Das Generationenkapital wird von BlackRock mitgestaltet, vom KENFO verwaltet und fließt in Private Equity, das Gesundheit, Pflege und Wohnen als Renditeobjekte erschließt. Verwaltungsgebühren von bis zu zwei Prozent auf 200 Milliarden Euro bedeuten vier Milliarden Euro pro Jahr — bevor ein Cent bei den Rentnern ankommt. Der ehemalige BlackRock-Lobbyist Friedrich Merz sitzt derweil im Kanzleramt. Das ist kein Zufall. Das ist Struktur.
In den ersten drei Teilen dieser Serie wurde der Mechanismus freigelegt: Bismarcks kapitalgedecktes System wurde durch Kriegsanleihen und Inflation zweimal ausgeplündert — nicht vernichtet, sondern umgeleitet, in die Hände der Schwerindustrie. Adenauer entschied sich 1957 bewusst gegen die Rückforderung dieses Kapitals und gegen den Wiederaufbau der Kapitaldeckung. Riester privatisierte 2001 einen Teil der Vorsorge, schuf aber vor allem eine Gebührenmaschine für die Finanzindustrie.
Wer glaubte, damit sei die Geschichte vollständig, irrt. Es gibt einen dritten Räuber. Und er sitzt nicht im Hinterzimmer. Er sitzt im Anlageausschuss.
Der Professor und die Grenze seines Blicks
Prof. Dr. Christian Rieck, Professor für Finance an der Frankfurt University of Applied Sciences und Schüler des Nobelpreisträgers Reinhard Selten, hat in einem vielbeachteten YouTube-Video das deutsche Rentensystem aus spieltheoretischer Sicht seziert. Seine Diagnose ist korrekt und verdient Respekt: Das Umlageverfahren ist strukturell ein Schneeballsystem. Politiker haben einen systematischen Anreiz, immer neue Gruppen zwangsweise einzubeziehen, weil das kurzfristige Einführungsgewinne erzeugt — Einnahmen ohne sofortige Gegenleistung. Die sogenannte Anlagerente ist in ihrer bisherigen Form keine echte Kapitaldeckung, weil sie schuldenfinanziert ist und der Diversifikationseffekt durch die doppelte Abhängigkeit vom Staat weitgehend verpufft. Das Zugriffsrisiko der Politik auf jeden Staatsfonds ist real und historisch belegt.
Rieck fragt: Welche Fehlanreize produziert das System? Das ist die richtige Frage für einen Spieltheoretiker.
Aber es gibt eine zweite Frage, die er nicht stellt: Wer hat dieses System so konstruiert, und wer profitiert von seiner Fortsetzung?
Dort endet seine Analyse. Dort beginnt diese.
BlackRock am Reißbrett
Das Generationenkapital, das als kapitalgedeckte Komponente der gesetzlichen Rentenversicherung eingeführt werden soll, wird vom KENFO verwaltet — dem Fonds zur Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung, dem ersten deutschen Staatsfonds. Für das Design dieses Instruments holte das Bundesfinanzministerium externe Beratung. Einer der Berater war BlackRock.
Das ist kein Gerücht. Es ist durch die Rechercheplattform CORRECTIV dokumentiert: Über mehrere Jahre saß mit Elga Bartsch eine Vertreterin von BlackRock im Anlageausschuss des KENFO. Das Finanzministerium ließ sich von BlackRock bei der Konzipierung der Aktienrente beraten — einem Unternehmen, das im Mai 2024 mit über 430 Milliarden Euro in fossile Konzerne investiert war.
Dass diese Beratung zunächst nicht entlohnt wurde, bedeutet wenig. Denn für die Verwaltung des Generationenkapitals sollen externe Vermögensverwalter beauftragt werden. Die Vergabe erfolgt zu marktüblichen Konditionen. Bei aktivem Management können die Verwaltungsgebühren bei bis zu zwei Prozent der verwalteten Gelder liegen.
Zwei Prozent von 200 Milliarden Euro: das sind vier Milliarden Euro — pro Jahr — bevor ein einziger Euro als Rentenleistung ausgezahlt wird.
Der Kreis: Merz, BlackRock, Generationenkapital
Friedrich Merz war von 2016 bis 2020 Aufsichtsratsvorsitzender von BlackRock Deutschland. In dieser Funktion vertrat er die Interessen des weltgrößten Vermögensverwalters in der deutschen Politik. Anschließend wurde er CDU-Vorsitzender und ist heute Bundeskanzler.
BlackRock berät das Finanzministerium bei der Konzipierung der Aktienrente. BlackRock sitzt im Anlageausschuss des KENFO. Der KENFO verwaltet das Generationenkapital. Das Generationenkapital wird mit Pflichtbeiträgen der deutschen Arbeitnehmer gespeist.
Das ist kein Zufall. Das ist eine Drehtür — und sie dreht sich in eine Richtung.
Dieser Zusammenhang ist nicht neu. In den USA hat das Pensionskapital seit fast einem halben Jahrhundert den Wachstum des Asset-Management-Sektors befeuert. Das US-Pensionsvermögen macht mit 35 Billionen Dollar rund 62 Prozent des weltweiten Pensionskapitals aus. Diese Asset Manager lobbyieren seither für die weitere Privatisierung der Renten — weltweit. Deutschland ist der letzte große Markt, der noch nicht vollständig erschlossen ist.
Was der KENFO mit dem Geld macht
Der KENFO verfolgt das Ziel, rund 30 Prozent seines Vermögens in sogenannten illiquiden Anlagen zu halten: Private Equity, Private Debt und Infrastruktur Equity. Das sind keine abstrakten Finanzprodukte. Das sind Beteiligungen an realen Wirtschaftssektoren.
Welche Sektoren sind bei Private Equity und Infrastruktur Equity besonders attraktiv? Gesundheit. Pflege. Wohnen. Alles, was Menschen nicht vermeiden können. Alles, wo die Nachfrage demografisch gesichert ist. Alles, wo staatliche Regulierung bisher noch Preisgrenzen setzt — und wo der Druck zur Liberalisierung wächst.
Das Generationenkapital bedeutet in seiner Konsequenz: Die Pflichtbeiträge der deutschen Arbeitnehmer fließen in Fonds, die Rendite aus Gesundheit, Pflege und Wohnen extrahieren. Der Rentner zahlt im Alter Miete an einen Fonds, der mit seinen eigenen Rentenbeiträgen finanziert wurde. Er bekommt einen Teil davon als Rente zurück — nach Abzug der Verwaltungsgebühren.
Das ist kein Systemfehler. Das ist das System.
Die vollständige Kette
Damit ist die Kette vollständig:
1889 — Bismarck führt ein kapitalgedecktes System ein. Das Kapital gehört den Beitragszahlern.
1914–1923 — Kriegsanleihen und Inflation. Das Kapital wandert zur Schwerindustrie. Es wird nicht vernichtet — es wechselt den Besitzer.
1939–1948 — Zweiter Weltkrieg, zweite Inflation. Wiederholung des Transfermechanismus. Die Industriellen behalten ihre Substanz.
1957 — Adenauer führt das Umlageverfahren ein. Keine Rückforderung des Kapitals von den Kriegsprofiteuren. Die Last wird auf die nächste Generation übertragen.
2001 — Riester privatisiert einen Teil der Vorsorge. Die Finanzindustrie kassiert Ausgabeaufschläge und Verwaltungsgebühren. Das Modell scheitert strukturell.
2024 — Das Generationenkapital. BlackRock sitzt beim Design. KENFO verwaltet. Private Equity erschließt Gesundheit, Pflege und Wohnen. Verwaltungsgebühren von bis zu vier Milliarden Euro pro Jahr.
Jeder Schritt wurde als Reform verkauft. Jeder Schritt hat Kapital nach oben transferiert. Jeder Schritt hat die Kontrolle über die Altersvorsorge der Arbeitnehmer weiter von ihnen entfernt und näher an institutionelle Großanleger herangeführt.
Was Rieck nicht fragt — und warum das wichtig ist
Prof. Rieck hat recht, wenn er sagt, dass das Umlageverfahren dysfunktional ist, dass die Politik systematische Fehlanreize hat und dass das Generationenkapital in seiner aktuellen Form keine echte Lösung darstellt. Das ist die Analyse des Spieltheoretiker: Wer hat welche Anreize, und welches Gleichgewicht entsteht daraus?
Aber Spieltheorie setzt die Spielregeln als gegeben voraus. Sie fragt nicht, wer die Regeln geschrieben hat. Sie fragt nicht, wessen Interessen in den Institutionen eingebaut sind. Sie fragt nicht, warum strukturell sinnvolle Alternativen — Abschaffung der Beitragsbemessungsgrenze, Einbeziehung von Beamten und Selbständigen in ein echtes Kapitaldeckungssystem, Besteuerung von Kapitalerträgen zur Rentenfinanzierung — seit Jahrzehnten politisch blockiert werden.
Diese Fragen werden blockiert, weil ihre Beantwortung direkt auf die Machtfrage zielt: Wessen Kapital wird geschont? Wessen Kapital wächst? Wer sitzt im Anlageausschuss?
Das Rentenproblem ist kein demografisches Problem, das durch geschickte Mechanik gelöst werden kann. Es ist ein Verteilungsproblem — und Verteilungsprobleme haben Gewinner und Verlierer. Die Gewinner sind bekannt. Sie sitzen im Anlageausschuss des KENFO. Sie beraten das Bundesfinanzministerium. Einer von ihnen ist Bundeskanzler.
Warum niemand es sagt
Die Antwort auf diese Frage hat Schelsky schon 1975 gegeben: Die Sinnproduzenten — Wirtschaftsjournalisten, Rentenökonomen, Politikberater, Institutsleiter — sind in ein Netz von Abhängigkeiten eingebunden. Drittmittel, Karrierechancen, Zugang zu Entscheidungsträgern. Wer die vollständige Kette benennt und sagt, hier hat über mehr als ein Jahrhundert ein systematischer Vermögenstransfer stattgefunden, der mit jedem „Reformschritt" verfestigt und ausgebaut wird — der sägt an dem Ast, auf dem er sitzt.
Das ist kein Vorwurf an Einzelpersonen. Es ist die Beschreibung einer Struktur.
Rieck ist kein schlechter Analyst. Er ist ein guter Analyst mit einer Methode, die strukturelle Machtfragen ausblendet. Das macht ihn zitierfähig im Mainstream. Es macht ihn nützlich als Teilzeuge. Aber es reicht nicht.
Die vollständige Analyse führt dorthin, wo es unbequem wird: zum Anlageausschuss, zur Drehtür, zur Frage, wessen Kapital bei jedem dieser Reformschritte unberührt blieb — und wessen Arbeitseinkommen die Zeche bezahlte.
Teil I dieser Serie: Der doppelte Raub – Oder: Warum Ihnen niemand erzählt, wie die Rente wirklich funktioniert
Teil II: Warum die Rentendebatte immer dort aufhört, wo sie anfangen müsste
Teil III: Der dritte Raub — oder: Warum die Kapitalmarkt-Rente denselben Mechanismus wiederholt
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