Eine Geschichte über industrielle Verwertung, sprachliche Tarnung und das Verschwinden von Beweisen
Im Februar 1982 schickten die Arbeiter der Martin Container Company in Los Angeles einen Truck nach Woodland Hills, um einen unbezahlten Seecontainer zu pfänden. Was sie fanden, als sie die Stahltüren öffneten, veränderte ihr Leben.
Hank Stolk, einer der Arbeiter, beschrieb es so: „Einer der Behälter fiel herunter und schlug direkt vor meinen Füßen auf. Er öffnete sich und da war er… ein verstümmelter Körper."
Sein Kollege Ron Gillette fand deutlichere Worte: „Stehen Sie da und starren Sie 15 Minuten lang auf ein auseinandergerissenes Baby, so wie ich es getan habe. Stehen Sie da und zählen Sie die Finger und schauen Sie auf Beine mit kleinen Kniescheiben, die vom Körper gerissen wurden. Stehen Sie da und versuchen Sie, den Kopf zu finden, nur um festzustellen, dass es keinen Kopf gibt."
Ein Lkw-Fahrer, der am nächsten Tag zur Arbeit kam, sagte: „Es waren einfach winzige Babys, wissen Sie? Alle in Stücke gerissen. Köpfe abgehackt, Arme, Beine… es macht einen einfach krank, so etwas zu sehen. Man möchte einfach nur weinen."
Der Container war von vorne bis zur Decke und zu den Seiten damit gefüllt. 16.433 Körper, wie die spätere Zählung ergab. Nicht gekühlt. In einem Stahlcontainer. Seit mindestens zwei Jahren.
Die Vorgeschichte: Ein Geschäftsmodell
Malvin Weisberg betrieb seit 1976 die „Medical Analytic Laboratories" in Santa Monica. Ein profitables Geschäftsmodell: Kliniken, Krankenhäuser und niedergelassene Ärzte in Kalifornien und anderen Bundesstaaten schickten ihm abgetriebene Föten zur Pathologieuntersuchung. Weisberg ließ die Untersuchungen von einem angestellten Pathologen durchführen, kassierte dafür Medi-Cal-Zahlungen – und war vertraglich verpflichtet, die Überreste anschließend ordnungsgemäß zu entsorgen.
Das tat er nicht. Die Entsorgung hätte Geld gekostet, und die Luftreinhaltungsvorschriften in Los Angeles machten eine Verbrennung vor Ort unmöglich. Also kaufte Weisberg 1980 einen Seecontainer und ließ ihn in seinen Hinterhof liefern. Schon der erste Scheck über 1.700 Dollar platzte – aber der Container stand nun da, und Weisberg begann, die Körper darin zu stapeln.
Fast 175.000 Dollar an Medi-Cal-Zahlungen flossen in sein Labor, davon 88.000 Dollar allein für Pathologietests an abgetriebenen Föten. Die Hälfte davon – 44.000 Dollar – kam aus Bundesmitteln, obwohl das Hyde Amendment genau solche Zahlungen verbot. Als Bundesprüfer später die Bücher durchgingen, stellte der HHS-Inspektor Richard Kusserow fest, dass das Labor „routinemäßig fragwürdige Abrechnungen unter falschem Abrechnungscode eingereicht" hatte. Strafrechtliche Konsequenzen? Keine. Das Labor war geschlossen, Weisberg bankrott – „keine Vermögenswerte, gegen die man zivilrechtlich vorgehen könnte."
Ein Mann kassiert jahrelang öffentliche Gelder für Dienstleistungen, die er nicht erbringt, lagert Tausende menschlicher Überreste illegal in seinem Garten – und das System zuckt die Achseln.
Die Frage, die nie beantwortet wurde
Als das Los Angeles County Board of Supervisors von dem Fund erfuhr, ordnete es Autopsien an – und stellte die entscheidende Frage: Wurden einige dieser Babys lebend in Formaldehyd getaucht?
Um das festzustellen, musste ein Pathologe die Lungen auf Sauerstoffrückstände untersuchen. Denn wenn die Lungen Sauerstoff enthalten, hat das Kind nach der Entnahme aus dem Mutterleib geatmet. Es war lebendig. Dann wäre es kein „Schwangerschaftsabbruch" mehr gewesen, sondern die Tötung eines geborenen Menschen.
Dr. Joseph Wood, ein Pathologe aus San Diego, führte an einem einzigen Tag Autopsien an 43 der größeren Körper durch. Er entnahm Lungenproben und legte sie in Probengefäße. Der Bestatter Glenn Wong, der als Fotograf hinzugezogen wurde, beschrieb, was er sah: „Glauben Sie mir, sie waren zerstückelt. Bei einigen traten die Augen hervor, bei anderen war der Brustkorb aufgerissen. Ich erinnere mich an einen Fall, wo ich eine Hand und einen Fuß völlig getrennt sah."
193 der Körper waren nachweislich älter als 20 Wochen, der älteste fast 30 Wochen. Bei 30 Wochen wiegt ein Baby etwa 1.300 bis 1.500 Gramm, ist circa 40 Zentimeter lang, hat Fingernägel, kann hören, reagiert auf Licht, hat Schlaf-Wach-Zyklen – und ist mit neonatologischer Versorgung überlebensfähig. Selbst in den frühen 1980er Jahren. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Al Albergate, bestätigte, dass fünf bis sieben der Körper „possibly viable" waren – also außerhalb des Mutterleibs hätten überleben können.
Was ergaben die Lungenuntersuchungen? Das Ergebnis wurde nie veröffentlicht. Die Staatsanwaltschaft erklärte schlicht, die 20-Wochen-Grenze des kalifornischen Gesetzes sei wegen des Roe v. Wade-Urteils von 1973 „verfassungsrechtlich nicht durchsetzbar" – und stellte die Ermittlungen ein.
Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Die zentrale forensische Frage – ob lebensfähige Kinder getötet wurden – wurde möglicherweise beantwortet, aber das Ergebnis verschwand in den Akten. Und dann wurden die Bedingungen geschaffen, unter denen eine spätere Überprüfung unmöglich wurde.
Die Herkunft: Inglewood Women's Hospital
Die 43 größten Körper trugen alle noch Etiketten. Sie stammten vom Inglewood Women's Hospital, das Dr. Morton Barke gehörte. Barke hatte die Klinik 1970 in einer vorwiegend afroamerikanischen Gemeinde eröffnet – die Immobilien waren günstig, die Klientel reichlich vorhanden.
Auf dem Höhepunkt seines Betriebs führte das Inglewood Women's Hospital mehr als 74 Abtreibungen pro Tag durch. In einem einzigen Operationsraum.
Mindestens acht Frauen starben dort nachweislich durch die Hände der Abtreibungsärzte: Jannet Foster, Margaret Davis, Kathy Murphy, Lynette Wallace, Cora Mae Lewis, Yvonne Tanner, Belinda Byrd und Elizabeth Tsuji. Alle bis auf eine waren Afroamerikanerinnen.
Belinda Byrd war 37 Jahre alt, als sie am 24. Januar 1987 eine Abtreibung durch Dr. Stephen Pine vornehmen ließ. Sie war die 74. Patientin des Tages. Nach dem Eingriff wurde sie drei Stunden lang unbeaufsichtigt auf einer Bahre liegen gelassen. Als man sie fand, war sie nicht mehr ansprechbar. Das Personal brauchte weitere zwei Stunden, um sie in ein geeignetes Krankenhaus zu verlegen. Drei Tage später war sie tot.
Ihre Mutter schrieb an die Staatsanwaltschaft: „Die Leute sagen mir, dass nichts passiert ist, dass niemals etwas mit weißen Abtreibungsärzten passiert, die junge schwarze Frauen tot zurücklassen. Ich leide wirklich sehr und will Gerechtigkeit für Belinda und alle anderen Frauen, die wie Schafe zur Schlachtbank gehen."
1988 schloss das Gesundheitsamt die Klinik wegen einer 14-jährigen Geschichte von Mängeln und schweren Verstößen. Barke verkaufte sofort an einen Kollegen, Dr. Edward Allred von der Abtreibungskette „Family Planning Associates". Die Klinik öffnete unter neuem Namen wieder – als „Klinik" statt „Krankenhaus" unterlag sie weniger strenger Aufsicht.
Die vier bekannten Ärzte des Inglewood Women's Hospital wurden alle wegen grober Fahrlässigkeit diszipliniert. Keiner ging ins Gefängnis. Die meisten praktizierten Jahre später weiter – in Botox-Kliniken, als medizinische Marihuana-Gutachter, in gynäkologischen Praxen.
Der Kampf um die Sprache
Hier beginnt die eigentlich interessante Analyse. Denn der gesamte juristische und politische Konflikt, der sich über dreieinhalb Jahre hinzog, drehte sich nicht um die Frage, wie 16.433 menschliche Körper in einem Container landen konnten. Er drehte sich um ein einziges Problem: Wie nennt man sie?
Die Arbeiter, die den Container öffneten, sprachen instinktiv von „Babys". Sie sahen Finger, Kniescheiben, Köpfe – oder deren Abwesenheit. Für sie war die Sache eindeutig.
Präsident Reagan schrieb von „these children" – diesen Kindern – und nannte den Fall eine „nationale Tragödie". Er verglich die Situation mit Gettysburg: „Genau wie die schreckliche Opferzahl von Gettysburg auf eine tragische Entscheidung eines gespaltenen Supreme Court zurückgeführt werden kann, so können wir auch diese Tode betrauern."
Die ACLU und das Feminist Women's Health Center – selbst ein Abtreibungsanbieter – bestanden auf „fetal tissue": Gewebe. Sie klagten jahrelang dafür, dass die Überreste als medizinischer Abfall eingeäschert werden. Die Anwältinnen Carol Downer und Gloria Allred arbeiteten hinter den Kulissen genau darauf hin.
Bezirksrat Michael Antonovich brachte den Punkt auf den Tisch: „Die ACLU kommt und sagt, das sei nur ‚Gewebe', man solle sie verbrennen, eine Bestattung sei nicht nötig, weil das sonst Probleme schaffen würde. Probleme für wen?"
Der Besitzer des Lagerplatzes sah es noch klarer: „Sogar beim Gerichtsmediziner hatte ich das Gefühl, dass sie diese wie tote Menschen behandelten – und es sind tote Menschen. So haben es alle gesehen. Offensichtlich sieht die ACLU das nicht so."
Das ist der Kern: Wer die Definitionshoheit über die Sprache hat, bestimmt, was Realität ist. „Fetal tissue" kann man verbrennen. „Babys" muss man bestatten. Und eine Bestattung von 16.433 „Babys" – das wäre ein Bild gewesen, das sich nicht mehr aus der öffentlichen Wahrnehmung entfernen lässt.
Die systematische Vernichtung der Beweise
Um dem Gerichtsbeschluss zu entsprechen, dass die Identität der Mütter, der Babys und der Abtreibungsärzte verschleiert werden müsse, ordnete das Gesundheitsamt von Los Angeles County Folgendes an: Die Körper wurden in Massen aus ihren individuellen, identifizierenden Behältern in sechs sarggroße Sperrholzkisten gekippt. Das Amt versicherte der ACLU, dass keine Behälter mit identifizierenden Markierungen übrig bleiben würden.
Man muss verstehen, was hier geschah: Die Behälter, die Weisberg gelagert hatte, trugen Etiketten mit den Namen der Mütter und der durchführenden Ärzte. Sie waren Beweismaterial. Die systematische „Anonymisierung" war gleichzeitig eine systematische Beweisvernichtung – durchgeführt nicht von Kriminellen, sondern von Behörden, auf richterliche Anordnung, im Namen des Persönlichkeitsschutzes.
Am 6. Oktober 1985 – dreieinhalb Jahre nach der Entdeckung – wurden die sechs Kisten auf dem Odd Fellows Cemetery in Boyle Heights beigesetzt. Es war, so heißt es, die größte bekannte Friedhofsbestattung menschlicher Körper in der Geschichte.
Abtreibungsgegner hatten katholische Friedhöfe angeboten. Das Gericht untersagte dies: Eine religiöse Zeremonie unter staatlicher Beteiligung verstoße gegen die Verfassung. Der konfessionslose Odd Fellows Cemetery wurde gewählt. Die ACLU hatte nicht einmal gegen die Bestattung selbst gewonnen – nur gegen ihre symbolische Aufladung.
Die Randnotiz, die keine ist: John Roberts
Eine Fußnote, die Jahrzehnte später Bedeutung gewann: Im Weißen Haus befasste sich 1982 ein junger Anwalt namens John Roberts mit dem Fall. Roberts, damals im Büro des White House Counsel, verfasste ein Memo an seinen Vorgesetzten Fred Fielding. Darin schrieb er: „Die Position des Präsidenten ist, dass die Föten menschliche Wesen waren, oder zumindest nicht bewiesen werden kann, dass sie es nicht waren, und dementsprechend scheint eine Gedenkfeier völlig angemessen."
Gleichzeitig wollte Roberts, dass Reagans Brief zur Gedenkfeier unter Verschluss bleibt. Der Brief wurde trotzdem veröffentlicht.
John Roberts ist heute Chief Justice des Supreme Court der Vereinigten Staaten.
Was dieser Fall zeigt
Dieser Fall wird in der öffentlichen Wahrnehmung – sofern er überhaupt bekannt ist – als Episode der Abtreibungsdebatte behandelt. Pro-Lifer instrumentalisierten die Bilder, Pro-Choicer verteidigten das Recht auf den Eingriff. Beide Seiten benutzten die 16.433 Körper als Munition für ihre jeweilige Position.
Aber wenn man einen Schritt zurücktritt und die Struktur betrachtet, sieht man etwas anderes:
Ein industrielles Verwertungssystem. Kliniken produzierten den „Abfall", ein Labor kassierte öffentliche Gelder für dessen „Verarbeitung", und die Entsorgung war der Kostenfaktor, an dem gespart wurde. Die Körper waren Durchlaufposten in einer Wertschöpfungskette.
Rassistische Selektion. Die Klinik, die die größten Babys lieferte, operierte gezielt in einer armen, schwarzen Nachbarschaft. Die Frauen, die dort starben, waren fast ausschließlich Afroamerikanerinnen. Die Mutter eines der Opfer formulierte es deutlicher als jede akademische Analyse.
Juristische Immunität. Weder Weisberg noch die Ärzte wurden strafrechtlich verfolgt. Nicht weil die Beweise fehlten, sondern weil die Rechtsauslegung so justiert wurde, dass das Gesetz ins Leere lief.
Sprachliche Tarnkappen. Die Fachterminologie – „fetal tissue", „medical waste", „disposal" – übersetzte eine Realität, die Augenzeugen als „Kriegszone" beschrieben, in eine bürokratisch verwaltbare Angelegenheit.
Behördliche Beweisvernichtung. Die identifizierenden Behälter wurden zerstört, die Körper anonymisiert, die Lungenuntersuchungsergebnisse nie veröffentlicht. Nicht durch Verschwörung, sondern durch das reguläre Funktionieren institutioneller Prozesse.
Die Reporterin Jane Chastain stellte in der Dokumentation eine Zahl in den Raum, die den ganzen Fall in Perspektive setzt: Alle drei Tage wurde damals in den Vereinigten Staaten eine vergleichbare Anzahl ungeborener Kinder „entsorgt". 17.000 alle drei Tage. Der Container in Woodland Hills war kein Skandal. Er war ein Ausschnitt aus dem Normalbetrieb – der nur deshalb sichtbar wurde, weil jemand seine Rechnungen nicht bezahlt hatte.
Die in diesem Artikel verwendeten Augenzeugenberichte stammen aus zeitgenössischen Medienberichten, Gerichtsakten (Feminist Women's Health Center, Inc. v. Philibosian, 157 Cal. App. 3d 1076), der Dokumentation des Center for the Documentation of the American Holocaust sowie einer Fernsehdokumentation der Reporterin Jane Chastain aus den
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