Teil 1 zeigte die Logik hinter dem Satz „Schauen Sie auf Ihr Konto": Marktwert wird zum Menschenwert erklärt. Teil 2 fragt: Wer predigt das eigentlich, und wovon lebt er selbst? Die Antwort ist unbequem für die Prediger: Hayek, Mises, Rothbard, Baader, Rand und der deutsche Krisen-Guru Markus Krall haben nie etwas hergestellt, das ein materielles Bedürfnis stillt. Sie lebten und leben von Vorträgen, Büchern und – im Fall von Mises – von privaten Spenden, weil der freie Markt sie selbst nicht ernähren wollte. Und bei Krall wird aus der Rhetorik bereits eine konkrete politische Forderung: die Einschränkung des Wahlrechts für Sozialleistungsempfänger.
Im ersten Teil ging es um die Formel: Kontostand gleich Menschenwert. Jetzt lohnt sich die Gegenfrage, die die Formel selbst nahelegt. Wenn Wert sich am Output bemisst – woraus besteht dann der Output derjenigen, die diese Formel am lautesten verkünden? Was haben Hayek, Mises, Rothbard, Baader, Rand und ihre heutigen deutschen Erben tatsächlich zur Bedürfnisbefriedigung der Gesellschaft beigetragen? Kein Brot, kein Dach, keine Pflege. Sie haben geredet, geschrieben, doziert. Genau das, was „John Galt" den Beziehern von Grundsicherung als Nichtstun vorwirft.
Der Begriff
„Tastatur-Eugenik" ist hier eine Metapher, kein historischer Vergleich. Gemeint ist nicht die medizinische Praxis der Zwangssterilisation oder der Selektion, die im 20. Jahrhundert real Menschen das Leben gekostet hat. Gemeint ist die heutige, folgenlos wirkende, aber strukturell verwandte Praxis, von der Tastatur aus über den Wert fremden Lebens zu urteilen – anhand von Kontoständen, Arbeitsverhältnissen, „Leistungsfähigkeit". Der Unterschied zur historischen Eugenik ist der fehlende Vollzugsapparat. Die Denkfigur – wer nichts beiträgt, hat weniger Anspruch auf Teilhabe – ist dieselbe.
Was die Propheten wirklich tun
Friedrich Hayek war sein ganzes Berufsleben Universitätsprofessor, in London, Chicago, Freiburg – bezahlt aus öffentlichen oder stiftungsfinanzierten Lehrstühlen. Murray Rothbard ebenso, an eher unbedeutenden Hochschulen in Brooklyn und Las Vegas. Ayn Rand lebte von Romanhonoraren und Drehbüchern. Roland Baader war eine Zeit lang Unternehmer, entschied sich dann aber bewusst, „sein Leben der Publizistik zu widmen" – Bücher, Vorträge, keine Ware, kein Dienst an einem zahlenden Kunden außer der eigenen Leserschaft.
Am aufschlussreichsten ist Ludwig von Mises selbst, der Urheber des Arguments, der Markt allein könne durch den Preismechanismus die Bedürfnisse der Gesellschaft erkennen und befriedigen. In den USA wollte ihn zunächst keine Universität haben, er musste zeitweise von seinen Ersparnissen leben. Ab 1945 erhielt er eine Gastprofessur an der New York University – finanziert nicht von der Universität selbst, sondern von privaten Geldgebern aus der Wirtschaft, die ihm 24 Jahre lang sein Gehalt sicherten, weil der akademische Markt es nicht tat. Der Mann, der die zentrale Lenkung für unmöglich erklärte, weil sie das „Wissen der Bedürfnisse" nicht verarbeiten könne, wurde selbst nicht vom freien Markt getragen, sondern von einer kleinen Gruppe wohlgesonnener Spender alimentiert.
Markus Krall – berufen, nicht gewählt
Der deutsche Krisen-Guru liefert die aktuellste und konkreteste Fassung dieses Musters. Fast drei Jahrzehnte war Krall Risikomanager und Berater bei Allianz, Boston Consulting Group, Oliver Wyman und McKinsey – durchgehend in der Beratungsindustrie, nie in einem Betrieb, der etwas Materielles herstellt. 2019 wurde er Vorstandssprecher der Degussa Goldhandel GmbH – nicht durch Wettbewerb, sondern durch persönliche Berufung des Eigentümers August von Finck, eines der reichsten Männer Deutschlands. Ende 2022 wurde er dort fristlos freigestellt, nachdem er unter anderem den Klimawandel infrage gestellt und eine Einschränkung des Wahlrechts für Empfänger von Sozialleistungen gefordert hatte.
Diese Forderung ist der Punkt, an dem die Rhetorik aufhört, nur Rhetorik zu sein. Wer den Kontostand zum Wertmaßstab erklärt und daraus eine Einschränkung demokratischer Grundrechte ableitet, hat die Ungleichwertigkeitsideologie aus Teil 1 in einen politischen Vorschlag übersetzt. Seither lebt Krall in der Schweiz – nach eigener Aussage auch, um der „von Hitler erfundenen Wegzugssteuer" zu entgehen. Der Mann, der anderen ihren gesellschaftlichen Beitrag abspricht, bemüht selbst den Nationalsozialismus – allerdings zur Rechtfertigung der eigenen Steuervermeidung, nicht aus historischer Sorgfalt. Sein heutiges Einkommen: Bestseller-Bücher und Vortragshonorare. Er wird ausdrücklich als „gefragter Vortragsredner" vermarktet und trägt seit 2020 die Roland-Baader-Auszeichnung.
Der Doppelstandard
Man muss den Propheten fairerweise zugestehen, was sie selbst sagen würden: Ideen seien auch ein Beitrag, Risikoanalyse und ordnungspolitische Aufklärung seien Wissensarbeit, die der Gesellschaft nütze. Das ist kein absurdes Argument – Wissen kann Wert schaffen, auch ohne dass dabei etwas Physisches entsteht. Nur gilt dieses Zugeständnis dann konsequenterweise auch für all jene, denen es verweigert wird: für den Menschen mit Depression, der an manchen Tagen nicht aus dem Bett kommt, für die Alleinerziehende, die Care-Arbeit statt Erwerbsarbeit leistet, für den Langzeitkranken, dessen „Output" sich nicht in einer Bilanz abbilden lässt. Wer Ideenarbeit als Beitrag gelten lässt, wenn er selbst sie leistet, aber Fürsorge, Krankheit oder unbezahlte Arbeit nicht gelten lässt, wenn andere sie leisten, betreibt keine Wertetheorie mehr, sondern Klasseninteresse mit ökonomischem Vokabular.
Von der Meinung zur Maßnahme
Genau das war die Warnung aus Teil 1: Die Aktion T4 begann nicht mit der Tötung, sondern mit der Sprache, die Menschen in nützlich und unnütz einteilte. Krall zeigt, wie kurz der Weg von der Sprache zur Maßnahme sein kann. Vom Kontostand als moralischem Urteil bis zur Forderung, denjenigen mit dem „falschen" Kontostand das Wahlrecht zu entziehen, ist es kein großer Sprung mehr – es ist derselbe Gedanke, nur einen Schritt weiter gedacht.
Die Normalisierung der Menschenverachtung
Wir müssen uns nicht mit akademischen Debatten aufhalten, ob diese libertären Vordenker jemals direkt zur physischen Gewalt aufgerufen haben. Darum geht es nicht. Die Gefahr der „Tastatur-Eugenik“ liegt in ihrer schleichenden Normalisierung. Sie pflanzt eine Denkfigur in den gesellschaftlichen Diskurs, die historisch immer der erste Schritt in die Barbarei war: die Überzeugung, dass der Wert eines Menschen an seinen ökonomischen Nutzen gekoppelt ist. Bevor Menschen entrechtet oder aussortiert werden können – wie Krall es mit dem Entzug des Wahlrechts bereits fordert –, muss die Gesellschaft erst sprachlich und intellektuell darauf vorbereitet werden. Diese Ideologen liefern die Blaupause für diese Entmenschlichung. Und die Recherche zeigt die bittere Ironie: Die lautesten Verkünder dieses Ausleseprinzips haben selbst fast nie etwas „Nützliches“ im Sinne ihrer eigenen, elitären Maßstäbe produziert.
Was bleibt
Die libertäre „Freiheit", wie sie hier vorgetragen wird, ist die Freiheit derer, die bereits privat alimentiert, beauftragt oder berufen sind, über den Wert derer zu richten, die es nicht sind. Das ist keine Marktordnung. Das ist eine Kaste, die sich selbst von der eigenen Regel ausnimmt und sie nur auf die anwendet, die sich nicht wehren können.
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