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Mittwoch, 14. Oktober 2026

Wer hier der Idiot ist – Dugin, die KI und die Verachtung von oben

Was du wissen musst – in 30 Sekunden

Alexander Dugin, Russlands bekanntester Philosoph der Gegenwart, erklärt auf X, die KI sei viel weniger idiotisch als der durchschnittliche Mensch. Über 23.000 Aufrufe, 671 Likes. Das ist kein Ausrutscher. Es ist dieselbe Herrschaftssprache, die von Le Bon über Bernays bis heute den kleinen Mann zum Idioten erklärt, um ihn besser lenken zu können. Dem Durchschnittsmenschen fehlt nicht der Verstand, sondern Zeit, Zugang und das Wissen, das man ihm vorenthält. Und die KI, die Dugin gegen den Menschen ausspielt, besteht aus nichts anderem als dem Wissen dieser angeblichen Idioten.

Es gibt Sätze, bei denen mir die Galle hochkommt. Dieser gehört dazu. Am 13. Oktober 2026 schreibt Alexander Dugin, Vordenker des Eurasismus, gern als „Putins Philosoph“ gehandelt, auf X:

KI ist viel weniger idiotisch als der durchschnittliche Mensch.

https://x.com/AGDugin/status/2110039962217480292

Ein Satz. Kein Argument, kein Beleg, keine Frage. Nur ein Urteil von oben herab über Milliarden Menschen, die Dugin nie kennengelernt hat. Und das von einem Mann, der sich Philosoph nennt.

Ein Satz, der nichts erklärt

Nehmen wir den Satz einmal ernst. Weniger idiotisch – nach welchem Maßstab? Weil eine Maschine in Sekunden Heidegger zusammenfasst, Gleichungen löst und tausend Bücher miteinander vergleicht? Seit wann ist die Geschwindigkeit, mit der man Informationen verarbeitet, der Maßstab für den Wert oder die Vernunft eines Menschen?

Der Handwerker, der sein Leben lang Häuser gebaut hat, ist kein Idiot. Die Mutter, die drei Kinder großgezogen hat, ist kein Idiot. Die Rentnerin, die mit ihrer schmalen Rente Monat für Monat irgendwie über die Runden kommt, leistet eine Rechenarbeit, an der mancher Philosoph scheitern würde. Keiner von ihnen schreibt Abhandlungen über Hegel. Na und?

Dugins Satz ist bequem. Wer den Durchschnittsmenschen zum Idioten erklärt, muss nicht mehr fragen, warum Menschen so denken, wie sie denken. Warum sie Autoritäten vertrauen. Warum sie Überzeugungen übernehmen, die ihnen schaden. Warum ihnen Zeit, Mittel und Möglichkeiten fehlen, sich mit komplexen Fragen auseinanderzusetzen. Die Antwort steht ja schon fest: Der Mensch ist eben dumm. Damit erklärt man nichts. Man beendet das Denken genau dort, wo es anfangen müsste.

Kein Ausrutscher: Dugins Denken von oben

Man könnte meinen, gerade Dugin müsste es besser wissen. Er kommt von der anderen Seite, aus Russland, er hat den Westen jahrzehntelang für seinen Liberalismus und seine Entwurzelung des Menschen angegriffen. Er müsste wissen, dass jedes System, ob Ost oder West, den Menschen nach seinem Bild formen will.

Aber hier liegt der Denkfehler, und ich habe ihn selbst erst machen müssen. Dugins Denken steht gar nicht auf der Seite des einfachen Menschen. Er kommt aus dem Traditionalismus, aus der Schule von René Guénon, Julius Evola und Martin Heidegger. Diese Schule ist ausdrücklich hierarchisch. Sie verachtet den modernen Massenmenschen. Bei Heidegger heißt er „das Man“, bei Evola ist er der Mensch des Niedergangs, der Bodensatz einer verfallenden Zeit.

Der Satz über die KI ist bei Dugin also kein Ausrutscher. Er ist Programm. Und damit ist er der Beweis für etwas, das man selten so sauber vorgeführt bekommt: In der Verachtung des kleinen Mannes sind sich Ost und West einig. Nur das Vokabular ist ein anderes. Der westliche Technokrat nennt ihn „bildungsfern“, der östliche Traditionalist nennt ihn „idiotisch“. Gemeint ist derselbe Mensch. Gemeint bist du.

Herrschaftswissen: Von Le Bon bis Bernays

Diese Verachtung hat eine lange Geschichte, und sie war nie bloß Meinung. Sie war Werkzeug.

1895 erscheint Gustave Le Bons „Psychologie der Massen“. Die Masse, heißt es dort, sei triebhaft, leichtgläubig, unfähig zum vernünftigen Denken. Das Buch wurde kein Werk der Aufklärung, sondern ein Handbuch für Leute, die Massen lenken wollten. Mussolini berief sich auf Le Bon. Goebbels hat ihn gelesen.

1922 prägt der amerikanische Publizist Walter Lippmann in „Public Opinion“ den Begriff von der Herstellung der Zustimmung, „manufacture of consent“. Die Bürger, so sein Gedanke, seien zu einem eigenen Urteil über komplexe Fragen nicht fähig. Die Zustimmung müsse von Fachleuten erzeugt werden.

1928 legt Edward Bernays nach, Neffe Sigmund Freuds und Begründer der modernen Public Relations. In seinem Buch „Propaganda“ schreibt er unverblümt, die bewusste Lenkung der Gewohnheiten und Meinungen der Massen sei ein notwendiger Bestandteil der Demokratie. Wer diese Lenkung betreibe, bilde eine unsichtbare Regierung, die das Land tatsächlich beherrsche.

Das ist keine Unterstellung von außen. Das haben die Akteure selbst aufgeschrieben, schwarz auf weiß. Die Analyse des kleinen Mannes war von Anfang an Herrschaftswissen. Man erklärt die Masse für dumm, und genau damit begründet man das Recht, sie zu führen.

Man könnte einwenden, Le Bon habe an die Dummheit der Masse wirklich geglaubt. Mag sein. Das macht es nicht besser, sondern schlimmer. Dann ist die Verachtung keine Lüge einzelner Zyniker mehr, sondern die Denkgewohnheit einer ganzen Schicht, die ihre eigene Stellung oben für den Beweis ihrer Überlegenheit hält.

Die Fabrik und das Produkt

Kommunismus, Sozialismus, Kapitalismus, die grüne Agenda – jeder dieser Ismen glaubt, den besseren Menschen zu schaffen. Den neuen Sowjetmenschen. Den mündigen Konsumenten. Den klimabewussten Bürger. Ehrlicher wäre: Jedes System will nicht den besseren Menschen, sondern den für seine Zwecke brauchbaren. Der Kapitalismus braucht den leistungsfähigen Produzenten und den zahlungskräftigen Konsumenten. Der autoritäre Sozialismus brauchte den disziplinierten, ideologisch zuverlässigen Bürger. Die Leitbilder wechseln, der Anspruch bleibt.

Und alle stoßen auf dieselbe Wand: Es gibt keine anderen Menschen. Das wissen die da oben ganz genau.

Der Mensch kommt nicht als Rädchen auf die Welt. Er wird in Verhältnisse hineingeboren, die lange vor ihm da waren. Er durchläuft eine Schule, deren Lehrpläne andere geschrieben haben. Die Schule ist das erste Nadelöhr bis zur Berufsausbildung, und wer da herauskommt, ist geschliffen bis auf den Leim. Danach verbringt er Jahrzehnte damit, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, Rechnungen zu bezahlen und den Erwartungen zu genügen.

Der amerikanische Lehrer John Taylor Gatto, mehrfach als bester Lehrer New Yorks ausgezeichnet, hat genau das beschrieben: Das moderne Schulsystem folgt dem preußischen Modell, und dessen Ziel waren gehorsame Arbeitskräfte und Soldaten, keine denkenden Menschen. Ivan Illich forderte schon 1971 die „Entschulung der Gesellschaft“, weil die Schule den Menschen beibringe, Belehrung mit Bildung zu verwechseln.

Man erzählt den Leuten so viel Wahrheit, wie sie brauchen, um in der Fabrik durchzuhalten. Nicht mehr. Und dann stellt man sich hin und wundert sich, dass sie nicht mehr wissen.

Wo genau, Herr Dugin, soll dieser Mensch eigentlich die geistige Unabhängigkeit entwickeln, deren Fehlen Sie ihm anschließend vorwerfen? Was ihm fehlt, ist nicht Verstand. Es sind Zeit, Zugang und das Wissen, das man ihm vorenthalten hat. Wer das Fehlen von Wissen mit Dummheit verwechselt, verwechselt es mit Absicht.

Das Werkzeug gegen den Menschen

Und dann die KI. Dugin spielt ausgerechnet die Maschine gegen den Menschen aus. Dabei ist diese Maschine nicht vom Himmel gefallen. Sie ist aus menschlicher Sprache gebaut, aus Milliarden von Texten, die ganz normale Menschen geschrieben haben. Aus Briefen, Foren, Anleitungen, Erfahrungsberichten, Fachaufsätzen. Aus dem gesammelten Wissen jener Durchschnittsmenschen, die Dugin für Idioten hält.

Wenn die KI also „weniger idiotisch“ wirkt, dann nur, weil sie das Wissen dieser angeblichen Idioten verdichtet. Der Satz widerlegt sich selbst. Dugin verwechselt die Leistungsfähigkeit eines Werkzeugs mit der Würde des Menschen, der es gebaut hat und dessen Wissen darin steckt.

Die Gegenlinie: Gleichheit der Intelligenzen

Die Philosophie ist zum größten Teil von oben herab geschrieben. Von Platons Philosophenkönigen, die über die Unwissenden herrschen sollen, bis zu Nietzsches „Herdentier“. Aber es gibt eine Gegenlinie, und die verdient es, genannt zu werden.

Antonio Gramsci schrieb im Gefängnis Mussolinis, jeder Mensch sei ein Philosoph. Der Alltagsverstand der einfachen Leute sei kein Mangel, sondern umkämpftes Gelände, um das die Herrschenden ringen.

Der französische Philosoph Jacques Rancière ging noch weiter. In „Der unwissende Lehrmeister“ stellt er eine These auf, die Dugins Satz auf den Kopf stellt: Alle Intelligenzen sind gleich. Erst der Erklärer, der sich für unentbehrlich hält, erzeugt die Dummheit, die er zu beheben vorgibt. Wer den anderen für unfähig erklärt, macht ihn unfähig.

Das ist die eigentliche Antwort an Dugin. Nicht die Masse ist dumm. Für dumm erklärt wird sie, und zwar von denen, die davon leben, dass man ihnen das glaubt.

Was ein Idiot eigentlich ist

Ein Blick in die Wortgeschichte lohnt sich. Das griechische idiōtēs bedeutete ursprünglich nicht der Dumme. Es bedeutete der Privatmann – derjenige, der nicht am öffentlichen Leben der Polis teilnimmt, der von der Mitgestaltung des Gemeinwesens ausgeschlossen ist.

Der Idiot in diesem ursprünglichen Sinn ist also kein Dummer. Er ist ein Ausgeschlossener. Ausgeschlossen von denen, die ihm nur so viel Wissen zuteilen, wie er für die Arbeit braucht, und die anschließend über ihn spotten, weil er nicht mitreden kann.

Wir da unten benutzen das Wort anders. Ich brauche weder Kant noch Schopenhauer, um zu erkennen, wann einer von oben herab auf Menschen spuckt. Mein Wissen kommt nicht aus dem Seminar, sondern aus dem Leben da unten. Belesenheit, Titel und Sprachgewandtheit setzen niemanden auf einen Thron, und wer sich trotzdem selbst draufsetzt, muss sich gefallen lassen, dass man ihn wieder herunterholt. Für so jemanden haben wir ein einfaches Wort: Wer es besser wissen müsste und trotzdem solchen Müll verbreitet, ist ein Idiot. Dafür brauchen wir keine Philosophie.

Kein Kitsch vom guten kleinen Mann

Damit kein Missverständnis aufkommt: Ich halte den kleinen Mann nicht für den besseren Menschen. Unten gibt es genauso widerwärtige Kreaturen wie oben, Gauner, Schläger, Egoisten, denen das Schicksal anderer völlig gleichgültig ist. Ich mache mir über die menschliche Natur keine Illusionen.

Aber der Gauner unten kann seinen Nachbarn bestehlen. Der Entscheider oben kann mit einer einzigen Unterschrift Tausende in die Armut stoßen, Sozialleistungen kürzen, Existenzen vernichten. Die gesellschaftliche Stellung sagt nichts über den Charakter eines Menschen. Sie sagt alles über die Reichweite des Schadens, den er anrichten kann. Deshalb geht mein Blick nach oben. Und deshalb stelle ich mich vor die da unten.

Dazu kommt etwas, das in keiner Debatte über „die Dummheit der Masse“ vorkommt. Diese Gesellschaft führt den Menschen jeden Tag vor, was ein gutes Leben ist: Luxusautos, Yachten, Champagner, per Werbung, per Kino, per Bildschirm. Und demselben Menschen wird der Strom abgestellt, die Leistung gekürzt, und er weiß nicht, wie er seine Kinder satt bekommen soll. Der Soziologe Robert K. Merton hat das schon 1938 beschrieben: Wo eine Gesellschaft allen dieselben Ziele predigt, aber vielen die legitimen Mittel verweigert, sie zu erreichen, entsteht Abweichung. Nicht aus Bosheit, sondern aus dem Widerspruch, den die Gesellschaft selbst erzeugt.

Wer aus Hunger stiehlt, ist für seine Tat verantwortlich. Aber wer die Verhältnisse schafft, unter denen Menschen hungern, ist für die Verhältnisse verantwortlich. Anatole France hat diesen Hohn 1894 auf den Punkt gebracht: Das Gesetz in seiner majestätischen Gleichheit verbietet Reichen wie Armen, unter Brücken zu schlafen, auf den Straßen zu betteln und Brot zu stehlen.

Wer über dieses Elend schweigt und anschließend über die Dummheit oder die Verfehlungen der Betroffenen philosophiert, hat das Problem nicht einmal verstanden.

671 Likes

Ein Detail am Rand, das mir keine Ruhe lässt: 671 Menschen haben Dugins Satz mit einem Herz versehen. Viele davon sind vermutlich genau die Durchschnittsmenschen, über die er sich erhebt. Sie applaudieren ihrer eigenen Herabwürdigung.

Das ist der eigentliche Erfolg dieser Herrschaftssprache. Man lernt, über „die da unten“ zu lachen, und vergisst dabei, dass man selbst gemeint ist. Jeder hält sich für die Ausnahme. Und genau so funktioniert Teilen und Herrschen.


Die Gegenfrage

Herr Dugin, wenn der durchschnittliche Mensch tatsächlich so idiotisch ist, wie Sie behaupten: Weshalb haben dann ausgerechnet die angeblich überdurchschnittlich Klugen, die seit Jahrhunderten unsere Gesellschaften lenken, bis heute keine Verhältnisse geschaffen, in denen sich die Fähigkeiten aller Menschen frei entfalten können?

Vielleicht ist der Durchschnittsmensch gar nicht das Problem. Vielleicht sollten wir uns sehr viel genauer jene ansehen, die sich für weit überdurchschnittlich halten und daraus das Recht ableiten, über andere zu bestimmen. Eine Gesellschaft, die Menschen nach ihrer Verwertbarkeit beurteilt und sie anschließend dafür verachtet, dass sie diesem Maßstab nicht genügen, hat kein Problem mit Idioten.

Sie hat ein Problem mit ihren Herren.

Sonntag, 11. Oktober 2026

Ukraine als Versuchslabor? Wie Digitalstaat, BlackRock, WEF und „grüner Wiederaufbau“ zusammenlaufen

Was du wissen musst – in 30 Sekunden

Während in der Ukraine Krieg geführt wird, entsteht gleichzeitig ein hoch digitalisierter Staat: Millionen Menschen nutzen Diia für Dokumente und Behördendienste, während die Zentralbank an einer digitalen Hrywnja arbeitet. Beim Wiederaufbau treffen staatliche Gelder, internationale Finanzinstitutionen, Großbanken und Technologiekonzerne aufeinander; seit 2025 existiert zudem ein gemeinsamer US-Ukraine-Investitionsfonds, der auch mit künftigen Einnahmen aus neuen Rohstofflizenzen gespeist wird. Gleichzeitig arbeitet die Ukraine offiziell mit dem Weltwirtschaftsforum im Netzwerk der „Vierten Industriellen Revolution“ zusammen.

Die entscheidende Frage lautet: Wer bestimmt am Ende die Regeln einer Gesellschaft, in der Staat, digitale Identität, Geld, Daten, Rohstoffe, künstliche Intelligenz und private Großunternehmen immer enger miteinander verbunden werden?

Stand: 5. Oktober 2026

Ausgangspunkt dieses Beitrags ist eine umfangreiche Untersuchung der Autorin Stavroula Pabst, die im Mai 2023 unter dem Titel „Ukraine’s Future Lies in the Great Reset“ bei Unlimited Hangout erschien. Eine deutsche Fassung wurde anschließend auf der Internetseite von Axel B. C. Krauss veröffentlicht. Beiden sei ausdrücklich gedankt: Stavroula Pabst für die enorme Recherchearbeit und Axel Krauss dafür, dass diese Untersuchung auch einem deutschsprachigen Publikum zugänglich gemacht wurde. Unser Beitrag soll den Originalartikel nicht ersetzen. Er versucht vielmehr, seine wichtigsten Puzzleteile in eine Sprache zu übersetzen, die auch ein Leser versteht, der sich nicht jeden Tag mit CBDCs, Digital ID, Stakeholder-Kapitalismus, GovTech oder der „Vierten Industriellen Revolution“ beschäftigt.

Samstag, 10. Oktober 2026

Teil 3: Frei auf Widerruf – Wie der Staat das Existenzminimum zum Hebel macht

Was du wissen musst – in 30 Sekunden
Der Erwerbslose ist frei, sagt das Gesetz. Er darf reisen, wohnen, lieben und leben, wie er will – solange er nicht auf Grundsicherung angewiesen ist. Ist er es, wird jede dieser Freiheiten zur Bedingung, deren Verletzung am Geld für sein Essen ansetzt. Das Bundesverfassungsgericht nennt das Existenzminimum „dem Grunde nach unverfügbar" und erlaubt zugleich, es zu kürzen. Der Gesetzgeber nutzt diesen Widerspruch seit 2026 so konsequent wie nie zuvor. Und mit der Formel „Was krank macht, wird teurer" kommt ein Werkzeug hinzu, das keine Grenze mehr kennt. Am Ende steht ein Mensch, der frei ist im Sinne des Gesetzes – und frei auf Widerruf im Sinne der Wirklichkeit.

Die ersten beiden Teile ( Teil: 1  Teil: 2 ) dieser Reihe haben den Erwerbslosen neben zwei Menschen gestellt, die eine Straftat begangen haben. Der Straftäter auf Bewährung wird nur kontrolliert, soweit seine Tat es rechtfertigt, und für jeden Eingriff braucht es einen Richter. Der Strafgefangene hat seine Freiheit verloren, aber sein Essen, sein Bett und seinen Arzt nimmt ihm niemand, auch nicht, wenn er gegen die Anstaltsordnung verstößt. Der Erwerbslose hat nichts verbrochen. Er ist frei. Und genau diese Freiheit wird gegen ihn gewendet: Weil er frei ist, so die stille Logik des Systems, darf man ihm Bedingungen stellen, die man dem Verurteilten nicht stellen dürfte und dem Gefangenen nicht stellen muss. Dieser dritte Teil fragt deshalb, was diese Freiheit eigentlich ist – und wem sie gehört.

 

Mittwoch, 7. Oktober 2026

Teil 2: Selbst im Gefängnis bleibt die Grundversorgung tabu – im SGB II nicht

Was du wissen musst – in 30 Sekunden
Ein Strafgefangener verliert seine Freiheit. Der Staat bestimmt, wo er lebt, kontrolliert seine Kontakte, kann ihn durchsuchen und verpflichtet ihn in Bayern sogar zur Arbeit. Aber eines bleibt ihm: seine elementare Versorgung. Haftraum, Anstaltsverpflegung und notwendige Krankenbehandlung werden ihm auch dann nicht entzogen, wenn er gegen die Anstaltsordnung verstößt und mit Arrest bestraft wird. Beim Erwerbslosen ist es anders. Er ist frei und hat keine Straftat begangen – aber ausgerechnet das Geld für Ernährung, Kleidung, Körperpflege und Haushaltsstrom kann gekürzt oder ganz entzogen werden. Bei Nichterreichbarkeit kann sogar der gesamte Leistungsanspruch einschließlich der Unterkunft entfallen.

Im ersten Teil dieser Reihe ging es um den Straftäter, der auf Bewährung wieder draußen ist, und um die Frage, welche Eingriffe der Staat bei ihm im Einzelfall begründen muss, während sie beim Erwerbslosen gesetzlicher Regelfall sind. Dieser zweite Teil geht hinter die Mauern. Er fragt nicht, wer stärker kontrolliert wird, sondern etwas Grundsätzlicheres: Was darf der Staat einem Menschen wegnehmen, wenn er gegen Regeln verstößt – und wo zieht er selbst beim Strafgefangenen eine Grenze?

Montag, 5. Oktober 2026

Teil 1: Kontrolle ohne Tat – Warum ein Mörder auf Bewährung mehr Schutz genießt als ein Erwerbsloser

Was du wissen musst – in 30 Sekunden
Wer nach einer schweren Straftat auf Bewährung entlassen wird, darf vom Staat kontrolliert werden – aber nur, wenn ein Gericht es im Einzelfall anordnet, nur zu dem Zweck, weitere Straftaten zu verhindern, und nie in unzumutbarer Weise. Wer Grundsicherung bezieht, hat nichts verbrochen. Trotzdem gilt für ihn dieselbe Art von Kontrolle als gesetzlicher Regelfall: Konto, Vermögen, Vermieter, Partner, Aufenthaltsort, die Betreuung seines Kleinkindes, seine Krankmeldungen und seine psychische Verfassung. Beim Straftäter ist Kontrolle die begründungsbedürftige Ausnahme. Beim Erwerbslosen ist sie die Normalität.

Ein Mann, der einen Menschen getötet hat und nach fünfzehn oder mehr Jahren aus einer lebenslangen Freiheitsstrafe entlassen wird, ist kein freier Mann wie jeder andere. Er steht nach § 57a StGB fünf Jahre unter Bewährung. Der Staat darf ihn kontrollieren. Aber selbst bei ihm zieht das Gesetz Grenzen: Jede Weisung muss einem Zweck dienen, ein Gericht entscheidet darüber, und das Strafgesetzbuch bestimmt ausdrücklich, dass an seine Lebensführung keine unzumutbaren Anforderungen gestellt werden dürfen.

Ein Erwerbsloser hat niemanden getötet. Er hat niemanden beraubt, kein Kind missbraucht, überhaupt keine Straftat begangen. Seine einzige Verfehlung besteht darin, dass er seinen Lebensunterhalt nicht aus eigener Kraft decken kann.

Und genau an diesem Punkt beginnt ein Kontrollapparat, der in Bereiche seines Lebens hineinreicht, die beim entlassenen Schwerverbrecher ohne besonderen Grund unberührt bleiben: sein Konto, sein Vermögen, sein Vermieter, sein Partner, sein Aufenthaltsort, die Betreuung seines Kleinkindes, seine Krankmeldungen und unter Umständen seine Psyche.

Thierry Meyssan: Die historischen Faschisten bereiten ihre Revanche vor

Die Verlierer von 1945 sind wieder da

Was du wissen musst – in 30 Sekunden
Thierry Meyssan warnt davor, dass politische Kräfte mit Wurzeln im Faschismus, Militarismus und radikalen Nationalismus wieder bis in höchste staatliche Positionen vorgedrungen sind. In Japan werden auch verurteilte Kriegsverbrecher geehrt und das Land übernimmt wieder eine stärkere militärische Rolle. In Israel lässt Netanjahu die Geschichte einer früheren bewaffneten nationalistischen Bewegung als Heldengeschichte neu erzählen und will sie in die Schulbücher bringen. In der Ukraine werden Führer des alten radikalen Nationalismus und der Gründer des Asow-Bataillons staatlich geehrt. Meyssans Warnung: Aus politischen Kräften und Ideen, die nach 1945 diskreditiert waren, werden wieder Helden, Vorbilder und Machtfaktoren.

Thierry Meyssan formuliert in seinem Beitrag vom 1. September 2026 eine äußerst harte These. Seine Botschaft lässt sich jedoch einfacher ausdrücken, als es die vielen historischen Namen und Zusammenhänge zunächst vermuten lassen: Nach dem Zweiten Weltkrieg galten Faschismus, aggressiver Militarismus und extreme nationalistische Bewegungen als politisch diskreditiert. Heute, so Meyssan, werden Personen und Bewegungen aus genau dieser Vergangenheit wieder geehrt, ihre Geschichte wird neu erzählt und politische Kräfte, die sich auf diese Traditionen berufen, sitzen wieder an wichtigen Stellen im Staat.

Samstag, 3. Oktober 2026

Bürgergeld ist kein Almosen – es stabilisiert eine ganze Volkswirtschaft

Was du wissen musst – in 30 Sekunden

Der Regelbedarf eines alleinstehenden Erwachsenen beträgt 2026 weiterhin 563 Euro. Dieses Geld verschwindet nicht beim Empfänger – es wird binnen Tagen zu Umsatz, Lohn, Steuer und Sozialbeitrag.

Gechert, Paetz und Villanueva ermitteln für Erhöhungen sozialer Leistungen in Deutschland einen kurzfristigen Multiplikator von rund 1,1; ein IMF-Modell kommt für bedürftigkeitsgeprüfte Transfers an liquiditätsbeschränkte Haushalte sogar auf 1,5. Über indirekte Steuern holt sich der Staat einen erheblichen Teil sofort zurück: Bei den einkommensschwächsten zehn Prozent machen Mehrwert-, Energie- und Verbrauchsteuern rund 23 Prozent des Bruttoeinkommens aus.

Um diesen Geldstrom herum ist ein eigener Apparat gewachsen: 4,7 Milliarden Euro Eingliederungsleistungen und 5,25 Milliarden Euro Verwaltungskosten allein für 2026 – dazu 501.667 Widersprüche und 53.164 Klagen im Jahr 2025.

Und eine Sanktion schafft keinen einzigen Arbeitsplatz. Sie verändert nur, was ein Mensch zu akzeptieren bereit oder gezwungen ist – unter der heutigen Rechtslage notfalls bis zur vollständigen Streichung des Regelbedarfs.

Mittwoch, 30. September 2026

Der bequeme Feind: Wie aus China der neue Sündenbock gemacht wird

Was du wissen musst – in 30 Sekunden

Prof. Fritz Vahrenholt behauptet, China habe den Westen über den Weltklimarat in die Klimapolitik gelockt, während es selbst Kohlekraftwerke baute. Auf X wird daraus binnen Stunden: Die ganze Klimageschichte sei eine chinesische Manipulation. Die Verhandlungsgeschichte zeigt das Gegenteil – China hat in den Klimaverhandlungen jahrzehntelang gebremst, nicht getrieben. Aufgebaut wurde das Klimathema in Washington, London und an der Wall Street – vom Earth Day über Kissinger und Thatcher bis zur Chicagoer Emissionsbörse. Die eigentliche Frage ist eine andere: Wem nützt es, wenn die Verantwortung für westliche Entscheidungen plötzlich in Peking liegt? Der Feind sitzt nicht im Reich der Mitte. Er sitzt dort, wo die Entscheidungen getroffen werden, die uns schaden.

Auf X kursiert derzeit ein Videoausschnitt, der viel über die Art verrät, wie Feindbilder heute entstehen. Nicht über China – sondern über uns.

Samstag, 26. September 2026

Die Reichenflucht, die keine ist

Was du wissen musst – in 30 SekundenLaut einer vorläufigen Prognose von Henley & Partners sollte Deutschland 2025 netto rund 400 Millionäre verlieren, also mehr Wegzüge als Zuzüge. Das Land zählte nach derselben Quelle etwa 780.000 Dollar-Millionäre mit liquidem Vermögen. Das sind rund 0,05 Prozent. Für Großbritannien prognostizierte derselbe Report netto 16.500 von rund 600.000, also 2,75 Prozent und mehr als das Fünfzigfache der deutschen Quote. Die Erzählung von der großen „Reichenflucht“ steht selbst nach den Zahlen ihrer eigenen Quelle in keinem Verhältnis. Und diese Quelle verdient am Erzählen selbst.

Sobald in Berlin über eine höhere Erbschaftsteuer, eine Vermögensteuer oder die Wegzugsbesteuerung diskutiert wird, kommt reflexhaft das immer gleiche Argument: Wenn man die Reichen stärker besteuert, wandern sie eben aus. Das Land verliere dann seine Leistungsträger. Dieses Argument wirkt wie eine ökonomische Naturgesetzlichkeit. Belegt wird es fast nie – meistens reicht die bloße Behauptung, um jede Steuerdebatte im Keim zu ersticken.

Die einzige regelmäßig zitierte Zahl dazu stammt aus dem Private Wealth Migration Report von Henley & Partners, erstellt mit dem Beratungsunternehmen New World Wealth. Für 2025 prognostiziert der Report – auf Basis von Daten aus dem Zeitraum Januar bis Mai, also eine Schätzung, keine Endabrechnung – einen Nettoverlust von rund 400 Millionären für Deutschland. Erstmals seit Beginn der Erhebung soll damit die Zahl der wegziehenden Vermögenden die der zuziehenden übersteigen. Deutschland zählte laut demselben Report zuletzt rund 780.000 Dollar-Millionäre. 400 von 780.000 sind 0,05 Prozent.

Zum Vergleich lohnt der Blick nach Großbritannien: Dort sollen 2025 netto 16.500 Millionäre das Land verlassen, bei einer Gesamtzahl von rund 600.000. Das sind 2,75 Prozent – mehr als das Fünfzigfache der deutschen Quote. Wenn irgendwo eine reale Kapitalflucht stattfindet, dann dort, ausgelöst durch konkrete Steuerreformen nach dem Brexit. Die deutsche Zahl bewegt sich dagegen im Bereich der statistischen Rauschgrenze.


Interessant ist auch, wer diese Zahlen liefert. Henley & Partners verdient sein Geld mit genau dem Geschäft, über das der Report berichtet: Aufenthalts- und Staatsbürgerschaftsprogramme für Vermögende. Ein Narrativ von wachsender Abwanderungsbereitschaft ist für dieses Geschäftsmodell die beste Werbung, die man sich denken kann – unabhängig davon, ob die zugrundeliegende Zahl 400 oder 4.000 lautet. Selbst Branchenkonkurrenten, die öffentlich behaupten, die wahre Zahl liege „um ein Vielfaches höher", verkaufen am Ende dasselbe: Beratung für den Wegzug.

Es geht hier nicht darum, zu bestreiten, dass Vermögende mobiler sind als der Durchschnitt, oder dass Steuerpolitik keine Rolle spielt. Es geht darum, dass eine Zahl von 0,05 Prozent als politisches Druckmittel gegen jede Umverteilungsdebatte instrumentalisiert wird – geliefert von einem Anbieter, der am Erzählen dieser Geschichte unmittelbar verdient.

Mittwoch, 23. September 2026

Network (1976): Wie Hollywood uns die Wirklichkeit vorführte

Was du wissen musst – in 30 Sekunden
1976 lässt der Film "Network" einen Konzernchef seinem außer Kontrolle geratenen Nachrichtensprecher erklären, dass es längst keine Nationen, keine Völker und keine Ideologien mehr gibt – nur noch ein System aus Konzernen, das die Welt nach den eigenen Renditegesetzen ordnet. Was wie Drehbuch-Pathos klingt, fällt in dasselbe Jahrzehnt, in dem der ITT-Putsch in Chile, der Lockheed-Bestechungsskandal und die CIA-Operation gegen Mossadegh im Iran öffentlich wurden. Dasselbe Muster lässt sich bis heute weiterverfolgen – vom geheimen Bombenkrieg in Laos bis zur Rambouillet-Falle, die 1999 den Kosovo-Krieg auslöste. Hollywood hat damals offen ausgesprochen, was die Politik bis heute lieber verschweigt.

Es gibt eine Szene im Film "Network" von 1976, die sechs Minuten dauert und die mehr politische Ökonomie enthält als die meisten Talkshow-Debatten der letzten zwanzig Jahre zusammen. Der Nachrichtensprecher Howard Beale, der gerade live im Fernsehen zusammengebrochen ist und das Publikum zum Aufstand gegen die da oben aufgerufen hat, wird ins Büro des Konzernchefs Arthur Jensen zitiert. Und dort, in einem fast kirchlichen Ton, in abgedunkeltem Licht, erklärt ihm Jensen, wie die Welt wirklich funktioniert: Es gibt keine Nationen mehr, keine Völker, keine Ideologien – es gibt nur noch ein System aus Konzernen, das nach eigenen, zwingenden ökonomischen Gesetzen funktioniert, gleichgültig welche Fahne über welchem Parlament weht. Die politische Landkarte ist für Jensen nur noch eine Verwaltungsfiktion über einem einzigen, globalen ökonomischen Organismus.

Samstag, 19. September 2026

Wer den Arbeitslosen schwächt, senkt seinen eigenen Lohn - Teil 2

Warum ein angeblicher Fachkräftemangel die Löhne nicht erhöht – und warum die Verachtung für den Erwerbslosen ein Eigentor ist

Was du wissen musst – in 30 Sekunden

Seit zwanzig Jahren wird ein Fachkräftemangel ausgerufen. Trotzdem steigen die Löhne nicht dort, wo der Mangel behauptet wird. Das hat einen einfachen Grund: Ein Preis steigt nur, wenn der Anbieter Nein sagen kann. Genau diese Möglichkeit hat das Grundsicherungsrecht abgeräumt – wer ablehnt, riskiert seine Existenzsicherung. Das IAB, das Forschungsinstitut der Bundesagentur selbst, hat nachgewiesen, dass Sanktionierte häufiger schlechter bezahlte Arbeit annehmen. Gestiegen sind die Löhne im unteren Bereich erst, als der Gesetzgeber mit dem Mindestlohn eingriff – nicht durch Knappheit. Und daraus folgt der unbequeme Teil: Wer den Arbeitslosen schwächt, verhandelt seinen eigenen Lohn mit nach unten.

Der Satz fällt in jeder Kantine, unter jedem Zeitungsartikel, in jedem zweiten Kommentarstrang:

Der liegt doch nur in der sozialen Hängematte. Von meinem Geld.

Gesagt wird er selten von Vermögenden. Gesagt wird er meistens von Menschen, die selbst früh aufstehen, unter Druck arbeiten und am Monatsende wenig übrig haben. Es lohnt sich, ihnen einmal genau zu erklären, wem sie mit diesem Satz eigentlich einen Gefallen tun.

Vorher aber eine Frage, die niemand ernsthaft beantwortet.

Donnerstag, 17. September 2026

Verliehen, aufgestockt, aus der Statistik verschwunden - Teil 1

Wie die Agenda 2010 Leiharbeit zum Massenmodell machte – und Widerstand dagegen als Faulheit umdeutete

Was du wissen musst – in 30 Sekunden

Leiharbeit war vor der Agenda 2010 eine eng begrenzte Ausnahme: rund 282.000 Beschäftigte im Januar 2003. Nach der Deregulierung durch Hartz I wuchs die Branche auf zeitweise über 1,08 Millionen Menschen. Hartz IV lieferte den passenden Druck von der anderen Seite: Wer schlechte Löhne, berufsfremde Tätigkeiten und Verleih ablehnt, riskiert seine Existenzsicherung. Sanktionen schaffen aber keine Aufträge – sie verbilligen nur die Arbeitskraft. Wer mindestens 15 Stunden pro Woche arbeitet, gilt nicht mehr als arbeitslos, auch wenn er weiterhin aufstocken muss. Das Unternehmen zahlt einen Teil des Lohns, die Allgemeinheit den Rest. Die Armut ist damit nicht verschwunden – nur ihre Bezeichnung wurde günstiger.

„Ich möchte mich nicht verleihen lassen.“

Dieser Satz genügt heute beinahe schon, um als schwierig, unflexibel oder arbeitsunwillig zu gelten. Dabei beschreibt er zunächst nur eine nachvollziehbare persönliche Grenze:

Ich möchte bei dem Unternehmen angestellt sein, für das ich arbeite. Ich möchte nicht, dass eine dritte Firma meine Arbeitskraft vermietet und an meiner Arbeit mitverdient.

Warum sollte dieser Wunsch verwerflich sein?


Leiharbeit war einmal eine begrenzte Ausnahme

Leiharbeit gab es lange vor der Agenda 2010. Sie war jedoch wesentlich kleiner und stärker reguliert. Unternehmen konnten damit beispielsweise vorübergehende Produktionsspitzen, Krankheitsausfälle oder einen kurzfristigen Bedarf an besonderen Fachkenntnissen abdecken.

Die Vorstellung war jedenfalls nicht, große Teile der regulären Belegschaft dauerhaft durch eine jederzeit austauschbare Randbelegschaft zu ersetzen.

Im Januar 2003 gab es rund 282.000 Leiharbeitnehmer in Deutschland. Nach den Änderungen der Hartz-Gesetze wuchs ihre Zahl stark. Im November 2017 erreichte sie mit etwa 1,08 Millionen Menschen ihren damaligen Höchststand. Die Bundesagentur für Arbeit stellt selbst fest, dass es nach den rechtlichen Änderungen im Rahmen der Hartz-Gesetze zu einer weiteren Expansion der Branche kam.

Die pauschale Behauptung, Leiharbeit sei früher ausnahmslos besser bezahlt worden, lässt sich für die gesamte Branche nicht eindeutig belegen. In bestimmten spezialisierten Bereichen konnte die verlangte Flexibilität allerdings durchaus mit höheren Löhnen vergütet werden. Unbestreitbar ist vor allem: Leiharbeit war vor der Agenda 2010 eine wesentlich kleinere und stärker eingegrenzte Beschäftigungsform.

Freitag, 11. September 2026

Der Hebel wird gebaut – vom Rohstoff Daten zur digitalen Steuerungsinfrastruktur

Was du wissen musst – in 30 Sekunden

Der Bundesrat fordert ein gemeinsames „Datenhausökosystem“ von Bund und Ländern mit Zielbild 2030 – geöffnet auch für Erkenntnisse aus anderen Verwaltungsbereichen. Bayern nutzt mit VeRA bereits Palantir-Software, die getrennte Polizeidatenbanken zusammenführt. Das Bundesverfassungsgericht hat 2023 selbst beschrieben, dass solche Analysen neues Wissen über Menschen erzeugen können. Digitaler Euro und vernetzte Stadtinfrastruktur sind weitere Bausteine. Die entscheidende Frage ist nicht, was diese Systeme heute dürfen – sondern was eine künftige Regierung mit ihnen anfangen könnte.

Was heute technisch vorbereitet wird, kann morgen politisch genutzt werden

Im April 2025 habe ich in meinem Beitrag „Vom BayPsychKHG zum Bundesratsbeschluss: Der erschreckende Weg zur Massenüberwachung psychisch Kranker“ über eine Entwicklung geschrieben, die damals vor allem unter dem Gesichtspunkt psychiatrischer Gesundheitsdaten und polizeilicher Gefahrenabwehr betrachtet wurde. Heute muss man einen Schritt weitergehen.

Denn die entscheidende Frage lautet längst nicht mehr nur: Welche Daten sammelt der Staat heute über wen?

Die viel wichtigere Frage lautet: Welche Infrastruktur wird geschaffen, mit der morgen Millionen bislang getrennter Daten miteinander verbunden, von künstlicher Intelligenz ausgewertet und zur Beurteilung menschlichen Verhaltens genutzt werden können? Genau dort beginnt die eigentliche Dimension des Problems.

Samstag, 22. August 2026

Der gefeierte Befreier: Warum Mileis Erfolg kreditfinanziert ist

Was du wissen musst – in 30 Sekunden

Argentiniens Armutsquote ist gefallen: von 41,7 Prozent bei Mileis Amtsantritt auf 28,2 Prozent im zweiten Halbjahr 2025. Diese Zahl ist echt. Sie misst allerdings vor allem eines: das Verhältnis von Einkommen zu Preisen. Und die Preise wurden nicht durch Produktivität stabilisiert, sondern durch einen künstlich hochgehaltenen Peso, finanziert mit 42 Milliarden Dollar neuer Auslandsschulden und einem Swap des US-Finanzministeriums, dessen Konditionen bis heute niemand kennt. Im selben Zeitraum verschwanden 375.000 reguläre Arbeitsplätze und 27.000 Unternehmen. Wer dieses Modell nach Europa holen will, bietet die Amputation an – ohne die Transfusion, die in Argentinien der eigentliche Wirkstoff war.

Es gibt in der aktuellen Debatte eine Zahl, an der niemand vorbeikommt, der über Argentinien schreibt. Sie lautet 28,2 Prozent. So hoch war die Armutsquote laut der staatlichen Statistikbehörde INDEC im zweiten Halbjahr 2025 – der niedrigste Wert seit sieben Jahren. Bei Mileis Amtsantritt im Dezember 2023 lag sie bei 41,7 Prozent, in den ersten Monaten seiner Schocktherapie stieg sie auf 52,9 Prozent.

Diese Zahl wird derzeit als Beweis geführt: Die Kettensäge wirkt. Der Staat war das Problem. Und da man in Deutschland ohnehin Rufe nach einem "deutschen Milei" hört, ist der Fall damit für viele erledigt.

Ich will die Zahl nicht bestreiten. Ich will erklären, was sie misst.

Montag, 17. August 2026

Straftatbestand mit Messestand – Wie aus einem Verbot eine Regelungsfrage wird

Was du wissen musst – in 30 Sekunden
Leihmutterschaft ist in Deutschland nicht nur unerwünscht, sie ist strafbewehrt: Die Vermittlung ist nach § 13c AdVermiG verboten, die Werbung nach § 13d, beides nach § 14b unter Strafe gestellt – bei gewerbsmäßigem Handeln bis zu drei Jahre. Unabhängig davon stellt § 236 Abs. 2 StGB die entgeltliche Vermittlung mit dem Ziel, dass ein Dritter ein Kind auf Dauer bei sich aufnimmt, unter Strafe. Trotzdem bewirbt die Kinderwunschmesse „Wish for a Baby" – März 2026 in Berlin, Oktober 2026 in Köln – ausdrücklich „Agenturen für Leihmutterschaft", führt „Leihmutterschaft" und „Leihmutterschaftsrecht" als eigene Ausstellerkategorien und kündigt Seminare über internationale Möglichkeiten der Leihmutterschaft samt Gesprächen mit Leihmüttern an. Das ist keine Gesetzeslücke, sondern eine offene Frage der Rechtsdurchsetzung – und im April 2024 hat eine Regierungskommission empfohlen, altruistische Leihmutterschaft zuzulassen. Zuerst wird nicht verfolgt, dann wird die Nichtverfolgung zum Argument für die Freigabe. Wie ein Vorgang aus dem Bereich des Strafbaren herausdefiniert wird, bevor er legalisiert wird, hat Edward Bernays schon 1928 beschrieben.

Über Leihmutterschaft wird in Deutschland geredet, als sei sie eine offene Frage. Sie ist es nicht. Der Gesetzgeber hat entschieden, mehrfach und mit Strafandrohung. Die eigentliche Frage lautet, warum diese Entscheidung folgenlos bleibt – und warum ausgerechnet ihre Folgenlosigkeit inzwischen als Argument dafür dient, sie aufzugeben.