Grilleau

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Um den Befürwortern der Sanktionen vor Augen zu führen, in welchem geistigen Umfeld sie sich bewegen – schließlich ist selbst das Regierungsmotto von CDU und CSU- "sozial ist, was Arbeit schafft" – der nationalistischen Propaganda entlehnt, wo es hieß: – "Sozial ist, wer Arbeit schafft" – nachstehend Zitate von der sogenannten Leistungselite, die aufzeigen, wie die heutige Diskriminierung der Erwerbslosen nach dem SGB II vonstattengeht, die im Übrigen in keinster Weise von der Diskriminierung der Erwerbslosen im Dritten Reich sich unterscheidet. Zum Vergleich verweise ich auf die Gestapo-Aktion gegen sog. Arbeitsscheue hin, die auf einen Erlass des Reichsführers SS, Heinrich Himmler vom 26.1.1938 zurückging. http://grilleau.blogspot.de/2016/02/hartz-iv-und-die-strukturelle-gewalt.html

Samstag, 22. August 2015

Darf man die Geschichte bemühen um faschistische Tendenzen aufzuzeigen?

Nur aus der Geschichte kann man lernen

Ein Brief ohne Antwort

Darf man faschismuskritische Vergleiche anstellen zwischen Bundesrepublik und Nationalsozialismus? Anfrage bei Charlotte Knobloch, der Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland

Ein Gastbeitrag von Holdger Platta

Sehr geehrte Frau Knobloch,
erst mit Verspätung habe ich davon erfahren, dass Sie an Herrn Lerchenbergs Kabarett-Rede zum Bier-Anstich der Münchener Paulaner Brauerei Anstoß genommen haben. Anstoß genommen haben offenbar deshalb, weil Sie uns warnen und sagen wollten, dass man nicht vergleichen dürfe (vielleicht sogar gleichsetzen dürfe), was Deutsche während des Dritten Reiches jüdischen MitbürgerInnen antaten und was heute im wachsenden Maße den Zwangsarbeitslosen in der Bundesrepublik angetan wird.




Ich kann Ihre Reaktion – so glaube ich zumindest – sehr gut verstehen. Aber – darf ich Ihnen das mitteilen? – Ihre Reaktion hat mich auch tief verletzt. Beides möchte ich Ihnen erläutern:
Natürlich verstehe ich, dass bei jedem Vergleich heutiger Geschehnisse, Entwicklungen, Aussagen mit denen während des Dritten Reichs (sowie der 'Aufstiegsgeschichte' der NSDAP in Deutschland) eine enorme Gefahr gegeben ist: das nämlich, was damals geschah, dadurch zu verharmlosen und/oder auch zu missbrauchen für heutige politische Zwecke. Wo immer ich diese Gefahr der Bagatellisierung zu sehen oder zu verspüren glaube, diese Gefahr des Missbrauchs, setze ich mich selber – seit Jahrzehnten meiner publizistischen Praxis inzwischen – gegen solche Relativierungen und Instrumentalisierungen von Auschwitz zur Wehr. Doch es gibt eine Kehrseite dieser dringlichst wieder und wieder erforderlichen Behutsamkeit und Genauigkeit, und diese möchte ich folgendermaßen auszudrücken versuchen:

Wir stehen nach meinem Eindruck in wachsendem Maße in der Gefahr, gegenwärtige Aussagen, Entwicklungen und Geschehnisse zu verharmlosen, und zwar in der Gestalt scheinlegitimierender Rückverweise auf das Dritte Reich. Da heute alles noch nicht so furchtbar wie damals ist – dies die untergründig wirksame Logik -, ist heute eigentlich gar nichts wirklich schlimm. Es habe jedenfalls, was heute geschieht, nichts, aber auch gar nichts mit dem zu tun, was damals während der Endphase der Weimarer Republik und während des Dritten Reichs geschah. Heißt: zum Schutz der Unmenschlichkeiten in der Gegenwart greift diese Art von 'Argumentation' unablässig aufs Vergleichen mit Auschwitz zurück. Adorno – Sie wissen, Ziel jeder Erziehung habe zu sein, dass Auschwitz nie wieder sei – hat diese fatale Reinwaschungslogik gegenüber allem, was heute geschieht, einmal so ausgedrückt (er bezog sich ebenfalls auf Auschwitz dabei): "Das Unmaß des Verübten schlägte dem Verübten zum Vorteil aus." Er hat zum einen damit gemeint, dass die schiere Unvorstellbarkeit von Auschwitz diese Verbrechen gleichsam vor ihrem Begreifen schützt. Doch zum anderen wollte Adorno mit diesen Satz auch noch auf anderes hinweisen: dass die Ungeheuerlichkeit von Auschwitz gleichsam seine gesamte Vorgeschichte belanglos erscheinen lässt ( = weil das alles noch so ungleich weniger böse und schlimm war) und dass alles auch gleichsam belanglos erschiene, was heute an Entsetzlichkeit Auschwitz noch nicht gleicht. Unser Antifaschismus und unsere Mitmenschlichkeit geraten damit aber in Gefahr, in der Geschichte beerdigt zu werden. Und diese Abwehr des Vergleichens – was, sehr geehrte Frau Knobloch, keinesfalls automatisch und logischerweise ein Gleichsetzen ist! -, diese Wahrnehmungsunfähigkeit droht blind zu machen für das, was sich heute womöglich schon wieder vorzubereiten beginnt.

Ich möchte Ihnen das verdeutlichen an einem einzigen Beispiel:

Adolf Hitler hat in seinem Buch "Mein Kampf" wieder und wieder "die Juden" mit "Parasiten" und "Schmarotzern" verglichen. Dies war noch nicht Auschwitz, aber es war agitatorische Vorbereitung auf Auschwitz. Hinter dieser entmenschlichenden Metaphorik, die Menschen galt, lauerte gleichsam schon die chemische Vergiftung dieses "Ungeziefers". Ihnen muss ich als allerletzter erklären, was dieses, keine siebzehn Jahre später, für Juden bedeutete: eben genau dieses, die Vernichtung von Menschen, von unzähligen Juden aus ganz Europa (und von anderen Bevölkerungsgruppen gleich mit), mithilfe von giftiger Chemie, mithilfe von Zyklon B. – Meine Frau und ich, Jahrgänge 1950 und 1944, sind weinend durch Auschwitz gegangen – im Stammlager, vor allem aber dann in Auschwitz-Birkenau -, als wir diese Erinnerungsstätten furchtbarster fabrikmäßig betriebener menschlicher Grausamkeit vor vielen Jahren 'besuchten'. Abends, in Krakau zurück, waren wir außerstande, über diesen Tag miteinander zu sprechen.

Aber heute packt mich dieses Grauen wieder: es war ein Bundesminister, wie Sie wissen, ein angeblicher Sozialdemokrat zudem, der im Herbst des Jahres 2005 mit genau derselben "Parasiten"-Vokabel wieder auf Menschen zielte. Natürlich wieder nur – wie Hitler im Jahre 1924 – mit menschenverachtendem Gerede, nicht schon mit "Auschwitz" direkt. Doch ist da der Unterschied noch so groß? Wieder ging es gegen eine Minderheit, wieder gegen Menschen, die wehrlos sind. Und wenig später setzte ein weiterer Sozialdemokrat noch eins drauf und zitierte aus dem (gefälschten) zweiten Thessalonicher-Brief des Apostel Paulus in gefälschter Version: "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen." Entschuldigen Sie bitte, aber dieser Satz ist ein Todesurteil, er stellt nichts anderes dar als die Quintessenz aus zwei anderen Sätzen (und den einen der beiden Sätze haben meine Frau und ich ja damals über dem Eingangstor vom Stammlager Auschwitz lesen müssen, und der andere ist heute noch nachzulesen in Buchenwald): "Arbeit macht frei" und "Jedem das Seine".

Ich habe eine große Bitte an Sie: bitte übersehen Sie nicht, dass wir bereits wiederum in einer Entwicklung begriffen sind, hier in Deutschland, die – nein, nicht "Auschwitz" selber, aber der Vorbereitung eines neuen "Auschwitz" zu gleichen beginnt. Und heute wie damals nimmt die Zahl 'präventiver' Selbstmorde unter den Betroffenen zu, nimmt die Angst zu, das Sichverstecken und Wegducken der betroffenen Menschen, das Abrücken anderer Menschen von ihnen (nicht selten bis in deren eigene Familien hinein), heute wie damals nimmt die Anzahl verbaler und tätlicher Angriffe auf die nunmehr stigmatisierte Bevölkerungsgruppe zu, heute wie damals arbeiten bereits ganze Verbände, Organisationen wie eben auch 'führende' Politiker daran, die Ausgrenzung einer ganzen Bevölkerungsgruppe, der Zwangsarbeitslosen, voranzutreiben in diesem Land und andere Bevölkerungsgruppen (die "Steuerzahler", die "Leistungsträger", die "Mitte der Gesellschaft") aufzuhetzen gegen diese zwangsarbeitlos gewordene Minderheit. Dass während des Dritten Reichs alles so schlimm wurde, so unsagbar furchtbar und entsetzlich und schlimm, darf uns nicht daran hindern zu erkennen, dass erneut die Gefahr heraufbeschworen wird, dass alles wieder so schlimm und entsetzlich und furchtbar werden könnte wie damals. Übertreibung? Ja, noch ist es eine Übertreibung. Aber: wie lange noch? Wenn die Gegenwart Auschwitz gleicht, ist es wieder einmal zu spät!

Ich sage es noch einmal in anderen Worten: wenn wir uns ausschließlich fixieren auf die Erscheinungsformen von Faschismus damals, auf Hakenkreuz und Massenaufmärsche, auf SA-Saalschlachten und den Davidstern zuerst auf den Fensterscheiben von Läden am 1. April 1933 und später dann auf Mänteln und Jacken, wenn wir uns darauf beschränken, Faschismus nur dort erkennen zu können und erkennen zu wollen, wo er die "Juden" meint und auf die "Juden" trifft, mit tödlicher Grausamkeit am Ende, dann haben wir – so meine ich allen Ernstes – Faschismus nicht wirklich begriffen! Faschismus kann auch auftreten mit Anzug und Schlips, Faschismus kann auch von einer ganz anderen Ecke her kommen als von rechts, Faschismus kann heute auch ganz andere Bevölkerungsgruppen treffen, als es damals der Fall war: Faschismus ist auch dieses. Faschismus immer noch in einem Anfangsstadium (wie ja auch Hitlers "Mein Kampf" 'nur' Anfangsstadium war, noch nicht Endpunkt!), aber doch auch dieses schon Faschismus.

Sie kennen wie ich Raul Hilbergs Lebenswerk über die Vernichtung der europäischen Juden. Lesen Sie bitte, falls Sie es für richtig halten, noch einmal nach, wie er diese verschiedenen Phasen der Judendiffamierung, Judendefinition, Judenerfassung, Judenentrechtung, Judenverfolgung und Judenvernichtung akribischst nachgezeichnet hat! Vielleicht verstehen Sie dann, dass ich an Lerchenbergs Äußerungen nicht wie Sie Anstoß nehmen kann, sondern im Gegenteil dankbar bin, dass endlich diese neuerlich in Gang gebrachte Stigmatisierungspropaganda gegenüber Menschen – diesesmal 'nur' anderen Menschen gegenüber – öffentlich angeprangert wird.

Ich hoffe, Sie glauben mir, dass ich hier nicht eine neue Opfergruppe 'erfinden' oder deren Schicksal hochdramatisieren möchte, auf dass endlich die alte Opfergruppe vergessen werde. Es ist genau umgekehrt: ich möchte nicht, dass wir im Blick auf die alte Opfergruppe übersehen, dass es bereits neue Opfergruppen gibt. Der Blick auf Geschichte sollte uns sehend und nicht blind machen gegenüber dem, was heute geschieht. Jedenfalls verstand ich mein Studium der Geschichte so, begriff ich so deren Wichtigkeit für mich und deren Bedeutsamkeit für uns alle (insbesondere für Menschen wie mich auf der Täterseite, in der Nachfolgeverantwortung zur Tätergeneration).

Es wäre gut zu hören und zu wissen, dass wir – Sie und ich – bei dieser Einschätzung nicht auseinander sind, sondern sehr nahe beieinander. Mit keinem Wort jedenfalls wollte ich Ihren Schmerz wegreden, aber doch darum bitten, mit mir wahrnehmen zu können, dass es inzwischen auch neue Schmerzen gibt, die Menschen alltäglich zugefügt werden, neue Demütigungen, Diskriminierungen, Beleidigungen, Verletzungen – und wieder einmal von staatlicher Seite aus, wieder einmal von oben her, wieder einmal einer Minderheit gegenüber.

Die Geschichte des Antisemitismus ist nicht zuendegeschrieben, ich befürchte, leider noch lange nicht. Die Geschichte anderer Verfolgungen aber auch nicht. Übersehen wir weder das eine noch das andere. Und vor allem: spielen wir nicht die eine Mitmenschlichkeit gegen die andere Mitmenschlichkeit aus! Mitleidswillkür darf es nicht geben im Namen von Humanität, sie höbe sich mit dieser Empathielotterie selber auf. Humanität ist eine ganze Sache oder gar nicht.
Mit herzlichen Grüßen
Ihr Holdger Platta


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