Sozialdarwinisten fordern, das Bürgergeld abzuschaffen. Ihr Argument: Eigenverantwortung. Ihr Problem: Sie haben die Grundlage der Eigenverantwortung längst weggekauft. Wer die Allmende eingehegt hat, hat eine Schuld — keine Almosen zu verteilen.
Ein Nutzer auf X fordert dieser Tage lapidar: „Bürgergeld sofort ersatzlos abschaffen." Und bei Kürzungen für Schwerbehinderte: „Alles auf 0." Das klingt nach Wirtschaftspolitik. Es ist Sozialdarwinismus.
Aber lassen wir das Wort beiseite und schauen auf die Prämisse.
Die Prämisse, die nicht stimmt
Eigenverantwortung als Argument setzt eines voraus: dass die Ressourcen grundsätzlich zugänglich sind. Dass ein Mensch, der auf sich gestellt ist, zumindest die Chance hat, sich zu versorgen. Diese Prämisse war historisch immer begrenzt — heute ist sie eine Fiktion.
Kein Stück Wald, in dem man ohne Jagdschein jagen könnte. Kein Fluss, an dem man ohne Angelschein fischen darf. Kein Boden, der nicht in Privateigentum liegt oder als Spekulationsobjekt gehandelt wird. Rohstoffe unter Konzernkontrolle. Wohnraum als Finanzprodukt. Energie als Oligopol.
Was früher Allmende war — kollektiv zugängliche Ressourcen, von denen sich Menschen tatsächlich eigenverantwortlich ernähren konnten — wurde über Jahrhunderte systematisch eingehegt, privatisiert und konzentriert. Dieser Prozess war kein Naturgesetz. Er war politische Entscheidung, rechtlich abgesichert, staatlich durchgesetzt.
Konzerne existieren auf Kosten der Allgemeinheit
Dasselbe gilt für die Kapitalakkumulation selbst. Aktiengesellschaften, beschränkte Haftung, Patentrecht, Infrastruktur, Rechtssicherheit — all das ist gesellschaftliche Vorleistung. Ohne die Bereitschaft der Allgemeinheit, auf direkte Ressourcennutzung zu verzichten und stattdessen in Lohnarbeit zu treten, gäbe es keine Konzerne. Kein DAX. Kein Eigenheim in der Vorstadt.
Das Sozialsystem ist in diesem Licht keine Gnade. Es ist Restschuldentilgung. Eine Minimalentschädigung für den historischen Verzicht, den die Lohnabhängigen geleistet haben — damit andere Eigentum akkumulieren konnten.
Was „alles auf 0" dann bedeutet
Wer in dieser Realität das Sicherheitsnetz ersatzlos abschneiden will, fordert nicht Freiheit. Er fordert, dass Menschen, denen man die Selbstversorgungsbasis entzogen hat, ohne Ausgleich sterben sollen. Das ist kein Reformvorschlag. Das ist strukturelle Vernichtung — und es hat einen historischen Namen.
Bismarck wusste das übrigens. Er war kein Sozialist. Er hat die Sozialversicherung eingeführt, weil er die Konsequenzen kannte, wenn man sie weglässt. Manche lernen aus der Geschichte. Andere spielen auf X den John Galt.
Dieser Beitrag ist Teil der laufenden Dokumentation sozialdarwinistischer Narrative im deutschsprachigen Diskurs auf grilleau.blogspot.com.
Teil 2 folgt: Der schwarze Winkel
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