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Dienstag, 3. November 2026

Erst der Zaun, dann der Zwang – Wie man Menschen die Welt wegnimmt und ihnen danach die Arbeit predigt

Was du wissen musst – in 30 Sekunden
Bevor man einem Menschen die Arbeit predigen konnte, musste man ihm erst den Boden unter den Füßen wegziehen. Wer Weide, Wald, Holz und Wasser gemeinsam nutzen durfte, brauchte keinen Lohnherrn. Also wurde eingezäunt, privatisiert, das Leseholz der Armen zum Diebstahl erklärt und für die Enteigneten das Arbeitshaus gebaut. Aus dem Arbeitshaus wurde das Lohnabstandsgebot, aus dem Lohnabstandsgebot das Sanktionsregime. Heute sitzt eine Soziologin der Bundesagentur für Arbeit im YouTube-Studio und erklärt, Arbeit sei ein Grundbedürfnis und das Grundeinkommen ein Mittel, Menschen ruhigzustellen. Ruhiggestellt wurde schon einmal jemand. Mit einem Zaun. Und dieser Beitrag erzählt, wer die Rechnung dafür bis heute bezahlt.

Es gibt Sätze, die man zweimal hören muss, um zu glauben, dass sie wirklich gesagt wurden. Dr. Britta Matthes, Soziologin am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, also an der hauseigenen Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit, sitzt in einem YouTube-Interview über künstliche Intelligenz und wird gefragt, ob wir vielleicht das bedingungslose Grundeinkommen brauchen. Ihre Antwort kommt ohne Zögern:

„Ich bin ein ganz großer Feind von bedingungslosen Grundeinkommen."

Und weil das allein noch zu zahm wäre, schiebt sie nach, das Grundeinkommen sei auch ein schönes Argument, Menschen ruhigzustellen oder ins Abseits zu schieben. Wenig später erfahren wir, Arbeit sei ein Grundbedürfnis des Menschen, und je länger man arbeite, desto länger bleibe man gesund. Man reibt sich die Augen. Da sitzt eine Vertreterin genau jener Institution, die Menschen per Sanktionsbescheid in Leiharbeit, Befristung und Maßnahmekarussell drückt, und erklärt das Grundeinkommen zum Beruhigungsmittel. Als hätte es in der Geschichte der Arbeitsgesellschaft je ein wirksameres Beruhigungsmittel gegeben als die Angst vor dem Jobcenter.

Aber lassen wir Frau Matthes einen Moment sitzen. Sie ist nicht das Thema. Sie ist das Symptom. Das Thema ist eine Frage, die in ihrem Gespräch nicht ein einziges Mal auftaucht, und die auch sonst niemand im deutschen Arbeitsmarktdiskurs stellt: Warum muss der Mensch eigentlich seine Arbeitskraft verkaufen, um zu leben? Wer hat das so eingerichtet? Und wann?

Die Antwort ist kein Naturgesetz. Sie ist ein Zaun.

Am Anfang war die Allmende

Über Jahrhunderte gab es in Europa etwas, das heute so fremd klingt, als stamme es aus einem Märchen: Land, das allen gehörte. Die Allmende. Die Gemeindeweide, auf die jeder seine Kuh treiben durfte. Der Wald, in dem man Brennholz sammelte, Streu für den Stall holte und die Schweine zur Eichelmast trieb. Der Bach, in dem man fischte. Das Ödland, auf dem man Beeren, Pilze und Kräuter fand. Nichts davon war Luxus. Es war die Grundlage des Überlebens für alle, die kein eigenes Land besaßen.

Und genau darin lag ihre politische Sprengkraft. Wer eine Kuh auf die Gemeinweide treiben, Holz aus dem Gemeindewald holen und ein paar Schweine durch den Eichenwald jagen konnte, der war nicht frei im modernen Sinn, aber er war nicht erpressbar. Er musste nicht zum Erstbesten laufen, der ihm einen Hungerlohn anbot. Er konnte Nein sagen. Ein bisschen jedenfalls. Und dieses bisschen Nein war der Herrschaft ein Dorn im Auge.

In England wurde dieses Recht sogar schriftlich verbrieft. 1217, zwei Jahre nach der Magna Carta, erließ die Krone die Charter of the Forest, die Waldcharta. Sie garantierte den einfachen Leuten das Recht auf Holz, Weide und Waldnutzung. Die Magna Carta kennt jedes Schulkind. Von der Waldcharta hat kaum jemand gehört. Das ist kein Zufall. Die eine schützte die Barone vor dem König. Die andere schützte die Armen vor den Baronen. Raten Sie, welche von beiden die Geschichtsbücher für erinnerungswürdig hielten.

Die Schafe fressen die Menschen

Dann kamen die Zäune. Ab dem 15. Jahrhundert begannen englische Grundherren, das Gemeindeland einzuhegen. Die Enclosures. Weide, auf der eben noch das Vieh des ganzen Dorfes stand, wurde mit Hecken und Gräben abgeriegelt und zur Schafweide für den lukrativen Wollhandel gemacht. Die Dorfbewohner, die dort seit Generationen ihr Auskommen hatten, standen von einem Tag auf den anderen vor dem Nichts.

Thomas Morus hat das 1516 in seiner „Utopia" mit einem Bild festgehalten, das man nicht mehr vergisst. Sinngemäß schrieb er: Eure Schafe, sonst so sanft und genügsam, sind so gefräßig und wild geworden, dass sie sogar Menschen fressen. Ganze Felder, Häuser und Dörfer verwüsten sie. Das war keine Satire. Das war Berichterstattung.

Und was geschah mit den Menschen, die die Schafe gefressen hatten? Sie zogen auf die Landstraße. Sie bettelten. Sie stahlen. Und der Staat reagierte, wie er immer reagiert, wenn er selbst die Not geschaffen hat: mit Strafe. Unter den Tudors wurden „Vagabunden" ausgepeitscht, gebrandmarkt, im Wiederholungsfall auch gehängt. Der Mensch, dem man das Land genommen hatte, wurde zum Kriminellen erklärt, weil er kein Land mehr hatte. Man nahm ihm erst die Lebensgrundlage und bestrafte ihn danach für die Folgen.

Wer das für mittelalterliche Barbarei hält, möge sich die heutige Sanktionsstatistik ansehen. Das Prinzip ist geblieben. Nur die Peitsche ist aus Papier.

Blut- und schmutztriefend

Karl Marx hat diesem Vorgang im ersten Band des „Kapital" ein eigenes Kapitel gewidmet und ihm einen Namen gegeben: die ursprüngliche Akkumulation. Das Märchen der Ökonomen erzählt, am Anfang des Kapitalismus hätten fleißige, sparsame Menschen gestanden, die ihr Geld klug angelegt hätten, und faule Menschen, die alles verprasst hätten. Die Fleißigen wurden Unternehmer, die Faulen Arbeiter. So einfach. So sauber. So gelogen.

Marx hat die Geschichte nachgelesen, statt sie sich auszudenken. Und er fand keine Sparsamkeit, sondern Raub. Einhegung, Vertreibung, Kolonialplünderung, Blutgesetzgebung gegen die Enteigneten. Sein Fazit gehört zu den schärfsten Sätzen der ökonomischen Literatur:

„Wenn das Geld, nach Augier, ‚mit natürlichen Blutflecken auf einer Backe zur Welt kommt', so das Kapital von Kopf bis Zeh, aus allen Poren, blut- und schmutztriefend."

Der Lohnarbeiter, der heute als Normalfall des menschlichen Daseins gilt, ist kein Naturprodukt. Er wurde hergestellt. Und zwar nicht in der Fabrik, sondern vorher, auf dem Acker, mit dem Zaunpfahl. Erst als der Mensch nichts mehr hatte außer seinen zwei Händen, war er bereit, sie zu vermieten. Die „Freiheit" des Lohnarbeiters ist eine doppelte: frei von Leibeigenschaft, gewiss. Aber eben auch frei von allem, wovon er sonst hätte leben können.

Das Leseholz der Armen

Wer glaubt, das sei eine englische Geschichte, irrt. In Deutschland lief dieselbe Enteignung, nur langsamer und mit preußischer Gründlichkeit. Die sogenannte Bauernbefreiung des frühen 19. Jahrhunderts hatte einen Haken, über den der Geschichtsunterricht gern hinweggeht: Die Bauern mussten sich ihre Freiheit bezahlen, und zwar häufig mit Land. Oft ein Drittel, manchmal die Hälfte ihrer Höfe wanderte an die Gutsherren. Und mit der preußischen Gemeinheitsteilungsordnung von 1821 wurde dann systematisch aufgeteilt, was bis dahin allen gehört hatte. Die Allmende wurde parzelliert, verkauft, den Größeren zugeschlagen. Die Kleinen bekamen ein Handtuch Land oder gar nichts.

Und dann kam das Holz. Über Jahrhunderte war es Gewohnheitsrecht der Armen gewesen, im Wald das herabgefallene Holz aufzusammeln. Leseholz. Totes Holz, das niemandem nützte und das der Waldbesitzer nie vermisste. Für eine arme Familie entschied es im Winter über Wärme oder Frost. Der Rheinische Landtag beriet 1842 ein Gesetz, das genau dieses Sammeln als Diebstahl verfolgen sollte. Ein junger Redakteur der Rheinischen Zeitung namens Karl Marx schrieb dagegen an. Er verteidigte das Gewohnheitsrecht der Armen gegen das Eigentumsrecht der Waldbesitzer und zeigte, wie das Gesetz den Staat zum Büttel der Grundeigentümer machte. Das Holz, das am Boden lag, wurde Eigentum. Der Mensch, der es aufhob, wurde Dieb.

Man muss sich das in seiner ganzen Ungeheuerlichkeit klarmachen. Was gestern noch das Recht der Ärmsten war, wurde per Gesetz zur Straftat umdefiniert. Nicht, weil sich an der Handlung etwas geändert hätte. Die Frau, die 1841 Reisig sammelte, tat exakt dasselbe wie die Frau, die es 1843 tat. Geändert hatte sich nur, wem der Wald gehören sollte. Merken Sie sich dieses Muster. Wir werden ihm wieder begegnen.

Das Arbeitshaus – die Geburtsstunde des Lohnabstandsgebots

Die Enteigneten waren nun da. Millionen Menschen ohne Land, ohne Gemeindewald, ohne Leseholz. Und was tut ein Staat mit Menschen, denen er die Lebensgrundlage genommen hat? Er baut ihnen ein Haus. Aber kein Wohnhaus. Ein Arbeitshaus.

1834 verabschiedete das britische Parlament den Poor Law Amendment Act, das neue Armengesetz. Sein Herzstück war ein Prinzip, das man in jedem deutschen Sozialrechtsseminar kennen sollte, weil es bis heute in unseren Gesetzen spukt: less eligibility. Die Lage des Unterstützten muss schlechter sein als die des schlechtestbezahlten freien Arbeiters. Nicht gleich schlecht. Schlechter. Unterstützung gab es nur noch im Arbeitshaus. Familien wurden getrennt, Männer, Frauen und Kinder in verschiedene Trakte gesperrt. Es gab Anstaltskleidung, stumpfe Arbeit, karges Essen. Das Arbeitshaus sollte nicht helfen. Es sollte abschrecken. Wer dort landete, sollte jede noch so elende Lohnarbeit draußen als Erlösung empfinden.

Charles Dickens hat es 1838 in „Oliver Twist" literarisch verewigt, den Jungen, der um einen zweiten Löffel Brei bittet und dafür behandelt wird wie ein Aufrührer. Das Publikum weinte. Das Gesetz blieb.

Der Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi hat 1944 in „The Great Transformation" beschrieben, was hier eigentlich geschah. Damit der Markt funktionieren konnte, mussten Dinge zu Waren gemacht werden, die von Natur aus keine Waren sind: der Boden, das Geld und der Mensch selbst. Polanyi nannte sie fiktive Waren. Der Mensch wird nicht als Ware geboren. Er wird dazu gemacht. Erst nimmt man ihm das Land. Dann nimmt man ihm die Armenunterstützung. Dann bleibt ihm nur noch der Arbeitsmarkt. Das nennt sich dann Freiheit.

Und jetzt lesen Sie das Prinzip der less eligibility noch einmal und denken Sie an das deutsche Lohnabstandsgebot. An die Debatte, die jedes Jahr wiederkehrt, sobald der Regelsatz um ein paar Euro steigt: Das Bürgergeld dürfe sich nicht lohnen, der Abstand zum Niedriglohn müsse gewahrt bleiben. Das ist kein neuer Gedanke. Das ist das Arbeitshaus von 1834 in der Sprache des 21. Jahrhunderts. Man hat nur die Mauern abgerissen und sie durch Bescheide ersetzt.

Die Tragödie, die keine war

Natürlich brauchte die Enteignung auch eine Rechtfertigung. Und die lieferte 1968 ein amerikanischer Biologe namens Garrett Hardin mit einem Aufsatz in der Zeitschrift „Science": „The Tragedy of the Commons", die Tragik der Allmende. Seine These: Gemeinschaftliches Eigentum führe zwangsläufig zur Übernutzung. Jeder Hirte treibe so viele Tiere wie möglich auf die gemeinsame Weide, bis sie ruiniert sei. Die Lösung: Privatisierung oder staatliche Kontrolle. Der Aufsatz wurde zu einem der meistzitierten der Wissenschaftsgeschichte. Er war das perfekte Alibi. Die Enteignung war nicht Raub, sie war Rettung. Die Armen hätten die Allmende sonst ohnehin zerstört.

Das Problem: Es stimmte nicht. Die Politikwissenschaftlerin Elinor Ostrom hat über Jahrzehnte reale Gemeingüter auf der ganzen Welt untersucht, Almen in der Schweiz, Bewässerungssysteme in Spanien, Fischgründe in der Türkei, Wälder in Japan. Ihr Befund: Gemeingüter funktionieren, über Jahrhunderte, wenn die Nutzer sie selbst verwalten und eigene Regeln aufstellen. Die Schweizer Allmenden existieren teilweise seit dem Mittelalter. Ostrom erhielt dafür 2009 als erste Frau den Wirtschaftsnobelpreis. Hardins Tragödie war keine Naturgesetzlichkeit. Sie war ein Gedankenexperiment, das die Wirklichkeit nie gefragt hat.

Aber das Gedankenexperiment hatte schon gewirkt. Es hatte jahrzehntelang Privatisierungen legitimiert, in der Dritten Welt wie in Europa. Und die Widerlegung kam, wie immer, wenn der Schaden angerichtet ist.

Die Frauen zuerst

Eine Geschichte der Einhegung wäre unvollständig ohne das, was die italienisch-amerikanische Historikerin Silvia Federici in „Caliban und die Hexe" herausgearbeitet hat. Die Allmende war nicht nur Weide und Wald. Sie war auch der Raum, in dem Frauen wirtschaftlich unabhängig sein konnten: Sie hüteten das Vieh, sammelten Kräuter, tauschten untereinander, heilten. Mit dem Zaun verloren sie diesen Raum. Und sie verloren noch mehr. Federici zeigt, wie in derselben Epoche, in der das Land eingehegt wurde, auch der Körper der Frau eingehegt wurde, zur Gebärmaschine für den Nachschub an Arbeitskräften, zur unbezahlten Hausarbeiterin, die den Lohnarbeiter versorgt. Die Hexenverfolgung traf auffällig oft genau die Frauen, die altes Wissen hatten und sich nicht fügten.

Das ist die Wurzel dessen, was ich in „Die Arbeitsfalle" als die unsichtbare Reproduktionsarbeit beschrieben habe. Die Frau, die heute ihr Kind in die Kita geben muss, weil das Jobcenter sonst kürzt, steht am vorläufigen Ende einer Linie, die mit dem Zaun um die Gemeindeweide begann.

Vom Arbeitshaus zum Jobcenter

Springen wir in die Gegenwart. Seit dem 1. Juli 2026 heißt das Bürgergeld wieder Grundsicherung, und das Gesetz hat die Logik des Arbeitshauses so konsequent zu Ende gedacht wie lange nicht. Bei einer Pflichtverletzung wird der Regelbedarf sofort um 30 Prozent gekürzt, für drei Monate. Wer dreimal einen Meldetermin versäumt, gilt als nicht erreichbar und verliert die Leistung komplett. Und es gilt wieder der Vermittlungsvorrang: Die sofortige Aufnahme irgendeiner Arbeit geht vor Weiterbildung und Qualifizierung. Irgendeine Arbeit. Hauptsache Arbeit. Der Mensch wird nicht qualifiziert, er wird verfügbar gemacht.

Das Muster vom Leseholz kehrt zurück. Was gestern ein verpasster Termin war, ist heute ein Tatbestand mit existenzvernichtender Rechtsfolge. Die Handlung ist dieselbe geblieben. Nur ihre Bewertung wurde umgeschrieben, von denen, denen der Wald gehört.

Und jetzt der Teil, der das Ganze vollends absurd macht. Ausgerechnet das IAB, das Institut, an dem Frau Matthes forscht, hat die Wirkung dieser Sanktionen untersucht. Der IAB-Forscher Markus Wolf fand heraus: Sanktionen erhöhen zwar kurzfristig die Wahrscheinlichkeit, einen Job anzunehmen, unter dem Strich aber verschlechtern sie Beschäftigungsstabilität und Einkommen. Die Sanktionierten landen in schlechteren, kürzeren, schlechter bezahlten Jobs. Eine andere IAB-Studie zeigte schon 2016, dass Geringqualifizierte ohne erkennbaren sachlichen Grund häufiger sanktioniert werden als besser Qualifizierte, weil ihnen das Wissen fehlt, sich im Behördendschungel zu wehren. Und der IAB-Direktor Bernd Fitzenberger selbst zog den Schluss:

„Eine verstärkte Sanktionierung ist kein Allheilmittel, um Beschäftigungsaufnahmen sicherzustellen."

Die Bundesagentur für Arbeit bezahlt sich also eine eigene Forschungsabteilung, die ihr bescheinigt, dass der Zwang nicht funktioniert. Und die Politik macht den Zwang trotzdem härter. Wer da noch glaubt, es gehe um Wirksamkeit, dem ist nicht mehr zu helfen. Es geht nicht darum, Arbeitslose in gute Arbeit zu bringen. Es geht darum, ein Exempel zu statuieren, damit die anderen, die noch Arbeit haben, sehen, was ihnen blüht. Das Arbeitshaus von 1834 war auch nie für die gebaut, die drinnen saßen. Es war für die gebaut, die draußen vorbeigingen.

Die Hofsoziologin

Und damit zurück zu Frau Matthes. Man muss ihr zugutehalten, dass sie an einer Stelle ehrlicher ist als die Schlagzeilen über ihr eigenes Werkzeug, den sogenannten Job-Futuromat. Sie räumt ein, dass „automatisierbar" nicht „ersetzt" heißt und dass die Zahlen eine theoretische Obergrenze sind. Geschenkt. Aber man sollte sich ansehen, wie dieses Werkzeug funktioniert. Die Steuerfachangestellten galten bis 2022 laut Futuromat als zu 100 Prozent automatisierbar. Heute sind es nur noch 50 Prozent. Warum? Weil die Ausbildungsordnung umgeschrieben wurde. Nicht die Arbeit hat sich verändert, sondern das Formular, das sie beschreibt. Das ist die Präzision, mit der hier über die Zukunft von Millionen Menschen geurteilt wird.

Dann der Satz vom Grundbedürfnis. Arbeit sei ein Grundbedürfnis, und je länger man arbeite, desto länger bleibe man gesund. Jeder Epidemiologe kennt diesen Fehlschluss. Er heißt Healthy-Worker-Effekt. Nicht die Arbeit hält gesund, sondern nur die Gesunden können weiterarbeiten. Wer krank wird, fällt heraus und verschwindet aus der Statistik der Arbeitenden. So wird aus der Selektion eine Kausalität, und aus der Kausalität eine Moral. Und dann wird aus Tätigkeit, die tatsächlich ein menschliches Bedürfnis ist, stillschweigend Erwerbsarbeit unter Zwang gemacht. Als hätten die Menschen auf der Allmende nicht gearbeitet. Sie haben gearbeitet, hart sogar. Aber für sich, für ihre Familie, für ihr Dorf. Nicht für einen Herrn, der ihnen vorher das Land genommen hatte.

Übrigens weiß das IAB auch, was die Beschäftigten selbst wollen. Nach eigenen Erhebungen des Instituts wollten 2021 49 Prozent der vollzeitbeschäftigten Frauen und 58 Prozent der Männer weniger arbeiten. Das ist mehr als die Hälfte. Grundbedürfnis Arbeit? Offenbar ein Grundbedürfnis, das die Hälfte der Betroffenen gern reduzieren würde. Aber das passt nicht ins Programm. Also deutet man es weg, redet von „Ausdifferenzierung" und individuellen Arbeitszeitmodellen, damit nur niemand auf die Idee kommt, die Verteilungsfrage zu stellen.

Und dann das Grundeinkommen als Mittel, Menschen ruhigzustellen. Frau Matthes, ruhiggestellt wurde schon einmal jemand. Die Dorfbevölkerung von England, mit Hecke und Graben. Die Bauern in Preußen, mit der Gemeinheitsteilung. Die Armen im Rheinland, mit dem Holzdiebstahlsgesetz. Die Enteigneten von 1834, mit dem Arbeitshaus. Und die Erwerbslosen von heute, mit dem Sanktionsbescheid. Die Allmende hat niemanden ruhiggestellt. Sie hat Menschen unabhängig gemacht. Ruhiggestellt hat der Zaun.

Man muss Frau Matthes nicht für dumm halten. Sie ist es nicht. Sie spricht nur von einem Ort aus, von dem aus diese Geschichte nicht erzählt werden kann. Wer im Forschungsinstitut der Bundesagentur für Arbeit arbeitet, kann nicht sagen, dass die Bundesagentur für Arbeit das Arbeitshaus des 21. Jahrhunderts ist. Helmut Schelsky hätte für sie einen Platz in seiner Priesterschaft der Sinnproduzenten gefunden. Wer die Ordnung deutet, von der er lebt, wird sie selten als Unrecht erkennen. Über diese Klasse habe ich schon am Beispiel der Wirtschaftsweisen geschrieben: Arbeit als Herrschaftsinstrument – Monika Schnitzer und die Priester der Wirtschaftsweisheit.

Wer ist hier eigentlich der Schuldner?

Jetzt kommt der Punkt, an dem sich die ganze Debatte umdreht. Seit zwanzig Jahren hört man denselben Satz: Die Leistungsbezieher lebten auf Kosten der Steuerzahler. Sie seien Schuldner der Gesellschaft. Sie müssten etwas zurückgeben. Mitwirkung, Gegenleistung, Wohlverhalten.

Aber wenn man die Geschichte des Zauns kennt, stimmt diese Rechnung nicht mehr. Wer hat hier eigentlich wem etwas genommen? Die Menschen, die heute ohne Land, ohne Gemeinwald, ohne jede Möglichkeit der Selbstversorgung dastehen, haben diese Lage nicht gewählt. Ihre Vorfahren wurden enteignet, damit andere Eigentum bilden konnten. Sie sind nicht die Schuldner. Sie sind die Gläubiger. Das habe ich in „Die eingezäunte Freiheit" begonnen, und hier schließt sich der Kreis.

Das ist übrigens keine neue Idee. Thomas Paine, einer der Gründerväter der amerikanischen Unabhängigkeit, schlug 1797 in seiner Schrift „Agrarian Justice" einen nationalen Fonds vor. Jeder Mensch sollte mit 21 Jahren eine einmalige Summe erhalten und ab 50 eine jährliche Rente, ausdrücklich als teilweise Entschädigung für den Verlust seines natürlichen Erbes durch die Einführung des privaten Grundeigentums. Paine forderte kein Almosen. Er forderte eine Entschädigung. Die Grundeigentümer sollten zahlen, weil sie das gemeinsame Erbe der Menschheit an sich gezogen hatten.

Das ist die eigentliche Herkunft des Grundeinkommens. Nicht das Ruhigstellen. Sondern die Wiedergutmachung. Das Existenzminimum ist kein Gnadenbrot, das der Staat großzügig verteilt und jederzeit kürzen darf, wenn jemand einen Termin verpasst. Es ist die Restschuld für eine Enteignung, die nie zurückgezahlt wurde. Wer sie kürzt, nimmt den Enteigneten noch einmal etwas weg. Zum zweiten Mal.

Der Einwand, der garantiert kommt

Ich höre schon die Stimmen der Ökonomen. Die Einhegungen hätten die landwirtschaftliche Produktivität enorm gesteigert, die Allmende sei ineffizient gewesen, ohne die Agrarrevolution hätte es keine Industrialisierung gegeben, und ohne Industrialisierung keinen Wohlstand. Und Wirtschaftshistoriker streiten bis heute darüber, wie groß das Ausmaß der Einhegungen wirklich war.

Mag alles sein. Aber es trifft den Punkt nicht. Ja, die Produktivität stieg. Für wen? Für die neuen Eigentümer. Der Ertrag der eingezäunten Weide floss in die Taschen derer, die den Zaun gezogen hatten, nicht derer, die vorher davon gelebt hatten. Und heute ist die Produktivität um ein Vielfaches höher als zu Paines Zeiten. Wir produzieren mehr, als wir verbrauchen können, wir produzieren für die Müllhalde, wir erfinden Arbeit, damit gearbeitet wird. Wenn der Fortschritt der Einhegung irgendetwas gerechtfertigt hätte, dann wäre heute längst genug da, um den Enteigneten ihre Restschuld auszuzahlen. Das Argument der Produktivität spricht nicht gegen die Entschädigung. Es spricht für sie.


Fazit: Der Zaun steht noch

Man hat uns erzählt, die Arbeitsgesellschaft sei das natürliche Ergebnis menschlichen Fleißes. Sie ist es nicht. Sie ist das Ergebnis eines Zauns. Erst wurde den Menschen die Welt weggenommen, die Weide, der Wald, das Holz, das Wasser. Dann wurde ihnen die Arbeit als einziger Ausweg präsentiert. Und dann wurde ihnen eingeredet, diese Arbeit sei ihr Grundbedürfnis, ihre Würde, ihr Sinn.

Napoleon hat es ohne Umschweife gesagt: Je mehr meine Völker arbeiten, umso weniger Laster wird es geben. Heute sagt man es höflicher. Man spricht von Aktivierung, Mitwirkung, Vermittlungsvorrang. Man lässt Soziologinnen erklären, dass das Grundeinkommen die Menschen ruhigstelle. Aber der Mechanismus ist derselbe wie vor fünfhundert Jahren. Erst nimmt man den Menschen die Möglichkeit, Nein zu sagen. Dann nennt man ihr erzwungenes Ja Freiheit.

Der Zaun um die Allmende wurde nie abgerissen. Er wurde nur unsichtbar gemacht. Heute besteht er aus Paragrafen, Meldeterminen, Eingliederungsvereinbarungen und Sanktionsbescheiden. Und wer ihn benennt, gilt als Träumer, als Sozialromantiker, als jemand, der von der Wirklichkeit keine Ahnung hat.

Die Wirklichkeit ist ganz einfach. Wer nichts mehr hat, muss alles annehmen. Und genau dafür wurde ihm alles genommen.

Weiterlesen:
Die eingezäunte Freiheit
Die heilige Allianz der Arbeit
Zwang als Sozialpolitik – eine Antwort auf sechs Nicht-Argumente
Wenn ein Professor Zwangsarbeit fordert und der Bundestag zuhört
Die Arbeitsfalle: Wie der Arbeitsfetisch unsere Gesellschaft gefangen hält

Quellen und Literatur:
Thomas Morus: Utopia (1516)
Karl Marx: Debatten über das Holzdiebstahlsgesetz, Rheinische Zeitung (1842)
Karl Marx: Das Kapital, Bd. 1, Kap. 24 „Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation" (1867)
Thomas Paine: Agrarian Justice (1797)
Charter of the Forest (1217); Peter Linebaugh: The Magna Carta Manifesto (2008)
Poor Law Amendment Act (1834); Charles Dickens: Oliver Twist (1838)
Karl Polanyi: The Great Transformation (1944)
Garrett Hardin: The Tragedy of the Commons, Science (1968)
Elinor Ostrom: Governing the Commons (1990), Wirtschaftsnobelpreis 2009
Silvia Federici: Caliban und die Hexe (2004)
Böckler Impuls: Arbeitslose: Schädliche Sanktionen (zur IAB-Studie von Markus Wolf)
gegen-hartz.de: Studie zeigt: Bürgergeld-Sanktionen bringen nicht mehr Jobaufnahmen (IAB, Fitzenberger)
Deutsche Wirtschafts Nachrichten: IAB-Studie zu Arbeitszeitwünschen (2023)
Börse Express: Grundsicherung ab Juli: Neue Regeln für Millionen Bezieher

Marigny de Grilleau

Sonntag, 1. November 2026

Das Rückgrat, das sich tragen lässt – Kurze Geschichte des Unternehmer-Mythos

Was du wissen musst – in 30 Sekunden

„Ohne Unternehmer keine Unternehmen und keine Arbeitsplätze“ – so lautet das Mantra, das ein YouTuber mir in einer Kommentardebatte entgegenhielt. Die Menschheit hat aber Zehntausende Jahre ohne den Unternehmer als eigene Figur gewirtschaftet. Zum Helden wurde er erst vor gut hundert Jahren. Die großen Erfindungen kamen überwiegend von angestellten Forschern und aus öffentlich finanzierten Laboren, die Verbesserungen in der Produktion von denen, die an der Maschine stehen. Das Patentrecht, angeblich zum Schutz des Erfinders geschaffen, sicherte von Anfang an vor allem den ab, der das Kapital hatte, und bis heute fällt die Erfindung des Angestellten von Gesetzes wegen dem Arbeitgeber zu. Die ökonomische Macht kauft sich die Intelligenz ein, die sie braucht, und schreibt sich das Ergebnis als eigene Größe zu. Erfunden hat im Großen und Ganzen der kleine Michel. Am Ende der Debatte stand keine Antwort, sondern eine Blockade.

Es fing mit einem Kommentar an. Mounir Jaber, der sich selbst als Sprachphilosoph bezeichnet, hatte in einem Video über Unternehmertum und künstliche Intelligenz das Unternehmertum zu einer Art höheren Form menschlicher Intelligenz, Verantwortung und gesellschaftlicher Kompetenz erhoben. Dazu kam die These, die KI werde wirtschaftliche Macht gleichsam von selbst abschaffen. Ich habe darunter gefragt, seit wann eine Gewerbeanmeldung ein Intelligenznachweis ist und wem eigentlich die Rechenzentren, die Chipfabriken und die Plattformen gehören. Jaber antwortete selbst, und zwar mit dem Satz, der seit Jahrzehnten jede Debatte über Verteilung beenden soll:

„Ohne Unternehmer gibt es keine Unternehmen. Ganz einfach und somit dann auch keine Arbeitsplätze.“

Ganz einfach ist daran gar nichts. Der Satz ist eine Tautologie, die sich als Naturgesetz verkleidet. Und er ist der Grundstein eines Mythos, den man mir seit Jahren in immer neuen Varianten vorsetzt.

Das Mantra von den starken Schultern

Man kennt die Litanei. Der Mittelstand ist das Rückgrat der Gesellschaft. Die Unternehmer tragen die Last auf ihren starken Schultern. Sie schaffen die Arbeitsplätze, sie erwirtschaften den Wohlstand, sie gehen das Risiko ein, und alle anderen leben irgendwie davon. Wer das hinterfragt, gilt als neidisch, als ahnungslos oder als jemand, der nie „etwas aufgebaut“ hat.

Ich kann es bald nicht mehr hören. Denn schon die einfachste Gegenprobe zerlegt das Bild. Ohne Arbeitnehmer gibt es keine Produktion. Ohne Kunden gibt es keinen Umsatz. Ohne Schulen, Straßen, Stromnetze, Gerichte und Rechtsstaat gibt es überhaupt keinen Markt, auf dem irgendein Unternehmer irgendetwas verkaufen könnte. Arbeitsplätze entstehen nicht, weil jemand ein Gewerbe anmeldet. Sie entstehen, weil es Nachfrage gibt, und diese Nachfrage kommt zum allergrößten Teil von den Lohnabhängigen. Auch die angeblich so starken Schultern sind bei Lichte betrachtet schmaler als behauptet: Die mit Abstand größten Steuerquellen dieses Landes sind seit Jahren die Lohnsteuer und die Umsatzsteuer. Beide zahlt im Wesentlichen die arbeitende Bevölkerung, die eine bei jeder Lohnabrechnung, die andere bei jedem Einkauf.

Zehntausend Jahre ohne Unternehmer

Noch grundsätzlicher wird es, wenn man den Blick in die Geschichte richtet. Die Menschheit hat Zehntausende Jahre gewirtschaftet, gebaut, produziert und verteilt, ohne dass es den Unternehmer als eigene Figur gab.

In indigenen Gesellschaften wurde Arbeit über Verwandtschaft, Gegenseitigkeit und Gabentausch organisiert. Marcel Mauss hat das 1925 in seinem „Essai sur le don“ beschrieben. Niemand „gab“ dort Arbeitsplätze. Die Gemeinschaft regelte, wer jagt, wer sammelt und wer verteilt, und sie hat damit über Jahrtausende überlebt.

Die Antike kannte Händler und Großgrundbesitzer, aber sie hat sie nicht verehrt. Cicero hält in „De officiis“ den Kleinhandel für eines freien Mannes unwürdig. In Rom verbot die Lex Claudia von 218 v. Chr. den Senatoren, große Handelsschiffe zu besitzen. Wer herrschen wollte, sollte gerade nicht Geschäftsmann sein. Die eigentliche Arbeit machten Bauern, Handwerker und Sklaven.

Im Mittelalter regelten die Zünfte Preise, Qualität und den Zugang zum Handwerk. Die Allmende wurde gemeinsam genutzt, die Klöster wirtschafteten kollektiv, und es galt das kirchliche Zinsverbot. Gewinnstreben war eher verdächtig als bewundernswert. Wie die Allmende später eingezäunt wurde und was das mit unserer heutigen Grundsicherung zu tun hat, habe ich in der Reihe „Die eingezäunte Freiheit“ beschrieben.

Selbst die Amischen, die man gern als Gegenbeispiel bemüht, taugen nicht zum Beleg für den Mythos. Viele von ihnen führen durchaus kleine Familienbetriebe, in der Landwirtschaft, im Möbel- und im Bauhandwerk. Aber bei ihnen steht die Gemeinde über dem Betrieb. Statt kommerzieller Versicherung gibt es gegenseitige Hilfe, die Scheune wird gemeinsam aufgerichtet, und wer sich selbst herausstellt, gilt als hochmütig. Die Wirtschaft ist dort, wie Karl Polanyi es genannt hat, in die Gesellschaft eingebettet und nicht über sie gestellt.

Polanyi hat in „The Great Transformation“ von 1944 gezeigt, dass die Marktgesellschaft, in der die Wirtschaft die Gesellschaft beherrscht, in der Menschheitsgeschichte die Ausnahme ist und nicht die Regel. Die Tätigkeit, Arbeit zu organisieren, ist uralt. Sie wurde von Gemeinschaften, Zünften, Klöstern und Familien ausgeübt. Neu ist allein, dass man sie an Kapitaleigentum knüpft und daraus eine überlegene Menschenklasse macht.

Wie der Unternehmer zum Helden wurde

Der Unternehmer als ökonomischer Begriff taucht erst bei Richard Cantillon auf, in seinem um 1730 geschriebenen und 1755 erschienenen „Essai sur la nature du commerce en général“. Bei Cantillon ist der „entrepreneur“ allerdings noch nüchtern gedacht: jemand, der zu festen Preisen einkauft und zu unsicheren Preisen verkauft, also ein Risikoträger, kein Genie.

Zum Helden macht ihn erst Joseph Schumpeter 1911 mit seiner „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“. Dort tritt er als schöpferischer Zerstörer auf, als der eine, der gegen alle Widerstände Neues durchsetzt, während die Masse im Gewohnten verharrt. Ayn Rand treibt das 1957 in „Atlas Shrugged“ auf die Spitze. Dort treten die Unternehmer in den Streik, und die Welt bricht zusammen, weil die Tüchtigen ihre Last nicht mehr tragen. Von da führt eine gerade Linie zum Gründerkult des Silicon Valley, zu den Hoodie-Propheten auf der Bühne und zu den YouTube-Videos, die ihnen applaudieren.

Das sind gut hundert Jahre Ideologiegeschichte. Eine anthropologische Konstante ist es nicht. Und Rands Gedankenexperiment lässt sich jederzeit an der Wirklichkeit prüfen. Wenn die Lokführer streiken, steht das Land nach Stunden still. Wenn die Pflegekräfte die Arbeit niederlegen, merkt man es auf jeder Station sofort. Wenn dagegen ein Vorstand drei Wochen im Urlaub ist, merkt es im Betrieb kaum jemand. Ich habe diese Gegenprobe in „Die Arbeit tun die anderen“ an der Putzfrau und dem Hedgefonds-Manager ausführlich durchgespielt.

Der Taschenspielertrick: Aus dem Unternehmer wird der Erfinder

Als ich Jaber das historische Argument entgegenhielt, kam eine bemerkenswerte Wendung:

„Ich bin Sprachphilosoph. Unternehmer ist für mich ein austauschbarer Begriff. Ganz gleich in welcher Zeit in der Menschheitsgeschichte wir uns befinden, so oder so waren wir darauf angewiesen, dass irgendwer dank seines Erfinderreichtums auf Ideen kam, die dazu beitrugen, dass wir uns als Gesellschaft weiterentwickelt haben.“

Für einen Sprachphilosophen ist das ein erstaunlicher Satz. Denn genau diese Gleichsetzung ist der Kern der Ideologie, um die es geht. Wer den Unternehmer mit dem Erfinder, dem Tüftler, dem mutigen Innovator gleichsetzt, hat die Überhöhung bereits vollzogen. Die Begriffe sind eben nicht austauschbar, und die Geschichte der Erfindungen belegt das Gegenteil dessen, was Jaber behauptet.

Der Transistor, ohne den es keinen einzigen Computer gäbe, entstand 1947 bei angestellten Forschern der Bell Labs. Das World Wide Web erfand Tim Berners-Lee 1989 als Angestellter am CERN, einer öffentlich finanzierten Forschungseinrichtung. Internet, GPS und Touchscreen gehen auf staatlich finanzierte Forschung zurück. Die Ökonomin Mariana Mazzucato hat 2013 in „The Entrepreneurial State“ ausführlich nachgewiesen, dass praktisch jede Schlüsseltechnologie im Smartphone aus öffentlichen Laboren und Programmen stammt, nicht aus der Garage eines Gründers. Und Johannes Gutenberg, der Erfinder schlechthin, verlor 1455 seine Werkstatt an seinen Geldgeber Johannes Fust. Der Kapitalgeber nahm die Druckerpresse, der Erfinder ging leer aus. Das ist kein Betriebsunfall der Geschichte. Das ist ihr Muster.

Dann folgte der Satz, mit dem Jaber die Überhöhung, die er eben noch bestritten hatte, gleich selbst lieferte:

„Aus meiner persönlichen Erfahrung heraus ist das tendenziell ein Mindset, dass für die meisten Angestellen eher nicht so Standart ist.“

Da ist er also wieder, der Unternehmer als höherer Mensch mit dem besseren „Mindset“. Dass viele Angestellte ihre Ideen nicht umsetzen, liegt aber nicht an ihrem Charakter. Es liegt daran, dass sie weder die Verfügung über die Produktionsmittel noch die Freiheit dazu haben. Das ist eine Frage der Machtverhältnisse, keine Frage der Mentalität.

Wer die Maschine wirklich verbessert

Wer jemals in einem Betrieb gearbeitet hat, weiß, woher die Verbesserungen kommen. Es ist der Arbeiter am Band, der feststellt, dass dieser Arbeitsgang nichts taugt, dass die Maschine anders aussehen und woanders stehen muss oder dass sie ganz überflüssig ist. Die ganzen Optimierungsprozesse kommen von unten, nicht von oben.

Das ist keine Sozialromantik, sondern dokumentierte Industriegeschichte. Das berühmte Produktionssystem von Toyota, das die gesamte Weltindustrie umgekrempelt hat, beruht auf genau diesem Prinzip. Seit 1951 betreibt Toyota ein betriebliches Vorschlagssystem, über das die Beschäftigten Millionen von Verbesserungsvorschlägen eingereicht haben. Kaizen, die ständige Verbesserung in kleinen Schritten, ist im Kern nichts anderes als die systematische Abschöpfung des Wissens derer, die die Arbeit tatsächlich machen. Jeder Arbeiter darf dort das Band anhalten, wenn er einen Fehler sieht, weil man begriffen hat, dass er den Fehler besser sieht als jeder Manager. In Deutschland führte Alfred Krupp bereits 1872 mit seinem „Generalregulativ“ eine Regelung ein, nach der Verbesserungsvorschläge der Arbeiter entgegengenommen werden sollten. Das betriebliche Vorschlagswesen ist also über 150 Jahre alt. Die Unternehmen wussten immer, wo die Ideen herkommen.

Das Patentrecht: Ein Erfinderschutz, der den Erfinder enteignet

Wer verstehen will, wie diese Aneignung funktioniert, muss sich das Patentrecht ansehen. Es wird bis heute als Schutz des genialen Erfinders vor Nachahmern verkauft. Seine Geschichte erzählt etwas ganz anderes.

Das erste Patentgesetz erließ die Republik Venedig 1474. In England waren Patente zunächst königliche Privilegien, also Monopole, die die Krone an Günstlinge vergab oder verkaufte, auf Salz, auf Spielkarten, auf alles Mögliche. Das Statute of Monopolies von 1624 schaffte diese Pfründenwirtschaft ab und ließ nur eine Ausnahme bestehen: das befristete Monopol für den „first and true inventor“. Wie dieses Erfindermonopol dann in der Praxis wirkte, zeigt der berühmteste Fall der Industriegeschichte. James Watt ließ sich 1769 seine Verbesserung der Dampfmaschine patentieren und erreichte 1775 beim Parlament eine Verlängerung bis zum Jahr 1800. Die Ökonomen Michele Boldrin und David Levine haben in „Against Intellectual Monopoly“ (2008) dargelegt, dass Watt und sein Geldgeber Matthew Boulton das Patent vor allem dazu nutzten, Konkurrenten juristisch auszubremsen, darunter die Entwickler der leistungsfähigeren Hochdruckmaschine. Richtig durchgesetzt hat sich die Dampfmaschine erst, als das Patent abgelaufen war. Das Erfinderrecht hat die Erfindung nicht befördert, es hat sie blockiert.

In Deutschland trat 1877 das Reichspatentgesetz in Kraft, maßgeblich vorangetrieben von Werner von Siemens. Bemerkenswert ist, wem das Patent zustand: nicht dem Erfinder, sondern dem, der es zuerst anmeldete. Für die großen Unternehmen war das ideal, denn die Erfindungen ihrer Ingenieure, Techniker und Arbeiter meldeten selbstverständlich sie an. Erst das Patentgesetz von 1936 stellte auf den Erfinder um. Fast sechzig Jahre lang war der Mensch, der die Idee hatte, im deutschen Patentrecht schlicht nicht vorgesehen.

Heute ist diese Aneignung nicht abgeschafft, sondern sauber geregelt. Nach dem Arbeitnehmererfindungsgesetz muss der Angestellte seine Diensterfindung dem Arbeitgeber melden. Gibt der Arbeitgeber sie nicht binnen vier Monaten frei, gilt sie nach § 6 Abs. 2 ArbnErfG als in Anspruch genommen, und alle Rechte an der Erfindung gehen auf ihn über. Der Erfinder erhält dafür nach § 9 ArbnErfG eine „angemessene Vergütung“. Man muss sich das klarmachen: Der Gesetzgeber geht als Normalfall davon aus, dass der Angestellte erfindet und der Arbeitgeber das Ergebnis übernimmt. Das Gesetz beschreibt damit nüchtern genau den Vorgang, den der Mythos vom genialen Unternehmer verschleiert.

Auch der Mythos vom Erfinder-Unternehmer hält dem Blick ins Labor nicht stand. Thomas Edison, der Inbegriff des genialen Tüftlers, hielt über tausend US-Patente. Erarbeitet wurden viele davon in seiner „Erfindungsfabrik“ in Menlo Park, mit Dutzenden angestellten Technikern, Mechanikern und Chemikern, deren Namen heute kaum jemand kennt. Auf dem Patent stand Edison. Das ist das Modell, nach dem bis heute gearbeitet wird: Die Ideen entstehen in vielen Köpfen, der Name und die Rechte landen bei einem.

Ich habe in „Geistiges Eigentum: Die große Illusion“ beschrieben, dass es im strengen Sinn gar kein geistiges Eigentum gibt, sondern nur intellektuelle Güter, die durch uns hindurchfließen. Jede Erfindung steht auf den Schultern von Generationen, auf dem Wissen von Handwerkern, Lehrern, Forschern und Arbeitern, die nie ein Patent angemeldet haben. Das Patentrecht zieht um dieses Gemeingut einen Zaun und gibt den Schlüssel dem, der das Kapital hat. Es ist die Einhegung der Allmende, diesmal im Kopf.

Die ökonomische Macht kauft sich ein, was sie braucht

Seien wir ehrlich. Ausnahmen bestätigen die Regel, aber die Regel lautet: Die ökonomische Macht kauft sich die Intelligenz ein, die sie braucht. Sie kauft sich Ingenieure, Programmierer, Wissenschaftler, Juristen, Berater und Werbestrategen. Sie hat Visionen und Utopien im Kopf, aber die Fähigkeit, sie umzusetzen, muss sie sich auf dem Arbeitsmarkt besorgen.

Ganz offen geschieht das bei den großen Übernahmen. Google hat YouTube 2006 nicht erfunden, sondern gekauft. Facebook hat Instagram 2012 und WhatsApp 2014 nicht entwickelt, sondern gekauft. Apple hat die Sprachassistentin Siri 2010 übernommen, deren Grundlagen aus einem Forschungsprojekt stammten, das vom US-Verteidigungsministerium finanziert worden war. In der Branche gibt es dafür sogar ein eigenes Wort, das „Acqui-Hiring“: Man kauft ein Start-up nicht wegen seines Produkts, sondern wegen der Leute, die darin arbeiten. Die Innovation wird eingekauft, die Belegschaft gleich mit, und anschließend steht der Konzernchef auf der Bühne und lässt sich als Visionär feiern. Abgegriffen wird unten, ausgezeichnet wird oben.

Und wo die ökonomische Macht selbst „innovativ“ wird, geht es nicht selten in die umgekehrte Richtung. 1924 schlossen sich die großen Glühlampenhersteller, darunter Osram und Philips, zum Phoebus-Kartell zusammen und begrenzten die Lebensdauer ihrer Lampen künstlich auf 1.000 Stunden, obwohl die Technik längst deutlich mehr hergab. Wer haltbarere Birnen baute, zahlte Strafe. Die Ingenieure konnten bessere Lampen bauen. Die Eigentümer haben es verboten. Wie viel Arbeit auf diese Weise bis heute für den Müll verbrannt wird, habe ich in „Die Erwerbsarbeitsblase“ beschrieben.

Zur eingekauften Intelligenz gehören aber nicht nur die Ingenieure, die die Arbeit machen, sondern auch diejenigen, die anschließend erklären, warum das alles so sein muss: Ökonomen, Berater, Wirtschaftsweise, Talkshow-Experten und Philosophen. Helmut Schelsky hat sie 1975 die Sinn-Produzenten genannt, die Priesterschaft, die das Wertebewusstsein einer Gesellschaft verwaltet. In meinem Beitrag zu Schelskys Priesterherrschaft habe ich ergänzt, was Schelsky nur zur Hälfte gesehen hat: Die Priesterschaft und das Kapital arbeiten Hand in Hand. Das Kapital liefert die Finanzierung, die Sinn-Produzenten liefern die Legitimation. Ein Sprachphilosoph, der erklärt, „Unternehmer“ sei ein austauschbarer Begriff für jeden innovativen Menschen, erfüllt genau diese Funktion, ob er es will oder nicht. Er übersetzt ein Eigentumsverhältnis in eine Charaktereigenschaft.

Der Mittelstand als Schutzschild

Damit man mich nicht falsch versteht: Der Bäckermeister, der um drei Uhr morgens in der Backstube steht, der Schreiner, der selbst an der Hobelbank arbeitet, die Inhaberin eines kleinen Handwerksbetriebs, die mit ihren Gesellen auf der Baustelle ist – sie sind nicht gemeint. Sie arbeiten selbst, und oft verdienen sie weniger als ein gut bezahlter Angestellter in einem Konzern. Nicht selten arbeiten sie zu einem guten Teil für die Bank, die ihnen Werkstatt, Maschinen und Fahrzeuge finanziert hat.

Gerade deshalb ist der Mittelstand das perfekte Schutzschild der Erzählung. Immer wenn es um Vermögenskonzentration, um Erbschaften in Milliardenhöhe oder um die Macht weniger Konzerne geht, schiebt man den Handwerksmeister vor. Wer die Eigentumsfrage stellt, dem wird vorgehalten, er wolle dem kleinen Familienbetrieb an den Kragen. Der Bäcker muss als menschliches Schutzschild für Eigentumsverhältnisse herhalten, von denen er selbst überhaupt nichts hat. Das Rückgrat der Gesellschaft, von dem so gern die Rede ist, wird in Wahrheit getragen, und zwar von denen, die man nie auf eine Bühne holt.

Großzügigkeit ist kein Anspruch

Im Laufe der Debatte gab Jaber mir in einem Punkt durchaus recht. Er halte es für falsch, dass eine einzelne Person in unserem System so viel Reichtum auf sich vereinen könne, schrieb er, und es brauche ein „kluges und großzügiges Management“ bei der Verteilung von Wohlstand. Später sprach er sich für einen starken Staat und ein bedingungsloses Grundeinkommen aus.

Das klingt versöhnlich, verrät aber, dass sich an der Grundposition nichts geändert hat. Großzügigkeit ist ein Almosen, das man jederzeit wieder entziehen kann. Ein Anspruch ist etwas anderes. Er wird nicht von einem Management gewährt, sondern durch demokratische Entscheidungen durchgesetzt, mit Steuern, Eigentumsregeln und öffentlicher Kontrolle über die Infrastruktur.

Und Jaber schrieb, man habe „bis heute“ auch Arbeiter gebraucht. Das ist der eigentlich entlarvende Satz. Wenn die Maschinen künftig tatsächlich einen großen Teil der Arbeit übernehmen, wird die Eigentumsfrage nicht kleiner, sondern größer. Wer dann weder Arbeit noch Kapital besitzt, hat gar nichts mehr in der Hand. Er kann nicht einmal mehr seine Arbeitskraft verweigern, denn sie wird nicht mehr gebraucht. Ein Grundeinkommen, das unter diesen Bedingungen von den Eigentümern der Maschinen gnädig gewährt wird, ist keine Befreiung. Es ist eine Stilllegungsprämie. Die Frage, wem die Maschinen gehören und wer über ihre Erträge entscheidet, beantwortet keine Technologie. Sie beantwortet nur die Politik, ausgerechnet jene Politik, die in seinem Video für unfähig erklärt wird.

Der Sowohl-als-auch-Denker, der blockiert

Seine letzte Antwort schloss Jaber mit einem freundlichen Bekenntnis:

„Ich bin ein sowohl als auch Denker. […] Doch es ist typisch für uns Menschen, dass wir uns gegenseitig nicht zu gestehen können, dass wie facettenreiche Geschöpfe sind, die eine differenzierte Weltwicht haben können. :) Danke für diese angenehme Debatte.“

Ich habe darauf geantwortet, ebenso freundlich. Ich habe ihm die Bell Labs, das CERN, Mazzucato und Gutenberg genannt und geschrieben, dass die Ideen sehr oft von Angestellten kamen und dass sie sich sehr oft derjenige angeeignet hat, dem das Kapital gehörte. Erscheinen konnte das nicht mehr. Der Sowohl-als-auch-Denker hatte mich blockiert.

Die Debatte war also genau so lange angenehm, wie er das letzte Wort hatte. Sie endete an dem Punkt, an dem es um die Frage ging, wer die Erfindungen macht und wer sie sich zuschreibt. Das ist vielleicht die ehrlichste Antwort, die er geben konnte. Denn an dieser Stelle hat der Mythos vom Unternehmer kein Argument mehr, nur noch einen Knopf zum Blockieren.


Unternehmer sind keine gesellschaftlichen Übermenschen. Sie sind, von Ausnahmen abgesehen, diejenigen, die über das Kapital verfügen, um sich die Intelligenz, die Arbeit und die Ideen anderer einzukaufen. Das ist eine Machtposition, keine Leistung. Erfunden, verbessert und gebaut hat im Großen und Ganzen der kleine Michel, am Band, in der Werkstatt, im Labor. Wer das ausspricht, ist nicht neidisch. Er nennt die Dinge nur beim Namen. Schelsky hatte recht: Die Arbeit tun die anderen.

Samstag, 31. Oktober 2026

Die Schweiz – eine Demokratie, solange man ein Mann war

Was du wissen musst – in 30 Sekunden
Deutschland führte das Frauenwahlrecht 1918 ein. Die Schweiz brauchte bis 1971. In Appenzell Innerrhoden verweigerten die Männer den Frauen sogar noch 1990 das kantonale Wahlrecht – erst das Schweizer Bundesgericht beendete diese Diskriminierung. Ein Land, das weltweit für seine direkte Demokratie gerühmt wird, musste gerichtlich dazu gezwungen werden, die Hälfte seiner Bevölkerung politisch gleichzustellen.

Wie sich ein Land als Musterstaat der Demokratie feiern ließ und Frauen noch 1990 das Wahlrecht verweigerte.

Stand: 26. Oktober 2026

Demokratie? Aber bitte nur für Männer!

Man hält es zunächst für einen schlechten Scherz. Die Schweiz! Dieses wohlhabende, ordentliche, saubere Land mit seinen Bergen, Banken und Uhren und seiner vielgerühmten direkten Demokratie. Ein politisches Vorbild soll es sein, ein Staat, in dem das Volk entscheidet und die Bürger unmittelbar über ihre Angelegenheiten abstimmen können. Wunderbar. Nur gehörten die Frauen offenbar lange Zeit nicht zu diesem Volk.

Bis zum 7. Februar 1971 durften Schweizerinnen auf Bundesebene weder wählen noch abstimmen. Nicht im Mittelalter, nicht zur Zeit irgendeines absolutistischen Fürsten – sondern 1971! Da waren Menschen bereits auf dem Mond gelandet, Computer hielten Einzug in Wirtschaft und Wissenschaft, die moderne Medizin transplantierte Herzen, und die Welt diskutierte über Menschenrechte, Emanzipation und gesellschaftlichen Fortschritt. In der Schweiz aber musste man allen Ernstes noch darüber abstimmen, ob Frauen politisch mündige Menschen sein durften.

Man stelle sich diese Absurdität einmal vor: Eine Hälfte der Bevölkerung entscheidet darüber, ob die andere Hälfte überhaupt mitentscheiden darf. Und das nennt sich Demokratie!

1959: Zwei Drittel der Männer sagen Nein

Besonders aufschlussreich ist das Jahr 1959. Damals durften die Schweizer Männer darüber abstimmen, ob sie den Frauen das eidgenössische Stimm- und Wahlrecht zugestehen wollten. 66,9 Prozent stimmten dagegen – fast zwei Drittel! Das waren keine Bewohner einer längst untergegangenen Feudalgesellschaft, sondern Männer eines modernen europäischen Staates, die ihren Frauen, Müttern, Töchtern und Kolleginnen das politische Mitspracherecht verweigerten.

Frauen durften arbeiten, Steuern bezahlen, Kinder großziehen, Verantwortung übernehmen und zum Wohlstand des Landes beitragen. Bei der politischen Entscheidung darüber, wie dieses Land regiert werden sollte, hatten sie aber den Mund zu halten. Das war nicht irgendein Schönheitsfehler der Schweizer Demokratie, sondern ein grundlegender Widerspruch in ihrem Selbstverständnis. Denn was ist eine Demokratie wert, die Menschen aufgrund ihres Geschlechts von der politischen Willensbildung ausschließt? Es war eine Männerdemokratie – und ihre Nutznießer entschieden selbst darüber, wie lange sie eine Männerdemokratie bleiben sollte.

Deutschland war 53 Jahre früher dran

Jetzt wird es richtig interessant. Deutschland führte das Frauenwahlrecht bereits 1918 ein. Bei der Wahl zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919 konnten Frauen erstmals reichsweit wählen und gewählt werden. Die Schweiz brauchte dafür mehr als ein halbes Jahrhundert länger.

Selbst die DDR schrieb 1949 die Gleichberechtigung von Mann und Frau ausdrücklich in ihre Verfassung – zunächst einmal ein fortschrittlicher Rechtsanspruch. Nun soll niemand auf die Idee kommen, die DDR deshalb zur besseren Demokratie zu erklären. Dort gab es keine freien demokratischen Wahlen, und die verfassungsmäßigen Rechte wurden keineswegs sämtlich verwirklicht. Aber gerade dieser Vergleich legt die ganze Peinlichkeit der Schweizer Verhältnisse offen: Selbst ein Staat mit diktatorischen Machtstrukturen bekannte sich auf dem Papier längst zur politischen Gleichberechtigung der Geschlechter, während in der Schweiz noch demokratisch darüber entschieden wurde, ob Frauen überhaupt wählen dürfen.

Man muss sich das vorstellen: Ein Land, das sich auf seine freiheitliche demokratische Tradition beruft, hinkte bei einem elementaren politischen Recht Jahrzehnte hinterher. Offenbar ist eine Demokratie nicht schon deshalb fortschrittlich, weil häufig abgestimmt wird. Entscheidend ist auch, wer abstimmen darf.

1990: Die letzte Bastion männlicher Bevormundung

Doch 1971 war die Geschichte noch längst nicht zu Ende. Das auf Bundesebene eingeführte Frauenstimmrecht bedeutete keineswegs, dass Frauen nun überall in der Schweiz auch auf kantonaler Ebene gleichberechtigt waren. In Appenzell Ausserrhoden dauerte es bis 1989. Und dann gab es Appenzell Innerrhoden.

Dort hatten die Frauen auch 1990 noch kein kantonales Stimm- und Wahlrecht. Am 29. April 1990 stimmten die Männer an der Landsgemeinde erneut gegen dessen Einführung. 1990! Die Berliner Mauer war gerade gefallen, Europa befand sich in einem historischen Umbruch, der Kalte Krieg ging zu Ende, und überall war von Freiheit, Selbstbestimmung und Demokratie die Rede. Und in einem Schweizer Kanton entschieden Männer immer noch darüber, ob Frauen an kantonalen politischen Entscheidungen teilnehmen dürfen.

Erst am 27. November 1990 sprach das Schweizer Bundesgericht ein Machtwort. Es entschied, dass der Ausschluss der Frauen von den kantonalen politischen Rechten gegen den verfassungsrechtlichen Gleichberechtigungsgrundsatz verstieß. Am 28. April 1991 konnten Frauen schließlich erstmals an der Innerrhoder Landsgemeinde teilnehmen – nicht, weil sich die männliche Mehrheit freiwillig eines Besseren besonnen hätte, sondern weil ein Gericht dem Treiben ein Ende setzte.

Das muss man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen: Ein demokratischer Rechtsstaat musste seine eigene lokale Demokratie vor deren männlicher Mehrheit schützen, damit Frauen endlich mitbestimmen konnten.

Wenn die Mehrheit über die Rechte der Ausgeschlossenen entscheidet

Das eigentlich Erschreckende an dieser Geschichte liegt nicht allein in den Jahreszahlen, sondern in einem grundsätzlichen Problem der Demokratie: Eine Mehrheit kann durchaus demokratisch zustande gekommene Entscheidungen treffen, die zutiefst undemokratisch sind. Wenn ausschließlich Männer darüber abstimmen dürfen, ob Frauen wählen dürfen, dann ist die ganze Abstimmung bereits Ausdruck der bestehenden Ungleichheit. Die Ausgeschlossenen können ihren Ausschluss nicht durch eine eigene Stimme beenden. Sie sind abhängig von der Einsicht jener, die von ihrem Ausschluss profitieren.

Wer darin die höchste Form demokratischer Selbstbestimmung erkennt, hat etwas Entscheidendes nicht verstanden. Demokratie erschöpft sich nicht darin, dass Mehrheiten ihren Willen durchsetzen. Sie braucht gleiche politische Rechte, Rechtsstaatlichkeit und Grenzen der Mehrheitsmacht – sonst könnte morgen eine Mehrheit darüber abstimmen, ob eine bestimmte Bevölkerungsgruppe überhaupt noch politische Rechte besitzen soll. Der Schweizer Fall zeigt, wohin ein solches Demokratieverständnis führen kann. Und er zeigt, weshalb Grundrechte gerade gegenüber demokratischen Mehrheiten geschützt werden müssen.

Die Frauen haben sich nichts schenken lassen

Eines darf bei aller Kritik nicht unterschlagen werden: Die Schweizer Frauen haben ihre politischen Rechte nicht einfach irgendwann von großzügigen Männern geschenkt bekommen. Sie haben jahrzehntelang dafür gekämpft. Bereits 1868 forderten Frauen in Zürich politische Mitbestimmung. 1929 wurde eine Petition mit rund einer Viertelmillion Unterschriften für das Frauenstimmrecht eingereicht – sie blieb politisch folgenlos. 1969 gingen Tausende Frauen und unterstützende Männer beim berühmten Marsch auf Bern auf die Straße und protestierten gegen eine Ordnung, die sie politisch entmündigte.

Auch innerhalb der Schweiz gab es erhebliche Unterschiede. Waadt und Neuenburg führten bereits 1959 das kantonale Frauenstimmrecht ein, andere Kantone folgten später. Die Schweiz war also keineswegs eine geschlossene Front reaktionärer Männer, sondern zugleich Schauplatz eines langen gesellschaftlichen Kampfes zwischen Gleichberechtigung und beharrlicher Besitzstandswahrung. Gerade das macht ihre Geschichte interessant. Denn Fortschritt entstand nicht einfach dadurch, dass eine Gesellschaft von selbst vernünftiger wurde. Er musste gegen Widerstände erkämpft werden.

Der schöne Schein der Vorzeigedemokratie

Vielleicht sollte man deshalb etwas vorsichtiger werden, wenn wieder einmal die Schweiz als politisches Musterland gepriesen wird. Natürlich besitzt sie demokratische Institutionen, auf die man mit guten Gründen verweisen kann. Aber ihre Geschichte enthält eben auch diese ausgesprochen beschämende Seite. Ein Land kann wirtschaftlich hochentwickelt, technologisch modern und international angesehen sein – und gleichzeitig gesellschaftspolitisch erstaunlich rückständig.

Reichtum ist kein Beweis für Aufklärung. Wohlstand ist kein Beweis für Gerechtigkeit. Und eine Vielzahl von Volksabstimmungen ist noch kein Beweis für gleichberechtigte Demokratie. Die Schweiz hat das mit ihrem Frauenstimmrecht eindrucksvoll demonstriert: Man kann in einem Land über Straßenbau, Steuern, kommunale Angelegenheiten und alle möglichen politischen Fragen abstimmen und trotzdem bei der elementaren Frage der Gleichberechtigung geistig im vergangenen Jahrhundert feststecken. Genau darin liegt die historische Ironie.

Erst 35 Jahre her!

2026 liegt die erste kantonale Stimmabgabe der Frauen in Appenzell Innerrhoden gerade einmal 35 Jahre zurück. 35 Jahre! Das ist kein fernes Kapitel europäischer Geschichte, das man irgendwo zwischen Feudalismus und Industrialisierung einordnen könnte. Das haben Menschen erlebt, die heute noch mitten unter uns leben. Deshalb sollte man diese Geschichte auch nicht als belanglose Kuriosität abtun.

Sie zeigt, wie selbstverständlich gesellschaftliche Ungerechtigkeit werden kann, wenn sie über Generationen als Tradition ausgegeben wird. Wie lange sich Privilegien halten können, wenn ihre Besitzer zugleich über deren Abschaffung entscheiden. Und wie dünn die demokratische Fassade sein kann, wenn man nur auf die Institutionen schaut und nicht darauf, wem sie tatsächlich politische Macht zugestehen.

Die Schweizer Frauen haben sich ihre Rechte erkämpft – gegen Vorurteile, Widerstände und eine politische Ordnung, die ihnen über Jahrzehnte die Mitbestimmung verweigerte. Darauf können sie stolz sein. Die Männer, die ihnen dieses Recht bis zuletzt verweigerten, haben dagegen allen Grund, sich zu schämen.

Denn Demokratie beginnt nicht dort, wo Männer darüber abstimmen dürfen, ob Frauen Menschen mit gleichen politischen Rechten sind.

Demokratie beginnt dort, wo diese Frage überhaupt nicht mehr zur Abstimmung steht.


Quellen

Schweizer Parlament: Geschichte des Frauenstimmrechts – eidgenössische Abstimmungen 1959 und 1971
Schweizerisches Bundesgericht: BGE 116 Ia 359, Urteil vom 27. November 1990 (alternativ: Volltext bei servat.unibe.ch)
SRF: 30 Jahre Frauenstimmrecht in Appenzell Innerrhoden
SRF: Emilie Lieberherr und der Marsch auf Bern 1969
Deutscher Bundestag: Einführung des Frauenwahlrechts vom 30. November 1918
Bundeszentrale für politische Bildung: Der Kampf um die Gleichberechtigung in beiden deutschen Staaten 1945–1949
Schweizerisches Bundesarchiv: Frauenstimmrecht in der Schweiz
Eidgenössische Kommission für Frauenfragen: Der lange Weg zum Stimm- und Wahlrecht für Frauen

Donnerstag, 29. Oktober 2026

Der akademische Kaiser ist nackt: Von der Illusion der Elite und der harten Realität echter Arbeit

Was du wissen musst – in 30 Sekunden

Der akademische Titel wird als Eintrittskarte in eine höhere Menschenklasse gehandelt. Elias Gudwis zeigt, wie brüchig die Fassade sein kann. Helmut Schelsky liefert die passende Anklage: Die Arbeit tun die anderen, die Deutungshoheit beansprucht die Priesterschaft. Wer jahrzehntelang präzise arbeitet, Probleme löst und Verantwortung trägt, braucht keine Absolution aus dem Hörsaal.

Wir leben in einer Gesellschaft, die Aufklärung predigt und vor Urkunden kniet. Ein Universitätsstempel, ein Doktortitel, ein paar souverän vorgetragene Fachbegriffe – und schon soll da ein Mensch von höherem Rang stehen. Klüger. Reifer. Urteilsfähiger. Berechtigt, den anderen die Welt zu erklären. Diese Unterwürfigkeit vor bedrucktem Papier ist peinlich. Noch peinlicher ist der Hochmut jener, die daraus ihren Anspruch ableiten, auf andere herabzusehen. Der alte Standesdünkel hat sich einen akademischen Talar übergezogen und hält sich seitdem für aufgeklärt.

Besonders bequem wird diese Rangordnung, wenn die Menschen, die Gebäude errichten, Maschinen instand halten, Räume reinigen und Kranke versorgen, als die einfachen Leute abgeheftet werden. Ihre Arbeit darf schwierig sein, ihre Verantwortung groß, ihr Können über Jahrzehnte gewachsen: Für den Dünkel reicht der fehlende Hochschulabschluss, um ihnen einen niedrigeren Platz zuzuweisen. Ihre Leistung wird gebraucht. Ihre Urteilskraft wird herablassend begutachtet. So sieht eine Gesellschaft aus, die sich an der Arbeit anderer bedienen und ihnen anschließend erklären möchte, warum sie weniger zu sagen haben.

Dienstag, 27. Oktober 2026

Der doppelte Raub – Teil V: Die Lösung liegt nicht in der Rentenkasse

Was du wissen musst – in 30 Sekunden
Vier Teile lang hat diese Serie gezeigt, wie die Alterssicherung der arbeitenden Bevölkerung immer wieder ausgeplündert wurde: durch Kriegsanleihen und Inflation, durch Adenauers Systemwechsel, durch Riester, durch die Kapitalmarkt-Rente. Die Frage „Und was ist Ihre Lösung?" ist berechtigt, aber an die falsche Adresse gerichtet. Ein Einzelner schuldet keine Reform. Und es gibt einen tieferen Grund, warum jede Rentenreform scheitern muss: Sie wird innerhalb eines Geldsystems gebaut, in dem Geld als verzinste Schuld entsteht und der Gläubiger den Ton angibt. Solange das nicht verstanden ist, bleibt jede Lösung ein neues Kapitel desselben Raubs.

Wer vier Teile lang beschreibt, wie man Menschen um ihre Alterssicherung gebracht hat, bekommt irgendwann dieselbe Frage gestellt: Gut und schön, aber was schlagen Sie denn vor? Die Frage klingt vernünftig. Sie ist es nur zur Hälfte. Dieser fünfte Teil beantwortet sie trotzdem, aber anders, als mancher erwartet. Er liefert kein Rentenmodell. Er zeigt, warum es kein Rentenmodell geben kann, das funktioniert, solange über das Fundament nicht gesprochen wird, auf dem jedes dieser Modelle steht: das Geld selbst.

Montag, 26. Oktober 2026

Von der Todesstrafe zur Tabula Rasa — der libertäre Weg zur Privatjustiz

Was du wissen musst – in 30 Sekunden
Markus Krall fordert die Todesstrafe. Eine Leserdiskussion auf VK zeigt in Echtzeit, wohin diese Logik führt: von Schiller-Zitaten über die Billigung der Hinrichtung eines Richters bis zur offenen Berufung auf das Recht des Stärkeren — mors tua vita mea. Das ist keine Randnotiz. Das ist die innere Konsequenz eines Libertarismus, der alles privatisieren will — auch Justiz, auch Gewalt. Wer Rothbard zu Ende denkt, landet beim Faustrecht.

In meinem vorangegangenen Beitrag habe ich dokumentiert, wie Markus Krall öffentlich die Wiedereinführung der Todesstrafe fordert — unter Fotos von Tatverdächtigen, die noch nicht verurteilt sind. Eine Diskussion mit einem Leser auf VK hat seitdem etwas geliefert, das kein Theoriepapier leisten kann: einen dokumentierten Echtzeit-Beleg dafür, wohin diese Rhetorik führt, wenn man sie konsequent zu Ende denkt.

Ich gebe die Sequenz ungekürzt wieder — weil sie für sich spricht.

Sonntag, 25. Oktober 2026

Mach dein Bett, dann wirst du reich – Der „Geheime Geldcode“ für Dumme

Was du wissen musst – in 30 Sekunden

Auf Instagram kursiert die These, Arme seien arm, weil sie unordentlich sind. Reiche seien reich, weil sie ihr Bett machen. Die Logik ist kopfüber aufgehängt. Bei Reichen ist Ordnung eine Dienstleistung, die sie bezahlen. Bei Armen ist Unordnung eine Folge von Zeitmangel, Platzmangel und Dauerstress und nicht die Ursache ihrer Armut. Am Ende des Textes steht, wie immer, ein Buch zum Kaufen.

Es gibt eine neue Erlösungslehre. Sie braucht keine Kirche, keine Partei und keinen Sozialstaat. Sie braucht nur ein gemachtes Bett. Auf Instagram erklärt uns gerade eine Finanzratgeberin, warum arme Menschen arm sind: Sie lassen ihre Schuhe im Flur stehen. Sie hängen ihre Kleidung über den Stuhl. Und sie sagen den verhängnisvollsten Satz der Menschheitsgeschichte:

„Arme sagen: ‚Das räume ich später auf.‘ Reiche räumen es sofort auf.“

Man könnte das für einen Witz halten. Es ist ein Geschäftsmodell. Und es wird geglaubt, bejubelt und tausendfach mit „Disziplin“ kommentiert.

 

Samstag, 24. Oktober 2026

Was für eine unglaubliche Selbstüberhöhung des Unternehmertums!


Hier wird aus einer wirtschaftlichen Tätigkeit beinahe eine höhere Form menschlicher Intelligenz, Verantwortung und gesellschaftlicher Kompetenz gemacht. Seit wann ist eine Gewerbeanmeldung ein Intelligenznachweis? 

Wer schafft denn tatsächlich den Wohlstand? Der Unternehmer allein? Oder die Millionen Arbeitnehmer, Wissenschaftler, Ingenieure, Pflegekräfte und all jene Menschen, deren Arbeit unsere Gesellschaft überhaupt erst am Laufen hält? 

Noch absurder ist die Behauptung, künstliche Intelligenz werde wirtschaftliche Macht praktisch von selbst abschaffen. Wem gehören denn die Rechenzentren, die Chipfabriken, die Plattformen und die Produktionsmittel? Wer verfügt über das Kapital? Dass jeder irgendwann ein KI-Modell auf seinem Rechner betreiben kann, beseitigt doch keine Eigentumsverhältnisse! 

Precht trifft den entscheidenden Punkt: Die Technologie verändert sich, aber das Kapital verschwindet deshalb nicht. Es wandert weiter und konzentriert sich gegebenenfalls in neuen Geschäftsmodellen. Und dann wird uns eine Zukunft versprochen, in der Maschinen die Arbeit erledigen und alle Menschen von Wohlstand und Freiheit profitieren. Wer verteilt denn diese Produktivitätsgewinne? Die Unternehmer aus reiner Menschenliebe? 

Oder braucht es dafür vielleicht doch politische Entscheidungen – ausgerechnet jene Politik, die hier für unfähig erklärt wird? Besonders grotesk finde ich die Vorstellung, Unternehmer seien aufgrund ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit gesellschaftlich besonders kompetent. Wirtschaftlicher Erfolg beweist weder überlegene Intelligenz noch moralische Größe. 

Besitz ist keine Qualifikation zur Herrschaft über andere Menschen! Hier wird nicht die Abschaffung von Macht erklärt, sondern wirtschaftliche Macht ideologisch verklärt. Und das Ganze wird auch noch als Aufklärung verkauft. Die Maschine mag uns eines Tages einen großen Teil der Arbeit abnehmen. 

Die Frage, wem die Maschinen gehören und wer von ihrer Leistung profitiert, beantwortet sie nicht. Wer über die Zukunft der Menschheit spricht, aber Eigentum, Klassenverhältnisse, demokratische Kontrolle und Verteilung ausblendet, hat den gesellschaftlichen Kern der technologischen Revolution nicht verstanden. Unternehmer sind keine gesellschaftlichen Übermenschen. Und Kapitalismus wird nicht dadurch zur Befreiung, dass man seine Machtverhältnisse einfach wegfantasiert.

Freitag, 23. Oktober 2026

Bildungsfern – wer nach unten tritt, nennt es Mut. Eine Anklage.

Was du wissen musst – in 30 Sekunden
Jasmin Kosubek spricht von einem „Defizit in bildungsfernen Haushalten“, verweist auf die Erblichkeit des IQ und erklärt, Geld werde am Verhalten nichts ändern. Ein Kommentator nennt diese Rede „mutig“. Doch die Erblichkeit eines Merkmals besagt nichts über den Wert eines Menschen und bedeutet nicht, dass dessen Entwicklung feststeht. Freerk Huisken zeigt, wie Schulen Berechtigungen verteilen; Bazon Brock stellt die gesellschaftliche Rangordnung infrage. Wer aus Abschlüssen, Genen und sozialer Stellung eine Hierarchie der Menschen macht, hat nicht aufgeklärt. Er hat seine Vorurteile mit Fachausdrücken verkleidet.

Es gibt ein Wort, das so nüchtern klingt, dass viele seine Verachtung nicht mehr hören: bildungsfern. Es ist ein Wort, mit dem eine Gesellschaft ihren eigenen Anteil am Scheitern anderer unsichtbar macht.

In einem Video verwendet die Journalistin Jasmin Kosubek die Formulierung „dieses Defizit in bildungsfernen Haushalten“, verweist auf die teilweise Erblichkeit des IQ und erklärt schließlich:

„Und du kannst so viel Geld darein buttern wie du willst, es wird nichts am Verhalten ändern.“

Ein Kommentator begrüßt diese Ausführungen als „mutig“ und verweist seinerseits auf Zwillings- und Adoptionsforschung. Mutig? Seit wann ist es mutig, soziale Benachteiligung mit Genen zu erklären und dann zu verkünden, Investitionen könnten sowieso nichts bewirken? Der Beifall für solche Sätze verrät vor allem eines: wie bequem die Erklärung ist, die Verantwortung von gesellschaftlichen Verhältnissen auf die Benachteiligten selbst zu verlagern.

Donnerstag, 22. Oktober 2026

Wer vom Feuer lebt, löscht es nicht

Was du wissen musst – in 30 Sekunden
Frankreich brennt, und in Deutschland reiben sich die üblichen Verdächtigen die Hände. Das Problem dahinter ist real: Der politische Islam hat sich über Jahrzehnte in Westeuropa festgesetzt – mit tatkräftiger Hilfe eines Staates, der Ankara, Teheran und das Umfeld der Muslimbrüder zu Dialogpartnern adelte. Was dagegen hilft, ist seit Langem bekannt. Ein Teil der Linken hat es mit „Dialog“ verhindert und den Muslimbrüdern die Tür aufgehalten. Die Rechte könnte es einfordern. Stattdessen schreit sie „die Fremden“ und gießt Öl ins Feuer. Kein Wunder: Wer vom Brand lebt, hat kein Interesse am Löschen.

Zwei Texte liegen auf meinem Tisch, beide von Männern namens Krauss. Hartmut Krauss, Islamkritiker aus der Tradition der Aufklärung, seziert seit Jahren den Islam als religiös verbrämte Herrschaftsideologie, zuletzt in seiner Analyse „Der Islam als destruktiv-reaktionärer Migrationsimport“. Axel Krauss, seit über zwanzig Jahren Beobachter der sogenannten alternativen Szene, rechnet in seinem Aufruf vom 20. Oktober mit dem ab, was er das „fake-alternative Kartell“ nennt – jenen investorengepäppelten Portalen und Influencern, die sich auf die Unruhen in Frankreich stürzen wie Geier auf Aas.

Man könnte die beiden für Gegner halten. Der eine benennt die Gefahr aus dem islamischen Milieu, der andere die Gefahr der Hetze dagegen. Das ist ein Irrtum. Erst zusammen ergeben sie das ganze Bild – und dieses Bild ist für die Rechte vernichtend.

Mittwoch, 21. Oktober 2026

Das Märchen vom beraubten Innovator – Markus Krall, die Subventionen und eine Kommentarspalte im Applausrausch

Was du wissen musst – in 30 Sekunden
Markus Krall erklärt staatliche Technologieförderung zur Katastrophe. Der Staat nehme erfolgreichen Unternehmen das Geld weg und verteile es nach dem Gutdünken von Politikern, die im Schnitt dümmer seien als der Durchschnittsdeutsche. Keine Säule dieses Arguments hält. Gewinn beweist keine Innovation. Die Steuerlast tragen vor allem Lohnabhängige und Konsumenten. Fast jede Schlüsseltechnologie der Gegenwart, vom Internet bis zum GPS, wurde mit Staatsgeld entwickelt. Noch erschreckender ist die Kommentarspalte darunter: Hunderte Likes für Politikerverachtung, null Likes für jeden, der nachrechnet.

Ich habe über Markus Krall auf diesem Blog inzwischen mehr geschrieben, als mir lieb ist. Über seine Goldwährung, sein Zensuswahlrecht, seine Kinderarbeits-Apologie, seinen Ruf nach der Todesstrafe und seinen Gott, der angeblich keine Steuern mag. Man sollte meinen, da käme nichts mehr. Es kommt immer etwas. Diesmal ist es ein Kurzclip aus dem Podcast „Ungeskriptet“, in dem Krall erklärt, warum staatliche Technologieförderung „katastrophal schlecht“ sei. Mir fällt dazu nichts mehr ein. Fast nichts.

Hier ist, was er sagt:

„Der Staat fördert Technologien mit Milliardensummen. Und da sagen die Leute, das ist doch was Gutes, der fördert neue Unternehmen, Neugründungen. Ich sage, das ist was katastrophal Schlechtes, wenn der Staat das macht. Und zwar aus einem ganz einfachen Grund: Dieses Geld muss er vorher solchen Unternehmen wegnehmen, die bewiesen haben, dass sie Erfolg hatten, sonst wären sie nämlich nicht profitabel und würden keine Steuern zahlen. Das heißt, diese Unternehmen, die erfolgreich waren – und die sind deswegen erfolgreich, weil sie erfolgreiche Innovationen und Technologien entwickelt haben –, die müssen das bezahlen und dem Staat geben, dessen Politiker sich dann anmaßen, besser entscheiden zu können, welche Unternehmen dieses Geld bekommen sollten, um innovativ zu werden.“

Und dann der Satz, um den es ihm eigentlich geht:

„Wie das funktionieren soll, weiß ich nicht, zumal wir wissen, dass die Politik eine negative Auslese ist. In die Politik geht der, der es in der freien Wirtschaft zu nichts gebracht hat. Im Durchschnitt ist der Politiker dümmer als der Durchschnittsdeutsche. Der Politiker hat in der Regel keine Ahnung, welche Unternehmen innovativ sind, welche Technologien gut sind und welche förderwürdig sind oder sonst was.“

 


Das Argument hat drei Stockwerke. Keines davon trägt.

Montag, 19. Oktober 2026

Javier Milei: Die Kettensäge gehört der Bank

Milei und die große libertäre Selbsttäuschung

Was du wissen musst – in 30 Sekunden
Javier Milei trat mit der Kettensäge an, um den Staat zurückzudrängen und die Zentralbank abzuschaffen. Fast drei Jahre später existiert die Zentralbank weiter und soll eine neue Satzung bekommen. Schlüsselposten der Wirtschafts- und Geldpolitik sind mit früheren Investmentbankern und Zentralbankern besetzt. Die Stabilisierung Argentiniens wird von IWF, Weltbank, Interamerikanischer Entwicklungsbank und dem US-Finanzministerium mit Milliarden flankiert. Und eine staatliche KI-Einheit soll Netzwerke durchsuchen, Gesichter erkennen und Straftaten vorhersagen. Selbst Hans-Hermann Hoppe ist auf Distanz gegangen. Die Erfolge bei Inflation und Haushalt sind real, sie beantworten aber nicht die Frage, ob hier Anarchokapitalismus regiert.

Man muss sich die Bilder noch einmal vor Augen führen: Javier Milei mit der Kettensäge in der Hand, Javier Milei vor dem Whiteboard, auf dem Ministerien gestrichen werden, Javier Milei, der die „politische Kaste“ beschimpft und die argentinische Zentralbank nicht reformieren, sondern abschaffen will. Der Staat sei eine kriminelle Organisation, Steuern seien Diebstahl, philosophisch sei er Anarchokapitalist.

Für einen Teil der libertären Szene war das die Erfüllung eines Traums. Zum ersten Mal stand nicht irgendein Professor auf einer Konferenz und erklärte Mises, Rothbard oder Hoppe, sondern ein Staatspräsident berief sich auf genau diese Autoren und versprach, aus Theorie politische Wirklichkeit zu machen.

Fast drei Jahre später stellt sich eine einfache Frage: Was ist davon übrig?

Samstag, 17. Oktober 2026

Die organisierte Ohnmacht – Lieschen Müller hat keine Denkfabrik

Was du wissen musst – in 30 Sekunden
Während Lieschen Müller versucht, ihre Miete zu bezahlen, ihre Familie durchzubringen und die Welt zu begreifen, arbeiten anderswo hochbezahlte Strategen an politischen Szenarien, gesellschaftlichen Leitbildern und der Beeinflussung öffentlicher Wahrnehmung. Denkfabriken beraten Regierungen. Wirtschaftliche Interessen finanzieren Forschung und Kampagnen. Scheinbare Bürgerbewegungen können künstlich erzeugt werden. Plattformen verwandeln menschliches Verhalten in auswertbare Daten. Das ist keine Science-Fiction; zentrale Verfahren sind dokumentiert. Die eigentliche Frage lautet: Wie soll der einzelne Mensch eine Ordnung kontrollieren, deren Spielregeln andere entwerfen, deren Informationsapparat er nicht besitzt und deren Folgen er tragen muss?

Stand: 11. Oktober 2026

Lieschen Müller steht morgens auf und geht ihrer Arbeit nach. Sie kümmert sich um ihre Kinder, zahlt die Miete, wartet beim Arzt und rechnet am Monatsende nach, was übrig bleibt. Vielleicht sieht sie, wie sich ihre Nachbarschaft verändert, wie vertraute Gewissheiten brüchig werden, wie neue Regeln in Kraft treten, deren Entstehung sie nicht beeinflusst hat. Abends schaltet sie die Nachrichten ein. Dort erklärt man ihr, was notwendig, alternativlos, modern oder rückständig sei. Und wenn sie Zweifel anmeldet, soll sie zunächst beweisen, dass ihre Zweifel wissenschaftlich belastbar sind.

Wie denn? Mit welcher Forschungsabteilung? Mit welchem Geld? Mit welchen Akten, Gutachten und Netzwerken? Lieschen Müller hat keine Denkfabrik. Genau das ist der Ausgangspunkt. Nicht ihre angebliche Unwissenheit. Sondern die groteske Ungleichheit der Mittel, mit denen Wirklichkeit gestaltet – und anschließend erklärt – wird.

Freitag, 16. Oktober 2026

Teil 4: Derselbe Staat in zwei Aggregatzuständen – Warum der Straftäter eine Tat braucht und der Erwerbslose nur eine Lage

Was du wissen musst – in 30 Sekunden
Der Strafrechtsstaat fragt: Was hast du getan? Er muss die Tat beweisen, und wo der Beweis fehlt, gilt der Mensch als unschuldig. Der Risikomanagementstaat fragt: Was könntest du tun, und was könntest du kosten? Er braucht keine Tat, ihm genügt eine Kategorie. Im SGB II steht diese Umkehr nicht nur in der Praxis, sondern im Gesetz: Es vermutet die Einstehensgemeinschaft, es vermutet die Unterstützung durch Verwandte, und es gleicht vierteljährlich die Daten aller Leistungsbezieher ab, ohne jeden Anlass. Selbst beim gefährlichsten Straftäter muss ein Gutachter begründen, warum er ein Risiko ist. Beim Erwerbslosen genügt der Antrag.

Die ersten drei Teile dieser Reihe  ( Teil:1  Teil:2  Teil:3 ) haben den Erwerbslosen neben den Straftäter auf Bewährung, den Strafgefangenen und schließlich neben seine eigene, nur auf dem Papier bestehende Freiheit gestellt. Unter dem dritten Teil hat ein Leser einen Kommentar hinterlassen, der in zwei Sätzen zusammenfasst, wofür ich drei Beiträge gebraucht habe:

Das ist der Unterschied zwischen den beiden Aggregatszuständen Strafrechtsstaat und Risikomanagementstaat. Innocent until proven guilty vs. Guilty until proven innocent.

Das Bild ist genauer, als es auf den ersten Blick wirkt. Wasser bleibt Wasser, ob es als Eis oder als Dampf auftritt. Was den Zustand bestimmt, ist die Temperatur. Beim Staat ist es nicht anders. Es ist derselbe Staat, dieselbe Verfassung, dieselbe Verwaltung. Nur der Zustand, in dem er einem Menschen begegnet, hängt davon ab, wer vor ihm steht. Dieser vierte Teil fragt, wovon genau.

Mittwoch, 14. Oktober 2026

Wer hier der Idiot ist – Dugin, die KI und die Verachtung von oben

Was du wissen musst – in 30 Sekunden

Alexander Dugin, Russlands bekanntester Philosoph der Gegenwart, erklärt auf X, die KI sei viel weniger idiotisch als der durchschnittliche Mensch. Über 23.000 Aufrufe, 671 Likes. Das ist kein Ausrutscher. Es ist dieselbe Herrschaftssprache, die von Le Bon über Bernays bis heute den kleinen Mann zum Idioten erklärt, um ihn besser lenken zu können. Dem Durchschnittsmenschen fehlt nicht der Verstand, sondern Zeit, Zugang und das Wissen, das man ihm vorenthält. Und die KI, die Dugin gegen den Menschen ausspielt, besteht aus nichts anderem als dem Wissen dieser angeblichen Idioten.

Es gibt Sätze, bei denen mir die Galle hochkommt. Dieser gehört dazu. Am 13. Oktober 2026 schreibt Alexander Dugin, Vordenker des Eurasismus, gern als „Putins Philosoph“ gehandelt, auf X:

KI ist viel weniger idiotisch als der durchschnittliche Mensch.

https://x.com/AGDugin/status/2110039962217480292

Ein Satz. Kein Argument, kein Beleg, keine Frage. Nur ein Urteil von oben herab über Milliarden Menschen, die Dugin nie kennengelernt hat. Und das von einem Mann, der sich Philosoph nennt.