Ein X-Account, der sich „John Galt" nennt, beantwortet jeden Einwand mit derselben Formel: Der Kontostand entscheidet über den Wert eines Menschen. Diese Formel ist nicht neu. Sie reicht von der Rassenhygiene um 1900 über die Aktion T4 bis zu den „Minderleistern" der Agenda-2010-Debatte. Wer so redet, muss sich nicht Faschist nennen lassen – aber er sollte wissen, in welcher Traditionslinie er steht. Der Text zeigt die Logik, ihre Geschichte und ihre Grenzen.
Es beginnt, wie es immer beginnt: mit einem Sachargument. Man schreibt etwas über Grundsicherung, über Zumutbarkeit, über die Frage, wem der Staat was schuldet. Und dann kommt die Antwort, die kein Argument mehr ist, sondern ein Urteil: „Schauen Sie mal auf Ihr Konto. Dann sehen Sie was Sie wert sind." Kein Widerspruch zur These. Keine Zahl, kein Gesetzeszitat, kein Verweis auf eine Studie. Nur der Kontostand, hingehalten wie ein Richterspruch.
Wer so antwortet, hat – ob bewusst oder nicht – eine der ältesten und folgenreichsten Gleichungen der Ideengeschichte formuliert: Marktwert gleich Menschenwert. Es lohnt sich, diese Gleichung einmal auseinanderzunehmen, statt sie nur mit Empörung zu quittieren.
Der Name ist Programm
Der Account nennt sich „I am John Galt". Das ist kein zufälliger Name. John Galt ist die Erlöserfigur aus Ayn Rands Roman „Atlas Shrugged" – der Ingenieur, der gemeinsam mit den anderen „Leistungsträgern" der Gesellschaft den Streik erklärt, weil Staat und „Moocher", also Schmarotzer, ihnen angeblich alles nehmen, was sie erarbeitet haben. Rands Philosophie, der Objektivismus, kennt im Kern zwei Kategorien von Menschen: die Produktiven und die Parasiten. Wer nichts produziert, hat in dieser Weltsicht auch keinen moralischen Anspruch auf etwas – nicht einmal auf Mitgefühl.
Wer sich diesen Namen als digitale Identität wählt, bekennt sich damit öffentlich zu genau dieser Zweiteilung der Menschheit. Das sollte man wissen, bevor man sich über einzelne Tweets wundert: Hier antwortet kein Troll, der sich nur im Ton vergreift. Hier antwortet ein Programm mit Namen.
Wie ernst dieses Programm gemeint ist, zeigt ein Blick auf den YouTube-Kanal desselben Accounts. Dort finden sich eigens produzierte Musikvideos, die Bitcoin nicht als Anlageklasse, sondern als Glaubensbekenntnis besingen: Satoshi Nakamoto erscheint als Erlöserfigur, deren „Traum" die Gemeinschaft der Halter folgt, die Obergrenze von 21 Millionen Einheiten bekommt einen fast liturgischen Klang, und die eigene Gruppe wird als verfolgte, aber auserwählte Gemeinschaft besungen, die im Besitz der Wahrheit ist, während Banken, Politik und Zentralbanken zum Lügensystem erklärt werden. Der Slogan „Don't trust, verify" fungiert dabei nicht als technischer Hinweis, sondern als Glaubenssatz.
Das ist genau die Struktur, die der Soziologe Helmut Schelsky einst den Intellektuellen der Neuen Linken vorwarf: eine Priesterherrschaft, die sich über gemeinsame Sprache, gemeinsame Rituale und einen Gründungsmythos definiert und sich dadurch von jenen abgrenzt, die angeblich „die eigentliche Arbeit" tun. Nur dass hier ausgerechnet die selbsternannten Leistungsträger diese Priesterrolle für sich selbst beanspruchen – mit eigener Hymne, eigener Erlöserfigur und eigener Endzeiterwartung, wonach die alte Ordnung untergeht, sobald, wie es im Refrain heißt, „die Welt brennt" und nur noch Bitcoin steht. Wer anderen vorwirft, keine „Nahrung" zu schaffen, produziert selbst: Musikvideos.
Zu Rands Philosophie finden Sie hier noch einen Beitrag von mir: https://grilleau.blogspot.com/2026/07/wer-ist-john-galt-ein-mieter-uber.html

