Eine Analyse anlässlich der MANNdat-Dokumentation „Geschichte des Wehrpflichtsexismus in Deutschland"
Die Webseite MANNdat hat in einem aufschlussreichen Zweiteiler die „Geschichte des Wehrpflichtsexismus in Deutschland" dokumentiert – gestützt auf das Buch »Besonders Frauen«: Schwarzbuch Feminismus 1968–2019 von Gunnar Kunz. Die Chronologie legt offen, wie über sechs Jahrzehnte hinweg Gleichberechtigung als Einbahnstraße praktiziert wurde: gleiche Rechte für Frauen, aber keine gleichen Pflichten. Die Wehrpflicht blieb ausschließlich Männersache – verteidigt von einer breiten Koalition aus Feministinnen, Politikerinnen aller Parteien und Frauenorganisationen, mit wechselnden Begründungen, aber stets demselben Ergebnis.
Wer diese Chronik liest, dem fällt ein Muster auf, das über die Geschlechterfrage hinausweist. Denn die eigentliche Frage lautet nicht: Warum wurden Männer anders behandelt als Frauen? Die eigentliche Frage lautet: Wem nützt diese Asymmetrie?
Der Mann als disponible Masse
Aus der Perspektive ökonomischer Macht – nicht des kleinen Bürgers, sondern der systemischen Kapitalverwertungslogik – besitzt der einzelne Mann einen bestimmten funktionalen Status: Er ist austauschbar. Biologisch kann ein Mann theoretisch hunderte Nachkommen zeugen. Für die Reproduktion der Arbeitskraft, und das ist der entscheidende Punkt, ist er numerisch verzichtbar. Daraus ergibt sich die historische Bereitschaft, Männer in Kriegen zu verheizen, in Zwangsdienste zu pressen, sie als opferbare Masse zu behandeln – ohne dass dies je als strukturelle Diskriminierung zur Kenntnis genommen wurde.
Die MANNdat-Dokumentation belegt dies eindrücklich: Von der Einführung der Wehrpflicht 1955 über die gescheiterte Klage von Alexander Dory 2003 bis zur Aussetzung 2011 – und den sofortigen Bestrebungen, neue Zwangsdienste ausschließlich für Männer einzuführen. Der Mann ist das austauschbare Produktionsmittel und der austauschbare Soldat.
Die Frau als geschützte Reproduktionsinfrastruktur – aber nur biologisch
Der vermeintliche „Schutz" der Frauen vor der Wehrpflicht, der sich durch die gesamte Chronik zieht, hat in dieser Lesart wenig mit Humanität oder Wertschätzung zu tun. Er hat alles mit der Sicherung der biologischen Reproduktion zu tun – der nächsten Generation von Arbeitern und Soldaten. Wenn Elisabeth Schwarzhaupt 1955 erklärt, die „Natur und Bestimmung der Frau" verbiete den Dienst an der Waffe, wenn Liselotte Funcke 1978 formuliert, Frauen, die „bestimmt sind, Leben zu geben", dürften nicht zum Töten gezwungen werden, oder wenn DDR-Frauen 1982 protestieren, Armeedienst widerspreche ihrem „Frau-Sein" – dann klingt das nach Wertschätzung. Funktional betrachtet ist es Bestandsschutz für eine Produktionsressource.
Die „Gebärmaschine" – so zynisch das klingt – durfte nicht gefährdet werden. Nicht aus Respekt vor der Frau, sondern aus Verwertungsinteresse.
Die Probe aufs Exempel: Warum schont man eine Reservearmee?
Es gibt einen einfachen logischen Test, an dem die gesamte Schutzkonstruktion scheitert. Die Frage lautet: Wenn eine Nation tatsächlich in ihrer Existenz bedroht wäre – wenn es wirklich ums nackte Überleben ginge – warum sollte man dann die Hälfte der Bevölkerung von der Verteidigung ausnehmen?
Frauen können an der Front bestehen. Das ist keine Spekulation, das ist historisch belegt: von den sowjetischen Scharfschützinnen und Pilotinnen im Zweiten Weltkrieg über die kurdischen Kämpferinnen bis zu den israelischen Streitkräften. Wenn es wirklich brennt, zählt jeder Körper. Dann wirft man alles in die Waagschale – Männer, Frauen, jeden.
Dass man das nicht tut – dass man selbst angesichts behaupteter existenzieller Bedrohungen eine gigantische Reservearmee schont – lässt logisch nur zwei Schlüsse zu:
Entweder die Bedrohung ist nie so existenziell, wie sie der Bevölkerung dargestellt wird. Der Krieg ist kein Überlebenskampf des Volkes, sondern ein kalkuliertes Unternehmen, bei dem man es sich leisten kann, die Reproduktionsreserve zu schonen, weil man sie nach dem Krieg für den Wiederaufbau der Arbeitskraftbasis braucht.
Oder die ökonomische Machtelite plant bereits über den Krieg hinaus – was bedeutet, dass der Krieg selbst nur eine Phase im Verwertungszyklus ist. Man braucht die Frauen nicht als Soldatinnen im Krieg, man braucht sie danach: um die nächste Generation zu produzieren, die wieder arbeiten und wieder kämpfen wird.
In beiden Fällen entpuppt sich der „Schutz der Frau" nicht als Humanismus, sondern als Investitionsschutz. Man schützt nicht die Frau als Menschen – man schützt die Produktionskapazität für zukünftige Arbeitskraft. Und der Krieg selbst ist Realität für den kleinen Mann, der stirbt – aber ein Geschäftsvorgang im Kosten-Nutzen-Kalkül derjenigen, die ihn niemals selbst führen.
Dass ökonomische Macht längst supranational und transnational operiert, während die kleinen Männer gegeneinander kämpfen, vollendet das Bild: Sie sterben für Grenzen, die für das Kapital nicht mehr existieren.
Die doppelte Falle: Emanzipation als Arbeitskraftmobilisierung
Und hier beginnt die eigentliche Perfidie. Die Frauenbewegung hat – in ihrer politisch durchgesetzten Mainstream-Variante – etwas erreicht, das dem Kapital einen enormen Dienst erwiesen hat: die Integration der Frauen in den Arbeitsmarkt. Das Arbeitskräfteangebot wurde verdoppelt. Strukturell wirkt das lohndrückend. Wo früher ein Einkommen eine Familie ernähren konnte, braucht es heute zwei Einkommen für denselben Lebensstandard.
Gleichzeitig wurde die Reproduktionsarbeit – Schwangerschaft, Geburt, Kinderbetreuung – zu keinem Zeitpunkt als ökonomische Leistung anerkannt und entsprechend entlohnt. Das Ergebnis: Das Kapital bekommt beides – die Arbeitskraft der Frau am Markt und die unbezahlte Reproduktion der nächsten Generation.
Die Frauenbewegung hatte ihre Monopolstellung bei der Reproduktion nie als Verhandlungsmasse genutzt, um deren Bezahlung durchzusetzen. Sie hätte sagen können: Ohne uns keine nächste Generation, also bezahlt uns dafür. Stattdessen wurde die Reproduktion entwertet und die Erwerbsarbeit zum einzigen Maßstab gesellschaftlicher Teilhabe erhoben – ganz im Sinne der Verwertungslogik.
Wo ist die Selbstbestimmung geblieben?
Hier schließt sich der Kreis. Das erklärte Ziel der frühen Frauenbewegung war Selbstbestimmung: die Wahlfreiheit zwischen Erwerbsarbeit und Familienarbeit. Was ist daraus geworden?
Mit der Agenda 2010 und den Hartz-Reformen wurde ein Regime errichtet, das Frauen – besonders im Leistungsbezug – unter Androhung existenzbedrohender Sanktionen in den Arbeitsmarkt presst. Fremdbetreuung ist keine Option, sondern Pflicht. Die jüngsten Vorstöße verschärfen dies weiter: Spätestens ein Jahr nach der Geburt hat eine Mutter sich dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stellen. Wer das nicht tut, wird sanktioniert.
Das ist bemerkenswert: Vor der „Emanzipation" hatte eine Frau – wenn auch im Rahmen patriarchaler Strukturen – die faktische Möglichkeit, bei ihren Kindern zu bleiben. Das war gesellschaftlich akzeptiert, teilweise sogar erwartet. Heute, nach Jahrzehnten feministischer Errungenschaften, ist diese Wahlfreiheit geringer als zuvor. Die Frau muss erwerbstätig sein. Die Selbstbestimmung wurde durch einen neuen Zwang ersetzt – nur dass dieser Zwang jetzt als „Gleichstellung" und „Teilhabe" verkauft wird.
Die Frauenbewegung als Steigbügelhalter
Die unbequeme Wahrheit: Die politisch wirksame Frauenbewegung hat in ihrer Mainstream-Ausprägung nie das System der Kapitalverwertung angegriffen. Sie hat die Verteilung innerhalb des Systems verändert – Zugang zum Arbeitsmarkt, zu Karrieren, zu militärischen Laufbahnen – aber stets nur als Wahlmöglichkeit, nie als Pflicht. Und sie hat dabei dem Kapital in mehrfacher Hinsicht gedient:
Sie hat das Arbeitskräftereservoir verdoppelt und damit strukturellen Lohndruck erzeugt. Sie hat die Reproduktionsarbeit unbezahlt gelassen, obwohl gerade hier ihre Verhandlungsmacht lag. Sie hat Männer als Feindbild inszeniert, statt die ökonomische Machtstruktur anzugreifen. Und sie hat die Wehrpflicht-Asymmetrie verteidigt, die dem System die disponible Soldatenmasse sicherte.
Das Ergebnis ist eine Situation, in der beide Geschlechter stärker ausgebeutet werden als zuvor – aber die Konfrontationslinie zwischen Mann und Frau verläuft, statt zwischen Arbeit und Kapital. Der Geschlechterkampf als Ablenkungsmanöver vom Klassenkampf. Die Identitätspolitik als Systemstabilisierung.
Die Synthese
Die MANNdat-Dokumentation zeigt die eine Seite: wie Männer systematisch als Pflichtträger und Verfügungsmasse behandelt wurden und werden, während Gleichberechtigung selektiv nur dort gilt, wo sie Vorteile bringt. Das ist skandalös genug.
Aber die Analyse greift tiefer, wenn man die Frage nach dem cui bono stellt. Dann zeigt sich: Die Geschlechterasymmetrie ist kein Fehler im System – sie ist das System. Männer als disponible Arbeitskraft und Kanonenfutter, Frauen als biologische Reproduktionsressource und seit der „Emanzipation" zusätzlich als billige Arbeitskraft, der man die Bezahlung ihrer Monopolleistung – der Reproduktion – verweigert. Und ein Geschlechterkampf, der beide Seiten davon abhält, die eigentliche Machtfrage zu stellen.
Das nannte man früher divide et impera. Heute nennt man es Gleichstellungspolitik.
Im zweiten Teil dieser Analyse ziehen wir die Fäden weiter: Warum produziert Krieg über Generationen hinweg eine gefügigere Bevölkerung? Warum gleicht die Logik hinter dem „Schutz der Frau" einer Zuchtbuchkalkulation? Was geschieht mit den Männern, die überleben – und warum investiert niemand in ihre Reparatur? Warum kämpfen die Söhne der Mächtigen nie? Welche Rolle spielt die systematische Bildungsbenachteiligung von Jungen bei der Produktion disponibler Masse? Und warum folgt die aktuelle Wehrpflichtdebatte exakt demselben Muster, während dieselben Politiker „Gleichstellung" predigen?
Teil 2: Die Zahnräder hinter der Fassade – demnächst auf diesem Blog.
Quellen und weiterführende Lektüre:
- Geschichte des Wehrpflichtsexismus in Deutschland – Teil 1
- Geschichte des Wehrpflichtsexismus in Deutschland – Teil 2
- Gunnar Kunz: »Besonders Frauen«: Schwarzbuch Feminismus 1968–2019
- Rezension bei MANNdat
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