Es gibt Geschichten, die klingen harmlos. Niedlich sogar. Geschichten, bei denen man erst lächelt – und dann, wenn man einen Moment innehält, das Lächeln im Hals stecken bleibt.
Dies ist so eine Geschichte.
Auf dem Pausenhof einer Schule lebt eine Taube. Die Kinder haben sie Klaus getauft. Klaus kommt jeden Morgen. Klaus pickt die Krümel auf, die von den Pausenbroten übrig bleiben. Klaus gehört dazu. Klaus ist Familie.
Vorgestern dann: Ein Falke stürzt herab. Mitten auf dem Pausenhof. Mitten unter den Kindern. Er schlägt Klaus. Tiefe Wunden reißt er in den kleinen Körper. Federn fliegen. Blut. Stille. Und dann – das Schreien der Kinder.
Was dann passiert, ist bemerkenswert.
Die Kinder werfen sich dazwischen. Zwischen Falke und Taube. Zwischen Raubtier und Beute. Zwischen Leben und Tod. Sie verjagen den Falken. Der zieht sich auf einen Baum zurück, zehn Meter hoch, und schaut herab. Wartet. Versteht die Welt nicht mehr.
Die Kinder raffen sich zusammen. Einer ruft: Hat jemand einen Karton? Ein anderer ruft die Polizei. Die Polizei gibt die Nummer des Tierhilfswerks. Und das Tierhilfswerk – man höre und staune – fährt fünfzig Kilometer. Fünfzig Kilometer für eine Stadttaube namens Klaus. Sie kommen, sie nehmen Klaus mit, sie verarzten ihn.
Happy End.
Oder?
Der Falke auf dem Baum
Reden wir über den, über den niemand redet.
Der Falke sitzt auf seinem Ast. Er hat nicht aus Bosheit angegriffen. Er hat nicht aus Grausamkeit zugeschlagen. Er hat getan, was seine Natur ihm vorschreibt: überleben. Er hat keine Alternative. Er kann keinen Antrag auf Grundsicherung stellen. Er kann nicht zum Discounter gehen und sich eine Packung Hühnchen für 2,99 Euro kaufen. Er muss töten, um zu leben. Das ist keine Grausamkeit – das ist Biologie.
Aber das interessiert niemanden.
Die Kinder haben den Falken verjagt. Sie haben ihm seine Mahlzeit genommen. Sie haben ihn dem Hunger überlassen. Vielleicht dem Tod. Denn ein Falke, der nicht jagt, stirbt. So einfach ist das. So brutal. So wahr.
Aber Klaus hat einen Namen. Und der Falke hat keinen.
Wer einen Namen hat, wird gerettet. Wer keinen hat, wird vergessen. Merken Sie sich diesen Satz. Er wird gleich noch wichtiger.
Walt Disneys Erben
Woher kommt das? Woher kommt diese selektive Empathie, die ein Tier zum Schützling macht und ein anderes zum Feind? Die Antwort sitzt tief. Sie sitzt in Kinderzimmern. Vor Bildschirmen. In den Geschichten, die wir unseren Kindern erzählen.
Bambi. Der Wolf ist böse. Das Reh ist unschuldig. Der Jäger ist der Teufel.
Findet Nemo. Jeder Fisch hat eine Persönlichkeit, einen Traum, eine Familie.
Aristocats. Katzen sind Adel. Hunde sind loyal. Und die Welt ist gut, solange wir nur fest genug daran glauben.
Generationen von Kindern sind mit diesen Bildern aufgewachsen. Generationen, die gelernt haben, dass Tiere fühlen wie wir. Dass sie leiden wie wir. Dass sie Hilfe verdienen wie wir. Und das stimmt sogar – zum Teil. Tiere fühlen. Tiere leiden. Keine Frage.
Aber die Natur kennt kein Gut und Böse. Die Natur kennt kein Opfer und keinen Täter. Die Natur kennt nur: Fressen und Gefressenwerden. Und wer das nicht akzeptiert, der rettet Tauben und lässt Falken verhungern. Der weint über Bambi und isst abends sein Schnitzel.
Fünfzig Kilometer
Halten wir einen Moment inne und rechnen.
Fünfzig Kilometer Anfahrt. Fünfzig Kilometer Rückfahrt. Einhundert Kilometer. Für eine einzelne Stadttaube. Spritkosten. Personalkosten. Fahrzeugkosten. Tierarztkosten.
Niemand – niemand – stellt die gute Absicht in Frage. Diese Menschen vom Tierhilfswerk sind Idealisten. Sie tun, woran sie glauben. Respekt.
Aber jetzt die Frage, die wehtut:
Wann ist das letzte Mal jemand fünfzig Kilometer gefahren, um einen Obdachlosen aufzusammeln?
Stille.
Genau.
Der Mensch auf der Parkbank
Es ist Winter. Minus fünf Grad. Minus zehn vielleicht. Es ist die Art von Kälte, die in die Knochen kriecht, die die Finger taub macht, die tötet – leise, langsam, gnadenlos.
Auf einer Parkbank liegt ein Mensch. Vielleicht zugedeckt mit Pappe. Vielleicht mit einer Decke, die längst nicht mehr wärmt. Vielleicht riecht er. Vielleicht murmelt er vor sich hin. Vielleicht liegt er einfach nur da – still, reglos, vergessen.
Die Kinder gehen vorbei. Die Eltern gehen vorbei. Alle gehen vorbei.
Niemand ruft die Polizei. Niemand ruft das Hilfswerk. Niemand fragt: Hat jemand einen Karton? Niemand fährt fünfzig Kilometer. Niemand fährt auch nur fünfzig Meter.
Denn dieser Mensch hat keinen Namen. Nicht für uns. Nicht für die Gesellschaft. Er ist der Obdachlose. Nicht Peter. Nicht Anke. Nicht Klaus.
Er ist eine Kategorie. Ein Stadtmöbel. Ein Problem, das man ausblendet, indem man die Straßenseite wechselt.
Die große Lüge der selektiven Empathie
Und hier wird es bitter. Richtig bitter.
Denn bei Klaus, der Taube, kommt niemand auf die Idee zu sagen: Der hätte halt schneller fliegen sollen. Niemand sagt: Selber schuld, warum sitzt der auch auf dem Pausenhof rum. Niemand sagt: Der will das doch so.
Aber beim Menschen auf der Parkbank? Da kommen sie alle, die Sätze. Die vergifteten Sätze:
Der könnte doch arbeiten.
Der ist selber schuld.
Der will das so.
Der säuft doch nur.
Für solche Leute zahle ich keine Steuern.
Beim Tier ist das Opfer immer unschuldig. Beim Menschen wird das Opfer zum Täter umgedeutet. Und schwupps – ist das Gewissen entlastet. Die Empathie abgeschaltet. Der Blick abgewendet.
Das ist kein Zufall. Das ist Konditionierung.
Das ist das Ergebnis einer Gesellschaft, die Mitgefühl zur Ware gemacht hat. Die entscheidet, wer es verdient und wer nicht. Die für Tauben Hilfswerke finanziert und für Menschen die Kältebusse streicht.
Die Kinder trifft keine Schuld
Und das muss gesagt werden: Die Kinder haben nichts falsch gemacht. Sie haben aus dem Herzen gehandelt. Mutig. Spontan. Bedingungslos. Sie haben sich zwischen einen Falken und eine Taube geworfen, ohne eine Sekunde nachzudenken. Das ist großartig. Das ist menschlich im besten Sinne.
Die Kinder sind nicht das Problem.
Wir sind das Problem.
Wir, die Erwachsenen, die ihnen eine Welt gebaut haben, in der ein Tierhilfswerk selbstverständlich fünfzig Kilometer fährt – während in derselben Stadt Menschen auf der Straße erfrieren, weil das Geld für den Kältebus fehlt. Wir, die wir Spendenaufrufe für Katzenbabys teilen und an der Obdachlosenzeitung vorbeigehen. Wir, die wir uns über Tierquälerei empören und gleichzeitig wegschauen, wenn ein Mensch vor unserer Haustür zugrunde geht.
Eine letzte Frage
Klaus, die Taube, wird vermutlich durchkommen. Die Wunden werden verheilen. Die Kinder werden jubeln, wenn Klaus wieder auf dem Pausenhof auftaucht. Es wird vielleicht sogar einen kleinen Artikel in der Lokalzeitung geben: „Schulkinder retten Pausenhof-Taube vor Falkenangriff." Alle werden lächeln. Alle werden sich gut fühlen.
Und irgendwo in derselben Stadt, vielleicht nur ein paar Straßen weiter, wird ein Mensch auf einer Parkbank liegen. Bei minus fünf Grad. Ohne Namen. Ohne Karton. Ohne jemanden, der fünfzig Kilometer fährt.
Und niemand – niemand – wird einen Artikel darüber schreiben.Bei aller Tierliebe – und ich meine das aufrichtig, bei aller Tierliebe: Wir müssen uns fragen, was mit einer Gesellschaft passiert ist, die ihre Empathie nach Fell und Federn sortiert statt nach Bedürftigkeit. Die für Tauben Rettungswagen schickt und für Menschen die Achseln zuckt.
Denn wenn wir das nicht mehr fragen, dann haben wir aufgehört, eine menschliche Gesellschaft zu sein.
Dann sind wir nur noch eine, die gut darin ist, sich gut zu fühlen.
Marigny de Grilleau
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