Was auf Twitter als Pöbelei beginnt, kommt aus den Redaktionsstuben der Leitmedien und den Schreibtischen der Wirtschaftsforschungsinstitute. Der Boomer ist schuld an der Wohnungsnot, an der Rente, an den Staatsschulden. Für jeden Missstand gibt es dasselbe Gesicht. Das ist kein spontaner Volksunmut. Das ist ein konstruiertes Narrativ — von oben nach unten weitergereicht, bis der kleine Michel es für seine eigene Meinung hält.
In den ersten beiden Teilen dieser Serie wurde gezeigt, wie „Boomer" als Kampfbegriff funktioniert und wie er sich in sozialen Medien entfaltet — reflexhaft, aggressiv, ohne Argument. Was dabei noch fehlte, ist die Frage nach dem Ursprung. Kampfbegriffe entstehen nicht im Vakuum. Sie werden produziert, verbreitet und institutionell abgesichert. Wer schaut, woher das Narrativ kommt, findet keine aufgebrachten Jugendlichen — sondern Leitmedien, Wirtschaftsforschungsinstitute und politisch vernetzte Akademiker.
Fratzscher und das Pflichtjahr — Zwangsarbeit als Solidarität verkleidet
Marcel Fratzscher ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, DIW Berlin, und Kolumnist der ZEIT. Im August 2025 forderte er in eben jener Kolumne ein verpflichtendes soziales Jahr für Rentner — ausdrücklich für die Boomer-Generation. Er begründete dies damit, dass die Babyboomer ihren Kindern und Enkelkindern eine Welt hinterlassen, die in vielerlei Hinsicht schlechter dasteht als zuvor. Kollektivschuld einer ganzen Generation — formuliert vom Chef eines der einflussreichsten Wirtschaftsforschungsinstitute des Landes, gedruckt in der meistgelesenen deutschen Wochenzeitung.
Was Fratzscher vorschlägt, ist bei nüchterner Betrachtung Arbeitsdienst für eine Altersgruppe. Der Seniorenaufstand kommentierte treffend: „Und dann kommt der nächste durchgeknallte Professor auf die Medienbühne und fordert einen Arbeitsdienst für Alte. Rentner hätten schließlich so viel Gutes von der Gesellschaft erhalten, dass sie zum Dankesdienst verpflichtet werden müssten." Die Leitmedien nehmen solche Vorschläge nicht kritisch auf — sie verstärken sie.
Was dabei vollständig verschwindet: Die Frage, warum das Rentensystem unter Druck steht, wird nicht gestellt. Die reale Kaufkraft der Renten ist von 1990 bis 2023 um 12 Prozent gesunken — während das reale Bruttoinlandsprodukt im selben Zeitraum um 55 Prozent gestiegen ist. Der Reichtum wuchs. Die Renten sanken. Der Boomer ist schuld.
T-Online und das Kollektivurteil
Was Fratzscher akademisch verpackt, liefert der Mainstream-Journalismus volkstümlich nach. T-Online, Februar 2026, Rubrik „Tagesanbruch": „Die Mehrheit der rund zwölf Millionen Boomer hierzulande ist durchaus verwöhnt worden. Sie wuchsen auf im süßen Glauben, dass der Fortschritt nur eine Richtung kennt: nach oben." Zwölf Millionen Menschen, ein Urteil, kein Beleg. Weiter heißt es: „Das Klima — ein Problem für übermorgen. Mehr zahlen für Gesundheit, Verteidigung, Schulen und Forschung — nach mir die Sintflut." Das ist keine Analyse. Das ist Anklage.
Bemerkenswert ist, was in diesem Artikel nicht vorkommt: die Frage, wer die Klimapolitik der letzten dreißig Jahre tatsächlich gestaltet hat. Nicht der Rentner in Miltenberg. Nicht der Leiharbeiter in Bochum. Sondern Konzernlobbyisten, Parteifinanziers und Wirtschaftsforschungsinstitute — die jetzt dieselben Artikel schreiben, in denen der Boomer die Schuld trägt.
Die Wohnungsnot — und wer daran schuld ist
Business Insider, Tagesspiegel, überall dasselbe Muster: „Schuld sei vor allem die Generation der Babyboomer", weil ältere Menschen in zu großen Häusern wohnen, während ihre Kinder verzweifelt nach Immobilien suchen. Der Boomer sitzt im Einfamilienhaus und ist damit Täter.
Was dabei nicht erwähnt wird: Die Wohnungsnot ist das direkte Ergebnis der Zerstörung des gemeinnützigen Wohnungsbaus seit den neunziger Jahren. Seit 1990 wurden über vier Millionen Sozialwohnungen privatisiert oder aus der Bindung entlassen — durch politische Entscheidungen, die weder der Rentner in Unterfranken noch der Facharbeiter in Sachsen getroffen hat. Heute fehlen laut Sozialem Wohn-Monitor 2026 rund 1,4 Millionen Wohnungen — fast ausschließlich im bezahlbaren Segment. Das ist das Ergebnis von Deregulierung und Privatisierung — nicht von Menschen, die in ihren eigenen vier Wänden alt werden.
Die Staatsschulden — und der demografische Ablenkungsmanöver
„Die Boomer zocken den Rest ab" — so titelt ein Kompetenznetzwerk für Handel seinen Beitrag über Rentenformen und Staatsschulden. Das Argument: Die Boomer hätten zu wenig Kinder bekommen und damit den Generationenvertrag gebrochen. Deshalb seien die Jungen heute die Leidtragenden.
Das ist der demografische Ablenkungsmanöver in Reinform. Die Staatsschulden sind kein Ergebnis von Geburtenraten — sie sind das Ergebnis von Steuerpolitik, die seit dreißig Jahren Kapital entlastet und Arbeit belastet, von Bankenrettungen, Rüstungssondervermögen und strukturellen Transfers nach oben. Wer Staatsschulden mit Demografie erklärt, erklärt sie falsch — und lenkt damit von den tatsächlichen Profiteuren ab.
Das Muster: Von oben nach unten
Die Struktur ist in allen drei Feldern identisch. Ein reales Problem — Wohnungsnot, Rentendruck, Staatsverschuldung — wird nicht auf seine strukturellen Ursachen zurückgeführt, sondern auf eine Altersgruppe projiziert. Die Projektion kommt nicht von unten — sie kommt von Fratzscher in der ZEIT, von T-Online-Leitartikeln, von Wirtschaftsverbänden und Forschungsinstituten. Von dort wandert sie in die sozialen Medien, wo sie der kleine Michel aufnimmt wie ein nasser Schwamm — und für seine eigene Erkenntnis hält.
„Hetze gegen Rentnerinnen und Rentner in Deutschland erreicht weitere Tiefpunkte", schrieb der Seniorenaufstand im Juli 2025 — und listete auf, was die Leitmedien in den Monaten zuvor alles begeistert aufgenommen hatten: Streichung der Mütterrente, Halbierung der Rentenansprüche, Reduzierung der Witwenrente, Boomer-Soli, Pflichtjahr. Jeder Vorschlag zur Opfergabe wird verstärkt. Kein einziger Vorschlag zur Frage, wer die Rente eigentlich ausgehöhlt hat, findet Platz.
Das ist kein Zufall. Das ist Funktion. Wer den Boomer zum Staatsfeind erklärt, muss den Kapitalstock nicht erklären. Wer die Generationen gegeneinander treibt, muss die Klassenstruktur nicht benennen. Und wer das Narrativ in Leitartikeln und Forschungsberichten institutionell absichert, sorgt dafür, dass es nicht als Kampfbegriff erkannt wird — sondern als gesichertes Wissen.
Der kleine Michel plappert nach. Er weiß nicht, wessen Text er spricht.
Dieser Beitrag ist Teil einer Serie. Teil 1: Der Boomer als Sündenbock – Wie ein Kampfbegriff die Klassenfrage tötet. Teil 2: Der Kampfbegriff in Aktion – Dokumentiert in Echtzeit.
Marigny de Grilleau schreibt seit zwanzig Jahren über Macht, Sprache und die Mechanismen, die beides verschleiern.
7 Kommentare:
Gut, daß in dieser Version keine Verweise mehr auf den kleinen Mann im Netz erfolgen ...
Zum Boomer ist eben ein weiterer erhellender Beitrag erschienen, man schaue auf sezession.de
Wenn "Boomer" Finanzmacht, Politiker, einen Teil der Beamten, Journalisten, Bildungsbürger -- die Sphären von Einfluß und Diskurs -- umfaßt, bleibt der Vorwurf weiterhin tauglich
Ihrer Ausdauer und Anregungen zur Orientierung, ihrem Wissen ... einen großen Dank!
Danke für den Hinweis auf sezession.de – ich habe mir den Text angesehen. Zu Ihrem Argument: Wenn Sie "Boomer" auf Finanzmacht, Politik, Amtsträger und Journalismus einengen wollen, dann benennen Sie das Kind beim Namen – Elite, Klasse, Machtsphäre. Solange Sie aber das Wort "Boomer" beibehalten, importieren Sie die demografische Konnotation zwangsläufig mit, und der Vorwurf trifft wieder die 900-Euro-Rentnerin statt die Vorstandsetage. Interessant übrigens: Sogar unter dem Sezession-Text selbst bringt es ein Kommentator (A. Kovacs) auf den Punkt – die Debatte sei "ein Nebenkriegsschauplatz, der von den wahren Problemen und den echten Gegnern ablenkt". Genau das ist die These dieser Serie. Nur eben konsequent zu Ende gedacht, statt an der Alterskohorte hängenzubleiben. P.S.: Wer der Machtfrage noch weiter nachgehen will – wer das Geld tatsächlich schafft und warum das keine Generationenfrage ist, habe ich in Teil 4 der Reihe aufgeschrieben.
Danke Ihnen – das freut mich sehr. Genau für solche Leser schreibe ich die Reihe: nicht um zu belehren, sondern um zum eigenen Nachdenken einzuladen. Schön, dass es ankommt.
"Boomer-Eliten" als Nachschärfung
Das ist eigentlich genau mein Punkt aus Teil 4 – nur mit umgekehrter Pointe. Dass ein System seit Jahrhunderten funktioniert, ist kein Grund, es nicht zu benennen, sondern der Grund, warum man aufhören sollte, Jahrgänge dafür verantwortlich zu machen. "Seit Jahrhunderten so" ist keine Entlastung der Institutionen – es ist die Beschreibung ihrer Kontinuität. Genau die Frage, wer diese Kontinuität heute trägt und von ihr profitiert, bleibt dabei unbeantwortet, wenn man sie mit einem Achselzucken abtut.
"Boomer-Eliten" evoziert zwei Begriffe
Es erreicht die Ideenwelt der jungen Menschen und weist auf dahinterliegende Phänomene hin
Offensichtlich und plausibel bleibt das Versagen der alten Generation, aber: das ist die Oberfläche
"Boomer" ist eine erste kritische Wahrnehmung, der Erweiterung folgen muß. Fruchtbar kann die nur sein, wenn sie an eine stabiles (hier auch nicht zu leugnendes) Mem anschließt, daher: "Boomer-Eliten" als wichtige Präzisierung und Brücke
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