Zweimal wurde das Rentenvermögen der deutschen Arbeitnehmer vernichtet — 1923 und 1948. Beide Male durch denselben Mechanismus: Papieransprüche wurden wertlos, Sachwerte blieben bei denen die sie hielten. Jetzt wird derselbe Mechanismus als Lösung verkauft. ETF statt Kriegsanleihe. BlackRock statt Krupp. Das Muster ist identisch. Und wer es nicht kennt, wird es zum dritten Mal erleben.
Es gibt eine Frage die in der gesamten deutschen Rentendebatte nicht gestellt wird. Nicht von Haufler, nicht von Gerstung, nicht von der FAZ, nicht vom Sachverständigenrat. Die Frage lautet: Wenn alle gleichzeitig vom Kapital leben — wer arbeitet dann eigentlich für die Rendite?
Aktienrendite entsteht aus Unternehmensgewinnen. Unternehmensgewinne entstehen aus Arbeit. Wenn die gesamte Bevölkerung ihre Altersvorsorge in ETF-Depots parkiert und auf Rendite wartet — wer produziert dann die Güter und Dienstleistungen aus denen diese Rendite entstehen soll? Die Produktivität wird in dieser Debatte vollständig ausgeklammert. Das ist kein Detail. Das ist der fundamentale Widerspruch der das gesamte Kapitalmarkt-Altersvorsorge-Modell zu einem Schneeballsystem macht — strukturell identisch mit dem Umlagesystem das es ersetzen soll. Nur mit Börsenkursen statt Geburtenraten als Treibstoff.
Aber bevor wir zur Gegenwart kommen, müssen wir die Geschichte verstehen. Denn was heute als Innovation verkauft wird, ist eine Wiederholung.
Die amerikanische Blaupause
Im Amerika des 19. Jahrhunderts gab es einen Mechanismus der sich über Jahrzehnte wiederholte und den die Granger-Bewegung der 1870er und 1880er Jahre als erstes systematisch dokumentierte. Eisenbahngesellschaften und Banken vergaben in guten Jahren günstige Kredite an Farmer. Die Farmer investierten — in Land, Maschinen, Saatgut. Sie verschuldeten sich. Dann kamen schlechte Ernten oder sinkende Getreidepreise. Gleichzeitig wurden die Zinsen erhöht. Die Rückzahlung wurde unmöglich. Die Höfe wurden gepfändet. Und an neue Käufer verkauft — die denselben Mechanismus von vorne begannen.
Das war kein Marktversagen. Das war ein Transfermechanismus. Von unten nach oben. Wiederholt bis zur Perfektion. Wer Papierschulden hielt verlor. Wer Sachwerte — Land, Infrastruktur, Produktionsmittel — hielt gewann. Die Struktur war einfach genug um sich immer wieder zu reproduzieren ohne dass eine zentrale Steuerung nötig gewesen wäre. Es reichten die richtigen Institutionen und die richtigen Anreize.
Der erste deutsche Raub: 1914–1923
Das Bismarcksche Rentensystem von 1889 war im Kern kapitalgedeckt. Die Beiträge wurden angespart, es entstand ein Kapitalstock. Dieser Kapitalstock gehörte — zumindest mittelbar — den Beitragszahlern. Das funktionierte. Und es hatte aus Sicht der Mächtigen einen unangenehmen Nebeneffekt: Da lag Geld auf das der Staat nicht ohne Weiteres zugreifen konnte.
Dann kamen die Kriegsanleihen. Die Kapitalreserven der Rentenversicherung wurden in die Finanzierung der Rüstungsindustrie umgeleitet. Krupp, Thyssen, IG Farben erhielten Geld das eigentlich den Rentnern von morgen gehörte. Dann kam die Inflation von 1923. Die Papieransprüche der Beitragszahler wurden wertlos. Die Fabriken — die Sachwerte — blieben bei den Industriellen. Beschädigt, teilweise. Aber vorhanden.
In den Schulbüchern heißt es: das Vermögen wurde durch Krieg und Inflation "vernichtet." Das ist gelogen. Kapital wird nicht vernichtet. Kapital wechselt den Besitzer. Wer Papierforderungen hielt verlor alles. Wer Sachwerte hielt kam gestärkt aus der Inflation heraus. Das sogenannte Wirtschaftswunder der 1950er Jahre wurde auf exakt diesen Strukturen aufgebaut — von exakt denselben Akteuren und deren Erben.
Der zweite deutsche Raub: 1948
Nach dem Zweiten Weltkrieg hätte man das kapitalgedeckte System wieder aufbauen können. Man hätte das Kapital dort zurückholen können wo es gelandet war — bei den Industriellen, bei den Sachwertbesitzern, bei den Profiteuren der Kriegswirtschaft. Vermögensabgaben, Sondersteuern, eine echte Lastenumverteilung wäre der gerechte Weg gewesen.
Adenauer ging einen anderen Weg. 1957 führte er das Umlageverfahren ein. Die Jungen zahlen für die Alten. Das Kapital wurde nicht zurückgeholt. Die Last wurde auf die nächste Arbeitergeneration abgewälzt. Und die Währungsreform von 1948 hatte den Mechanismus bereits vollendet: Geldvermögen wurde im Verhältnis 100 zu 6,50 abgewertet. Wer Aktien und Immobilien hatte überlebte. Wer Sparbücher und Rentenansprüche hatte verlor fast alles.
Zweimal derselbe Mechanismus. Zweimal Papieransprüche vernichtet. Zweimal Sachwerte gerettet. Zweimal in den Geschichtsbüchern als unvermeidliches Schicksal dargestellt.
2008: Die Generalprobe
Die Subprime-Krise von 2008 war der moderne Agrarkredit-Mechanismus in reinster Form. Günstige Hypothekenkredite in guten Jahren — Verschuldung aufbauen. Aufgeblähte Immobilienpreise. Zinsen rauf. Kredite platzen. Zwangsversteigerungen. Und dann — dokumentiert, nicht spekulativ — kauften BlackRock und andere institutionelle Investoren die gepfändeten Häuser für einen Bruchteil ihres früheren Wertes. Und vermieteten sie an dieselben Menschen die sie soeben verloren hatten.
Das ist kein Verschwörungsdenken. Das ist ein Geschäftsmodell das offen kommuniziert wird. Wer Papierschulden hielt verlor sein Haus. Wer Kapital hielt kaufte es. Das Muster aus dem 19. Jahrhundert, reproduziert im 21. Jahrhundert, mit anderen Instrumenten aber identischer Struktur.
Der dritte Raub: in Vorbereitung
Ab 2027 startet die Frühstart-Rente. Zehn Euro im Monat für Kinder zwischen sechs und achtzehn Jahren — in ein "individuelles, kapitalgedecktes und privatwirtschaftlich organisiertes Altersvorsorgedepot." So steht es im Koalitionsvertrag. Der Einstieg in die Kapitaldeckung ist bereits Gesetz.
Zehn Euro im Monat über zwölf Jahre ergibt 1.440 Euro Einzahlung. Selbst mit optimistischer Rendite landet man bei etwa 3.000 bis 4.000 Euro zum 18. Lebensjahr. Das ist kein Rentensystem. Das ist ein PR-Programm für die Fondsindustrie — und ein Gewöhnungsprogramm für die Bevölkerung. Wer einmal einen ETF-Sparplan hat akzeptiert das Prinzip. Wer das Prinzip akzeptiert akzeptiert die Ausweitung. Das ist der Fuß in der Tür.
Aber das eigentliche Problem liegt tiefer. Wenn in zwanzig Jahren die gesamte Babyboomer-Generation gleichzeitig ihre ETF-Depots auflöst um die Rente zu finanzieren — wer kauft dann? Die nächste Generation. Die kleinere. Die mit weniger Einkommen. Die Preise werden fallen. Wer kauft die Trümmer? Dieselben die 2008 die Häuser gekauft haben.
Das muss nicht geplant sein. Es reicht wenn die Strukturen dieselben sind. Und sie sind dieselben.
Der blinde Fleck: die Produktivität
Zurück zur Ausgangsfrage: Wenn alle vom Kapital leben — wer arbeitet dann?
Jede Aktienrendite setzt voraus dass Menschen in Unternehmen arbeiten, Güter produzieren, Dienstleistungen erbringen. Das ist die reale Grundlage. Papieransprüche — ob ETF-Anteile oder Rentenansprüche — sind nur so viel wert wie die reale Produktivität die dahintersteht. Das Umlagesystem hat das Problem sichtbar gemacht: zu wenige Beitragszahler, zu viele Rentner. Das Kapitaldeckungssystem versteckt dasselbe Problem hinter Börsenkursen. Aber es löst es nicht.
Wer behauptet dass Kapitalmarkt-Altersvorsorge das demographische Problem löst, begeht denselben Denkfehler wie wer behauptet man könne sich aus einer schrumpfenden Wirtschaft heraussparen. Man kann nicht. Die Rendite muss irgendwo herkommen. Und sie kommt aus Arbeit.
Was das bedeutet
Der erste Raub wurde als Kriegsschicksal verkauft. Der zweite als Währungsreform. Der dritte wird als Freiheit verkauft — als individuelle Eigenverantwortung, als Befreiung vom paternalistischen Staat, als moderner Weg in eine selbstbestimmte Altersvorsorge.
Das Ergebnis wird dasselbe sein. Wer Papierforderungen hält verliert bei der nächsten systemischen Krise. Wer Sachwerte hält überlebt. Das war 1923 so. Das war 1948 so. Das war 2008 so. Und ETF-Anteile sind Papierforderungen — digitale Einträge, Versprechen auf zukünftige Rendite, ohne direktes Eigentum an den Sachwerten die dahinterstehen. BlackRock hält die Stimmrechte. Du hältst das Papier.
Die Debatte die Haufler, Gerstung und die FAZ heute führen ist nicht neu. Sie ist die Vorbereitung für einen Mechanismus der bereits zweimal funktioniert hat. Wer ihn kennt kann ihn benennen. Wer ihn benennt macht ihn sichtbar. Mehr ist im Moment nicht möglich — aber es ist nicht nichts.
Marigny de Grilleau schreibt seit fast zwanzig Jahren über Strukturkritik an Wohlfahrtsinstitutionen, Geldpolitik und demokratische Rechenschaftspflicht. Dieser Beitrag ist der dritte Teil einer Serie. Teil 1: Der doppelte Raub. Teil 2: Die Kunst der halben Wahrheit.
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