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Donnerstag, 15. Januar 2026

Die gefährlichen Fantasien der Libertären - Eine Analyse

Ein libertäres "Aufklärungsvideo" macht derzeit die Runde, das in erschreckender Weise zeigt, wohin sich ein Teil unserer Gesellschaft entwickelt. Was uns hier als "Freiheit" verkauft wird, ist in Wahrheit ein Programm zur Errichtung einer brutalen Herrschaft des Geldes - und erschreckend viele Menschen applaudieren diesem Wahnsinn.

Die systematische Entwicklung einer gefährlichen Ideologie

Der moderne Libertarismus ist keine spontan entstandene Bewegung, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger systematischer Entwicklung und Förderung. Seine Wurzeln reichen in die 1940er Jahre zurück, als wohlhabende Industrielle begannen, libertäre Denkfabriken und Institute zu finanzieren. Die Entwicklung verlief in mehreren Phasen:

  1. Akademische Grundlagen (1940er-1960er):
  • Etablierung der "Österreichischen Schule" an US-Universitäten
  • Gründung libertärer Think Tanks und Forschungsinstitute
  • Systematische Förderung durch Industrielle und Großunternehmer
  • Entwicklung radikaler Markttheorien durch Ökonomen wie Rothbard
  1. Politische Institutionalisierung (1970er-1980er):
  • Aufbau eines Netzwerks von Denkfabriken und Stiftungen
  • Gezielte Beeinflussung politischer Entscheidungsträger
  • Entwicklung marktradikal-libertärer Wirtschaftsprogramme
  • Durchsetzung dieser Ideen unter Reagan und Thatcher
  1. Gesellschaftliche Durchdringung (1990er-heute):
  • Systematische Verbreitung durch "Wirtschaftsbildung" an Schulen und Universitäten
  • Aufbau von Mediennetzwerken und Kommunikationsplattformen
  • Gezielte Ansprache junger Menschen über Social Media
  • Tarnung radikaler Marktideologie als "Freiheitsbewegung"

Was als akademische Theorie begann, wurde so schrittweise zu einer einflussreichen politischen Kraft entwickelt. Finanziert durch ein Netzwerk von Milliardären und Konzernen, gefördert durch Think Tanks und Stiftungen, verbreitet durch Medien und "Experten", hat sich der Libertarismus zu einer Bewegung entwickelt, die heute aktiv an der Zerstörung demokratischer und sozialer Errungenschaften arbeitet.

Die zentralen Thesen dieser libertären Dystopie:

  1. Der Staat soll komplett abgeschafft werden - außer zum Schutz von Privateigentum
  2. Alle gesellschaftlichen Funktionen sollen durch private Versicherungen geregelt werden
  3. Wer keine Versicherung hat, wird praktisch aus der Gesellschaft ausgeschlossen

Besonders wahnwitzig ist die Vorstellung, private Militär- und Polizeikräfte wären "effizienter" als staatliche Strukturen. Die libertäre Fantasie dahinter: Der "freie Markt" würde durch Konkurrenzdruck zu besserem Service und korrekterem Handeln führen. Die historische Realität zeigt uns das genaue Gegenteil: Überall, wo militärische Macht privatisiert wurde, entstanden brutale Söldnerheere und Systeme der Schutzgelderpressung. Private "Sicherheitskräfte" würden zwangsläufig nur dem Meistbietenden dienen. Wer mehr zahlt, bekommt die stärkeren Truppen. Kriminelle könnten sich einfach "ihre" Polizei kaufen. Am Ende stünden wenige mächtige Konzerne mit privaten Armeen - eine albtraumhafte Vision, die direkt ins Feudalsystem zurückführt. Dass ausgerechnet profitorientierte Söldnertruppen für mehr "Sicherheit" und "Ordnung" sorgen sollen als demokratisch kontrollierte Institutionen, offenbart die ganze Realitätsferne dieser Ideologie. 

Die erschreckenden Konsequenzen dieses Irrsinns:

Faktische Todesurteile für Arme:

  • Keine Krankenversicherung? Sterben Sie eben.
  • Keine Unfallversicherung? Verrecken Sie auf der Straße.
  • Keine Rentenversicherung? Arbeiten Sie bis zum Umfallen.

Totale Macht der Konzerne:

  • Private Söldnerarmeen statt demokratischer Kontrolle
  • Versicherungskonzerne entscheiden über Leben und Tod
  • Wer nicht zahlen kann, hat keine Rechte

Die menschenverachtende Dimension des anarcho-kapitalistischen Denkens wird in Robert P. Murphys "Chaos Theory" besonders in seinen konkreten Vorschlägen zur privatisierten Kriegsführung sichtbar. Mit erschreckender Präzision entwickelt er ein System, in dem Versicherungsunternehmen wie bei einer Kopfgeldjagd Prämien auf die "Eliminierung" feindlicher Soldaten und Generäle aussetzen würden. Noch verstörender ist sein Vorschlag, dass diese privaten Militärfirmen den gegnerischen Streitkräften regelrechte Kataloge übermitteln könnten, in denen aufgelistet wird, welche zivilen "Nachbarschaften ohne Vergeltungsschläge bombardiert werden könnten" (Murphy, 2002, S.40). Die Zivilbevölkerung wird damit zur reinen Verhandlungsmasse in einem perversen Kosten-Nutzen-Kalkül. Wenn Murphy im gleichen Werk die Idee entwickelt, dass private Gefängnisbetreiber in einen "gesunden Wettbewerb" um Häftlinge treten sollen, offenbart sich die völlige Perversion des Gerechtigkeitsgedankens. In dieser Ideologie wird selbst das Menschenleben zu einer handelbaren Ware degradiert, deren Wert sich ausschließlich nach ihrer ökonomischen Verwertbarkeit bemisst. Murphy treibt damit die neoliberale Marktlogik auf eine erschreckende Spitze, die jede Form von Menschenwürde und gesellschaftlicher Solidarität dem Profitstreben unterordnet. Seine Thesen zeigen exemplarisch, wie der radikale Marktfundamentalismus in letzter Konsequenz zu einer Erosion aller humanistischen und demokratischen Grundwerte führen muss.

Das Scheitern des Marktradikalismus: Ein historisches Lehrstück

Die verheerenden Folgen dieser Ideologie sind keine theoretische Spekulation - sie wurden bereits in den 1980er Jahren unter Reagan praktisch erprobt. David Stockman, Reagans Budgetdirektor und einer der führenden Köpfe der "neoliberalen Revolution", musste nach nur einem Jahr eingestehen, dass das Experiment gescheitert war. In einem bemerkenswerten Interview mit dem Atlantic 1981 gestand er ein:

  • Die "Trickle-Down"-Theorie war von Anfang an eine bewusste Täuschung: Die Steuersenkungen für die Reichen wurden nur als "Supply-Side Economics" getarnt, um sie politisch durchsetzbar zu machen
  • Die versprochenen positiven Effekte für die breite Bevölkerung blieben aus
  • Stattdessen explodierten die Staatsschulden
  • Die sozialen Einschnitte trafen vor allem die Schwächsten
  • Die Konzerne und Wohlhabenden sicherten sich durch Lobbying weitere Privilegien

Besonders aufschlussreich ist Stockmans Eingeständnis, dass das System grundsätzlich die Schwachen benachteiligt: "Das Problem ist, dass unorganisierte Gruppen in diesem Spiel nicht mitmachen können." Während sich gut organisierte Wirtschaftsverbände ihre Interessen sichern konnten, hatten die sozial Schwachen keine Lobby.

Die heutigen Libertären ziehen aus diesem Scheitern jedoch einen perfiden Schluss: Das Problem sei nicht zu viel, sondern zu wenig Markt gewesen. Der Staat habe durch seine bloße Existenz verhindert, dass sich die "reinigende Kraft des Marktes" entfalten konnte. Ihre "Lösung" ist daher die komplette Abschaffung des Staates - bis auf seinen Kernbereich: den Schutz des Privateigentums.

Was sie verschweigen: Ohne demokratische Kontrolle würde genau das passieren, was Stockman beschreibt - nur in noch extremerer Form. Die organisierten Interessengruppen - Konzerne, Banken, Vermögende - würden ihre Macht nun völlig ungehindert ausüben können. Sie könnten sich private Armeen und Sicherheitsdienste leisten, während die breite Bevölkerung schutzlos wäre. Das Ergebnis wäre nicht mehr Freiheit, sondern die Rückkehr zu feudalen Machtverhältnissen mit modernen Mitteln.

Diese historischen Erfahrungen zeigen: Der radikale Marktliberalismus ist kein theoretisches Modell für mehr Freiheit und Wohlstand, sondern ein Instrument zur Umverteilung von unten nach oben. Die aktuellen libertären Vordenker ignorieren diese Lehren nicht aus Unwissenheit - sie wollen das gescheiterte Experiment in noch radikalerer Form wiederholen.

Kinder als "Eigentum": Die ethische Bankrotterklärung des Libertarismus

Die ethische Bankrotterklärung des Libertarismus zeigt sich besonders deutlich in Rothbards Werk 'The Ethics of Liberty' (S. 97-107). Dort entwickelt er eine erschreckende Theorie zu Kinderrechten: Kinder seien ein 'treuhänderisch verwaltetes Vermögen' (trustee ownership), das unter der absoluten Rechtsprechung (jurisdiction) der Eltern steht. Noch verstörender ist seine Schlussfolgerung: Eltern seien nicht verpflichtet, sich um ihre Kinder zu kümmern - selbst wenn diese in der Folge sterben. Diese Position wird von seinen Anhängern als 'konsequente Ethik' verteidigt, da angeblich niemand das Recht habe, auf Kosten anderer zu leben. Dass dieses 'Prinzip' selbst auf Säuglinge angewendet werden soll, offenbart die fundamentale Unmenschlichkeit dieser Ideologie. Hier zeigt sich in aller Klarheit, wohin die absolute Verabsolutierung von Eigentumsrechten führt: zur kompletten Aufgabe grundlegender humanitärer Prinzipien.

Rückkehr zu feudalen Zuständen:

  • Privatjustiz für die Reichen
  • Rechtlosigkeit für die Armen
  • Moderne Form der Leibeigenschaft durch totale Abhängigkeit

Das besonders Erschreckende: Diese menschenverachtende Ideologie wird nicht etwa von einer kleinen Randgruppe vertreten. Sie findet zunehmend Anhänger in der Mitte der Gesellschaft, wird an Universitäten gelehrt und von "Thinktanks" propagiert.

Die Perfidität dieser Bewegung:

  • Sie tarnt Sozialdarwinismus als "Freiheit"
  • Sie verkauft Entrechtung als "Eigenverantwortung"
  • Sie verschleiert die Wiedereinführung des Rechts des Stärkeren als "freien Markt"

Wer die Geschichte kennt, weiß: Diese Art von "freiem Markt" haben wir schon einmal erlebt. Im 19. Jahrhundert bedeutete er:

  • Kinderarbeit
  • 16-Stunden-Tage
  • Massenelend
  • Keine soziale Absicherung
  • Tote durch mangelnde medizinische Versorgung

Der Libertarismus würde uns direkt in diese Barbarei zurückführen - nur diesmal global und mit moderneren Mitteln. Die Konsequenzen wären noch verheerender als damals:

  • Globale Konzernarmeen statt nationaler Kontrolle
  • Weltweite private Überwachungssysteme
  • Technologisch perfektionierte Ausbeutung

Was die Anhänger dieser Ideologie als "ineffizient" bezeichnen und abschaffen wollen, sind genau die Errungenschaften, die Millionen Menschen ein würdiges Leben ermöglichen:

  • Öffentliches Gesundheitssystem
  • Soziale Absicherung
  • Arbeitsschutz
  • Demokratische Kontrolle
  • Umweltschutz

Es ist an der Zeit, diese gefährliche Ideologie als das zu entlarven, was sie ist: Ein Programm zur Errichtung einer dystopischen Konzernherrschaft, das die Mehrheit der Menschen in Elend und Abhängigkeit stürzen würde.

Die wachsende Popularität dieser menschenverachtenden Ideen ist ein Alarmsignal. Sie zeigt, wie dünn der Firnis der Zivilisation ist und wie schnell Menschen bereit sind, die Grundlagen einer humanen Gesellschaft über Bord zu werfen - wenn es nur in wohlklingende wirtschaftstheoretische Phrasen verpackt wird.

Wer einen Eindruck von der Realitätsferne und gleichzeitig der Gefährlichkeit dieser Bewegung bekommen will, sollte sich dieses Video [Link] ansehen. Es ist ein erschreckendes Dokument dessen, wie akademisch verbrämter Sozialdarwinismus im 21. Jahrhundert aussieht.

Es wird höchste Zeit, dieser Ideologie entschieden entgegenzutreten. Nicht nur mit Argumenten, sondern mit dem aktiven Einsatz für eine solidarische Gesellschaft, die auf demokratischer Kontrolle und sozialer Verantwortung basiert - statt auf dem Recht des finanziell Stärkeren.

Zusammenfassend die Kernpunkte dieser gefährlichen Ideologie:

Kernthese:

  • Der Staat soll komplett abgeschafft werden - außer zum Schutz von Privateigentum
  • Alle Verteidigung, Justiz etc. soll privat durch Versicherungen geregelt werden
  • Der "freie Markt" würde angeblich alles besser regeln

Das vorgeschlagene System:

  • Private Versicherungen übernehmen Polizei und Militär
  • Jeder muss Verträge mit Versicherungen abschließen
  • Wer keine Versicherung hat, wird praktisch aus der Gesellschaft ausgeschlossen
  • Sogar Kriegsführung soll privatisiert werden

Die absurden Annahmen:

  • Versicherungen würden angeblich fair und effizient arbeiten
  • Der Markt würde automatisch die besten Lösungen finden
  • Private Armeen wären effizienter als staatliche
  • Verbrechen würde durch Versicherungsbeiträge reguliert

Das Ganze ist ein perfektes Beispiel libertärer Realitätsverweigerung:

  • Ignoriert völlig reale Machtverhältnisse
  • Blendet die Rolle von Kapitalkonzentration aus
  • Übersieht, dass private Armeen zu Söldnerheeren werden
  • Verkennt, dass ohne staatliche Kontrolle das Recht des Stärkeren herrscht

Besonders absurd ist die Vorstellung, dass Versicherungsunternehmen - die heute schon oft genug ihre Kunden abzocken - plötzlich zu fairen Garanten von Recht und Ordnung werden sollen. Das ist nicht nur naiv, sondern gemeingefährlich.

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