Sie schicken dich vor — Thomas Wasilewski und die Milliardenverbände, die schweigen
Ein schwer kranker Mann steht allein vor einem Ministerium. Er bekommt den Hass der kleinen Leute ab — den Hass, der eigentlich den Verbänden gehört, die ihn vorschicken. Sechs karitative Spitzenverbände plus organisierter Gewerkschaftsapparat: über 2 Millionen hauptamtliche Beschäftigte, rund 3 Millionen Ehrenamtliche, 7 Millionen Gewerkschaftsmitglieder — über 12 Millionen Menschen insgesamt. Einen Jahresumsatz der Wohlfahrtsverbände, der die 100-Milliarden-Grenze überschreitet. Genug Macht, um die Agenda 2010 zu verhindern. Sie haben es nicht getan. Und jetzt stehen sie hinter ihm — unsichtbar.
Thomas Wasilewski steht vor dem Ministerium. Allein. Schwer krank. Mit einem Schild: Regelsatz rauf auf 813 Euro. Und er fängt ab, was auf ihn einprasselt: Schmarotzer. Parasit. Faules Schwein. Der aufgestaute Zorn der kleinen Arbeitsfrau. Die aufgestaute Wut des kleinen Arbeiters. All jener, die sich jeden Morgen zwingen aufzustehen, die den eigenen Arbeitszwang täglich gegen sich selbst durchsetzen müssen — und die jemanden brauchen, an dem sich das entladen kann.
Er ist dieser Jemand. Sichtbar. Greifbar. Mit einem Gesicht.
Und die, die ihn vorgeschickt haben, sind unsichtbar.
Die Macht, die sie haben — und nicht einsetzen
Hinter Thomas Wasilewski stehen — dem Namen nach — die sechs Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege: AWO, Caritas, Diakonie, DRK, Der Paritätische, Zentralwohlfahrtsstelle. Über zwei Millionen hauptamtliche Beschäftigte. Rund drei Millionen Ehrenamtliche. Einen Jahresumsatz, der die 100-Milliarden-Grenze überschreitet. Dazu der gesamte organisierte Gewerkschaftsapparat — DGB, dbb, CGB — mit zusammen rund sieben Millionen Mitgliedern. Insgesamt über zwölf Millionen Menschen, die in diesem Apparat organisiert sind.
Kein Privatkonzern kommt heran. Volkswagen hat in Deutschland rund 120.000 Beschäftigte. Bosch etwa 130.000. Diese Verbände zusammen sind strukturell die mächtigste gesellschaftliche Kraft des Landes.
Und jetzt die entscheidende Frage: Hätten sie die Agenda 2010 verhindern können?
Ja. Ohne jeden Zweifel. Wer über zwölf Millionen Menschen organisiert, wer den gesamten Sozialsektor, die Krankenhäuser, die Pflegeeinrichtungen, die Beratungsstellen hinter sich hat — der kann Räder anhalten. Der kann eine Bundesregierung unter Druck setzen. Der kann Nein sagen, und dieses Nein hat Gewicht.
Sie haben Nein nicht gesagt. Sie haben sich arrangiert. Die Agenda 2010 ist nicht trotz ihrer Macht entstanden — sie ist entstanden, weil diese Macht geschwiegen hat.
Das Schweigen hat einen Grund
Dieses Schweigen war kein Versagen. Es war eine Entscheidung.
Denn wer profitiert von einem System, das Armut nicht löst, sondern verwaltet? Wer braucht Langzeitarbeitslose, Bürgergeldempfänger, Menschen in Notlagen — nicht als Einzelfälle, sondern als Dauerklientel? Zwei Millionen Beschäftigte leben davon, dass es diese Menschen gibt. Hundert Milliarden Euro Jahresumsatz entstehen nicht trotz der Armut — sie entstehen wegen ihr.
Eine Caritas ohne Bedürftige ist keine Caritas. Eine AWO ohne Langzeitarbeitslose hat kein Geschäftsmodell. Das System braucht Thomas Wasilewski — nicht als Kämpfer, sondern als Klienten. Und solange er kämpft, statt Klient zu sein, ist er nützlich als etwas anderes: als Blitzableiter.
Der Blitzableiter — eine Funktion, kein Zufall
Thomas Wasilewski fängt den Zorn auf, der den Verbänden gehört. Der Arbeiter, der morgens aufsteht und geht, obwohl er nicht will — er sieht nicht die Verbandsfunktionäre, die schweigen. Er sieht Wasilewski mit dem Schild. Er sieht jemanden, der scheinbar dem Zwang entkommt, dem er selbst unterworfen ist. Und er entlädt seinen aufgestauten Frust — nicht auf das System, das diesen Zwang erzeugt, sondern auf den, der ihn sichtbar macht.
So funktioniert der Blitzableiter. Er schützt die Struktur. Nicht die Person, die man vorschickt.
Helmut Schelsky hat das Prinzip beschrieben: Die Sinn-Produzenten sprechen für die Armen. Sie repräsentieren sie. Genau dadurch entmachten sie sie. Solange Caritas, Diakonie und AWO die Deutungshoheit über Armut besitzen, darf Wasilewski demonstrieren — das kostet die Verbände nichts. Seine 1.572 Impressionen, seine Kommentarspalte voller Hass, sein allein auf dem Pflaster stehen: systemisch folgenlos. Der Apparat läuft weiter.
Was dieser Mann wirklich ist
Damit das klar ist: Thomas Wasilewski fährt ehrenamtlich LKW für die Tafel in Mönchengladbach. Er hilft in der Suppenküche und gibt warme Mahlzeiten aus. Er sitzt im Landeserwerbslosenausschuss von ver.di. Er ist im Bündnisrat des Bündnis für Menschenwürde und Arbeit. Er schreibt offene Briefe, kämpft vor Gericht, organisiert Demonstrationen — obwohl er selbst schwer krank ist, obwohl er selbst von Grundsicherung lebt, obwohl ihn das System, für das er kämpft, gleichzeitig als Schmarotzer beschimpft.
Er hilft anderen, während er selbst kämpft. Er organisiert, während er selbst erschöpft ist. Er steht allein vor dem Ministerium, während die, die seine Stimme sein könnten, schweigen.
Wer über diesen Mann herzieht, hat nicht begriffen, wen er verteidigt. Wer versteht, warum man ihn allein stehen lässt — der versteht, wie das System funktioniert.
An die Verbände — direkt
Die sechs großen karitativen Verbände, in denen Thomas Wasilewski Mitglied ist, könnten das ändern. Sie haben über 2,5 Millionen Angestellte. Einen Umsatz von über 100 Milliarden Euro. Wenn sie wollten, wäre die Agenda 2010 Geschichte — sie wäre gar nicht entstanden. Aber sie wollen nicht. Sie schicken ihn vor.
Und er fängt ab, was ihnen gehört.
Das ist die eigentliche Schande. Nicht der Mann mit dem Schild.
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