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Mittwoch, 27. Mai 2026

„Der Staat ist der größte Clan" – Arafat Abou-Chaker als Werkzeug einer Macht, die er nicht sieht

Was du wissen musst – in 30 Sekunden
Arafat Abou-Chaker gibt in einem langen Interview einen seltenen Einblick in sein Weltbild: Der Staat sei korrupt, er selbst ehrenhafter als das System, seine außergerichtliche Konfliktlösung eine legitime Dienstleistung. Die Analyse zeigt: Er hat nicht Unrecht, was den korrupten Staat betrifft. Aber er verwechselt den Staat mit der eigentlichen Macht – und begreift nicht, dass er selbst eine Funktion dieser Macht erfüllt. Wie die Mafia in Sizilien, die Kartelle in Mexiko, die Muslimbrüderschaft im Nahen Osten: Parallelstrukturen sind kein Gegenentwurf zur ökonomischen Macht. Sie sind deren Subunternehmer.

Das Interview läuft knapp drei Stunden. Arafat Abou-Chaker, palästinensischer Herkunft, in Westberlin aufgewachsen, bekannt durch den Bushido-Prozess mit 114 Verhandlungstagen, spricht freimütig – über Kindheit, Gewalt, Ehre, Gott, den Staat, die Presse und das Geld. Es ist ein seltenes Dokument. Nicht weil es enthüllend wäre im juristischen Sinne. Sondern weil es ein Weltbild zeigt, das eine innere Logik besitzt – und genau deshalb analytisch lohnend ist.

Das Video ist hier zu sehen: „Der Staat ist der größte Clan" – Arafat Abou-Chaker im Interview


Die rhetorische Grundstruktur: Täter-Opfer-Umkehrung als System

Abou-Chaker folgt im gesamten Interview einem einzigen Muster: Jede eigene Handlung ist Reaktion, nie Aktion. Der Sechstklässler hat angefangen. Die Staatsanwältin war befangen. Das LKA ist seit 26 Jahren besessen. Die Presse lügt. Der Staat betrügt. Er selbst ist – nach seiner Darstellung – jemand, dem Gewalt immer aus ihm herausgekitzelt wurde.

Das ist, was die Kriminologie seit Sykes und Matza (1957) als Neutralisierungstechnik beschreibt: Verantwortung wird externalisiert, bevor überhaupt eine Handlung eingestanden wird. Der Mechanismus ist wirksam, weil er nicht vollständig gelogen ist. Es gibt tatsächlich Situationen, in denen ein Kind ohne Deutschkenntnisse in der Schule gedemütigt wird. Es gibt tatsächlich Staatsanwälte, die einseitig ermitteln. Es gibt tatsächlich eine Presse, die Migrantenkriminalität zur Schlagzeile macht und Politiker-Skandale zur Randnotiz degradiert.

Das Problem liegt nicht im Einzelnen. Es liegt in der Schlussfolgerung: Weil das stimmt, bin ich im Recht.


Der Ehre-Kodex als Legalitätsersatz

Das Wort Ehre füllt im Interview systematisch die Lücke, wo Legalität fehlt. Abou-Chaker unterscheidet nicht zwischen legal und illegal, sondern zwischen ehrenhaft und ehrenlos. Drogendealer: ehrenlos. Zuhälter: ehrenlos. Er selbst: ehrenhaft – weil er Schulden eintreibt, die juristisch längst verjährt sind, weil er Konflikte löst, für die das Gericht Jahre bräuchte, weil er Menschen hilft, die aus der kriminellen Szene aussteigen wollen.

Die entscheidende Frage stellt er sich nicht: Wer definiert die Ehreskala? Er selbst. Er ist Richter, Maßstab und Urteil in einer Person. Und diese Skala schützt Menschen, die er kennt oder nützlich findet. Sie ist keine universale Ethik. Sie ist Gruppensolidarität mit Gewaltsvorbehalt.

Der Interviewer fragt ihn direkt, ob er mit dem Staat vergleichbar sei. Abou-Chakers Antwort ist rhetorisch brillant: Er verweist auf die Differenz zwischen Recht und Gerechtigkeit. „Recht haben und Recht bekommen sind zwei verschiedene Dinge." Das stimmt. Es ist sogar eine der fundamentalen Schwachstellen des deutschen Sozialrechts – wer es täglich vor Sozialgericht erlebt, weiß das. Aber es legitimiert kein privates Gewaltmonopol. Es beschreibt ein Problem. Es löst es nicht.


Der Denkfehler: Er verwechselt Staat mit Macht

Hier liegt der analytische Kern. Abou-Chaker sagt: Der Staat ist korrupt, also bin ich die bessere Ordnung. Das ist ein kategorialer Fehler.

Der Staat ist nicht die Macht. Der Staat ist das Verwaltungsinstrument der ökonomischen Macht.

Wer das versteht, sieht sofort: Clan-Strukturen, Rockerclubs, organisierte Kriminalität im Nachtleben – das alles ist nicht Gegenmodell zur ökonomischen Macht. Es ist deren Subunternehmer. Die ökonomische Macht braucht Schmutzkanäle, die sie nicht offiziell betreiben kann. Geldwäsche, Schwarzmärkte, Einschüchterung unterhalb der Strafverfolgungsschwelle – das alles ist nicht trotz des Systems, es ist Teil des Systems.


Die historische Parallele: CIA, Mafia, Kartelle

Das ist keine Spekulation. Es ist dokumentierte Geschichte.

Sizilien, 1943: Lucky Luciano und der US-Geheimdienst arbeiten bei der Invasion zusammen. Die Cosa Nostra erhält danach staatlichen Schutz auf Sizilien für Jahrzehnte. Nicht weil der Staat schwach war – sondern weil es funktional war.

Medellín, 1980er: Das Escobar-Kartell operierte zeitweise unter dem Dach von Strukturen, die mit CIA-Netzwerken verflochten waren. Iran-Contra ist nicht Spekulation – es ist Kongress-Protokoll. Kokain finanzierte verdeckte Operationen, die öffentlich nicht genehmigbar waren.

Gladio/Deutschland: Die NATO-Geheimarmeen rekrutierten aus dem Milieu, aus dem auch organisierte Kriminalität stammt: deniable assets – Menschen, die offiziell nicht existieren, aber bei Bedarf steuerbar sind. Die zweite und dritte Generation der RAF weist Bezüge zu Strukturen auf, die staatsnah waren. Der NSU wurde von Verfassungsschutzmitarbeitern begleitet, die Akten vernichtet wurden.

Sheffield Edwards koordinierte für die CIA mindestens sechs Mordkomplotte. Die Ausführenden waren Giancana, Roselli, Trafficante – dieselben Männer, gegen die das FBI gleichzeitig ermittelte. Michael Mertz, Korse der Marseiller Mafia und Drogenpartner Trafficantes, wurde für die Ermordung des kongolesischen Premiers Lumumba angeheuert. CIA, belgischer Geheimdienst und organisiertes Verbrechen agierten als eine einzige Funktionseinheit. Nicht Staat gegen Unterwelt – sondern Staat durch Unterwelt. Das Prinzip ist immer dasselbe: Die ökonomische Macht braucht lokale Verwalter, die tun, was sie nicht offiziell tun kann. Wenn diese Verwalter zu mächtig werden oder zu viel wissen, werden sie fallen gelassen – oder geopfert, wenn es öffentlich nützlich ist.


Das ist kein neues Modell – der Adel hat es erfunden

Was Abou-Chaker als seine persönliche Ehrordnung beschreibt, ist in Wahrheit ein Strukturprinzip mit zweitausend Jahren Geschichte. Die Unterscheidung zwischen legitimer Staatsgewalt und organisierter Kriminalität ist eine bürgerliche Erfindung des 19. Jahrhunderts – der Adel hat sie nie gemacht, weil er nie musste. Seine Privatgewalt war die legitime Ordnung.

Baron Turrisi Colonna, Mitglied einer der ältesten päpstlichen Adelsfamilien Italiens, stellte den ersten dokumentierten Mafiaboss als Hauptmann ein. Guido Colonna di Paliano saß Jahrhunderte später als NATO-Vizegeneralsekretär und Mitgründer der Trilateralen Kommission in den Kernstrukturen der westlichen Sicherheitsarchitektur. Dieselbe Blutlinie – einmal Privatarmee, einmal NATO. Das Prinzip ist identisch, nur das Briefpapier hat gewechselt.

Die Kondottieri der italienischen Stadtstaaten, die Söldnerheere der Päpste, die adligen Fehderechte des Mittelalters – das alles war strukturell dasselbe wie das, was Abou-Chaker heute betreibt. Nur mit besserem Wappen und päpstlichem Segen. Wie diese Transmutation von der römischen Senatsaristokratie über den päpstlichen Schwarzen Adel bis zu den heutigen Finanz- und Sicherheitsstrukturen funktioniert, habe ich in meiner Reihe „Rom ist nicht untergegangen – Teil II: Die Familien" dokumentiert. Der Adel hat zwischen Staatsgewalt und organisierter Kriminalität nie einen Unterschied gemacht – weil er keinen machen musste. Abou-Chaker macht denselben Fehler wie alle lokalen Verwalter vor ihm: Er hält sich für den Ursprung einer Ordnung, die in Wirklichkeit viel älter ist als er.


Die Muslimbrüderschaft als Strukturparallele

Die Muslimbrüderschaft ist analytisch präziser Vergleich. Sie glaubt, eine islamische Gegenordnung aufzubauen – eine Alternative zur westlichen Dominanz, gegründet auf Ehre, Gemeinschaft, religiöse Verpflichtung. Tatsächlich wurde sie von westlichen Geheimdiensten bewusst gezüchtet und gesteuert. Der Pulitzer-Preisträger Ian Johnson hat das am deutschen Konkretfall dokumentiert: Die erste Moschee Münchens wurde in den 1950er und 1960er Jahren von CIA und BND gezielt in die Hände der Muslimbrüder gespielt – weil der politische Islam antikommunistisch war. Der Feind unseres Feindes ist unser Freund. Said Ramadan, damaliger Führer der Muslimbrüder, übernahm die Moscheegemeinde mit Geheimdiensthilfe. Golfstaaten-Geld finanzierte den Bau – wer zahlt, schafft an. Den vollständigen Hintergrund dazu habe ich bereits 2015 auf diesem Blog dokumentiert.

Sie sind ein steuerbares Druckventil: Sie absorbieren sozialen Protest in religiöse Strukturen, die geopolitisch verwertbar sind. Und wenn sie nicht mehr nützlich sind, werden sie als Terrororganisation klassifiziert – oder als neuer Partner gegen den nächsten Feind reaktiviert, wie Johnson am Beispiel der Bush-Administration nach 2001 zeigt. Der Schalter liegt nicht bei ihnen.

Abou-Chaker hat dieselbe Selbsttäuschungsstruktur. Er glaubt, er baut Gerechtigkeit für jene auf, die der Staat im Stich lässt. In Wirklichkeit stabilisiert er das System, das er bekämpft – weil er Konflikte absorbiert, die sonst politisch werden würden, weil er dafür sorgt, dass Kapital zirkuliert, weil er jederzeit zur Schlagzeile werden kann, wenn es geopolitisch nützlich ist. Brot und Spiele. Der Clanchef als Ablenkung.


Das Bukele-Modell als Endpunkt dieser Logik

Was passiert, wenn jemand wie Abou-Chaker tatsächlich Staatsgewalt übernimmt? Wir haben es gesehen – und ich habe es in meinem Beitrag „Das Bukele-Modell: Sicherheit durch Recht – oder Recht durch Sicherheit?" analysiert.

Bukele hat das Ehre- und Sicherheitsversprechen der Gangs übernommen und es mit Staatsapparat ausgestattet. Das Ergebnis: Masseninternierungen, Suspension von Grundrechten, vollständige Kontrolle der Justiz. Das ist keine Perversion des Modells – es ist seine logische Konsequenz. Wer Recht durch Ehre ersetzt, braucht irgendwann Zwang, um Ehre durchzusetzen.

Und wer finanziert Bukele? Wer profitiert von einem „sicheren" El Salvador? Investoren, die Freihandelszonen brauchen. Bitcoin-Spekulanten. IMF-nahe Strukturen. Die ökonomische Macht ist immer dabei – sie findet nur einen neuen lokalen Verwalter. Abou-Chaker im Kleinen, Bukele im Großen. Das Prinzip ist identisch.


Was Abou-Chaker nicht sehen kann – und warum nicht

Er denkt in Ehre statt in Klassenverhältnissen. Er denkt in Respekt statt in Eigentumsstrukturen. Er denkt in Loyalität statt in systemischer Funktion.

Die Drogenströme, die er angeblich verachtet – sie kommen von irgendwo. Das Schwarzgeld, das durch seine Hände oder die Hände seiner Netzwerke floss – es landet irgendwo. Die Immobilien, die er besitzt – sie sind Teil eines Marktes, den andere kontrollieren. Er ist ein lokal operierender Mittler in einem globalen System.

Das macht ihn nicht zu einem dummen Menschen. Es macht ihn zu einem intelligenten Menschen mit strukturell begrenztem Blickwinkel – was gefährlicher ist, weil er andere überzeugt. Der Interviewer lässt sich weitgehend auf sein Framing ein. Das Publikum nickt bei der berechtigten Staatskritik – und übersieht die Lücke in der Argumentation.


Nützliche Idioten: Sie glauben zu jagen – und werden gefressen

Lenin prägte den Begriff des „nützlichen Idioten" für jene, die eine Macht befördern, ohne zu verstehen, dass sie es tun. Das Konzept beschreibt Abou-Chaker, die Muslimbrüder und Bukele mit einer Präzision, die fast schmerzhaft ist.

Die ökonomische Macht braucht Gesetzesverschärfungen. Sie braucht Überwachungsinfrastruktur, Bargeldabschaffung, biometrische Erfassung, erweiterte Geheimdienstbefugnisse. Aber sie kann das nicht offen fordern – das würde Widerstand erzeugen. Also braucht sie den Anlass. Und den liefert der nützliche Idiot zuverlässig.

Ob Clan, Islamist, Rocker oder Terrorist ist dabei fast beliebig austauschbar. Hauptsache, die Schlagzeile stimmt. Jeder neue Clan-Skandal rechtfertigt ein neues Sicherheitsgesetz. Jede Moschee mit Geheimdienst-Verbindungen rechtfertigt erweiterte Überwachungsbefugnisse. Jeder Bukele rechtfertigt das Modell für den nächsten autoritären Umbau anderswo. Die Struktur ist immer dieselbe: Problem — Reaktion — Lösung. Das Problem wird geliefert oder zumindest nicht verhindert. Die Reaktion kommt aus der Bevölkerung. Die Lösung stand vorher schon fest.

Das Bitterste daran ist die Ironie des Endes. Der nützliche Idiot bekommt das neue Gesetz als erster selbst zu spüren. Abou-Chaker hat kein Konto mehr. Die Muslimbrüder werden als Terrororganisation klassifiziert, sobald sie nicht mehr gebraucht werden. Bukele wird fallen gelassen, wenn er zu eigensinnig wird. Sie glauben, sie jagen. Sie werden gefressen – nicht von denen, gegen die sie kämpfen, sondern von denen, in deren Auftrag sie ohne es zu wissen operieren.

Von den Mäusen gebissen, wie man so sagt. Und zu dumm, um zu begreifen, wessen Falle sie gerade bedient haben.


Fazit: Der Ehrenhafteste ist das Werkzeug

Abou-Chaker hat nicht Unrecht, wenn er sagt, dass der Staat Doppelstandards setzt, dass Wirtschaftskriminalität straffrei bleibt, dass der Clanbegriff Sippenhaft reaktiviert, dass Medien selektiv berichten. Das stimmt alles.

Aber er zieht die falsche Schlussfolgerung. Er glaubt, er sei die Antwort auf ein korruptes System. Er ist dessen ungeplante, aber funktionale Verlängerung.

Die ökonomische Macht, die hinter den Staaten steht – hinter der BIS, hinter den Clearing-Strukturen, hinter den Geheimarmeen, hinter den Kartell-CIA-Netzwerken – diese Macht braucht keine Clanchefs zu befehlen. Sie braucht nur Bedingungen zu schaffen, unter denen Clanchefs entstehen, nützlich sind und bei Bedarf geopfert werden können.

Das ist das eigentliche Modell. Und er sieht es nicht.

Marigny de Grilleau

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