Eine einfache Frage zum Einstieg: Was hat dieser Mann gegen Leute, die nah an der Natur essen und leben wollen?
Da kocht jemand mit frischen Zutaten. Geht im Wald spazieren. Meidet Fertigprodukte. Hält vielleicht einen Stein in der Hand, weil es ihn beruhigt. Hört auf seinen Körper.
Wer ist das Opfer? Wer wird geschädigt? Niemand.
Aber solche Leute sind schlechte Kunden.
Wer selbst kocht, braucht kein Proteinpulver. Wer mit einfachen Mitteln entspannt, braucht kein Supplement gegen Stress. Wer seinem Körper vertraut, braucht kein Coaching. Wer zufrieden ist, konsumiert weniger.
Und genau deshalb müssen diese Menschen diffamiert werden. "Schwurbler", "holistische Mutti", "Neuzeitpropheten" – die Verachtung trieft aus jedem Satz. Nicht weil diese Leute gefährlich wären. Sondern weil sie sich dem Markt entziehen.
Das ist die Funktion des "Schwurbler"-Feindbilds: Verunsicherung. Menschen, die eigentlich auf einem guten Weg sind – frisch kochen, Natur, Selbstfürsorge – sollen sich fragen: Bin ich etwa unwissenschaftlich? Bin ich dumm? Muss ich mir vielleicht doch was kaufen, um es richtig zu machen?
Die Antwort soll lauten: Ja. Kauf mein Proteinpulver.
Es gibt eine Sorte YouTuber, die sich als Bollwerk gegen "Schwurbelei" präsentiert. Fakten statt Fühlies, Wissenschaft statt Wunschdenken – so der Anspruch. Schaut man genauer hin, entpuppt sich die vermeintliche Aufklärung als das, was sie zu bekämpfen vorgibt: ideologisch gefärbte Vereinfachung im Dienste ökonomischer Interessen.
Die rhetorische Masche
Das Schema ist immer dasselbe: Man nehme ein Feindbild ("Schwurbler", "Neuzeitpropheten", "holistische Mutti"), überzeichne es ins Groteske, und positioniere sich selbst als Stimme der Vernunft. Die Technik ist uralt und funktioniert zuverlässig – sie erspart einem die Mühe, sich mit den differenzierten Positionen dazwischen auseinanderzusetzen.
Im aktuellen Video über den "naturalistischen Fehlschluss" sehen wir das Muster in Reinform:
Behauptung: "All diese Dinge explizit in Europa sind getestet" und "ziemlich gut durchleuchtet."
Realität: Die meisten Bewertungen von Zusatzstoffen stammen aus den 1980er- und 1990er-Jahren. Die EFSA bewertet aktuell alle Lebensmittelzusatzstoffe neu – eben weil die alten Bewertungen nicht mehr dem Stand der Wissenschaft entsprechen. Titandioxid galt jahrzehntelang als unbedenklich, bis es 2022 wegen möglicher Erbgutschädigung verboten wurde. Sechs Azofarbstoffe müssen den Warnhinweis tragen, dass sie "Aktivität und Aufmerksamkeit bei Kindern beeinträchtigen" können.
Die Verbraucherzentrale – keine Schwurbler-Hochburg – empfiehlt: "Essen Sie daher Lebensmittel mit so wenig Zusatzstoffen wie möglich."
Aber das passt nicht ins Narrativ. Also wird es ignoriert.
Der Selbstwiderspruch
Besonders entlarvend ist folgender Moment: Nachdem er minutenlang argumentiert hat, dass Verarbeitung irrelevant sei und nur Kalorien und Makronährstoffe zählten, sagt er plötzlich:
"Grundsätzlich ist es natürlich eine gute Idee, so unverarbeitet wie nur möglich zu kochen."
Seine Begründung – "mehr Kontrolle" – ist fadenscheinig. Wer die Nährwertangaben lesen kann, hat auch bei Fertigprodukten Kontrolle. Der eigentliche Grund, warum unverarbeitete Lebensmittel vorteilhaft sein könnten, liegt in genau den Faktoren, die er gerade für irrelevant erklärt hat: Zusatzstoffe, Verarbeitungseffekte, Nährstoffverluste.
Er widerspricht sich selbst – und merkt es nicht, weil er zu beschäftigt damit ist, Strohmänner zu verbrennen.
Die Realität der Fertigprodukte
Und hier liegt ein weiterer blinder Fleck: Seine Reduktion auf "Kalorien und Makros" ignoriert, was in vielen hochverarbeiteten Produkten tatsächlich passiert.
Nehmen wir Tütensuppen. Eine "Tomatensuppe" aus der Tüte enthält oft: keine Tomaten. Stattdessen: Aromen, Geschmacksverstärker, Farbstoffe, die das Produkt nach Tomate aussehen und schmecken lassen – ohne dass eine Tomate in der Nähe war.
Auf dem Papier stimmen die Makronährstoffe vielleicht. Aber was fehlt? Alles, was eine echte Tomate ausmacht: Lycopin, Vitamin C, Kalium, sekundäre Pflanzenstoffe, Ballaststoffe. Das sind keine esoterischen Konzepte – das ist Biochemie.
Wenn er sagt, nur Kalorien und Makros zählen, dann müsste eine Tomatensuppe ohne Tomaten gleichwertig sein mit einer aus echten Tomaten. Das ist offensichtlicher Unsinn. Aber es passt in sein vereinfachtes Weltbild, in dem Kritik an Fertigprodukten automatisch "Schwurbelei" ist.
Die Lebensmittelindustrie hat gelernt, Geschmack zu simulieren, ohne Nährwert zu liefern. Das ist keine Verschwörungstheorie – das ist ihr Geschäftsmodell. Und wer das benennt, ist kein Schwurbler, sondern jemand, der die Zutatenliste lesen kann.
Fühlis statt Fakten – aber anders als gedacht
Der Mann, der "Datenlage" und "Wissenschaft" fordert, liefert in seinem gesamten Vortrag: keine einzige Studie. Keine Quellenangabe. Keine Differenzierung.
Stattdessen:
- Polemik ("Schwubbelwubbel", "Mutti mit holistischem Selbstfindungsweg")
- Anekdoten ("mir hat jemand aus dem Krankenhaus geschrieben")
- Emotionale Appelle ("das muss ich so drastisch sagen")
- Pauschalurteile ("das ist halt dumm")
Das ist exakt die Methodik, die er seinen Gegnern vorwirft. Der Unterschied: Er steht auf der "richtigen" Seite – definiert durch ihn selbst.
Die Auslassung: Placebo und Selbstheilung
Besonders bezeichnend ist seine Behandlung von allem, was er unter "Schwurbelheilkunde" subsumiert. Heilsteine, holistische Praktiken, alternative Ansätze – alles landet im selben Topf wie Chlorbleiche trinken.
Was dabei systematisch ausgeblendet wird:
- Der Placebo-Effekt ist wissenschaftlich robust dokumentiert
- Die Psychoneuroimmunologie zeigt messbare Verbindungen zwischen psychischem Zustand und Immunfunktion
- Selbstheilungsprozesse sind Grundlage der Medizin – Ärzte unterstützen sie, sie ersetzen sie nicht
Jemand, der einen Stein in der Hand hält, sich entspannt und dadurch weniger Stresshormone produziert – bei dem wirkt das. Der Mechanismus ist psychologisch, nicht mineralogisch, aber das Ergebnis ist real. Das ist keine Esoterik, das ist Psychophysiologie.
Die Grenze liegt dort, wo solche Praktiken anstelle notwendiger medizinischer Behandlung eingesetzt werden. Aber diese Differenzierung findet nicht statt. Stattdessen: pauschale Diffamierung.
Der Elefant im Raum: Ökonomische Interessen
Und jetzt zum Punkt, der nie angesprochen wird.
Am Ende des Videos kommt der "Call to Action": "Ihr müsst HPN kaufen." HPN – sein eigenes Supplement-Unternehmen.
Das ist kein Zufall. Es ist das Geschäftsmodell.
Die Supplement-Industrie basiert auf einer bemerkenswerten Transformation: Molke, einst Abfallprodukt der Käseherstellung (in den 60ern in Flüsse gekippt), wurde zum Premium-Produkt mit Margen von mehreren hundert Prozent. Ein Kilo Whey-Konzentrat kostet im Großhandel 9-18 Euro, im Einzelhandel 30-80 Euro.
Wer dieses Geschäft betreibt, hat ein strukturelles Interesse daran, dass bestimmte Fragen nicht gestellt werden:
- Wer profitiert von der Protein-Hysterie?
- Warum kostet ein Industrieabfallprodukt plötzlich Premiumpreise?
- Welche Rolle spielt Marketing bei der Konstruktion von "Bedürfnissen"?
Diese Fragen sind keine "Schwurbelei". Sie sind politische Ökonomie. Aber wer sie stellt, wird in dieselbe Kategorie geworfen wie Leute, die Chlorbleiche als Heilmittel verkaufen.
Das ist kein Zufall. Es ist Strategie.
Die falsche Dichotomie
Die gesamte Inszenierung basiert auf einer konstruierten Gegenüberstellung: Hier die Wissenschaft (vertreten durch ihn), dort die Schwurbler (alle, die unbequeme Fragen stellen).
Was dabei verschwindet:
- Seriöse Kritik an der Lebensmittelindustrie
- Wissenschaftliche Debatten über Zusatzstoffe
- Politökonomische Analyse von Marktmacht
- Differenzierte Positionen zwischen den Extremen
Das Ergebnis ist eine Diskursverengung, die dem kritisierten "Schwurbel" strukturell ähnelt: Wer nicht meiner Meinung ist, gehört zum Feind. Grautöne existieren nicht.
Nachtrag: Wer ist hier der Verschwörer?
Ich wollte unter das Video folgenden Kommentar setzen:
Interessantes Video, aber ein paar Punkte:
1. Du sagst, alle Zusatzstoffe seien "ziemlich gut durchleuchtet". Die meisten Bewertungen stammen aus den 80er/90er Jahren. Die EFSA bewertet gerade ALLE neu. Titandioxid galt jahrzehntelang als unbedenklich – 2022 verboten wegen möglicher Erbgutschädigung. Die Verbraucherzentrale empfiehlt: "so wenig Zusatzstoffe wie möglich." Keine Schwurbler.
2. Du forderst "Datenlage" und "Wissenschaft" – und lieferst im ganzen Video keine einzige Studie. Nur Polemik, Anekdoten ("jemand aus dem Krankenhaus hat mir geschrieben") und Pauschalurteile. Das ist exakt die Methodik, die du kritisierst.
3. "Verarbeitung ist egal, nur Kalorien zählen" – und dann: "Grundsätzlich ist es eine gute Idee, so unverarbeitet wie möglich zu kochen." Was denn nun?
4. Heilsteine = Chlorbleiche trinken? Der Placebo-Effekt ist wissenschaftlich dokumentiert. Psychoneuroimmunologie ist keine Esoterik. Differenzierung wäre angebracht.
5. Am Ende: "Kauft HPN." Du verkaufst Supplements und erklärst gleichzeitig jeden zum Schwurbler, der Machtkritik an der Industrie übt. Das ist kein Interessenkonflikt?
Echte Aufklärung wäre Differenzierung und Quellenarbeit. Das hier ist Polemik im Gewand der Rationalität.
Das Ergebnis: Meine Kommentare werden nicht mehr zugelassen. Ich bin offenbar gesperrt.
Und hier schließt sich der Kreis. Der Mann, der gegen "Verschwörungstheorien" wettert, der "offene Diskussion" und "Fakten" fordert, der sich als Kämpfer gegen Manipulation inszeniert – dieser Mann löscht sachliche Kritik und sperrt Kritiker.
Das ist die eigentliche Verschwörung. Keine esoterische Theorie über geheime Mächte, sondern ganz reale, ganz banale ökonomische Macht, die sich gegen unbequeme Fragen immunisiert.
Er wirft anderen vor, sie seien "vom Marketing gecatcht worden" und "manipuliert". Aber wer manipuliert hier wen? Wer unterdrückt den Diskurs? Wer hat ein finanzielles Interesse daran, dass bestimmte Kritik nicht gehört wird?
Die Schwurbler, vor denen er warnt, verkaufen Heilsteine für 20 Euro. Er verkauft Supplements für ein Vielfaches – und dazu ein Weltbild, in dem jede Kritik an diesem Geschäftsmodell automatisch "unwissenschaftlich" ist.
Das ist nicht Aufklärung gegen Verschwörungsdenken. Das ist Verschwörung – die Verschwörung des Kapitals gegen die Urteilskraft der Bevölkerung. Nur eben ohne Geheimnis, ohne Kabale, ohne dunkle Hinterzimmer. Ganz offen, ganz legal, ganz profitabel.
Die wirklichen Verschwörer tragen keine Kapuzen. Sie tragen Ringlichter und verkaufen Proteinpulver.
Es ist nicht das erste Mal. Schon früher wurde sachliche Kritik unter seinen Videos gelöscht – dokumentiert hier: Der gelöschte Kommentar: Wenn Machtkritik zur "Schwurbelei" wird
Grilleau, Januar 2026
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen