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Mittwoch, 11. Februar 2026

Die KI-Jobkrise und das Märchen vom goldenen Handwerksboden

 


Ein Professor warnt in dramatischen Worten vor der KI-Revolution. Ein „Spiel um unsere Existenz" sei das, die „größte Revolution auf dem Arbeitsmarkt seit einem halben Jahrhundert". Politiker hätten keine Ahnung, spielten die drei Affen, und Programmierer — die angeblich Unantastbaren der letzten zwei Jahrzehnte — würden „als allererstes weggefegt". Soweit die Diagnose, und sie klingt durchaus plausibel.

Dann kommt die Therapie. Und da wird es lächerlich.

Die Rechnung, die keiner aufmacht

Im Vereinigten Königreich stehen 1,2 Millionen Hochschulabsolventen gerade einmal 17.000 offenen Stellen gegenüber. Verhältnis: 70 zu 1. Und die Lösung unseres Professors? „Handwerk hat goldenen Boden." Friedrich Merz habe „nicht so ganz unrecht" mit seinem Vorschlag, man solle doch lieber eine handwerkliche Ausbildung machen.

Rechnen wir das mal durch, was passiert, wenn diese Empfehlung befolgt wird.

Nehmen wir an, auch nur ein Drittel dieser überschüssigen Akademiker orientiert sich in Richtung Handwerk um. Das wären 400.000 Menschen, die plötzlich auf einen Markt drängen, der sie nie erwartet hat. Was passiert mit einem Markt, der mit Arbeitskräften geflutet wird? Die Löhne fallen. Der „goldene Boden" wird zum Billiglohnsektor. Das ist kein ökonomisches Geheimwissen, das ist Angebot und Nachfrage — etwas, das man im ersten Semester BWL lernt, jenem Studiengang, den der Professor ja noch für studierenswert hält.

Der demographische Wandel, der hier gerne als Gegenargument angeführt wird, ändert daran wenig. Denn wenn Millionen von Akademikern gleichzeitig ins Handwerk umgelenkt werden, ist der demographische Mangel in kürzester Zeit überrannt. Und dann stehen Handwerker vor demselben Problem wie die Akademiker jetzt: Zu viele Menschen für zu wenige Stellen. Nur mit dem Unterschied, dass sie zuvor ihre akademische Qualifikation aufgegeben haben.

Der Roboter im Raum

Aber es kommt noch besser. Denn unser Professor ignoriert den Elefanten — oder besser: den Roboter im Raum. Die humanoiden Roboter, die gerade in Serie gehen. Tesla Optimus, Boston Dynamics Atlas, Figure, Agility Robotics — sie alle werden nicht entwickelt, um in Laboren herumzustehen. Sie werden entwickelt, um physische Arbeit zu verrichten. Genau jene Arbeit, die angeblich den „goldenen Boden" bildet.

Wenn KI die kognitive Arbeit ersetzt und Roboter die physische — was genau bleibt dann übrig? Empathie, sagt der Professor. Menschenkenntnis. Intuition. Erfahrungswissen.

Das klingt wunderbar. Und es ist vollkommen wertlos als Arbeitsmarktkonzept.

Denn kein Unternehmen stellt jemanden ein, weil er empathisch ist. Unternehmen stellen Menschen ein, die Wertschöpfung erzeugen. Wenn eine KI die Analyse macht, ein Roboter die Umsetzung und ein Algorithmus die Kundenbetreuung — dann ist „Empathie" kein Berufsprofil, sondern eine nette Eigenschaft, für die niemand bezahlt.

Die verbotene Frage

Was der Professor in Wirklichkeit demonstriert, ist die intellektuelle Bankrotterklärung einer ganzen Klasse. Er erkennt die Dimension des Problems — und bietet als Lösung Selbstoptimierung an. Mach mehr Erfahrungen. Sei breiter aufgestellt. Trainiere deine Soft Skills. Das ist nichts anderes als die neoliberale Standardantwort auf jedes strukturelle Problem: Der Einzelne muss sich anpassen, das System bleibt unangetastet.

Die Frage, die nicht gestellt wird — und die nicht gestellt werden darf —, lautet: Was passiert in einer Gesellschaft, in der menschliche Arbeit in großem Maßstab überflüssig wird? Nicht einzelne Berufe. Nicht einzelne Sektoren. Sondern menschliche Arbeit als solche.

Diese Frage führt unweigerlich zu Antworten, die das bestehende System infrage stellen. Bedingungsloses Grundeinkommen, Umverteilung, Vergesellschaftung von KI-Gewinnen, Neuordnung des Eigentumsbegriffs. Alles Dinge, über die ein Professor, der seine Karriere im bestehenden System gebaut hat, nicht reden will. Oder nicht reden kann, ohne seine eigene Position zu gefährden.

Die ehrliche Diagnose

Die ehrliche Diagnose lautet: Wenn KI und Robotik tatsächlich das leisten, was angekündigt wird — und vieles spricht dafür —, dann ist „lerne ein Handwerk" oder „sammle Erfahrungen" keine Lösung. Es ist eine Beruhigungspille. Es ist das Äquivalent dazu, den Passagieren der Titanic zu empfehlen, Schwimmunterricht zu nehmen, während das Schiff sinkt.

Was wir erleben, ist ein Professor, der den Eisberg beschreibt, die Kollision ankündigt — und dann Schwimmtipps gibt. Nicht weil er dumm wäre, sondern weil die ehrliche Antwort politisch nicht verfügbar ist. Sie liegt außerhalb des Sagbaren. Und solange das so bleibt, werden wir weiter Variationen desselben Theaters erleben: Dramatische Warnungen, gefolgt von individualistischen Lösungsvorschlägen, die an der Dimension des Problems so grandios vorbeigehen, dass man tatsächlich nur noch lachen kann.

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