Die Ressourcen der Welt wurden nicht durch überlegene Marktleistung verteilt — sondern durch Kolonialgewalt, Enclosures und staatlich gesicherte Konzessionsrechte, finanziert durch Steuerzahler und bezahlt mit dem Blut der Arbeiterklasse. Was heute als Bürgergeld oder Grundeinkommen diskutiert wird, ist in Wirklichkeit etwas anderes: ein längst fälliger Rückerstattungsanspruch. Kein Almosen des Staates — sondern eine Dividende auf einen kollektiven Vorschuss, den die Allgemeinheit über Generationen geleistet hat und der nie zurückgezahlt wurde.
Es gibt einen Satz, der in der deutschen Sozialpolitik nie fällt, obwohl er alles verändern würde: Wir haben das bereits bezahlt. Nicht als Bittende. Nicht als Empfänger staatlicher Gnade. Sondern als Vorleister — über Generationen, mit Steuern, mit Arbeit, mit Leben.
Um das zu verstehen, muss man einen Schritt zurückgehen — weit zurück.
Die Almende: Was wir hatten, bevor es uns genommen wurde
Jahrhundertelang existierte in Europa die sogenannte Almende — Gemeinschaftsland, das allen Dorfbewohnern gehörte und von allen genutzt wurde. Weideland, Wald, Gewässer, Torfstiche. Kein Privateigentum. Keine Konzession. Kein Ticket. Wer zur Gemeinschaft gehörte, hatte Zugang zu den Grundlagen des Lebens.
Das war kein Paradies — aber es war eine funktionierende Ordnung, in der Armut existierte, aber Verhungern als kollektives Versagen galt, nicht als persönliches Schicksal.
Dann kamen die Enclosures.
In England ab dem 15. Jahrhundert, beschleunigt im 17. und 18. Jahrhundert, wurden Gemeinschaftsländereien systematisch eingehegt — durch Parlamentsgesetze, durch Gewalt, durch Vertreibung. Was vorher allen gehörte, gehörte nun einzelnen Grundbesitzern. Die Landbevölkerung verlor ihre Subsistenzgrundlage und wanderte in die Städte — in die Fabriken, in die Elendsquartiere, in die Abhängigkeit.
Das war kein Naturgesetz. Das war eine politische Entscheidung. Eine Enteignung der Gemeinschaft zugunsten des Kapitals — legalisiert durch den Staat, den die Eigentümer kontrollierten.
Karl Polanyi hat das in „The Great Transformation" präzise beschrieben: Der freie Markt wurde nicht entdeckt — er wurde hergestellt. Durch Zerstörung aller Alternativen.
Die drei Phasen — wie der Vorschuss funktionierte
Was nach den Enclosures folgte, lässt sich in drei Phasen beschreiben. Sie sind nicht abgeschlossen. Sie laufen bis heute.
Phase 1 – Aufbau durch die Allgemeinheit: Eisenbahnen, Häfen, Straßen, Rechtssysteme, Kolonialarmeen — all das wurde durch Steuern finanziert und durch die Söhne der Arbeiterklasse mit dem Leben bezahlt. Die Kupferminen im Kongo, die Diamanten in Südafrika, das Öl im Nahen Osten — keiner der Konzerne, die heute davon profitieren, hat die Infrastruktur bezahlt, die ihren Reichtum erst möglich gemacht hat. Cecil Rhodes hat nicht mit überlegener Marktleistung gewonnen. Er hat mit britischen Soldaten gewonnen — die der Steuerzahler bezahlt hat.
Und die Mütter. Die Frauen, die in den Werksfabriken gearbeitet haben, die Kinder großgezogen haben, die den Nachschub für die Schlachtfelder geliefert haben — unbezahlt, unsichtbar, systemnotwendig. Auch das war ein Vorschuss der Allgemeinheit an das Kapital. Auch der wurde nie zurückgezahlt.
Phase 2 – Verteilung unter Ausschluss der Allgemeinheit: Was durch kollektive Leistung erschlossen wurde, wurde privat verbucht. Konzessionsrechte, Patente, Holdingstrukturen, Offshore-Architekturen. Die Gewinne privatisiert. Die Kosten — Kriege, Umweltschäden, soziale Folgekosten — sozialisiert. Die Verteilung ist längst abgeschlossen. Der Kuchen ist verteilt. Und die, die ihn gebacken haben, sitzen nicht am Tisch.
Phase 3 – Rückzug hinter die Minimalstaatsideologie: Jetzt, wo alles verteilt ist, wird der Staat zum Problem erklärt. Steuern sind Diebstahl. Sozialleistungen sind Verschwendung. Eigenverantwortung ist das neue Evangelium. Was bleibt, ist der Minimalstaat — Gerichte, Polizei, Militär — nicht für die Schwachen, sondern zum Schutz der Eigentumsordnung, die in Phase 1 und 2 errichtet wurde.
Die Neuzeit-Libertären treten in Phase 3 auf — Markus Krall, das Mises Institut, die Hayek-Gesellschaft und ihre Mitstreiter. Das ist kein Zufall. Sie erscheinen genau dann auf der Bühne, wenn die Verteilung abgeschlossen ist und der Staat für die Schwachen nicht mehr gebraucht wird — nur noch für den Schutz der Eigentumsordnung
Thomas Paine, 1797: Der Anspruch hat einen Namen
Der amerikanische Revolutionär Thomas Paine hat das Problem bereits 1797 formuliert — in seiner Schrift „Agrarian Justice". Sein Argument war einfach und präzise: Grund und Boden gehören in ihrem ursprünglichen Zustand der Menschheit als Ganzes. Wer Land privatisiert, entzieht es der Gemeinschaft. Deshalb schuldet jeder Eigentümer der Gemeinschaft eine Entschädigung — nicht als Steuer, sondern als Pacht für etwas, das ihm nicht gehört.
Daraus leitete Paine eine universelle Grundrente ab. Nicht als Almosen. Nicht als staatliche Gnade. Sondern als Rechtsanspruch — begründet im ursprünglichen Gemeinschaftseigentum an Grund und Ressourcen.
Das ist der entscheidende Rahmenwechsel. Und er verändert alles.
Alaska macht es vor
Das ist keine Utopie. Es existiert.
Seit 1982 zahlt der Alaska Permanent Fund jedem Bürger Alaskas eine jährliche Dividende aus den Öleinnahmen des Bundesstaates. Die Begründung ist denkbar einfach: Die Ressourcen gehören dem Volk. Wer sie fördert, zahlt Pacht an die Gemeinschaft. Jeder Bürger ist Miteigentümer.
Keine Bedürftigkeitsprüfung. Kein Nachweis von Arbeitswilligkeit. Keine Hausbesuche. Kein Jobcenter. Eine Dividende — weil es dein Recht ist.
Das Prinzip lässt sich ausweiten: Rohstoffkonzerne zahlen Ressourcenrente. Rüstungskonzerne, die durch Steuergelder und Staatsaufträge groß wurden, zahlen Gemeinschaftsdividende. Technologiekonzerne, die auf öffentlich finanzierter Forschung aufgebaut haben — ARPANET, GPS, Touchscreen, Grundlagenforschung an Universitäten — zahlen Lizenzgebühren an die Allgemeinheit. Nicht als Strafe. Sondern weil sie auf einem Fundament stehen, das die Allgemeinheit gelegt hat.
Der Rahmenwechsel, der alles verändert
Bürgergeld, Grundeinkommen, Sozialhilfe — all diese Begriffe teilen einen gemeinsamen Rahmen: Der Staat gibt dir etwas. Du bist Empfänger. Du bist abhängig. Du sollst dankbar sein — oder zumindest still.
Dieser Rahmen ist eine Lüge.
Die korrekte Formulierung lautet: Du bekommst zurück, was dir gehört. Einen Anteil an dem, was deine Eltern, deine Großeltern, deine Urgroßeltern mit Steuern, Arbeit und Leben vorfinanziert haben. Einen Anteil an Ressourcen, die der Gemeinschaft gehörten, bevor sie privatisiert wurden. Eine Dividende auf einen Vorschuss, der nie zurückgezahlt wurde.
Das ist kein sozialpolitischer Anspruch. Das ist ein Eigentumsanspruch.
Und genau deshalb wird dieser Rahmen nie verwendet. Weil er die Machtverhältnisse sichtbar macht. Weil er aus Bittstellern Gläubiger macht. Weil er die Frage aufwirft, die das System nicht beantworten kann: Wann zahlt ihr zurück?
Die eigentliche Frage
Vier Unternehmen kontrollieren 70 bis 90 Prozent des globalen Getreidehandels. Wenige Konzerne kontrollieren die Kobaltminen, die Kupfervorkommen, die seltenen Erden. BlackRock und Vanguard halten Anteile an nahezu allem. Keines davon hat seine Marktstellung durch überlegene Leistung erworben. Alle stehen auf einem Fundament aus kollektiver Vorleistung — Infrastruktur, Rechtssysteme, Militär, Forschung —, das die Allgemeinheit bezahlt hat.
Und während das diskutiert wird, erklärt man dem Bürgergeldempfänger, er solle Eigenverantwortung übernehmen.
Den Schiedsrichter vom Platz zu jagen macht das Spiel nicht fairer. Es bedeutet nur, dass der Stärkste ungestört foult. Und wer den Schiedsrichter loswerden will, weiß genau, warum: weil er der Stärkere ist.
Die Almende wurde eingehegt. Der Vorschuss wurde nie zurückgezahlt. Die Dividende steht aus.
Das ist keine Sozialpolitik. Das ist eine offene Rechnung.
„Kauf doch einfach ETFs" – Die eleganteste Ablenkung
Es gibt ein Gegenargument, das in solchen Debatten verlässlich kommt: „Jeder kann doch Aktien kaufen. ETFs sind für alle zugänglich. Dann wäre jeder Miteigentümer und hätte Anteil am Gewinn." Es klingt nach Lösung. Es ist eine Ablenkung.
Erstens: Mit welchem Geld? Ein Mensch, der nach Miete und Nebenkosten 150 Euro im Monat übrig hat, kann keinen ETF-Sparplan bedienen. Das Argument setzt genau das voraus, was es beweisen soll: gleiche Ausgangsbedingungen. Die gibt es nicht. Sie wurden in Phase 1 und 2 beseitigt.
Zweitens: Beteiligung ist nicht Eigentum. Wer BlackRock-ETFs kauft, kauft zu Preisen, die BlackRock kontrolliert. Man ist Minoritätsaktionär ohne Stimmrecht, ohne Einfluss, ohne Mitsprache. BlackRock verwaltet über zehn Billionen Dollar — der eigene ETF-Anteil verändert gar nichts an der Machtstruktur. Das ist kein Eigentum. Das ist Beteiligung auf Abruf.
Drittens und entscheidend: Das ist nicht die Frage. Die Ressourcendividende ist keine Investitionsstrategie — sie ist ein Rückerstattungsanspruch. Wenn der Großvater mit seinem Steuergeld die Infrastruktur gebaut hat, die Exxon heute nutzt, wenn die Mutter unbezahlt Kinder großgezogen hat, die später als Soldaten für Ressourcensicherung gestorben sind — dann ist ein ETF-Anteil keine Antwort darauf. Das wäre so, als würde jemand dein Auto stehlen und dir anbieten, für fünf Euro mitfahren zu dürfen.
Viertens: Wer hat die ETFs wirklich? Die reichsten zehn Prozent in Deutschland besitzen über 60 Prozent des Gesamtvermögens. Die untere Hälfte der Bevölkerung besitzt praktisch nichts — Nettovermögen nahe null oder im Minus. Der Aktienmarkt ist strukturell ein Instrument der bereits Vermögenden. Die Beteiligung der breiten Masse ist marginal und ändert nichts an der Grundstruktur.
Das ETF-Argument ist das modernste Gewand der alten Botschaft: Sei still, kauf was du dir leisten kannst, und nenn es Freiheit. Die offene Rechnung bleibt davon unberührt.
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