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Montag, 5. Oktober 2026

Thierry Meyssan: Die historischen Faschisten bereiten ihre Revanche vor

Die Verlierer von 1945 sind wieder da

Was du wissen musst – in 30 Sekunden
Thierry Meyssan warnt davor, dass politische Kräfte mit Wurzeln im Faschismus, Militarismus und radikalen Nationalismus wieder bis in höchste staatliche Positionen vorgedrungen sind. In Japan werden auch verurteilte Kriegsverbrecher geehrt und das Land übernimmt wieder eine stärkere militärische Rolle. In Israel lässt Netanjahu die Geschichte einer früheren bewaffneten nationalistischen Bewegung als Heldengeschichte neu erzählen und will sie in die Schulbücher bringen. In der Ukraine werden Führer des alten radikalen Nationalismus und der Gründer des Asow-Bataillons staatlich geehrt. Meyssans Warnung: Aus politischen Kräften und Ideen, die nach 1945 diskreditiert waren, werden wieder Helden, Vorbilder und Machtfaktoren.

Thierry Meyssan formuliert in seinem Beitrag vom 1. September 2026 eine äußerst harte These. Seine Botschaft lässt sich jedoch einfacher ausdrücken, als es die vielen historischen Namen und Zusammenhänge zunächst vermuten lassen: Nach dem Zweiten Weltkrieg galten Faschismus, aggressiver Militarismus und extreme nationalistische Bewegungen als politisch diskreditiert. Heute, so Meyssan, werden Personen und Bewegungen aus genau dieser Vergangenheit wieder geehrt, ihre Geschichte wird neu erzählt und politische Kräfte, die sich auf diese Traditionen berufen, sitzen wieder an wichtigen Stellen im Staat.

Meyssan sieht diese Entwicklung besonders deutlich in Japan, Israel und der Ukraine. Seine These lautet nicht, dass sich der Zweite Weltkrieg genauso wiederholt. Er warnt vielmehr davor, dass politische Ideen und historische Traditionen, die 1945 besiegt oder später geächtet wurden, Schritt für Schritt wieder gesellschaftsfähig gemacht werden.

Japan: Kriegsverbrecher werden geehrt – und Japan rüstet wieder auf

Japan führte im Zweiten Weltkrieg einen brutalen Eroberungskrieg in Asien. Millionen Menschen starben. Massaker, Folter, Zwangsarbeit und andere schwere Kriegsverbrechen gehören zu dieser Geschichte. Trotzdem werden am Yasukuni-Schrein in Tokio neben Millionen japanischen Kriegstoten auch 14 Männer verehrt, die als Kriegsverbrecher der höchsten Kategorie verurteilt wurden.

Am 15. August 2026, dem Jahrestag der japanischen Kapitulation, besuchten mehrere Mitglieder der Regierung den Schrein. Ministerpräsidentin Sanae Takaichi erschien zwar nicht persönlich, ließ aber eine rituelle Opfergabe überbringen. Verteidigungsminister Shinjiro Koizumi gehörte zu den Besuchern. Über den Vorgang und die heftigen Reaktionen aus China und Südkorea berichtete unter anderem Reuters.

Auch die Haltung der japanischen Regierung zur militärischen Rolle des Landes verändert sich. Meyssan verweist unter anderem auf die Debatte um Ministerpräsidentin Takaichi und Japans bisherige nichtnukleare Grundsätze. Dazu führt er einen Beitrag der japanischen Zeitung Asahi Shimbun an.

Noch deutlicher ist ein anderer Schritt: Am 29. Mai 2026 entsandte Japan vier Angehörige seiner Selbstverteidigungsstreitkräfte zum NATO-Kommando NSATU nach Deutschland. Dieses Kommando sitzt in Wiesbaden und organisiert Ausrüstung und Ausbildung für die ukrainischen Streitkräfte. Die NATO bestätigt die japanische Beteiligung offiziell. Auch das japanische Verteidigungsministerium bestätigt die Entsendung der vier Angehörigen der Selbstverteidigungsstreitkräfte.

Für Meyssan gehören diese Entwicklungen zusammen. Ein Land, das nach 1945 bewusst eine pazifistische Rolle einnahm, übernimmt wieder militärische Aufgaben weit außerhalb des eigenen Staatsgebiets. Gleichzeitig wird die Erinnerung an das alte japanische Kriegsregime nach seiner Auffassung immer weniger von dessen Verbrechen bestimmt. Genau darin sieht er die Rückkehr des japanischen Militarismus in einer neuen Form.

Israel: Eine alte bewaffnete Bewegung wird zur Heldengeschichte

Auch in Israel geht es Meyssan darum, wer heute bestimmt, wie die Vergangenheit erzählt wird. Kurz nach der Gründung Israels kam es 1948 zu einem schweren Konflikt zwischen der neuen Regierung David Ben-Gurions und der Irgun, einer bewaffneten nationalistischen Organisation unter Menachem Begin. Die Irgun hatte eigene Kämpfer und erhielt mit dem Schiff „Altalena“ eine große Waffenlieferung. Ben-Gurions Regierung ließ das Schiff beschießen. Auf beiden Seiten starben Menschen.

Im August 2026 wurde das Wrack der „Altalena“ vor der israelischen Küste wiedergefunden. Über den Fund berichtete unter anderem die Times of Israel.

Benjamin Netanjahu greift diese Geschichte heute bewusst wieder auf. In seiner Rede bezeichnete er Ben-Gurions Entscheidung, auf das Schiff feuern zu lassen, als tragisch. Er stellte Menachem Begin als den Mann dar, der trotz des Beschusses einen Bürgerkrieg verhindert habe. Netanjahu erklärte außerdem, er habe die Bildungsminister aufgefordert, die Geschichte der „Altalena“ in die israelischen Schulbücher aufzunehmen. Das Wrack soll geborgen und zu einem sichtbaren nationalen Symbol werden.

Für Meyssan geht es dabei um viel mehr als um ein altes Schiffswrack. Er sieht darin die Aufwertung jener politischen Tradition, die auf Wladimir Jabotinsky und den sogenannten revisionistischen Zionismus zurückgeht. Netanjahus Vater Benzion Netanjahu war Jabotinskys Privatsekretär. Meyssan vertritt die Auffassung, dass diese Bewegung historisch eng mit dem europäischen Faschismus verbunden gewesen sei und dass ihre politische Tradition heute wieder staatlichen Einfluss besitzt.

Warum Meyssan diese Linie so scharf als faschistisch einordnet, hat er bereits wenige Wochen zuvor ausführlicher dargestellt. In seinem Beitrag „Muss der Staat Israel vom Faschismus befreit werden?“ vom 23. Juni 2026 beschreibt er die Verbindung, die er zwischen Jabotinsky, dem revisionistischen Zionismus, Mussolini und der heutigen Regierung Netanjahus sieht.

Sein entscheidender Punkt lautet: Wer bestimmt, welche Geschichte Kinder in der Schule lernen, entscheidet auch darüber, wer künftig als Held und wer als Täter gilt. Wenn eine früher hoch umstrittene bewaffnete Bewegung Jahrzehnte später vor allem als patriotisches Vorbild dargestellt wird, verändert sich damit auch die politische Erinnerung eines Landes.

Ukraine: Alte Nationalisten werden zu Staatshelden

Am deutlichsten wird Meyssans Argument in der Ukraine. Jewhen Konowalets war einer der Gründer und ersten Führer der Organisation Ukrainischer Nationalisten, der OUN. Diese Bewegung stand für einen radikalen ukrainischen Nationalismus. Meyssan ordnet sie in eine politische Tradition ein, deren Teile später mit den Achsenmächten und dem nationalsozialistischen Deutschland zusammenarbeiteten.

Am 11. August 2026 wurden die sterblichen Überreste von Konowalets auf dem Friedhof Crooswijk in Rotterdam exhumiert. Nach Angaben der ukrainischen Präsidentschaft erfolgten die organisatorischen Vorbereitungen auf Weisung von Präsident Wolodymyr Selenskyj. Die ukrainische Präsidentschaft dokumentiert die Exhumierung und die staatliche Organisation selbst.

Eine Woche später wurde Konowalets auf dem Nationalen Militärgedenkfriedhof bei Kiew neu bestattet. Selenskyj nahm persönlich an der Zeremonie teil. Anwesend waren außerdem der Parlamentspräsident, der Ministerpräsident, der Oberbefehlshaber der Streitkräfte und zahlreiche weitere Vertreter der ukrainischen Staatsspitze. Die Präsidentschaft bezeichnete Konowalets dabei als bedeutenden ukrainischen Staatsmann und vorbildlichen Kämpfer. Die offizielle Mitteilung zur Wiederbestattung ist auf der Internetseite des ukrainischen Präsidenten abrufbar.

Für Meyssan ist das kein gewöhnliches historisches Gedenken. Seine Frage ist einfach: Was sagt es über einen Staat aus, wenn ein Führer einer radikal-nationalistischen Bewegung Jahrzehnte später mit der gesamten Staatsspitze als Nationalheld geehrt wird?

Nur wenige Tage später folgte ein weiterer Vorgang. Präsident Selenskyj verlieh Brigadegeneral Andrij Biletskyj den Titel „Held der Ukraine“ und den Orden des Goldenen Sterns. Ein offizieller Präsidentenerlass vom 24. August 2026 bestätigt die Ernennung Biletskyjs zum „Helden der Ukraine“. Am 26. August überreichte Selenskyj ihm den Orden persönlich. Auch dieser Vorgang wird auf der offiziellen Internetseite des ukrainischen Präsidenten dokumentiert.

Biletskyj gründete 2014 das Asow-Bataillon. Meyssan verweist zudem auf eine ihm zugeschriebene frühere Aussage über die historische Mission der „weißen Rassen“ und einen letzten Kreuzzug

„gegen die von den Semiten angeführten Untermenschen“.

Die von Meyssan genannte Fundstelle existiert tatsächlich. Sie befindet sich in Absatz 360 der Entscheidung Ukraine and the Netherlands v. Russia beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Das Verfahren ist in der offiziellen HUDOC-Datenbank des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte abrufbar. Wichtig ist allerdings die genaue Einordnung: Der Gerichtshof gibt an dieser Stelle das Vorbringen der russischen Regierung wieder. Das Zitat ist dort dokumentiert, aber nicht als eigene Tatsachenfeststellung des Gerichtshofs.

Für Meyssans Argument steht ohnehin etwas anderes im Mittelpunkt: Ein Mann, der das Asow-Bataillon gegründet hat und dessen politische Vergangenheit seit Jahren umstritten ist, erhält heute den höchsten Ehrentitel des ukrainischen Staates.

Was Meyssan eigentlich sagen will

Meyssan wirft Japan, Israel und der Ukraine nicht einfach eine falsche Geschichtsschreibung vor. Seine These ist wesentlich radikaler: Politische Kräfte und Ideen, die nach 1945 besiegt und diskreditiert waren, kehren zurück. Sie erscheinen allerdings nicht mehr in denselben Uniformen und unter denselben Namen wie vor 80 Jahren.

Der Weg zurück in die gesellschaftliche Mitte beginnt nach Meyssans Analyse mit der Erinnerung. Ein früherer Extremist wird zum Nationalhelden. Ein verurteilter Kriegsverbrecher wird wieder verehrt. Eine einst bewaffnete radikale Bewegung wird als patriotisches Vorbild dargestellt. Ein umstrittener Militärführer erhält die höchste staatliche Auszeichnung. Kinder sollen eine neue Version alter Konflikte lernen.

Damit verschiebt sich nach und nach die Grenze dessen, was als normal gilt. Menschen und politische Traditionen, die jahrzehntelang wegen ihrer Vergangenheit belastet waren, erscheinen plötzlich wieder als Vorbilder. Genau darin sieht Meyssan die eigentliche Gefahr.

Warum die Geschichte für die Gegenwart wichtig ist

Man könnte fragen, warum uns heute noch interessieren sollte, was vor 80 Jahren geschah. Die Antwort liegt darin, dass Staaten durch ihre Helden und ihre Erinnerungspolitik zeigen, welche Werte sie selbst vertreten wollen. Wer bekommt ein Denkmal? Wer wird auf einem nationalen Militärfriedhof beigesetzt? Wer erhält einen Orden? Welche Geschichte lernen Kinder in der Schule?

Wenn frühere radikale Nationalisten, Militaristen oder politische Bewegungen mit faschistischen Wurzeln wieder zu Vorbildern aufgebaut werden, verändert sich auch das politische Klima der Gegenwart. Was gestern noch als extrem und gefährlich galt, kann morgen wieder als patriotisch und normal erscheinen.

Meyssan behauptet deshalb nicht, dass morgen der Zweite Weltkrieg von vorne beginnt. Seine Warnung lautet vielmehr, dass politische Ideologien und Traditionen, die damals zu Krieg, Unterdrückung und Massenverbrechen beitrugen, in neuer Form wieder Macht gewinnen können.

Die Revanche der Verlierer

Meyssan nennt diese Entwicklung die Revanche der Verlierer des Zweiten Weltkriegs. In Japan sieht er die Rückkehr des alten Militarismus und die schrittweise Abkehr vom Pazifismus der Nachkriegszeit. In Israel sieht er die politische Aufwertung der revisionistisch-zionistischen Tradition um Jabotinsky und Begin. In der Ukraine sieht er die staatliche Rehabilitierung eines radikal-nationalistischen Erbes, das von Konowalets und der OUN bis zu heutigen nationalistischen Bewegungen reicht.

Man kann darüber streiten, ob Meyssan diese drei Entwicklungen zu Recht unter einen gemeinsamen Begriff stellt. Die konkreten Vorgänge sollte deshalb jeder Leser selbst prüfen. Genau dafür sind die Originalquellen in diesem Beitrag verlinkt.

Seine grundlegende Frage bleibt jedoch bestehen: Warum werden ausgerechnet jetzt Personen, Organisationen und politische Traditionen wieder aufgewertet, die jahrzehntelang wegen ihrer Vergangenheit hoch umstritten waren?

Meyssans Antwort ist eindeutig: Es findet ein politischer Kampf um die Geschichte statt. Und wer verändert, wie die Vergangenheit erzählt wird, verändert irgendwann auch, was in der Gegenwart wieder denkbar und politisch möglich wird.


Originalbeitrag: Thierry Meyssan, „Die Geschichte fälschen, um den Dritten Weltkrieg auszulösen – Die historischen Faschisten bereiten sich darauf vor, ihre Rache zu nehmen“, Voltaire Netzwerk, 1. September 2026. Vollständigen Originalbeitrag beim Voltaire Netzwerk lesen.

Weiterführend zu Israel: Thierry Meyssan, „Muss der Staat Israel vom Faschismus befreit werden?“, Voltaire Netzwerk, 23. Juni 2026. Vollständigen Beitrag lesen.

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