1946 schrieb Julian Huxley – Eugeniker, erster UNESCO-Generaldirektor und Erfinder des Begriffs „Transhumanismus" – das Programm auf: Was jetzt undenkbar ist, muss Schritt für Schritt denkbar gemacht werden. Heute kann man beobachten, wie dieses Programm abgearbeitet wird. 2018 plädiert die spätere Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Alena Buyx, in einer Fachzeitschrift dafür, staatliche Eingriffe ins Gehirn von Straftätern „nicht auszuschließen". 2025 erscheint in der renommierten Zeitschrift Bioethics (Wiley-Verlag) ein Paper zweier US-Philosophen, das die absichtliche Verbreitung einer durch Zeckenbisse übertragbaren Fleischallergie als „moralisch geboten" bezeichnet. Das sind keine Randerscheinungen – das ist eine Linie. Wer sie nicht sieht, schaut nicht hin.
Es gibt einen Satz, den man nicht vergessen kann, wenn man ihn einmal gelesen hat. Julian Huxley – Biologe, Eugeniker, erster Generaldirektor der UNESCO und Bruder des „Brave New World"-Autors Aldous Huxley – schrieb ihn 1946 in das Gründungsdokument der UNESCO, das er selbst verfasste:
„Auch wenn es durchaus wahr ist, dass eine radikale eugenische Politik noch auf viele Jahre hinaus politisch und psychologisch unmöglich sein wird, wird es für die UNESCO wichtig sein, dafür zu sorgen, dass das eugenische Problem mit größter Sorgfalt untersucht wird und dass das öffentliche Bewusstsein über die anstehenden Fragen informiert wird, so dass vieles, was jetzt undenkbar ist, zumindest denkbar wird."
Man muss sich den Zeitpunkt vergegenwärtigen: 1946. Ein Jahr nach der Befreiung der Lager. Huxley wusste, dass das Wort „Eugenik" verbrannt war. Sein Programm war nicht, die Idee aufzugeben – sondern sie in neues Vokabular zu kleiden, über Institutionen und Fachpublikationen Schritt für Schritt wieder in den Bereich des Akzeptablen zu verschieben. Das Undenkbare denkbar machen. Geduldig. Methodisch. Institutionell.
Derselbe Huxley hat 1957 den Begriff „Transhumanismus" geprägt. Der Mann, der die Eugenik nach dem Zweiten Weltkrieg umtaufen wollte, hat auch gleich die nächste Verpackung geliefert. Die Genealogie ist direkt, sie geht auf eine einzige Person zurück – und sie reicht bis in die Gegenwart.
Drei Dokumente. Eine Linie.
Wer verstehen will, was heute in Fachzeitschriften steht, muss diese Linie kennen.
2018. In der Cambridge Quarterly of Healthcare Ethics erscheint ein Paper der Professorin Alena Buyx – finanziert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft – mit dem Titel „Neuroscience and Social Problems: The Case of Neuropunishment". Buyx, die von 2020 bis 2024 Vorsitzende des Deutschen Ethikrats war, diskutiert darin staatliche Eingriffe ins Gehirn von Straftätern: Medikamente zur Verhaltenssteuerung, direkte Hirnstimulation, Hirn-Computer-Schnittstellen. Das Fazit auf Seite 633, in der Übersetzung: „Diese Analyse hat gezeigt, dass es zwar einige offene Fragen und Bedenken bei Neuro-Bestrafungen gibt, die ernst genommen werden müssen, diese jedoch insgesamt nicht rechtfertigen, das Potenzial von Neuro-Interventionen als Alternative zur Inhaftierung in bestimmten Fällen und für bestimmte Gruppen von Straftätern auszuschließen."
Nicht fordern. Nur: nicht ausschließen. Die Tür offen halten. Huxley lässt grüßen.
2025. In der Fachzeitschrift Bioethics – erschienen im renommierten Wiley-Verlag – publizieren die Philosophen Parker Crutchfield und Blake Hereth ein Paper mit dem Titel „Beneficial Bloodsucking". Der Inhalt ist kein Gedankenexperiment mehr. Die Autoren argumentieren, dass der Biss des Lone-Star-Zecke das Alpha-Gal-Syndrom überträgt – eine schwere, aber nicht tödliche Allergie gegen rotes Fleisch. Da Fleischessen ihrer Ansicht nach moralisch unzulässig ist, seien Bemühungen, die Verbreitung dieser Zeckenerkrankung zu verhindern, ebenfalls moralisch unzulässig. Und weiter: Da es bereits technisch möglich sei, Zecken gentechnisch zu verändern, sei die gezielte Förderung der Verbreitung von tickborne AGS „strongly pro tanto obligatory" – moralisch zwingend geboten.
Nicht ausschließen. Nicht nur dulden. Sondern: aktiv vorantreiben.
Das ist die Huxley-Sequenz in Echtzeit: 1946 das Programm formuliert. 2018 die erste akademische Legitimation. 2025 der nächste Schritt: nicht mehr Frage, sondern Pflicht.
Das Argument, das keine Rechte verletzt
Man muss verstehen, wie das funktioniert. Crutchfield und Hereth behaupten, die Verbreitung von AGS verletze keine Rechte. Weil der Eingriff „nicht tödlich" sei. Weil er „nur" eine Allergie auslöse. Weil das Ergebnis – kein Fleischkonsum – moralisch wünschenswert sei.
Das ist eine philosophische Behauptung, die enorm viel trägt – und die einfach gesetzt wird, ohne sie zu begründen. Wer entscheidet, ob das Recht auf körperliche Unversehrtheit verletzt wird, wenn man gezielt mit einem Krankheitserreger konfrontiert wird, der das eigene Ernährungsverhalten dauerhaft verändert? Dass etwas „nicht tödlich" ist, schließt den Eingriff in Körper und Autonomie nicht aus.
Aber das ist der Kern der Methode: Man wählt immer die Gruppe, bei der der öffentliche Widerstand am geringsten ist. Fleischesser. Straftäter. Kinder mit ADHS. Man formuliert den Eingriff als Hilfe, als Rehabilitation, als Gemeinwohl. Und man stellt sicher, dass die Debatte auf Englisch stattfindet, hinter Bezahlschranken, in Zeitschriften die kein normaler Bürger liest.
Die Logik ist universalisierbar – und das ist das Problem
Mit demselben Argumentationsrahmen lässt sich jede paternalistische Körpermanipulation rechtfertigen, solange sie „nützlich" ist und „nicht tötet". Was heute bei Fleischessern als akademische Überlegung daherkommt, war gestern bei Sexualstraftätern Gerichtsurteil – und ist heute in mehreren US-Bundesstaaten Routinepraxis. Die chemische Kastration als Bedingung für Bewährung. Das ist eine legalisierte Neurointervention, auch wenn sie nicht so genannt wird.
Und Millionen von Kindern weltweit werden bereits täglich neurochemisch modifiziert, um sich gesellschaftlichen Verhaltensnormen anzupassen – per Ritalin und verwandten Substanzen. Das ist so normalisiert, dass niemand mehr ein Wort darüber verliert. Es hat die Tür geöffnet: Der staatlich tolerierte Eingriff ins Gehirn, um „unerwünschtes Verhalten" zu korrigieren, ist längst gesellschaftlich akzeptiert. Bei Kindern zuerst. Wie immer.
Man beginnt immer dort, wo der Widerstand am geringsten ist. Dann weitet man aus.
Der Staat hat im Gehirn seiner Bürger nichts zu suchen
Das ist keine verhandelbare Position. Das ist die Grenze, hinter der die Zivilisation endet.
Huxley hat 1946 das Programm formuliert: Das Undenkbare denkbar machen. Die Geschichte der Lobotomie zeigt, wohin es führt. Die Massendiagnose ADHS zeigt, wie man es normalisiert. Das Buyx-Paper zeigt, wie akademische Legitimation gebaut wird. Das Crutchfield/Hereth-Paper zeigt, was kommt, wenn die Legitimation steht: nicht mehr Frage, sondern Pflicht.
Wer das für übertrieben hält, möge die Dokumente lesen. Sie sind öffentlich. Sie sind peer-reviewed. Sie erscheinen in renommierten Verlagen. Und sie wurden – bis auf wenige Ausnahmen – ohne jeden öffentlichen Aufschrei publiziert.
Genau das ist der Plan.
Den Fall Alena Buyx – das Neuropunishment-Paper, die Lobotomie-Geschichte, die DARPA-Verbindung und die Oxford-Vorlesung über Gedankenlesen – habe ich an dieser Stelle ausführlich dokumentiert: Alena Buyx zu Neuro-Bestrafung: Wenn der Staat ins Gehirn greift – und warum wir das alles schon einmal hatten.
Quellen:
Huxley, J. (1946): UNESCO: Its Purpose and Its Philosophy. London.
Buyx, A. / Birks, D. (2018): Neuroscience and Social Problems: The Case of Neuropunishment. Cambridge Quarterly of Healthcare Ethics, Vol. 27, S. 628–634. DOI: 10.1017/S0963180118000269
Crutchfield, P. / Hereth, B. (2025): Beneficial Bloodsucking. Bioethics 39(8), S. 772–781. DOI: 10.1111/bioe.70015
Huxley, J. (1957): New Bottles for New Wine. London: Chatto & Windus. [Erstverwendung des Begriffs „Transhumanismus"]
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