Im Jahr 2010 sagte Barbara Lerner-Spectre, Gründerin des Paideia-Instituts in Stockholm, in einem Interview des schwedischen Fernsehens folgenden Satz:
„Europa wird nicht mehr aus monolithischen Gemeinschaften bestehen, wie es noch im vorigen Jahrhundert der Fall war. Wir Juden werden eine zentrale Rolle dabei spielen. Es ist eine riesige Umwandlung für Europa zu bewerkstelligen! Die Europäer gelangen jetzt in ein multikulturelles Stadium und uns Juden wird die dabei führende Rolle übel genommen. Aber ohne diese führende Rolle und ohne diese Umwandlung wird Europa nicht überleben.“
Diese Aussage wird seit Jahren kontrovers diskutiert. Kritiker sehen darin einen Beleg für eine doppelte Moral: Während in Europa Multikulturalismus und offene Grenzen als alternativlos gelten, hält Israel bewusst an seinem Charakter als jüdischer Nationalstaat fest.
Eine besonders provokante satirische Reaktion darauf ist das Video „AntiRacist Hitler – Divörsity is guut!“ (Version mit deutschen Untertiteln). Es setzt Hitler als „Anti-Rassismus-Aktivisten“ ein, der exakt dieselbe Rhetorik auf Israel anwendet, die Spectre auf Europa anwandte.
Weitere Aussagen aus Politik und Wissenschaft
Die Debatte um Multikulturalismus und die Transformation europäischer Gesellschaften beschränkt sich nicht auf Barbara Spectre. In den vergangenen Jahren haben mehrere prominente Stimmen ähnliche Positionen vertreten:
- Peter Sutherland, ehemaliger UN-Sonderbeauftragter für Migration und Goldman-Sachs-Aufsichtsrat, sagte 2012 vor dem britischen Oberhaus:
„Die Europäische Union sollte ihr Bestes tun, um die Homogenität ihrer Mitgliedstaaten zu untergraben.“ Er begründete dies damit, dass die Zukunft der EU-Staaten von mehr Multikulturalismus abhänge und dass ein Gefühl nationaler Homogenität nicht überleben könne.
- Yascha Mounk, jüdisch-amerikanischer Harvard-Professor und Autor, sprach 2015/2018 von einem „historisch einzigartigen Experiment“: Westeuropa versuche, Länder, die sich bisher als monoethnisch, monokulturell und monoreligiös verstanden haben, in multiethnische Gesellschaften umzuwandeln. Er betonte, dies sei ein Prozess, dessen Ausgang ungewiss sei, der aber stattfinden müsse.
- Nicolas Sarkozy, damaliger französischer Präsident, erklärte 2008 in einer Rede, dass die „Vermischung der Bevölkerungen“ (mélange des populations) eine Realität sei, die auch gegen den Willen von Teilen der Bevölkerung aktiv vorangetrieben werden müsse, um die Republik zu erneuern.
- Anetta Kahane (Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung) sagte 2016/2017 im Tagesspiegel im Kontext der Flüchtlingspolitik, es sei eine „Bankrotterklärung“ gewesen, dass ein Drittel des deutschen Staatsgebiets „weiß geblieben“ sei, und plädierte für einen „neuen Aufbau Ost“ auch in kultureller Hinsicht.
Frans Timmermans, damaliger Vizepräsident der EU-Kommission, erklärte 2015 auf dem EU Fundamental Rights Colloquium:
„Diversity is humanity’s destiny. Es wird keinen Ort mehr auf diesem Planeten geben – auch nicht die entlegensten – an dem eine Nation ohne Vielfalt in ihrer Zukunft existieren wird. Das ist die Richtung, in die die Menschheit geht.“
Er betonte zudem, dass Europa „divers sein wird, wie alle anderen Teile der Welt auch“ und dass Länder ohne Erfahrung mit Vielfalt sich daran gewöhnen müssten.
Jean-Claude Juncker, damaliger Präsident der EU-Kommission, sagte 2017 in einem DW-Interview:
„Ich glaube, wenn wir keine legalen Wege für Einwanderung nach Europa und innerhalb Europas schaffen, dann sind wir verloren.“
Er begründete dies damit, dass Europa in den kommenden Jahrzehnten „klar Einwanderung brauchen“ werde.
Antonio Guterres, UN-Generalsekretär (ehemals UNHCR-Chef), erklärte 2018:
„Migration ist ein Phänomen, das unvermeidlich ist. Migration ist keine Krise. Die Krise ist das Scheitern, sie gemeinsam zu managen. Sie ist unsere menschliche Realität – sie ist konstant, sie ist unvermeidlich.“
Diese Aussagen zeigen, dass die Idee einer bewussten Transformation europäischer Gesellschaften hin zu mehr Diversität nicht nur von einzelnen Aktivisten, sondern auch von hochrangigen Politikern und Intellektuellen vertreten wurde.
Israel im Kontrast
Während in Teilen Europas jede Betonung nationaler oder ethnischer Homogenität schnell als „rassistisch“ kritisiert wird, stärkt Israel seinen Charakter als jüdischer Nationalstaat durch Gesetze wie das Nation-State Law. Mischehen werden von vielen jüdischen Stimmen (auch historisch von Golda Meir) als existenzielle Gefahr für das jüdische Volk gesehen. Kritiker der europäischen Politik sehen hier eine klare doppelte Moral: Was für Israel als legitimer Selbstschutz gilt, wird für europäische Nationen als rückständig oder verboten dargestellt.
Die Satire „AntiRacist Hitler“ spitzt genau diesen Widerspruch zu, indem sie die Multikulturalismus-Rhetorik konsequent auf Israel anwendet – mit dem Ergebnis, dass am Ende nur noch ein einziger Jude übrig bleibt.
Ob man diese Parodie geschmackvoll oder geschmacklos findet, ist Geschmackssache. Sie wirft jedoch eine Frage auf, die viele Menschen beschäftigt: Warum gelten für Europa und Israel unterschiedliche Maßstäbe, wenn es um nationale Identität, Einwanderung und kulturelle Erhaltung geht?
Die Debatte darüber ist hoch emotional und wird weitergehen. Wichtig bleibt, zwischen legitimer Kritik an politischen Konzepten und pauschalen Schuldzuweisungen an ganze Gruppen zu unterscheiden.
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