen will, wohin das führt, schaue nach England. 1989 brennen in Bradford die Bücher Salman Rushdies. 2005 die Anschläge vom 7. Juli. 2014 der Rotherham-Bericht über rund 1.400 missbrauchte Kinder – jahrelang ignoriert von Polizei und Behörden, die den Rassismusvorwurf mehr fürchteten als das Leid der Mädchen. Erst 2026 hat eine landesweite gesetzliche Untersuchung begonnen, die ausdrücklich die Rolle von Ethnie, Religion und Kultur bei diesen Verbrechen prüfen soll. Das Untersuchungsteam hat über 800 frühere Empfehlungen gezählt, die nur höchst lückenhaft umgesetzt wurden. Dreißig Jahre Wegschauen, amtlich dokumentiert.
Und Deutschland? In der türkischen Präsidentschafts-Stichwahl 2023 stimmten die Türken in Deutschland zu 67,2 Prozent für Erdoğan – in der Türkei selbst waren es 52,2 Prozent. Die Diaspora ist autoritärer als das Herkunftsland. In der dritten Generation. So viel zur gelungenen Integration.
Der Staat hat den Brandbeschleuniger selbst geliefert
Das Bemerkenswerte ist nicht, dass Ankara, Teheran und die Bruderschaft Einfluss suchen. Das ist ihr Geschäft. Bemerkenswert ist, dass der deutsche Staat ihnen jahrzehntelang die Tür aufgehalten hat.
DITIB, der verlängerte Arm der türkischen Religionsbehörde Diyanet, deren Imame Ankara schickt und bezahlt, saß jahrelang bei der Islamkonferenz und im Religionsunterricht mit am Tisch. Das Islamische Zentrum Hamburg, Außenposten des Mullah-Regimes, war über die Schura Teil eines Staatsvertrags – bis das Bundesinnenministerium es 2024 endlich verbot. Verbände aus dem Umfeld der Muslimbrüder galten als seriöse Gesprächspartner, während säkulare Muslime, Ex-Muslime, Kurden und Aleviten am Katzentisch saßen.
Und das begann nicht erst mit der Islamkonferenz. Der Pulitzer-Preisträger Ian Johnson hat in „Die vierte Moschee“ rekonstruiert, wie die Muslimbrüder nach Deutschland kamen: nicht im Gepäck der Gastarbeiter, sondern auf dem Ticket westlicher Geheimdienste. Schon die Nazis hatten muslimische Hilfstruppen aus sowjetischen Kriegsgefangenen aufgestellt. Ihr zuständiger Mann im Ostministerium, Gerhard von Mende, machte nach 1945 nahtlos weiter, nun im Dienst Bonns. Im Kalten Krieg suchten CIA und westdeutsche Stellen Muslime für die Propaganda gegen Moskau. Die ehemaligen Wehrmachtssoldaten taugten dafür wenig: zu weltlich, ein Bier hier und da, zu belastet. Also setzte man auf die Islamisten. Said Ramadan, Schwiegersohn des Muslimbruder-Gründers Hassan al-Banna, übernahm das Münchner Moscheeprojekt. Das Geld für den Bau kam aus Saudi-Arabien, Libyen und den Golfstaaten. Wer zahlt, schafft an. Türkische Gastarbeiter durften im Moscheeverein nicht einmal Mitglied werden.
Aus dem Islamischen Zentrum München wurde die Islamische Gemeinschaft in Deutschland, heute Deutsche Muslimische Gemeinschaft, nach Einschätzung des Verfassungsschutzes die wichtigste Organisation der Muslimbrüder hierzulande. In den Achtzigern leitete Mahdi Akef das Münchner Zentrum, der spätere Oberste Führer der gesamten Bruderschaft. Der politische Islam ist in Deutschland kein Mitbringsel der Migranten. Er wurde von oben eingepflanzt, gegossen und gedüngt, solange er nützlich schien.
Man hat Integration an genau die Leute delegiert, die sie verhindern. Das ist kein Versehen mehr. Das ist Staatsversagen mit Ansage.
Was zu tun wäre
Die Gegenmittel liegen seit Jahren auf dem Tisch. Man muss sie nur wollen.
Erstens: Kein Staatsvertrag, kein Religionsunterricht, keine Beiratsplätze für Verbände, deren Loyalität in Ankara, Teheran oder bei der Bruderschaft liegt.
Zweitens: Schluss mit importierten und aus dem Ausland bezahlten Imamen. Ausbildung im Inland, Offenlegung jeder Auslandsfinanzierung von Moscheen.
Drittens: Die säkularen Muslime, die Ex-Muslime, die Kurden und Aleviten als das behandeln, was sie sind – die natürlichen Verbündeten des Grundgesetzes. Nicht als Kollateralschaden.
Viertens: Rechtsdurchsetzung ohne Ansehen der Herkunft. Die Lehre aus Rotherham lautet nicht „Misstraut allen Fremden“, sondern „Hört auf wegzuschauen“.
Das wäre der Job einer Opposition, die das Problem ernst nimmt. Es wäre der Job der Rechten.
Und was die Rechte stattdessen tut
Gewiss, in Bundestagsanträgen findet sich manches davon. Papier ist geduldig. Der Ton auf X ist es nicht. Und dort, wo die Reichweite gemacht wird, sieht man, was Axel Krauss beschreibt: keine Forderung nach Imamausbildung, keine Kampagne gegen die Diyanet-Strukturen, kein Wort für die säkularen Muslime. Stattdessen Endzeitstimmung, Sippenhaft und Kriegsrhetorik. Krauss dokumentiert unter anderem diesen Post von Naomi Seibt zum Film eines Migrantenmörders:
„Watch Citizen Vigilante and activate warrior mode.“
Wie das in der Praxis endet, hat wieder England gezeigt. Nach dem Messerangriff von Southport im Juli 2024 verbreitete sich binnen Stunden die Lüge, der Täter sei ein muslimischer Asylbewerber. Er war in Wales geboren und kein Muslim. Es folgten tagelange Krawalle gegen Moscheen und Asylunterkünfte. Elon Musk, Eigentümer der Plattform, auf der das Feuer gelegt wurde, kommentierte:
„Civil war is inevitable.“
Genau hier liegt der Verrat. Wer pauschal „die Fremden“ zum Feind erklärt, erledigt die Arbeit von DITIB und Bruderschaft gleich mit. Er treibt den säkularen Kurden, die unverschleierte Alevitin und den Ex-Muslim zurück in die Arme der Verbände, die ihnen erzählen: „Siehst du? Hier wirst du nie dazugehören.“ Die Islamisten und die rechten Agitatoren brauchen einander. Sie füttern sich gegenseitig.
Dabei ist Hartmut Krauss' Analyse präziser als das Gegröle von rechts. Sie richtet sich gegen eine Ideologie, nicht gegen eine Herkunft. Ein atheistischer Ingenieur aus Russland oder ein Katholik aus Polen ist auch „fremd“. Er sprengt nichts. Wer das nicht unterscheiden kann oder will, wirft das stärkste Argument weg und behält nur das Ressentiment.
Und wer „die Fremden“ für die Muslimbrüder verantwortlich macht, hat die Geschichte nicht gelesen. Die Bruderschaft kam mit dem Segen von Washington und Bonn, die Gastarbeiter standen vor der Vereinstür. Die Rechte jagt den Falschen, weil die Richtigen in den eigenen Archiven sitzen.
Die Feuerwehr, die nicht ausrückt
Wer jetzt nur auf die Rechte zeigt, macht es sich zu leicht. Den Brandbeschleuniger haben andere ins Haus getragen, und ausgerechnet die, die sich gern als Brandschutz verstehen, haben dabei die Tür aufgehalten.
2016 besuchte die damalige Neuköllner Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) zum Ramadanfest die Dar-as-Salam-Moschee, die der Berliner Verfassungsschutz wegen ihrer Verbindungen zur Muslimbruderschaft im Blick hatte. Die Verbindungen der Gemeinde zum Bruderschaftsverband waren ihr nach eigenem Bekunden bekannt. Ihre Verteidigung:
„Allerdings hat nahezu jede arabische Moschee in Berlin Verbindungen zur Muslimbruderschaft.“
Das ist kein Eingeständnis eines Problems. Das ist seine Normalisierung. Der Imam derselben Moschee war 2015 mit dem Verdienstorden des Landes Berlin ausgezeichnet worden. 2019 legte Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) nach: Ausgerechnet die Muslimbrüder sollten helfen, gewaltbereite Salafisten und Rückkehrer aus dem „Islamischen Staat“ zu deradikalisieren. Den Brandstifter zum Brandmeister machen, auf diese Idee muss man erst einmal kommen.
Dahinter steckt ein Muster. Ein Teil der Linken hat Islamkritik reflexhaft unter Rechtsverdacht gestellt, die konservativen Verbände als Stimme „der Muslime“ behandelt und die Säkularen, die Reformer und die Ex-Muslime im Regen stehen lassen. Als der Freiburger Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi 2017 an genau diese Neuköllner Moschee 40 Thesen für einen humanistischen Islam heftete, beklagte er, dass ausgerechnet manche Erben der deutschen Aufklärung die Aufklärung des Islam für überflüssig halten.
Das ist der eigentliche Verrat. Eine Linke, die einmal religionskritisch war, für Frauenrechte stand und gegen Klerikalherrschaft kämpfte, rollt einer antisemitischen, frauenfeindlichen, autoritären Bewegung den Teppich aus und nennt das Antifaschismus. Der GAM-Newsletter hat dafür ein treffendes Wort: pseudolinks.
Fairerweise: Das Wegschauen hatte kein Parteibuch. Die Deutsche Islamkonferenz mit DITIB am Tisch hat 2006 ein CDU-Innenminister ins Leben gerufen, Wolfgang Schäuble. Die Münchner Moschee war ein Projekt Washingtons und des Bonns unter Adenauer. Das politische Establishment hat parteiübergreifend versagt. Ein Teil der Linken hat diesem Versagen das moralische Feigenblatt geliefert.
So schließt sich der Kreis: Die einen lassen das Feuer schwelen und nennen es Toleranz. Die anderen gießen Öl hinein und nennen es Widerstand. Sie brauchen einander.
Wer vom Feuer lebt
Warum tun sie es trotzdem? Weil die Lösung ihr Geschäftsmodell ruinieren würde. Empörung bringt Reichweite, Reichweite bringt Geld. Axel Krauss verweist auf einen AP-Bericht von 2024, wonach ein anonymer Account, der rechte Debatten auf X prägte, nach eigener Darstellung über 10.000 Dollar aus dem Werbeerlösprogramm der Plattform kassiert hatte. Eine Imamausbildung in Deutschland trendet nicht. Brennende Autos in Paris schon.
Ein gelöstes Problem ist ein verlorenes Thema. Deshalb wird nicht gelöscht, sondern nachgelegt. Und deshalb ist die Rechte in dieser Frage nicht die Opposition zum Staatsversagen der letzten dreißig Jahre, sondern sein Spiegelbild: Die einen haben weggeschaut, die anderen schauen hin – aber nur, um Kasse zu machen.
Fazit
Islamkritik ist notwendig. Hartmut Krauss hat recht, und England liefert den Beweis. Aber Islamkritik ist Aufklärung, nicht Brandstiftung. Sie zielt auf eine Herrschaftsideologie und die Strukturen, die sie importieren und bezahlen – nicht auf den Nachbarn, der zufällig Mehmet heißt.
Wer das Problem lösen will, kappt die Drähte nach Ankara, Teheran und zur Bruderschaft, hört auf, Brandstifter zu Brandmeistern zu machen, und stärkt die Säkularen. Wer stattdessen „Kriegsmodus“ ruft, will nichts lösen. Er will, dass es brennt.
Die Frage ist nicht, ob es ein Problem gibt. Die Frage ist, wer davon lebt, dass es keins bleibt, sondern zum Flächenbrand wird.