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Mittwoch, 27. Mai 2026

Der Staat ist nicht das Problem. Der Staat ist das Werkzeug.

Das libertäre Mantra kennt nur eine Antwort: der Staat. Inflation? Der Staat. Armut? Der Staat. Krieg? Der Staat. Es ist eine bestechend einfache Welterklärung — und genau das macht sie verdächtig.

Denn der Staat ist keine autonome Entität. Er ist eine Funktionseinheit ökonomischer Macht. Je nachdem wie diese Macht ihre geostrategischen Interessen ausrichtet, wird der Staat mal links, mal rechts, mal liberal, mal autoritär justiert. Nicht vom kleinen Michel. Von oben nach unten.


Die East India Company hatte eine königliche Charta. Die Barings Bank finanzierte argentinische Staatsschulden. Der IWF diktiert Strukturanpassungsprogramme. Die ISDS-Klauseln in Freihandelsverträgen erlauben Konzernen, Staaten zu verklagen wenn diese Mindestlöhne einführen oder Zigarettenwarnungen vorschreiben.

Das ist kein Staatsversagen. Das ist das System bei der Arbeit.


Die kleinen Errungenschaften — Arbeitsschutz, Sozialleistungen, Gewerkschaftsrechte — wurden nicht vom Staat geschenkt. Sie wurden gegen massiven Widerstand erkämpft. Und jetzt werden sie als "Staatseingriff" umgerahmt, als wären sie das Problem. Als wäre der Schutz der Schwachen die Ursache der Misere — nicht die Strukturen, die diese Misere seit Jahrhunderten produzieren.

Wer immer nur auf den Staat zeigt, beantwortet die entscheidende Frage bereits — ohne sie je gestellt zu haben: In wessen Hand ist dieses Werkzeug?

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