Alice Weidel fordert die Wehrpflicht zur Landesverteidigung. Historisch und aktuell (Sowjetunion/WWII, Russland/Ukraine, aber auch Korea und Vietnam in den USA) zeigt sich ein wiederkehrendes Muster: Nicht die Berufsarmee steht an vorderster Front, sondern zuerst die Verpflichteten – und innerhalb dieser Gruppe zuerst jene ohne ökonomische Ausweichmöglichkeiten. In Vietnam sorgten Zurückstellungen für Studenten und Vermögende dafür, dass die „poverty draft" überproportional Arme und Schwarze traf. In den USA von heute, ganz ohne Wehrpflicht, übernimmt wirtschaftliche Perspektivlosigkeit dieselbe Funktion: Wo Jobs fehlen, wird die Armee zur einzigen Alternative. Hinzu kommt eine zweite Dimension: Die Tübinger Tosca-Studie zeigt, dass Wehrdienst die Charakterentwicklung junger Männer nachweislich in Richtung weniger Reflexion und mehr Konkurrenzdenken verschiebt – passend zu Höckes offen formulierter Vorstellung der Bundeswehr als „Schule der Nation". Wer Wehrpflicht fordert, sollte beide Dimensionen mitdenken – nicht nur die Zahl der Köpfe.
Alice Weidel posaunte es jüngst heraus: „Wenn Pistorius kämpfen will, soll er selbst gehen – und die ganze SPD-Jugend mitnehmen." Für sie steht die Wehrpflicht klar im Programm, zwecks Landesverteidigung, das sei wichtig. Ich widerspreche – nicht aus Pazifismus, sondern aus einer schlichten strukturellen Beobachtung: Die Wehrpflicht ist historisch selten das, was sie vorgibt zu sein.
Bemerkenswert ist die Kontinuität innerhalb der AfD selbst: Bereits im März 2025 hatte ich Björn Höckes Doppelstrategie zur Wehrpflicht analysiert – dort tauchte der Begriff „Kanonenfutter" bereits als rhetorisches Schutzschild auf, mit dem Höcke sich scheinbar kritisch positionierte, während er die Wehrpflicht „unter richtigen Bedingungen" grundsätzlich bejahte. Weidels Vorstoß fügt sich nahtlos in dieses Muster: Die AfD bringt die Wehrpflicht immer wieder ins Spiel, verpackt in wechselnder Rhetorik – mal als patriotische Fürsorge, mal als Retourkutsche gegen die „SPD-Jugend" –, ohne dass sich an der grundsätzlichen Zustimmung zum Zwangsdienst je etwas ändert. Was in beiden Fällen fehlt, ist die Auseinandersetzung mit der Frage, die dieser Beitrag hier vertieft: wer im Ernstfall tatsächlich zuerst geschickt wird.
Wer wirklich zuerst geht
Die gängige Vorstellung lautet: Im Ernstfall verteidigt „das Volk" gemeinsam das Land, Berufssoldat und Wehrpflichtiger Seite an Seite. Die militärhistorische Realität sieht anders aus. An vorderster Front steht zuerst der Verpflichtete – nicht der Freiwillige, nicht der Berufssoldat. Die Berufsarmee wird möglichst verlustfrei gehalten, weil man sie wirklich braucht, wenn es eng wird.
Das ist kein Zufall, sondern Doktrin. Die sowjetische Kriegsführung im Zweiten Weltkrieg nutzte frisch mobilisierte, kaum ausgebildete Einheiten, um feindliche Stellungen zu erkunden und zu schwächen, während Gardedivisionen für den entscheidenden Durchbruch geschont wurden. Die Strafbataillone waren die radikalste Ausprägung dieser Logik – buchstäblich als Minenräumer verheizt.
In der Ukraine seit 2022 lässt sich dasselbe Muster beobachten: Russische „Mobiki" – oft kaum trainiert, teils über Wagner rekrutierte Häftlinge – wurden in Wellenangriffen eingesetzt, um ukrainische Stellungen und Munitionsvorräte zu erschöpfen. Spezialkräfte und Vertragssoldaten blieben geschont, aufgespart für die Phasen, in denen es tatsächlich auf militärische Wirksamkeit ankam. Westliche Militäranalysten (ISW, RUSI) haben dieses Vorgehen wiederholt als bewusste Doktrin beschrieben, nicht als Kollateraleffekt.
Das Muster ist jedoch keine russische Besonderheit. Auf ukrainischer Seite dokumentierten internationale Medien (AP, Reuters, The Economist) seit 2023 wiederholt gewaltsame Zwangsrekrutierungen durch die Territorialen Rekrutierungszentren (TZK) – Männer werden von der Straße, aus Fahrzeugen oder aus Wohnungen heraus zwangsverpflichtet, gefilmt in vielfach kursierenden „Busification"-Videos. Die Ausbildungszeit vor dem Fronteinsatz war zeitweise auf wenige Wochen verkürzt, in Berichten teils nur wenige Tage, während erfahrene, besser ausgerüstete Einheiten geschont wurden. Auch hier gilt: Es ist nicht die am besten ausgebildete Kraft, die zuerst an die am stärksten exponierten Frontabschnitte geschickt wird, sondern die zuletzt und unter Zwang requirierte.
Beide Kriegsparteien folgen also, unabhängig von Regimeform, derselben strukturellen Logik: Wer sich der Verpflichtung nicht entziehen kann, geht zuerst – die besser ausgebildeten, freiwillig oder vertraglich gebundenen Kräfte werden geschont. Das relativiert nicht die jeweiligen politischen Unterschiede zwischen Angreifer und Verteidiger, zeigt aber, dass die Selektionslogik selbst kein Spezifikum autoritärer Kriegsführung ist, sondern eine Konstante, sobald Zwangsrekrutierung im Spiel ist.
Eine Randnotiz zur Einordnung: Der Erste Weltkrieg ist die historische Ausnahme, die zeigt, dass dieses Muster kein Naturgesetz des Krieges ist. Dort wurden Wehrpflichtige und Berufssoldaten oft undifferenziert in denselben Grabenkämpfen verheizt, die Trennlinie war weniger scharf. Der entscheidende Faktor ist also nicht der Krieg an sich, sondern die jeweilige Befehls- und Verwertungskultur.
Zwei Fliegen mit einer Klappe
Die eigentliche Pointe liegt aber nicht nur in der militärischen Reihenfolge, sondern in der Auswahl, wer innerhalb der Verpflichteten zuerst geht. Es sind nicht die Besten, die man vorschickt. Es sind jene, die man ökonomisch bereits als „unnütze Fresse" verbucht hat: Leistungsbezieher, Menschen in einem Alter, in dem der Arbeitsmarkt sie längst ausgemustert hat, Menschen ohne Verwertungsperspektive.
Damit schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe. Man entlastet Sozialsysteme und Arbeitsmarktstatistik von einer Gruppe, die ökonomisch ohnehin als Belastung gilt – und man erhält gleichzeitig verwertbares „Material" für die Front, ohne die eigentliche Leistungsträger-Kohorte anzutasten, die man für die Produktion und für den Wiederaufbau danach braucht. Die Berufsarmee, die Facharbeiter, die Leistungsfähigen – sie bleiben geschont, weil sie ökonomisch wertvoller sind als militärisch verzichtbar.
Die ökonomische Macht kennt hier keinen Humanismus. Wer das glaubt, hat die Funktionslogik von Verwertungssystemen nicht verstanden. Entscheidungen über Leben und Risiko folgen in solchen Systemen nicht ethischen, sondern betriebswirtschaftlichen Kategorien: Wer ist ersetzbar, wer nicht. Wer bereits als Kostenfaktor verbucht ist, wird leichter zum Risikofaktor umgewidmet.
Der demokratische Beweis: Korea und Vietnam
Diese Selektionslogik ist kein Merkmal autoritärer Systeme allein. Sie funktioniert auch in einer Demokratie mit formal gleichem Wahlrecht und offizieller Gleichheitsrhetorik – Korea und Vietnam liefern dafür den historischen Beleg.
In Korea (1950–53) und vor allem in Vietnam war die Wehrpflicht in den USA formal allgemein, faktisch aber ein fein gestaffeltes System von Zurückstellungen (Deferments). Wer ein Hochschulstudium nachweisen konnte, wurde zurückgestellt – 2-S genannt. Wer sich einen Arzt leisten konnte, der eine passende Diagnose attestierte, kam ebenfalls davon. Wer Kontakte zur National Guard oder Reserve hatte, entzog sich dem Fronteinsatz fast vollständig – prominentestes Beispiel: George W. Bush, der über die Texas Air National Guard nie nach Vietnam musste, während gleichzeitig Hunderttausende ohne diese Optionen eingezogen wurden.
Die Konsequenz war statistisch klar dokumentiert: Wer arm war, wer keinen Collegezugang hatte, wer keine weißen Mittelschicht-Netzwerke besaß, landete überproportional an der Front. In den USA wurde für dieses Phänomen der Begriff „poverty draft" geprägt – die Wehrpflicht traf nicht das Volk als Ganzes, sondern selektiv jene ohne ökonomische Ausweichmöglichkeiten. Schwarze Amerikaner waren in den Kampfeinheiten und in den Verlustzahlen Vietnams deutlich überrepräsentiert, gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil – ein Befund, der die Bürgerrechtsbewegung der späten 1960er direkt mit der Antikriegsbewegung verband (Martin Luther King Jr. verknüpfte beide Themen explizit in seiner Rede „Beyond Vietnam" 1967).
Ein Zurückstellungssystem also, das formal für alle gleich galt und faktisch genau jenen nützte, die es sich leisten konnten, es zu nutzen – Klassenlogik ohne offene Klassenjustiz.
Die USA heute: keine Wehrpflicht, aber ökonomischer Zwang
Seit 1973 gibt es in den USA keine Wehrpflicht mehr, die Armee ist formal freiwillig. Doch genau hier zeigt sich dieselbe Dynamik in modernerer Form: Wo es keine Jobs mehr gibt, wird die Freiwilligkeit selbst zur ökonomischen Zwangslage. Rekrutierungsbüros der US-Armee sind gezielt in wirtschaftlich abgehängten Regionen präsent – im „Rust Belt", in ländlichen Gegenden mit hoher Arbeitslosigkeit, in Vierteln mit schlechten Bildungschancen. Studien des Pentagon selbst (u. a. die „Qualified Military Available"-Analysen) zeigen, dass sozioökonomischer Druck der stärkste Rekrutierungsfaktor ist, nicht patriotische Überzeugung.
Man braucht also gar keine formale Wehrpflicht, um dasselbe Ergebnis zu erzielen: Wenn der Arbeitsmarkt für einen Teil der Bevölkerung keine Perspektive mehr bietet, wird die Armee zur einzig verbleibenden „Jobgarantie" – Krankenversicherung, Ausbildungsgeld, Sold. Das ist keine Wehrpflicht per Gesetz, sondern eine Wehrpflicht durch ökonomische Alternativlosigkeit. Die Selektionslogik bleibt identisch, nur der Mechanismus hat sich verfeinert: von der Zurückstellungsbürokratie zur strukturellen Verarmung ganzer Regionen.
Die zweite Funktion: Charakterformung als politisches Projekt
Bisher ging es um die Frage, wer geschickt wird. Es gibt aber noch eine zweite, weniger beachtete Dimension: was der Dienst selbst mit denjenigen macht, die ihn durchlaufen – und wem das politisch nützt.
Björn Höcke hat dazu selbst offen gesprochen, nicht verklausuliert: Er bezeichnet die Bundeswehr als „Schule der Nation" und fordert „positive Unterordnung" als Erziehungsziel für eine Jugend, der er die Fähigkeit zur „Gemeinschaftsorientierung" abspricht – Aussagen, die ich bereits im Januar 2025 im Detail analysiert hatte. Das ist keine unterstellte Absicht, sondern eine explizit formulierte Zielsetzung eines Zwangsdienstes zur Formung des Charakters junger Menschen.
Was ein solcher Dienst tatsächlich bewirkt, hat die Tübinger Tosca-Studie (Trautwein/Lüdtke) bereits an der letzten Wehrpflicht-Generation vor 2011 gemessen, anhand von 1.500 Lebensläufen baden-württembergischer Abiturienten. Im Vergleich zu Zivildienstleistenden aus vergleichbarem Elternhaus zeigten ehemalige Wehrpflichtige Jahre später signifikant: weniger Interesse an Kunst, Literatur und philosophischen Diskussionen, größeres Misstrauen gegenüber Fremden, weniger Reflexion über die Folgen des eigenen Handelns und die eigene Rolle in der Welt – dafür ausgeprägteren Konkurrenzsinn. Trautwein selbst formulierte es so: Der Wehrdienst hält junge Männer „im Zustand von testosterongesteuerten Jugendlichen" fest.
Nüchtern gelesen sind das fast idealtypisch die Eigenschaften, die eine Bevölkerung empfänglicher für autoritäre, hierarchisch geordnete Politikangebote machen: weniger kritische Distanz, weniger Empathie gegenüber dem Fremden, mehr Konkurrenz- statt Solidaritätsdenken. Wer weniger reflektiert und misstrauischer gegenüber Fremden ist, ist ein leichteres Ziel für Rhetorik, die auf Bedrohung, Abgrenzung und Gehorsam setzt statt auf Argumentation.
Damit entsteht eine Kongruenz zwischen erklärtem Ziel und gemessenem Effekt, die sich schwer als Zufall abtun lässt: Die Wehrpflicht wäre dann nicht nur ein sicherheitspolitisches, sondern ein gesellschaftsformendes Instrument – eines, das über Jahre hinweg genau jene Wählerbasis heranzieht, die für autoritäre Programmatik empfänglicher ist. Divide et impera nicht nur durch Selektion, wer geschickt wird, sondern auch durch Prägung, wer daraus zurückkommt.
Was das für die deutsche Debatte bedeutet
Die Bundeswehr versteht sich offiziell nicht als Frontalangriffs-Armee, sondern als Verteidigungs- und Abschreckungsinstrument. Das ändert aber nichts an der strukturellen Frage: Sobald es wirklich zum Ernstfall kommt, entscheidet die Befehls- und Verwertungslogik, nicht die offizielle Rhetorik, wer zuerst eingesetzt wird. Genau diese Verteilungsfrage – wer trägt das Risiko, nicht nur wie viele Köpfe braucht man – taucht in der öffentlichen Wehrpflicht-Debatte praktisch nie auf. Sie wird fast ausschließlich als Zahlenfrage geführt: Wie viele Soldaten braucht die Bundeswehr, wie füllt man die Lücke. Wer aber tatsächlich zuerst geht, bleibt unausgesprochen.
Für die reine Landesverteidigung – im Unterschied zu Auslandseinsätzen – wäre der naheliegendere erste Schritt ohnehin ein anderer: das Technische Hilfswerk besser ausrüsten, die Feuerwehren stärken, Zivilschutz und Infrastruktur-Resilienz (Sirenennetz, Notstromversorgung, Bunkerkapazität) ernst nehmen. Eine professionelle Berufsarmee für die eigentliche Verteidigungsfähigkeit, kein Zwangsaufgebot, das am Ende doch nur jene zuerst verheizt, die man ohnehin schon abgeschrieben hat.
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