Joana Cotar teilt ein Milei-Video, in dem Politiker als „Parasiten" bezeichnet werden, die den Arbeitenden das Geld stehlen. Das klingt nach Systemkritik. Es ist keine. Es ist die präzise Umleitung von berechtigter Wut – weg von der Geldschöpfungsarchitektur, hin zum Sündenbock Politiker. Was Milei als Lösung anbietet – weniger Staat, Deregulierung, Dollarisierung – ist die vollständige Übergabe an jene private Finanzstruktur, die das eigentliche Problem ist. Und Cotar liefert diese Botschaft zuverlässig in die alternative Szene. Wer das Muster verstehen will, liest bis zum Ende.
Joana Cotar postet auf X ein Video. Darunter der Satz: „Auch in Deutschland fragen wir uns, warum es immer mehr Arme gibt. @JMilei hat die Antwort."
Die Antwort, die Milei im Video gibt, lautet sinngemäß so:
„Seit den 70ern bis heute hat sich der Staat verdreifacht, und die Zahl der Armen versechsfacht. Und wisst ihr, wer die Einzigen sind, die hier vorankamen? Die Politiker! Der Feind sind die Politiker! Die Einkommen gingen nur von denen, die arbeiten, zu den Parasiten in der Politik!"
Das klingt stark. Das klingt wahr. Und das ist das Problem.
Was stimmt – und was fehlt
Ja, die politische Klasse hat sich über Jahrzehnte einen komfortablen Selbstbedienungsapparat aufgebaut. Ja, Parteien haben den Staat als Beute behandelt. Das ist keine mutige Erkenntnis mehr, wenn man es 2024 noch einmal sagt.
Aber Mileis Analyse hört genau dort auf, wo sie anfangen müsste. Die Politiker sind nicht die Ursprungsquelle der Umverteilung nach oben. Sie sind Verwalter und Verteiler in einem System, dessen eigentliche Mechanik woanders liegt.
Wer kontrolliert die Geldschöpfung? Wer entscheidet, wie viel Kredit in die Wirtschaft fließt, zu welchen Bedingungen, an wen? Wer hat IWF und Weltbank konstruiert – und wessen Interessen setzen diese durch? Wer saß bei der Gründung der Federal Reserve am Tisch?
Kein Wort davon bei Milei. Kein Wort davon bei Cotar.
Die Politiker sind nicht die Täter. Sie sind die sichtbare Etage eines Systems, dessen Fundament im Verborgenen liegt. Wer sie als alleinige Ursache benennt, lenkt den Blick präzise von dem weg, was man nicht sehen soll.
Was Milei in Argentinien wirklich gemacht hat
Man muss nicht spekulieren. Argentinien ist das Experiment, und das Ergebnis liegt vor.
Mileis Kernprojekt war die Dollarisierung – die Abschaffung der eigenen Währung und vollständige Abhängigkeit vom US-Dollar. Was bedeutet das konkret? Argentinien gibt seine monetäre Souveränität vollständig ab. Es kann keine eigene Geldpolitik mehr betreiben. Es ist abhängig von der Federal Reserve – einem privaten Zentralbanksystem, das amerikanischen Großbankeninteressen dient. Das ist keine Befreiung vom Staat. Das ist Kapitulation vor der privaten Finanzarchitektur, die über dem Staat steht.
Wer verstehen will, warum Argentinien überhaupt in dieser Lage ist, sollte wissen: Das Land kämpft seit über 200 Jahren gegen neokoloniale Ausbeutung durch internationale Finanzinstitutionen und lokale Eliten – nicht gegen den Sozialismus, wie Milei behauptet. Die größten wirtschaftlichen Katastrophen des Landes ereigneten sich ausnahmslos unter rechten, neoliberalen Regierungen. Das ist hier ausführlich dokumentiert.
Und was hat Mileis „Befreiung" konkret gebracht? Über 52 Prozent der Bevölkerung leben in Armut. Fast zwei Drittel aller Kinder unter 14 Jahren wachsen in armen Haushalten auf. Das Sozialsystem wurde zerschlagen. In den Armenvierteln von Buenos Aires füllen die Narcos das Vakuum, das der Staat hinterlassen hat – sie kaufen der Großmutter die Medikamente, sie richten der Tochter die Feier aus. Wo der Staat verschwindet, übernimmt nicht der freie Markt. Es übernimmt das organisierte Verbrechen. Die vollständige Analyse dazu findet sich hier.
Und Cotar findet das toll.
Das Ziel: Es gibt keine Nationen mehr
1976 erschien der Film „Network" von Sidney Lumet. Eine Szene darin ist heute prophetischer denn je. Der Konzernchef Arthur Jensen ruft den aufmüpfigen Fernsehmoderator in einen dunklen Konferenzsaal und erklärt ihm die Welt:
„Es gibt keine Nationen mehr. Es gibt keine Völker mehr. Es gibt nur noch ITT, IBM, AT&T, DuPont, Dow, Union Carbide und Exxon. Das sind die Nationen der Welt heute."
Das ist kein dystopisches Horrorgemälde. Das ist die Zielbeschreibung des libertären Projekts – ob seine Träger es wissen oder nicht. Wenn der Staat abgeschafft oder auf einen wehrlosen Nachtwächterstaat reduziert ist, bleibt genau das übrig: Konzerne ohne demokratisches Gegengewicht. Kein Kartellrecht mit Zähnen. Kein Arbeitsschutz. Keine Möglichkeit, private Machtkonzentration irgendwie zu begrenzen. Freiheit – für wen?
Das Drei-Phasen-Modell
Phase eins: Das Großkapital kapert den Staat. Lobbyismus, Drehtüreffekte, Bankenrettungen auf Steuerzahlerkosten, Privatisierung von Gewinnen bei gleichzeitiger Sozialisierung von Verlusten. Der Staat wird zum Werkzeug privater Interessen.
Phase zwei: Der so korrumpierte Staat wird als Beweis für die Untauglichkeit des Staates präsentiert. Seht her – ineffizient, korrupt, parasitär. Er muss weg. Und genau in diesem Moment tauchen finanzierte, vernetzte, medienpräsente Figuren auf und sagen: Deregulierung! Weniger Staat! Milei! Freiheit!
Phase drei: Der Staat wird zurückgebaut. Die Regulierung fällt weg. Und was bleibt? Die nackte ökonomische Macht ohne jedes Gegengewicht. Keine Kontrolle. Keine Gegenwehr. ITT und IBM und Exxon – die Nationen der Welt.
Der Staat war nie das Problem. Das Problem war immer, wer den Staat kontrolliert. Wer das nicht unterscheidet, arbeitet – bewusst oder unbewusst – für Phase drei.
Cotar als Transmissionsriemen
Joana Cotar kommt aus der Finanzbranche. Deutsche Börse Group. Ihr Bruder Alexander Tammers verwaltet rund 15 Milliarden Euro, war drittgrößter Investor bei der Twitter-Übernahme durch Elon Musk, investiert in SpaceX, Neuralink, Telegram. Sie gründete „Bitcoin im Bundestag", trägt das Milei-Institut mit, engagiert sich für Team Freiheit.
Und sie wird in den alternativen Medien wie Champagner herumgereicht. Endlich sagt's mal eine. Endlich eine, die aus dem System kommt und die Wahrheit sagt.
Nur: welche Wahrheit? Die Wahrheit, die dem Milliardärs-Milieu nützt. Weniger Staat, weniger Regulierung, der Markt regelt das. Milei als Held. Musk als Freiheitskämpfer. Und die berechtigte Wut der Menschen über eine korrupte politische Klasse wird umgeleitet – weg von der Geldschöpfungsarchitektur, hin zum libertären Abbauprojekt.
Das ist kein Zufall. Das ist Funktion.
Wer mehr über Cotars Hintergrund, ihr Buch, ihren Bruder und die strukturelle Einordnung dieser Figur wissen möchte, liest den ausführlichen Beitrag: Die Systemkritikerin aus dem Milliardärs-Orbit.
Die Frage, die am Ende bleibt: Ist das Naivität – oder Kalkül?
Beim dritten Mal fragt man sich das eigentlich nicht mehr.
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