1976 lässt der Film "Network" einen Konzernchef seinem außer Kontrolle geratenen Nachrichtensprecher erklären, dass es längst keine Nationen, keine Völker und keine Ideologien mehr gibt – nur noch ein System aus Konzernen, das die Welt nach den eigenen Renditegesetzen ordnet. Was wie Drehbuch-Pathos klingt, fällt in dasselbe Jahrzehnt, in dem der ITT-Putsch in Chile, der Lockheed-Bestechungsskandal und die CIA-Operation gegen Mossadegh im Iran öffentlich wurden. Dasselbe Muster lässt sich bis heute weiterverfolgen – vom geheimen Bombenkrieg in Laos bis zur Rambouillet-Falle, die 1999 den Kosovo-Krieg auslöste. Hollywood hat damals offen ausgesprochen, was die Politik bis heute lieber verschweigt.
Es gibt eine Szene im Film "Network" von 1976, die sechs Minuten dauert und die mehr politische Ökonomie enthält als die meisten Talkshow-Debatten der letzten zwanzig Jahre zusammen. Der Nachrichtensprecher Howard Beale, der gerade live im Fernsehen zusammengebrochen ist und das Publikum zum Aufstand gegen die da oben aufgerufen hat, wird ins Büro des Konzernchefs Arthur Jensen zitiert. Und dort, in einem fast kirchlichen Ton, in abgedunkeltem Licht, erklärt ihm Jensen, wie die Welt wirklich funktioniert: Es gibt keine Nationen mehr, keine Völker, keine Ideologien – es gibt nur noch ein System aus Konzernen, das nach eigenen, zwingenden ökonomischen Gesetzen funktioniert, gleichgültig welche Fahne über welchem Parlament weht. Die politische Landkarte ist für Jensen nur noch eine Verwaltungsfiktion über einem einzigen, globalen ökonomischen Organismus.
Den sechsminütigen Ausschnitt habe ich für euch herausgeschnitten und oben eingebettet, damit ihr die Szene selbst seht, bevor ihr weiterlest. Denn die eigentliche Frage ist nicht, ob das gut geschriebenes Kino ist – das ist es zweifellos. Die Frage ist, ob Hollywood damals etwas erfunden hat, oder ob es etwas verarbeitet hat, das genau in diesen Jahren öffentlich wurde.
Vietnam, Iran, Irak – immer dasselbe Muster
Dass Jensens Rede 1976 keine Erfindung war, zeigt schon das Jahr selbst: Der Church Committee deckte gerade auf, wie ITT zusammen mit der CIA den Putsch gegen Salvador Allende in Chile mitfinanziert hatte, während parallel der Lockheed-Bestechungsskandal zeigte, wie ein Rüstungskonzern reihenweise Regierungen kaufte. Das Muster zieht sich seither unverändert durch: 1953 stürzten CIA und britischer Geheimdienst den iranischen Premier Mossadegh, nachdem er die Anglo-Iranian Oil Company verstaatlicht hatte – offiziell Kommunismusabwehr, tatsächlich Öl. 1964 erfand Washington mit dem zweiten Tonkin-Zwischenfall, der laut freigegebenen NSA-Akten so nie stattfand, den Vorwand für den Vietnamkrieg, während die CIA parallel neun Jahre lang einen geheimen, am Parlament vorbei gesteuerten Bombenkrieg in Laos führte – mehr Bomben als im gesamten Zweiten Weltkrieg, auf ein offiziell neutrales Land. 2003 wiederholte sich das Muster im Irak: erfundene Massenvernichtungswaffen als Kriegsgrund, ein Ölgesetz kurz nach der Invasion bereits in der Schublade. Fünf Kriege, ein Mechanismus: Ressourcen- und Marktsicherung, verkauft als Ideologie, Sicherheit oder Menschenrechte.
Kosovo 1999 – die Falle von Rambouillet
Der Kosovo-Krieg ist der Fall, bei dem die Beweislage am dichtesten ist, weil hier kein Geheimdienstleck nötig war – der Vertragstext selbst genügt. Anhang B des Rambouillet-Abkommens verlangte in Artikel 8 freien, uneingeschränkten Zugang für NATO-Truppen im gesamten Staatsgebiet Jugoslawiens, nicht nur im Kosovo, samt voller Immunität von jeder jugoslawischen Gerichtsbarkeit. Das war keine Verhandlungsbasis, das war eine Kapitulationserklärung, die kein souveräner Staat hätte unterschreiben können. Henry Kissinger nannte den Text später eine bewusste Provokation, ein Dokument, das kein Diplomat einem souveränen Staat in dieser Form hätte vorlegen dürfen. Lord Gilbert, der britische Verteidigungsstaatsminister während des Krieges, sagte vor dem Unterhaus-Verteidigungsausschuss offen, die Bedingungen seien absichtlich so gesetzt worden, dass Belgrad sie unmöglich akzeptieren konnte. Als Jugoslawien im Juni 1999 schließlich kapitulierte, wurde genau diese Klausel aus dem endgültigen Abkommen gestrichen – ein starkes Indiz, dass sie nie als verhandelbar gemeint war, sondern als Ablehnungsfalle diente, um den Bombenkrieg zu rechtfertigen.
Parallel dazu entstand unmittelbar nach dem Krieg Camp Bondsteel, die größte von Grund auf neu gebaute US-Militärbasis seit Vietnam, in der Nähe der damals geplanten Trans-Balkan-Pipeline AMBO, die kaspisches Öl unter Umgehung Russlands und des Bosporus zum Mittelmeer hätte führen sollen. Die Verbindung zwischen Basis und Pipeline ist seit über zwanzig Jahren dokumentiert, wenn auch vor allem von links-kritischen Quellen, was sie nicht falsch, aber angreifbarer macht als der Rambouillet-Text selbst. Redlich bleibt man, wenn man hinzufügt: Die AMBO-Pipeline wurde nie gebaut. Stattdessen setzte sich ab 2006 die Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline durch, die dasselbe kaspische Öl stattdessen über die Türkei führt. Das Motiv von 1999 mag also real gewesen sein – die spätere geostrategische Entscheidung fiel trotzdem anders. Camp Bondsteel steht bis heute.
Warum Fiktion manchmal ehrlicher ist als die Nachrichten
Was die Jensen-Szene so bemerkenswert macht, ist nicht nur die Konzern-Weltordnung, die sie beschreibt, sondern die zweite Pointe, die der Film fährt: Howard Beales Wutrede wird nicht zensiert, sie wird vermarktet, solange sie Quote bringt – und sobald die Quote sinkt, wird er live im Fernsehen exekutiert, weil ein Mord im Programm besser für die Zahlen ist als ein Rückgang. Das System bekämpft Dissens nicht in erster Linie durch Verbot, sondern durch Einverleibung, bis er sich wirtschaftlich nicht mehr trägt. Erst dann wird er beseitigt.
Vielleicht ist das die eigentliche Lehre aus diesem sechsminütigen Ausschnitt: Ein Drehbuchautor durfte 1976 öffentlich aussprechen, was Senatsausschüsse zur selben Zeit gerade erst zu dokumentieren begannen – und was vierzig Jahre später, an Aktenlagen von Iran über Vietnam, Laos und Irak bis zum Kosovo gemessen, nicht widerlegt, sondern bestätigt wurde. Hollywood war hier nicht prophetisch. Hollywood hat nur zugehört.
Der Staat als Werbeagentur des Krieges
Damit das funktioniert, lohnt sich ein Blick auf den Mechanismus selbst. Ein Vorstand, ein Fondsmanager, ein Anlageausschuss handelt treuhänderisch im Auftrag der Kapitaleigner und ist rechtlich verpflichtet, Rendite zu sichern – das ist keine Ideologie, das ist die Funktionsbestimmung der Institution. Ist ein Absatzmarkt, eine Rohstoffquelle oder ein Pipelinekorridor bedroht, wird dessen Sicherung zur fiduziarischen Pflicht, nicht zur politischen Kür. Das Kapitalsammelbecken verhält sich identisch, ob gerade eine linke, eine rechte oder eine libertäre Regierung amtiert, weil sein Verhalten nicht aus Politik folgt, sondern aus der Pflicht gegenüber dem Anleger.
Und hier muss man die Behauptung zu Ende denken, statt sie nur anzudeuten: Der Staat handelt in alledem nicht eigenständig im Interesse der Bürger, die ihn gewählt haben. Kein Staat der Neuzeit ist von unten entstanden, von jenem kleinen Michel auf dem Feld, der ihn angeblich trägt. Jedes politische System, jede Verfassung, jede Partei wurde von der ökonomischen Macht installiert oder so lange umgeformt, bis sie für sie kontrollierbar war – nie umgekehrt. Wie auch sollte der Lohnabhängige etwas anderes leisten? Er hat keine Denkfabrik, keinen Nachrichtendienst, keinen Zugang zu den Strukturen, die Politik tatsächlich entwerfen. Er ist abhängig von seinem Einkommen, abhängig von der Information, die man ihm vorsetzt, abhängig vom Wahrheitsgehalt dessen, was er für Nachricht hält, abhängig von Strukturen, die er weder mitgestaltet noch durchschaut. Noam Chomsky hat genau das einmal in zwei Sätzen zusammengefasst: Die breite Bevölkerung wisse nicht, was wirklich geschieht, und wisse nicht einmal, dass sie es nicht weiß. Im Original nannte er das direkt im Anschluss "einen wirklichen Erfolg" – nicht den Erfolg der Bevölkerung, sondern den Erfolg jener "fernen und geheimen Ebene der Entscheidungsfindung", die genau diese Unwissenheit organisiert und damit die demokratischen Institutionen ihrer Substanz beraubt. Das war keine Verachtung der Bevölkerung, sondern eine Anklage gegen jene, die diese Unwissenheit herstellen und brauchen. In diesem System ist der Lohnabhängige ein Niemand, ein Nichts – nicht aus Geringschätzung gesagt, sondern als nüchterne Beschreibung seiner strukturellen Position.
Genau deshalb braucht es an der Parteispitze auch keine Verschwörung im klassischen Sinne, nur einen Filter. Wer in den Parteiapparaten aufsteigt, wird nicht danach ausgesucht, wie bodenständig er ist, sondern danach, wie reibungslos er sich in das multinationale, transnationale Denkgut einfügt, das die ökonomische Macht längst vorgegeben hat. Die Basis wählt, debattiert, hofft – aber sie selektiert nicht, wer am Ende oben ankommt. Diese Auswahl ist bereits getroffen, bevor die erste Stimme abgegeben wird. Der Staat ist in diesem Bild keine Gegenmacht zum Kapital, die man nur stärken oder schwächen müsste. Er ist von Beginn an deren Werkzeug – eine Marketingabteilung mit Wahlrecht, Uniformen und einem Parlament als Bühne.
Was die Konzerne dafür brauchen, ist ein Vehikel, das den Krieg führt, ohne dass ihr eigener Name je in der Nachrichtensendung fällt – und genau das liefert der Staat. Er stellt die Armee, er stellt die Rekruten, er erklärt dem eigenen Volk, warum dessen Söhne im Schützengraben verbluten sollen, und er verkauft das Ganze als Kampf für die Menschenrechte gegen Völkermörder, nie als das, was es eigentlich ist: Marktsicherung. Bezahlt wird das von genau jenen, deren Kinder dort verbluten – der Steuerzahler finanziert seinen eigenen Krieg, ohne je zu erfahren, wer am Ende die Rechnung präsentiert bekommt. Im Kosovo-Beispiel von oben lässt sich das sogar mit Namen belegen: Es war Brown & Root, die Halliburton-Tochter, die anschließend Camp Bondsteel baute und betrieb – mit Verträgen in dreistelliger Millionenhöhe pro Jahr, finanziert aus Steuermitteln derselben NATO-Staaten, deren Bürger den Krieg eben noch für eine humanitäre Mission gehalten hatten. Der Konzern bleibt im Dunkeln. Der Staat steht im Scheinwerferlicht und nimmt die Schläge entgegen, die eigentlich dem Konzern gelten müssten.
Und was machen die Libertären in diesem Bild?
Genau hier liegt das Problem mit der Krall-Predigt vom "weniger Staat, mehr Markt". Sie diagnostiziert die Krankheit falsch. Nicht der Staat als solcher ist das Problem, sondern der gekaperte Staat, der längst als Werkzeug für genau jene Kapitalinteressen funktioniert, die Krall angeblich entlarven will. Wer diesen Staat schwächt, entfernt nicht die Macht des Kapitals, er entfernt den letzten verbliebenen Mechanismus, der diese Macht überhaupt noch regulieren, besteuern oder zur Rechenschaft ziehen könnte. Was am Ende übrig bleibt, ist nicht weniger Krieg für Konzerne, sondern ein Staat, der noch reibungsloser als Marketingabteilung funktioniert, weil ihm die letzten Aufsichtsinstrumente fehlen. Jensen hätte daran seine Freude gehabt.
Die Geisel der leeren Regale
Was diese Macht so unangreifbar macht, ist nicht nur Geld, sondern Abhängigkeit – ganz konkret, ganz praktisch. Deutschland hat seine bäuerliche Selbstversorgung über Jahrzehnte an wenige globale Lieferketten ausgelagert; Frischware kommt zu großen Teilen aus Spanien, den Niederlanden, Italien und der Türkei. Das eigene Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe rät der Bevölkerung deshalb ausdrücklich, sich für mindestens zehn Tage selbst versorgen zu können – nicht aus Übervorsicht, sondern weil schon ein Hafenstreik, ein Cyberangriff oder eine anhaltende Dürre in einer einzigen Anbauregion ausreicht, um die Supermarktregale binnen weniger Tage leerzufegen. Während der Corona-Pandemie 2020 genügte schon erhöhte Nachfrage, nicht einmal ein echter Lieferkettenausfall, um Mehl, Hefe und Nudeln tagelang aus den Regalen verschwinden zu lassen.
Wie schnell das tatsächlich kippen kann, zeigt der große New Yorker Stromausfall von 1977 auf erschreckend konkrete Weise. Die Plünderungen begannen dort nicht nach Wochen, sondern innerhalb der ersten Stunde nach dem Ausfall. Binnen 25 Stunden Dunkelheit wurden 1.616 Geschäfte geplündert oder zerstört, über tausend Brände gelegt, fast 3.800 Menschen verhaftet – verglichen mit gerade einmal fünf Festnahmen bei einem vergleichbaren New Yorker Stromausfall zwölf Jahre zuvor. Der Unterschied war nicht die Dauer des Ausfalls, sondern die gesellschaftliche Lage: eine Stadt in der Finanzkrise, hohe Arbeitslosigkeit, drückende Sommerhitze, ein Serienmörder auf freiem Fuß. Die Infrastruktur fiel aus, und die Zivilisation kippte nicht nach Wochen, sondern nach einer Stunde.
Und genau das ist die eigentliche Form dieser Macht: Niemand muss eine Hungersnot befehlen oder einen Ausnahmezustand verkünden, wenn schon ein einziger Funke – ein Blitzschlag, ein Hafenstreik, ein Cyberangriff – genügt, um zu zeigen, wie dünn die Decke der Zivilisation tatsächlich ist. Wer die Lieferketten und die Infrastruktur kontrolliert, kontrolliert die Bevölkerung – ganz ohne Erklärung, einfach durch die Architektur der Abhängigkeit selbst, die niemand mehr infrage stellt, weil sie längst als Normalzustand gilt.
Das Gesicht dieser "Wertegemeinschaft"
Genau das ist am Ende das Gesicht dieser Demokratie, dieser sogenannten Wertegemeinschaft. Niemand wollte den Krieg, heißt es hinterher immer, wenn die Särge zurückkommen – und trotzdem fragt kaum jemand, warum er dann überhaupt erst losgetreten wurde. Eine Demokratie, die Kriege führt, die ihre eigenen Bürger nachweislich nie wollten, und die das nicht einmal bemerkt, solange die Särge nicht ankommen, ist nicht mehr das Papier wert, auf dem ihre Verfassung gedruckt steht.
Und die unbequeme Anschlussfrage lautet: Wer soll sich dieser ökonomischen Macht überhaupt entgegenstellen? Keine Partei der Welt ist derzeit in der Lage, dem Verbund aus transnationalen und multinationalen Konzernen etwas entgegenzusetzen, der mit dem globalen Bankenkartell verschmolzen ist – mit den 63 Zentralbanken, die sich in der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel zusammenschließen, der eigentlichen Zentralbank der Zentralbanken. Sie ist es, die die Geldströme, das Lebenselixier, das durch die Adern der Weltwirtschaft fließt, lenkt, organisiert und verteilt. Dem hat aktuell, das muss man ehrlich zugeben, kein politisches System irgendetwas entgegenzusetzen. Ob sich das in fünf, zweihundert oder fünftausend Jahren ändert, weiß ich nicht. Dass es sich heute so verhält, lässt sich kaum noch bestreiten.
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