Milei und die große libertäre Selbsttäuschung
Javier Milei trat mit der Kettensäge an, um den Staat zurückzudrängen und die Zentralbank abzuschaffen. Fast drei Jahre später existiert die Zentralbank weiter und soll eine neue Satzung bekommen. Schlüsselposten der Wirtschafts- und Geldpolitik sind mit früheren Investmentbankern und Zentralbankern besetzt. Die Stabilisierung Argentiniens wird von IWF, Weltbank, Interamerikanischer Entwicklungsbank und dem US-Finanzministerium mit Milliarden flankiert. Und eine staatliche KI-Einheit soll Netzwerke durchsuchen, Gesichter erkennen und Straftaten vorhersagen. Selbst Hans-Hermann Hoppe ist auf Distanz gegangen. Die Erfolge bei Inflation und Haushalt sind real, sie beantworten aber nicht die Frage, ob hier Anarchokapitalismus regiert.
Man muss sich die Bilder noch einmal vor Augen führen: Javier Milei mit der Kettensäge in der Hand, Javier Milei vor dem Whiteboard, auf dem Ministerien gestrichen werden, Javier Milei, der die „politische Kaste“ beschimpft und die argentinische Zentralbank nicht reformieren, sondern abschaffen will. Der Staat sei eine kriminelle Organisation, Steuern seien Diebstahl, philosophisch sei er Anarchokapitalist.
Für einen Teil der libertären Szene war das die Erfüllung eines Traums. Zum ersten Mal stand nicht irgendein Professor auf einer Konferenz und erklärte Mises, Rothbard oder Hoppe, sondern ein Staatspräsident berief sich auf genau diese Autoren und versprach, aus Theorie politische Wirklichkeit zu machen.
Fast drei Jahre später stellt sich eine einfache Frage: Was ist davon übrig?
Nicht wenig, wenn man nur auf Deregulierung, Haushaltskürzungen und den Rückgang der Inflation schaut. Aber erstaunlich wenig, wenn man Milei an dem misst, was ihn überhaupt erst zur Ikone des Anarchokapitalismus gemacht hat.
Die Zentralbank, die verschwinden sollte, existiert weiter. Zentrale Positionen der Wirtschafts- und Geldpolitik sind mit Männern besetzt, deren Karrieren über internationale Großbanken, frühere Regierungen und eben jene Zentralbank führten. Gleichzeitig wird Argentiniens Stabilisierung mit Milliardenprogrammen von IWF, Weltbank, Interamerikanischer Entwicklungsbank und dem US-Finanzministerium flankiert.
Und der Staat, der angeblich zurückgedrängt werden soll, hat unter Milei neue technische Möglichkeiten zur Überwachung seiner Bürger erhalten.
Man muss kein Sozialist sein, um darin einen Widerspruch zu erkennen. Inzwischen muss man dafür nicht einmal mehr das libertäre Lager verlassen.
Die „Kaste“ sitzt noch immer am Tisch
Mileis Wahlkampf lebte von einem klaren Feindbild: der „casta“, jener politischen und wirtschaftlichen Klasse, die Argentinien über Jahrzehnte verschuldet und von einer Krise in die nächste geführt habe. Gemeint waren Berufspolitiker, Staatsfunktionäre, Zentralbanker und jene Finanzeliten, die unabhängig vom Ausgang einer Wahl immer irgendwo in der Nähe der Macht bleiben.
Schaut man sich die Männer an, die heute Argentiniens Wirtschafts- und Geldpolitik bestimmen, sieht der revolutionäre Bruch allerdings weniger revolutionär aus.
Luis Caputo arbeitete für J.P. Morgan und die Deutsche Bank, machte anschließend Karriere im Investmentgeschäft und war schon unter Mauricio Macri Finanzminister und Präsident der Zentralbank.
Santiago Bausili, heute Chef eben jener Zentralbank, die Milei beseitigen wollte, verbrachte viele Jahre bei J.P. Morgan und der Deutschen Bank.
Federico Sturzenegger, heute Minister für Deregulierung und Transformation des Staates, war ebenfalls schon Zentralbankpräsident und lange vor Milei politisch tätig.
Daran ist für sich genommen nichts Anrüchiges. Ein Investmentbanker kann ein guter Minister sein, ein ehemaliger Zentralbanker ein guter Deregulierer. Aber dann sollte man aufhören, so zu tun, als hätten Außenseiter das Gebäude gestürmt und die alte Elite hinausgeworfen.
Auch das Argument, Milei habe im Parlament keine Mehrheit und müsse deshalb Kompromisse machen, hilft hier wenig. Seine Minister und Spitzenfunktionäre hat ihm der Kongress nicht aufgezwungen. Gerade dort, wo Milei selbst entscheiden konnte, ist der personelle Bruch mit der „Kaste“ weit weniger sichtbar, als es die Kettensäge vermuten ließ.
Aus „Wir sprengen die Zentralbank“ wurde eine Reform
Noch deutlicher wird der Abstand zwischen Marke und Wirklichkeit bei Mileis berühmtestem Versprechen: der Abschaffung der argentinischen Zentralbank. Das war keine beiläufige Wahlkampfidee. Gerade dieses Versprechen unterschied ihn von gewöhnlichen konservativen oder marktliberalen Reformern.
Die Banco Central de la República Argentina existiert im Oktober 2026 noch immer. Sie besitzt einen Präsidenten und ein Direktorium, verwaltet Reserven, greift in den Devisenmarkt ein und erfüllt weiterhin die Aufgaben einer Zentralbank.
Mehr noch: Milei hat inzwischen eine Reform ihrer Satzung angekündigt. Ihre institutionelle Unabhängigkeit soll gestärkt, die Finanzierung des Staates durch die Notenbank erschwert und ihre Leitung neuen Regeln unterworfen werden.
Man kann das für vernünftige Geldpolitik halten. Vielleicht ist eine unabhängige Zentralbank für Argentinien sogar dringend notwendig.
Nur eines ist es nicht: ihre Abschaffung.
Aus dem Mann, der die Zentralbank sprengen wollte, ist ein Präsident geworden, der ihr eine bessere Satzung geben will.
Natürlich gibt es dafür inzwischen Erklärungen. Die Bilanz müsse erst saniert werden. Die Voraussetzungen seien noch nicht geschaffen. Eine sofortige Schließung hätte neue Probleme ausgelöst. Das kann alles richtig sein.
Aber genau solche Sachzwänge waren einmal das Argument, mit dem Libertäre anderen Politikern erklärten, warum der Staat niemals freiwillig verschwindet.
Die libertäre Revolution hängt am internationalen Finanzsystem
Noch größer wird der Widerspruch beim Geld. Im April 2025 genehmigte der Internationale Währungsfonds ein neues Programm für Argentinien über 20 Milliarden Dollar. Danach folgten weitere milliardenschwere Zusagen internationaler Finanzinstitutionen und eine Swap-Vereinbarung des US-Finanzministeriums mit der argentinischen Zentralbank.
Die Größenordnung ist bemerkenswert:
20 Milliarden Dollar IWF-Programm,
bis zu 12 Milliarden Dollar Unterstützung durch die Weltbank über mehrere Jahre,
weitere Milliarden der Interamerikanischen Entwicklungsbank,
20 Milliarden Dollar Swap-Linie des US-Finanzministeriums mit der argentinischen Zentralbank.
Nicht jeder dieser Dollar fließt unmittelbar in den argentinischen Staatshaushalt. Manche Programme betreffen den privaten Sektor, andere sind Kreditrahmen oder Garantien. Aber darum geht es nicht.
Der entscheidende Punkt lautet: Das angeblich erste anarchokapitalistische Experiment der Geschichte findet nicht außerhalb der internationalen staatlichen Finanzarchitektur statt. Es findet mitten in ihr statt.
IWF, Weltbank, IDB und US-Finanzministerium stehen nicht am Straßenrand und beobachten die libertäre Revolution. Sie tragen zu ihrer Stabilisierung bei.
Das kann notwendig sein. Argentinien war bei Mileis Amtsantritt kein schuldenfreies Labor, in dem man am Montag den Staat abschaltet und am Dienstag bei null beginnt. Aber auch hier sollte man das Produkt beim richtigen Namen nennen.
Ein Staat, dessen wirtschaftliche Stabilisierung von internationalen öffentlichen Finanzinstitutionen in dieser Größenordnung abgesichert wird, ist nicht aus diesem System ausgebrochen.
Er ist auf dieses System angewiesen.
Der kleine Staat entdeckt die große Überwachung
Noch unangenehmer wird die Sache in einem Bereich, bei dem Libertäre normalerweise besonders empfindlich reagieren: staatlicher Überwachung.
Unter der damaligen Sicherheitsministerin Patricia Bullrich wurde 2024 eine staatliche Einheit für künstliche Intelligenz im Sicherheitsbereich geschaffen. Ihre offizielle Aufgabenbeschreibung geht weit über ein bisschen Computerunterstützung bei Polizeiarbeit hinaus.
Sie darf öffentliche soziale Netzwerke und andere Internetquellen durchsuchen, Bilder vergleichen, Überwachungskameras in Echtzeit auswerten und Gesichtserkennung einsetzen. Historische Kriminalitätsdaten sollen analysiert werden, um mögliche künftige Straftaten vorherzusagen. Große Datenmengen können zur Erstellung von Verdächtigenprofilen und zur Untersuchung sozialer Netzwerke auf mögliche Gefahren oder Unruhen genutzt werden.
Über einzelne dieser Instrumente kann man sicherheitspolitisch diskutieren. Der Widerspruch bleibt trotzdem bestehen: Ausgerechnet unter einem Präsidenten, der den Staat als Gefahr für die Freiheit des Individuums beschrieben hat, erhält derselbe Staat neue technische Möglichkeiten, seine Bürger zu beobachten, Profile zu erstellen und zukünftiges Verhalten zu prognostizieren.
Der Staat wird hier nicht zerlegt.
Er wird aufgerüstet.
Das zeigt zugleich, warum es zu kurz greift, Mileis Regierung allein an Staatsquote, Ministerien oder Sozialausgaben zu messen. Ein kleinerer Sozialstaat ist nicht automatisch ein kleinerer Staat. Man kann Renten kürzen und gleichzeitig Überwachung ausbauen. Man kann Behörden zusammenlegen und zugleich die technischen Fähigkeiten des Sicherheitsapparates erweitern.
Wer Freiheit ernst nimmt, müsste beides betrachten.
Die Kritik kommt inzwischen von Anarchokapitalisten selbst
Das Interessanteste an der Entwicklung ist deshalb vielleicht gar nicht, was Sozialisten, Peronisten oder Gewerkschaften über Milei sagen.
Interessant ist, was Anarchokapitalisten über ihn sagen.
Der Ökonom Oscar Grau veröffentlichte beim Mises Institute ausführliche Kritiken an Mileis Politik. Sein Vorwurf lautete nicht, Milei sei zu marktradikal. Im Gegenteil: Hinter der freiheitlichen Rhetorik erkenne er weiterhin Interventionismus, Zentralisierung und eine Außenpolitik, die mit libertären Grundsätzen schwer vereinbar sei.
2025 wurde der Streit noch sichtbarer. Als das deutsche Ludwig-von-Mises-Institut Milei mit einem neu geschaffenen Preis ehren wollte, traten Rolf W. Puster, Jörg Guido Hülsmann und Hans-Hermann Hoppe aus dem wissenschaftlichen Beirat zurück.
Gerade Hoppe ist dabei interessant. Er gehört nicht zu den üblichen politischen Gegnern Mileis, sondern zu den Autoren, auf die Milei selbst immer wieder Bezug genommen hat.
Wenn einer der prominentesten lebenden Vertreter des Anarchokapitalismus auf Distanz geht, kann man die Kritik nicht mehr einfach mit dem Satz erledigen, Linke verstünden eben nichts von Freiheit.
Der Streit findet inzwischen im eigenen Haus statt.
Aber die Inflation ist gefallen
Die naheliegende Antwort auf all diese Kritik lautet: Schaut auf die Ergebnisse.
Und tatsächlich darf man die positiven Entwicklungen nicht unterschlagen. Die Inflation ist erheblich gefallen. Der Staatshaushalt wurde konsolidiert. Die Armutsquote ist nach ihrem starken Anstieg zu Beginn der Milei-Regierung wieder deutlich zurückgegangen.
Das sind reale Entwicklungen.
Aber auch die übrigen Daten gehören zur Bilanz. Die Arbeitslosigkeit liegt weiterhin auf erheblichem Niveau, Teile der Industrie schwächeln, und die wirtschaftliche Aktivität entwickelte sich 2026 zeitweise wieder rückläufig.
Eine seriöse Bilanz lässt sich deshalb weder mit „Milei hat Argentinien gerettet“ noch mit „Milei hat Argentinien ruiniert“ zusammenfassen.
Vor allem beantworten diese Zahlen die Frage dieses Artikels nicht.
Selbst wenn man Milei jeden Erfolg bei Inflation und Haushalt vollständig zugesteht, wird seine Regierung dadurch nicht anarchokapitalistisch. Eine sinkende Inflationsrate schafft keine Zentralbank ab. Ein Haushaltsüberschuss macht einen IWF-Kredit nicht zum Ausdruck staatlicher Unabhängigkeit. Und ein ehemaliger Investmentbanker wird nicht dadurch zum Feind der „Kaste“, dass Javier Milei ihn zum Minister ernennt.
Mileis wirtschaftliche Bilanz muss an ihren Ergebnissen gemessen werden.
Seine libertäre Glaubwürdigkeit muss an seinen eigenen Prinzipien gemessen werden.
Das sind zwei verschiedene Fragen.
Die Kettensäge war ein Markenlogo
Vielleicht liegt genau darin das eigentliche Phänomen Milei. Die Kettensäge war politisch genial, weil sie in einem einzigen Gegenstand eine ganze Erzählung bündelte: Dieser Mann kommt nicht, um das alte System besser zu verwalten. Er kommt, um es zu zerschlagen.
Nur beurteilt man eine Regierung irgendwann nicht mehr nach ihren Requisiten, sondern nach Personal, Institutionen, Geldströmen und Entscheidungen.
Und dort sieht das Bild nach fast drei Jahren weniger revolutionär aus. Die Zentralbank lebt und soll reformiert werden. Führende Wirtschaftspositionen sind mit Männern aus internationalen Großbanken und früheren Regierungen besetzt. Internationale öffentliche Finanzinstitutionen tragen Milliarden zur Stabilisierung bei. Gleichzeitig erhält der Sicherheitsapparat neue technische Überwachungsmöglichkeiten.
Man kann das alles politisch verteidigen. Vielleicht war manches unter den konkreten argentinischen Bedingungen sogar notwendig.
Aber dann muss man sich entscheiden, was man eigentlich verteidigt: die konkrete Politik einer Regierung oder die Behauptung, hier werde der Anarchokapitalismus Wirklichkeit.
Beides ist nicht dasselbe.
Und genau an diesem Punkt wird die Reaktion der libertären Szene interessanter als Milei selbst. Leute, die bei anderen Politikern jeden staatlichen Eingriff als Verrat am Prinzip behandeln, entdecken plötzlich die Schönheit des Pragmatismus. Die Zentralbank bleibt? Übergangsphase. Der IWF kommt mit Milliarden? Sachzwang. Investmentbanker sitzen an den Schaltstellen? Fachkompetenz. Der Sicherheitsstaat erhält neue Überwachungstechnik? Notwendige Sicherheitspolitik.
So lässt sich jede Ideologie retten. Man muss nur jede Realität, die ihr widerspricht, zur Ausnahme erklären.
Das Problem ist deshalb nicht, dass Javier Milei kein perfekter Anarchokapitalist wäre. Perfekte Ideologien regieren keine realen Länder. Das Problem beginnt dort, wo aus einem Politiker eine Projektionsfläche wird und seine Anhänger jeden Widerspruch nachträglich umdeuten, damit das Bild erhalten bleibt.
Genau das haben Libertäre anderen politischen Lagern jahrzehntelang vorgeworfen: Personenkult, doppelte Maßstäbe und die Bereitschaft, beim eigenen Mann zu entschuldigen, was beim Gegner als unverzeihlich gilt.
Nun können sie beobachten, wie es sich anfühlt, wenn es der eigene Mann ist.
Milei kann am Ende ein erfolgreicher oder erfolgloser Präsident sein. Darüber wird die weitere Entwicklung Argentiniens entscheiden. Wer ihn aber weiterhin als Beweis dafür verkaufen will, dass der Anarchokapitalismus endlich den Staat besiegt habe, hat schon heute ein Erklärungsproblem.
Denn der Mann mit der Kettensäge regiert mit der Zentralbank, die er einmal sprengen wollte. Er regiert mit ehemaligen Investmentbankern und Zentralbankern, während er die „Kaste“ für besiegt erklärt. Seine Stabilisierung wird von IWF, Weltbank, Entwicklungsbanken und dem US-Finanzministerium flankiert. Und unter seiner Regierung erhält der Sicherheitsstaat neue technische Möglichkeiten zur Überwachung seiner Bürger.
Auf der Verpackung steht noch immer Freiheit.
Der Inhalt sieht inzwischen anders aus.
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