Joana Cotar, geboren 1973 im rumänischen Pitești, floh als Kind mit ihrer Familie vor dem Ceaușescu-Regime nach Deutschland. Studium der Politikwissenschaft und Germanistik in Mannheim. Dann: Finanzbranche. IT-Projektmanagement bei der Deutschen Börse Group. Man merke sich das – Deutsche Börse Group, nicht irgendein Mittelständler aus Hessen.
2013 tritt sie der AfD bei, 2017 zieht sie in den Bundestag ein, wird digitalpolitische Sprecherin und Obfrau im Digitalausschuss. Nach innerparteilichen Konflikten verlässt sie 2022 die Fraktion, sitzt bis 2025 als fraktionslose Abgeordnete im Parlament. Soweit die offizielle Biografie.
Was man sich aber auf der Zunge zergehen lassen muss: Diese Frau gründete „Bitcoin im Bundestag", engagiert sich heute für das Milei-Institut und die Partei Team Freiheit. Finanzbranche, Deutsche Börse, Bitcoin, Milei – erkennt jemand das Muster? Nein? Keine Sorge, kommt noch.
Jetzt hat sie ein Buch geschrieben. „Inside Bundestag." Acht Jahre Insiderwissen, jetzt packt sie aus. Die alternativen Medien überschlagen sich. Jasmin Kosubek lädt sie ein und stellt – das muss man ihr zugutehalten – am Ende auch die richtigen Fragen. Endlich sagt's mal eine! Die Parteien haben sich den Staat zur Beute gemacht! Egal wen man wählt, das System ändert sich nicht!
Ja. Und? Das steht seit den 70er Jahren in Büchern. Das weiß jeder, der mal fünf Minuten nachgedacht hat. Aber gut, jetzt hat es eine Ex-Abgeordnete aufgeschrieben, die aus der Finanzbranche kommt, deren Bruder Milliarden bewegt und die ein Institut für Deregulierung nach Milei-Vorbild mitträgt – also klatschen alle brav.
Schauen wir uns mal an, was diese mutige Systemkritik so hergibt.
Die große Enthüllung: Politiker geben Geld aus
Ein Abgeordneter kostet eine halbe Million im Jahr. Skandal. Die fliegen Business Class. Skandal. Die kaufen sich iPhones von der Büropauschale. Skandal. Eine CDU-Kollegin hat eine E-Mail rumgeschickt, dass man Ende des Jahres noch schnell die Pauschale verbraten soll. Riesenskandal.
Jemand hat mal 956 Auslandsdienstreisen gezählt in zwei Jahren. Kosten: knapp 7 Millionen Euro. Da muss man jetzt erstmal tief durchatmen, sagt Frau Cotar. Der Interviewer empfiehlt Baldrian-Tee.
Leute. Sieben Millionen Euro. Bei einem Bundeshaushalt von über 400 Milliarden. Das ist, als würde jemand mit einer Lupe den Krümel auf dem Küchentisch untersuchen, während das Haus abbrennt.
Aber es geht noch weiter. Parteistiftungen kriegen 697 Millionen im Jahr. Irre! Fraktionen kriegen 140 Millionen. Wahnsinn! Sponsoring! Mandatsträgerabgaben! Ein raffiniertes System!
Ja. Und? Die Dame rechnet zusammen und kommt auf irgendwas über eine Milliarde. Dann sagt sie: Der Bundestag kostet 1,4 Milliarden im Jahr. Und dann – Achtung, jetzt kommt die ganz tiefe Analyse – sagt sie, ihr würden diese Zahlen gar nichts mehr sagen, weil sie so groß seien.
Willkommen im Club, Frau Cotar. Die Zahlen sagen Ihnen nichts, weil Sie nicht bis zu den Zahlen vorgedrungen sind, die tatsächlich etwas sagen.
Aber die Sozialhilfeempfänger, die sind das Problem
Während sich die Herrschaften eine halbe Million pro Nase gönnen, Business Class fliegen, Fahrdienste um 2 Uhr morgens rufen und ihre Büropauschale im Dezember noch schnell in den Elektronikmarkt tragen – während dieser ganze selbstbedienungsladen auf Hochtouren läuft – wissen dieselben Leute ganz genau, wo das eigentliche Problem liegt: Bei der alleinerziehenden Mutter, die Bürgergeld bezieht.
Die ist nämlich schuld. An allem. Am Staatshaushalt, an der Wirtschaftskrise, am Untergang des Abendlandes.
Schmarotzer. Parasiten. Bildungsferne Unterschicht. Sozialhilfemütter, die – Originalton eines Politikers, kein Witz – „die nächste Hartz-IV-Erhöhung lieber in den Schnapsladen tragen, als selbstbestimmte Verhütung zu betreiben." Das hat jemand gesagt, der vermutlich seine Flugreise nach Abu Dhabi als Dienstreise abgerechnet hat.
Und genau da schließt sich der Kreis zur libertären Agenda. Erst tretet ihr nach unten. Jahrzehntelang. Ihr redet den Leuten ein, dass die paar hundert Euro Sozialhilfe das Land ruinieren. Dass der Sozialstaat ein Fass ohne Boden ist. Dass die Faulen den Fleißigen auf der Tasche liegen. Ihr rechnet vor, was ein Bürgergeldempfänger kostet – bis auf den letzten Cent. Während oben drüber Hunderte Milliarden an Zinsen durch die Produktionskette fließen, ohne dass jemand auch nur hinschaut.
Und wenn die Stimmung dann reif ist, wenn alle glauben, dass der Sozialstaat das Problem ist – dann kommt die Lösung: Abschaffen. Deregulieren. Milei-Style. Der Markt regelt das. Und die Leute, die seit Jahren als Schmarotzer beschimpft werden, stehen dann ohne alles da. Kein Netz, kein Boden, nichts. Aber Elon Musk darf seine Satelliten ohne Genehmigungsverfahren ins All schießen. Freiheit halt.
Die Büropauschale von zwölftausend Euro empört Frau Cotar. Aber das Existenzminimum eines Sozialhilfeempfängers, das seit Jahrzehnten systematisch kleingerechnet wird? Darüber könnte man auch mal ein Buch schreiben. Macht nur keiner im libertären Milieu, weil die Armen keine Lobby haben – und schon gar keine Brüder, die 15 Milliarden verwalten.
Was Frau Cotar verschweigt – oder nicht weiß, oder nicht wissen will
Wir Bürger zahlen jedes Jahr – jedes einzelne Jahr – geschätzt 600 bis 700 Milliarden Euro an Zinskosten, die in sämtlichen Produkten und Dienstleistungen versteckt sind. Jeder Bauer zahlt Zinsen auf seinen Kredit, jeder Verarbeiter, jeder Spediteur, jeder Händler. Die Zinskosten kumulieren sich durch die gesamte Produktionskette und landen am Ende im Preis. Wenn Sie an der Kasse Ihren Einkauf über den Scanner ziehen, zahlen Sie im Schnitt 30 bis 35 Prozent an kumulierten Kapitalkosten mit. Ohne dass es irgendwo steht. Ohne dass es jemand ausweist. Ohne dass eine einzige Systemkritikerin auch nur ein Wort darüber verliert.
600 bis 700 Milliarden. Jedes Jahr. Allein in Deutschland.
Dagegen ist der gesamte Bundestag mit allem Drum und Dran ein Witz. Ein Rundungsfehler. Ein Furz im Sturm.
Aber Frau Cotar regt sich über iPhones und Business-Class-Flüge auf. Und die alternative Szene so: Ja! Genau! Endlich sagt's mal eine!
Geld entsteht in diesem System als Kredit. Geschäftsbanken schöpfen es aus dem Nichts – steht bei der Bundesbank, steht bei der Bank of England, ist kein Geheimnis. Es wird gegen Zins in die Wirtschaft gepumpt. Und da Geld nur über Schulden entsteht, muss das System permanent wachsen, damit die Zinsen bedient werden können. Die Geldproduzenten bestimmen, wer Kredit bekommt und wer nicht, wer wachsen darf und wer stirbt. IWF und Weltbank sagen Griechenland: Entweder ihr strukturiert um, oder wir drehen den Hahn zu. Und Griechenland strukturiert um. Jedes Land strukturiert um, wenn die Herren des Geldes es verlangen.
DAS ist Macht. Nicht die Büropauschale von zwölftausend Euro.
Aber darüber steht kein Wort in Cotars Buch. Kein. Einziges. Wort.
Der Bruder im Maschinenraum
Jetzt wird es richtig interessant. Und man muss dem Interviewer zugutehalten, dass er das tatsächlich angesprochen hat.
Joana Cotars Bruder heißt Alexander Tammers. Der Mann verwaltet rund 15 Milliarden Euro. Er war drittgrößter Investor bei der Twitter-Übernahme durch Elon Musk. Investiert in SpaceX, Neuralink, Telegram. Und seine Schwester saß als digitalpolitische Sprecherin im Bundestag.
Lesen Sie das noch mal. Langsam.
Ein Milliarden-Investor aus dem direkten Musk-Umfeld hat eine Schwester, die als digitalpolitische Sprecherin im Bundestag sitzt. Und diese Schwester schreibt jetzt ein Buch darüber, dass der Staat zu groß ist, dass dereguliert werden muss, dass Milei ein Vorbild ist, und gründet nebenbei „Free Speech Aid" – also ein Gegenstück zu „Hate Aid" –, weil wir ja alle so bedroht sind in unserer Meinungsfreiheit.
Free Speech als Flagge. Darunter: Deregulierung für Milliardäre.
Cotar sagt, als Oppositionspolitikerin hätte sie keinen Einfluss gehabt. Mag sein. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass sie jetzt – mit Buch, mit Vorträgen, mit Medienpräsenz – genau die Narrative in die alternative Szene trägt, die dem Milliardärs-Milieu nützen. Weniger Staat, weniger Regulierung, der Markt regelt das. Milei als Held. Musk als Freiheitskämpfer.
Und alle klatschen.
Das trojanische Pferd heißt Libertarismus
Hier muss man das ganz langsam buchstabieren, weil es offenbar noch nicht bei allen angekommen ist.
Phase eins: Das Großkapital kapert den Staat. Lobbyismus, Drehtüreffekte, gekaufte Politik, Bankenrettungen, Schuldensozialisierung. Der Staat wird zum Instrument der ökonomischen Macht. Soweit bekannt. Soweit richtig.
Phase zwei: Der Staat ist so gründlich diskreditiert, dass die Bevölkerung selbst seine Abschaffung fordert. Und genau in diesem Moment tauchen Leute auf – finanziert, vernetzt, mit Zugang zu den größten Medienmultiplikatoren der Welt – und sagen: Ja, genau, der Staat muss weg! Weniger Regulierung! Weniger Bürokratie! Freiheit!
Phase drei: Der Staat wird tatsächlich zurückgebaut. Die Regulierung, die auch das Kapital noch gebremst hat – so zahnlos sie war – fällt weg. Und was bleibt? Die nackte ökonomische Macht ohne jedes Gegengewicht. Keine Kartellaufsicht, kein Arbeitsschutz, keine demokratische Kontrolle über gar nichts. Aber hey – Freiheit!
DAS ist der libertäre Betrug. Man nimmt die berechtigte Wut der Leute über einen korrupten Staat und lenkt sie in eine Richtung, die genau jenen nützt, die diesen Staat korrumpiert haben. Der Staat war nie das Problem. Das Problem war immer, wer den Staat kontrolliert.
Und Milei? Das große Vorbild? Der Mann wollte Argentinien dollarisieren. Das heißt: die gesamte monetäre Souveränität an die Federal Reserve abgeben. Also an genau jenes private Zentralbanksystem, das den globalen Geldfluss kontrolliert. Das ist keine Befreiung. Das ist Kapitulation. Aber Frau Cotar findet das toll, und Herr Bagus schreibt Bücher darüber, wie wunderbar das alles ist.
Warum die alternative Szene darauf reinfällt
Weil die Wut echt ist. Die Leute haben Recht, wenn sie sagen: Die Politik vertritt uns nicht. Der Staat arbeitet nicht für uns. Die Parteien sind korrupt. Das stimmt alles.
Und dann kommt jemand, der genau das ausspricht, der Namen nennt, Zahlen liefert, der von innen berichtet – und die Leute denken: Endlich. Endlich einer von uns.
Nur ist Cotar nicht „eine von uns". Sie kommt aus einem Umfeld, das Milliarden bewegt. Ihr Bruder spielt in der obersten Liga des globalen Finanzkapitals. Sie bewegt sich im Orbit von Leuten, deren Geschäftsmodell davon abhängt, dass der Staat sie in Ruhe lässt. Und sie liefert genau die Narrative, die dieses Geschäftsmodell braucht.
Das ist keine Systemkritik. Das ist Marketing.
Die echte Systemkritik fängt da an, wo Cotar aufhört – nämlich bei der Frage: Wer kontrolliert die Geldschöpfung? Wer bestimmt, wie viel Geld in Umlauf kommt, wer es bekommt und zu welchen Bedingungen? Solange diese Frage nicht auf dem Tisch liegt, ist alles andere Kulisse. Jede Empörung über Diäten und Dienstreisen, jeder Ruf nach Deregulierung, jedes Milei-Poster an der Wand – nichts als Ablenkung vom eigentlichen Spiel.
Aber davon steht nichts in dem Buch. Und auf den alternativen Kanälen klatschen sie trotzdem.
Man wüsste ja gern, ob das Naivität ist – oder Kalkül.
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