Ein Nachrichtensender bringt kurz vor dem ESC einen schwärmerischen Lobgesang auf eine C-Prominente — und nennt das Journalismus. Promibacken und Promitanzen gelten als Qualitätsnachweise. Die feministische Botschaft des Songs wird feierlich verkündet, während die Inszenierung auf der Bühne aussieht wie 1998. Und wer das alles langweilig findet, hat angeblich ein Vorurteilsproblem. Willkommen im deutschen Unterhaltungsjournalismus 2026.
ntv, einst als Nachrichtensender gestartet, hat dieser Tage einen Artikel veröffentlicht, der die Frage aufwirft: Was ist eigentlich noch Journalismus, und was ist bereits bezahlte Programmbegleitung?
Anlass ist der Eurovision Song Contest. Deutschland schickt eine Sängerin ins Rennen, die 2011 durch die RTL-Castingshow DSDS bekannt wurde — also durch genau das Format, das Unterhaltung und Gefühlsduselei auf die Spitze trieb. Seitdem hat die Betreffende an diversen Promiunterhaltungsshows teilgenommen: Promitanzen, Promieislaufen, Promibacken. Ein Instagram-Profil mit 1,8 Millionen Followern, gut bestückt mit Werbebotschaften, rundet das Bild ab.
ntv nennt das ein "kleines Entertainment-Imperium". Man reibt sich die Augen.
Promibacken als Qualitätsnachweis
Der Artikel listet ernsthaft auf, was diese Karriere trägt: eine "fulminante, zweistöckige Löwen-Torte" beim Großen Promibacken, ein Sieg bei The Masked Singer, Teilnahmen bei Dancing on Ice und Let's Dance. Das soll Talent und Disziplin beweisen.
Wer so argumentiert, hat das Konzept dieser Shows nicht verstanden — oder ignoriert es bewusst. Promishows sind explizit darauf ausgelegt, Menschen ohne entsprechende Ausbildung publikumswirksam zu zeigen. Dass jemand dort halbwegs erfolgreich mitspielt, beweist nichts außer Medienpräsenz. Das ist das Geschäftsmodell, nicht die Ausnahme.
Der Satz "Wow, wusste nicht, dass die so gut singen kann" — vom Artikel als Beleg für unterschätzte Größe angeführt — sagt in Wirklichkeit nur: Das Privatfernsehpublikum hatte niedrige Erwartungen, die kurz unterboten wurden. Das ist kein Karrierebeweis. Das ist ein Kommentar über den Zustand des deutschen Unterhaltungsfernsehens.
Der feministische Framing-Trick
Besonders dreist ist die ideologische Verpackung. Der ESC-Song transportiere eine feministische Botschaft, erklärt der Artikel. "Wir Frauen dürfen laut sein, wir dürfen brennen." Wer das kritisiert, hat offenbar ein Vorurteilsproblem gegenüber Frauen aus dem Casting-Kosmos.
Hier werden zwei völlig verschiedene Aussagen einfach zusammengeklebt: Gesellschaftliche Kritik an der Unterschätzung von Frauen ist eine ernste Analyse von Machtstrukturen. Daraus zu folgern, dass diese spezifische Künstlerin unterschätzt wird, ist ein Taschenspielertrick. Jede Kritik an der Mittelmäßigkeit eines Produkts wird im Voraus als Vorurteil delegitimiert. Sehr praktisch.
Wer steckt dahinter?
Man muss nicht lange suchen. Der ESC-Auftritt steht bevor. Wer vor einem solchen Ereignis eine "unterschätzte Heldin"-Geschichte in einem Nachrichtensender platzieren kann, betreibt schlicht PR — und ntv liefert die Plattform dafür, ohne das kenntlich zu machen.
Das ist das eigentliche Problem. Nicht die Künstlerin, die das Spiel spielt — das ist ihr gutes Recht. Sondern ein Sender, der vorgibt, Journalismus zu betreiben, und stattdessen Aufmerksamkeit produziert. Deutschland landet beim ESC seit Jahren auf den letzten Plätzen. Wen man schickt, ist irrelevant. Relevant ist nur, ob es Klicks und Schlagzeilen gibt. Die hat dieser Artikel bereits geliefert — und dieser Kommentar leider auch.
Aber wenigstens ohne Begeisterung.
Marigny de Grilleau
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