Was du wissen musst – in 30 Sekunden:
Ein FDP-Jurist, Lobbyist bei Atos Germany und CEO des Deutschen
Vergabenetzwerks, fordert auf X die Abschaffung von Grunderwerbssteuer,
Soli und Erbschaftssteuer – und gleichzeitig die Streichung von
Bürgergeld, Energiesubventionen und NGO-Förderung. Die Wunschliste liest
sich wie ein Handbuch zur Umverteilung von unten nach oben. Der Mann
ist kein Spinner von der Straße – er sitzt an den Schaltstellen zwischen
Staat und Wirtschaft. Genau das macht den Tweet so entlarvend.
Am 3. März 2026 veröffentlichte Marco Junk, Jurist und nach eigener
Auskunft Leiter der Regierungsbeziehungen bei Atos Germany, Gründer und
CEO des Deutschen Vergabenetzwerks, Bitkom-Veteran, Ex-CDU, jetzt FDP,
einen Tweet, der es in sich hat. Eine Wunschliste:
Grunderwerbssteuer abschaffen. Soli abschaffen. Erbschaftssteuer
abschaffen. Spitzensteuersatz ab 100K. Und sehen, was an Leistung
entfesselt wird. Streichen von Energiesubventionen, Bürgergeld für
Arbeitsfähige, Alimentation Ausreisepflichtiger, NGOs – bitte ergänzen.
Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen. Da fordert ein Mann,
dessen gesamte berufliche Existenz davon lebt, dass er zwischen Staat
und Privatwirtschaft vermittelt – Regierungsbeziehungen,
Vergabenetzwerk, Lobbyverbände –, dass genau dieser Staat seine
Einnahmen zusammenstreicht. Aber nicht irgendwelche Einnahmen. Es sind
exakt die Steuern, die Vermögende und Besserverdienende betreffen:
Erbschaftssteuer, Grunderwerbssteuer, Spitzensteuersatz. Der
Solidaritätszuschlag, den ohnehin nur noch die oberen Einkommensgruppen
zahlen.
Im Gegenzug soll gestrichen werden, was die Schwächsten betrifft:
Bürgergeld, Energiesubventionen, Unterstützung für Geflüchtete, NGOs.
Die Logik ist so durchsichtig, dass man sich fragt, ob Junk sie selbst
nicht sieht – oder ob ihm einfach egal ist, dass man sie sieht.
Das Wort „Leistung" in diesem Kontext ist bemerkenswert. Es ist das
Lieblingswort einer Klasse, die unter Leistung ausschließlich das
Anhäufen von Kapital versteht. Nicht die Leistung der Pflegekraft, die
für Mindestlohn Zwölf-Stunden-Schichten schiebt. Nicht die Leistung der
alleinerziehenden Mutter, die mit Bürgergeld drei Kinder durchbringt.
Nicht die Leistung des Ehrenamtlichen in einer NGO, die Obdachlose
versorgt. Diese Leistungen sollen ja gerade gestrichen werden.
„Leistung entfesseln" – das heißt übersetzt: Wer viel hat, soll mehr
behalten. Wer wenig hat, soll sich nicht beschweren. Es ist die alte
Trickle-Down-Lüge im neuen Gewand, diesmal nicht einmal mehr verpackt in
volkswirtschaftliche Argumentation, sondern als nackte Forderungsliste
eines Mannes, der beruflich davon profitiert, dass öffentliche Aufträge
an private Unternehmen fließen.
Denn das ist der eigentliche Witz: Marco Junk leitet beim IT-Konzern
Atos die Regierungsbeziehungen. Atos, ein Unternehmen, das Milliarden
mit öffentlichen Aufträgen verdient. Sein Deutsches Vergabenetzwerk
beschäftigt sich mit – man ahnt es – der Vergabe öffentlicher Aufträge.
Der Mann lebt davon, dass der Staat Geld ausgibt. Er will nur, dass der
Staat es nicht mehr für die Falschen ausgibt. Nicht für
Bürgergeldempfänger. Nicht für NGOs. Für Atos und Konsorten hingegen
gerne weiterhin.
55.000 Aufrufe, 3.000 Likes. Es ist kein Randphänomen. Es ist die
offene Agenda einer Klasse, die sich so sicher fühlt, dass sie ihre
Umverteilungswünsche nicht einmal mehr hinter Euphemismen verstecken
muss. „Bitte ergänzen" – als wäre es ein kollektives Brainstorming, wie
man den Sozialstaat am effizientesten zerlegt.
Auch nur ein Jurist. Aber einer, der an den richtigen Hebeln sitzt.