Sie werden Schmarotzer genannt. Parasiten. Sozialschmarotzer. Man zeigt mit dem Finger auf sie. Man spuckt auf sie herab. Man gibt ihnen die Schuld für alles — für die Inflation, für den Wohnungsmangel, für die Staatsverschuldung, für den gesellschaftlichen Niedergang. Sie sind die Sündenböcke des 21. Jahrhunderts. Und niemand nennt es beim Namen: Das ist eine Hexenjagd.
Es gab eine Zeit in der man nicht laut sagen durfte dass man krank ist. Dass man anders liebt. Dass man dem falschen Gott dient. Wer es trotzdem sagte — oder wer es nicht sagen musste weil die Nachbarn es schon wussten — der wurde ausgegrenzt. Gedemütigt. Verfolgt. Verbrannt.
Diese Zeit ist nicht vorbei. Sie hat nur die Zielgruppe gewechselt.
Heute darf man nicht laut sagen dass man arbeitslos ist. Dass man Bürgergeld bezieht. Dass man aufstockt. Wer es sagt — beim Arzt, beim Amt, beim Vermieter, beim ersten Date — der sieht es in den Augen des anderen: den kurzen Moment der Einschätzung, des Urteils, der Distanzierung. Schmarotzer. Versager. Einer der es nicht geschafft hat. Einer dem man nicht trauen kann.
Niemand hat das beschlossen. Es wurde nicht per Gesetz eingeführt. Es ist langsam gewachsen — durch tausend Talkshows, durch hunderttausend Kommentare, durch Schlagzeilen die immer dasselbe sagen: Die da unten sind schuld.
Die Mechanik der Jagd
Mittelalterliche Hexenverfolgungen hatten eine präzise soziale Funktion. Die Ernte war schlecht. Die Pest kam. Die Kinder starben. Die Feudalherren nahmen das Land. Die Kirche nahm den Zehnten. Das Volk hungerte — und brauchte jemanden dem es die Schuld geben konnte. Nicht den Baron auf dem Hügel. Nicht den Bischof im Palast. Sondern die alte Frau am Waldrand. Die Hebamme. Die Kräuterkundige. Die Schwache. Die Schutzlose.
Heute ist die Ernte auch schlecht. Die Mieten steigen ins Unbezahlbare. Die Löhne stagnieren seit zwanzig Jahren. Die Konzerne machen Rekordgewinne während die Krankenhäuser schließen. Aber die Schuld trägt nicht der Eigentümer von hunderttausend Wohnungen. Nicht der Hedgefonds der die Mieten treibt. Nicht der Konzern der Gewinne ausschüttet und gleichzeitig Stellen abbaut.
Die Schuld trägt der Mann der seit acht Monaten keinen Job findet. Die Frau die aufstockt weil der Lohn nicht reicht. Das Kind das in Armut aufwächst weil sein Vater krank ist. Die 1,8 Millionen Menschen die morgens aufwachen und wissen: heute werde ich wieder verdächtigt.
Die Sprache der Verfolgung
Schmarotzer. Parasiten. Hängematte. Sozialbetrüger. Totalverweigerer. Lebensalternative Bürgergeld. Diese Worte fallen nicht zufällig. Sie werden platziert. Wiederholt. Verstärkt. Bis sie normal klingen.
Parasit ist das Wort das man für Lebewesen benutzt die auf Kosten anderer existieren — ohne Gegenleistung, ohne Wert, ohne Berechtigung. Wenn man dieses Wort auf Menschen anwendet — auf arme Menschen, auf kranke Menschen, auf arbeitslose Menschen — dann sagt man damit: diese Menschen haben kein Recht auf Existenz. Zumindest nicht auf eine würdige.
Die mittelalterliche Inquisition nannte die Verdächtigen Dienerinnen des Teufels. Das klang damals genauso selbstverständlich wie Sozialschmarotzer heute. Beides ist Entmenschlichung. Beides bereitet vor — auf Ausgrenzung, auf Entzug, auf Strafe.
Der Scheiterhaufen heißt heute Sanktion
Man verbrennt heute niemanden mehr. Man zieht stattdessen das Geld ab. Man schickt Briefe mit Fristen. Man lässt Menschen stundenlang warten. Man verlangt Nachweise für Dinge die sich nicht nachweisen lassen. Man macht Hausbesuche und fotografiert die Wäsche. Man fragt ob die Beziehung echt ist. Man prüft ob das Kind wirklich krank war. Man zweifelt. Man kontrolliert. Man demütigt.
Und wenn jemand zusammenbricht unter diesem Druck — wenn er nicht mehr zum Amt geht, wenn er nicht mehr antwortet, wenn er sich verkriecht — dann heißt es: siehst du. Totalverweigerer. Haben wir es nicht gesagt.
Studien belegen dass die Angst vor Sanktionen für viele Betroffene schlimmer ist als Hunger. Schlimmer als Hunger. Das ist kein Randphänomen. Das ist staatlich organisierter psychologischer Terror gegen die Schwächsten der Gesellschaft. Und die Gesellschaft schaut zu — oder schaut weg — weil sie glaubt: die haben es verdient.
Wer profitiert von der Jagd
Hexenjagden entstehen nicht spontan. Sie werden organisiert. Sie brauchen Ankläger, Zeugen, Institutionen die das Urteil vollstrecken. Und sie brauchen vor allem eines: eine Ablenkung.
Solange das Volk auf die Hexen starrt schaut es nicht auf den Baron. Solange die Debatte um Bürgergeldmissbrauch tobt — um die 30-40 Prozent die ein überarbeiteter Sachbearbeiter aus dem Flurfunk herausgezogen hat — schaut niemand auf die Offshore-Konten. Auf die Erbschaftssteuerbefreiungen. Auf die Konzerne die Milliardengewinne machen und trotzdem Staatshilfe bekommen. Auf die Vermieter die mit Wohnungsnot reich werden.
Die Hexenjagd auf Arme ist kein Irrtum. Sie ist Kalkül.
Wir leben in gefährlichen Zeiten
Wenn eine Gesellschaft beginnt ihre Schwächsten zu dämonisieren — wenn Armut als moralisches Versagen gilt, wenn Krankheit als Drückebergerei gilt, wenn Würde als Luxus gilt den man sich erst verdienen muss — dann ist diese Gesellschaft auf einem Weg den wir aus der Geschichte kennen.
Es fängt immer klein an. Mit einem Wort. Mit einer Schlagzeile. Mit einem Sachbearbeiter der seine Schätzung in eine Kamera sagt. Mit einem Politiker der nickt. Mit einer Gesellschaft die nicht widerspricht.
Wer heute arbeitslos ist und es nicht laut sagen darf — wer sich schämt für etwas das ihm das System angetan hat, nicht er dem System — der kennt das Gefühl. Das Gefühl der Aussätzigen. Der Leprakranken. Der Hexe am Waldrand.
Das sollte uns alle erschrecken. Nicht wegen der Arbeitslosen. Sondern weil eine Gesellschaft die ihre Schwachen verfolgt immer — immer — irgendwann neue Gruppen findet die verfolgt werden müssen.
Heute sind es die 1,8 Millionen. Morgen sind es andere.
Die Frage ist nicht: Haben die Arbeitslosen es verdient? Die Frage ist: In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?
Dieser Beitrag ist Teil der laufenden Serie zur Sozialreform 2026. Die Göcken-Serie dokumentiert den medialen und politischen Kontext dieser Entwicklung:
Teil 1: Der Kettenhund als Märtyrer: Was hinter dem Fall Fred Göcken wirklich steckt
Teil 2: Der Kettenhund als Märtyrer — Das Recht als Feind
Teil 3: Der Kettenhund als Märtyrer — Die Operation
Teil 4: Der Henker, der nicht weiß, dass er einer ist
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen