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Samstag, 7. März 2026

„Jobcenter" sind keine Behörden — Ein Verwaltungsrichter rechnet ab

Ein Urteil des Verwaltungsgerichts Gießen zeigt: Die Anglisierung der deutschen Verwaltungssprache ist kein kosmetisches Problem. Sie ist Verschleierung.

Es gibt Gerichtsurteile, die liest man und vergisst sie wieder. Und dann gibt es welche, bei denen man sich fragt, warum sie nicht auf der Titelseite jeder Zeitung standen. Das Urteil des Verwaltungsgerichts Gießen vom 24. Februar 2014 (Az. 4 K 2911/13.GI) gehört in die zweite Kategorie.

Worum es ging

Ein Rechtsanwalt wollte etwas ganz Einfaches: die Diensttelefonliste des Jobcenters Gießen. Also die Durchwahlnummern der Sachbearbeiter. Nicht mehr, nicht weniger. Eine Information, die bei jeder normalen Behörde selbstverständlich zugänglich wäre.

Das Jobcenter sagte: Nein.

Begründung: Der Mitarbeiterschutz. Die Mitarbeiter könnten durch Anrufe gestört werden. Das Service-Center reiche doch aus. Und außerdem sei ein „erheblicher Eingriff in die Organisationsstruktur" zu befürchten.

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Eine öffentliche Einrichtung, die von Steuergeldern finanziert wird, deren Mitarbeiter hoheitliche Aufgaben wahrnehmen und über die Existenz von Menschen entscheiden — diese Einrichtung weigert sich, ihre Telefonnummern herauszugeben. Weil die Mitarbeiter „gestört" werden könnten.

Was das Gericht dazu sagte

Das Gericht machte kurzen Prozess. Die Klage war begründet, das Jobcenter wurde zur Herausgabe verpflichtet, und es durfte auch noch die Kosten tragen.

Aber das Entscheidende ist nicht der Tenor. Es sind die Entscheidungsgründe. Denn Richter Höfer ging weiter, als er hätte müssen — und das macht dieses Urteil so wertvoll.

Die Sprachfrage als Systemfrage

Das Gericht äußerte „erhebliche Zweifel", ob es sich bei einem „Jobcenter" überhaupt um eine deutsche Verwaltungsbehörde handeln kann. Das klingt zunächst wie eine Spitzfindigkeit, ist aber keine. Das Verwaltungsverfahrensgesetz (§ 23 VwVfG) legt fest: Die Amtssprache ist deutsch. Das Gerichtsverfassungsgesetz (§ 184 GVG) sagt dasselbe für die Gerichtssprache.

„Jobcenter" ist kein deutsches Wort. Und der Richter fragte zu Recht: Kann eine Einrichtung, die sich nicht einmal einen deutschen Namen gibt, eine deutsche Verwaltungsbehörde sein?

Er führte weitere Beispiele auf: „HCC — Hessisches Competence Center", „Hessen Mobil", „Hessisches Immobilienmanagement". Alles Einrichtungen, die öffentliche Aufgaben wahrnehmen und sich trotzdem in Anglizismen kleiden. Dabei hätte man sie genauso gut „Hessische Buchungsstelle", „Hessisches Landesamt für Straßen- und Verkehrswesen" oder „Hessische Liegenschaftsverwaltung" nennen können — Begriffe, die jeder versteht.

Und dann der Satz, der das ganze Ausmaß der Verschleierung auf den Punkt bringt: Auch den Begriff „Arbeitsamt" hätte man beibehalten können. Der war üblich und — so der Richter wörtlich — „besser verständlich".

„Kunden" statt „Antragsteller" — die Lüge der Gleichberechtigung

Der Richter griff auch die Umbenennung von „Antragstellern" in „Kunden" auf. Im normalen Sprachgebrauch ist der Kunde König. Im Aufgabenbereich des Jobcenters ist das — so das Gericht — „wohl nur seltenst der Fall."

Das klingt wie Ironie, ist aber eine präzise juristische Feststellung. Die Bezeichnung „Kunde" suggeriert ein Verhältnis auf Augenhöhe, das schlicht nicht existiert. Wer beim Jobcenter vorspricht, ist kein Kunde, der zwischen Angeboten wählen kann. Er ist ein Mensch in einer existentiellen Abhängigkeit, der Anträge stellt und auf deren Bewilligung hofft. Das ist ein Über-Unterordnungsverhältnis, kein Geschäftsverhältnis.

Die Umbenennung ist also keine Modernisierung. Sie ist Verschleierung. Sie nimmt dem Verhältnis sprachlich die Schärfe, die es tatsächlich hat — und erschwert damit die Kritik daran.

Die babylonische Sprachverwirrung

Der Richter ging sogar so weit, auf die Heilige Schrift zu verweisen: 1. Mose 11, Verse 1 und 7-9 — die babylonische Sprachverwirrung. Seine Warnung: Bei weiterem Fortschreiten dieser sprachlichen Verwilderung erscheine „die Funktionsfähigkeit des Verwaltungshandelns insgesamt gefährdet."

Man könnte das für übertrieben halten. Ist es aber nicht. Wenn ein Bürger nicht mehr versteht, wie die Einrichtungen heißen, die über sein Leben entscheiden, wenn er nicht weiß, ob er bei einem „Jobcenter", einem „Competence Center" oder einer „Agentur für Arbeit" richtig ist — dann ist das kein Bildungsproblem des Bürgers. Es ist ein Versagen des Staates, der seine Sprache nicht mehr für seine Bürger spricht, sondern für seine eigene Selbstdarstellung.

Das eigentliche Problem

Natürlich ging es in diesem Verfahren um eine Telefonliste. Aber hinter der Weigerung, diese Telefonliste herauszugeben, steckt ein System. Es ist dasselbe System, das Leistungsberechtigte hinter Service-Centern abschottet, das persönliche Ansprechpartner durch anonyme Hotlines ersetzt und das bei jeder Gelegenheit den „Datenschutz" und die „Organisationsstruktur" als Gründe anführt, um sich der Kontrolle durch die Betroffenen zu entziehen.

Das Gericht wies alle diese Einwände zurück. Kein Behördenmitarbeiter hat einen Anspruch darauf, vom Publikumsverkehr abgeschirmt zu werden — es sei denn, es liegen konkrete Sicherheitsbedenken vor. Die telefonische Kommunikation mit dem Bürger ist Teil der behördlichen Aufgabe, nicht eine Störung derselben. Und dass andere Jobcenter ihre Telefonlisten längst im Internet veröffentlichen, spricht gegen die behauptete Gefährdung.

Was bleibt

Dieses Urteil ist über zehn Jahre alt. Geändert hat sich seitdem wenig. Die Jobcenter heißen immer noch „Jobcenter". Die Antragsteller heißen immer noch „Kunden". Und die Durchwahlnummern der Sachbearbeiter sind immer noch so gut wie ein Staatsgeheimnis.

Aber das Urteil steht. Und es sagt etwas Grundsätzliches: Eine Verwaltung, die sich hinter Fremdwörtern versteckt und den Kontakt mit denen verweigert, über deren Schicksal sie entscheidet, hat ein Legitimitätsproblem. Ein Richter hat das 2014 ausgesprochen. Es wäre an der Zeit, dass es auch gehört wird.


VG Gießen, Urteil vom 24.02.2014 — Az. 4 K 2911/13.GI

Rechtsanwalt Michael Diehl gegen das Jobcenter Gießen. Verfahren nach dem Informationsfreiheitsgesetz (IFG).

Freitag, 6. März 2026

Die staatliche Lohndrücker-Maschinerie und das Kita-Paradoxon: Wie wir unsere eigene Ausbeutung finanzieren

 


Es ist der wohl größte und am besten getarnte Skandal unserer Zeit: Unter dem Deckmantel von "Sozialstaat" und "Eingliederung" leisten wir uns eine milliardenschwere Industrie, deren eigentlicher Zweck es ist, die Löhne zu drücken und Menschen in ausbeuterische Arbeitsverhältnisse zu pressen. Gleichzeitig entreißt man Eltern ihre Kleinstkinder, um sie in ein völlig überlastetes Betreuungssystem zu stecken. Es ist an der Zeit, das System als das zu benennen, was es volkswirtschaftlich ist: Eine gigantische Subvention für die Profiteure des Niedriglohnsektors.

Wenn wir uns die aktuellen Verschärfungen der Sozialgesetze ansehen, die totale Sanktionen und den Zwang zur bedingungslosen Arbeitsaufnahme zementieren, müssen wir uns eine grundsätzliche Frage stellen: Cui bono? Wer profitiert wirklich davon, wenn der Staat die Peitsche herausholt? Die Antwort ist bitter: Es ist die ökonomische Macht. Es sind jene Unternehmen und Strukturen, deren Geschäftsmodell auf billigem, wehrlosem Humankapital aufbaut.

Der geschlossene Kreislauf der Angst

Betrachten wir den Mechanismus ungeschönt: Milliarden an Steuergeldern fließen nicht etwa direkt an die Familien oder in ein echtes, bedingungsloses Existenzminimum. Sie fließen in einen gewaltigen Verwaltungsapparat, in Maßnahmenträger und in eine etablierte Wohlfahrtsindustrie. Die Aufgabe dieses Apparats ist die Disziplinierung. Durch die permanente Androhung von Existenzverlust wird ein künstliches Heer an verzweifelten Menschen geschaffen. Das Gesetz zwingt sie, jede noch so schlecht bezahlte, jede noch so sinnlose Arbeit anzunehmen. Der Staat manipuliert den Markt einseitig zugunsten des Kapitals: Warum sollte ein Arbeitgeber bessere Löhne zahlen, wenn das Jobcenter ihm den Nachschub an mundtot gemachten Arbeitskräften frei Haus liefert?

Das Kita-Paradoxon: Kleinstkinder als Verhandlungsmasse

Der absolute Gipfel des Zynismus zeigt sich im Umgang mit Familien. Mütter und Väter werden unter Androhung von Sanktionen in den Arbeitsmarkt gepresst. Schon ab dem 14. Lebensmonat des Kindes gilt die Erziehung in der Regel als "nicht mehr gefährdet", sofern ein Betreuungsplatz vorhanden ist. Man fühlt sich unweigerlich an die staatlich verordnete Fremdbetreuung in totalitären Systemen erinnert. Zwar geschieht dies heute nicht aus ideologischem Drill wie in der DDR, aber die Verwertungslogik ist verheerend.

Der Staat weigert sich strikt, den Eltern das Geld, das ein Kita-Platz kostet (oft 1.000 Euro und mehr im Monat), als Erziehungsgehalt auszuzahlen, damit sie ihre Kinder selbst betreuen können. Stattdessen fließt dieses Geld an die Träger. Und die Eltern? Die müssen darauf vertrauen, dass in chronisch unterbesetzten Einrichtungen von angeblich "top ausgebildeten" und "top bezahlten" Fachkräften – hier darf laut und zynisch gelacht werden – pädagogische Höchstleistungen an ihren Kindern vollbracht werden. Am Ende des Tages fällt die Mutter nach 8 Stunden Arbeit plus Pendelzeit und Haushalt völlig erschöpft ins Bett. Für echte Bindung bleibt keine Zeit. Das Kind ist nur noch ein Störfaktor im ökonomischen Betriebsablauf.

Wir müssen dieses System grundsätzlich neu denken. Es ist unsere Pflicht zum Widerstand, diese Maschinerie nicht länger als "Hilfe" zu verklären. 

Es ist kein Zufall, dass genau diese politische Kaste, die heute den wirtschaftlichen Druck bis ins Unerträgliche steigert, schon immer einen geradezu manischen Drang zur Kontrolle über unser Privatleben hatte. Man muss sich nur an die entlarvenden Worte von Olaf Scholz erinnern, der ungeniert forderte: 

"Wir wollen die Lufthoheit über unseren Kinderbetten erobern." 

Dieser Satz sagt alles über das herrschende Staatsverständnis aus: Die Familie wird als Störfaktor betrachtet, das Kind als staatliches Eigentum, das so früh wie möglich in die Betreuungs- und Wohlfahrtsmaschinerie gepresst werden muss, um die Eltern restlos dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stellen. Und wie reagiert dieselbe elitäre Politik, wenn man vorschlägt, die Bürger über solch fundamentale Eingriffe in ihre Lebensgestaltung selbst abstimmen zu lassen? Fragt man die Herrschenden nach echter direkter Demokratie oder einer Volksbefragung, lautet die reflexartige Antwort von Leuten wie Scholz: 

"Um Gottes willen!" 

Das ist die wahre, arrogante Fratze unserer sogenannten Demokratie: Den Menschen die Kinder aus den Betten holen wollen – aber um Himmels willen nicht das Volk fragen, ob es diese Fremdbestimmung überhaupt will.


📚 Weiterführende Analysen zu diesem Thema:

Dieser Artikel ist nur ein Puzzleteil einer viel größeren, systematischen Entrechtung. Um die vollen Ausmaße dieser Maschinerie zu verstehen, lade ich euch ein, meine bisherigen Analysen zu lesen:

😡 Fachkräftemangel? Heuchelei! Wie der Sozialstaat junge Menschen kaputtprozessiert

Alle jammern über den Fachkräftemangel. In jeder Talkshow sitzen Politiker und fordern, dass junge Menschen endlich mehr Leistungsbereitschaft zeigen sollen. Aber wisst ihr, was in Deutschland passiert, wenn eine junge Frau im Bürgergeld genau das tut? Wenn sie nicht aufgibt, sondern eine Fachschule besucht, um Kosmetikerin oder Heilerziehungspflegerin zu werden? Sie wird vom Staat über Jahre hinweg psychisch und finanziell in den Ruin prozessiert.

Stellt euch vor: Ihr habt keinen perfekten Lebenslauf. Der kostenlose Ausbildungsplatz bleibt ein Traum. Aber ihr wollt arbeiten! Ihr findet eine private Fachschule. Da ihr das Geld nicht habt, kratzen eure Großeltern ihre Rente zusammen und zahlen euch die 400 Euro Schulgeld im Monat. Ein Musterbeispiel an Eigenverantwortung und familiärem Zusammenhalt, oder?

Die Reaktion des Jobcenters? "Super, da fließt Geld auf dein Konto! Das ist Einkommen, wir kürzen dir jetzt jeden Monat dein Existenzminimum um 400 Euro." Das ist kein schlechter Scherz, das ist geltendes Recht. Die Großeltern zahlen nicht etwa die Ausbildung der Enkelin – sie subventionieren unfreiwillig die Staatskasse. Und die junge Frau? Die darf schauen, wie sie mit ein paar Euro im Monat ihre Miete und ihr Essen bezahlt, während sie für ihre Prüfungen lernt.

Das widerliche Zweiklassensystem der Bildung

Hier zeigt sich die ganze elitäre Doppelmoral unserer Gesellschaft: Wenn reiche Eltern ihre Kinder auf sündhaft teure Privatschulen oder Elite-Unis schicken, wird das beklatscht. "Toll, die investieren in die Zukunft!" Aber wehe, die Unterklasse versucht denselben Weg. Wenn Menschen, die auf Bürgergeld angewiesen sind, in Bildung investieren wollen, um dem System zu entkommen, schlägt die Bürokratie gnadenlos zu. Dann ist die private Schule plötzlich unzulässiger "Luxus". Die bittere Botschaft des Staates lautet: Bleib gefälligst unten, wo du hingehörst! Echter Aufstieg ist hier nicht vorgesehen.

Ein Sieg, der Jahre zu spät kommt

Am 12. März 2026 verhandelt das Bundessozialgericht genau über diese Fälle. Aber freut euch nicht zu früh. Eine der Klägerinnen streitet sich seit 2019 mit den Behörden!

Lasst das mal sacken: Sieben verdammte Jahre.

Ihre Ausbildung ist längst vorbei. Sieben Jahre lang musste sie mit gekürztem Geld überleben. Sieben Jahre Existenzangst, Behördenwahnsinn und Gerichtsverfahren. Selbst wenn die Richter in Kassel jetzt entscheiden, dass das Jobcenter im Unrecht war – was nützt ihr das heute noch? Die Nachzahlung macht die Jahre der Not und der psychischen Belastung nicht ungeschehen. Sie hat den Kopf hingehalten, damit das System vielleicht in Zukunft gerechter wird.

Es ist an der Zeit, aufzuhören über mangelnde Ausbildungsbereitschaft zu heulen, solange wir zulassen, dass Ämter junge, motivierte Menschen systematisch aushungern und kaputtprozessieren!

Nachtrag  

Der Mensch vor der Wirtschaft: Schluss mit der reinen Verwertungslogik!

Wir müssen endlich aufhören, junge Menschen ausschließlich durch die kalte Brille der ökonomischen Verwertbarkeit zu betrachten. Unser System behandelt Ausbildungssuchende im Bürgergeld oft nur als Kostenfaktoren oder als bloßes "Humankapital", das es möglichst billig in den Arbeitsmarkt zu pressen gilt.

Doch Bildung und persönliche Entwicklung dürfen niemals den reinen Spar- und Verwertungsinteressen der Ämter untergeordnet werden. Ein junger Mensch, der seinen Weg sucht und Eigeninitiative zeigt, ist keine bloße Ressource für die Wirtschaft. Er ist die Zukunft unserer Gesellschaft. Es wird höchste Zeit für einen Perspektivwechsel: Die Verwertungsinteressen haben sich gefälligst hinten anstellen, wenn es um die echte, nachhaltige Entwicklung und Förderung der Jugend geht!

 

Die eingezäunte Freiheit – Teil II: Die Schuld, die keine ist

 


Warum der Arbeitslose der Gläubiger ist, der Steuerzahler der Mitgefangene – und das Geldsystem beide braucht


Dies ist Teil II von „Die eingezäunte Freiheit – Wie der Staat erst alles nimmt und dann Gehorsam verlangt"


Was du wissen musst – in 30 Sekunden:

„Die leben auf unsere Kosten" – dieser Satz ist die wirksamste Lüge des Systems. Der Arbeitslose ist kein Empfänger. Er ist ein Durchlauferhitzer. Das Geld fließt durch ihn hindurch – an Vermieter, Konzerne, Maßnahmeträger, und am Ende als Zins an die Gläubiger des Staates. In einem Geldsystem, in dem jeder Euro als Kredit entsteht, muss es Verlierer geben. Der Arbeitslose ist kein Systemfehler. Er ist eine Systemnotwendigkeit. Und der Steuerzahler, der auf ihn herabblickt, sitzt im selben Käfig – nur auf einer anderen Stange.


I. Der Durchlauferhitzer

563 Euro Regelsatz. Das ist der Betrag, den ein alleinstehender Mensch im Bürgergeld bekommt. Die Debatte dreht sich darum, ob das zu viel ist oder zu wenig, ob man dafür arbeiten muss oder nicht, ob das „alimentiert" heißen darf oder „Grundsicherung".

Keiner fragt, wohin das Geld fließt.

Die 563 Euro bleiben nicht beim Arbeitslosen. Sie sind am Monatsende weg. Restlos. Auf den Cent. Sie fließen an den Vermieter, an Aldi und Lidl, an den Energiekonzern, an die Telekom, an die Stadtwerke. Von dort fließen sie als Umsatz, als Gewinn, als Steuer weiter – und irgendwann, am Ende jeder Kette, landen sie als Zins bei den Gläubigern des Staates, bei den Banken, bei den Fonds, bei den Vermögensverwaltern.

Der Arbeitslose ist nicht der Endpunkt des Geldflusses. Er ist eine Station. Ein Durchlauferhitzer. Das Geld wird durch ihn hindurchgeschleust – und an jedem Punkt auf diesem Weg verdient jemand daran. Der Vermieter. Der Discounter. Der Energiekonzern. Der Maßnahmeträger. Der Sachbearbeiter. Der Sozialrichter. Die Bank.

Und am Ende sagt man dem Durchlauferhitzer: Du bist der Schmarotzer.


II. Ein Bäcker, eine Bank, eine Lektion

Um zu verstehen, warum das so ist, muss man dorthin gehen, wo in der politischen Debatte niemand hingehen will: an das Fundament. An die Frage, wie Geld entsteht.

Stell dir einen Bäcker vor. Er will eine Bäckerei eröffnen. Er braucht 200.000 Euro. Er geht zur Bank. Die Bank prüft, nickt, und überweist ihm das Geld. Ab jetzt hat der Bäcker 200.000 Euro Schulden – plus Zins. Sagen wir 4 Prozent über 30 Jahre. Also schuldet er der Bank über die Laufzeit nicht 200.000, sondern fast 400.000 Euro. Das Doppelte.

Hier ist die Frage, die alles verändert: Woher hat die Bank die 200.000 Euro genommen?

Die meisten Menschen glauben: aus den Einlagen anderer Sparer. Das ist falsch. Die Deutsche Bundesbank selbst schreibt es schwarz auf weiß: Geschäftsbanken schaffen Geld „per Buchungssatz". Das heißt: Die Bank hatte das Geld nicht. Sie hat es im Moment der Kreditvergabe erzeugt. Buchungssatz: Forderung an Verbindlichkeit. Ein Tastendruck. Das Geld existierte vorher nicht.

Jetzt arbeitet der Bäcker. Dreißig Jahre lang. Er steht um drei Uhr morgens auf, er knetet, er backt, er verkauft. Er zahlt seine Rate. Monat für Monat. Jahr für Jahr. Am Ende hat er fast 400.000 Euro gezahlt – für 200.000 Euro, die vorher nicht existierten und die per Tastendruck erzeugt wurden.

Und wenn er Pech hat – wenn die Kunden ausbleiben, wenn eine Krise kommt, wenn der Discounter nebenan Brötchen für 15 Cent verkauft – dann kann er seine Rate nicht mehr zahlen. Die Bank kündigt den Kredit. Der Bäcker verliert alles: den Laden, die Geräte, das Gebäude, seine Altersvorsorge. Die Bank bekommt die realen Werte – die Immobilie, die Maschinen. Erschaffen mit den Händen des Bäckers. Bezahlt für Geld, das aus einem Buchungssatz stammt.

Reale Arbeit gegen virtuelle Zahlen. Das ist kein Marktversagen. Das ist das Geschäftsmodell.


III. Das Spiel, das Verlierer braucht

Jetzt kommt der Punkt, an dem es grundsätzlich wird.

In unserem System entsteht Geld ausschließlich durch Kredit. Jeder Euro, der in Umlauf ist, wurde irgendwann als Schuld geboren. Und jeder dieser Euro muss mit Zins zurückgezahlt werden. Die Bank schöpft 200.000 – aber sie will fast 400.000 zurück. Die fehlenden 200.000 existieren nicht. Sie müssen aus anderen Krediten kommen. Die wiederum erzeugen neue Zinsforderungen. Und so weiter. Und so weiter.

Nun wird ein Volkswirt einwenden: Aber die Zinsen verschwinden doch nicht! Die Bank gibt sie wieder aus – als Gehälter, als Miete, als Investition. Das Geld fließt zurück in den Kreislauf. Mathematisch stimmt das. Praktisch nicht.

Denn die Zinsen fließen nicht gleichmäßig zurück. Sie fließen nach oben. Sie konzentrieren sich. Der Bankvorstand gibt sein Gehalt nicht bei demselben Bäcker aus, der seinen Kredit nicht mehr bedienen kann. Das Geld fließt in Immobilien, in Fonds, in Vermögenswerte, die wiederum Rendite abwerfen – weitere Zinsen, weitere Konzentration. Es entsteht ein Sog nach oben, der mathematisch nicht zu stoppen ist, solange Geld als verzinster Kredit entsteht.

Das Ergebnis: Der Kuchen wächst, aber die Stücke werden nicht gleichmäßig verteilt, sondern immer ungleicher. Und irgendwann – nicht als Unfall, sondern als Gesetzmäßigkeit – können die unteren Ränge ihre Schulden nicht mehr bedienen. Nicht weil sie versagt haben, nicht weil sie faul waren, nicht weil sie falsche Entscheidungen getroffen haben – sondern weil das Geld, das sie bräuchten, sich oben konzentriert hat und nicht mehr herunterkommt.

Es ist Reise nach Jerusalem, bei der in jeder Runde mehr Stühle verschwinden. Und dann beschimpft man die, die stehen bleiben, als Versager.

Der Arbeitslose ist das mathematische Ergebnis des Geldsystems. Nicht sein Fehler. Sein Produkt.


IV. Die Reservearmee – oder: Warum der Arbeitslose dem Arbeitgeber Milliarden spart

Aber der Arbeitslose ist nicht nur ein unvermeidliches Abfallprodukt. Er erfüllt eine Funktion. Eine hochprofitable Funktion.

Marx nannte es die „industrielle Reservearmee", aber man muss kein Marxist sein, um die Mechanik zu begreifen. Sie ist reine Marktlogik: Je mehr Menschen um eine Stelle konkurrieren, desto niedriger der Preis der Arbeit. Je größer die Angst vor dem Abstieg, desto mehr schluckt der Beschäftigte – schlechte Löhne, unbezahlte Überstunden, befristete Verträge, sinnentleerte Arbeit, krankmachende Bedingungen.

Der Arbeitslose ist nicht das Gegenteil des Arbeitnehmers. Er ist seine Existenzbedingung. Ohne die Drohung, selbst auf der anderen Seite zu landen, hätte der Arbeitnehmer Verhandlungsmacht. Er könnte Nein sagen. Er könnte Bedingungen stellen. Er könnte gehen.

Genau deshalb wurde Hartz IV geschaffen. Nicht um Arbeitslose in Arbeit zu bringen – das war die Fassade. Sondern um die Fallhöhe zu maximieren. Je brutaler das Schicksal derer da unten, desto gefügiger die da oben. Das hat Peter Hartz nicht einmal verheimlicht. Gerhard Schröder hat auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos damit geprahlt, dass Deutschland den „effizientesten Niedriglohnsektor" geschaffen habe. Die Arbeitgeberverbände haben applaudiert.

Das bedeutet: Der Arbeitslose spart dem Arbeitgeber Milliarden. Er drückt die Löhne aller. Er ist das unsichtbare Druckmittel hinter jeder Gehaltsverhandlung, hinter jeder unbezahlten Überstunde, hinter jedem befristeten Vertrag.

Und genau dieser Mensch – der eine systemische Funktion erfüllt, von der Milliarden an Profiten abhängen – wird als Schmarotzer beschimpft.


V. Die Armutsindustrie

Um den Arbeitslosen herum ist eine ganze Industrie entstanden, die von seiner Existenz lebt. Und zwar wesentlich besser als er selbst.

Jobcenter beschäftigen über 100.000 Mitarbeiter. Maßnahmeträger kassieren Milliarden für Eingliederungsmaßnahmen, deren Wirksamkeit nie belegt wurde – Bewerbungstrainings für Menschen, die seit zwanzig Jahren Bewerbungen schreiben; Computerkurse, in denen Fünfzigjährige lernen, wie man eine E-Mail verschickt. Sozialgerichte verhandeln jährlich Hunderttausende Klagen gegen fehlerhafte Bescheide – jede einzelne ein Verwaltungsakt, der Personal, Richter, Anwälte, Gutachter beschäftigt. Vermieter kassieren die Kosten der Unterkunft direkt vom Amt. Beratungsfirmen optimieren Jobcenter für Millionenhonorare.

Der Arbeitslose bekommt 563 Euro. Der Sachbearbeiter, der ihn verwaltet, bekommt 3.500. Der Maßnahmeträger bekommt 10.000 pro Teilnehmer. Der Sozialrichter bekommt 6.000. Die Beratungsfirma bekommt Millionen.

Wer lebt hier auf wessen Kosten?


VI. Der Steuerzahler im selben Käfig

Und jetzt die Wendung, die in der Debatte nie vollzogen wird. Denn das System hetzt nicht nur oben gegen unten – es hetzt die Eingezäunten gegeneinander.

Der Steuerzahler, der sagt „Die leben auf meine Kosten" – in welcher Freiheit lebt er eigentlich? Und vor allem: Was ist das für Geld, das er „seins" nennt?

Sein Lohn wurde bezahlt von einem Unternehmen, das dafür einen Kredit aufgenommen hat – oder von Kunden, die mit Kreditgeld bezahlt haben. Es gibt keinen einzigen Euro in diesem System, der nicht als Schuld geboren wurde. Keinen. Der Lohn ist Schuldgeld. Die Steuer, die davon abgeht, ist Schuldgeld. Die Sozialleistung, die davon bezahlt wird, ist Schuldgeld. Es gibt kein sauberes, schuldenfreies, „verdientes" Geld. Es existiert nicht. Alles Geld in diesem System ist ausnahmslos über Kredite entstanden – und muss mit Zins zurückgezahlt werden.

Und mit diesem Geld – das selbst eine Schuld ist – zeigt der Steuerzahler auf den Arbeitslosen und sagt: Du lebst auf meine Kosten. Auf Kosten von was? Von Geld, das einer Bank gehört?

Er arbeitet vierzig Jahre. Davon arbeitet er statistisch bis Mitte Mai jeden Jahres nur für den Staat – Einkommensteuer, Mehrwertsteuer, Sozialabgaben. Dann arbeitet er weitere Monate für die Bank – Hypothek, Autokredit, Konsumentenkredit, Dispo. Dann arbeitet er für den Vermieter, falls er keine Wohnung besitzt. Was bleibt, ist das, was er sein „verdientes Geld" nennt – aber auch dieser Rest ist Schuldgeld. Es war nie seins. Es war immer eine Schuld.

Auch der Steuerzahler ist eingezäunt. Auch er hat keinen Zugang zu Land, zu Ressourcen, zu Selbstversorgung. Auch er muss seine Arbeitskraft verkaufen, um zu überleben. Auch er ist austauschbar, auch er ist ersetzbar, auch er lebt in permanenter Angst – vor der Kündigung, vor der Krankheit, vor dem Abstieg. Auch sein Geld ist als Kredit entstanden. Auch er bedient mit jedem Einkauf, jeder Mietzahlung, jeder Rate die Zinsforderungen des Systems.

Der Unterschied zwischen dem Steuerzahler und dem Arbeitslosen ist nicht der zwischen Leistungsträger und Schmarotzer. Es ist der Unterschied zwischen zwei Gefangenen im selben Käfig – nur sitzt der eine auf einer etwas höheren Stange. Und anstatt sich zu fragen, wer den Käfig gebaut hat und warum, hackt er auf den ein, der unter ihm sitzt.

Genau das ist gewollt. Die Spaltung zwischen Arbeitenden und Nicht-Arbeitenden ist kein Zufall und kein Kulturphänomen. Sie ist eine Herrschaftstechnik. Solange die Eingezäunten einander bekämpfen, schauen sie nicht nach oben. Solange der Steuerzahler den Arbeitslosen hasst, fragt er nicht, warum sein Geld als Schuld entsteht. Solange die Mutter im Bürgergeld als Feindbild taugt, bleibt die Geldschöpfung unsichtbar.


VII. Wer sind hier die Schmarotzer?

Und jetzt reden wir über Zahlen. Echte Zahlen.

In jedem Produkt, das du kaufst, steckt ein Zinsanteil. In der Miete, im Brot, im Strom, im Busticket. Denn jeder Produzent, jeder Vermieter, jeder Händler hat Kredite aufgenommen – und die Zinsen dafür stecken im Preis. Du zahlst sie mit, bei jedem Einkauf, bei jeder Rechnung. Helmut Creutz hat das durchgerechnet, andere Ökonomen haben es bestätigt: Der versteckte Zinsanteil in allen Preisen liegt bei durchschnittlich 30 bis 35 Prozent.

Die privaten Konsumausgaben in Deutschland betragen rund 2 Billionen Euro im Jahr. 30 bis 35 Prozent davon sind Zinsen, die in den Preisen versteckt sind. Das sind rund 600 bis 700 Milliarden Euro. Jedes Jahr. Sie fließen von unten nach oben – von den Konsumenten zu den Kapitaleignern, von denen, die arbeiten, zu denen, die besitzen.

700 Milliarden Euro. Jedes Jahr. Von allen zu wenigen.

Und dagegen steht die gesamte Arbeitslosenhilfe: rund 50 Milliarden Euro im Jahr.

50 Milliarden gegen 700 Milliarden. Die Sozialleistungen sind nicht einmal ein Fünfzehntel dessen, was über den versteckten Zinsanteil Jahr für Jahr nach oben umverteilt wird. Und es sind die 50 Milliarden, über die sich die Nation empört. Nicht die 700 Milliarden.

Hast du jemals einen Steuerzahler gehört, der sagt: „Die Zinsempfänger, die leben auf meine Kosten"? Hast du jemals einen Unternehmer gehört, der sagt: „Die Banken schmarotzen mich aus"? Hast du jemals einen Politiker gehört, der sagt: „Das eigentliche Alimentierungsproblem sind nicht 563 Euro Regelsatz, sondern 700 Milliarden Euro versteckte Zinsen"?

Nein. Hast du nicht. Wirst du nicht. Denn die Debatte ist so konstruiert, dass der Blick immer nach unten geht – auf die 563 Euro – und niemals nach oben – auf die 700 Milliarden.

Wer schmarotzt hier wen?

VIII. Das politische Tabu

Und damit sind wir an dem Punkt, an dem die politische Analyse endet und das Tabu beginnt.

Es gibt kein Parteiprogramm in Deutschland – keines einer einzigen im Bundestag vertretenen Partei –, das die Geldschöpfung durch Geschäftsbanken thematisiert. Nicht die CDU, nicht die SPD, nicht die Grünen, nicht die FDP, nicht die Linke, nicht die AfD. Keine einzige. Die fundamentalste Machtstruktur dieser Gesellschaft – wer das Geld erzeugt, unter welchen Bedingungen, und wer daran verdient – ist politisch unantastbar.

Stattdessen wird über Sanktionen diskutiert. Über Regelsätze. Über Zumutbarkeit. Über die Frage, ob eine Mutter mit einem einjährigen Kind arbeiten gehen muss. Man streitet über die Tapete in einem Haus, dessen Fundament niemand sehen will.

Denn wer das Fundament sieht, erkennt: Die ganze Debatte über Sozialschmarotzer, über Leistung und Gegenleistung, über Fördern und Fordern – sie findet innerhalb eines Rahmens statt, der selbst nie zur Diskussion steht. Es ist wie ein Streit unter Häftlingen darüber, wer die beste Zelle hat, während keiner fragt, warum sie alle im Gefängnis sitzen.


IX. Die dreifache Lüge

„Die leben auf unsere Kosten." Dieser Satz enthält drei Lügen:

Er verschweigt die historische Schuld. Wer auf seine natürlichen Lebensgrundlagen verzichten musste – auf Land, Wald, Wasser, Gemeinschaft, Selbstversorgung – der hat eine Vorleistung erbracht. Eine unfreiwillige, nie vergütete, nie anerkannte Vorleistung. Er hat alles hergegeben, damit dieses System existieren kann. Das Existenzminimum ist keine Almose. Es ist eine lächerlich geringe Ratenzahlung auf eine Schuld, die nie anerkannt wird.

Er verschweigt die ökonomische Funktion. Der Arbeitslose drückt die Löhne aller. Er ist das Druckmittel hinter jeder Gehaltsverhandlung. Er spart den Arbeitgebern Milliarden. Und um ihn herum lebt eine ganze Industrie – Jobcenter, Maßnahmeträger, Sozialgerichte, Vermieter – die mehr an seiner Armut verdient, als er selbst zum Leben bekommt.

Er verschweigt das Fundament. In einem Geldsystem, in dem jeder Euro als Kredit entsteht und Zinsen nach oben fließen, konzentriert sich Reichtum zwangsläufig. Es muss Verlierer geben. Der Arbeitslose ist kein Versager – er ist das unvermeidliche Produkt einer Architektur, die Verlierer braucht, um zu funktionieren.

Wer all das zusammennimmt, erkennt: „Die leben auf unsere Kosten" ist nicht einfach falsch. Es ist die perfekteste Täter-Opfer-Umkehr der modernen Gesellschaft.


X. Die Frage, mit der alles beginnt

Die richtige Frage lautet nicht: Warum arbeiten die nicht?

Die richtige Frage lautet nicht einmal: Warum gibt es Arbeitslose?

Die richtige Frage lautet: Warum akzeptieren wir ein System, das Armut zwangsläufig erzeugt, die Erzeugten gegeneinander aufhetzt – und denen, die den Käfig gebaut haben, auch noch die Schlüssel überlässt?

Der Steuerzahler ist nicht der Feind des Arbeitslosen. Der Arbeitslose ist nicht der Feind des Steuerzahlers. Beide sind Gefangene derselben Architektur. Der eine bekommt 563 Euro und soll dafür dankbar sein. Der andere arbeitet vierzig Jahre und soll dafür stolz sein. Beiden gehört am Ende nichts – denn alles, was sie haben, ist als Schuld entstanden und fließt als Zins zurück.

Solange wir über Sanktionen streiten statt über Geldschöpfung, solange wir über Regelsätze debattieren statt über die Frage, wem das Privileg gehört, Geld aus dem Nichts zu erschaffen – so lange kämpfen wir um Brotkrumen auf dem Tisch dessen, der die Bäckerei besitzt.

Und der schaut zu. Und lächelt. Und lässt uns streiten.


Quellen: Deutsche Bundesbank, „Geld und Geldpolitik", Kapitel 4: Geldschöpfung; Gerhard Schröder, Rede auf dem Weltwirtschaftsforum Davos, 28.01.2005; Teil I dieses Textes: Die eingezäunte Freiheit – Wie der Staat erst alles nimmt und dann Gehorsam verlangt

Donnerstag, 5. März 2026

PER TAXI-SCHEIN VOM BUNDESTAG ZUM KINDERSTRICH

 

Und Polizei und Justiz dürfen nicht eingreifen, die Medien nicht darüber berichten, weil die Kunden zu großen Teilen aus der Politik und unserer Elite kommen. 

 
Und was nicht in der Glotze läuft oder in Schmutzetten steht, existiert auch nicht. Merkt euch das! 
Machtmissbrauch, Bestechlichkeit, Pädophile und Politiker mit krimineller Vergangenheit gibt es in Unsererdemokratie nicht!  

Hier gibt's nur Rote Rosen in den Lindenstraßen, TV-Gerichte, die zeigen, dass unsere Justiz immer gerecht ist und sich an Gesetze und Ermittlungsergebnisse hält, die Bundesmärchenkonferenz, die immer alle Fakten nachreicht und nur freundliche Polizisten, die dir beim Umräumen deiner Wohnung oder der richtigen Meinungsfindung helfen. 

 
Wer etwas anderes behauptet und angebliche Beweise hat, sollte in die Psychiatrie eingewiesen werden. Auch wegen suizidaler Neigungen oder einer möglichen Gefahr für den Straßenverkehr. 

 
Udo Ulfkotte (1960–2017) und Hans Meiser (1946–2023)
 


Mittwoch, 4. März 2026

„Alena Buyx zu Neuro-Bestrafung": Wenn der Staat ins Gehirn greift – und warum wir das alles schon einmal hatten

 

Was du wissen musst – in 30 Sekunden

Die ehemalige Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Alena Buyx, hat 2018 zusammen mit dem Philosophen David Birks ein Paper in einer englischsprachigen Fachzeitschrift veröffentlicht, in dem sie dafür plädiert, das „Potenzial von Neuro-Interventionen" bei Straftätern nicht auszuschließen. Gemeint sind: Medikamentenverabreichung zur Verhaltenssteuerung, direkte Hirnstimulation und Hirn-Computer-Schnittstellen. Dieselbe Buyx forscht an ihrem Institut an Hirnstimulation bei Kindern mit ADHS. Und 2026 hält sie in Oxford eine Vorlesung mit dem Titel „Who Is Afraid of Mind Reading?" – wer hat Angst vor dem Gedankenlesen? 

Dieselbe Buyx steht aktuell unter schwerem Plagiatsverdacht: 73 Plagiatsfragmente in ihrer Doktorarbeit, Literaturstudium vorgetäuscht, Quellen nie im Original gelesen. Eine Wissenschaftlerin, die beim Abschreiben erwischt wird, schreibt Papers über Hirneingriffe bei Straftätern – und saß dabei im höchsten Ethikgremium der Republik. Der Vorgang fügt sich in ein Muster ein, das von der Lobotomie über Julian Huxleys Eugenik-Programm, das „Undenkbare wieder denkbar" zu machen, über die militärische Gehirnforschung der DARPA bis zum Impfdruck der Pandemie reicht: Der staatliche Zugriff auf den menschlichen Körper – und nun auf das Gehirn – wird Schritt für Schritt normalisiert, immer unter dem Etikett der „Ethik", der „Wissenschaft" und des „Gemeinwohls".


Es gibt Texte, die man zweimal lesen muss. Nicht weil sie schwer verständlich wären, sondern weil man beim ersten Mal nicht glauben will, was da steht.

Im Oktober 2018 erschien in der Cambridge Quarterly of Healthcare Ethics – einer renommierten bioethischen Fachzeitschrift – ein Aufsatz mit dem Titel „Neuroscience and Social Problems: The Case of Neuropunishment". Die Autoren: Alena Buyx, heute Professorin an der TU München und von 2020 bis 2024 Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, sowie der Philosoph David Birks. Finanziert wurde die Arbeit von der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Der Aufsatz diskutiert, ob und wie neurowissenschaftliche Interventionen als Alternative zur Inhaftierung von Straftätern eingesetzt werden könnten. Drei konkrete Technologien werden durchgespielt: erstens pharmakologische Interventionen – also Medikamente, die ins Gehirn eingreifen, um Verhalten zu steuern, von Libido-Unterdrückern bis zu Serotonin-Modulatoren; zweitens direkte Hirnstimulation – transkranielle Gleichstromstimulation und Tiefenhirnstimulation, Verfahren, bei denen elektrische Impulse direkt auf das Gehirn einwirken; drittens Hirn-Computer-Schnittstellen – Systeme, die über Neurofeedback die Selbstregulation des Gehirns verändern sollen.

Auf Seite 633 heißt es im Fazit – hier in der Übersetzung aus dem Englischen: „Diese Analyse hat gezeigt, dass es zwar einige offene Fragen und Bedenken bei Neuro-Bestrafungen gibt, die ernst genommen werden müssen, diese jedoch insgesamt nicht rechtfertigen, das Potenzial von Neuro-Interventionen als Alternative zur Inhaftierung in bestimmten Fällen und für bestimmte Gruppen von Straftätern auszuschließen."

Man muss diesen Satz langsam lesen. Was hier als abwägende akademische Schlussfolgerung daherkommt, ist im Kern ein Plädoyer dafür, die Tür offenzuhalten – die Tür zu direkten staatlichen Eingriffen in die Hirnsubstanz von Menschen, die der Staat als „bestimmte Gruppen" definiert.

Wir hatten das alles schon einmal

Wer jetzt denkt, das sei Zukunftsmusik oder akademische Spielerei, kennt die Geschichte nicht. Oder hat sie vergessen – was vermutlich der Zweck ist.

In den 1930er Jahren entwickelte der portugiesische Neurologe António Egas Moniz die Lobotomie: die chirurgische Durchtrennung von Nervenbahnen im Frontallappen des Gehirns. Die Begründung damals: Man könne damit psychische Störungen „heilen". Die Realität: Zehntausende Menschen – überwiegend Frauen, häufig ohne ihre Einwilligung – wurden durch den Eingriff zu Pflegefällen, verloren ihre Persönlichkeit, ihre Intelligenz, ihr Selbst. Moniz erhielt dafür 1949 den Nobelpreis für Medizin. Nachfahren seiner Opfer fordern bis heute, ihm diesen Preis posthum abzuerkennen.

Aber es blieb nicht bei psychiatrischen Patienten. 1970 erschien das Buch „Violence and the Brain" der Harvard-Autoren Mark und Ervin, in dem die Psychochirurgie als – man höre und staune – „endgültige Lösung für das Problem der Gewalt" bei Gefängnisinsassen vorgeschlagen wurde. Der kalifornische Psychiater H. Brown empfahl 1979 Hirnoperationen zur „Rehabilitation" jugendlicher Straftäter. In der Washington Post wurde diskutiert, dass diese Art der „Resozialisierung" mit nur 6.000 Dollar weitaus günstiger sei als lebenslange Verwahrung.

Kosteneffizienz als Argument für Hirneingriffe bei Straftätern. 1979.

Und jetzt lese man noch einmal das Buyx-Paper von 2018: Neuro-Interventionen als „effektivere, kostengünstigere und humanere Alternative zur Inhaftierung". Die Rhetorik ist polierter. Die Logik ist identisch.

„Das Undenkbare wieder denkbar machen"

Es war Julian Huxley – Biologe, Eugeniker, erster Generaldirektor der UNESCO und Bruder des „Schöne neue Welt"-Autors Aldous Huxley –, der 1946 in seinem Grundlagendokument UNESCO: Its Purpose and Its Philosophy die Strategie formulierte, die seither angewandt wird. Huxley schrieb:

„Auch wenn es durchaus wahr ist, dass eine radikale eugenische Politik noch auf viele Jahre hinaus politisch und psychologisch unmöglich sein wird, wird es für die UNESCO wichtig sein, dafür zu sorgen, dass das eugenische Problem mit größter Sorgfalt untersucht wird und dass das öffentliche Bewusstsein über die anstehenden Fragen informiert wird, so dass vieles, was jetzt undenkbar ist, zumindest denkbar wird."

Man muss sich vergegenwärtigen: Dieses Dokument erschien 1946 – ein Jahr nach der Befreiung der Konzentrationslager. Huxley wusste genau, dass der Begriff „Eugenik" verbrannt war. Sein Programm war nicht, die Idee aufzugeben, sondern sie umzubenennen, sie in neues Vokabular zu kleiden, sie über Institutionen und Fachpublikationen Schritt für Schritt wieder in den Bereich des Akzeptablen zu verschieben.

Was die wenigsten wissen: Derselbe Julian Huxley hat 1957 den Begriff „Transhumanismus" geprägt. Der Mann, der die Eugenik nach dem Zweiten Weltkrieg umtaufen wollte, hat auch gleich die nächste Verpackung mitgeliefert. Die direkte genealogische Linie von der Eugenik über den Transhumanismus zur heutigen „Neurointervention" ist kein konstruierter Zusammenhang – sie geht auf ein und dieselbe Person zurück. Was heute als Silicon-Valley-Zukunftsvision verkauft wird – Neuralink, Hirnchips, „Cognitive Enhancement" – hat seine intellektuellen Wurzeln nicht in einer Garage in Palo Alto, sondern in der britischen Eugenik-Gesellschaft, deren Präsident Huxley von 1959 bis 1962 war.

Und genau das geschieht, Schritt für Schritt. Statt „Eugenik" sagt man heute „Neurointervention". Statt „unwertes Leben" sagt man „Rückfallrisiko". Statt „Psychochirurgie an Häftlingen" sagt man „humanere Alternative zur Inhaftierung für bestimmte Gruppen von Straftätern". Die Substanz ist die gleiche: Der Staat beansprucht das Recht, die biologische Konstitution von Menschen zu verändern, die er als problematisch definiert hat.

Es läuft längst – nur nennt man es anders

Wer glaubt, das sei noch Theorie, irrt. In mehreren US-Bundesstaaten, in Polen, Südkorea und teilweise in Tschechien werden Sexualstraftäter bereits verpflichtend chemisch kastriert – per Gerichtsbeschluss, als Bedingung für Bewährung oder Entlassung. Das ist eine legalisierte Neurointervention, auch wenn sie nicht so genannt wird. Und genau das ist der Präzedenzfall, auf den das Buyx-Paper aufbaut: Was bei Sexualstraftätern akzeptiert wird, kann auf andere „Gruppen" ausgeweitet werden.

Aber es geht noch weiter. Millionen von Kindern weltweit werden bereits neurochemisch modifiziert, um sich gesellschaftlichen Verhaltensnormen anzupassen – per Ritalin und anderen ADHS-Medikamenten. Im Kern ist das nichts anderes als eine Neurointervention an Minderjährigen, häufig ohne dass das Kind selbst zustimmt. Das ist so normalisiert, dass niemand mehr ein Wort darüber verliert. Aber es hat die Tür geöffnet: Die Idee, dass man über Chemie und Technologie ins Gehirn eingreift, um „unerwünschtes Verhalten" zu korrigieren, ist gesellschaftlich akzeptiert – bei Kindern.

Und hier schließt sich ein Kreis, der aufhorchen lassen sollte: Alena Buyx forscht an ihrem Institut an der TU München nicht nur theoretisch über Hirnstimulation bei Straftätern. Ihr Institut hat konkret zu transkranieller Gleichstromstimulation (tDCS) bei Kindern mit ADHS geforscht – ein Paper ihrer Mitarbeiterin Sierawska und Buyx selbst trägt den Titel „Unmet Needs in Children with ADHD – Can tDCS Fill the Gap?" – Können unerfüllte Bedürfnisse bei ADHS-Kindern durch Hirnstimulation geschlossen werden?

Erst die Kinder. Dann die Straftäter. Dann alle anderen. Die Reihenfolge ist kein Zufall. Man beginnt immer dort, wo der Widerstand am geringsten ist.

Hinter verschlossenen Türen der Wissenschaft

Besonders aufschlussreich ist, wo diese Diskussionen stattfinden. Das Buyx/Birks-Paper erschien auf Englisch, in einer spezialisierten Fachzeitschrift, hinter einer Bezahlschranke. Kein normaler Bürger liest die Cambridge Quarterly of Healthcare Ethics. Die deutsche Öffentlichkeit erfuhr nichts davon – sieben Jahre lang, bis der Wissenschaftskritiker Stefan Weber (der „Plagiatsjäger") den Fund auf X veröffentlichte. Quelle: https://x.com/SprachPhilo/status/2028177952018477133

Und das ist kein Einzelfall. Die gesamte internationale Debatte um „Neuropunishment" findet im angelsächsischen akademischen Raum statt – in genau jenem Raum, aus dem die Eugenik-Bewegung stammt, aus dem die Lobotomie massenverbreitet wurde, in dem Julian Huxley seine Programme formulierte. In Fachzeitschriften wie Neuroethics, dem Journal of Medical Ethics, den Oxford University Press-Sammelbänden wird seit Jahren intensiv diskutiert, ob und unter welchen Bedingungen man Straftätern ohne ihre Einwilligung neurotechnologische Eingriffe aufzwingen darf. Es werden Szenarien durchgespielt, in denen Häftlinge vor die Wahl gestellt werden: Hirnstimulation oder weitere Haft. Autoren fragen offen, ob das Recht auf körperliche Unversehrtheit bei Straftätern eingeschränkt werden kann.

Was in diesen Fachzeitschriften an Gedankengebäuden errichtet wird, sickert Jahre später in die politische Praxis – genau wie Huxley es entworfen hat. Erst wird es denkbar gemacht, dann diskutierbar, dann akzeptabel, dann normal.

Die militärische Seite derselben Medaille

Parallel zur akademischen Debatte läuft eine andere Entwicklung, die selten in Verbindung gebracht wird, aber denselben Vektor hat: Die US-Militärforschungsbehörde DARPA finanziert seit Jahrzehnten Gehirnforschung in großem Maßstab – Ferngesteuerte Hirnstimulation, kognitive Optimierung von Soldaten, Detektion „vor-krimineller" Hirnmuster, direkte Gehirn-Computer-Kommunikation. Was in akademischen Papers als „Rehabilitationsinstrument für Straftäter" diskutiert wird, wird in DARPA-Programmen als Kontrollinstrument entwickelt. Die zivile und die militärische Forschung trinken aus derselben Quelle – und fließen am Ende im selben Becken zusammen.

Von der Neurointervention zum Gedankenlesen

Und damit zum nächsten Schritt, der bereits angekündigt ist – offen, für jeden sichtbar, aber nur wer hinschaut.

Alena Buyx hält 2026 die Oxford Neuroethics Lecture. Der Titel ihres Vortrags: „Who Is Afraid of Mind Reading?" – Wer hat Angst vor dem Gedankenlesen?

Man muss das wirken lassen. Die ehemalige Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, die in einem Fachpaper Hirnstimulation bei Straftätern nicht ausschließen wollte, die an ihrem Institut Hirnstimulation bei Kindern erforscht, die während der Pandemie maximalen Druck für eine kaum getestete Impfung ausübte – diese Person hält eine Vorlesung über die Frage, wer denn Angst habe vor dem Gedankenlesen. In Oxford. Im Huxley-Raum.

Schon in einem Spiegel-Interview hat Buyx selbst eingeräumt, dass über Hirnchips „von außen gewisse Kontrollfunktionen" ausgeübt werden könnten und dass beim KI-gestützten „Gedankenlesen" – sie benutzt das Wort – „irrsinnige Fortschritte" gemacht würden.

Die Konvergenz von Neurowissenschaft und Künstlicher Intelligenz führt zu dem, was logisch folgt: Nicht mehr den Straftäter nach der Tat neurointerventioniell zu „behandeln", sondern den potenziellen Straftäter vor der Tat zu identifizieren und zu modifizieren. Pre-Crime. Nicht mehr Science-Fiction, sondern Forschungsprogramm.

Die DSM-Spirale: Immer mehr Verhalten wird pathologisiert

Und wer bestimmt dann, wer als „behandlungsbedürftig" gilt? Hier schließt sich der letzte Kreis.

Das Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen (DSM) – die Bibel der Psychiatrie – wächst mit jeder Auflage. Immer mehr Verhaltensweisen werden als „Störung" klassifiziert. Was gestern als Eigenart galt, ist heute eine Diagnose. Was heute eine Diagnose ist, ist morgen ein Behandlungsbedarf. Und was ein Behandlungsbedarf ist, wird übermorgen eine Behandlungspflicht – für die „Sicherheit der Allgemeinheit".

Die Definition von „bestimmten Gruppen von Straftätern" aus dem Buyx-Paper ist dehnbar. Heute Sexualstraftäter. Morgen Gewalttäter. Übermorgen „Radikalisierte". Dann „sozial Unangepasste". Die Geschichte der Psychiatrie zeigt: Die Kategorie des „Abweichenden" wurde immer dann ausgeweitet, wenn die Technologie zur Verfügung stand, um an ihm zu intervenieren. Erst gab es die Lobotomie, dann wurden die Indikationen ausgeweitet. Erst gab es Ritalin, dann wurde ADHS zur Massendiagnose. Das Werkzeug schafft sich seine Anwendung.

Die Pandemie als Präzedenzfall

Wer verstehen will, warum das Neuropunishment-Paper nicht als isolierte akademische Übung betrachtet werden darf, muss auf die Rolle blicken, die Alena Buyx während der COVID-Pandemie spielte. Als Vorsitzende des Deutschen Ethikrats war sie eine der zentralen Stimmen, die maximalen Impfdruck auf die Bevölkerung ausübten – einschließlich Kindern, einschließlich vulnerabler Gruppen, zu einem Zeitpunkt, als Langzeitdaten fehlten und das Risiko-Nutzen-Profil für junge Menschen bestenfalls unklar war.

Das Muster ist in beiden Fällen dasselbe: Eine Person, die qua Amt die Aufgabe hat, die ethischen Grenzen des staatlichen Handelns zu definieren, arbeitet in der Praxis daran, diese Grenzen zu verschieben. Im einen Fall ging es um den Zugriff auf den Körper via Impfpflicht-Debatte, im anderen um den Zugriff auf das Gehirn via Neurointervention. In beiden Fällen unter dem Etikett des Gemeinwohls, der Kosteneffizienz, der „humaneren Alternative".

Und in beiden Fällen gilt: Wer sich wehrt, wird pathologisiert. Der Impfkritiker ist „Schwurbler", der Kritiker der Neurointerventionen ist Fortschrittsfeind. Die Sprache der „Ethik" wird zur Waffe gegen jene, deren körperliche Autonomie sie zu schützen vorgibt.

Was hier auf dem Spiel steht

Artikel 1 des Grundgesetzes schützt die Menschenwürde. Artikel 2 schützt die körperliche Unversehrtheit. Diese Grundrechte gelten auch für Straftäter – gerade für Straftäter, denn an den Rändern zeigt sich, ob eine Gesellschaft ihre eigenen Prinzipien ernst nimmt.

Wer die Tür öffnet für neurotechnologische Eingriffe bei Sexualstraftätern – dem einzigen Fall, in dem der öffentliche Widerstand minimal sein wird –, der öffnet sie für alle. Denn die Geschichte lehrt: Was heute als extreme Ausnahme eingeführt wird, ist morgen der Standard. Die Lobotomie begann als experimentelle Therapie für schwere Psychosen und endete mit dem „Lobotomobil", das durch Amerika fuhr und Masseneingriffe in Heimen und Gefängnissen durchführte. Die chemische Kastration begann als letzte Option bei schwerstpädophilen Wiederholungstätern und ist in mehreren US-Bundesstaaten bereits gerichtlich angeordnete Routinemaßnahme.

Es ist kein Zufall, dass das Paper von 2018 mit „bestimmten Gruppen von Straftätern" formuliert. Es ist auch kein Zufall, dass die ganze Debatte auf Englisch stattfindet, in Zeitschriften, die der deutsche Wähler nie zu Gesicht bekommt.

Ans Licht gebracht hat das Neuropunishment-Paper der österreichische Kommunikationswissenschaftler und „Plagiatsjäger" Stefan Weber (@SprachPhilo auf X), der auf der Plattform die entscheidende Passage zitierte und fragte: „Wie sind solche Vorschläge ethisch zu bewerten?" Es ist derselbe Stefan Weber, der kurz zuvor auch Buyx' medizinische Dissertation aus dem Jahr 2005 unter die Lupe genommen hat – mit verheerendem Ergebnis: 73 Text- und Quellenplagiatsfragmente identifizierte Weber in seiner Prüfung. In seinem Gutachten ist von „Täuschung über die Eigenständigkeit der Literaturarbeit" die Rede. Plagiate auf fast der Hälfte der Seiten mit Fließtext. Buyx hat laut Weber wiederholt Literaturstudium vorgetäuscht, das andere vor ihr bereits geleistet hatten, und dabei sogar die Zitierfehler der Originalarbeiten mit übernommen – sogenannte Blindzitate, also das Zitieren von Werken, die offenbar nie im Original eingesehen wurden.

Buyx hat auf die Vorwürfe nicht inhaltlich geantwortet, sondern die Angelegenheit ihren Anwälten übergeben. Konkrete Fragen der Jungen Freiheit zu Blindzitaten und identischen Fehlern blieben unbeantwortet. Die Universität Münster hat eine Vorprüfung eingeleitet. Die FAZ schreibt: „Vielleicht kommt Buyx mit einer Rüge davon." Weber fordert darüber hinaus die Offenlegung ihrer kumulativen Habilitationsschrift – zum Thema „Politische Philosophie der Biomedizin" –, die seit 13 Jahren unter Verschluss ist. Genau diese Habilitation hat Buyx als Ethikerin qualifiziert.

Die Ironie könnte schärfer nicht sein: Eine Wissenschaftlerin, die Literaturstudium vorgetäuscht hat, die Quellen ungeprüft übernommen hat, die bei Markus Lanz den Begriff „stochastischer Papagei" verwendete, ohne ihn der Urheberin Emily M. Bender zuzuschreiben – diese Wissenschaftlerin sitzt im Kuratorium der Bertelsmann Stiftung, im Aufsichtsrat der Charité, moderiert ab 2025 das Nachfolgeformat der Wissenschaftssendung Scobel im öffentlich-rechtlichen Fernsehen – und verfasst Papers, in denen sie die Tür für staatliche Eingriffe ins Gehirn von Straftätern offenhält.

Ulrike Guérot fragte zurecht: „Wird sie jetzt überall sofort entlassen?" Die Antwort kennen wir bereits. Natürlich nicht. Es sind immer dieselben, die bestimmen, was denkbar ist. Und was undenkbar zu bleiben hat.

Der Staat hat im Gehirn seiner Bürger nichts zu suchen

Julian Huxley hat das Programm 1946 in einem Satz formuliert: „Das Undenkbare denkbar machen." Die Lobotomie hat gezeigt, wohin es führt. Ritalin hat gezeigt, wie man es normalisiert. Die Pandemie hat gezeigt, wie schnell es geht. DARPA zeigt, wer dafür bezahlt. Und das Neuropunishment-Paper von Buyx und Birks zeigt: Die nächste Stufe wird bereits vorbereitet – leise, akademisch, auf Englisch, hinter Bezahlschranken, weit weg von jeder demokratischen Debatte.

2026 stellt Buyx in Oxford die Frage: „Wer hat Angst vor dem Gedankenlesen?"

Die Antwort lautet: Jeder, der noch klar denken kann.

Man muss es aussprechen, bevor es normal wird: Der Staat hat im Gehirn seiner Bürger nichts zu suchen. Kein Medikament, kein Stromstoß, kein Chip – unter keinem Etikett und für keine „Gruppe". Das ist keine verhandelbare Position. Das ist die Grenze, hinter der die Zivilisation endet.


Quellen:

  • Buyx, A. / Birks, D. (2018): Neuroscience and Social Problems: The Case of Neuropunishment. Cambridge Quarterly of Healthcare Ethics, Vol. 27, Special Issue 4, S. 628–634. DOI: 10.1017/S0963180118000269
  • Huxley, J. (1946): UNESCO: Its Purpose and Its Philosophy. London: Preparatory Commission of the United Nations Educational, Scientific and Cultural Organisation.
  • Huxley, J. (1957): New Bottles for New Wine. London: Chatto & Windus. [Erstverwendung des Begriffs „Transhumanismus"]
  • Mark, V. / Ervin, F. (1970): Violence and the Brain. New York: Harper & Row.
  • Sierawska, A. / Buyx, A.: Unmet Needs in Children with ADHD – Can tDCS Fill the Gap? (TU München, Institut für Geschichte und Ethik der Medizin)
  • Buyx, A.: Oxford Neuroethics Lecture 2026, angekündigt unter dem Titel „Who Is Afraid of Mind Reading?" (LinkedIn-Ankündigung, Dezember 2025)
  • Wikipedia-Eintrag „Lobotomie" (dt.), mit Verweis auf Mark/Ervin (1970), H. Brown (1979) und die Washington-Post-Diskussion.
  • Weber, S. (2026): Plagiatsgutachten Doktorarbeit Alena Buyx – 73 Plagiatsfragmente identifiziert. Veröffentlicht auf plagiatsgutachten.com, 24.2.2026. PDF des Gutachtens: plagiatsgutachten.com/blog/wp-content/uploads/2026/02/ENDFASSUNG_Plagiatsgutachten_Doktorarbeit_Alena_Buyx.pdf
  • Weber, S. / @SprachPhilo (2026): Tweet zum Neuropunishment-Paper von Buyx/Birks, veröffentlicht auf X (vormals Twitter), März 2026.
  • Weber, S. (2026): „Der stochastische Papagei Buyx" – Neue Recherchen belasten Alena Buyx. plagiatsgutachten.com/blog/der-stochastische-papagei-buyx/
  • „Alena Buyx bricht ihr Schweigen zu den schweren Plagiatsvorwürfen", Junge Freiheit, 27.2.2026.
  • Wikipedia-Eintrag „Alena Buyx" (dt.), Stand 2025: Kuratorium Bertelsmann Stiftung, Aufsichtsrat Charité, Moderatorin Nano Talk.

Montag, 2. März 2026

Die Wohlfahrtsindustrie: Wie sechs Verbände aus Armut ein Milliardensystem machten – und warum sich nichts ändern darf

 

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Was Sie in 60 Sekunden über die deutsche Wohlfahrtsindustrie wissen müssen

Über 100 Milliarden Euro Umsatz. 2,1 Millionen Beschäftigte. Sechs Verbände. Null unabhängige Kontrolle.

Die Freie Wohlfahrtspflege ist einer der größten Wirtschaftssektoren Deutschlands – größer als die meisten DAX-Konzerne. Sie nennt sich gemeinnützig. Sie agiert wie ein Kartell.

Die Fakten:

94 Prozent der Einnahmen stammen vom Staat – keine Almosen, sondern eiskalt abgerechnete Leistungsentgelte. Jede Beratungsstunde, jede Pflegeminute wird fakturiert. Das Subsidiaritätsprinzip sichert den Verbänden dabei ein gesetzliches Quasi-Monopol. Wettbewerb? Fehlanzeige.

Ein Arbeitsloser schuftete für 1,50 Euro die Stunde in einer AWO-Kita. Der Verband kassierte dafür 500 Euro im Monat vom Jobcenter. Bei 20 Teilnehmern: 10.000 Euro monatlich – für Arbeitskräfte, die nichts kosten.

Das DRK sammelt Blut kostenlos im Namen der Nächstenliebe – und verkauft den Liter für bis zu 390 Euro an Krankenhäuser. Eine einzige regionale Tochtergesellschaft: 396,6 Millionen Euro Jahresumsatz.

Die Caritas predigt soziale Gerechtigkeit – und sabotierte 2021 den einzigen Tarifvertrag, der Hunderttausenden Pflegekräften höhere Löhne gebracht hätte. Warum? Um den eigenen Wettbewerbsvorteil zu schützen.

Die AWO Frankfurt: 262 angeklagte Straftaten, Luxusdienstwagen, Falschabrechnungen, Vetternwirtschaft – ein System ohne Kontrolle.

Und wenn Kinder in ihren Heimen missbraucht werden? Akten vernichten. Täter versetzen. Opfer mundtot machen. Verbandsübergreifend. Jahrzehntelang.

Die Führungspersönlichkeiten der Nachkriegs-Wohlfahrt? NSDAP-Mitglieder, die nahtlos vom Reichsinnenministerium in die Vorstandsetagen wechselten. Die ideologische Linie: NS-„Asozialer" → Nachkriegs-„Verwahrlosung" → heutiger „Sozialschmarotzer". Der Mechanismus hat sich nie geändert.

Die unbequeme Wahrheit: Armut ist in Deutschland kein Problem, das gelöst werden soll. Armut ist ein Geschäftsmodell. Und 2,1 Millionen Beschäftigte leben davon, dass es so bleibt.

👉 Den vollständigen Artikel mit allen Belegen hier: 

Sonntag, 1. März 2026

Ein offenes Geheimnis offiziell bestätigt: Die Rolle der CIA beim Iran-Putsch 1953


Dieses Video beleuchtet eindrucksvoll die historischen Hintergründe des Putsches von 1953, bei dem der iranische Premierminister Mohammad Mossadegh gestürzt wurde. Es hat 60 Jahre gedauert, bis freigegebene Dokumente die weitreichende Beteiligung der CIA und des britischen Geheimdienstes (SIS) endgültig bestätigt haben.

Die Hauptmotive für den Eingriff des Westens waren laut den Dokumenten Öl und die Angst vor dem Kommunismus:

🛢️ Öl: Mossadegh verstaatlichte 1951 die iranische Ölindustrie, die zuvor von der anglo-iranischen Ölgesellschaft (der heutigen BP) kontrolliert wurde. Großbritannien startete zunächst einen globalen Boykott und plante schließlich gemeinsam mit den USA den Sturz der Regierung, um eine für den Westen vorteilhafte Öl-Vereinbarung zu erzwingen.

🛑 Kalter Krieg: Da Mossadegh zunehmend Kontakte zur Kommunistischen Partei des Iran pflegte, fürchteten die Alliierten, ein wichtiges Land im Nahen Osten könnte hinter den Eisernen Vorhang fallen und sich den Sowjets anschließen.

Die Umsetzung des Putsches war massiv: Durch weitreichende Propagandakampagnen in der US-Presse und über die BBC, die Beeinflussung des Klerus in Teheran sowie von der CIA inszenierte Proteste wurde Mossadegh letztlich gestürzt und durch General Zahedi ersetzt.
Die fatalen Langzeitfolgen: Auf diesen Putsch folgten 26 Jahre brutaler politischer Unterdrückung. Die vom US-Geheimdienst trainierte Geheimpolizei Savak inhaftierte und folterte systematisch politische Dissidenten. Diese aufgestaute Wut und die anti-amerikanische Stimmung entluden sich schließlich 1979 in der Islamischen Revolution.

Ein extrem sehenswertes Video, das zeigt, wie tiefgreifend und langfristig verdeckte Operationen der Vergangenheit die Geopolitik des Nahen Ostens bis heute prägen.


Freitag, 27. Februar 2026

Agenda 2010: Die Beichte eines politischen Machtinstruments

Gestatten: Ich bin die Agenda 2010. Lange habt ihr über mich geredet, mich gelobt oder verflucht, doch jetzt spreche ich selbst. Vergessen wir das PR-Märchen von der „Modernisierung des Arbeitsmarktes“ und dem hehren Ziel des „Förderns und Forderns“. In Wahrheit war das nur mein Deckmantel für ein viel brutaleres Ziel: die gezielte Erschaffung eines gigantischen Niedriglohnsektors durch die radikale Zerschlagung sozialer Rechte. Lasst uns die Masken fallen lassen.

Teil 1: Meine Geburt im Hinterzimmer Glaubt ihr wirklich, ein VW-Manager namens Peter Hartz hätte mich erschaffen? Das ist nur die bequeme halbe Wahrheit. Ich war eine elitäre, „geheime Staatsaktion“, orchestriert von Bundeskanzleramt und Arbeitsministerium, maßgeblich gesteuert durch die Bertelsmann Stiftung,. Meine Kompromisse wurden in Hinterzimmern geschmiedet, isoliert von der lästigen demokratischen Öffentlichkeit und ohne störende Bundestagsabgeordnete,.

Mein Meisterstück nannte man intern das „Kuckucksei“,. Die sogenannte „Zusammenlegung“ von Arbeitslosen- und Sozialhilfe war nichts anderes als der kaltblütige Mord an der alten Arbeitslosenhilfe,. Warum? Weil arbeitserfahrene Menschen noch zu viele Rechte und Gestaltungsmöglichkeiten hatten – ich musste ihren Widerstand brechen, sie auf den Boden der Tatsachen holen und in billige Jobs zwingen,.

Teil 2: Das Regime der Zermürbung Um euch zu beherrschen, schuf ich das Instrument der „strengen Zumutbarkeit“,. Das alte Prinzip, euren erarbeiteten Lebensstandard zu sichern, habe ich ausradiert und durch den nackten Absturz auf das Existenzminimum ersetzt. Wer nach zwölf Monaten keine Arbeit fand, den raubte ich faktisch seiner gesamten Lebensleistung.

Ich zwang die Entrechteten, selbst die entwürdigendsten Jobs weit unter ihrer Qualifikation anzunehmen. Meine perfideste Waffe aber war die Stigmatisierung: Durch permanente Sanktionsandrohungen und sinnlose „Aktivierungsmaßnahmen“ stellte ich jeden Erwerbslosen unter den Generalverdacht der Faulheit. Obwohl psychologische Studien glasklar belegen, dass Hartz-IV-Empfänger keineswegs antriebsärmer, unsozialer oder fauler sind als Berufstätige,,, war das Gift vom „faulen Schmarotzer“ für meine Zwecke einfach unverzichtbar.

Teil 3: Die Disziplinierung der Massen Mein wahrer Triumph betrifft gar nicht die Arbeitslosen, sondern die gesamte verdammte Gesellschaft. Ich bin das ständige, unübersehbare Symbol des sozialen Absturzes ohne Netz und doppelten Boden,. Die öffentliche Demütigung und Entmündigung in den Jobcentern war meine gezielte Warnung an alle Noch-Beschäftigten.

Und es funktionierte perfekt: Aus nackter Existenzangst vor meinem Schöpfungswerk Hartz IV schluckte die arbeitende Klasse plötzlich klaglos sinkende Reallöhne, unbezahlte Überstunden und miese Arbeitsbedingungen,. So, und nur so, konnte der deutsche Niedriglohnsektor derart explodieren. Ich habe euch alle diszipliniert.

Teil 4: Der aussichtslose Eigensinn Ich gebe zu, Menschen sind manchmal zäher als berechnet. Sie reagierten auf meine Daumenschrauben mit dem, was Soziologen „Eigensinn“ nennen,. Einige wurden zu „Um-jeden-Preis-Arbeitern“: Sie unterwarfen sich jeder Schikane, nahmen jede Demütigung hin, nur um meinem Stigma zu entkommen,. Andere wurden zu „Als-ob-Arbeitern“ und flüchteten in die Illusion von Ein-Euro-Jobs, um verzweifelt eine Normalitätsfassade aufrechtzuerhalten, während der Arbeitsmarkt sie längst ausgespuckt hatte,.

Und dann gab es die „Nicht-Arbeiter“: Diejenigen, an denen meine Peitsche abprallte, weil sie sich völlig aus dem offiziellen System zurückzogen und in Nischen überlebten, in denen meine Sanktionen nutzlos wurden,. Ein kleiner Schönheitsfehler in meiner ansonsten perfekten Matrix.

Fazit Wenn eure Politiker und Wirtschaftsbosse heute vom „Wunder am deutschen Arbeitsmarkt“ schwadronieren, dann sonnen sie sich in meinem eiskalt kalkulierten Werk,. Armut, psychologischer Druck und die allgegenwärtige Angst vor dem sozialen Abstieg waren niemals bloße „bedauerliche Unfälle“ oder „Nebenwirkungen“. Sie waren die gezielten Instrumente meiner Architekten, um Arbeit in Deutschland gnadenlos und nachhaltig billig zu machen. Schaut euch die Statistiken an: Meine Mission war ein voller, brutaler Erfolg.

63 Jahre Bürgergeld für ein Jahr Tom Buhrow – wer ist hier eigentlich der Sozialschmarotzer?

Es gibt Rechnungen, die eine ganze Gesellschaft entlarven.

Tom Buhrow, ehemaliger WDR-Intendant, hat 2024 427.900 Euro Grundgehalt kassiert – in nur zwölf Monaten. Finanziert aus dem Rundfunkbeitrag von Millionen Normalbürgern.

Ein alleinstehender Mensch auf Bürgergeld hat monatlich 563 Euro Regelsatz. Das ist das Geld für Essen, Kleidung, Hygiene, Bus, alles.

427.900 ÷ 6.756 = 63 Jahre.

Dreiundsechzig Jahre muss ein Bürgergeld-Empfänger jeden einzelnen Cent seines Regelsatzes sparen, um auf die Summe zu kommen, die Buhrow in einem einzigen Jahr verdient.

Rechnet man die realen Kosten für Miete und Heizung mit ein (ca. 1.150 Euro monatlich gesamt), sind es immer noch 31 Jahre am Existenzminimum. Ein halbes Menschenleben für ein Jahresgehalt im öffentlich-rechtlichen Himmel.

Und genau diese Menschen werden seit Jahren als „Sozialschmarotzer“ beschimpft. Als Parasiten. Als Leute, die „vom Staat alimentiert“ werden. Jeder Cent wird kontrolliert, jede Ausgabe nachgewiesen, bei Fehlern wird sofort gekürzt. Man bettelt um Beratungsscheine, kämpft sich allein durch Behördenlabyrinthe und wird öffentlich moralisch an den Pranger gestellt.

Dem Tom Buhrow dagegen legt man den roten Teppich aus. Kein Nachweiszwang. Keine Sanktionen. Kein Risiko. Einfach 427.900 Euro plus eine betriebliche Altersversorgung mit einem Barwert von über 4,2 Millionen Euro – alles weiter aus Zwangsbeiträgen.

Nach unten treten. Nach oben buckeln.

Das ist keine Fehlentwicklung. Das ist die offene Verhöhnung eines ganzen Systems.

Wer hier wirklich auf Kosten der Allgemeinheit lebt, sollte endlich mal beim Namen genannt werden.

Donnerstag, 26. Februar 2026

Der Prozess als Strafe – oder: Wen der Staat wirklich fürchtet

Das Oberlandesgericht Stuttgart hat heute die Termine bis Januar 2028 bekannt gegeben. Menschen, die im Dezember 2022 verhaftet wurden – meist Rentner über 70 –, sitzen dann über fünf Jahre in Untersuchungshaft. Ohne Urteil. Zwei sind bereits tot.

Rechtsanwalt Markus Haintz hat recht: Der Prozess ist die Strafe.

Was der Staat mit 3.000 Beamten, 900.000 Aktenseiten und drei Mammutverfahren bekämpft?

Eine Handvoll alter Männer, die in Chatgruppen fantasierten, Fragebögen schrieben und auf eine nie kommende „Allianz" warteten. Kein Anschlag. Keine Struktur. Nur Worte und Wahn. Dafür jahrelange Folter durch Haft und Verfahren.

Und was der Staat nicht bekämpft?

  • CumEx: 36 Milliarden geraubt. Ein Staranwalt für eine halbe Milliarde Hinterziehung? Ein Jahr Bewährung. Olaf Scholz trifft sich mit den Hauptbeteiligten, Rückforderungen verjähren, Ausschuss blockiert.
  • Wirecard: 3,1 Milliarden Betrug unter den Augen der BaFin. Der Staat verfolgt nicht die Betrüger – sondern die Journalisten, die es aufdeckten.
  • Epstein, Dutroux, Sachsensumpf: Dokumentierte Pädophilen-Netzwerke in der Machtelite. Akten geschreddert, Zeugen tot, Verfahren eingestellt.
  • Illegale Kriege: Jugoslawien 1999, Drohnenmorde von Ramstein aus, Waffen in alle Krisengebiete – alles vom deutschen Staat. Keine Razzia. Keine Haft. Nur Verdienstkreuze.

Das ist kein Zufall. Das ist das System.

Der Staat bestraft nicht Verbrechen. Er bestraft die Frage, wer wirklich herrscht. Die „Reichsbürger" haben diese Frage in der falschen Sprache gestellt – mit einer radikalen Sprache und Schlussfolgerungen, die das Machtsystem zutiefst bedrohen.

Aber die Kernfrage ist richtig: Wer regiert dieses Land wirklich? Und in wessen Interesse?

Genau diese Frage fürchtet der Staat mehr als alles andere. Deshalb die Inszenierung. Deshalb die jahrelange Zermürbung. Deshalb die Botschaft an alle: Halt's Maul, oder du bist der Nächste.

Der Rollator-Putsch ist keine Gefahr. Die wachsende Erkenntnis, dass oben eine kriminelle Kaste sitzt, die sich selbst schützt – das ist die Gefahr.

Deshalb sitzen Rentner fünf Jahre. Deshalb lachen die Milliardenräuber, die Kriegsverbrecher und die Kinderschänder-Netzwerke.

Das ist kein Rechtsstaat mehr. Das ist ein Schutzstaat der Herrschenden.

Und genau das erkennt man daran, wen er mit aller Brutalität verfolgt – und wen er schützt.


Grilleau, seit über 20 Jahren Analyse von Machtstrukturen und Systemkritik. Alle Beiträge unter grilleau.blogspot.com.

Mittwoch, 25. Februar 2026

Die eingezäunte Freiheit – Wie der Staat erst alles nimmt und dann Gehorsam verlangt

Über die neue Grundsicherung, das Jugendamt als Drohkulisse und ein System, das die Menschen enteignet, zerbricht und dann „Eigenverantwortung" nennt


Was du wissen musst – in 30 Sekunden:

Die Bundesregierung plant mit der „neuen Grundsicherung" eine Sanktionsverschärfung, die es in sich hat: Wer dreimal einen Termin beim Jobcenter verpasst, verliert sein gesamtes Geld – null Euro zum Leben. Bei Familien mit Kindern soll das Jobcenter das Jugendamt einschalten – nicht weil dem Kind etwas passiert ist, sondern weil ein Elternteil Termine versäumt hat. Mütter müssen schon arbeiten gehen, wenn das Kind ein Jahr alt ist – auch wenn es keinen Kita-Platz gibt. Der angebliche Kinderschutz besteht aus Kann-Bestimmungen und Soll-Vorschriften. Im Budget sind dafür null Euro eingeplant. Die Sanktionen hingegen sind verbindlich und durchfinanziert. Dieser Text erklärt, was auf Betroffene zukommt – und warum das System dahinter kein Versagen ist, sondern Methode hat.


I. Eine Mutter, ein Brief, ein System

Stell dir eine Frau vor. Alleinerziehend. Ein Kind, anderthalb Jahre alt. Sie lebt von Bürgergeld – 563 Euro im Monat für sich. Sie hat keinen Kita-Platz bekommen. Nicht weil sie keinen wollte, sondern weil es keinen gibt. 140.000 Erziehende in Deutschland sind in derselben Lage – das sagt nicht irgendein Verein, das sagt die Bundesagentur für Arbeit selbst.

Im Briefkasten liegen drei Umschläge vom Jobcenter. Einladungen zu Terminen. Sie hat sie nicht geöffnet. Nicht weil sie faul ist. Weil ihr Herz jedes Mal rast, wenn sie das Logo auf dem Umschlag sieht. Weil sie nicht weiß, was jetzt wieder kommt. Weil der letzte Brief eine Drohung war. Weil sie nachts nicht schläft vor Sorge. Weil sie tagsüber ein Kleinkind versorgt, allein, ohne Hilfe, ohne Familie in der Nähe.

Drei Termine verpasst. Ohne „wichtigen Grund". So steht es im Gesetz.

Was jetzt passiert – nach dem Willen der Bundesregierung:

Ihr gesamtes Geld wird gestrichen. Null Euro. Nicht 10 Prozent weniger, nicht 30 Prozent – alles. Im ersten Monat wird noch die Miete direkt an den Vermieter überwiesen. Danach ist auch das vorbei. Sie bekommt einen einzigen Euro im Monat – damit sie nicht aus der Krankenversicherung fliegt.

Und dann wird das Jobcenter das Jugendamt informieren. Wegen möglicher Kindeswohlgefährdung. Nicht weil jemand beobachtet hat, dass dem Kind etwas fehlt. Nicht weil ein Nachbar sich Sorgen macht. Sondern weil sie dreimal einen Termin verpasst hat.

Die Mutter, die ihr Kind selbst erzieht, weil der Staat ihr keinen Betreuungsplatz gibt, wird zur Verdächtigen.

Das ist keine Dystopie. Das ist der Gesetzentwurf der Bundesregierung. Dreizehntes Gesetz zur Änderung des Zweiten Buches Sozialgesetzbuch. Drucksache 21/3541.


II. Die eingezäunte Welt

Um zu verstehen, warum das passieren kann – warum die Mehrheit das sogar für richtig hält – muss man eine Ebene tiefer gehen. Unter die Paragraphen. Unter die Parteiprogramme. Bis auf den Grund.

Die übliche Frage lautet: „Warum soll der Staat Leuten Geld geben, die nichts dafür tun?"

Diese Frage klingt logisch. Sie fühlt sich gerecht an. Und genau das ist das Problem – denn sie verschleiert, was dieser Gesellschaft vorausgegangen ist.

Es gab eine Zeit, da konnten Menschen sich selbst versorgen. Nicht luxuriös, nicht einfach – aber möglich. Es gab Gemeinschaftsland, die Allmende. Man konnte Holz sammeln, Beeren pflücken, ein Feld bestellen, Vieh weiden lassen, fischen, jagen. Es war kein Paradies. Aber es gab ein Leben außerhalb des Marktes.

Diese Möglichkeit wurde Stück für Stück abgeschafft. Eingezäunt. Privatisiert. Verrechtlicht. Heute kannst du keinen Baum fällen, kein Feld bestellen, kein Tier jagen, kein Haus bauen, keinen Fisch fangen – nicht einmal angeln ohne Schein. Jeder Quadratmeter gehört jemandem. Jeder Apfel an jedem Baum hat einen Besitzer. Das gesamte Land, das gesamte Wasser, die gesamte Natur – eingezäunt.

Das war die erste Enteignung: die Enteignung der Lebensgrundlagen.

Dann kam die zweite. Es gab eine Zeit, da lebten Menschen in Großfamilien, in Sippen, in Dorfgemeinschaften. Wenn eine Mutter allein dastand, war sie nicht allein. Da waren Großeltern, Tanten, Onkel, Nachbarn. Die Gemeinschaft trug, was der Einzelne nicht tragen konnte.

Diese Strukturen wurden zerschlagen. Nicht durch einen Krieg, nicht durch eine Katastrophe – durch die Industrialisierung und die Ökonomisierung des Lebens. Die Fabrik brauchte einzelne, mobile Arbeitskräfte, keine Großfamilien. Also wurde alles in kleine Einheiten zerbrochen. Kleinfamilie. Einzimmerwohnung. Single-Haushalt. Alleinerziehende Mutter. Jeder für sich. Jeder abhängig vom Markt. Jeder allein.

Das war die zweite Enteignung: die Enteignung der Gemeinschaft.

Am Ende steht der Mensch von heute: ohne Zugang zu Land, ohne Zugang zu Ressourcen, ohne tragende Gemeinschaft. Er kann sich nicht selbst versorgen. Er kann nicht auf andere zählen. Er hat nur noch zwei Optionen: seine Arbeitskraft verkaufen – oder vom Staat abhängig sein.

Und jetzt kommt der Staat und sagt: Wer von mir Geld bekommt, hat Pflichten. Wer diese Pflichten nicht erfüllt, bekommt nichts. Wer nichts bekommt – nun, das ist seine freie Entscheidung.

Freie Entscheidung?

Welche Freiheit hat ein Mensch, dem alle Wege zur Selbstversorgung versperrt sind? Der nicht in den Wald gehen kann, kein Feld bestellen kann, kein Haus bauen kann, keine Gemeinschaft hat, die ihn trägt? Dessen einzige Option „funktionieren oder untergehen" lautet?

Das ist keine Freiheit. Das ist Erpressung. Verkleidet als Sozialstaat.


III. Die Maschine der Ersetzbarkeit

Aber es geht noch weiter. Denn parallel zur Enteignung der Lebensgrundlagen wurde auch die Arbeit selbst entwertet.

Früher stellte ein Mensch etwas Ganzes her. Ein Tischler baute einen Tisch, ein Schmied schmiedete ein Werkzeug, ein Bauer bestellte sein Feld von der Saat bis zur Ernte. Diese Menschen waren nicht einfach zu ersetzen. Sie konnten etwas, das nicht jeder konnte.

Die industrielle Arbeitsteilung hat das zerstört. Die Arbeitsprozesse wurden so zerlegt, dass jeder Mensch nur noch einen Handgriff macht. Einen Teilschritt. Einen Klick. Das kann jeder. Und deshalb ist jeder ersetzbar. Und wer ersetzbar ist, hat keine Verhandlungsmacht. Kein Gewicht. Keinen Wert – jedenfalls keinen, den der Markt anerkennt.

Dann kam die Agenda 2010 und trieb das Prinzip auf die Spitze: Leiharbeit, Zeitarbeit, befristete Verträge, Minijobs, Scheinselbstständigkeit, Werkverträge. Die Prekarisierung der Arbeit war kein Betriebsunfall. Sie war das Programm. Arbeit sollte billig sein, flexibel, jederzeit verfügbar und möglichst rechtlos. Und wer nicht mitmacht, dem droht: Hartz IV. Bürgergeld. Neue Grundsicherung. Null Euro.

Und dann – nachdem man den Menschen ihre Lebensgrundlagen genommen hat, ihre Gemeinschaften zerschlagen hat, ihre Arbeit entwertet hat, sie zu austauschbaren Teilen gemacht hat, sie in prekäre Verhältnisse gezwungen hat – dann stellt sich dieses System hin und sagt:

Sozialschmarotzer.

Was ist das für eine Gesellschaft, die erst alles nimmt und dann denen, die nichts mehr haben, vorwirft, dass sie nehmen?

Damit diese fortgesetzte Enteignung von der Mehrheit akzeptiert wird – damit sie sogar als „gerecht" empfunden wird – braucht es eine Sprache, die die Realität verschleiert. Eine Sprache, die Gewalt als Fürsorge verkauft und Unterwerfung als Freiheit. Die Bundesregierung beherrscht diese Sprache meisterhaft.


IV. Der Neusprech: Die Sprache, die die Gewalt versteckt

Dass die Mehrheit diese Perversion nicht als solche erkennt, liegt an der Sprache. Jedes Wort in dieser Debatte ist so konstruiert, dass es die Realität umkehrt. Es ist Neusprech im reinsten Orwellschen Sinn:

„Fördern und Fordern" klingt nach Partnerschaft, nach Geben und Nehmen auf Augenhöhe. In Wahrheit gibt es keine Augenhöhe. Auf der einen Seite steht der Staat mit seiner gesamten Macht. Auf der anderen Seite steht ein Mensch, dem alle Alternativen genommen wurden. „Fördern und Fordern" heißt übersetzt: Gehorche – oder verhungere.

„Eigenverantwortung" unterstellt, dass der Einzelne eine echte Wahl hat. Aber Eigenverantwortung setzt voraus, dass man über etwas Eigenes verfügt. Über Land, Ressourcen, Möglichkeiten, eine Gemeinschaft. Wer nichts hat, kann nicht „eigenverantwortlich" handeln. Er kann nur funktionieren – oder die Konsequenzen tragen.

„Aktivierung" klingt nach Hilfe, nach Energie, nach Aufbruch. Es bedeutet: Zwang zur Arbeit unter jeder Bedingung. Egal welcher Job, egal wie weit weg, egal wie schlecht bezahlt. Im Gesetz steht jetzt wörtlich: „Aufnahme einer Vollzeittätigkeit zur vollständigen Überwindung der Hilfebedürftigkeit."

„Alimentierung" – dieses Wort wird benutzt, um Menschen zu beschämen. „Die werden alimentiert." Als wären sie Parasiten. Aber alimentiert wird auch der Beamte, der Soldat, der Abgeordnete, der Richter. Beim Beamten heißt es „Besoldung" und ist ehrenvoll. Beim Arbeitslosen heißt es „Alimentierung" und ist eine Schande. Dasselbe Prinzip, andere Sprache. Darin liegt die ganze Ideologie.

„Nichterreichbarkeitsfiktion" – dieses Wort muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Der Staat tut so, als würde ein Mensch nicht mehr existieren. Drei Briefe nicht beantwortet – und du bist eine Fiktion. Du „existierst" nicht mehr im System. Kein Geld, kein Anspruch, kein Mensch. Das Bundesverfassungsgericht hat 2019 gesagt: Das Existenzminimum darf nicht vollständig entzogen werden. Also hat der Gesetzgeber einen Trick erfunden: Er entzieht nicht das Existenzminimum – er entzieht den Menschen den Status, ein Existenzminimum zu haben. Das Ergebnis ist dasselbe. Null Euro.

„Gegenleistung" – das vielleicht giftigste Wort von allen. Es unterstellt, dass das Existenzminimum ein Geschenk ist, für das man sich revanchieren muss. Aber das Existenzminimum ist kein Geschenk. Es ist der klägliche Rest, der übrig bleibt, nachdem die Gesellschaft alle anderen Überlebenswege verschlossen hat. Es ist nicht Großzügigkeit – es ist die Mindestschuld einer Gesellschaft, die ihren Mitgliedern alles genommen hat.


V. Was der Gesetzentwurf wirklich macht

Jetzt, mit diesem Hintergrund, schauen wir auf die konkreten Paragraphen. Und plötzlich sieht man hinter der Verwaltungssprache die nackte Gewalt:

Drei Termine verpasst – alles weg. § 7b Absatz 4: Wer dreimal nicht beim Jobcenter erscheint, verliert den kompletten Leistungsanspruch. Nicht abgestuft, nicht verhältnismäßig – vollständig. Das Bundesverfassungsgericht hat Vollsanktionen für verfassungswidrig erklärt. Der Gesetzgeber umgeht das, indem er es nicht „Sanktion" nennt, sondern „Nichterreichbarkeit". Anderes Wort, selbe Wirkung.

Mütter mit Einjährigen an den Arbeitsmarkt. § 10 Absatz 1: Die Altersgrenze, ab der Erziehende dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen müssen, sinkt von drei Jahren auf ein Jahr. Sobald das Kind seinen ersten Geburtstag hatte, ist die Mutter „zumutbar". Ein Kita-Platz für unter Dreijährige kostet den Staat 1.200 bis über 2.000 Euro im Monat – mehr als der Regelsatz der Mutter. Der Staat gibt also mehr Geld aus, um das Kind fremdbetreuen zu lassen, als er der Mutter zum Leben zugesteht. Und in vielen Regionen existiert der Kita-Platz nicht einmal.

Das Jobcenter schickt das Jugendamt. Wenn eine Familie mit Kindern vollsanktioniert wird, „soll" das Jobcenter mit dem Jugendamt zusammenarbeiten. „Ist an die Datenübermittlung zu denken." Das Jugendamt prüft dann nach § 8a SGB VIII – derselbe Paragraph, der bei Verdacht auf Misshandlung und Vernachlässigung greift. Am Ende der Kette steht § 1666 BGB: Das Familiengericht kann den Eltern aufgeben, beim Jobcenter mitzumachen. Aus einem versäumten Termin wird ein Kinderschutzverfahren.

Der Schutz ist eine Fassade. Bei den Sanktionen steht „entfällt" – keine Ausnahme, kein Ermessen. Beim Kinderschutz steht „soll", „kann", „ist zu denken". Die Härtefallprüfung hat keine festen Kriterien. Der Sachbearbeiter im Jobcenter – derselbe, der die Sanktion verhängt – entscheidet, ob ein Härtefall vorliegt. Für die Zusammenarbeit mit den Jugendämtern sind im Gesetzentwurf: null Euro eingeplant. Die Sanktion ist durchfinanziert. Der Schutz ist eine leere Hülle.

Vollzeit als Pflicht. § 2 Absatz 2 macht unmissverständlich klar: Jeder muss seine Arbeitskraft in dem Umfang einsetzen, der zur „vollständigen Überwindung der Hilfebedürftigkeit" nötig ist. Das heißt: Vollzeit. Egal was. Egal wo. Auch Aufstocker, die bereits arbeiten, werden unter Druck gesetzt, noch mehr zu arbeiten.


VI. Die Sanktionskette: Vom Briefkasten zum Familiengericht

Die ganze Perversion des Systems zeigt sich, wenn man die Kette von Anfang bis Ende durchspielt:

Schritt 1: Die Mutter bekommt Briefe vom Jobcenter. Einladungen zu Terminen.

Schritt 2: Sie öffnet sie nicht. Weil die Angst sie lähmt. Weil sie ihr Kleinkind versorgt. Weil sie keinen Kita-Platz hat. Weil sie krank ist. Weil das System sie krank gemacht hat.

Schritt 3: Drei Termine verpasst. Das Jobcenter stellt fest: „nicht erreichbar". Ihr gesamter Leistungsanspruch entfällt.

Schritt 4: Die Miete wird im ersten Monat noch direkt an den Vermieter überwiesen. Danach nicht mehr. Sie hat null Euro. Kein Essen, kein Strom, kein Telefon, kein Bus.

Schritt 5: Das Jobcenter „denkt an" die Datenübermittlung ans Jugendamt. Es meldet die Familie.

Schritt 6: Das Jugendamt kommt. Es prüft nach § 8a SGB VIII – Gefährdungseinschätzung. Ein Aktenvorgang wird angelegt. Die Familie ist jetzt ein „Fall".

Schritt 7: Wenn das Jugendamt eine Gefährdung feststellt, ruft es das Familiengericht an.

Schritt 8: Das Familiengericht ordnet an: Die Mutter hat beim Jobcenter mitzuwirken. § 1666 BGB – die Norm, die bei Misshandlung und schwerer Vernachlässigung greift.

Von einem ungeöffneten Brief bis zu einem familiengerichtlichen Beschluss nach der schwersten Eingriffsnorm des Familienrechts. Nicht weil ein Kind geschlagen wurde. Nicht weil ein Kind hungert. Sondern weil eine erschöpfte, überforderte, vom System zermürbte Mutter dreimal einen Termin nicht wahrgenommen hat.

Und das gilt ausschließlich für arme Familien. Keine andere Bevölkerungsgruppe in Deutschland gerät unter Kindeswohlverdacht, weil sie Behördenpost ignoriert. Der Unternehmer, der seine Steuererklärung nicht abgibt, bekommt einen Säumniszuschlag. Die Mutter im Bürgergeld bekommt das Jugendamt.

Prof. Dr. Nikolaus Meyer von der Hochschule Fulda hat es auf den Punkt gebracht: Armut wird zum Risikomarker. Nicht die Lebenslage des Kindes löst den Kinderschutz aus – sondern die Verwaltungskonformität der Eltern. Aus einer Bewältigungslage wird eine Verdachtslage. Das Jugendamt wird vom Hilfesystem zur Kontrollinstanz. Die Jugendhilfe, die auf Vertrauen und Freiwilligkeit aufgebaut ist, wird zum verlängerten Arm des Jobcenters.


VII. Der Druck, der krank macht – und genau das soll er

Und hier schließt sich der Kreis. Denn der psychische Druck, den dieses System erzeugt, ist kein bedauerlicher Nebeneffekt. Er ist der Mechanismus.

Die Regierung hat einen Namen dafür: den „Ex-ante-Effekt". Gemeint ist: Allein die Drohung mit der Sanktion bringt Menschen dazu, jeden Job anzunehmen, jede Bedingung zu akzeptieren, sich zu fügen. Die Regierung feiert das als Erfolg. Übersetzt in ehrliche Sprache heißt es: Angst als Regierungsinstrument.

Was diese Angst mit Menschen macht, wird in keinem Gesetzentwurf berechnet:

Die Briefkastenangst – das Herz, das rast, wenn der Umschlag im Briefkasten liegt. Die schlaflosen Nächte. Die Panikattacken. Die Depression, die sich über Monate aufbaut und irgendwann alles lähmt. Der soziale Rückzug, weil die Scham übermächtig wird. Das Gefühl, wertlos zu sein, nutzlos, überflüssig – jeden Tag, vom Aufwachen bis zum Einschlafen.

Und die Spirale, die niemand durchbricht: Der Druck macht krank. Die Krankheit macht unfähig, Termine wahrzunehmen. Die versäumten Termine führen zur Sanktion. Die Sanktion verschärft die Angst. Die Angst macht kränker. Dann kommt das Jugendamt. Die Angst vor dem Eingriff in die Familie macht den Zustand noch schlimmer. Am Ende ist der Mensch komplett gelähmt – und das System sagt: Selbst schuld. Eigenverantwortung.

Das Gesetz bietet einen „Schutz" für psychisch Kranke: Wenn das Jobcenter von der Erkrankung weiß, „soll" es Rücksicht nehmen. Aber wer seine Post nicht öffnen kann, wird kein Attest einreichen. Wer vor Angst gelähmt ist, wird nicht zum Arzt gehen. Der Schutz greift bei genau den Menschen nicht, die ihn am dringendsten brauchen.

Und dieser Druck trifft nicht nur die Sanktionierten. Er trifft alle 5,5 Millionen Menschen im Leistungsbezug. Jeder weiß: Das kann mir passieren. Morgen. Nächste Woche. Beim nächsten Brief. Das ist die Grundmelodie des Systems – eine leise, ständige Bedrohung, die nie aufhört.

Und sie trifft die Kinder. Kinder spüren die Angst ihrer Eltern. Sie spüren die Hilflosigkeit am Küchentisch, die Scham, die Verzweiflung. Sie wachsen auf in dem Gefühl, dass die Welt ein bedrohlicher Ort ist und dass ihre Familie jederzeit zerbrechen kann. Das Gesetz, das vorgibt, Kinder zu schützen, erzeugt genau die Bedingungen, unter denen Kindheiten kaputtgehen.


VIII. Der gebrochene Vertrag

Wir nennen das, in dem wir leben, einen Sozialstaat. Einen Gesellschaftsvertrag. Die Idee dahinter war einmal: Wir geben unsere individuelle Freiheit auf – das Recht, einfach zu nehmen, was wir brauchen – und im Gegenzug garantiert die Gemeinschaft jedem ein menschenwürdiges Leben. Sicherheit. Teilhabe. Würde.

Dieser Vertrag ist gebrochen. Einseitig.

Die eine Seite wird mit brutaler Konsequenz durchgesetzt: Drei Termine verpasst – alles weg. Vollsanktionierung. Jugendamt. Familiengericht. Die Pflichten der Schwachen sind in Stein gemeißelt.

Die andere Seite – die Pflicht der Gesellschaft – löst sich auf in Kann-Bestimmungen und Soll-Vorschriften. Es gibt kein Recht auf einen Kita-Platz, das durchgesetzt wird. Es gibt keine Garantie, dass die Härtefallprüfung die Kinder wirklich schützt. Es gibt null Euro Budget für den angeblichen Kinderschutz. Die Pflichten der Starken stehen auf Papier, das im Wind flattert.

Die Konzerne verlagern ihre Gewinne. Die Alleinerziehende verliert ihre Existenz. Beide werden „alimentiert" – aber nur einer von beiden wird bestraft.


IX. Die Frage, die alles auf den Kopf stellt

Die gängige Frage lautet: „Warum soll der Staat Menschen Geld geben, die nichts dafür tun?"

Die richtige Frage lautet: Warum darf ein Staat, der alle Mittel der Selbstversorgung monopolisiert hat, den Menschen das Überleben an Bedingungen knüpfen?

Nicht der Arbeitslose schuldet dem Staat etwas. Der Staat schuldet den Menschen eine Erklärung – warum er ihnen jede Alternative genommen hat und dann mit dem Entzug des Existenzminimums droht, wenn sie nicht nach seinen Regeln funktionieren.

Für 2,9 Millionen Arbeitslose gibt es 600.000 gemeldete Stellen – viele davon doppelt gezählt, Zeitarbeit, Scheinangebote. Für 1,15 Millionen Menschen, die nur als Helfer arbeiten können, existieren gerade mal 120.000 passende Stellen. Soll die restliche Million bestraft werden, weil die Arbeit nicht da ist?

Seit wann ist das Existenzminimum eine Gegenleistung? Das Grundgesetz sagt: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Nicht: Die Würde des Menschen ist unantastbar, es sei denn, er bezieht Bürgergeld. Man kann die Menschenwürde nicht verwirken. Man kann ein Grundrecht nicht an eine Mitwirkungspflicht knüpfen.

Und doch passiert genau das. Jeden Tag. In jedem Jobcenter. Und die Mehrheit findet das normal.


X. Was du tun kannst – wenn du betroffen bist

Wenn du gerade Bürgergeld beziehst und Kinder hast, solltest du wissen, was auf dich zukommt:

Geh zu deinen Terminen – so bitter das klingt. Drei verpasste Termine können jetzt bedeuten, dass dein gesamtes Geld gestrichen wird und das Jugendamt informiert wird.

Dokumentiere alles. Jeden Brief, jeden Termin, jede Kita-Absage. Wenn du keinen Betreuungsplatz bekommst, halte das schriftlich fest. Wenn du krank bist, lass dir das bescheinigen. Ohne Papier in der Akte greift kein Schutz.

Wenn du Post vom Jugendamt bekommst: Du hast Rechte. Das Jugendamt darf nicht allein aufgrund einer Jobcenter-Meldung in dein Familienleben eingreifen. Es muss eine eigene fachliche Einschätzung vornehmen.

Leg Widerspruch ein – gegen jeden Sanktionsbescheid. Frag schriftlich nach der Härtefallprüfung und ihrem Ergebnis. Jeder Bescheid kann vor dem Sozialgericht angefochten werden.

Du bist nicht schuld. Nicht an der fehlenden Arbeit, nicht an den fehlenden Kita-Plätzen, nicht an dem System, das dich erdrückt. Das System ist krank – nicht du.


XI. Was wir alle tun müssen

Dieses Gesetz betrifft nicht nur die 5,5 Millionen Menschen im Leistungsbezug. Es betrifft jeden, der krank werden kann, der seinen Job verlieren kann, dessen Firma pleitegeht, dessen Branche stirbt. Es betrifft jeden, der einen Unfall vom Bürgergeld entfernt ist.

Der Arbeitslose ist nicht der Feind des Arbeitnehmers. Er ist sein Spiegel. Er zeigt, was passiert, wenn man auf der falschen Seite der Statistik landet. Und je brutaler man mit ihm umgeht, desto größer wird die Angst aller anderen. Genau das ist gewollt. Die Drohung, die über jedem schwebt: So geht es dir, wenn du nicht funktionierst.

Wer nach unten tritt, stabilisiert das System, das ihn selbst bedroht.

Die Frage ist nicht, ob „die" arbeiten wollen. Die Frage ist, in was für einer Gesellschaft wir leben wollen. In einer, die ihre Schwächsten zermalmt und „Eigenverantwortung" dazu sagt? Oder in einer, die anerkennt, dass sie ihren Mitgliedern eine Schuld hat – weil sie ihnen alles genommen hat, womit sie sich selbst helfen könnten?

Ein Staat, der Müttern das Geld streicht und dann das Jugendamt schickt, um zu prüfen, ob die Kinder noch genug zu essen haben – der schützt keine Kinder. Er erzeugt die Gefährdung, vor der er sie angeblich schützt.

Ein Sozialstaat, der den Schutz in Konjunktive kleidet und die Bestrafung in Imperative – der verdient den Namen nicht.


Quellen: Gesetzentwurf BT-Drs. 21/3541; Antwort der Bundesregierung BT-Drs. 21/3520, S. 57; Stefan Sell: „Die Sanktionierung wegen Meldeversäumnissen in der neuen Grundsicherung – und eine Indienstnahme der Jugendämter?", O-Ton Arbeitsmarkt, 22.02.2026; Prof. Dr. Nikolaus Meyer: „Kinderschutz oder Kontrollpolitik?", DGSA Blog, 21.01.2026; Stellungnahmen zur öffentlichen Anhörung am 23.02.2026 im Ausschuss für Arbeit und Soziales: DGB, Bundesagentur für Arbeit, Thomas A. Wasilewski u.a.