Bevor man einem Menschen die Arbeit predigen konnte, musste man ihm erst den Boden unter den Füßen wegziehen. Wer Weide, Wald, Holz und Wasser gemeinsam nutzen durfte, brauchte keinen Lohnherrn. Also wurde eingezäunt, privatisiert, das Leseholz der Armen zum Diebstahl erklärt und für die Enteigneten das Arbeitshaus gebaut. Aus dem Arbeitshaus wurde das Lohnabstandsgebot, aus dem Lohnabstandsgebot das Sanktionsregime. Heute sitzt eine Soziologin der Bundesagentur für Arbeit im YouTube-Studio und erklärt, Arbeit sei ein Grundbedürfnis und das Grundeinkommen ein Mittel, Menschen ruhigzustellen. Ruhiggestellt wurde schon einmal jemand. Mit einem Zaun. Und dieser Beitrag erzählt, wer die Rechnung dafür bis heute bezahlt.
Es gibt Sätze, die man zweimal hören muss, um zu glauben, dass sie wirklich gesagt wurden. Dr. Britta Matthes, Soziologin am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, also an der hauseigenen Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit, sitzt in einem YouTube-Interview über künstliche Intelligenz und wird gefragt, ob wir vielleicht das bedingungslose Grundeinkommen brauchen. Ihre Antwort kommt ohne Zögern:
„Ich bin ein ganz großer Feind von bedingungslosen Grundeinkommen."
Und weil das allein noch zu zahm wäre, schiebt sie nach, das Grundeinkommen sei auch ein schönes Argument, Menschen ruhigzustellen oder ins Abseits zu schieben. Wenig später erfahren wir, Arbeit sei ein Grundbedürfnis des Menschen, und je länger man arbeite, desto länger bleibe man gesund. Man reibt sich die Augen. Da sitzt eine Vertreterin genau jener Institution, die Menschen per Sanktionsbescheid in Leiharbeit, Befristung und Maßnahmekarussell drückt, und erklärt das Grundeinkommen zum Beruhigungsmittel. Als hätte es in der Geschichte der Arbeitsgesellschaft je ein wirksameres Beruhigungsmittel gegeben als die Angst vor dem Jobcenter.
Aber lassen wir Frau Matthes einen Moment sitzen. Sie ist nicht das Thema. Sie ist das Symptom. Das Thema ist eine Frage, die in ihrem Gespräch nicht ein einziges Mal auftaucht, und die auch sonst niemand im deutschen Arbeitsmarktdiskurs stellt: Warum muss der Mensch eigentlich seine Arbeitskraft verkaufen, um zu leben? Wer hat das so eingerichtet? Und wann?
Die Antwort ist kein Naturgesetz. Sie ist ein Zaun.
Am Anfang war die Allmende
Über Jahrhunderte gab es in Europa etwas, das heute so fremd klingt, als stamme es aus einem Märchen: Land, das allen gehörte. Die Allmende. Die Gemeindeweide, auf die jeder seine Kuh treiben durfte. Der Wald, in dem man Brennholz sammelte, Streu für den Stall holte und die Schweine zur Eichelmast trieb. Der Bach, in dem man fischte. Das Ödland, auf dem man Beeren, Pilze und Kräuter fand. Nichts davon war Luxus. Es war die Grundlage des Überlebens für alle, die kein eigenes Land besaßen.
Und genau darin lag ihre politische Sprengkraft. Wer eine Kuh auf die Gemeinweide treiben, Holz aus dem Gemeindewald holen und ein paar Schweine durch den Eichenwald jagen konnte, der war nicht frei im modernen Sinn, aber er war nicht erpressbar. Er musste nicht zum Erstbesten laufen, der ihm einen Hungerlohn anbot. Er konnte Nein sagen. Ein bisschen jedenfalls. Und dieses bisschen Nein war der Herrschaft ein Dorn im Auge.
In England wurde dieses Recht sogar schriftlich verbrieft. 1217, zwei Jahre nach der Magna Carta, erließ die Krone die Charter of the Forest, die Waldcharta. Sie garantierte den einfachen Leuten das Recht auf Holz, Weide und Waldnutzung. Die Magna Carta kennt jedes Schulkind. Von der Waldcharta hat kaum jemand gehört. Das ist kein Zufall. Die eine schützte die Barone vor dem König. Die andere schützte die Armen vor den Baronen. Raten Sie, welche von beiden die Geschichtsbücher für erinnerungswürdig hielten.
Die Schafe fressen die Menschen
Dann kamen die Zäune. Ab dem 15. Jahrhundert begannen englische Grundherren, das Gemeindeland einzuhegen. Die Enclosures. Weide, auf der eben noch das Vieh des ganzen Dorfes stand, wurde mit Hecken und Gräben abgeriegelt und zur Schafweide für den lukrativen Wollhandel gemacht. Die Dorfbewohner, die dort seit Generationen ihr Auskommen hatten, standen von einem Tag auf den anderen vor dem Nichts.
Thomas Morus hat das 1516 in seiner „Utopia" mit einem Bild festgehalten, das man nicht mehr vergisst. Sinngemäß schrieb er: Eure Schafe, sonst so sanft und genügsam, sind so gefräßig und wild geworden, dass sie sogar Menschen fressen. Ganze Felder, Häuser und Dörfer verwüsten sie. Das war keine Satire. Das war Berichterstattung.
Und was geschah mit den Menschen, die die Schafe gefressen hatten? Sie zogen auf die Landstraße. Sie bettelten. Sie stahlen. Und der Staat reagierte, wie er immer reagiert, wenn er selbst die Not geschaffen hat: mit Strafe. Unter den Tudors wurden „Vagabunden" ausgepeitscht, gebrandmarkt, im Wiederholungsfall auch gehängt. Der Mensch, dem man das Land genommen hatte, wurde zum Kriminellen erklärt, weil er kein Land mehr hatte. Man nahm ihm erst die Lebensgrundlage und bestrafte ihn danach für die Folgen.
Wer das für mittelalterliche Barbarei hält, möge sich die heutige Sanktionsstatistik ansehen. Das Prinzip ist geblieben. Nur die Peitsche ist aus Papier.
Blut- und schmutztriefend
Karl Marx hat diesem Vorgang im ersten Band des „Kapital" ein eigenes Kapitel gewidmet und ihm einen Namen gegeben: die ursprüngliche Akkumulation. Das Märchen der Ökonomen erzählt, am Anfang des Kapitalismus hätten fleißige, sparsame Menschen gestanden, die ihr Geld klug angelegt hätten, und faule Menschen, die alles verprasst hätten. Die Fleißigen wurden Unternehmer, die Faulen Arbeiter. So einfach. So sauber. So gelogen.
Marx hat die Geschichte nachgelesen, statt sie sich auszudenken. Und er fand keine Sparsamkeit, sondern Raub. Einhegung, Vertreibung, Kolonialplünderung, Blutgesetzgebung gegen die Enteigneten. Sein Fazit gehört zu den schärfsten Sätzen der ökonomischen Literatur:
„Wenn das Geld, nach Augier, ‚mit natürlichen Blutflecken auf einer Backe zur Welt kommt', so das Kapital von Kopf bis Zeh, aus allen Poren, blut- und schmutztriefend."
Der Lohnarbeiter, der heute als Normalfall des menschlichen Daseins gilt, ist kein Naturprodukt. Er wurde hergestellt. Und zwar nicht in der Fabrik, sondern vorher, auf dem Acker, mit dem Zaunpfahl. Erst als der Mensch nichts mehr hatte außer seinen zwei Händen, war er bereit, sie zu vermieten. Die „Freiheit" des Lohnarbeiters ist eine doppelte: frei von Leibeigenschaft, gewiss. Aber eben auch frei von allem, wovon er sonst hätte leben können.
Das Leseholz der Armen
Wer glaubt, das sei eine englische Geschichte, irrt. In Deutschland lief dieselbe Enteignung, nur langsamer und mit preußischer Gründlichkeit. Die sogenannte Bauernbefreiung des frühen 19. Jahrhunderts hatte einen Haken, über den der Geschichtsunterricht gern hinweggeht: Die Bauern mussten sich ihre Freiheit bezahlen, und zwar häufig mit Land. Oft ein Drittel, manchmal die Hälfte ihrer Höfe wanderte an die Gutsherren. Und mit der preußischen Gemeinheitsteilungsordnung von 1821 wurde dann systematisch aufgeteilt, was bis dahin allen gehört hatte. Die Allmende wurde parzelliert, verkauft, den Größeren zugeschlagen. Die Kleinen bekamen ein Handtuch Land oder gar nichts.
Und dann kam das Holz. Über Jahrhunderte war es Gewohnheitsrecht der Armen gewesen, im Wald das herabgefallene Holz aufzusammeln. Leseholz. Totes Holz, das niemandem nützte und das der Waldbesitzer nie vermisste. Für eine arme Familie entschied es im Winter über Wärme oder Frost. Der Rheinische Landtag beriet 1842 ein Gesetz, das genau dieses Sammeln als Diebstahl verfolgen sollte. Ein junger Redakteur der Rheinischen Zeitung namens Karl Marx schrieb dagegen an. Er verteidigte das Gewohnheitsrecht der Armen gegen das Eigentumsrecht der Waldbesitzer und zeigte, wie das Gesetz den Staat zum Büttel der Grundeigentümer machte. Das Holz, das am Boden lag, wurde Eigentum. Der Mensch, der es aufhob, wurde Dieb.
Man muss sich das in seiner ganzen Ungeheuerlichkeit klarmachen. Was gestern noch das Recht der Ärmsten war, wurde per Gesetz zur Straftat umdefiniert. Nicht, weil sich an der Handlung etwas geändert hätte. Die Frau, die 1841 Reisig sammelte, tat exakt dasselbe wie die Frau, die es 1843 tat. Geändert hatte sich nur, wem der Wald gehören sollte. Merken Sie sich dieses Muster. Wir werden ihm wieder begegnen.
Das Arbeitshaus – die Geburtsstunde des Lohnabstandsgebots
Die Enteigneten waren nun da. Millionen Menschen ohne Land, ohne Gemeindewald, ohne Leseholz. Und was tut ein Staat mit Menschen, denen er die Lebensgrundlage genommen hat? Er baut ihnen ein Haus. Aber kein Wohnhaus. Ein Arbeitshaus.
1834 verabschiedete das britische Parlament den Poor Law Amendment Act, das neue Armengesetz. Sein Herzstück war ein Prinzip, das man in jedem deutschen Sozialrechtsseminar kennen sollte, weil es bis heute in unseren Gesetzen spukt: less eligibility. Die Lage des Unterstützten muss schlechter sein als die des schlechtestbezahlten freien Arbeiters. Nicht gleich schlecht. Schlechter. Unterstützung gab es nur noch im Arbeitshaus. Familien wurden getrennt, Männer, Frauen und Kinder in verschiedene Trakte gesperrt. Es gab Anstaltskleidung, stumpfe Arbeit, karges Essen. Das Arbeitshaus sollte nicht helfen. Es sollte abschrecken. Wer dort landete, sollte jede noch so elende Lohnarbeit draußen als Erlösung empfinden.
Charles Dickens hat es 1838 in „Oliver Twist" literarisch verewigt, den Jungen, der um einen zweiten Löffel Brei bittet und dafür behandelt wird wie ein Aufrührer. Das Publikum weinte. Das Gesetz blieb.
Der Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi hat 1944 in „The Great Transformation" beschrieben, was hier eigentlich geschah. Damit der Markt funktionieren konnte, mussten Dinge zu Waren gemacht werden, die von Natur aus keine Waren sind: der Boden, das Geld und der Mensch selbst. Polanyi nannte sie fiktive Waren. Der Mensch wird nicht als Ware geboren. Er wird dazu gemacht. Erst nimmt man ihm das Land. Dann nimmt man ihm die Armenunterstützung. Dann bleibt ihm nur noch der Arbeitsmarkt. Das nennt sich dann Freiheit.
Und jetzt lesen Sie das Prinzip der less eligibility noch einmal und denken Sie an das deutsche Lohnabstandsgebot. An die Debatte, die jedes Jahr wiederkehrt, sobald der Regelsatz um ein paar Euro steigt: Das Bürgergeld dürfe sich nicht lohnen, der Abstand zum Niedriglohn müsse gewahrt bleiben. Das ist kein neuer Gedanke. Das ist das Arbeitshaus von 1834 in der Sprache des 21. Jahrhunderts. Man hat nur die Mauern abgerissen und sie durch Bescheide ersetzt.
Die Tragödie, die keine war
Natürlich brauchte die Enteignung auch eine Rechtfertigung. Und die lieferte 1968 ein amerikanischer Biologe namens Garrett Hardin mit einem Aufsatz in der Zeitschrift „Science": „The Tragedy of the Commons", die Tragik der Allmende. Seine These: Gemeinschaftliches Eigentum führe zwangsläufig zur Übernutzung. Jeder Hirte treibe so viele Tiere wie möglich auf die gemeinsame Weide, bis sie ruiniert sei. Die Lösung: Privatisierung oder staatliche Kontrolle. Der Aufsatz wurde zu einem der meistzitierten der Wissenschaftsgeschichte. Er war das perfekte Alibi. Die Enteignung war nicht Raub, sie war Rettung. Die Armen hätten die Allmende sonst ohnehin zerstört.
Das Problem: Es stimmte nicht. Die Politikwissenschaftlerin Elinor Ostrom hat über Jahrzehnte reale Gemeingüter auf der ganzen Welt untersucht, Almen in der Schweiz, Bewässerungssysteme in Spanien, Fischgründe in der Türkei, Wälder in Japan. Ihr Befund: Gemeingüter funktionieren, über Jahrhunderte, wenn die Nutzer sie selbst verwalten und eigene Regeln aufstellen. Die Schweizer Allmenden existieren teilweise seit dem Mittelalter. Ostrom erhielt dafür 2009 als erste Frau den Wirtschaftsnobelpreis. Hardins Tragödie war keine Naturgesetzlichkeit. Sie war ein Gedankenexperiment, das die Wirklichkeit nie gefragt hat.
Aber das Gedankenexperiment hatte schon gewirkt. Es hatte jahrzehntelang Privatisierungen legitimiert, in der Dritten Welt wie in Europa. Und die Widerlegung kam, wie immer, wenn der Schaden angerichtet ist.
Die Frauen zuerst
Eine Geschichte der Einhegung wäre unvollständig ohne das, was die italienisch-amerikanische Historikerin Silvia Federici in „Caliban und die Hexe" herausgearbeitet hat. Die Allmende war nicht nur Weide und Wald. Sie war auch der Raum, in dem Frauen wirtschaftlich unabhängig sein konnten: Sie hüteten das Vieh, sammelten Kräuter, tauschten untereinander, heilten. Mit dem Zaun verloren sie diesen Raum. Und sie verloren noch mehr. Federici zeigt, wie in derselben Epoche, in der das Land eingehegt wurde, auch der Körper der Frau eingehegt wurde, zur Gebärmaschine für den Nachschub an Arbeitskräften, zur unbezahlten Hausarbeiterin, die den Lohnarbeiter versorgt. Die Hexenverfolgung traf auffällig oft genau die Frauen, die altes Wissen hatten und sich nicht fügten.
Das ist die Wurzel dessen, was ich in „Die Arbeitsfalle" als die unsichtbare Reproduktionsarbeit beschrieben habe. Die Frau, die heute ihr Kind in die Kita geben muss, weil das Jobcenter sonst kürzt, steht am vorläufigen Ende einer Linie, die mit dem Zaun um die Gemeindeweide begann.
Vom Arbeitshaus zum Jobcenter
Springen wir in die Gegenwart. Seit dem 1. Juli 2026 heißt das Bürgergeld wieder Grundsicherung, und das Gesetz hat die Logik des Arbeitshauses so konsequent zu Ende gedacht wie lange nicht. Bei einer Pflichtverletzung wird der Regelbedarf sofort um 30 Prozent gekürzt, für drei Monate. Wer dreimal einen Meldetermin versäumt, gilt als nicht erreichbar und verliert die Leistung komplett. Und es gilt wieder der Vermittlungsvorrang: Die sofortige Aufnahme irgendeiner Arbeit geht vor Weiterbildung und Qualifizierung. Irgendeine Arbeit. Hauptsache Arbeit. Der Mensch wird nicht qualifiziert, er wird verfügbar gemacht.
Das Muster vom Leseholz kehrt zurück. Was gestern ein verpasster Termin war, ist heute ein Tatbestand mit existenzvernichtender Rechtsfolge. Die Handlung ist dieselbe geblieben. Nur ihre Bewertung wurde umgeschrieben, von denen, denen der Wald gehört.
Und jetzt der Teil, der das Ganze vollends absurd macht. Ausgerechnet das IAB, das Institut, an dem Frau Matthes forscht, hat die Wirkung dieser Sanktionen untersucht. Der IAB-Forscher Markus Wolf fand heraus: Sanktionen erhöhen zwar kurzfristig die Wahrscheinlichkeit, einen Job anzunehmen, unter dem Strich aber verschlechtern sie Beschäftigungsstabilität und Einkommen. Die Sanktionierten landen in schlechteren, kürzeren, schlechter bezahlten Jobs. Eine andere IAB-Studie zeigte schon 2016, dass Geringqualifizierte ohne erkennbaren sachlichen Grund häufiger sanktioniert werden als besser Qualifizierte, weil ihnen das Wissen fehlt, sich im Behördendschungel zu wehren. Und der IAB-Direktor Bernd Fitzenberger selbst zog den Schluss:
„Eine verstärkte Sanktionierung ist kein Allheilmittel, um Beschäftigungsaufnahmen sicherzustellen."
Die Bundesagentur für Arbeit bezahlt sich also eine eigene Forschungsabteilung, die ihr bescheinigt, dass der Zwang nicht funktioniert. Und die Politik macht den Zwang trotzdem härter. Wer da noch glaubt, es gehe um Wirksamkeit, dem ist nicht mehr zu helfen. Es geht nicht darum, Arbeitslose in gute Arbeit zu bringen. Es geht darum, ein Exempel zu statuieren, damit die anderen, die noch Arbeit haben, sehen, was ihnen blüht. Das Arbeitshaus von 1834 war auch nie für die gebaut, die drinnen saßen. Es war für die gebaut, die draußen vorbeigingen.
Die Hofsoziologin
Und damit zurück zu Frau Matthes. Man muss ihr zugutehalten, dass sie an einer Stelle ehrlicher ist als die Schlagzeilen über ihr eigenes Werkzeug, den sogenannten Job-Futuromat. Sie räumt ein, dass „automatisierbar" nicht „ersetzt" heißt und dass die Zahlen eine theoretische Obergrenze sind. Geschenkt. Aber man sollte sich ansehen, wie dieses Werkzeug funktioniert. Die Steuerfachangestellten galten bis 2022 laut Futuromat als zu 100 Prozent automatisierbar. Heute sind es nur noch 50 Prozent. Warum? Weil die Ausbildungsordnung umgeschrieben wurde. Nicht die Arbeit hat sich verändert, sondern das Formular, das sie beschreibt. Das ist die Präzision, mit der hier über die Zukunft von Millionen Menschen geurteilt wird.
Dann der Satz vom Grundbedürfnis. Arbeit sei ein Grundbedürfnis, und je länger man arbeite, desto länger bleibe man gesund. Jeder Epidemiologe kennt diesen Fehlschluss. Er heißt Healthy-Worker-Effekt. Nicht die Arbeit hält gesund, sondern nur die Gesunden können weiterarbeiten. Wer krank wird, fällt heraus und verschwindet aus der Statistik der Arbeitenden. So wird aus der Selektion eine Kausalität, und aus der Kausalität eine Moral. Und dann wird aus Tätigkeit, die tatsächlich ein menschliches Bedürfnis ist, stillschweigend Erwerbsarbeit unter Zwang gemacht. Als hätten die Menschen auf der Allmende nicht gearbeitet. Sie haben gearbeitet, hart sogar. Aber für sich, für ihre Familie, für ihr Dorf. Nicht für einen Herrn, der ihnen vorher das Land genommen hatte.
Übrigens weiß das IAB auch, was die Beschäftigten selbst wollen. Nach eigenen Erhebungen des Instituts wollten 2021 49 Prozent der vollzeitbeschäftigten Frauen und 58 Prozent der Männer weniger arbeiten. Das ist mehr als die Hälfte. Grundbedürfnis Arbeit? Offenbar ein Grundbedürfnis, das die Hälfte der Betroffenen gern reduzieren würde. Aber das passt nicht ins Programm. Also deutet man es weg, redet von „Ausdifferenzierung" und individuellen Arbeitszeitmodellen, damit nur niemand auf die Idee kommt, die Verteilungsfrage zu stellen.
Und dann das Grundeinkommen als Mittel, Menschen ruhigzustellen. Frau Matthes, ruhiggestellt wurde schon einmal jemand. Die Dorfbevölkerung von England, mit Hecke und Graben. Die Bauern in Preußen, mit der Gemeinheitsteilung. Die Armen im Rheinland, mit dem Holzdiebstahlsgesetz. Die Enteigneten von 1834, mit dem Arbeitshaus. Und die Erwerbslosen von heute, mit dem Sanktionsbescheid. Die Allmende hat niemanden ruhiggestellt. Sie hat Menschen unabhängig gemacht. Ruhiggestellt hat der Zaun.
Man muss Frau Matthes nicht für dumm halten. Sie ist es nicht. Sie spricht nur von einem Ort aus, von dem aus diese Geschichte nicht erzählt werden kann. Wer im Forschungsinstitut der Bundesagentur für Arbeit arbeitet, kann nicht sagen, dass die Bundesagentur für Arbeit das Arbeitshaus des 21. Jahrhunderts ist. Helmut Schelsky hätte für sie einen Platz in seiner Priesterschaft der Sinnproduzenten gefunden. Wer die Ordnung deutet, von der er lebt, wird sie selten als Unrecht erkennen. Über diese Klasse habe ich schon am Beispiel der Wirtschaftsweisen geschrieben: Arbeit als Herrschaftsinstrument – Monika Schnitzer und die Priester der Wirtschaftsweisheit.
Wer ist hier eigentlich der Schuldner?
Jetzt kommt der Punkt, an dem sich die ganze Debatte umdreht. Seit zwanzig Jahren hört man denselben Satz: Die Leistungsbezieher lebten auf Kosten der Steuerzahler. Sie seien Schuldner der Gesellschaft. Sie müssten etwas zurückgeben. Mitwirkung, Gegenleistung, Wohlverhalten.
Aber wenn man die Geschichte des Zauns kennt, stimmt diese Rechnung nicht mehr. Wer hat hier eigentlich wem etwas genommen? Die Menschen, die heute ohne Land, ohne Gemeinwald, ohne jede Möglichkeit der Selbstversorgung dastehen, haben diese Lage nicht gewählt. Ihre Vorfahren wurden enteignet, damit andere Eigentum bilden konnten. Sie sind nicht die Schuldner. Sie sind die Gläubiger. Das habe ich in „Die eingezäunte Freiheit" begonnen, und hier schließt sich der Kreis.
Das ist übrigens keine neue Idee. Thomas Paine, einer der Gründerväter der amerikanischen Unabhängigkeit, schlug 1797 in seiner Schrift „Agrarian Justice" einen nationalen Fonds vor. Jeder Mensch sollte mit 21 Jahren eine einmalige Summe erhalten und ab 50 eine jährliche Rente, ausdrücklich als teilweise Entschädigung für den Verlust seines natürlichen Erbes durch die Einführung des privaten Grundeigentums. Paine forderte kein Almosen. Er forderte eine Entschädigung. Die Grundeigentümer sollten zahlen, weil sie das gemeinsame Erbe der Menschheit an sich gezogen hatten.
Das ist die eigentliche Herkunft des Grundeinkommens. Nicht das Ruhigstellen. Sondern die Wiedergutmachung. Das Existenzminimum ist kein Gnadenbrot, das der Staat großzügig verteilt und jederzeit kürzen darf, wenn jemand einen Termin verpasst. Es ist die Restschuld für eine Enteignung, die nie zurückgezahlt wurde. Wer sie kürzt, nimmt den Enteigneten noch einmal etwas weg. Zum zweiten Mal.
Der Einwand, der garantiert kommt
Ich höre schon die Stimmen der Ökonomen. Die Einhegungen hätten die landwirtschaftliche Produktivität enorm gesteigert, die Allmende sei ineffizient gewesen, ohne die Agrarrevolution hätte es keine Industrialisierung gegeben, und ohne Industrialisierung keinen Wohlstand. Und Wirtschaftshistoriker streiten bis heute darüber, wie groß das Ausmaß der Einhegungen wirklich war.
Mag alles sein. Aber es trifft den Punkt nicht. Ja, die Produktivität stieg. Für wen? Für die neuen Eigentümer. Der Ertrag der eingezäunten Weide floss in die Taschen derer, die den Zaun gezogen hatten, nicht derer, die vorher davon gelebt hatten. Und heute ist die Produktivität um ein Vielfaches höher als zu Paines Zeiten. Wir produzieren mehr, als wir verbrauchen können, wir produzieren für die Müllhalde, wir erfinden Arbeit, damit gearbeitet wird. Wenn der Fortschritt der Einhegung irgendetwas gerechtfertigt hätte, dann wäre heute längst genug da, um den Enteigneten ihre Restschuld auszuzahlen. Das Argument der Produktivität spricht nicht gegen die Entschädigung. Es spricht für sie.
Fazit: Der Zaun steht noch
Man hat uns erzählt, die Arbeitsgesellschaft sei das natürliche Ergebnis menschlichen Fleißes. Sie ist es nicht. Sie ist das Ergebnis eines Zauns. Erst wurde den Menschen die Welt weggenommen, die Weide, der Wald, das Holz, das Wasser. Dann wurde ihnen die Arbeit als einziger Ausweg präsentiert. Und dann wurde ihnen eingeredet, diese Arbeit sei ihr Grundbedürfnis, ihre Würde, ihr Sinn.
Napoleon hat es ohne Umschweife gesagt: Je mehr meine Völker arbeiten, umso weniger Laster wird es geben. Heute sagt man es höflicher. Man spricht von Aktivierung, Mitwirkung, Vermittlungsvorrang. Man lässt Soziologinnen erklären, dass das Grundeinkommen die Menschen ruhigstelle. Aber der Mechanismus ist derselbe wie vor fünfhundert Jahren. Erst nimmt man den Menschen die Möglichkeit, Nein zu sagen. Dann nennt man ihr erzwungenes Ja Freiheit.
Der Zaun um die Allmende wurde nie abgerissen. Er wurde nur unsichtbar gemacht. Heute besteht er aus Paragrafen, Meldeterminen, Eingliederungsvereinbarungen und Sanktionsbescheiden. Und wer ihn benennt, gilt als Träumer, als Sozialromantiker, als jemand, der von der Wirklichkeit keine Ahnung hat.
Die Wirklichkeit ist ganz einfach. Wer nichts mehr hat, muss alles annehmen. Und genau dafür wurde ihm alles genommen.
Weiterlesen:
Die eingezäunte Freiheit
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Die Arbeitsfalle: Wie der Arbeitsfetisch unsere Gesellschaft gefangen hält
Quellen und Literatur:
Thomas Morus: Utopia (1516)
Karl Marx: Debatten über das Holzdiebstahlsgesetz, Rheinische Zeitung (1842)
Karl Marx: Das Kapital, Bd. 1, Kap. 24 „Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation" (1867)
Thomas Paine: Agrarian Justice (1797)
Charter of the Forest (1217); Peter Linebaugh: The Magna Carta Manifesto (2008)
Poor Law Amendment Act (1834); Charles Dickens: Oliver Twist (1838)
Karl Polanyi: The Great Transformation (1944)
Garrett Hardin: The Tragedy of the Commons, Science (1968)
Elinor Ostrom: Governing the Commons (1990), Wirtschaftsnobelpreis 2009
Silvia Federici: Caliban und die Hexe (2004)
Böckler Impuls: Arbeitslose: Schädliche Sanktionen (zur IAB-Studie von Markus Wolf)
gegen-hartz.de: Studie zeigt: Bürgergeld-Sanktionen bringen nicht mehr Jobaufnahmen (IAB, Fitzenberger)
Deutsche Wirtschafts Nachrichten: IAB-Studie zu Arbeitszeitwünschen (2023)
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