Warum alle Parteien, Gewerkschaften und Verbände am Arbeitsfetisch festhalten – und was das über unser System verrät
Es gibt in Deutschland eine Frage, die nicht gestellt werden darf. Nicht von links, nicht von rechts, nicht von den Gewerkschaften, nicht von den Kirchen, nicht von den Wohlfahrtsverbänden. Die Frage lautet: Wozu eigentlich Arbeit?
Nicht: Wie verteilen wir Arbeit gerechter? Nicht: Wie machen wir Arbeit humaner? Sondern: Warum halten wir an einem System fest, das Arbeit um der Arbeit willen erzwingt – obwohl die technologischen Mittel längst existieren, um den Menschen von ihr zu befreien?
Diese Frage wird nicht gestellt. Von niemandem. Und genau das ist der Skandal.
Die bizarre Einigkeit
Beobachten wir das politische Spektrum: Die Linke fordert "gute Arbeit für alle". Die SPD verspricht "Respekt für Arbeitsleistung". Die Grünen wollen "nachhaltige Arbeitsplätze". Die FDP predigt "Leistung muss sich lohnen". Die CDU beschwört die "arbeitende Mitte". Die AfD wettert gegen "Faulenzer im Sozialsystem".
Und alle – ausnahmslos alle – wettern gegen die "Sozialschmarotzer". Man versucht es manchmal in schöne Worte zu verpacken: "Fördern und Fordern", "Gegenleistung für Solidarität", "Missbrauch bekämpfen". Doch immer wieder bricht die nackte Verachtung durch.
"Spätrömische Dekadenz" – das war nicht AfD, das war Guido Westerwelle, FDP. Sozialhilfe-Mütter, die ihr Geld lieber in den Schnapsladen tragen statt ihre Kinder zu versorgen – das war die CDU-Debatte um Sachleistungen statt Bargeld. "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen" – Franz Müntefering, SPD. "Parasiten", "Drückeberger", "Sozial-Touristen" – das Vokabular der Entmenschlichung ist Mainstream, nicht Randphänomen.
Die AfD hat diese Rhetorik nicht erfunden. Sie hat sie nur geerbt – von denselben Volksparteien, die sich heute als ihre moralischen Gegner inszenieren.
Die Sprache entlarvt die Einigkeit: Von Merz bis Wagenknecht, von Habeck bis Lindner – sobald es um Menschen ohne Erwerbsarbeit geht, greifen alle zum selben Arsenal der Verachtung.
Die Gewerkschaften kämpfen um Arbeitsplätze – egal ob in Kindergärten oder Rüstungsfabriken. Die Caritas und Diakonie betreiben Maßnahmenzentren, in denen Akademiker das "professionelle Händeschütteln" üben. Die Arbeitgeberverbände finanzieren Kampagnen mit dem Slogan "Sozial ist, was Arbeit schafft" – ein Satz, den Alfred Hugenberg 1933 für die Nazis erdachte.
Von links bis rechts, von den Kanzeln bis in die Betriebsräte: Arbeit ist heilig. Arbeit ist Pflicht. Arbeit ist Würde. Arbeit ist Sinn.
Warum diese bizarre Einigkeit? Warum findet die einzig vernünftige Position – dass der Zweck der Arbeit ihre eigene Überwindung sein sollte – keinen politischen Ort?
Die Komplizen des Systems
Die Antwort ist unbequem: Alle diese Institutionen leben von der Arbeitsgesellschaft. Sie sind strukturell unfähig, das System in Frage zu stellen, weil sie Teil davon sind.
Die Gewerkschaften existieren nur, solange es Lohnarbeit gibt. Ihre Macht beruht auf der Organisierung von Arbeitnehmern. Eine Gesellschaft, die Arbeit radikal reduziert, würde sie überflüssig machen. Also kämpfen sie nicht gegen die Arbeit, sondern um Arbeit – um ihre eigene Existenzberechtigung.
Die Wohlfahrtsverbände – Caritas, Diakonie, AWO, Paritätischer – betreiben eine milliardenschwere Maßnahmenindustrie. Sie verdienen an jeder "Aktivierungsmaßnahme", an jedem "Bewerbungstraining", an jeder sinnlosen Beschäftigungstherapie. Die Jobcenter sind ihre Kunden, die Arbeitslosen ihre Rohstoffe. Ein System ohne Arbeitszwang würde ihre Geschäftsgrundlage vernichten.
Die Parteien brauchen das Versprechen der Vollbeschäftigung als Wahlkampfmunition. "Wir schaffen Arbeitsplätze" ist der universelle Köder, der seit Jahrzehnten funktioniert. Wer stattdessen sagt: "Wir befreien euch von der Arbeit" – der wird als Spinner abgetan oder als Gefahr bekämpft.
Die Intellektuellen und Experten – jene "Priesterschaft", die Sozialpolitik entwirft und ihre Umsetzung überwacht – beziehen ihre Macht aus der Komplexität des Systems. Je undurchschaubarer die Sozialgesetzbücher, desto unverzichtbarer die Experten. Vereinfachung wäre Machtverlust.
Sie alle bilden eine heilige Allianz der Arbeit – nicht durch Verschwörung, sondern durch strukturelle Interessenkonvergenz. Niemand muss sich absprechen. Das System reproduziert sich selbst.
Die totalitäre Dimension
Hannah Arendt definierte Totalitarismus nicht nur durch Terror, sondern durch die Unmöglichkeit einer Außenposition. Ein totalitäres System ist eines, das keine Alternative mehr denkbar erscheinen lässt.
In genau diesem Sinne ist die deutsche Arbeitsgesellschaft totalitär.
Wer die Grundannahme – dass jeder Mensch arbeiten muss – in Frage stellt, wird nicht widerlegt, sondern pathologisiert. Er ist "arbeitsscheu", "asozial", "Sozialschmarotzer". Die Sprache selbst ist kontaminiert: "Arbeitslos" – als fehle dem Menschen etwas Wesentliches. "Arbeitgeber" – als würden Unternehmen Arbeit verschenken statt Arbeitskraft kaufen. "Jobcenter" – als gäbe es dort Jobs.
Die Jobcenter vollstrecken diese Ideologie mit bürokratischer Präzision. Wer sich weigert, an der Simulation von Arbeit teilzunehmen – an den Motivationstrainings, den Bewerbungskursen, den "Aktivierungsmaßnahmen" –, dem werden die Grundmittel zum Leben gekürzt. Das System zwingt Menschen unter Androhung existenzieller Not, an ihrer eigenen Disziplinierung mitzuwirken.
Napoleon wusste es: "Je mehr meine Völker arbeiten, desto weniger Laster wird es geben." Die Jobcenter sind die Vollstrecker dieser Logik – nicht mehr mit Knute und Kerker, sondern mit Eingliederungsvereinbarungen und Sanktionsbescheiden.
Die Botschaft ist klar: Es gibt kein Außerhalb. Selbst sinnlose Arbeit ist besser als keine Arbeit. Der Mensch muss beschäftigt werden, koste es, was es wolle.
Die Perversion der Vernunft
Aristoteles erkannte vor 2.400 Jahren eine simple Wahrheit: Der Zweck der Arbeit ist die Nicht-Arbeit. Menschen erfinden Werkzeuge, um sich von Arbeit zu befreien. Das ist der Sinn von Technologie: Arbeit überflüssig zu machen.
Was erleben wir heute? Die vollständige Umkehrung dieser Zweck-Mittel-Relation.
Arbeit ist nicht mehr Mittel zum Zweck, sondern Selbstzweck. Neue Technologien werden nicht entwickelt, um Arbeit zu sparen, sondern um neue Arbeitsfelder zu erschließen. Die Digitalisierung, die uns von Routinearbeit befreien könnte, wird genutzt, um noch mehr Menschen in noch mehr Arbeitsprozesse einzubinden.
Die Bundesagentur für Arbeit beschäftigt über 100.000 Menschen. Sie vermittelt weniger als fünf Prozent der Arbeitslosen in Jobs. Der Rest findet selbst Arbeit – oder wird in Maßnahmen geparkt, die Milliarden verschlingen und nichts produzieren außer Statistiken und Konformität.
Arbeit findet statt, damit Arbeit stattfindet. Ein sich selbst perpetuierender Kreislauf, der jeder Vernunft spottet.
Jean Baudrillard beschrieb es präzise: "Ein gigantisches Ritual von Zeichen der Arbeit breitet sich über die ganze Gesellschaft aus – ob das noch produziert, Hauptsache, es reproduziert sich."
Die Frage, die gestellt werden muss
Warum akzeptieren wir das?
Warum nehmen wir hin, dass Menschen gezwungen werden, ihre Lebenszeit mit simulierter Beschäftigung zu verschwenden? Dass Milliarden in einen Apparat fließen, der sich selbst verwaltet? Dass die Würde des Menschen davon abhängt, ob er einen "Arbeitsplatz" hat – egal wie sinnlos, wie schlecht bezahlt, wie zerstörerisch?
Warum stellen wir nicht die naheliegende Frage: Wenn Vollbeschäftigung nicht mehr erreichbar ist – und das wissen alle Ökonomen –, warum organisieren wir unsere Gesellschaft dann weiterhin so, als wäre sie das höchste Ziel?
Die Antwort ist: Weil Arbeit ein Herrschaftsinstrument ist. Nicht trotz, sondern wegen ihrer zunehmenden Sinnlosigkeit.
Die Angst vor Arbeitslosigkeit diszipliniert die Beschäftigten. Sie senken die Köpfe, fordern keine höheren Löhne, akzeptieren schlechtere Bedingungen. Die Verwaltung der Arbeitslosen beschäftigt eine ganze Industrie – und hält die Betroffenen in Abhängigkeit und Kontrolle. Das Versprechen der Vollbeschäftigung legitimiert jeden Eingriff in das Leben der Menschen.
Das System braucht die Arbeitslosigkeit als Drohkulisse. Es braucht den Arbeitszwang als Disziplinierungsmittel. Es braucht die Simulation von Arbeit als Beweis, dass "alles getan wird".
Ein Gegenmodell
Es ginge auch anders.
Bildungsautonomie statt Zuweisung. Der Arbeitslose entscheidet selbst, welche Qualifikation er erwirbt. Keine Eingliederungsvereinbarungen, keine sinnlosen Maßnahmen. Ein Antrag: "Diese Ausbildung möchte ich machen." Bewilligung. Fertig.
Plattform statt Behörde. Eine öffentliche digitale Infrastruktur, auf der Unternehmen und Arbeitssuchende direkt zusammenfinden. Ohne Vermittler, ohne Fallmanager, ohne die 30.000 Euro Verwaltungskosten pro erfolgreicher Vermittlung.
Selbstverwaltung statt Bevormundung. Arbeitslose organisieren sich, unterstützen sich gegenseitig, verwalten Mittel selbst – wie früher die Gewerkschaftskassen.
Sozialämter für Härtefälle. Wer wirklich nicht kann – psychisch krank, suchtkrank, in komplexen Krisen –, bekommt individuelle Hilfe. Aber als Angebot, nicht als Kontrolle. Auf Augenhöhe.
Dieses Modell würde die entwürdigende Trennung zwischen SGB II und SGB XII aufheben. Es würde Milliarden an Bürokratiekosten sparen. Es würde Erwachsene als Erwachsene behandeln.
Vor allem aber würde es die Frage stellen, die nicht gestellt werden darf: Wozu eigentlich Arbeit?
Der Weg aus der Arbeitsfalle
Aristoteles' Vision einer Gesellschaft, in der Werkzeuge und Technologie den Menschen von der Arbeit befreien, ist heute technisch möglich. Sie scheitert nicht an der Ökonomie, sondern an der Ideologie.
Der Arbeitsfetisch ist eine Religion ohne Gott – aber mit Priestern, Tempeln und Inquisition. Die Jobcenter sind seine Kathedralen, die Sozialgesetzbücher seine heiligen Schriften, die Sanktionen seine Bußen.
Diese Religion zu überwinden, erfordert mehr als Reformen. Es erfordert die Erkenntnis, dass "Arbeit macht frei" eine Lüge war – und immer noch ist.
Nicht die Arbeitslosen müssen aktiviert werden. Das System muss beendet werden.
Nicht reformieren. Abschaffen.
