Die Abhängigkeitsstruktur des Dritten Reichs und wer davon wusste
Von Marigny de Grilleau
Vorbemerkung
Dieser Beitrag relativiert keine NS-Verbrechen. Er stellt eine andere Frage: Wer hat die materielle Voraussetzung dafür geschaffen dass diese Verbrechen möglich wurden? Wer hat geliefert, finanziert, ermöglicht – und was sagt das über die Mechanismen aus, die hinter der offiziellen Geschichtserzählung liegen?
Das Fundament: Wem gehörte Deutschland 1933 wirklich?
Bevor wir über Finanzierung und Technologietransfer sprechen, muss eine Frage gestellt werden die in keinem Schulbuch vorkommt: Wem gehörten die deutschen Schlüsselindustrien als Hitler die Macht übernahm?
Die Antwort verändert alles.
Nach dem Ersten Weltkrieg war Deutschland wirtschaftlich am Boden. Die Reparationsforderungen des Versailler Vertrags waren nicht erfüllbar. Was folgte war kein spontaner Wiederaufbau sondern ein gezielt konstruierter Kapitaltransfer: der Dawes-Plan von 1924 und der Young-Plan von 1929, beide federführend von amerikanischen Bankiers – allen voran J.P. Morgan – ausgehandelt.
Der offizielle Zweck: Umstrukturierung der deutschen Reparationszahlungen. Der tatsächliche Effekt: Eine massive Kapitalinfusion amerikanischer und britischer Banken in die deutsche Industrie. Deutschland wurde mit Krediten geflutet – und als Sicherheit dienten die Schlüsselindustrien selbst.
Das Ergebnis war eine Eigentümerstruktur die kaum diskutiert wird:
Opel, der größte deutsche Automobilhersteller, wurde 1929 vollständig von General Motors übernommen. Als Hitler aufrüstete produzierte Opel Militärfahrzeuge – unter amerikanischer Eigentümerschaft.
Die IG Farben, der weltgrößte Chemiekonzern, war durch Verflechtungen mit Standard Oil, Du Pont und anderen amerikanischen Konzernen eng in angloamerikanische Kapitalstrukturen eingebunden. Ohne diese Verbindungen wäre weder synthetischer Treibstoff noch synthetischer Gummi – die Grundlage motorisierter Kriegsführung – produzierbar gewesen.
Die Elektro- und Stahlindustrie war über Anleihen, Beteiligungen und Lizenzverträge in einem Maß von amerikanischem und britischem Kapital abhängig das eine eigenständige Industriepolitik faktisch ausschloss.
Was bedeutet das konkret? Als Hitler 1933 Kanzler wurde übernahm er nominell einen Staat – aber die materielle Basis dieses Staates, seine Fabriken, seine Technologien, seine Produktionskapazitäten, lagen bereits zu wesentlichen Teilen unter angloamerikanischer Kapitalkontrolle.
Er konnte nicht eigenständig aufrüsten. Er konnte nur aufrüsten weil die Eigentümer und Kreditgeber dieser Industrie es zuließen. Die Entscheidung war nicht in Berlin. Sie war in New York und London.
Das ist kein Finanzierungsargument mehr. Das ist strukturelle Kontrolle von innen – direkt, handfest, mit Firmenschildern die man heute noch kennt.
Ein naheliegender Einwand: Hat Hitler diese Strukturen nicht einfach zerschlagen und enteignet? Die Antwort ist nein – und das Muster der Enteignungen belegt die These eher als sie zu widerlegen.
Hitler enteignete selektiv. Jüdische Unternehmer wurden enteignet, kleinere und mittlere Betriebe "arisiert", politische Gegner entmachtet. Aber Opel blieb bei General Motors. IG Farben blieb IG Farben. Die großen Stahlkonzerne mit internationalen Verflechtungen blieben strukturell unangetastet. Wer beißt die Hand die ihn füttert – buchstäblich, in Form von Panzerplatten, Flugzeugmotoren und synthetischem Treibstoff?
Bezeichnend ist der Vierjahresplan ab 1936: der Versuch Autarkie zu erreichen, unabhängig zu werden von externen Lieferungen. Synthetischer Treibstoff, synthetischer Gummi, Ersatzstoffe für importierte Rohstoffe. Das zeigt dass die Abhängigkeit als Problem erkannt wurde. Aber dieser Plan wurde nie vollständig umgesetzt – und das aus einem einfachen Grund: Die Technologie für diese Autarkie kam von der IG Farben, die wiederum mit Standard Oil verflochten war. Der Versuch der Unabhängigkeit führte tiefer in dieselbe Abhängigkeit hinein.
Die strukturelle Kontrolle blieb bis Kriegsende bestehen. Nicht weil Hitler es wollte. Sondern weil er ohne sie nicht existieren konnte.
Die offizielle Geschichte und ihre Lücke
Die Schulbuchversion des Dritten Reichs kennt eine klare Erzählung: Ein Land in wirtschaftlicher und politischer Krise, ein charismatischer Demagoge der die Verzweiflung der Massen nutzt, eine Partei die sich an die Macht wählt und putscht, ein Regime das Europa in den Abgrund reißt.
Was in dieser Erzählung fehlt ist die Frage nach der materiellen Grundlage. Kriege kosten. Aufrüstung kostet. Panzer brauchen Stahl, Flugzeuge brauchen Aluminium, Motoren brauchen Treibstoff, Treibstoff braucht Technologie. Deutschland 1933 war ein weitgehend verarmtes, international isoliertes Land mit beschränktem Zugang zu Rohstoffen und modernen Produktionstechnologien.
Wie wurde aus diesem Land in wenigen Jahren die stärkste Militärmacht Europas?
Kapital: Die Banken die nicht fragten
Anthony Sutton – Forschungsstipendiat an der Hoover Institution der Stanford University – hat in Wall Street and the Rise of Hitler (1976) auf Basis von Primärquellen und Kongressunterlagen dokumentiert was akademische Historiker bis heute weitgehend meiden.
Die Union Banking Corporation in New York war eng mit der deutschen Thyssen-Gruppe verbunden. Fritz Thyssen, einer der frühen und wichtigsten Financiers der NSDAP, wickelte Transaktionen über dieses Haus ab. Direktor der UBC war Prescott Bush – Vater des späteren US-Präsidenten George H.W. Bush, Großvater von George W. Bush. Die Geschäftsbeziehungen liefen weiter bis das Vermögen erst 1942 – also nach Kriegseintritt der USA – unter dem Trading with the Enemy Act eingefroren wurde.
Nicht vor dem Krieg. Im Krieg.
Auch die Rolle von Montagu Norman, Gouverneur der Bank of England, ist dokumentiert. Norman pflegte eine persönliche Freundschaft mit Hjalmar Schacht, dem Reichsbankpräsidenten und Architekten der NS-Wirtschaftspolitik. Kreditlinien flossen. Die Bank of England unterstützte die wirtschaftliche Stabilisierung des NS-Regimes in einer Phase in der internationale Isolation dieses hätte destabilisieren können.
Hinzu kommt die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel. Sie wurde 1930 gegründet als internationale Finanzinstanz. Während des gesamten Zweiten Weltkriegs operierte sie weiter – mit Direktoren aus den Kriegsparteien an demselben Tisch. Geraubtes Gold aus besetzten Ländern wurde über diesen Kanal verarbeitet. Der US-Kongress untersuchte diese Praxis 1944. Abgestellt wurde sie nicht.
Technologie: Was Deutschland nicht selbst entwickeln konnte
Suttons umfangreichstes Werk ist die dreibändige Studie Western Technology and Soviet Economic Development – aber seine Befunde zur Technologieabhängigkeit gelten in abgewandelter Form auch für das NS-Regime.
Hochoktankraftstoff für Kampfflugzeuge – ohne ihn sind Hochleistungsmotoren nicht betreibbar. Die entscheidende Technologie zur Herstellung von Tetraethylblei als Antiklopfmittel lag bei Standard Oil of New Jersey, einem Unternehmen des Rockefeller-Konzerns. Lizenzen und technisches Know-how wurden an die deutsche IG Farben weitergegeben – noch vor Kriegsbeginn, in einer Phase in der die Aufrüstung für niemanden ein Geheimnis war.
Die IG Farben selbst ist ein eigenes Kapitel. Dieser Chemiegigant war eng mit amerikanischen und britischen Kapitalinteressen verflochten. Er produzierte nicht nur synthetischen Treibstoff und Gummi – also die Grundlage für motorisierte Kriegsführung – sondern auch Zyklon B. Die amerikanischen Anteilseigner der IG Farben wussten was sie finanzierten. Die Dokumente der Nürnberger Nachfolgeprozesse belegen diese Verbindungen. Sie werden nicht gelehrt.
Fordwerke in Deutschland – eine Tochtergesellschaft des amerikanischen Ford-Konzerns – produzierten während des Krieges Fahrzeuge für die Wehrmacht. General Motors hielt Anteile an Opel, einem der wichtigsten Nutzfahrzeughersteller für den deutschen Militärbedarf. Diese Geschäfte wurden nach dem Krieg teilweise durch amerikanische Gerichte bewertet – und die Unternehmen erhielten Entschädigungen für Kriegsschäden an ihren deutschen Werken.
Entschädigungen. Für Werke die für den Feind produzierten.
Rohstoffe: Was ohne externe Lieferung nicht gegangen wäre
Deutschland verfügte über begrenzte eigene Rohstoffbasis. Öl, Mangan, Wolfram, Chrom – für eine hochmoderne Kriegswirtschaft unverzichtbar – mussten beschafft werden.
Die Neutralität der Schweiz, Schwedens und Spaniens ermöglichte Handelsbeziehungen die nominell mit dem Kriegsrecht vereinbar waren, praktisch aber die deutsche Kriegswirtschaft am Leben hielten. Schweden lieferte Eisenerz in einer Größenordnung die ohne diese Lieferungen die Stahlproduktion massiv eingeschränkt hätte. Diese Tatsachen sind bekannt. Sie werden als pragmatische Neutralitätspolitik eingeordnet. Die strukturelle Frage – wer profitierte und wer ließ es geschehen – bleibt ausgeblendet.
Standard Oil lieferte über Drittländer weiter auch nachdem die USA offiziell im Krieg mit Deutschland waren. Die amerikanische Regierung wusste davon. Einzelne Kongressabgeordnete prangerten es an. Abgestellt wurde es nicht vollständig.
Die Kernfrage die sich daraus ergibt
Ein Staat der international isoliert ist, über begrenzte Rohstoffe verfügt, von westlicher Finanztechnologie abhängig ist und ohne externe Kapitalzufuhr keine moderne Kriegswirtschaft aufbauen kann – dieser Staat ist kontrollierbar. Nicht durch Befehle. Durch Abhängigkeit.
Das bedeutet nicht zwingend dass jede Lieferung, jede Kreditlinie, jede Technologiegel ein bewusster Akt der Steuerung war. Kommerzielle Interessen, Kurzsichtigkeit, institutionelles Versagen – all das existiert. Aber es bedeutet dass diejenigen die diese Abhängigkeit kannten und weiter lieferten entweder keine Skrupel hatten, oder kalkulierten.
Und es bedeutet dass die Frage Wer hat Hitler ermöglicht? nicht mit "das deutsche Volk" vollständig beantwortet ist.
Warum diese Frage nicht gestellt wird
Wenn diese Zusammenhänge in Schulbüchern, Dokumentationsreihen und politischen Debatten auftauchten, würden sie den Fokus verschieben. Weg vom deutschen Volk als alleinigem historischem Täter. Hin zu transnationalen Kapitalstrukturen die bis heute existieren, zu Bankennetzwerken die heute noch operieren, zu Konzernlinien die in gegenwärtigen Unternehmen weiterleben.
Das ist unbequem. Nicht für die Toten. Für die Nachfolger der Profiteure.
Die selektive Geschichtsmoral – auf die ich in einem früheren Beitrag eingegangen bin – erfüllt hier ihre Funktion: Die permanente Fixierung auf Hitler als Person, auf das deutsche Volk als kollektiven Täter, auf den Nationalsozialismus als deutsches Sonderproblem verhindert genau diese Untersuchung. Wer sie trotzdem unternimmt steht sofort unter Relativierungsverdacht.
Das ist kein Zufall. Das hat Methode.
Die Bomben die nicht fielen – und was das bedeutet
Es gibt einen Beweis für die hier beschriebene Struktur der keiner Archivrecherche bedarf. Er ist geografisch nachprüfbar, militärhistorisch dokumentiert, und wird trotzdem nicht gestellt als Frage.
Die alliierten Bomberverbände hatten ab 1943 die Kapazität weite Teile der deutschen Rüstungsindustrie zu zerstören. Sie taten es nicht konsequent. Die Leuna-Werke – Herzstück der synthetischen Treibstoffproduktion der IG Farben, absolut kriegsentscheidend – wurden erst spät und unvollständig angegriffen. Schwerindustrielle Kernbetriebe im Ruhrgebiet produzierten bis tief in den Krieg hinein.
Dresden hingegen – keine relevante Rüstungsstadt, kulturelles Zentrum, überfüllt mit Flüchtlingen – wurde im Februar 1945 in einer Feuersturmnacht mit zehntausenden Zivilistentoten vernichtet. Wochen vor dem militärischen Ende das längst entschieden war.
Wer entschied was bombardiert wurde und was nicht? Das sind keine taktischen Zufälle. Das sind strategische Entscheidungen auf höchster Ebene. Und auf dieser Ebene gibt es keine Zufälle.
Die Antwort liegt in der Eigentümerstruktur. Amerikanische Konzerne hatten Beteiligungen, Lizenzverträge und Kapitalinteressen an genau jenen Anlagen die weitgehend verschont blieben. Man bombardierte nicht das eigene Eigentum. Man bombardierte was man nach dem Krieg nicht mehr brauchen würde.
Hinzu kommt was über Schatten- und Mittelsmänner dieser Konzerne dokumentiert ist: Sie standen nicht außerhalb des Systems. Sie standen mittendrin. IG Farben errichtete eine eigene Produktionsanlage direkt neben Auschwitz – mit Zwangsarbeitern aus dem Lager. Das war kein Betriebsunfall. Das war kalkuliertes Geschäftsmodell. Die Verantwortlichen wussten was um sie herum geschah. Sie haben mitgemacht.
In den Nürnberger Nachfolgeprozessen wurden IG Farben-Direktoren verurteilt. Bereits 1951 waren die meisten begnadigt. Vermögen wurde zurückgegeben. Die Industrie lief weiter – nun im Dienst anderer Konflikte, anderer Märkte, anderer Kriege.
Derselbe Mechanismus. Neues Etikett.
Ausblick: Was nach 1945 geschah
Dieser Artikel endet hier – aber die Geschichte nicht. Die Schlüsselindustrien die den Zweiten Weltkrieg ermöglichten wurden nach 1945 nicht zerschlagen. Sie wurden umgewidmet. Korea, Vietnam, Kongo – die Munition, die Fahrzeuge, die Technologie kamen irgendwoher. Und die Eigentümerstrukturen die 1933 existierten lebten in neuen Formen weiter.
Wer verschont wurde – und warum – ist die Eingangsfrage des nächsten Teils.
Quellen und weiterführende Literatur
- Anthony Sutton: Wall Street and the Rise of Hitler (1976)
- Anthony Sutton: Western Technology and Soviet Economic Development, 3 Bände (1968–1973)
- Carroll Quigley: Tragedy and Hope (1966)
- Guido Giacomo Preparata: Conjuring Hitler – How Britain and America Made the Third Reich (2005)
- Charles Higham: Trading with the Enemy (1983)
- Nürnberger Nachfolgeprozesse, Fall VI: IG Farben (1947–1948)