Suche

Sonntag, 15. Februar 2026

Emanzipation als Verwertungslogik – Die Zahnräder hinter der Fassade (Teil 2)

Den ersten Teil dieser Analyse finden Sie hier: Emanzipation als Verwertungslogik – Wie die ökonomische Macht beide Geschlechter in die Zange nimmt (Teil 1)

Im ersten Teil haben wir anhand der MANNdat-Dokumentation „Geschichte des Wehrpflichtsexismus in Deutschland" gezeigt, wie die Wehrpflicht-Asymmetrie einer ökonomischen Verwertungslogik folgt: der Mann als disponible Masse, die Frau als geschützte Reproduktionsinfrastruktur, die Emanzipation als Verdoppelung des Arbeitskräftereservoirs ohne Entlohnung der Reproduktion – und der Geschlechterkampf als Ablenkung vom Klassenkampf.

In diesem zweiten Teil ziehen wir die Fäden weiter. Denn wer die Verwertungslogik konsequent zu Ende denkt, stößt auf Zusammenhänge, die weit über die Wehrpflichtfrage hinausreichen – und die zeigen, dass es sich nicht um isolierte Phänomene handelt, sondern um Zahnräder desselben Mechanismus.

Die dysgenische Selektion: Krieg als Zucht gegen den Widerstandsgeist

Dieser Gedanke ist unbequem, aber er lässt sich nicht wegdiskutieren: Wenn in jedem Krieg die mutigsten, körperlich stärksten, widerstandsfähigsten Männer an die Front geschickt werden – und dort sterben – dann überleben bevorzugt die Angepassten. Die Fügsamen. Diejenigen, die sich dem System unterordnen, die nicht auffallen, die gehorchen.

Über Generationen hinweg wirkt Krieg damit als Selektionsmechanismus gegen Widerstandsgeist. Es ist schlichte Populationsgenetik: Wer sich gegen die Obrigkeit auflehnt, wird an die Front gestellt. Wer funktioniert, überlebt. Nach jedem großen Krieg ist die überlebende Bevölkerung im Durchschnitt angepasster, gehorsamer, weniger rebellisch als die Generation zuvor.

Man muss das nicht als bewusste Planung verstehen, um die Funktion zu erkennen. Es ist gleichgültig, ob eine Machtelite dies kalkuliert oder ob es sich als emergentes Muster ergibt – das Ergebnis ist identisch: Krieg züchtet Gehorsam. Er selektiert systematisch gegen die Eigenschaften, die nötig wären, um das System in Frage zu stellen. Die ökonomische Macht braucht keine Verschwörung, um davon zu profitieren – sie muss lediglich den Mechanismus nicht unterbrechen.

Und wer nach 1945 auf die westdeutsche Wirtschaftswundergesellschaft blickt – auf ihre Obrigkeitshörigkeit, ihre Konsumbereitschaft, ihre politische Passivität – der sieht das Ergebnis dieser Selektion in Echtzeit.

Die Zuchtbuchlogik: Wenige Bullen, viele Kühe

Es gibt eine Parallele, die man nicht aussprechen soll, die aber analytisch zwingend ist. In der Tierzucht braucht man wenige männliche Tiere, aber viele weibliche – ein Bulle kann hunderte Kühe decken. Die Weibchen sind der Flaschenhals der Reproduktion, die Männchen sind ersetzbar.

Genau dieses Kalkül liegt dem „Schutz" der Frauen vor dem Kriegsdienst zugrunde, wenn man es auf die biologische Ebene herunterbricht. Eine Gesellschaft kann den Verlust von fünfzig Prozent ihrer männlichen Bevölkerung reproduktiv verkraften – den Verlust von fünfzig Prozent der weiblichen nicht. Das ist keine Wertschätzung, das ist Bestandsrechnung.

Man mag einwenden, dass moderne Gesellschaften nicht mehr in diesen Kategorien denken. Aber die Politik handelt exakt so – über Jahrhunderte hinweg, bis heute. Die Rhetorik hat sich verfeinert, von der „Bestimmung der Frau" über das „Frau-Sein" bis zur „Vereinbarkeit von Familie und Beruf". Das darunterliegende Kalkül ist dasselbe geblieben: Die Reproduktionskapazität wird geschützt, die disponible Masse wird verheizt.

Der Unterschied zur Tierzucht besteht lediglich darin, dass man dem Bullen keine Geschichte erzählt, warum er zum Schlachter muss. Dem Mann erzählt man eine von Ehre, Pflicht und Vaterland.

Die Entsorgung: Was mit denen geschieht, die überleben

Wenn die Verwertungslogik stimmt, dann müsste sich ihre Signatur auch am Umgang mit denjenigen zeigen, die den Krieg überleben. Und genau das tut sie.

Posttraumatische Belastungsstörungen, Suizid, Obdachlosigkeit, Alkoholismus, zerbrochene Familien – das ist die Bilanz derer, die „ihrem Land gedient" haben. In den USA sind Veteranen unter Obdachlosen massiv überrepräsentiert. In Deutschland werden ehemalige Soldaten mit PTBS durch ein Versorgungssystem geschleust, das auf Minimierung von Kosten ausgelegt ist, nicht auf Heilung.

Das System investiert nicht in die Reparatur, weil das „Menschenmaterial" seinen Verwertungszweck bereits erfüllt hat. Der Soldat ist ein Verbrauchsgegenstand: einsetzen, nutzen, entsorgen. Die Dankbarkeitsrituale am Veteranentag oder am Volkstrauertag sind die billigste Form der Entsorgung – ein symbolisches Pflaster auf eine systemische Wunde, das gleichzeitig dazu dient, die nächste Generation für denselben Verwertungszyklus zu rekrutieren. Denn der junge Mann soll die Ehrung sehen, nicht die Obdachlosigkeit danach.

Die Söhne der Mächtigen kämpfen nie

Es gibt eine Probe, die jede patriotische Erzählung sofort entlarvt: Wo sind die Söhne derjenigen, die den Krieg beschließen?

Die Antwort ist über Jahrhunderte hinweg dieselbe: nicht an der Front. Von den europäischen Adelshäusern, die Bauern in die Schlachten schickten, über die Industriellenfamilien beider Weltkriege bis zu den politischen Dynastien der Gegenwart – der Krieg ist eine Veranstaltung der Unter- und Mittelschicht. Die Söhne der Quandts, der Rockefellers, der Porsches haben nie in einem Schützengraben gelegen.

Das allein widerlegt die Erzählung, dass eine Nation gemeinsam für ihre Freiheit kämpft. Nationen kämpfen nicht. Arme Männer kämpfen. Und sie kämpfen für die Interessen derer, die ihre eigenen Söhne systematisch dem Zugriff des Staates entziehen, den sie selbst kontrollieren.

Wenn der Krieg wirklich das wäre, als was er verkauft wird – ein Überlebenskampf des Volkes, eine Verteidigung der Heimat, eine Frage der nationalen Existenz – dann müsste jeder kämpfen. Dass die Machtelite ihre Kinder dem Zugriff entzieht, beweist, dass sie selbst nicht an die Erzählung glaubt, die sie der Bevölkerung auftischt.

Die Bildungsbenachteiligung: Produktion disponibler Masse

Die Verwertungslogik beginnt nicht erst bei der Musterung. Sie beginnt in der Schule.

Jungen schneiden im Bildungssystem systematisch schlechter ab als Mädchen. Sie brechen häufiger die Schule ab, machen seltener Abitur, studieren seltener. Das wird wahlweise als biologische Disposition („Jungen reifen später"), als pädagogisches Problem oder als individuelles Versagen verhandelt. Nie als systemische Funktion.

Aber wenn man die Verwertungslogik konsequent anwendet, ergibt die Bildungsbenachteiligung von Jungen einen erschreckenden Sinn: Man braucht keine gebildeten Kanonenfutter. Man braucht Männer mit wenig Optionen – Männer, für die das Militär, der Niedriglohnsektor oder prekäre Beschäftigung die einzigen Wege sind. Ein junger Mann mit Universitätsabschluss und Perspektive ist schwerer zu rekrutieren als einer ohne Schulabschluss und ohne Alternative.

Die systematische Unterförderung von Jungen produziert genau das, was die Verwertungsmaschinerie braucht: disponible Masse. Nicht durch Verschwörung, sondern durch konsequentes Desinteresse an der Lösung eines Problems, dessen Fortbestehen dem System nützt.

Dass gleichzeitig Milliarden in die Mädchenförderung fließen, ist in dieser Logik kein Widerspruch – sondern die andere Seite derselben Medaille: Die Frauen sollen gebildet genug sein, um als Arbeitskraft verwertbar zu sein, aber gleichzeitig die Reproduktion leisten. Die Männer sollen gerade ungebildet genug sein, um als Verfügungsmasse zu funktionieren.

Die Migrationslogik: Importierte Reproduktion

Und wenn die einheimische Reproduktion dennoch nicht ausreicht? Wenn Frauen, die jetzt arbeiten müssen statt Kinder bekommen zu können, nicht mehr genügend Nachwuchs produzieren?

Dann importiert man junge, arbeitsfähige Körper. Vorzugsweise männliche, vorzugsweise entwurzelt, ohne Netzwerk, ohne gewachsene Solidarstrukturen – und damit maximal ausbeutbar. Die Migrationspolitik folgt derselben Verwertungslogik: Wenn die inländische Arbeitskraftproduktion stockt, wird Arbeitskraft von außen zugeführt. Nicht aus Humanität – sondern weil die Maschine gefüttert werden muss.

Das erklärt auch, warum Integrationspolitik chronisch unterfinanziert ist. Integrierte Menschen mit Netzwerken, Sprachkenntnissen und Rechtskenntnis sind schwerer auszubeuten als isolierte. Die mangelnde Integration ist kein politisches Versagen – sie ist funktional.

Die aktuelle Wehrpflichtdebatte: Die Rolle rückwärts in Echtzeit

Und nun schließt sich der Kreis zur Gegenwart. Europa rüstet auf. Die Wehrpflichtdebatte ist zurück. Und wieder – vorhersehbar wie ein Uhrwerk – ausschließlich für Männer.

Dieselben Politiker, die „Gleichstellung" als Staatsziel formulieren, die Genderbeauftragte in jede Institution pflanzen, die von Diversität und Inklusion sprechen, vollziehen ohne jeden Anflug von Scham die Rolle rückwärts zum männlichen Krieger. Kein Aufschrei der Gleichstellungsbeauftragten. Kein Protest der Frauenverbände. Kein einziger Leitartikel, der die offensichtliche Frage stellt: Wenn wir gleichgestellt sind – warum dann nicht auch hier?

Denn das ist die Grenze der Gleichstellung: Sie endet dort, wo es unbequem wird, wo es gefährlich wird, wo es wehtut. Gleichstellung gilt beim Zugang zu Aufsichtsräten, nicht beim Zugang zum Schützengraben. Bei Quoten in Vorständen, nicht bei Quoten in Leichensäcken.

Die MANNdat-Dokumentation der „Geschichte des Wehrpflichtsexismus in Deutschland" zeigt: Dieses Muster ist nicht neu. Es ist sechs Jahrzehnte alt – mindestens. Und es hat sich kein einziges Mal geändert. Die Begründungen wechseln, das Ergebnis bleibt.

Medien als Narrativmaschine

Die gesamte Konstruktion – von der dysgenischen Selektion über die Zuchtbuchlogik bis zur Bildungsbenachteiligung – funktioniert nur unter einer Bedingung: Das Narrativ muss stimmen. Die Geschichte muss erzählt und geglaubt werden.

Männer sind Täter, Frauen sind Opfer. Krieg ist notwendige Verteidigung. Wehrpflicht ist Ehrenpflicht. Gleichstellung ist erreicht, außer wo Frauen noch benachteiligt sind. Männer, die auf ihre Benachteiligung hinweisen, sind Jammerer, Rechte, Frauenfeinde.

Ohne die permanente mediale Aufrechterhaltung dieser Erzählungen würde die Absurdität der Asymmetrie sofort sichtbar werden. Ein einziger ehrlicher Leitartikel, der fragt, warum Gleichstellung an der Kasernentür endet, würde das gesamte Kartenhaus gefährden. Deshalb wird diese Frage nicht gestellt – nicht aus Versehen, sondern weil die Medien integraler Bestandteil der Verwertungsmaschinerie sind.

Sie sind nicht Berichterstatter der Macht – sie sind ihr Sprachrohr. Sie liefern die Erzählung, die das System braucht, um die Masse ruhig zu halten: eine Erzählung von Demokratie, Gleichheit und Freiheit, die bei näherer Betrachtung genau das Gegenteil verschleiert.

Fazit: Die Zahnräder sichtbar machen

Die Wehrpflichtfrage ist ein Fenster. Wer hindurchschaut, sieht nicht nur eine geschlechterpolitische Asymmetrie, sondern einen Gesamtmechanismus, dessen einzelne Teile ineinandergreifen wie Zahnräder:

Krieg selektiert gegen Widerstandsgeist. Bildung produziert disponible Masse. Migration ersetzt fehlende Reproduktion. Medien liefern das Narrativ. Der Geschlechterkampf verhindert den Klassenkampf. Die Emanzipation verdoppelt das Arbeitskräftereservoir. Die Reproduktion bleibt unbezahlt. Die Söhne der Mächtigen bleiben verschont. Die Veteranen werden entsorgt. Und die Frau wird nicht geschützt – ihre Gebärfähigkeit wird geschützt.

Das System braucht keine Verschwörung, um so zu funktionieren. Es braucht nur eine Machtelite, die den Mechanismus nicht unterbricht, weil er ihr nützt. Alles andere – die Rhetorik, die Gesetze, die Gleichstellungspolitik, die empörten Leitartikel – ist Dekoration auf einer Maschine, die seit Jahrhunderten nach derselben Logik läuft.

Wer das einmal gesehen hat, kann es nicht mehr entsehen.


Weiterführend:

Emanzipation als Verwertungslogik – Wie die ökonomische Macht beide Geschlechter in die Zange nimmt (Teil 1)

Quellen und weiterführende Lektüre:

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen