Suche

Mittwoch, 30. September 2026

Der bequeme Feind: Wie aus China der neue Sündenbock gemacht wird

Was du wissen musst – in 30 Sekunden

Prof. Fritz Vahrenholt behauptet, China habe den Westen über den Weltklimarat in die Klimapolitik gelockt, während es selbst Kohlekraftwerke baute. Auf X wird daraus binnen Stunden: Die ganze Klimageschichte sei eine chinesische Manipulation. Die Verhandlungsgeschichte zeigt das Gegenteil – China hat in den Klimaverhandlungen jahrzehntelang gebremst, nicht getrieben. Aufgebaut wurde das Klimathema in Washington, London und an der Wall Street – vom Earth Day über Kissinger und Thatcher bis zur Chicagoer Emissionsbörse. Die eigentliche Frage ist eine andere: Wem nützt es, wenn die Verantwortung für westliche Entscheidungen plötzlich in Peking liegt? Der Feind sitzt nicht im Reich der Mitte. Er sitzt dort, wo die Entscheidungen getroffen werden, die uns schaden.

Auf X kursiert derzeit ein Videoausschnitt, der viel über die Art verrät, wie Feindbilder heute entstehen. Nicht über China – sondern über uns.

Was Vahrenholt sagt

Fritz Vahrenholt, früherer Hamburger Umweltsenator (SPD) und ehemaliger RWE-Manager, erklärt im Gespräch mit Max Mannhart von Apollo News, China sei auf UNO-Ebene immer ein glühender Befürworter der Klimakatastrophe gewesen. Chinesische Universitäten hätten das CO₂ gezielt in schlechtes Licht gerückt, um den Westen auf einen Ausstiegspfad zu führen, während China selbst weiter Kohle verbrenne. Sein Fazit:

„Also da ist schon ein Plan dahinter, ein Plan des Reichs der Mitte, der dazu führt, dass die – ich sag mal – wohlstandsverwahrlosten westlichen Nationen auf den Leim gegangen sind.“

Und weiter: China sei immer der Befürworter der radikalsten Maßnahmen zum Ausstieg aus fossilen Quellen gewesen, habe aber gleichzeitig Kohlekraftwerke gebaut. Durchschaut habe das nur einer: Donald Trump.

Was die Verhandlungsgeschichte zeigt

Ein Teil davon stimmt. China baut tatsächlich Kohlekraftwerke in einem Umfang, den es nirgendwo sonst gibt. 2025 gingen dort 78 Gigawatt neue Kohlekapazität ans Netz, die Neuanträge erreichten mit 161 Gigawatt einen Rekord. Und Chinas Industrie zahlt für Strom ungefähr die Hälfte dessen, was ein deutscher Industriebetrieb ohne Vergünstigungen zahlt.

Aber die Kernbehauptung – China als Antreiber der westlichen Klimapolitik – dreht die dokumentierte Geschichte um:

Kopenhagen 2009: China war einer der Hauptverantwortlichen dafür, dass kein verbindliches Klimaabkommen zustande kam. Seine Linie war immer dieselbe: Die Industrieländer sollen handeln, China nicht.

Glasgow 2021: Indien und China setzten in letzter Minute durch, dass aus dem „Ausstieg“ aus der Kohle ein bloßes „Herunterfahren“ wurde. Das ist das Gegenteil der „radikalsten Maßnahmen“.

Dubai 2023: Der Druck für eine Abkehr von fossilen Brennstoffen kam von der EU, den Inselstaaten und Lateinamerika. China bremste.

Weltklimarat: Chinesische Delegierte haben bei der Abstimmung der Zusammenfassungen wiederholt auf Abschwächung gedrängt, nicht auf Verschärfung. Die Grundlagen der Klimaforschung stammen aus den USA, Großbritannien, Deutschland und Japan – nicht aus chinesischen Universitäten.

Biden und die Kernkraft: Vahrenholt behauptet, Biden habe die Kernenergie begrenzt. Das Gegenteil ist richtig. Biden hat sie mit Steuergutschriften und einem Rettungsprogramm für bestehende Reaktoren gefördert.

Einen chinesischen Plan gab es tatsächlich – aber einen ganz anderen. Mit „Made in China 2025“ hat Peking Solar, Batterien und Elektroautos zu Schlüsselindustrien erklärt. Die Nachfrage dafür hat allerdings der Westen selbst geschaffen, allen voran Deutschland mit dem EEG. Chinesische Hersteller haben diesen Markt mit subventionierten Billigmodulen übernommen, die deutsche Solarindustrie brach um 2012 zusammen. China hat eine Gelegenheit genutzt, die ihm der Westen auf dem Tablett serviert hat. Das ist der Unterschied zwischen einem Profiteur und einem Drahtzieher.

Wie der Thread das Feindbild fertigstellt

Interessanter als das Video ist, was daraus gemacht wird. Ein Nutzer teilt den Clip mit dem Kommentar:

„Vielleicht ist diese ganze Klimageschichte eine riesige Manipulations-Geschichte, genährt durch China.“

Die Antworten schrauben sich innerhalb weniger Stunden hoch:

„Selbstverständlich. China hat auch Agora mitfinanziert, um die deutsche Energiewende zu fördern, von der jetzt China profitiert.“
„China finanziert auch die Klimabewegung.“

Dazu das Laborvirus, der Iran-Krieg und der Hashtag #DontTrustChina. Nichts davon ist belegt. Agora Energiewende wird zu über 90 Prozent von der Stiftung Mercator aus Essen und der European Climate Foundation finanziert – und hinter der ECF stehen große amerikanische und europäische Stiftungen. Wer über ausländischen Einfluss auf die deutsche Energiepolitik reden will, findet ihn. Aber er sitzt nicht in Peking, sondern in Kalifornien und Den Haag.

Ein einziger Kommentar im ganzen Thread hält die Balance:

„China baut übrigens auch mehr Solar- und Windkapazitäten aus als der Rest der Welt zusammen. Beides kann wahr sein.“

Er ging unter.

Wer hat das Klimathema aufgebaut?

Wer wissen will, ob China die westliche Klimapolitik erfunden hat, muss nur fragen, wo sie herkommt. Der französische Publizist Thierry Meyssan hat die Stationen schon 2010 in seiner dreiteiligen Reihe „Der Klima-Vorwand“ nachgezeichnet. Man muss ihm nicht in jede naturwissenschaftliche These folgen – seine politische Chronik lässt sich an Primärquellen prüfen. Und sie führt überallhin, nur nicht nach Peking.

1970 – der Earth Day: Senator Gaylord Nelson ruft den „Tag der Erde“ aus, 20 Millionen Amerikaner machen mit. Die New York Times hatte schon im November 1969 beobachtet, dass die Umweltkrise an den Universitäten die Proteste gegen den Vietnamkrieg zu verdrängen beginne. Ob das gezielt so gesteuert wurde, ist Deutung. Dass es Washington gelegen kam, liegt auf der Hand.

1972 – Stockholm und der Club of Rome: Die erste UN-Umweltkonferenz wird von dem Kanadier Maurice Strong geleitet, einem Mann aus dem Ölgeschäft mit engen Verbindungen zur Rockefeller-Stiftung. Anschließend übernimmt er das neu gegründete UN-Umweltprogramm. Im selben Jahr erscheint „Die Grenzen des Wachstums“ – eine Studie im Auftrag des Club of Rome, gegründet von dem Fiat-Manager Aurelio Peccei, finanziert von der Volkswagenstiftung.

1974 – das Kissinger-Memorandum: Im geheimen National Security Study Memorandum 200 lässt Henry Kissinger das Bevölkerungswachstum der Dritten Welt als Sicherheitsrisiko für die USA analysieren. Darin taucht bereits die Sorge auf, der Klimawandel könne die Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung gefährden. Das Dokument blieb bis 1989 unter Verschluss.

Klima als Waffe: Gleichzeitig führte das Pentagon selbst Klimakrieg. Mit der Operation Popeye wurden von 1967 bis 1972 über Laos Wolken geimpft, um den Monsun zu verlängern und den Ho-Chi-Minh-Pfad unpassierbar zu machen. Seymour Hersh deckte das 1972 in der New York Times auf. 1976 folgte die ENMOD-Konvention gegen Umweltkriegsführung – entworfen von Washington und Moskau gemeinsam.

1988 – Thatcher und der Weltklimarat: Margaret Thatcher macht das Klima mit ihrer Rede vor der Royal Society zum Thema der Spitzenpolitik. Im selben Jahr wird der Weltklimarat gegründet – als zwischenstaatliches Gremium, dessen Zusammenfassungen Zeile für Zeile von Regierungsdelegationen abgesegnet werden. Für Thatcher, die gerade den großen Bergarbeiterstreik niedergerungen hatte, passte ein Feldzug gegen die Kohle und für die Kernkraft nahtlos ins politische Programm.

2003 – Klima wird Handelsware: In Chicago nimmt die Chicago Climate Exchange den Handel mit Emissionsrechten auf, mitfinanziert von der Joyce Foundation, in deren Stiftungsrat bis 2002 ein gewisser Barack Obama saß. 2004 gründen Al Gore und der frühere Goldman-Sachs-Manager David Blood den Fonds Generation Investment Management, der genau auf diese neuen Märkte setzt. Ab 2005 folgt der EU-Emissionshandel.

Earth Day, Stockholm, Club of Rome, Kissinger, Thatcher, Chicago, Goldman Sachs: Das ist die Ahnengalerie der Klimapolitik. Kein einziger Name führt nach China. China kam erst dazu, als der Markt längst gebaut war – und hat ihn dann klüger genutzt als seine Erbauer.

Zum Nachlesen: Thierry Meyssan, „1970–1982: Die Ökologie des Krieges“, Voltaire Netzwerk.

Der Feind sitzt im Inneren

Hier lohnt es sich, einen Schritt zurückzutreten. Was passiert, wenn ein ganzes Publikum lernt, die Ursache seiner Probleme im Ausland zu suchen?

Die Strompreise in Deutschland sind hoch wegen Steuern, Umlagen, Netzentgelten, Gasabhängigkeit und politischer Entscheidungen, die in Berlin und Brüssel getroffen wurden. Chinas industrieller Aufstieg wurde mit westlichem Kapital, westlicher Technologie und der Verlagerung westlicher Produktion finanziert – weil es den Konzernen billige Arbeit und hohe Margen brachte. Kissinger, Nixon, der WTO-Beitritt 2001: Das waren keine chinesischen Entscheidungen. Antony Sutton hat schon 1984 vorhergesagt, dass China mit amerikanischer Technologie und amerikanischem Können zur Supermacht aufgebaut werden würde. Er hat recht behalten.

Wer jetzt China die Schuld gibt, spricht genau diejenigen frei, die diese Entscheidungen getroffen und daran verdient haben. Das Feindbild ist bequem – für die Politik, die ihre eigenen Fehler loswird, und für die Konzerne, die an beiden Seiten verdienen.

Hermann Scheer, der 2010 viel zu früh verstorbene SPD-Politiker und Träger des Alternativen Nobelpreises, hat sein politisches Leben lang davor gewarnt, die Gegner einer freien, dezentralen Energieversorgung im Ausland zu suchen. Er fand sie bei den etablierten Energiekonzernen und bei den „eingebetteten“ Wissenschaftlern und Politikern, die deren Interessen vertraten. Gerade er, der Vater des EEG, wäre heute ein unbequemer Zeuge: Der Mann, den Vahrenholts Lager als Urheber der deutschen Energiewende bekämpft, hat nie einen äußeren Feind gebraucht, um die Machtfrage zu stellen.

Hollywood hat es 1976 gesagt

Im Film Network von Sidney Lumet gibt es eine Szene, die man heute nicht mehr als Satire sehen kann. Der Konzernchef Arthur Jensen erklärt dem rebellischen Nachrichtensprecher Howard Beale, dass er in einer Welt lebt, die es nicht mehr gibt. Es gebe keine Nationen mehr, keine Völker, keinen Osten und keinen Westen – nur noch ein einziges, unauflösliches System aus Konzernen und Geldströmen. Russland? Amerika? Bloß Namen auf einer Landkarte. Die wirklichen Akteure hießen IBM, ITT, AT&T, DuPont und Exxon.

Das war vor fünfzig Jahren. Heute sitzen die Zentralbanken aus Washington, Peking und Moskau gemeinsam in der BIZ in Basel am Tisch. Russland führt seit diesem September den digitalen Rubel ein, China betreibt den digitalen Yuan, die EU arbeitet am digitalen Euro. Angebliche Erzfeinde bauen dasselbe Werkzeug zur lückenlosen Kontrolle jeder Transaktion. Wer da noch glaubt, die entscheidende Frontlinie verlaufe zwischen Ost und West, hat die Szene nicht verstanden.

Was folgt daraus?

Feindbilder sind nie neutral. Sie lenken den Blick – und zwar immer weg von denen, die gerade Entscheidungen treffen. Gestern war es Russland, heute ist es China, morgen wird es jemand anderes sein. Die Frage, die man sich bei jedem neuen Feindbild stellen sollte, ist dieselbe wie bei jeder Machtanalyse: Wer profitiert davon, dass ich meinen Zorn genau dorthin richte?

China hat den Westen nicht an der Nase herumgeführt. Der Westen hat sich selbst an der Nase herumgeführt – und sucht jetzt jemanden, dem er die Schuld geben kann.


Zum Weiterlesen: Teil III: Rom ist nicht untergegangen – warum es keinen Ost-West-Gegensatz gibt.

Keine Kommentare: