Suche

Freitag, 6. März 2026

Die eingezäunte Freiheit – Teil II: Die Schuld, die keine ist

 


Warum der Arbeitslose der Gläubiger ist, der Steuerzahler der Mitgefangene – und das Geldsystem beide braucht


Dies ist Teil II von „Die eingezäunte Freiheit – Wie der Staat erst alles nimmt und dann Gehorsam verlangt"


Was du wissen musst – in 30 Sekunden:

„Die leben auf unsere Kosten" – dieser Satz ist die wirksamste Lüge des Systems. Der Arbeitslose ist kein Empfänger. Er ist ein Durchlauferhitzer. Das Geld fließt durch ihn hindurch – an Vermieter, Konzerne, Maßnahmeträger, und am Ende als Zins an die Gläubiger des Staates. In einem Geldsystem, in dem jeder Euro als Kredit entsteht, muss es Verlierer geben. Der Arbeitslose ist kein Systemfehler. Er ist eine Systemnotwendigkeit. Und der Steuerzahler, der auf ihn herabblickt, sitzt im selben Käfig – nur auf einer anderen Stange.


I. Der Durchlauferhitzer

563 Euro Regelsatz. Das ist der Betrag, den ein alleinstehender Mensch im Bürgergeld bekommt. Die Debatte dreht sich darum, ob das zu viel ist oder zu wenig, ob man dafür arbeiten muss oder nicht, ob das „alimentiert" heißen darf oder „Grundsicherung".

Keiner fragt, wohin das Geld fließt.

Die 563 Euro bleiben nicht beim Arbeitslosen. Sie sind am Monatsende weg. Restlos. Auf den Cent. Sie fließen an den Vermieter, an Aldi und Lidl, an den Energiekonzern, an die Telekom, an die Stadtwerke. Von dort fließen sie als Umsatz, als Gewinn, als Steuer weiter – und irgendwann, am Ende jeder Kette, landen sie als Zins bei den Gläubigern des Staates, bei den Banken, bei den Fonds, bei den Vermögensverwaltern.

Der Arbeitslose ist nicht der Endpunkt des Geldflusses. Er ist eine Station. Ein Durchlauferhitzer. Das Geld wird durch ihn hindurchgeschleust – und an jedem Punkt auf diesem Weg verdient jemand daran. Der Vermieter. Der Discounter. Der Energiekonzern. Der Maßnahmeträger. Der Sachbearbeiter. Der Sozialrichter. Die Bank.

Und am Ende sagt man dem Durchlauferhitzer: Du bist der Schmarotzer.


II. Ein Bäcker, eine Bank, eine Lektion

Um zu verstehen, warum das so ist, muss man dorthin gehen, wo in der politischen Debatte niemand hingehen will: an das Fundament. An die Frage, wie Geld entsteht.

Stell dir einen Bäcker vor. Er will eine Bäckerei eröffnen. Er braucht 200.000 Euro. Er geht zur Bank. Die Bank prüft, nickt, und überweist ihm das Geld. Ab jetzt hat der Bäcker 200.000 Euro Schulden – plus Zins. Sagen wir 4 Prozent über 30 Jahre. Also schuldet er der Bank über die Laufzeit nicht 200.000, sondern fast 400.000 Euro. Das Doppelte.

Hier ist die Frage, die alles verändert: Woher hat die Bank die 200.000 Euro genommen?

Die meisten Menschen glauben: aus den Einlagen anderer Sparer. Das ist falsch. Die Deutsche Bundesbank selbst schreibt es schwarz auf weiß: Geschäftsbanken schaffen Geld „per Buchungssatz". Das heißt: Die Bank hatte das Geld nicht. Sie hat es im Moment der Kreditvergabe erzeugt. Buchungssatz: Forderung an Verbindlichkeit. Ein Tastendruck. Das Geld existierte vorher nicht.

Jetzt arbeitet der Bäcker. Dreißig Jahre lang. Er steht um drei Uhr morgens auf, er knetet, er backt, er verkauft. Er zahlt seine Rate. Monat für Monat. Jahr für Jahr. Am Ende hat er fast 400.000 Euro gezahlt – für 200.000 Euro, die vorher nicht existierten und die per Tastendruck erzeugt wurden.

Und wenn er Pech hat – wenn die Kunden ausbleiben, wenn eine Krise kommt, wenn der Discounter nebenan Brötchen für 15 Cent verkauft – dann kann er seine Rate nicht mehr zahlen. Die Bank kündigt den Kredit. Der Bäcker verliert alles: den Laden, die Geräte, das Gebäude, seine Altersvorsorge. Die Bank bekommt die realen Werte – die Immobilie, die Maschinen. Erschaffen mit den Händen des Bäckers. Bezahlt für Geld, das aus einem Buchungssatz stammt.

Reale Arbeit gegen virtuelle Zahlen. Das ist kein Marktversagen. Das ist das Geschäftsmodell.


III. Das Spiel, das Verlierer braucht

Jetzt kommt der Punkt, an dem es grundsätzlich wird.

In unserem System entsteht Geld ausschließlich durch Kredit. Jeder Euro, der in Umlauf ist, wurde irgendwann als Schuld geboren. Und jeder dieser Euro muss mit Zins zurückgezahlt werden. Die Bank schöpft 200.000 – aber sie will fast 400.000 zurück. Die fehlenden 200.000 existieren nicht. Sie müssen aus anderen Krediten kommen. Die wiederum erzeugen neue Zinsforderungen. Und so weiter. Und so weiter.

Nun wird ein Volkswirt einwenden: Aber die Zinsen verschwinden doch nicht! Die Bank gibt sie wieder aus – als Gehälter, als Miete, als Investition. Das Geld fließt zurück in den Kreislauf. Mathematisch stimmt das. Praktisch nicht.

Denn die Zinsen fließen nicht gleichmäßig zurück. Sie fließen nach oben. Sie konzentrieren sich. Der Bankvorstand gibt sein Gehalt nicht bei demselben Bäcker aus, der seinen Kredit nicht mehr bedienen kann. Das Geld fließt in Immobilien, in Fonds, in Vermögenswerte, die wiederum Rendite abwerfen – weitere Zinsen, weitere Konzentration. Es entsteht ein Sog nach oben, der mathematisch nicht zu stoppen ist, solange Geld als verzinster Kredit entsteht.

Das Ergebnis: Der Kuchen wächst, aber die Stücke werden nicht gleichmäßig verteilt, sondern immer ungleicher. Und irgendwann – nicht als Unfall, sondern als Gesetzmäßigkeit – können die unteren Ränge ihre Schulden nicht mehr bedienen. Nicht weil sie versagt haben, nicht weil sie faul waren, nicht weil sie falsche Entscheidungen getroffen haben – sondern weil das Geld, das sie bräuchten, sich oben konzentriert hat und nicht mehr herunterkommt.

Es ist Reise nach Jerusalem, bei der in jeder Runde mehr Stühle verschwinden. Und dann beschimpft man die, die stehen bleiben, als Versager.

Der Arbeitslose ist das mathematische Ergebnis des Geldsystems. Nicht sein Fehler. Sein Produkt.


IV. Die Reservearmee – oder: Warum der Arbeitslose dem Arbeitgeber Milliarden spart

Aber der Arbeitslose ist nicht nur ein unvermeidliches Abfallprodukt. Er erfüllt eine Funktion. Eine hochprofitable Funktion.

Marx nannte es die „industrielle Reservearmee", aber man muss kein Marxist sein, um die Mechanik zu begreifen. Sie ist reine Marktlogik: Je mehr Menschen um eine Stelle konkurrieren, desto niedriger der Preis der Arbeit. Je größer die Angst vor dem Abstieg, desto mehr schluckt der Beschäftigte – schlechte Löhne, unbezahlte Überstunden, befristete Verträge, sinnentleerte Arbeit, krankmachende Bedingungen.

Der Arbeitslose ist nicht das Gegenteil des Arbeitnehmers. Er ist seine Existenzbedingung. Ohne die Drohung, selbst auf der anderen Seite zu landen, hätte der Arbeitnehmer Verhandlungsmacht. Er könnte Nein sagen. Er könnte Bedingungen stellen. Er könnte gehen.

Genau deshalb wurde Hartz IV geschaffen. Nicht um Arbeitslose in Arbeit zu bringen – das war die Fassade. Sondern um die Fallhöhe zu maximieren. Je brutaler das Schicksal derer da unten, desto gefügiger die da oben. Das hat Peter Hartz nicht einmal verheimlicht. Gerhard Schröder hat auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos damit geprahlt, dass Deutschland den „effizientesten Niedriglohnsektor" geschaffen habe. Die Arbeitgeberverbände haben applaudiert.

Das bedeutet: Der Arbeitslose spart dem Arbeitgeber Milliarden. Er drückt die Löhne aller. Er ist das unsichtbare Druckmittel hinter jeder Gehaltsverhandlung, hinter jeder unbezahlten Überstunde, hinter jedem befristeten Vertrag.

Und genau dieser Mensch – der eine systemische Funktion erfüllt, von der Milliarden an Profiten abhängen – wird als Schmarotzer beschimpft.


V. Die Armutsindustrie

Um den Arbeitslosen herum ist eine ganze Industrie entstanden, die von seiner Existenz lebt. Und zwar wesentlich besser als er selbst.

Jobcenter beschäftigen über 100.000 Mitarbeiter. Maßnahmeträger kassieren Milliarden für Eingliederungsmaßnahmen, deren Wirksamkeit nie belegt wurde – Bewerbungstrainings für Menschen, die seit zwanzig Jahren Bewerbungen schreiben; Computerkurse, in denen Fünfzigjährige lernen, wie man eine E-Mail verschickt. Sozialgerichte verhandeln jährlich Hunderttausende Klagen gegen fehlerhafte Bescheide – jede einzelne ein Verwaltungsakt, der Personal, Richter, Anwälte, Gutachter beschäftigt. Vermieter kassieren die Kosten der Unterkunft direkt vom Amt. Beratungsfirmen optimieren Jobcenter für Millionenhonorare.

Der Arbeitslose bekommt 563 Euro. Der Sachbearbeiter, der ihn verwaltet, bekommt 3.500. Der Maßnahmeträger bekommt 10.000 pro Teilnehmer. Der Sozialrichter bekommt 6.000. Die Beratungsfirma bekommt Millionen.

Wer lebt hier auf wessen Kosten?


VI. Der Steuerzahler im selben Käfig

Und jetzt die Wendung, die in der Debatte nie vollzogen wird. Denn das System hetzt nicht nur oben gegen unten – es hetzt die Eingezäunten gegeneinander.

Der Steuerzahler, der sagt „Die leben auf meine Kosten" – in welcher Freiheit lebt er eigentlich? Und vor allem: Was ist das für Geld, das er „seins" nennt?

Sein Lohn wurde bezahlt von einem Unternehmen, das dafür einen Kredit aufgenommen hat – oder von Kunden, die mit Kreditgeld bezahlt haben. Es gibt keinen einzigen Euro in diesem System, der nicht als Schuld geboren wurde. Keinen. Der Lohn ist Schuldgeld. Die Steuer, die davon abgeht, ist Schuldgeld. Die Sozialleistung, die davon bezahlt wird, ist Schuldgeld. Es gibt kein sauberes, schuldenfreies, „verdientes" Geld. Es existiert nicht. Alles Geld in diesem System ist ausnahmslos über Kredite entstanden – und muss mit Zins zurückgezahlt werden.

Und mit diesem Geld – das selbst eine Schuld ist – zeigt der Steuerzahler auf den Arbeitslosen und sagt: Du lebst auf meine Kosten. Auf Kosten von was? Von Geld, das einer Bank gehört?

Er arbeitet vierzig Jahre. Davon arbeitet er statistisch bis Mitte Mai jeden Jahres nur für den Staat – Einkommensteuer, Mehrwertsteuer, Sozialabgaben. Dann arbeitet er weitere Monate für die Bank – Hypothek, Autokredit, Konsumentenkredit, Dispo. Dann arbeitet er für den Vermieter, falls er keine Wohnung besitzt. Was bleibt, ist das, was er sein „verdientes Geld" nennt – aber auch dieser Rest ist Schuldgeld. Es war nie seins. Es war immer eine Schuld.

Auch der Steuerzahler ist eingezäunt. Auch er hat keinen Zugang zu Land, zu Ressourcen, zu Selbstversorgung. Auch er muss seine Arbeitskraft verkaufen, um zu überleben. Auch er ist austauschbar, auch er ist ersetzbar, auch er lebt in permanenter Angst – vor der Kündigung, vor der Krankheit, vor dem Abstieg. Auch sein Geld ist als Kredit entstanden. Auch er bedient mit jedem Einkauf, jeder Mietzahlung, jeder Rate die Zinsforderungen des Systems.

Der Unterschied zwischen dem Steuerzahler und dem Arbeitslosen ist nicht der zwischen Leistungsträger und Schmarotzer. Es ist der Unterschied zwischen zwei Gefangenen im selben Käfig – nur sitzt der eine auf einer etwas höheren Stange. Und anstatt sich zu fragen, wer den Käfig gebaut hat und warum, hackt er auf den ein, der unter ihm sitzt.

Genau das ist gewollt. Die Spaltung zwischen Arbeitenden und Nicht-Arbeitenden ist kein Zufall und kein Kulturphänomen. Sie ist eine Herrschaftstechnik. Solange die Eingezäunten einander bekämpfen, schauen sie nicht nach oben. Solange der Steuerzahler den Arbeitslosen hasst, fragt er nicht, warum sein Geld als Schuld entsteht. Solange die Mutter im Bürgergeld als Feindbild taugt, bleibt die Geldschöpfung unsichtbar.


VII. Wer sind hier die Schmarotzer?

Und jetzt reden wir über Zahlen. Echte Zahlen.

In jedem Produkt, das du kaufst, steckt ein Zinsanteil. In der Miete, im Brot, im Strom, im Busticket. Denn jeder Produzent, jeder Vermieter, jeder Händler hat Kredite aufgenommen – und die Zinsen dafür stecken im Preis. Du zahlst sie mit, bei jedem Einkauf, bei jeder Rechnung. Helmut Creutz hat das durchgerechnet, andere Ökonomen haben es bestätigt: Der versteckte Zinsanteil in allen Preisen liegt bei durchschnittlich 30 bis 35 Prozent.

Die privaten Konsumausgaben in Deutschland betragen rund 2 Billionen Euro im Jahr. 30 bis 35 Prozent davon sind Zinsen, die in den Preisen versteckt sind. Das sind rund 600 bis 700 Milliarden Euro. Jedes Jahr. Sie fließen von unten nach oben – von den Konsumenten zu den Kapitaleignern, von denen, die arbeiten, zu denen, die besitzen.

700 Milliarden Euro. Jedes Jahr. Von allen zu wenigen.

Und dagegen steht die gesamte Arbeitslosenhilfe: rund 50 Milliarden Euro im Jahr.

50 Milliarden gegen 700 Milliarden. Die Sozialleistungen sind nicht einmal ein Fünfzehntel dessen, was über den versteckten Zinsanteil Jahr für Jahr nach oben umverteilt wird. Und es sind die 50 Milliarden, über die sich die Nation empört. Nicht die 700 Milliarden.

Hast du jemals einen Steuerzahler gehört, der sagt: „Die Zinsempfänger, die leben auf meine Kosten"? Hast du jemals einen Unternehmer gehört, der sagt: „Die Banken schmarotzen mich aus"? Hast du jemals einen Politiker gehört, der sagt: „Das eigentliche Alimentierungsproblem sind nicht 563 Euro Regelsatz, sondern 700 Milliarden Euro versteckte Zinsen"?

Nein. Hast du nicht. Wirst du nicht. Denn die Debatte ist so konstruiert, dass der Blick immer nach unten geht – auf die 563 Euro – und niemals nach oben – auf die 700 Milliarden.

Wer schmarotzt hier wen?

VIII. Das politische Tabu

Und damit sind wir an dem Punkt, an dem die politische Analyse endet und das Tabu beginnt.

Es gibt kein Parteiprogramm in Deutschland – keines einer einzigen im Bundestag vertretenen Partei –, das die Geldschöpfung durch Geschäftsbanken thematisiert. Nicht die CDU, nicht die SPD, nicht die Grünen, nicht die FDP, nicht die Linke, nicht die AfD. Keine einzige. Die fundamentalste Machtstruktur dieser Gesellschaft – wer das Geld erzeugt, unter welchen Bedingungen, und wer daran verdient – ist politisch unantastbar.

Stattdessen wird über Sanktionen diskutiert. Über Regelsätze. Über Zumutbarkeit. Über die Frage, ob eine Mutter mit einem einjährigen Kind arbeiten gehen muss. Man streitet über die Tapete in einem Haus, dessen Fundament niemand sehen will.

Denn wer das Fundament sieht, erkennt: Die ganze Debatte über Sozialschmarotzer, über Leistung und Gegenleistung, über Fördern und Fordern – sie findet innerhalb eines Rahmens statt, der selbst nie zur Diskussion steht. Es ist wie ein Streit unter Häftlingen darüber, wer die beste Zelle hat, während keiner fragt, warum sie alle im Gefängnis sitzen.


IX. Die dreifache Lüge

„Die leben auf unsere Kosten." Dieser Satz enthält drei Lügen:

Er verschweigt die historische Schuld. Wer auf seine natürlichen Lebensgrundlagen verzichten musste – auf Land, Wald, Wasser, Gemeinschaft, Selbstversorgung – der hat eine Vorleistung erbracht. Eine unfreiwillige, nie vergütete, nie anerkannte Vorleistung. Er hat alles hergegeben, damit dieses System existieren kann. Das Existenzminimum ist keine Almose. Es ist eine lächerlich geringe Ratenzahlung auf eine Schuld, die nie anerkannt wird.

Er verschweigt die ökonomische Funktion. Der Arbeitslose drückt die Löhne aller. Er ist das Druckmittel hinter jeder Gehaltsverhandlung. Er spart den Arbeitgebern Milliarden. Und um ihn herum lebt eine ganze Industrie – Jobcenter, Maßnahmeträger, Sozialgerichte, Vermieter – die mehr an seiner Armut verdient, als er selbst zum Leben bekommt.

Er verschweigt das Fundament. In einem Geldsystem, in dem jeder Euro als Kredit entsteht und Zinsen nach oben fließen, konzentriert sich Reichtum zwangsläufig. Es muss Verlierer geben. Der Arbeitslose ist kein Versager – er ist das unvermeidliche Produkt einer Architektur, die Verlierer braucht, um zu funktionieren.

Wer all das zusammennimmt, erkennt: „Die leben auf unsere Kosten" ist nicht einfach falsch. Es ist die perfekteste Täter-Opfer-Umkehr der modernen Gesellschaft.


X. Die Frage, mit der alles beginnt

Die richtige Frage lautet nicht: Warum arbeiten die nicht?

Die richtige Frage lautet nicht einmal: Warum gibt es Arbeitslose?

Die richtige Frage lautet: Warum akzeptieren wir ein System, das Armut zwangsläufig erzeugt, die Erzeugten gegeneinander aufhetzt – und denen, die den Käfig gebaut haben, auch noch die Schlüssel überlässt?

Der Steuerzahler ist nicht der Feind des Arbeitslosen. Der Arbeitslose ist nicht der Feind des Steuerzahlers. Beide sind Gefangene derselben Architektur. Der eine bekommt 563 Euro und soll dafür dankbar sein. Der andere arbeitet vierzig Jahre und soll dafür stolz sein. Beiden gehört am Ende nichts – denn alles, was sie haben, ist als Schuld entstanden und fließt als Zins zurück.

Solange wir über Sanktionen streiten statt über Geldschöpfung, solange wir über Regelsätze debattieren statt über die Frage, wem das Privileg gehört, Geld aus dem Nichts zu erschaffen – so lange kämpfen wir um Brotkrumen auf dem Tisch dessen, der die Bäckerei besitzt.

Und der schaut zu. Und lächelt. Und lässt uns streiten.


Quellen: Deutsche Bundesbank, „Geld und Geldpolitik", Kapitel 4: Geldschöpfung; Gerhard Schröder, Rede auf dem Weltwirtschaftsforum Davos, 28.01.2005; Teil I dieses Textes: Die eingezäunte Freiheit – Wie der Staat erst alles nimmt und dann Gehorsam verlangt

Keine Kommentare: