Fast täglich lesen wir von steigender psychischer Belastung und
Burnout am Arbeitsplatz. Die Forderung nach "Guter Arbeit"
wird immer lauter. Doch diese Debatte hat einen gewaltigen blinden
Fleck: Wir diskutieren ständig darüber, wie wir arbeiten,
aber fast nie darüber, was wir eigentlich herstellen.
In unserer Gesellschaft wird jede bezahlte Erwerbsarbeit automatisch als "gesellschaftlich notwendig" hingenommen. Völlig egal, ob wir Herzschrittmacher produzieren oder Maschinengewehre – Hauptsache, der Rubel rollt. Doch wenn wir genauer hinsehen, offenbart sich ein gigantischer, zutiefst zynischer Betrug am arbeitenden – und am erwerbslosen – Menschen.
Die 50-Prozent-Lüge: Unsere Erwerbsarbeitsblase
Der Soziologe Holger Schatz liefert in seiner Analyse der "Erwerbsarbeitsblase" eine bittere Wahrheit: Ein riesiger Teil unserer täglichen Arbeit hat überhaupt keinen gesellschaftlichen Nutzen. Es handelt sich um "überflüssige" oder "kapitalismusinduzierte Arbeit". Diese Arbeit existiert nur, um das marktwirtschaftliche System am Laufen zu halten und Waren verwertbar zu machen.
Dazu gehört der gigantische Finanz- und Verwaltungssektor. Dazu
gehört aber auch der geplante Verschleiss im produzierenden Gewerbe
– Produkte, die absichtlich so gebaut werden, dass sie schnell
kaputtgehen, damit wir neu kaufen müssen. Zählt man all diese
unsinnigen Tätigkeiten zusammen, kommt man zu einem unfassbaren
Ergebnis: Bei einer Umstellung auf echte Langlebigkeit und eine reine
Güterwirtschaft könnten rund 50 Prozent der heutigen Erwerbsarbeit
direkt eingespart werden.
Überspitzt, aber faktisch belegt: Wir leisten uns eine 50-Prozent-Erwerbsarbeitsblase! Und trotzdem wird uns täglich eingetrichtert, wir müssten alle noch mehr und noch härter arbeiten.
Die wahren Schmarotzer: Das Glühbirnen-Kartell
Um zu verstehen, wie absurd unsere Arbeit entwertet wird, reicht ein Blick auf das berüchtigte Phoebus-Kartell von 1924. Die weltgrößten Glühbirnenhersteller sprachen sich damals knallhart ab, die Lebensdauer ihrer Lampen künstlich auf 1.000 Stunden zu begrenzen – obwohl die Technik längst ein Vielfaches hergab. Wer haltbarere Birnen baute, musste Strafe zahlen.
Warum? Nur um uns in einen ewigen Neukauf-Zyklus zu zwingen. Rechnet man das hoch, wurden seitdem Milliarden überflüssige Glühbirnen produziert. Die gesamte Lebensarbeitszeit von abertausenden Menschen wurde von ihrem ersten bis zu ihrem letzten Arbeitstag zu 100 Prozent dafür verschwendet, völlig nutzlosen Müll für die Profitgier der Konzerne herzustellen.
Wenn heute über Arbeitslose als „Schmarotzer“ gehetzt wird, ist das an Zynismus kaum zu überbieten. Die wahren Schmarotzer sitzen in den Kartellen, die unsere Lebenszeit und unsere Ressourcen absichtlich verbrennen, um ihre Bilanzen aufzublasen.
Der Arbeitsfetisch: Von der protestantischen Pflicht zur perfiden Peitsche
Woher kommt dieser Wahn, sich für dieses System aufzuopfern? Wir müssen uns ansehen, wie Arbeit historisch ideologisiert und geradezu "erotisiert" wurde. Arbeit war einst ein reines Mittel zum Zweck des Überlebens. Doch mit dem protestantischen Arbeitsethos fand eine fatale Umdeutung statt: Arbeit wurde zum Selbstzweck, zur religiösen Pflicht und zum Beweis des eigenen Wertes. Wer nicht schuftete, galt als sündig.
Ihre dunkelsten und grausamsten Sumpfblüten trieb diese Ideologie im Nationalsozialismus. Die Losung "Arbeit macht frei" pervertierte den Arbeitsbegriff zu einem Instrument totalitärer Macht und Vernichtung. Wer sich entzog oder nicht ins Raster passte, wurde als "arbeitsscheu" gebrandmarkt und vernichtet.
Heute glauben wir, diese Zeiten längst hinter uns gelassen zu haben. Doch die Realität unter dem Neoliberalismus ist nur subtiler und damit noch perfider geworden. Seit den 1980er Jahren wurde die Prämisse "Hauptsache Arbeit" in die Köpfe gehämmert. Der Zwang kommt heute scheinbar von innen: Die moderne Arbeitssoziologie nennt das die "Subjektivierung" der Arbeit. Das System nutzt unser Bedürfnis nach Autonomie aus, um den "Druck durch Freiheit" zu erhöhen und uns in die pure Selbstausbeutung zu treiben.
SGB II: Das Zwangssystem hinter der Blase
Hier schliesst sich der Kreis zum heutigen Sozialrecht: Wenn 50 Prozent der Jobs in unserer Gesellschaft eigentlich völlig überflüssig sind, warum werden dann Menschen im SGB II mit brutalen Sanktionen in jede noch so prekäre Lohnarbeit gepresst?
Die Antwort: Weil es das System stützt. Die Skandalisierung von Erwerbslosigkeit erfüllt einen klaren Zweck. Das Sanktionsregime presst kranke, eingeschränkte oder schlichtweg vom Markt aussortierte Menschen in ein zutiefst entfremdetes System. Es dient der reinen Disziplinierung. Wer Angst vor dem sozialen und finanziellen Absturz in das SGB II hat, hinterfragt den Unsinn seiner eigenen Arbeit nicht. Der Zwang im Sozialrecht ist der Motor, der die 50-Prozent-Arbeitsblase vor dem Platzen bewahrt.
Die „Bekloppten-Brigade“ im Netz: Hass als Ventil für das Systemversagen
Wer die widerwärtige Fratze dieses Arbeitsfetischs in der heutigen Praxis sehen will, muss nur einen Blick in die sozialen Netzwerke werfen. Sobald auf Facebook, X oder anderswo auch nur ein einziger Erwerbsloser sein Leid klagt oder auf die unmenschlichen Missstände im SGB II hinweist, brechen alle Dämme. Die Kommentarspalten werden augenblicklich überflutet.
Da fallen reihenweise Begriffe wie „Parasit“, „Schmarotzer“ oder „faules Schwein“. Den Betroffenen wird blindwütig entgegengeschrien: „Geh doch arbeiten!“ Das ist die Bekloppten-Brigade. Und wir dürfen uns hier nicht scheuen, das genau so hart zu benennen.
Diese Bekloppten-Brigade gibt den Erwerbslosen die absolute Alleinschuld für das eklatante Versagen der Marktwirtschaft. Sie dreschen auf diejenigen ein, die vom System ohnehin schon an den Rand gedrängt wurden, nur um das eigene verinnerlichte Dogma aufrechtzuerhalten.
Das Schlimmste und zugleich Absurdeste daran ist ihre völlige intellektuelle Kurzsichtigkeit: Diese Leute begreifen in ihrer blinden Wut nicht einmal, dass sie selbst nur ausgebeutete Rädchen in derselben Maschinerie sind. Selbst wenn diese Bekloppten-Brigade die absolute Macht hätte und morgen alle Arbeitslosen auf der Stelle verhungern lassen würde – ihr eigenes Leben würde sich nicht um einen einzigen Millimeter verbessern! Ihr Lohn würde nicht steigen, ihre Miete würde nicht sinken, und ihr eigener Arbeitsdruck würde nicht abnehmen.
Aber anstatt das System, den Irrsinn der Erwerbsarbeitsblase oder den gesellschaftlichen Zweck der Arbeit endlich kritisch zu hinterfragen, treten sie lieber nach unten. Sie machen sich zu den nützlichen Idioten eines Marktes, der unsere Lebenszeit frisst. Es ist höchste Zeit, diesen Fetisch zu durchbrechen.
2 Kommentare:
Hört sich eher so an, also kritisiert jemand hier die Arbeit, von der wir alle leben. Nutzlose Arbeit gibt es nicht (außer vielleicht die Verfassung der Beiträge auf diesem Blog). Wovon soll jemand leben, der nicht arbeitet. Ich bin auch dafür, dass alle Sozialhilfeempfänger Sozialstunden leisten und zum Beispiel Unkraut im Park jäten oder Straßen kehren. Einerseits als Arbeitstherapie, aber auch um der Gesellschaft etwas Nutzen zu bringen.
Vielen Dank für diesen Kommentar. Er ist fast schon Realsatire, denn er liefert den perfekten, unfreiwilligen Beweis für exakt das, was in diesem Artikel kritisiert wird: die völlige Verblendung durch einen historisch gewachsenen Arbeitsfetisch. Lassen Sie uns Ihren Textual-Müll kurz in die Realität zurückholen:
1. „Nutzlose Arbeit gibt es nicht“
Wer das im 21. Jahrhundert noch behauptet, verschließt schlicht die Augen vor der Realität. Wenn Kartelle absichtlich Produkte mit geplantem Verschleiß bauen (produzieren für die Müllhalde), arbeiten Millionen Menschen weltweit sinnlos, nur um den Konsumzyklus zu füttern. Für Aristoteles war der Zweck der Arbeit stets die Nicht-Arbeit – Werkzeuge wurden erfunden, um Mühsal zu sparen. Heute ist es umgekehrt: Arbeit ist nicht mehr das Mittel, sondern der Zweck. Unsere Gesellschaft ist zu einer gigantischen Arbeitserfindungsanstalt verkommen. Arbeit findet statt, damit weitere Arbeit stattfindet.
2. „Wovon soll jemand leben...“
Diese Frage ignoriert völlig, dass wir dank Technologie und Automatisierung längst eine potenzielle Gütermenge erreicht haben, die Arbeit drastisch relativieren könnte. Aber anstatt diesen Traum von der Reduzierung der Arbeit zu leben, reproduziert das System Arbeit als reinen Reflex, als Steuerung, als Ritual. Hauptsache, das Hamsterrad dreht sich.
3. „Sozialhilfeempfänger sollen Unkraut jäten als Arbeitstherapie“
Hier entlarven Sie sich endgültig. Ihr Vorschlag hat nichts mit gesellschaftlichem Nutzen zu tun, sondern offenbart Arbeit als reines Herrschaftsinstrument. Es geht Ihnen um Disziplinierung, Konformität und Bestrafung derjenigen, die aus dem System gefallen sind. Sie plappern damit haargenau das nach, was Herrscher seit Jahrhunderten wissen. Schon Napoleon formulierte es zynisch: „Je mehr meine Völker arbeiten, umso weniger Laster wird es geben.“ Sie fordern Zwangsarbeit für die Schwächsten und berufen sich unbewusst auf dunkelste Propaganda. Die Denke „Besser Arbeit als gar keine Arbeit“ und „Sozial ist, wer Arbeit schafft“ (ein Slogan, der ursprünglich 1933 vom NS-nahen Verleger Alfred Hugenberg erdacht wurde) ist genau der zynische Geist, der uns heute umweht.
Sie treten nach unten, anstatt zu erkennen, dass wir seit der Agenda 2010 Milliarden an Steuergeldern in einen hochsubventionierten Niedriglohnsektor pumpen, um Arbeit lediglich zu simulieren und den Eliten ihre leistungslosen Einkommen zu sichern. Wer ernsthaft glaubt, Unkrautjäten unter Zwang sei der kittende „Nutzen“ unserer Gesellschaft, hat nicht verstanden, dass er selbst nur ein nützliches Rädchen in einer Maschinerie ist, die Gehorsam durch Beschäftigung erzwingt.
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