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Sonntag, 29. März 2026

Gammelfleisch auf Abstellgleis — Wie die Sprache die Generationen zerreißt

Was du wissen musst – in 30 Sekunden:

Der sprachliche Zerfall des Deutschen ist nicht nur ein kulturästhetisches Problem. Er ist ein Trennmittel zwischen den Generationen — und damit zwischen einer Gesellschaft und ihrem Gedächtnis. Wer die Alten sprachlich abhängt, schneidet sie ab: vom Gespräch, von der Teilhabe, vom Gehörtwerden. Der alte weise Mensch, der in jeder funktionierenden Kultur als Korrektiv diente — als lebendige Mahnung zur Besinnung —, wird zum sprachlichen Analphabeten im eigenen Land erklärt und auf den Entsorgungshof der Geschichte geschoben. Das ist kein Kollateralschaden. Das ist die Hauptwirkung.

Nachtrag zum Sprachzerfall

Im letzten Beitrag habe ich über einen jungen deutschen Software-Entwickler geschrieben, der in einem YouTube-Video seine eigene Muttersprache nicht mehr sprechen kann. Der Deutsch als grammatisches Skelett benutzt, über das er englische Wörter hängt. Der an einer Stelle wörtlich fragt: „Wie heißt das auf Deutsch?" — und die Antwort nicht findet.

Der Befund war eindeutig: Hier wird eine Generation sprachlich enteignet. Was ich noch nicht ausgesprochen habe, ist die eigentliche Tragweite. Denn diese sprachliche Unterwerfung hat eine Wirkung, die vielleicht gar keine Nebenwirkung ist, sondern das Kerngeschäft: Sie zerreißt die Generationen. Endgültig. Unwiderruflich.

Die Großmutter, die nicht mehr versteht

Stellen Sie sich eine Großmutter vor, die ihrem Enkel zuhört. Der Enkel erzählt von seiner Arbeit. Er sagt: „Ich habe heute den Workflow refactored, dann ein paar Smoke Tests gefahren, die Usage Limits gecheckt und noch ein Live Audit gemacht."

Die Großmutter nickt. Sie hat kein einziges Inhaltswort verstanden. Nicht eines. Und das in ihrer eigenen Muttersprache. In dem Land, in dem sie geboren wurde, in dem sie Kinder großgezogen hat, in dem sie ein Leben lang gearbeitet hat. Sie sitzt in ihrem eigenen Wohnzimmer und ist eine Fremde geworden — nicht weil sie dement wäre, nicht weil sie dumm wäre, sondern weil ihr Enkel eine Sprache spricht, die kein Deutsch mehr ist.

Hätte er gesagt: „Ich habe heute den Arbeitsablauf überarbeitet, ein paar Grundtests durchgeführt, die Nutzungsgrenzen geprüft und eine Echtzeitüberprüfung gemacht" — sie hätte jedes Wort verstanden. Jedes einzelne. Und sie hätte vielleicht nachgefragt, mitgedacht, etwas beigesteuert. Aber so? So nickt sie nur und schweigt. Und der Enkel denkt sich: Oma versteht halt nichts mehr.

Und genau hier beginnt der eigentliche Schaden.

Der große Abstellprozess

Man muss diesen Sprachzerfall in eine größere Bewegung einordnen, um zu begreifen, was hier geschieht. Es ist nicht die erste Trennung. Es ist die letzte in einer langen Kette.

Einmal lebten die Menschen in Sippen. Drei, vier Generationen unter einem Dach oder zumindest in Rufweite. Der Großvater saß am Tisch und sprach, und man hörte zu — nicht aus Höflichkeit, sondern weil er etwas wusste, was kein Buch ersetzen konnte. Die Großmutter kannte die Kräuter und die Geschichten und die Namen der Toten. Das Wort der Alten hatte Gewicht. Es hatte Autorität — nicht kraft Amtes, sondern kraft Erfahrung.

Dann kam die Kleinfamilie. Vater, Mutter, zwei Kinder. Die Großeltern eine Autofahrt entfernt. Noch erreichbar, aber nicht mehr täglich. Nicht mehr am Tisch. Nicht mehr Teil des laufenden Gesprächs. Besuche an Weihnachten, Geburtstagen, Beerdigungen. Das Wort der Alten: noch gehört, aber schon leiser.

Dann der Singlehaushalt. Jeder für sich. Die Alten im Heim oder allein in der Wohnung. Der Besuch wird seltener. Das Telefonat kürzer. Keine Hand mehr, die hält. Kein Ohr mehr, das zuhört. Das Wort der Alten: verstummt.

Und jetzt — als wäre das alles nicht genug — die Sprachbarriere. Selbst wenn sie noch am Tisch sitzen, verstehen sie nicht mehr, was gesprochen wird. Nicht weil sie alt sind. Sondern weil die Jungen eine Sprache sprechen, die es vor zwanzig Jahren nicht gab. Eine Sprache, die kein Lexikon verzeichnet. Eine Sprache, die keiner Grammatik folgt, die man lernen könnte, weil sie sich im Monatsrhythmus ändert.

Von der Sippe zur Kleinfamilie. Von der Kleinfamilie zum Singlehaushalt. Vom Singlehaushalt zur sprachlichen Isolation. Das ist kein Zerfall — das ist ein Programm. Stufe für Stufe wird abgetrennt, was zusammengehört.

Das Wort, das nicht mehr gilt

Bei den Indianern war der Älteste derjenige, der sprach, wenn es um die großen Fragen ging. Nicht der Schnellste, nicht der Lauteste, nicht der Jüngste. Der Erfahrenste. Der, der die Winter gezählt hatte. Der die Fehler kannte, weil er sie selbst gemacht oder ihre Folgen überlebt hatte. Sein Wort war nicht unfehlbar — aber es war der Anker, der die Gemeinschaft davor bewahrte, jeden Fehler von Neuem zu machen.

Dieses Prinzip existierte in jeder funktionierenden Kultur der Menschheitsgeschichte. Der Ältestenrat. Der Dorfälteste. Der Großvater, der den Enkel auf die Knie nahm und sagte: Lass dir etwas erzählen. Es war kein Herrschaftsinstrument. Es war ein Überlebensmechanismus. Denn eine Gemeinschaft, die ihre Alten nicht mehr hört, hat kein Gedächtnis. Und eine Gemeinschaft ohne Gedächtnis ist blind. Sie stolpert in jede Grube, vor der die Alten sie hätten warnen können.

Was heute geschieht, ist die systematische Entwertung dieses Korrektivs. Der alte weiße Mann — den man so gerne zum Feindbild erklärt — war einmal einfach nur: der alte weise Mann. Der, der zur Besinnung rief, wenn der Übermut regierte. Der Gegenwind gab, wenn alle in dieselbe Richtung rannten. Der sagte: Halt. Denk nach. So einfach ist das nicht.

Und die alte weise Frau neben ihm, die das Gedächtnis der Familie war, die wusste, wer mit wem konnte und wer nicht, die die Fäden zusammenhielt, die keiner sah — auch sie wird abgestellt. Nicht entlassen. Abgestellt. Wie ein Möbelstück. Wie Gammelfleisch mit Verfallsdatum.

Ab ins Heim. Zum Windelwechsel. Fertig.

Die brandgefährliche Konsequenz

Und hier wird es brandgefährlich. Denn was passiert mit einer Gesellschaft, die ihre Alten nicht nur nicht mehr hört, sondern nicht mehr hören kann? Die sie nicht einmal mehr versteht, wenn sie noch sprechen?

Es passiert genau das, was wir gerade erleben: Eine Gesellschaft ohne Korrektiv. Eine Gesellschaft, die jede neue Sau durchs Dorf treibt, weil niemand mehr da ist, der sagt: Das hatten wir schon. Das ging schief. Und zwar so. Eine Gesellschaft, die sich für aufgeklärt hält, weil sie das Wissen der Welt auf dem Telefon hat — aber das Wissen der eigenen Großeltern nicht mehr abrufen kann, weil sie deren Sprache nicht spricht und deren Sprache nicht mehr gelten lässt.

Die Jungen halten die Alten für ahnungslos, weil sie nicht wissen, was ein „Smoke Test" ist. Die Alten verstummen, weil sie keine Sprache mehr haben, in der man ihnen zuhört. Und die Kluft wird mit jedem neuen englischen Modewort tiefer.

Das ist keine Sprachkritik mehr. Das ist eine Warnung.

Denn eine Gesellschaft, die den Weg von der Sippe zum Singlehaushalt gegangen ist, hat bereits viel verloren. Aber eine Gesellschaft, die auch noch die Sprache verliert — das letzte Band, das die Generationen verbinden könnte —, hat sich selbst abgeschafft. Nicht mit einem Knall. Nicht durch eine Revolution. Durch ein schleichendes Verstummen. Wort für Wort. Usage Limit für Usage Limit.

Bis niemand mehr da ist, der zur Besinnung ruft. Weil niemand mehr versteht, was Besinnung heißt.

— Marigny de Grilleau

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