Lassen Sie mich mit einer einfachen Frage beginnen, auf die mir bis heute niemand eine überzeugende Antwort gegeben hat:
Wenn jede Generation ihr eigenes Geld auf ein Konto einzahlt und im Alter wieder herauszieht – wo genau ist dann das Problem?
Kein demografisches Problem. Kein Generationenkonflikt. Kein Schneeballsystem. Einfach: reinzahlen, ansparen, rausholen. Von Generation zu Generation. Fertig.
Dass diese naheliegendste aller Lösungen in der gesamten deutschen Rentendebatte nicht einmal als Option auf dem Tisch liegt – nicht bei Merz, nicht bei Scholz, nicht bei den Grünen, nicht bei der Linken, nicht bei den sogenannten Rentenexperten in den Talkshows – das allein sollte Sie stutzig machen.
Mich hat es stutzig gemacht. Also habe ich nachgeschaut, wie das eigentlich angefangen hat.
Bismarck: Es ging schon mal
1889 führte Bismarck die gesetzliche Rentenversicherung ein. Nicht aus Menschenliebe – das wäre bei Bismarck eine erstaunliche Unterstellung –, sondern um die Arbeiterklasse ruhigzustellen. Geschenkt. Aber das System selbst, das er einführte, war im Kern kapitalgedeckt. Ein Mischsystem, ja, mit staatlichen Zuschüssen, aber mit einer starken Kapitaldeckungskomponente. Das heißt: Die Beiträge wurden angespart. Es entstand ein Kapitalstock. Und dieser Kapitalstock gehörte – zumindest mittelbar – den Beitragszahlern.
Das funktionierte. Jahrzehntelang.
Es hatte allerdings aus Sicht der Mächtigen einen unangenehmen Nebeneffekt: Da lag ein wachsender Berg Geld, auf den der Staat nicht ohne Weiteres zugreifen konnte. Merken Sie sich diesen Punkt. Er wird gleich wichtig.
Der erste Raub: Krieg und Inflation
Dann kamen die Kriege, und mit den Kriegen kamen die Kriegsanleihen. Die Kapitalreserven der Rentenversicherung – das angesparte Geld der Beitragszahler, wohlgemerkt – wurden in die Finanzierung der Rüstungsindustrie umgeleitet. Krupp, Thyssen, IG Farben, die gesamte Schwerindustrie: Sie alle erhielten Geld, das eigentlich den Rentnern von morgen gehörte. Für Waffen, Munition und Kriegsgerät.
Nun steht in jedem Geschichtsbuch, in jedem Schulbuch, in jeder Sonntagsrede, dieses Vermögen sei durch die Kriege und die Inflationen „vernichtet" worden. Das Geld war halt weg. Pech gehabt. Schicksal. Höhere Gewalt.
Darf ich Ihnen etwas verraten? Das ist gelogen.
Kapital wird nicht vernichtet. Kapital wechselt den Besitzer.
Die Industriellen – die Quandts, die Flicks, die Thyssens, die Krupps – hatten nach beiden Kriegen ihre Fabriken. Beschädigt, teilweise, ja. Aber vorhanden. Sie hatten ihre Patente. Ihren Grundbesitz. Ihre Netzwerke. Ihr Know-how. Und sie hatten – das ist der entscheidende Punkt – das Geld der Rentenkasse erhalten und in Sachwerte verwandelt. In Stahl, in Maschinen, in Gebäude, in Produktionsanlagen.
Das sogenannte Wirtschaftswunder der 1950er Jahre fiel nicht vom Himmel. Es wurde auf exakt diesen Strukturen aufgebaut, von exakt denselben Akteuren und deren Erben. Die fanden sich in der jungen Bundesrepublik als Wirtschaftsführer wieder – nicht etwa als Schuldner gegenüber den Rentenversicherten, deren Kapital sie verbraucht hatten.
Und die Inflation? Inflation vernichtet keine Werte. Sie entwertet Geldansprüche. Papierforderungen. Wer Sachwerte hielt – Immobilien, Fabriken, Land – kam gestärkt aus jeder Inflation heraus. Wer Papierforderungen hielt – die kleinen Leute, die Sparer, die Beitragszahler – verlor alles.
Das ist kein Unglück. Das ist ein Transfermechanismus. Von unten nach oben. Zweimal hintereinander. Und anschließend in den Geschichtsbüchern als „Vernichtung" kaschiert, damit niemand fragt, wer eigentlich der Empfänger war.
Der zweite Raub: Adenauer 1957
Nach dem Zweiten Weltkrieg hätte man das kapitalgedeckte System wieder aufbauen können. Man hätte das Kapital dort zurückholen können, wo es gelandet war: bei den Industriellen, bei den Sachwertbesitzern, bei den Profiteuren der Kriegswirtschaft. Vermögensabgaben, Sondersteuern, eine echte Lastenumverteilung – das wäre der gerechte Weg gewesen.
Adenauer ging einen anderen Weg. 1957 führte er das Umlageverfahren ein. Die Jungen zahlen für die Alten. Sein berühmter Satz dazu: „Kinder kriegen die Leute immer."
Nun muss man – um die ganze Dimension dieser Entscheidung zu begreifen – den historischen Kontext sehen, und der macht die Sache nicht besser, sondern schlimmer. Wir befinden uns auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges. Die westdeutsche Industrie gilt als Bollwerk gegen den Kommunismus. Eine massive Belastung der Industriellen durch Vermögensabgaben zugunsten der Rentenkasse? Politisch undenkbar. Man brauchte Krupp und Thyssen und Co. als wirtschaftliches Rückgrat der Westbindung. Man brauchte die Industrie stark, nicht belastet.
Verstehen Sie, was hier passiert? Dieser Kontext ist kein mildernder Umstand. Er ist der Beweis. Man wusste genau, was man tat. Man kannte die Alternative. Man wusste, dass ein Umlageverfahren nur funktioniert, solange die Bevölkerung wächst. Und man wählte – bewusst, dokumentiert, nicht aus Versehen – die Variante, die das Kapital schonte und die Last auf die nächste Generation von Arbeitnehmern abwälzte.
Die erste Rentnergeneration im neuen Umlageverfahren erhielt Leistungen, die durch keine einzige Einzahlung in dieses System gedeckt waren. Das ist – mit Verlaub – die Struktur eines Schneeballsystems. Es funktioniert, solange genügend Neue nachkommen. Und wenn nicht mehr genügend nachkommen, nennt man das „demografische Krise" und tut so, als habe das niemand ahnen können.
Der inszenierte Generationenkonflikt
Und wenn nicht mehr genügend Neue nachkommen? Dann braucht man einen Schuldigen. Aber bitte nicht den richtigen.
Seit Jahren wird ein Feindbild kultiviert: der gierige „Boomer". Die Generation, die alles hatte, nichts übrig ließ und jetzt auf Kosten der Jungen ihre Renten kassiert. „OK Boomer" als Totschlagargument. Wohnungsnot, stagnierende Reallöhne, kein Vermögensaufbau – und an allem sind die Alten schuld.
Der Frust der Jungen ist berechtigt. Aber er wird in die falsche Richtung gelenkt. Nach unten, auf die Rentnergeneration, statt nach oben, auf die Strukturen und Profiteure, die dieses System so konstruiert haben, dass es zwangsläufig in genau diesem Konflikt enden musste.
Denn was genau haben „die Boomer" getan? Sie sind zur Arbeit gegangen. Haben Beiträge gezahlt. Jahrzehntelang. In ein System, das ihnen versprochen hat, dass sie im Alter versorgt sein werden. Sie haben dieses System nicht gebaut. Sie wurden hineingeboren und haben funktioniert, wie es von ihnen erwartet wurde.
Solange Junge und Alte sich gegenseitig die Butter auf dem Brot nicht gönnen, fragt niemand die einzig relevante Frage: Wo ist das Geld eigentlich hin? Wer hat es genommen? Und warum wurde es nie zurückgegeben?
Das Umlageverfahren braucht diesen Generationenkonflikt. Er ist keine bedauerliche Nebenwirkung – er ist eingebaute Systemfunktion. Teile und herrsche. Älter als Rom, wirksamer denn je.
Die Legende: „Generationenvertrag"
Den Vorgang anschließend in „Generationenvertrag" umzutaufen, war – man muss es so sagen – ein Geniestreich der politischen Kommunikation.
Ein Vertrag, den niemand unterschrieben hat. Dessen Konditionen jederzeit einseitig vom Staat geändert werden. Der den eigentlichen Vorgang vollständig unsichtbar macht: Erst nimmt das Kapital sich das Geld der Beitragszahler. Dann wird die Last nicht dem Kapital zurückgegeben, sondern auf die nächste Arbeitergeneration umgelegt. Und das Ganze heißt dann „Solidarität".
Die offizielle Erzählung lautet seither: 1957 war ein großer sozialer Meilenstein. Adenauer schenkte den Rentnern die „dynamische Rente" und die Teilhabe am Wirtschaftswunder. Das Kapital war nach Krieg und Inflation leider weg – Pech, aber jetzt ist alles fair und solidarisch.
Das ist der Gründungsmythos der Bundesrepublik als „soziale Marktwirtschaft". Er wird von allen getragen – CDU, SPD, Grüne, Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände, Medien, Schulbücher, Bundeszentrale für politische Bildung. Er darf nicht hinterfragt werden. Denn wenn er fällt, fällt die Erkenntnis: Das gesamte „soziale Modell" steht auf einem Raub, der nie rückgängig gemacht wurde.
Warum nicht zurück? Drei Buchstaben: Macht
Die Frage, die sich aufdrängt: Wenn das Umlageverfahren so offensichtlich dysfunktional ist – warum kehrt man nicht zum kapitalgedeckten System zurück?
Die Antwort ist einfach, und sie hat nichts mit Ökonomie zu tun.
Im Umlageverfahren fließt das Geld durch die Hände des Staates. Der Staat verteilt es, kontrolliert es, ändert die Regeln. Es gibt keinen individuellen Eigentumsanspruch auf das eingezahlte Kapital – nur einen politisch definierten Anspruch auf eine politisch festgelegte Leistung. Übersetzt heißt das: Wer die Renten kontrolliert, kontrolliert Millionen Wähler. Jede Rentenerhöhung ist ein Wahlgeschenk. Jede Rentenkürzung eine Drohung. Das ist eine Machtposition, die kein Politiker freiwillig aufgibt.
In einem kapitalgedeckten System mit individuellen Konten gäbe es nichts zu verteilen. Nichts zu versprechen. Nichts, womit man Wahlen gewinnt. Die Rente wäre einfach das, was auf dem Konto liegt. Transparent. Nachvollziehbar. Dem politischen Zugriff entzogen.
Und genau deshalb wird es nicht passieren.
Die Gegenwart: Das Schlechteste aus beiden Welten
Aber es kommt noch besser (oder schlechter, je nach Perspektive).
Man hat inzwischen das Schlechteste aus beiden Welten kombiniert. Im Umlageverfahren: keine individuelle Eigentumsposition, volle politische Verfügungsgewalt. Und parallel dazu, als angebliche Ergänzung: Riester, Rürup, betriebliche Altersvorsorge, und jetzt noch das „Generationenkapital" – ein staatlicher Aktienfonds, finanziert mit Schulden, der Renditen an den Kapitalmärkten erzielen soll.
Bei der privaten Zusatzvorsorge schöpft die Finanzindustrie über Gebühren, Provisionen und Verwaltungskosten einen erheblichen Teil der Erträge ab. Riester ist zum Paradebeispiel geworden: Eine angebliche „Stärkung der Eigenvorsorge", die in Wahrheit ein Subventionsprogramm für die Versicherungswirtschaft war.
Der Beitragszahler verliert also die Kontrolle über sein Geld in beide Richtungen gleichzeitig: an den Staat und an die Finanzindustrie. Und falls Sie jetzt denken, das sei ein unglücklicher Zufall – nein. Es nützt beiden Seiten.
Die erlaubte Debatte
Nun gibt es in der öffentlichen Debatte über die Rente durchaus Kritik. Sogar scharfe Kritik. Die klingt dann so: „Das Umlageverfahren hat demografische Probleme." „Die Jungen zahlen zu viel." „Wir brauchen mehr Kapitaldeckung, eine Aktienrente, ein höheres Renteneintrittsalter."
Alles erlaubt. Alles technisch. Alles reformistisch. Alles innerhalb des Systems.
Die eine Frage, die nie gestellt wird, lautet: Warum wurde 1957 bewusst nicht das kapitalgedeckte System wiederhergestellt – obwohl man die Alternative kannte?
Wer diese Frage stellt, verlässt den erlaubten Korridor. Und wer ihn verlässt, wird nicht widerlegt. Er wird aussortiert. Die Labels stehen bereit: „Populist", „Verschwörungsideologe", „Systemfeind". Dann muss man sich mit den Argumenten nicht mehr befassen.
Und wer von außerhalb des institutionellen Rahmens kommt – ohne Lehrstuhl, ohne Redaktionsausweis, ohne die richtigen Verbindungen – für den gibt es noch ein paar zusätzliche Labels. „Bildungsfern." „Sozialschmarotzer." Die definieren Kompetenz über Zugehörigkeit, nicht über Argumente. Wessen Einwände man nicht ernst nehmen muss, dessen Einwände braucht man auch nicht zu widerlegen. Praktisch, nicht wahr?
Und „Sozialschmarotzer" ist dabei besonders perfide: Erst wird über Generationen das Geld aus dem System nach oben transferiert. Dann werden die Geschädigten für die Folgen verantwortlich gemacht. Der Raub wird zum Charakterdefizit des Beraubten umgedeutet. Das ist keine Sozialpolitik. Das ist Herrschaftstechnik.
Was stattdessen möglich wäre
Jede Generation zahlt auf ihr eigenes Konto ein. Jede Generation bekommt heraus, was sie eingezahlt hat. So viel in den Topf reinkommt, kann ausgezahlt werden.
Ja, der Übergang würde kosten. Eine Generation müsste doppelt tragen – für die aktuellen Rentner und für den eigenen Aufbau. Man könnte das über 30 bis 40 Jahre strecken. Man könnte es über zeitlich begrenzte Staatsverschuldung finanzieren.
Und jetzt kommt der Witz: Der Staat verschuldet sich bereits. Massiv. Über 100 Milliarden jährlich fließen als Bundeszuschuss in die Rentenversicherung. Tendenz: steigend. Ende: nicht absehbar. Diese Verschuldung ist strukturell permanent.
Eine Verschuldung für den Systemwechsel hingegen wäre endlich gewesen. Irgendwann abgezahlt. Erledigt.
Man hat sich für die permanente Verschuldung entschieden. Nicht weil sie billiger ist. Sondern weil sie die Kontrolle beim Staat belässt.
Der Leser mag selbst beurteilen, was das über dieses System aussagt.
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