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Mittwoch, 11. März 2026

Die freundliche Maske: Was die GWUP ist – und was sie tut

 

Was du in 30 Sekunden wissen musst: Ein Vertreter der GWUP – der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften – sitzt in einem alternativen Medienformat. Er wirkt nahbar. Er spricht über Empathie, kognitive Verzerrungen, das Ringen um Wahrheit. Niemand stellt die naheliegenden Fragen. Niemand fragt, was diese Organisation mit Leuten macht, die sie für Abweichler hält. Niemand fragt nach PSIRAM. Niemand fragt nach dem „Goldenen Brett". Und genau das ist das Problem. Nicht das Interview. Sondern das Schweigen darin.

 

 

Eine Warnung, die niemand hören wollte

Der Publizist Reiner August Dammann – vielen bekannt als der „Eifelphilosoph" – warnte bereits 2016 auf seiner Plattform Nachrichtenspiegel vor genau diesem Mechanismus. Er analysierte die GWUP nicht als neutrale Wissenschaftsinstanz, sondern als ideologisches Instrument zur Stigmatisierung von Systemkritik. Seine Plattform ist heute offline – was seinen Befunden eine bittere Ironie verleiht. Denn das Verschwinden unbequemer Inhalte aus dem Netz ist kein Zufall, sondern Teil des Musters, das er beschrieben hat.

Was er damals skizzierte, ist heute sichtbare Praxis.

Lassen wir die Folklore.

Die GWUP präsentiert sich als neutrale Aufklärungsinstanz. Das ist eine Behauptung, keine Tatsache. Und wer behauptet, neutral zu sein, während er gleichzeitig Schmähpreise verleiht und mit anonymen Wikis kooperiert, die Menschen öffentlich markieren – der hat eine Menge zu erklären.

Das wurde ihm im Interview nicht abverlangt.

Das Goldene Brett

Jährlich verleiht die GWUP den Preis „Das Goldene Brett vorm Kopf". Empfänger werden öffentlich als Scharlatane gebrandmarkt. Das ist kein wissenschaftlicher Vorgang. Es gibt keine Anhörung, keine Gegenwehr, keinen fairen Prozess. Es ist ein Instrument der öffentlichen Beschämung – und es kann Existenzen beschädigen. Wer einmal auf dieser Liste steht, steht dort dauerhaft, indexiert, abrufbar, verwertbar.

Das nennt sich nicht Wissenschaft. Das nennt sich Prangerkultur.

PSIRAM und die Frage, die nicht gestellt wurde

Die GWUP und das anonyme Wiki PSIRAM sind keine unabhängigen Akteure. Das von der GWUP mitinitiierte Informationsnetzwerk Homöopathie (INH), dessen Leitungsgremium aus GWUP-nahen Akteuren besteht, verweist systematisch auf PSIRAM-Inhalte und empfiehlt sie als Quelle. Umgekehrt nutzt PSIRAM die Positionen und Preise der GWUP als Faktenbasis. Die Verweisstrukturen sind öffentlich überprüfbar.

Gegen mehrere PSIRAM-Einträge wurde erfolgreich rechtlich vorgegangen. Das zeigt: Hier geht es nicht immer um Aufklärung. Es geht um Markierung.

Guerrilla Skepticism: Die Wikipedia-Strategie

Wer noch immer denkt, das sei alles Zufall, dem sei folgendes empfohlen: Auf der Skepkon – der jährlichen Konferenz der GWUP – hielt ein gewisser Michael Steinkellner einen Vortrag mit dem Titel „Guerrilla Skeptizismus auf Wikipedia". In der Anmoderation des Vortrags fielen die Worte, man wolle gemeinsam die „Internetkampffähigkeiten verbessern, um auf Wikipedia maximale Durchschlagskraft zu entfalten." Das sind nicht die Worte eines neutralen Aufklärungsprojekts.

Steinkellner forderte die anwesenden GWUP-Mitglieder explizit dazu auf, Wikipedia-Artikel zu bearbeiten – koordiniert, organisiert, mit Schulungen, über Forum, soziale Medien und E-Mail. Das Ganze ist als öffentliches Video dokumentiert und abrufbar.

Diese Initiative geht auf die amerikanische Skeptikerin Susan Gerbic zurück, die „Guerrilla Skepticism on Wikipedia" als internationale Bewegung aufgebaut hat. Das Ziel laut Vortrag: Artikel mit Bezug zum wissenschaftlichen Skeptizismus systematisch bearbeiten – parawissenschaftliche Themen, aber vor allem Personen. Wer positiv bewertet wird, soll prominent und attraktiv dargestellt werden. Wer negativ bewertet wird – etwa als Alternativmediziner –, soll mit kritischen Informationen und Belegen versehen werden.

Das ist kein Verdacht. Das ist ein öffentlich zugänglicher Vortrag, auf einer GWUP-Konferenz, mit explizitem Aufruf zur koordinierten Wikipedia-Bearbeitung. Wer also fragt, warum Wikipedia-Artikel über Alternativmedizin oder unliebsame Personen so auffällig einseitig ausfallen können, hat hier einen Teil der Antwort.

Edgar Wunder – Gründungsmitglied der GWUP – brachte es bereits 1999 auf den Punkt: Die GWUP verstehe sich nicht als neutrale Forschungsinstanz, sondern als „Kampfverband gegen alles, was der etablierten Wissenschaft zuwiderläuft". Dieser Satz steht bis heute im Wikipedia-Artikel der GWUP selbst.

Der Zeuge von innen

Der Soziologe Edgar Wunder ist kein externer Kritiker. Er ist Gründungsmitglied der GWUP und langjähriger Redakteur der Vereinszeitschrift Skeptiker. In seinem Aufsatz „Das Skeptiker-Syndrom" analysiert er die internen Machtstrukturen, die Ausgrenzungsmechanismen und die spezifische Rhetorik der Bewegung. Er beschreibt, wie Mitglieder intern isoliert und gemobbt werden, sobald sie die vorgegebene Marschrichtung hinterfragen.

Wunder wurde aus dem Verein ausgeschlossen, nachdem er begonnen hatte, diese Strukturen wissenschaftlich zu untersuchen.

Das ist keine Randnotiz. Das ist ein strukturelles Symptom.

Eine Stimme von innen

Dirk Pohlmann ist kein Blogger. Er war Dokumentarfilmer für ARD und ZDF – jahrzehntelang im öffentlich-rechtlichen System, bis er begann, dessen Methoden öffentlich zu benennen. In seiner Analyse der Böhmermann-Sendung über Waldorfschulen zeigt er konkret auf, wie Oliver Rautenberg – GWUP-Umfeld, Betreiber eines Anthroposophie-kritischen Blogs – als scheinbar unabhängige Quelle bei Böhmermann auftaucht, obwohl er auf der GWUP-eigenen Skeptikerkonferenz als Vortragender gelistet ist. Dieselbe Person, verschiedene Bühnen, dasselbe Netzwerk. Pohlmann benennt das, was im Interview nicht gefragt wurde: Wer sind diese Leute, und wer steckt dahinter?

Das Netzwerk

Die GWUP agiert nicht allein. Sie ist Teil eines Verbundes, der gemeinsam an der medialen Deutungshoheit arbeitet. Die Giordano-Bruno-Stiftung (gbs) dokumentiert in ihrem eigenen Bericht ein „säkulares Journalist*innentreffen", das gemeinsam von GWUP, gbs und dem Humanistischen Pressedienst (hpd) organisiert wird. Erklärtes Ziel: strategische Fragen, wie „säkulare Themen" effektiver in Massenmedien untergebracht werden können.

Das ist keine Wissenschaftsarbeit. Das ist koordinierte Meinungsbildung. Und es wird im Interview mit keinem Wort erwähnt.

Was das Interview schuldete

Keine Feindseligkeit. Keine Hetze. Aber diese Fragen:

Wie rechtfertigen Sie den „Goldenes Brett"-Preis als wissenschaftliches Instrument?
Wie stehen Sie zur Verbindung zwischen GWUP-nahen Netzwerken und PSIRAM?
Was sagen Sie zu Edgar Wunders Analyse der internen Machtstrukturen?
Mit welchem Ziel organisieren Sie gemeinsam mit der gbs Journalistentreffen zur medialen Platzierung Ihrer Agenda?

Stattdessen: weiches Licht, kein Widerspruch, kein Nachhaken.

Das ist keine Gesprächskultur. Das ist Kapitulation vor einer gut geölten PR-Maschinerie – die genau weiß, dass sie in alternativen Formaten ihr sanftes Gesicht zeigen kann, solange niemand fragt. 

Bereits im Juli 2025 habe ich auf diesem Blog die Methoden der Skeptikerbewegung analysiert: „Die gefährliche Verdrehung: Wenn Aufklärung als 'Verschwörungstheorie' diffamiert wird". Was sich seitdem nicht geändert hat: die Struktur. Was sich geändert hat: die Dreistigkeit, mit der sie in alternativen Formaten auftritt.


Quellen: Edgar Wunder: „Das Skeptiker-Syndrom" (swprs.org) | Giordano-Bruno-Stiftung: Jahresbericht bruno2025, säkulares Journalistentreffen (giordano-bruno-stiftung.de) | Pasternack et al. 2025: „Gefordert und überfordert", pedocs.de (Eventisierung von Wissenschaftskommunikation, „Goldenes Brett") | Reiner August Dammann, Nachrichtenspiegel 2016 (Plattform offline)


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