Der Fisch stinkt vom Kopf — und der Libertarismus wechselt ihn nur
Ein LinkedIn-Kommentator beschreibt präzise, wie der Rechtsstaat seine Zivilisierungsfunktion verliert, wenn er selbst zum Repressionsinstrument wird. Die logische Folgefrage lautet: Wenn der Staat versagt — kann der Markt es besser? Der Libertarismus behauptet das. Die Antwort ist: Nein. Er macht Macht nicht kleiner. Er macht sie unsichtbar. Und er bereitet den Boden für genau das, was er zu bekämpfen vorgibt.
Ein Kommentator hat auf LinkedIn einen Gedanken formuliert, der es wert ist, festgehalten zu werden:
„Der Rechtsstaat hat die Funktion politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Macht zu zivilisieren. Der Rechtsstaat löst sich auf, wenn er selbst repressiv wird und als Instrument missbraucht wird, um Bürger, Organe und Institutionen nicht zu schützen, sondern zu kontrollieren, sanktionieren und zu machtpolitischen Konformismus zu erziehen. Baud und Dogru sind Beispiele aus dem Journalismus. Anderen oppositionellen Medien werden die Bankkonten gekündigt. Mit Richtern und Staatsanwälten trifft es die Vertreter des Rechtsstaates selbst. Dass kriminelle Clans dieses System als copy/paste-Modell für ihre Interessen nutzen, ist die logische Konsequenz. In soziologischer Konsequenz werden in absehbarer Zeit bisher rechtssichere Bürgergemeinschaften das gleiche Prinzip untereinander anwenden. In den USA setzt dieser Mechanismus schon ein. Der Fisch stinkt immer zuerst am Kopf."
(Quelle: LinkedIn, Juni 2026)
Die Diagnose
Was der Autor beschreibt, ist keine Verfallsgeschichte im moralischen Sinne. Es ist ein Strukturproblem. Der Rechtsstaat funktioniert als Zivilisierungsinstanz nur so lange, wie er selbst unter Regelzwang steht — anfechtbar, kontrollierbar, gebunden an Verfahren, die auch gegen ihn selbst angewendet werden können. Sobald diese Rückbindung entfällt, kehrt sich die Funktion um: Das Instrument des Schutzes wird zum Instrument der Disziplinierung.
Der Autor benennt drei Eskalationsstufen. Zunächst trifft es Journalisten und oppositionelle Medien — Kontosperrungen, Plattformverbote. Dann trifft es die Vertreter des Rechtsstaates selbst: Richter und Staatsanwälte, die nicht konform gehen. Und schließlich — das ist die soziologische Konsequenz — diffundiert das Prinzip nach unten. Kriminelle Clans kopieren das Modell. Bürgergemeinschaften beginnen, es untereinander anzuwenden. In den USA ist dieser Mechanismus bereits sichtbar.
Der Fisch stinkt vom Kopf. Wer oben Macht ohne Regelzwang etabliert, lehrt alle anderen dasselbe.
Die Frage
Nun gibt es eine politische Strömung, die auf genau diese Diagnose eine Antwort zu haben behauptet: den Libertarismus. Wenn der Staat das Problem ist — wenn staatliche Macht korrumpiert, kontrolliert, diszipliniert — dann lautet die libertäre Schlussfolgerung: weniger Staat, mehr Markt. Der freie Tausch zwischen freien Individuen als spontane Ordnung, die keinen Schiedsrichter braucht. Keine willkürliche Machtausübung mehr, weil niemand „Macht hat" — nur Verträge, Angebot, Nachfrage.
Die Frage ist also: Wie zivilisiert der Libertarismus die wirtschaftliche und gesellschaftliche Macht?
Die Antwort
Er tut es nicht. Er privatisiert sie.
Das libertäre Modell funktioniert unter einer einzigen Bedingung: annähernde Machtgleichheit der Tauschpartner. Wo diese besteht, ist Tausch tatsächlich freiwillig. Wo sie fehlt — und sie fehlt systematisch, nicht ausnahmsweise — wird der „freie Vertrag" zum Unterwerfungsvertrag. Der Vermieter und der Obdachlose tauschen „freiwillig". Der Konzern und der Einzelbewerber schließen „freiwillig" Verträge. Das Wort „freiwillig" trägt die gesamte ideologische Last — und bricht unter ihr zusammen.
Dazu kommt ein strukturelles Paradox: Auch der Markt braucht Durchsetzungsinstanzen. Eigentumsrecht, Vertragsrecht, Vollstreckung — das sind staatliche Funktionen. Der Libertarismus braucht den Staat, aber nur für die Funktionen, die dem konzentrierten Kapital nützen. Alles andere — Sozialleistungen, Regulierung, Schutzrechte — wird als „Zwang" gerahmt und abgelehnt. Es ist kein Programm zur Abschaffung von Macht. Es ist ein Programm zur selektiven Nutzung von Staatsmacht zugunsten derer, die bereits Macht haben.
Und wenn der Staat als Zivilisierungsinstanz wegfällt? Dann bleibt Macht übrig — nicht weniger Macht, sondern unkontrollierte Macht. Private Schiedsgerichte anstelle öffentlicher Gerichte. Plattformregeln anstelle von Meinungsfreiheit. Kreditscoring und algorithmische Bewertungssysteme als neue Konformismusmechanismen — ohne demokratische Anfechtbarkeit, ohne Instanzenzug, ohne Öffentlichkeit. Das ist kein Weniger-Staat. Es ist ein anderer Staat, der sich Markt nennt — und die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot bringt es auf den Punkt: Am Ende dieser Agenda steht nicht Freiheit, sondern Technofeudalisierung. Plattformen, Rüstungskonzerne, Pharmaindustrie — keine Märkte mehr, sondern Lehen. Die Bürger sind die Pächter. (Panoptikum mit Ulrike Guérot, Juni 2026)
Das Prinzip der Macht ohne Legitimationszwang diffundiert nach unten, sobald oben der Regelzwang entfällt — genau das beschreibt der Autor mit dem copy/paste-Modell der kriminellen Clans. Der Libertarismus beschleunigt diesen Prozess, weil er den Regelzwang ideologisch delegitimiert — aber nur selektiv: nach oben Freiheit für die Eigentümer, nach unten bleibt der Markt das einzige Gesetz.
Die Kritik am Libertarismus ist damit vollständig. Aber sie beantwortet noch nicht die eigentliche Frage: Was wäre die Alternative? Welches Prinzip zivilisiert Macht, ohne sie zu privatisieren oder zu zentralisieren?
Das Subsidiaritätsprinzip — nicht gescheitert, sondern zerstört
Ein Gesprächspartner warf nach Lektüre dieses Textes einen Gedanken ein, der es verdient, nicht in einer privaten Nachricht zu versanden: das Subsidiaritätsprinzip als Dualität zum Libertarismus.
Der Grundgedanke: Aufgaben sollen von der kleinsten und nächstliegenden sozialen Einheit wahrgenommen werden, die dazu in der Lage ist. Nicht der Zentralstaat, nicht der entfesselte Markt — sondern die Gemeinschaft, die das Problem unmittelbar betrifft. Mitglieder auf Augenhöhe, horizontale Koordination, Selbstorganisation ohne Hierarchie.
Historisch hat es keine reinen Subsidiaritätsgesellschaften gegeben — wohl aber funktionierende Subsidiaritätsgemeinschaften. Das wilhelminische Zeitalter liefert ein konkretes Beispiel: Die Raiffeisen-Genossenschaften und die lokalen Sparkassen als öffentlich-rechtliche Körperschaften waren kein romantischer Gegenentwurf — sie waren funktionierende Institutionen mit einem klaren wirtschaftlichen Zweck: Kapital in den Regionen zu halten und Landwirten sowie kleinen Betrieben die Finanzierung zu sichern. Horizontale Selbstorganisation als gelebte Praxis, nicht als Theorie.
Was hat sie zerstört? Nicht der Markt. Nicht der natürliche Verfall. Die Nationalsozialisten haben sie gezielt zerschlagen — weil das Prinzip der genossenschaftlichen Selbstverwaltung direkt mit dem Führerprinzip kollidierte. Bereits wenige Wochen nach der Machtübernahme 1933 wurde der Präsident des Raiffeisenverbands unter einem konstruierten Vorwurf in Untersuchungshaft genommen. 1934 folgte die Zwangseingliederung in den Reichsnährstand. Die Genossenschaften mussten ein Einheitsstatut annehmen, das auf dem Führerprinzip basierte. Die demokratische Selbstverwaltung war damit formal beseitigt — nicht überwunden, sondern beseitigt.
Dahinter stand ein strukturelles Interesse: Das Großkapital, das Hitlers Aufstieg finanziert und begleitet hatte, war auf Konzentration angewiesen. Genossenschaften, die Kapital demokratisch verwalten und in der Region halten, sind das strukturelle Gegenteil davon. Sie mussten weg — nicht weil sie versagt hatten, sondern weil sie funktioniert hatten.
Die Vision des Gesprächspartners lautet: eine Republik, die nach dem Subsidiaritätsprinzip organisiert ist. Das ist kein utopisches Programm. Es ist der Befund, dass es einmal funktioniert hat — und dass seine Zerstörung kein Zufall war.
Fazit
Der Fisch stinkt vom Kopf. Der Libertarismus wechselt nur den Kopf — vom Staat zum Kapital. Die Fäulnis bleibt. Und das Subsidiaritätsprinzip? Es ist nicht gescheitert. Es wurde zerstört. Von denen, die ein strukturelles Interesse daran hatten, dass Macht lokal bleibt und demokratisch kontrolliert wird — und die genau das nicht dulden konnten.
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