Das Gesundheitsministerium hat fast 790 Millionen Euro hinterlegen müssen, um Zwangsvollstreckungen aus verlorenen Maskenprozessen abzuwenden – finanziert über ein bislang verschwiegenes „Vorschusskonto" bei der Bundesfinanzverwaltung, außerhalb des offiziellen Ministeriumshaushalts. Am 16. September verhandelt der Bundesgerichtshof die ersten vier Fälle, im Hintergrund stehen rund 80 weitere Verfahren mit bis zu 2,3 Milliarden Euro plus Zinsen. Mitten in diese Meldung platzte eine ganz andere Geschichte: Jens Spahn wird Vater, ausgetragen von einer Leihmutter in den USA – und der Mainstream überschlägt sich vor Rührung, während die Maskenmilliarden schon wieder aus den Schlagzeilen verschwunden sind.
Vergangene Woche habe ich eine Grafik gepostet, die zwei Meldungen gegeneinanderstellt, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben sollten: Jens Spahn, der einen Kinderwagen durchs Bild schiebt – und die Nachricht, dass sein früheres Ministerium fast 800 Millionen Euro hinterlegen musste, um Urteile aus verlorenen Maskenprozessen abzuwenden. Mein Kommentar dazu war knapp: Schwangerschaft im Ausland organisiert, Schlagzeilen zu Hause übernommen – und die Maskenmilliarden sind plötzlich wieder Nebensache. Inzwischen liegt ein Bericht des Magazins Capital vor, der die Zahlen konkretisiert. Zeit, beide Stränge zusammenzuführen und klar zu benennen, was hier passiert.
Fast 800 Millionen Euro – bezahlt, bevor überhaupt ein Urteil rechtskräftig ist
Laut einer Antwort des Gesundheitsministeriums an die Grünen-Bundestagsfraktion, die Capital vorliegt, hat das Ministerium bislang die Hinterlegung von Sicherheitsleistungen in Höhe von rund 790 Millionen Euro veranlasst. Zwölf Verfahren aus dem Komplex der Coronamasken-Beschaffung unter dem damaligen Gesundheitsminister Jens Spahn im Frühjahr 2020 sind betroffen. In keinem einzigen dieser Fälle steht eine rechtskräftige Entscheidung fest – trotzdem musste der Staat schon jetzt zahlen, weil er sonst zwangsvollstreckt worden wäre.
Der Grund: Seit Sommer 2024 verliert der Bund vor dem Oberlandesgericht Köln Verfahren um Verfahren, und die Kölner Richter erklären die Urteile wiederholt für vorläufig vollstreckbar. Der Fall eines Lieferanten aus Brandenburg zeigt die Größenordnung: Ende Mai gewann er knapp 220 Millionen Euro für Masken und Schutzausrüstung, dazu mehr als 100 Millionen Euro Zinsen. Laut Urteil hatte Spahn persönlich per Chat Zusagen gegeben, die den eigentlichen Vertragsbedingungen des Open-House-Verfahrens widersprachen. Ein Gesundheitsminister, der außerhalb der Verträge, die sein eigenes Haus aufgesetzt hat, mündliche Zusagen verteilt – und die Rechnung zahlt am Ende der Steuerzahler.
Das Vorschusskonto: Ein Schattenhaushalt, von dem niemand wissen sollte
Entscheidend ist, wie diese knapp 800 Millionen Euro finanziert wurden: nicht über den regulären Haushalt des heute von Nina Warken (CDU) geführten Gesundheitsministeriums, sondern über ein eigenes Konto bei der Bundesfinanzverwaltung, das bis zu dieser Anfrage öffentlich schlicht nicht existierte. Das Ministerium selbst nennt es in der Antwort an die Grünen-Abgeordnete Paula Piechotta ein „Vorschusskonto für Gerichtsverfahren im Zusammenhang mit der Beschaffung von Masken im Zuge der SARS-CoV-2-Pandemie".
Das ist keine Randnotiz, das ist eine Lüge auf Raten. Öffentlich hat das Ministerium immer wieder behauptet, es gebe aus den Maskenklagen praktisch keine finanziellen Belastungen. Gleichzeitig lief im Hintergrund ein separates Konto mit einem dreistelligen Millionenbetrag, das genau diese Belastungen abfedern sollte. Wer so kommuniziert, rechnet nicht mit Transparenz, sondern damit, dass niemand nachfragt.
Die eigentliche Dimension: Bis zu 2,3 Milliarden Euro mehr
790 Millionen Euro sind erst der Anfang. Am 16. September verhandelt der Bundesgerichtshof in letzter Instanz über die ersten vier Fälle aus dem Maskenkomplex – mit absehbarer Signalwirkung für die noch rund 80 laufenden Verfahren von Open-House-Händlern. Dort stehen weitere rund 2,3 Milliarden Euro im Feuer, dazu Verzugszinsen in Milliardenhöhe. Spahn hatte 2020 über verschiedene Einkaufswege für knapp 6 Milliarden Euro Masken beschaffen lassen. Sollte der Bund am Ende überwiegend verlieren, geht es hier nicht mehr um ein Ministerium, das sich verzockt hat, sondern um einen der teuersten Beschaffungsskandale der Bundesrepublik.
Und dann: der Kinderwagen – und der Mainstream überschlägt sich
Fast zeitgleich mit diesen Zahlen dominierte eine völlig andere Geschichte die Schlagzeilen: Jens Spahn und sein Ehemann Daniel Funke sind Eltern geworden, ausgetragen von einer Leihmutter in den USA. Ab da lief die mediale Maschine auf Hochtouren – Homestorys, Glückwünsche, empörte Kommentarspalten zur Doppelmoral eines Mannes, der eine Legalisierung der Leihmutterschaft in Deutschland selbst abgelehnt hatte. Genug Stoff für tagelange Schlagzeilen, Talkshow-Runden und Rücktrittsforderungen aus der eigenen Partei.
Und die 790 Millionen Euro? Weg. Nicht widerlegt, nicht eingeordnet, nicht mehr Thema – einfach verdrängt von einem Foto mit Kinderwagen. Das ist der eigentliche Befund: Es braucht keine Verschwörung und keine gesteuerte PR-Kampagne, damit eine unbequeme Zahl verschwindet. Es reicht eine emotionale Geschichte zur richtigen Zeit, und der Betrieb erledigt den Rest von selbst. Ob bewusst getimt oder nicht – das Ergebnis ist exakt dasselbe: Ein Skandal mit Milliardenvolumen läuft aus der Aufmerksamkeit, während sich alle über einen Kinderwagen unterhalten.
Wer hier tatsächlich unter Druck steht
Über der Personalie Spahn geht komplett unter, wer hier wirklich blutet: mehr als 100 Lieferanten, die seit 2020 auf ihr Geld warten, weil das Ministerium sie unter Verweis auf angebliche Mängel oder Lieferprobleme einfach nicht bezahlt hat. Für einen Konzern ist das eine unangenehme Bilanzposition. Für einen mittelständischen Betrieb, der 2020 auf Zuruf des Ministeriums produziert und geliefert hat, ist ein sechs Jahre dauernder Rechtsstreit um genau diese Summe existenzbedrohend – Kredite, Löhne, Fortbestand des Unternehmens hängen an einer Zahlung, die längst fällig wäre.
Und das ist kein Betriebsunfall, das ist Kalkül. Piechottas Kritik an der Prozessstrategie des Ministeriums trifft den Punkt genau: Die Abwicklung wurde jahrelang verschleppt, mutmaßlich in der Hoffnung, der politische Schaden werde mit der Zeit kleiner. Für die Lieferanten bedeutet diese Verzögerung ganz konkret: Zinsen laufen, Liquidität fehlt, Existenzen stehen auf dem Spiel – und wer wirtschaftlich nicht durchhält, verliert am Ende auch dann, wenn er vor Gericht recht bekommt. Ein verstecktes Vorschusskonto und ein gut getimter Kinderwagen ändern an dieser Schieflage nichts. Sie sorgen nur dafür, dass niemand mehr hinschaut.


