Nach der Veröffentlichung von „Wes Brot ich ess" ging der X-Austausch weiter – und lieferte gleich mehrere Funde nach, die den ursprünglichen Beitrag nicht widerlegen, sondern bestätigen. Die Fallmanagerin-Zuschreibung wurde bestritten, obwohl derselbe Account den Begriff „Kunde" zuvor selbst als „üblichen Begriff … in Verwaltung, Handel, Beratungsverein" erklärt hatte. Eine ausdrücklich angebotene Korrektur – man müsse nur sagen, wo genau beraten wird – wurde nie beantwortet. Der Austausch wurde insgesamt dreimal für beendet erklärt und jedes Mal von derselben Seite fortgesetzt. Und am Ende stand, direkt nach dem Satz „Grundsätzlich richtig", der Vorwurf, hier werde nur „die eigene Blase" bedient. Alles, was folgt, sind ihre eigenen Worte – nicht Interpretation.
„Wes Brot ich ess" hat sieben aufeinanderfolgende Umdeutungen einer einzigen Ausgangsfrage dokumentiert und mit Helmut Schelskys Begriff der Priesterherrschaft geschlossen: Wer beruflich die Deutungshoheit über das Leben anderer verwaltet, verteidigt diese Deutungshoheit auch dort, wo niemand sie eingefordert hat. Mit der Veröffentlichung war die Sache aber nicht erledigt. Der Account, um den es ging, antwortete – und lieferte in den folgenden Stunden ein Nachspiel, das für sich genommen schon wieder ein eigener Beitrag ist.
Der Begriff, den es zweimal gab
Der zentrale Beleg im ersten Beitrag war die Formulierung „meine Kundin, in der Beratung" – nicht weil das Wort „Kunde" an sich belastend wäre, sondern weil es institutionelle Sprache ist, keine private. Nach der Veröffentlichung kam der Einwand:
„Arbeite gar nicht im Jobcenter … Es gibt auch andere Beratungsstellen mit Kundenkontakt in Deutschland. Jobcenter ist hier zwar bei einigen immer wieder Thema, aber nur am Rande. Nimm die Scheuklappen ab!!!"
Für sich genommen ein fairer Punkt: Fallmanagement gibt es auch außerhalb von Jobcentern.
Nur hatte derselbe Account Stunden zuvor, im selben Thread, auf die Frage, welchen Sammelbegriff man denn stattdessen für Antragsteller oder Leistungsberechtigte verwenden solle, die Herkunft des Wortes „Kunde" bereits selbst erklärt:
„Das ist der übliche Begriff. In Verwaltung, Handel, Beratungsverein u.v.a."
Verwaltung. Nicht Ehrenamt. Die beiden Sätze stammen aus demselben Gespräch, von derselben Person, im Abstand weniger Stunden – man muss dafür keine dritte Quelle bemühen. Dabei war zu diesem Zeitpunkt bereits ausdrücklich eine Korrektur angeboten worden: Wer mitteilt, in welchem Bereich tatsächlich beraten wird, bekommt die entsprechende Stelle korrigiert – redaktionelle Praxis, keine Floskel, wie schon der Korrekturhinweis in „Stellen Sie sich vor, man würde das mit Ihnen machen" zeigt. Diese einfache, konkrete Frage – wo genau? – wurde zu keinem Zeitpunkt beantwortet. Stattdessen kam eine dritte Variante:
„Neben Beruf gibt's übrigens auch noch das Ehrenamt. Viel Halbwissen, was den Blogs zugrunde zu liegen scheint. Mit Quellen aus X …"
Drei verschiedene Rahmen für ein und dasselbe eigene Zitat – und auf keinen einzigen davon musste von außen geantwortet werden, denn keiner beantwortete die gestellte Frage. Nicht die Institution war das Problem. Das Ausweichen vor einer einfachen, konkret gestellten Frage war es.
Der dreifache Abschied
Auffällig ist außerdem, wie oft dieses Gespräch für beendet erklärt wurde, ohne es tatsächlich zu sein. Zuerst:
„SGBII-Empfänger sind keine hilflosen Opfer staatlicher Willkür. Sie können Ihre Rechte wahrnehmen. Zumeist geht es rechtlich sauber zu, wir reden hier über Einzelfälle. Und wenn nicht, gibt es viele helfende Vereine, Gruppen und notfalls das Gericht. Mach's gut."
Kurz darauf ging es weiter. Dann, deutlich später:
„Wir hören hier tatsächlich auf. Alles Gute."
Wenige Minuten danach, im selben Thread:
„Mir fallen gerade keine besseren Mittel ein, die eine Verwaltung nutzen könnte. Gerne weiter einbringen, damit beide Seiten einen Vorteil davon haben."
Der dritte und letzte Abschied kam schließlich am folgenden Tag, nach der Veröffentlichung von „Wes Brot ich ess":
„Grundsätzlich richtig. Aber sollte das dann nicht kenntlich gemacht werden? Ein Blog ist keinen journalistischen Standards verpflichtet, klar. Aber Interesse an Seriosität? Aber vielleicht ist auch nur Polemik und Bedienen der eigenen Bubble gewünscht. Ist Ihr Blog … Tschüss."
„Nichts ist verifiziert"
Dazwischen liegt noch eine Volte, die es wert ist, für sich zu stehen. Mit den eigenen Zitaten konfrontiert, kam die Antwort:
„Ich bin ein Account auf X. Nichts ist verifiziert. Was davon ist echt? Was nicht? Nur zu … Weiter so fundiert bloggen, um das eigene Weltbild und die eigene Blase zu bedienen. Viel Spaß dabei."
Das ist ein bemerkenswerter Satz, weil er nicht nur die eine Seite trifft. Wenn tatsächlich nichts an einem X-Account verifizierbar ist, dann waren auch die eigene Kundin mit PTBS, die vier Wochen bis zum Rentenbescheid, die Berufserfahrung „in Verwaltung, Handel, Beratungsverein" nie mehr als unverifizierte Behauptungen – vorgetragen mit genau der Autorität, die jetzt plötzlich zur Disposition steht.
Der Schlusssatz
Der letzte Tweet verdient eine genauere Lesart, weil er zwei Dinge gleichzeitig tut, die eigentlich nicht zusammenpassen. Er räumt den zuvor gemachten Punkt ein – „Grundsätzlich richtig" – und dismisst im selben Atemzug das gesamte Projekt als Dienst an der „eigenen Bubble". Ein Argument, das gerade als richtig anerkannt wurde, wird im nächsten Satz zum Symptom einer Filterblase erklärt. Das muss kein bewusstes Manöver sein, um bemerkenswert zu sein – es reicht, dass es genau an der Stelle passiert, an der eine inhaltliche Antwort fällig gewesen wäre.
Für diesen Nachtrag brauchte es keine neue Analyse und keine neue Deutung. Es genügte, den Thread noch einmal von vorne zu lesen und die eigenen Sätze nebeneinanderzulegen. Wessen Blase das am Ende eigentlich war, mag jeder für sich selbst beantworten.
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