Ein Handwerker mit katastrophalem Deutsch löste in zwei Stunden ein komplexes Küchenproblem, das Maßarbeit, Korpusumbau und zwei Geräteanschlüsse gleichzeitig erforderte. Kein Akademiker der Welt hätte das mit besserem Deutsch besser gelöst. Helmut Schelsky nannte die Kaste, die das nicht versteht, die „Priesterherrschaft der Sinnproduzenten" – und er hatte recht.
Die alte Siemens-Kochplatte, seit zwei Jahrzehnten treuer Dienst, hat den Geist aufgegeben. Günstige Induktionsplatte bei Kleinanzeigen ersteigert – Problem: sie ist länger als die alte. Der Backofen darunter funktioniert noch, nur die aufliegende Herdplatte war defekt. Also muss jemand den Ausschnitt in der Arbeitsplatte vergrößern. Klingt einfach. Ist es nicht.
Denn der Korpus darunter ist im Weg. Ausschnitt vergrößern bedeutet: Korpus ausschneiden, neu verankern, Platte einpassen, alten Backofen wieder anschließen, neue Induktionsplatte anschließen. Zwei bis drei Stunden Arbeit für jemanden, der weiß was er tut – ein Kleinstauftrag, der aber echte handwerkliche Kompetenz erfordert. Maßgenauigkeit. Vorausdenken. Raumgefühl.
Ich suche bei Kleinanzeigen. Ein Mann meldet sich. Die Nachricht ist ein orthografisches Desaster. Rechtschreibfehler, grammatikalische Holperstellen, das ganze Programm. Aber der Ton ist klar: Fixpreis, kommt morgen 16 Uhr, Sache wird erledigt.
Das ist eine Ansage, dachte ich mir. Und ließ ihn kommen.
Der Mann kam. Und man merkte sofort: ein Profi. Er hat die Situation in Sekunden erfasst, das Werkzeug geholt, den Korpus ausgeschnitten, neu verankert, den Ausschnitt präzise erweitert, die Induktionsplatte eingesetzt, den alten Backofen angeschlossen, die neue Platte angeschlossen. Keine zwei Stunden. Alles sitzt. Keine Nachfragen, kein Zögern, keine Überraschungen.
Ruckzuck.
Nun könnte man sagen: ein nettes Alltagserlebnis, weiter nichts. Aber es ist mehr als das. Es ist ein Lehrstück.
Helmut Schelsky hat in den 1970er Jahren beschrieben, was er die „Priesterherrschaft der Sinnproduzenten" nannte. Eine Kaste von Menschen, die Texte produziert, Bedeutungen verwaltet, Kompetenz definiert – und zwar nach den Kriterien ihrer eigenen Domäne. Wer sauber schreibt, gilt als klug. Wer argumentieren kann, gilt als kompetent. Wer die Codes der Bildungssprache beherrscht, gehört dazu.
Was dabei verloren geht: die Erkenntnis, dass Sprachbeherrschung und Sachkompetenz zwei vollständig verschiedene Dinge sind.
Der Mann von Kleinanzeigen beherrschte die Sprache der Sinnproduzenten nicht. Er hätte in keiner Bewerbung eine Runde überstanden, die auf Anschreiben und Grammatik filtert. Er wäre in keinem Seminar aufgefallen, kein Protokoll von ihm würde Eindruck machen. Kurz: die Institutionen, die Kompetenz messen und zertifizieren, hätten ihn unsichtbar gemacht.
Und doch weiß er Dinge, die kein Sinnproduzent weiß. Sein Wissen ist verkörpert – es sitzt in den Händen, im Blick, im räumlichen Urteilsvermögen. Er hat keine zweite Chance, wenn er einen Fehler macht: der Korpus ist ausgeschnitten, die Arbeitsplatte ist weg, der Backofen muss wieder laufen. Kein Disclaimer, kein Peer-Review, keine Revision. Das Ding funktioniert oder es funktioniert nicht.
Das ist eine Qualität des Wissens, die die Sinnproduzenten nicht kennen – und daher auch nicht schätzen.
Die Ironie ist strukturell. Die Kaste, die Kompetenz definiert, tut das über ihr eigenes Medium: Sprache. Wer schreibt wie sie, gilt als einer von ihnen. Wer nicht schreibt wie sie, gilt als weniger. Das ist keine neutrale Messung – das ist Selbstprivilegierung. Man setzt den eigenen Werkzeugkasten als universellen Maßstab.
Schelsky hat das gesehen. Die Priesterherrschaft der Sinnproduzenten funktioniert nicht durch Gewalt, sondern durch Deutungshoheit. Wer bestimmt, was Kompetenz ist? Wer bestimmt, was Bildung ist? Wer bestimmt, was eine valide Aussage ist? Dieselben Leute, die von diesen Definitionen profitieren.
Der Handwerker, der in zwei Stunden ein komplexes Raumgeometrieproblem löst, einen Korpus umbaut, zwei Geräte anschließt und dabei keinen einzigen Fehler macht – er kommt in dieser Hierarchie nicht vor. Er ist die unsichtbare Voraussetzung, auf der alles aufbaut, was die Sinnproduzenten über Wohnen, Küche, Lebensqualität und Infrastruktur schreiben.
Er kann den Sinnproduzenten orthografisch nicht das Wasser reichen.
Sie können ihm handwerklich nicht das Wasser reichen.
Nur einer von beiden weiß das.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen