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Mittwoch, 14. Oktober 2026

Wer hier der Idiot ist – Dugin, die KI und die Verachtung von oben

Was du wissen musst – in 30 Sekunden

Alexander Dugin, Russlands bekanntester Philosoph der Gegenwart, erklärt auf X, die KI sei viel weniger idiotisch als der durchschnittliche Mensch. Über 23.000 Aufrufe, 671 Likes. Das ist kein Ausrutscher. Es ist dieselbe Herrschaftssprache, die von Le Bon über Bernays bis heute den kleinen Mann zum Idioten erklärt, um ihn besser lenken zu können. Dem Durchschnittsmenschen fehlt nicht der Verstand, sondern Zeit, Zugang und das Wissen, das man ihm vorenthält. Und die KI, die Dugin gegen den Menschen ausspielt, besteht aus nichts anderem als dem Wissen dieser angeblichen Idioten.

Es gibt Sätze, bei denen mir die Galle hochkommt. Dieser gehört dazu. Am 13. Oktober 2026 schreibt Alexander Dugin, Vordenker des Eurasismus, gern als „Putins Philosoph“ gehandelt, auf X:

KI ist viel weniger idiotisch als der durchschnittliche Mensch.

https://x.com/AGDugin/status/2110039962217480292

Ein Satz. Kein Argument, kein Beleg, keine Frage. Nur ein Urteil von oben herab über Milliarden Menschen, die Dugin nie kennengelernt hat. Und das von einem Mann, der sich Philosoph nennt.

Ein Satz, der nichts erklärt

Nehmen wir den Satz einmal ernst. Weniger idiotisch – nach welchem Maßstab? Weil eine Maschine in Sekunden Heidegger zusammenfasst, Gleichungen löst und tausend Bücher miteinander vergleicht? Seit wann ist die Geschwindigkeit, mit der man Informationen verarbeitet, der Maßstab für den Wert oder die Vernunft eines Menschen?

Der Handwerker, der sein Leben lang Häuser gebaut hat, ist kein Idiot. Die Mutter, die drei Kinder großgezogen hat, ist kein Idiot. Die Rentnerin, die mit ihrer schmalen Rente Monat für Monat irgendwie über die Runden kommt, leistet eine Rechenarbeit, an der mancher Philosoph scheitern würde. Keiner von ihnen schreibt Abhandlungen über Hegel. Na und?

Dugins Satz ist bequem. Wer den Durchschnittsmenschen zum Idioten erklärt, muss nicht mehr fragen, warum Menschen so denken, wie sie denken. Warum sie Autoritäten vertrauen. Warum sie Überzeugungen übernehmen, die ihnen schaden. Warum ihnen Zeit, Mittel und Möglichkeiten fehlen, sich mit komplexen Fragen auseinanderzusetzen. Die Antwort steht ja schon fest: Der Mensch ist eben dumm. Damit erklärt man nichts. Man beendet das Denken genau dort, wo es anfangen müsste.

Kein Ausrutscher: Dugins Denken von oben

Man könnte meinen, gerade Dugin müsste es besser wissen. Er kommt von der anderen Seite, aus Russland, er hat den Westen jahrzehntelang für seinen Liberalismus und seine Entwurzelung des Menschen angegriffen. Er müsste wissen, dass jedes System, ob Ost oder West, den Menschen nach seinem Bild formen will.

Aber hier liegt der Denkfehler, und ich habe ihn selbst erst machen müssen. Dugins Denken steht gar nicht auf der Seite des einfachen Menschen. Er kommt aus dem Traditionalismus, aus der Schule von René Guénon, Julius Evola und Martin Heidegger. Diese Schule ist ausdrücklich hierarchisch. Sie verachtet den modernen Massenmenschen. Bei Heidegger heißt er „das Man“, bei Evola ist er der Mensch des Niedergangs, der Bodensatz einer verfallenden Zeit.

Der Satz über die KI ist bei Dugin also kein Ausrutscher. Er ist Programm. Und damit ist er der Beweis für etwas, das man selten so sauber vorgeführt bekommt: In der Verachtung des kleinen Mannes sind sich Ost und West einig. Nur das Vokabular ist ein anderes. Der westliche Technokrat nennt ihn „bildungsfern“, der östliche Traditionalist nennt ihn „idiotisch“. Gemeint ist derselbe Mensch. Gemeint bist du.

Herrschaftswissen: Von Le Bon bis Bernays

Diese Verachtung hat eine lange Geschichte, und sie war nie bloß Meinung. Sie war Werkzeug.

1895 erscheint Gustave Le Bons „Psychologie der Massen“. Die Masse, heißt es dort, sei triebhaft, leichtgläubig, unfähig zum vernünftigen Denken. Das Buch wurde kein Werk der Aufklärung, sondern ein Handbuch für Leute, die Massen lenken wollten. Mussolini berief sich auf Le Bon. Goebbels hat ihn gelesen.

1922 prägt der amerikanische Publizist Walter Lippmann in „Public Opinion“ den Begriff von der Herstellung der Zustimmung, „manufacture of consent“. Die Bürger, so sein Gedanke, seien zu einem eigenen Urteil über komplexe Fragen nicht fähig. Die Zustimmung müsse von Fachleuten erzeugt werden.

1928 legt Edward Bernays nach, Neffe Sigmund Freuds und Begründer der modernen Public Relations. In seinem Buch „Propaganda“ schreibt er unverblümt, die bewusste Lenkung der Gewohnheiten und Meinungen der Massen sei ein notwendiger Bestandteil der Demokratie. Wer diese Lenkung betreibe, bilde eine unsichtbare Regierung, die das Land tatsächlich beherrsche.

Das ist keine Unterstellung von außen. Das haben die Akteure selbst aufgeschrieben, schwarz auf weiß. Die Analyse des kleinen Mannes war von Anfang an Herrschaftswissen. Man erklärt die Masse für dumm, und genau damit begründet man das Recht, sie zu führen.

Man könnte einwenden, Le Bon habe an die Dummheit der Masse wirklich geglaubt. Mag sein. Das macht es nicht besser, sondern schlimmer. Dann ist die Verachtung keine Lüge einzelner Zyniker mehr, sondern die Denkgewohnheit einer ganzen Schicht, die ihre eigene Stellung oben für den Beweis ihrer Überlegenheit hält.

Die Fabrik und das Produkt

Kommunismus, Sozialismus, Kapitalismus, die grüne Agenda – jeder dieser Ismen glaubt, den besseren Menschen zu schaffen. Den neuen Sowjetmenschen. Den mündigen Konsumenten. Den klimabewussten Bürger. Ehrlicher wäre: Jedes System will nicht den besseren Menschen, sondern den für seine Zwecke brauchbaren. Der Kapitalismus braucht den leistungsfähigen Produzenten und den zahlungskräftigen Konsumenten. Der autoritäre Sozialismus brauchte den disziplinierten, ideologisch zuverlässigen Bürger. Die Leitbilder wechseln, der Anspruch bleibt.

Und alle stoßen auf dieselbe Wand: Es gibt keine anderen Menschen. Das wissen die da oben ganz genau.

Der Mensch kommt nicht als Rädchen auf die Welt. Er wird in Verhältnisse hineingeboren, die lange vor ihm da waren. Er durchläuft eine Schule, deren Lehrpläne andere geschrieben haben. Die Schule ist das erste Nadelöhr bis zur Berufsausbildung, und wer da herauskommt, ist geschliffen bis auf den Leim. Danach verbringt er Jahrzehnte damit, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, Rechnungen zu bezahlen und den Erwartungen zu genügen.

Der amerikanische Lehrer John Taylor Gatto, mehrfach als bester Lehrer New Yorks ausgezeichnet, hat genau das beschrieben: Das moderne Schulsystem folgt dem preußischen Modell, und dessen Ziel waren gehorsame Arbeitskräfte und Soldaten, keine denkenden Menschen. Ivan Illich forderte schon 1971 die „Entschulung der Gesellschaft“, weil die Schule den Menschen beibringe, Belehrung mit Bildung zu verwechseln.

Man erzählt den Leuten so viel Wahrheit, wie sie brauchen, um in der Fabrik durchzuhalten. Nicht mehr. Und dann stellt man sich hin und wundert sich, dass sie nicht mehr wissen.

Wo genau, Herr Dugin, soll dieser Mensch eigentlich die geistige Unabhängigkeit entwickeln, deren Fehlen Sie ihm anschließend vorwerfen? Was ihm fehlt, ist nicht Verstand. Es sind Zeit, Zugang und das Wissen, das man ihm vorenthalten hat. Wer das Fehlen von Wissen mit Dummheit verwechselt, verwechselt es mit Absicht.

Das Werkzeug gegen den Menschen

Und dann die KI. Dugin spielt ausgerechnet die Maschine gegen den Menschen aus. Dabei ist diese Maschine nicht vom Himmel gefallen. Sie ist aus menschlicher Sprache gebaut, aus Milliarden von Texten, die ganz normale Menschen geschrieben haben. Aus Briefen, Foren, Anleitungen, Erfahrungsberichten, Fachaufsätzen. Aus dem gesammelten Wissen jener Durchschnittsmenschen, die Dugin für Idioten hält.

Wenn die KI also „weniger idiotisch“ wirkt, dann nur, weil sie das Wissen dieser angeblichen Idioten verdichtet. Der Satz widerlegt sich selbst. Dugin verwechselt die Leistungsfähigkeit eines Werkzeugs mit der Würde des Menschen, der es gebaut hat und dessen Wissen darin steckt.

Die Gegenlinie: Gleichheit der Intelligenzen

Die Philosophie ist zum größten Teil von oben herab geschrieben. Von Platons Philosophenkönigen, die über die Unwissenden herrschen sollen, bis zu Nietzsches „Herdentier“. Aber es gibt eine Gegenlinie, und die verdient es, genannt zu werden.

Antonio Gramsci schrieb im Gefängnis Mussolinis, jeder Mensch sei ein Philosoph. Der Alltagsverstand der einfachen Leute sei kein Mangel, sondern umkämpftes Gelände, um das die Herrschenden ringen.

Der französische Philosoph Jacques Rancière ging noch weiter. In „Der unwissende Lehrmeister“ stellt er eine These auf, die Dugins Satz auf den Kopf stellt: Alle Intelligenzen sind gleich. Erst der Erklärer, der sich für unentbehrlich hält, erzeugt die Dummheit, die er zu beheben vorgibt. Wer den anderen für unfähig erklärt, macht ihn unfähig.

Das ist die eigentliche Antwort an Dugin. Nicht die Masse ist dumm. Für dumm erklärt wird sie, und zwar von denen, die davon leben, dass man ihnen das glaubt.

Was ein Idiot eigentlich ist

Ein Blick in die Wortgeschichte lohnt sich. Das griechische idiōtēs bedeutete ursprünglich nicht der Dumme. Es bedeutete der Privatmann – derjenige, der nicht am öffentlichen Leben der Polis teilnimmt, der von der Mitgestaltung des Gemeinwesens ausgeschlossen ist.

Der Idiot in diesem ursprünglichen Sinn ist also kein Dummer. Er ist ein Ausgeschlossener. Ausgeschlossen von denen, die ihm nur so viel Wissen zuteilen, wie er für die Arbeit braucht, und die anschließend über ihn spotten, weil er nicht mitreden kann.

Wir da unten benutzen das Wort anders. Ich brauche weder Kant noch Schopenhauer, um zu erkennen, wann einer von oben herab auf Menschen spuckt. Mein Wissen kommt nicht aus dem Seminar, sondern aus dem Leben da unten. Belesenheit, Titel und Sprachgewandtheit setzen niemanden auf einen Thron, und wer sich trotzdem selbst draufsetzt, muss sich gefallen lassen, dass man ihn wieder herunterholt. Für so jemanden haben wir ein einfaches Wort: Wer es besser wissen müsste und trotzdem solchen Müll verbreitet, ist ein Idiot. Dafür brauchen wir keine Philosophie.

Kein Kitsch vom guten kleinen Mann

Damit kein Missverständnis aufkommt: Ich halte den kleinen Mann nicht für den besseren Menschen. Unten gibt es genauso widerwärtige Kreaturen wie oben, Gauner, Schläger, Egoisten, denen das Schicksal anderer völlig gleichgültig ist. Ich mache mir über die menschliche Natur keine Illusionen.

Aber der Gauner unten kann seinen Nachbarn bestehlen. Der Entscheider oben kann mit einer einzigen Unterschrift Tausende in die Armut stoßen, Sozialleistungen kürzen, Existenzen vernichten. Die gesellschaftliche Stellung sagt nichts über den Charakter eines Menschen. Sie sagt alles über die Reichweite des Schadens, den er anrichten kann. Deshalb geht mein Blick nach oben. Und deshalb stelle ich mich vor die da unten.

Dazu kommt etwas, das in keiner Debatte über „die Dummheit der Masse“ vorkommt. Diese Gesellschaft führt den Menschen jeden Tag vor, was ein gutes Leben ist: Luxusautos, Yachten, Champagner, per Werbung, per Kino, per Bildschirm. Und demselben Menschen wird der Strom abgestellt, die Leistung gekürzt, und er weiß nicht, wie er seine Kinder satt bekommen soll. Der Soziologe Robert K. Merton hat das schon 1938 beschrieben: Wo eine Gesellschaft allen dieselben Ziele predigt, aber vielen die legitimen Mittel verweigert, sie zu erreichen, entsteht Abweichung. Nicht aus Bosheit, sondern aus dem Widerspruch, den die Gesellschaft selbst erzeugt.

Wer aus Hunger stiehlt, ist für seine Tat verantwortlich. Aber wer die Verhältnisse schafft, unter denen Menschen hungern, ist für die Verhältnisse verantwortlich. Anatole France hat diesen Hohn 1894 auf den Punkt gebracht: Das Gesetz in seiner majestätischen Gleichheit verbietet Reichen wie Armen, unter Brücken zu schlafen, auf den Straßen zu betteln und Brot zu stehlen.

Wer über dieses Elend schweigt und anschließend über die Dummheit oder die Verfehlungen der Betroffenen philosophiert, hat das Problem nicht einmal verstanden.

671 Likes

Ein Detail am Rand, das mir keine Ruhe lässt: 671 Menschen haben Dugins Satz mit einem Herz versehen. Viele davon sind vermutlich genau die Durchschnittsmenschen, über die er sich erhebt. Sie applaudieren ihrer eigenen Herabwürdigung.

Das ist der eigentliche Erfolg dieser Herrschaftssprache. Man lernt, über „die da unten“ zu lachen, und vergisst dabei, dass man selbst gemeint ist. Jeder hält sich für die Ausnahme. Und genau so funktioniert Teilen und Herrschen.


Die Gegenfrage

Herr Dugin, wenn der durchschnittliche Mensch tatsächlich so idiotisch ist, wie Sie behaupten: Weshalb haben dann ausgerechnet die angeblich überdurchschnittlich Klugen, die seit Jahrhunderten unsere Gesellschaften lenken, bis heute keine Verhältnisse geschaffen, in denen sich die Fähigkeiten aller Menschen frei entfalten können?

Vielleicht ist der Durchschnittsmensch gar nicht das Problem. Vielleicht sollten wir uns sehr viel genauer jene ansehen, die sich für weit überdurchschnittlich halten und daraus das Recht ableiten, über andere zu bestimmen. Eine Gesellschaft, die Menschen nach ihrer Verwertbarkeit beurteilt und sie anschließend dafür verachtet, dass sie diesem Maßstab nicht genügen, hat kein Problem mit Idioten.

Sie hat ein Problem mit ihren Herren.

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