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Samstag, 17. Januar 2026

"KI-Fake!" - Der neue Schutzschild gegen die Wirklichkeit

 


Es gibt ein Video. Es zeigt einen Erwachsenen mit Hundemaske, der in einer Sporthalle auf allen Vieren kriecht, während ein "Handler" Kommandos gibt. Das Publikum applaudiert. Die Veranstaltung heißt "International Pup and Trainer Contest", hat tausende Follower auf Instagram, Sponsoren und findet jährlich statt.

Ich habe dieses Video auf LinkedIn geteilt. Die Reaktion eines Kommentators war vorhersehbar: "Schöner KI-Fake."

Keine Recherche. Kein Klick auf den verlinkten Instagram-Account. Kein Versuch, die Behauptung zu überprüfen. Stattdessen: sofortige Einordnung als Fälschung. Denn was nicht sein kann, das nicht sein darf.

Der neue Abwehrmechanismus

Wir erleben gerade die Geburt eines neuen kognitiven Schutzschildes. Früher hieß es "Verschwörungstheorie", "Spinner", "Nazi" - je nachdem, welches Etikett gerade am bequemsten war, um unbequeme Informationen zu neutralisieren. Heute heißt es: "KI-Fake".

Der Mechanismus ist derselbe. Die Realität wird nicht geprüft, sie wird wegrationalisiert. Der Unterschied: Das neue Etikett klingt technisch versiert. Wer "KI-Fake" ruft, präsentiert sich als aufgeklärter Skeptiker, der die Gefahren der neuen Technologie durchschaut hat. In Wahrheit ist es das Gegenteil von Skepsis - es ist die Weigerung, hinzuschauen.

Das eigentliche Problem

Aber reden wir über das, was in diesem Video zu sehen ist - und was weit darüber hinausgeht.

Das Therian-Phänomen breitet sich aus. Menschen - vor allem Jugendliche - identifizieren sich als Tiere. Nicht als Rollenspiel, nicht als Hobby. Als Identität. Seit 2021 hat TikTok diesen Trend zur weitreichendsten Verbreitung geführt. Die Hashtags haben hunderte Millionen Aufrufe.

In deutschen Schulen berichten Lehrerinnen von Kindern, die sich weigern, am Tisch zu sitzen, weil sie glauben, ein Fuchs zu sein. Die auf allen Vieren laufen. Die Tierlaute von sich geben. Eltern sind verzweifelt und finden keine Hilfe.

Und die Politik? Die rheinland-pfälzische Landesregierung wurde gefragt, wie Schulen damit umgehen sollen, wenn Schüler sich als Tiere fühlen. Die Antwort: Man müsse "pädagogisch sensibel" mit ihnen umgehen, um sie "zu unterstützen".

Noch aufschlussreicher: Sollten Mitschüler die Tier-Identität in Frage stellen, würden "verpflichtende schulische Krisenteams" eingesetzt, um den Konflikt beizulegen.

Lesen Sie das noch einmal. Das Krisenteam kommt nicht für das Kind, das glaubt ein Tier zu sein. Es kommt für das Kind, das noch zwischen Mensch und Tier unterscheiden kann.

Die Zerstörung der Unterscheidungsfähigkeit

Hier liegt die eigentliche Gefahr - und sie geht weit über einzelne Subkulturen hinaus.

Wir erleben die systematische Auflösung grundlegender Kategorien. Kinder lernen, dass Gefühle die Realität bestimmen. Dass jede Selbstwahrnehmung "validiert" werden muss. Dass es keine objektiven Unterscheidungen gibt - zwischen Mann und Frau, zwischen Mensch und Tier, zwischen Realität und Wunschvorstellung.

Was passiert mit einer Generation, die so aufwächst?

Sie verliert die Fähigkeit, Realität als Realität zu erkennen. Sie entwickelt Reflexe, die unbequeme Wahrheiten automatisch neutralisieren. Sie ruft "KI-Fake", wenn sie ein Video sieht, das ihr Weltbild stört - ohne auch nur eine Sekunde zu recherchieren.

Die demokratiegefährdende Dimension

Und hier wird es politisch.

Eine Demokratie braucht Bürger, die hinschauen können. Die zwischen Fakten und Fiktionen unterscheiden. Die bereit sind, ihre Überzeugungen an der Realität zu prüfen - auch wenn das unbequem ist.

Wer bei einem harmlosen, leicht überprüfbaren Video schon die Sensoren ausschaltet - wie soll derselbe Mensch totalitäre Strukturen erkennen, wenn sie sich nicht als Karikatur präsentieren? Wie soll er Manipulation durchschauen, wenn sie subtil daherkommt? Wie soll er Propaganda identifizieren, wenn sie sich als "Wissenschaft" oder "Konsens" tarnt?

Der Kommentator unter meinem LinkedIn-Post forderte mich auf, "die Sensoren einzuschalten". Die Ironie ist bitter: Er selbst hatte seine Sensoren längst abgeschaltet. Er hatte ein Urteil gefällt, ohne hinzuschauen. Er hatte die Realität verweigert, weil sie nicht in sein Weltbild passte.

"Wir haben wichtigere Probleme"

Das war sein zweites Argument: Es gebe wichtigere Probleme.

Es ist der bequemste Satz der Welt, um jedes Problem zu ignorieren. Und er ist falsch.

Was könnte wichtiger sein als die geistige Gesundheit einer ganzen Generation? Als die Fähigkeit unserer Kinder, zwischen Realität und Fantasie zu unterscheiden? Als die Bereitschaft von Erwachsenen, ihre Schutzfunktion wahrzunehmen?

Wir reden hier nicht über exzentrische Hobbys von Erwachsenen. Wir reden über Kinder, die in Schulen sitzen und glauben, sie seien Tiere. Über Eltern, die hilflos zusehen. Über einen Staat, der diese Verwirrung nicht korrigiert, sondern institutionell absegnet.

Der eigentliche Skandal

Der Skandal ist nicht das Video. Der Skandal ist nicht einmal das Therian-Phänomen an sich.

Der Skandal ist eine Gesellschaft, die verlernt hat, Nein zu sagen. Die jeden Irrsinn "validiert", weil sie Angst hat, als intolerant zu gelten. Die ihre Kinder einem ideologischen Experiment aussetzt und jeden mundtot macht, der Einwände erhebt.

Und der Skandal sind Menschen, die ein dokumentiertes, leicht überprüfbares Video sehen - und reflexartig "KI-Fake" rufen. Nicht weil sie skeptisch sind. Sondern weil sie feige sind.

Die Sensoren, die sie einfordern - sie sollten sie bei sich selbst einschalten.

Aber dafür müssten sie bereit sein, hinzuschauen. Und genau das ist das Problem.


Der LinkedIn-Post mit dem Original-Video und der vollständigen Diskussion ist hier verlinkt.


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