Am 3. März 2026 veröffentlichte Marco Junk, Jurist und nach eigener Auskunft Leiter der Regierungsbeziehungen bei Atos Germany, Gründer und CEO des Deutschen Vergabenetzwerks, Bitkom-Veteran, Ex-CDU, jetzt FDP, einen Tweet, der es in sich hat. Eine Wunschliste:
Grunderwerbssteuer abschaffen. Soli abschaffen. Erbschaftssteuer abschaffen. Spitzensteuersatz ab 100K. Und sehen, was an Leistung entfesselt wird. Streichen von Energiesubventionen, Bürgergeld für Arbeitsfähige, Alimentation Ausreisepflichtiger, NGOs – bitte ergänzen.
Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen. Da fordert ein Mann, dessen gesamte berufliche Existenz davon lebt, dass er zwischen Staat und Privatwirtschaft vermittelt – Regierungsbeziehungen, Vergabenetzwerk, Lobbyverbände –, dass genau dieser Staat seine Einnahmen zusammenstreicht. Aber nicht irgendwelche Einnahmen. Es sind exakt die Steuern, die Vermögende und Besserverdienende betreffen: Erbschaftssteuer, Grunderwerbssteuer, Spitzensteuersatz. Der Solidaritätszuschlag, den ohnehin nur noch die oberen Einkommensgruppen zahlen.
Im Gegenzug soll gestrichen werden, was die Schwächsten betrifft: Bürgergeld, Energiesubventionen, Unterstützung für Geflüchtete, NGOs. Die Logik ist so durchsichtig, dass man sich fragt, ob Junk sie selbst nicht sieht – oder ob ihm einfach egal ist, dass man sie sieht.
Das Wort „Leistung" in diesem Kontext ist bemerkenswert. Es ist das Lieblingswort einer Klasse, die unter Leistung ausschließlich das Anhäufen von Kapital versteht. Nicht die Leistung der Pflegekraft, die für Mindestlohn Zwölf-Stunden-Schichten schiebt. Nicht die Leistung der alleinerziehenden Mutter, die mit Bürgergeld drei Kinder durchbringt. Nicht die Leistung des Ehrenamtlichen in einer NGO, die Obdachlose versorgt. Diese Leistungen sollen ja gerade gestrichen werden.
„Leistung entfesseln" – das heißt übersetzt: Wer viel hat, soll mehr behalten. Wer wenig hat, soll sich nicht beschweren. Es ist die alte Trickle-Down-Lüge im neuen Gewand, diesmal nicht einmal mehr verpackt in volkswirtschaftliche Argumentation, sondern als nackte Forderungsliste eines Mannes, der beruflich davon profitiert, dass öffentliche Aufträge an private Unternehmen fließen.
Denn das ist der eigentliche Witz: Marco Junk leitet beim IT-Konzern Atos die Regierungsbeziehungen. Atos, ein Unternehmen, das Milliarden mit öffentlichen Aufträgen verdient. Sein Deutsches Vergabenetzwerk beschäftigt sich mit – man ahnt es – der Vergabe öffentlicher Aufträge. Der Mann lebt davon, dass der Staat Geld ausgibt. Er will nur, dass der Staat es nicht mehr für die Falschen ausgibt. Nicht für Bürgergeldempfänger. Nicht für NGOs. Für Atos und Konsorten hingegen gerne weiterhin.
55.000 Aufrufe, 3.000 Likes. Es ist kein Randphänomen. Es ist die offene Agenda einer Klasse, die sich so sicher fühlt, dass sie ihre Umverteilungswünsche nicht einmal mehr hinter Euphemismen verstecken muss. „Bitte ergänzen" – als wäre es ein kollektives Brainstorming, wie man den Sozialstaat am effizientesten zerlegt.
Auch nur ein Jurist. Aber einer, der an den richtigen Hebeln sitzt.
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