Markus Krall wird in der alternativen Szene herumgereicht wie ein Prophet der Freiheit. Seine Methode: Er benennt reale Missstände — Coronazwang, Zensur, Staatswillkür — die jeder sieht. Dann biegt er ab in eine Richtung, die niemand kommen sieht, der nicht aufpasst. Seine „Lösung" ist nicht weniger Staat für die Mächtigen, sondern: kein Staat mehr für die Schwachen. Was als Freiheitsphilosophie daherkommt, ist ein Programm zur Vollendung der Diktatur ökonomischer Macht — verpackt in Bibelzitate und verkauft an Menschen, die zu Recht wütend sind.
Es gibt ein neues Krall-Interview. Natürlich gibt es das. Er wird herumgereicht in der alternativen Szene wie Champagner bei einer Firmengala — und so ähnlich riecht das auch. Ein christlicher YouTuber diesmal, ehrfürchtig nickend, „Mhm" sagend, während Krall anderthalb Stunden lang seine gesamte ideologische Architektur ausbreitet. Unwidersprochen. Unkritisch. Ungebremst.
Und genau das ist das Problem. Nicht, dass Markus Krall redet. Sondern dass er in einem Milieu redet, das sich für aufgeklärt und systemkritisch hält — und nicht merkt, dass es gerade die radikalste Besitzstandswahrungsideologie der Moderne serviert bekommt, garniert mit Bibelzitaten.
Die Methode: Das Trojanische Pferd
Man muss Krall eines lassen: Er ist kein Dummkopf. Er weiß genau, was er tut. Seine Methode funktioniert in drei Schritten, und sie funktioniert deshalb so gut, weil der erste Schritt stimmt.
Schritt eins: Berechtigte Kritik. Krall benennt Dinge, die jeder sieht und die real sind. Der Coronazwang war übergriffig. Hausdurchsuchungen wegen Memes sind unverhältnismäßig. Die Gewaltenverschränkung in Deutschland ist ein reales Problem. Die politische Klasse hat sich den Staat zur Beute gemacht. Bis hierher nickt nicht nur der christliche YouTuber — bis hierher nickt Lieschen Müller auf dem Feld. Das ist keine Leistung. Das ist Zustandsbeschreibung.
Schritt zwei: Die Totaldiagnose. Und hier biegt Krall ab. Aus der berechtigten Kritik an diesem Staat wird bei ihm die Fundamentalkritik an Staatlichkeit an sich. Nicht: dieser Staat ist korrumpiert und muss reformiert werden. Sondern: der Staat als solcher ist das Übel. Steuern sind Raub. Der Sozialstaat ist „verstaatlichte Karitas". Arbeitsschutzgesetze behindern die „Kapitalakkumulation". Und alles — wirklich alles — was Staat ist, ist „Sozialismus". Steuern: Sozialismus. Klimapolitik: Sozialismus. Kinderarbeitsverbote: Sozialismus. Drag Queens: Sozialismus. Abtreibung: Sozialismus. Das Wort verliert bei Krall jede analytische Bedeutung. Es ist nur noch Feindmarkierung.
Schritt drei: Die „Lösung". Und hier wird es menschenverachtend. Kralls Antwort ist der „Minimalstaat" — 10 Prozent des BIP, drei Ministerien, alles andere privatisiert. Klingt zunächst nach Verschlankung. Ist aber, zu Ende gedacht, die Abschaffung jeder solidarischen Struktur: kein Sozialstaat, kein Arbeitsschutz, keine Umverteilung, keine öffentliche Daseinsvorsorge. Wer es nicht aus eigener Kraft schafft, hat Pech gehabt. Karitas soll ja „freiwillig" sein — und wer nichts bekommt, dem hat eben keiner freiwillig etwas gegeben. Problem gelöst.
Die Perversion: Wer den Staat nicht mehr braucht, will ihn abschaffen
Und hier liegt die eigentliche Ungeheuerlichkeit, die in der alternativen Szene systematisch nicht gesehen wird — oder nicht gesehen werden will.
Die Frage, die niemand Krall stellt, lautet: Für wen war der Staat denn bisher da?
Die ökonomische Macht — Kralls Klientel, die Welt der Banken, Berater und Großinvestoren, aus der er selbst kommt — hat den Staat seit jeher als ihr Instrument benutzt. Der Staat hat die Eigentumsordnung durchgesetzt, die ihnen nützt. Der Staat hat die Vertragsdurchsetzung garantiert, die ihre Geschäfte absichert. Der Staat hat die Infrastruktur gebaut, auf der ihre Profite fahren. Der Staat hat die Armeen unterhalten, die ihre Märkte geöffnet haben. Der Staat hat die Bildungssysteme finanziert, die ihnen qualifizierte Arbeitskräfte liefern.
Und jetzt — jetzt, wo der Kuchen verteilt ist, wo die Eigentumsverteilung global zementiert ist, wo das Kapital längst transnational operiert und den Nationalstaat nicht mehr braucht — jetzt soll der Staat weg.
Das ist kein Zufall. Das ist die Logik.
Der Staat ist nicht das Problem der ökonomisch Mächtigen. Der Staat war ihr Werkzeug. Und das einzige, was der Staat heute noch tut, was sie stört, ist: Er gibt den Unterlegenen ein Minimum an Schutz. Arbeitsrecht. Sozialversicherung. Kündigungsschutz. Mindestlohn. Genau das soll weg. Nicht die Eigentumsordnung, die der Staat durchsetzt — die soll bleiben. Nicht die Vertragsdurchsetzung — die soll bleiben. Nur der Schutz nach unten — der soll weg.
Kralls „Freiheit" ist die Freiheit des Fuchses im Hühnerstall.
Gott als Libertärer — eine theologische Zumutung
Besonders perfide ist die religiöse Verpackung. Krall, nach eigenen Angaben Katholik, Klosterschüler, liest aus dem Buch Samuel heraus, dass Gott ein „Privatrechtsgesellschafter" sei — oder zumindest ein „Minimalstaatler". Das ist nicht nur exegetisch abenteuerlich. Es ist eine gezielte Amputierung der gesamten christlichen Sozialtradition.
Die katholische Soziallehre — seine eigene Tradition — kennt das Subsidiaritätsprinzip: So viel Eigenverantwortung wie möglich, so viel staatliche Hilfe wie nötig. Das ist das Gegenteil dessen, was Krall predigt. Leo XIII. hat 1891 in Rerum Novarum die Pflicht des Staates zum Schutz der Arbeiter formuliert — ausdrücklich gegen die Manchesterliberalen seiner Zeit, die exakt das Gleiche erzählt haben wie Krall heute. Pius XI. hat in Quadragesimo Anno 1931 die ungebremste Kapitalkonzentration als Gefahr für die menschliche Freiheit benannt. Das Zweite Vatikanische Konzil hat in Gaudium et Spes die Sozialpflichtigkeit des Eigentums bekräftigt.
Von alledem bei Krall: kein Wort. Stattdessen eine Samuel-Exegese, die selbst ein Erstsemester-Theologe als selektiv entlarven würde, und die steile These, der freie Wille beweise, dass Gott Steuern ablehnt.
Der Samariter als Waffe gegen den Sozialstaat
Die vielleicht entlarvendste Passage im ganzen Interview ist Kralls Umdeutung des barmherzigen Samariters. Das zentrale Gleichnis der christlichen Nächstenliebe dreht er so um: Der moderne Samariter geht nicht zum Opfer, sondern zu Herodes, und sagt: „Press mehr Steuern aus den Menschen heraus und gib es mir, damit ich ihm helfen kann und auch noch was für mich übrig bleibt."
Das klingt clever. Es ist aber zutiefst zynisch. Denn Krall verschweigt, warum die Freiwilligkeit allein nicht reicht — und zwar nicht aus theoretischen, sondern aus historischen Gründen.
Der Sozialstaat ist nicht vom Himmel gefallen. Er wurde erkämpft — gegen die Klasse, der Krall dient. Er wurde erkämpft, weil die „freiwillige Karitas" der Besitzenden nachweislich nicht funktioniert hat. Weil die Armenhäuser des 19. Jahrhunderts keine Lösung waren. Weil „freiwillige" Wohltätigkeit immer an Bedingungen geknüpft war — an Wohlverhalten, an Unterwürfigkeit, an die richtige Konfession. Weil Almosen kein Recht begründen, sondern Abhängigkeit.
Der Sozialstaat hat aus Bittstellern Rechtsträger gemacht. Genau das will Krall rückgängig machen. Die Armen sollen wieder bitten. Und die Reichen sollen wieder gnädig sein — oder eben nicht. Freiwilligkeit.
Kinderarbeit als „Kapitalbildung" — der Maskenfall
Es gibt in diesem Interview einen Moment, in dem die Maske fällt. Nicht langsam, nicht subtil, sondern krachend. Es ist der Moment, in dem Krall über Kinderarbeit spricht.
Auf die Frage nach Arbeitsschutzgesetzen und Kinderarbeitsverboten antwortet er — und man muss es zweimal lesen, um zu glauben, dass er es wirklich sagt —, dass Kinderarbeitsverbote in Entwicklungsländern die „Kapitalbildung" behindern und damit Kinderarbeit verlängern. Dass das Lieferkettengesetz Arroganz sei. Dass man den Gesellschaften ihre Entwicklungsstufe lassen müsse.
Übersetzt heißt das: Kinder sollen arbeiten dürfen, damit Kapital akkumuliert wird. Irgendwann, wenn genug Kapital da ist — so die libertäre Theorie —, hört die Kinderarbeit dann von selbst auf. Das ist nicht nur historisch falsch — Kinderarbeit wurde überall dort beendet, wo sie verboten wurde, nicht wo genug Kapital da war. Es ist vor allem moralisch bankrott. Es ist die Logik, die sagt: Das Leid von Kindern heute ist der Preis für den Wohlstand von irgendwem irgendwann.
Und das von einem Mann, der Abtreibung als „ultimative Sünde" bezeichnet und sich als Verteidiger des Lebensrechts inszeniert. Das Lebensrecht des Kindes im Mutterleib ist unantastbar — aber das Recht des Kindes, nicht in einer Kobaltmine zu schuften, ist „Arroganz des Westens". Man muss diese Widersprüche nicht konstruieren. Sie liegen offen da. Man muss nur hinsehen.
Die „1000 Liechtensteins" — oder: Feudalismus mit Vertragsrecht
Kralls Zukunftsvision — die „1000 Liechtensteins", die Privatstädte nach Titus Gebel, der schrumpfende Staat, der sich selbst überflüssig macht — klingt in libertären Ohren wie Poesie. In der Realität ist es ein Programm für Neofeudalismus mit Vertragsrecht.
In einer Privatstadt bestimmt der Eigentümer die Regeln. Wer sie nicht akzeptiert, kann gehen. Klingt nach Freiheit. Ist aber die exakte Struktur des feudalen Lehnsherrn: Du darfst hier leben, solange du meinen Bedingungen zustimmst. Dass du formal „frei" bist zu gehen, ändert nichts daran, dass du faktisch abhängig bist — denn du musst irgendwo leben. Und wenn alle Städte privat sind, bist du nirgendwo Bürger mit Rechten. Du bist überall Kunde, der gekündigt werden kann.
Kralls Hanse-Romantik verschweigt, dass die Hansestädte rigide Oligarchien waren, in denen eine schmale Kaufmannsschicht über rechtlose Unterschichten herrschte. Seine oberitalienischen Stadtstaaten hatten Condottieri, Söldnerheere und die Medici — nicht gerade ein Musterbeispiel freier Gesellschaften. Aber solche Details stören die Erzählung.
Wer wissen will, wie Kralls „Privatrechtsgesellschaft" in der Praxis aussieht, muss nicht in die Zukunft spekulieren. Er muss nur in die Vergangenheit schauen — in die Zeit des Manchesterkapitalismus, also genau die Epoche, deren Geist Krall wiederbeleben will. Das sogenannte Truck-System war die Realität der „freiwilligen Vereinbarung" zwischen Kapital und Arbeit: Du arbeitest in der Firma. Du wohnst in der Firmenwohnung. Du kaufst im Firmenladen ein — mit Marken, die nur dort gelten. Am Ende des Monats bleibt nichts, denn Miete und Lebensmittel fressen den gesamten Lohn auf. Alles fließt zurück an den Eigentümer. Totale Abhängigkeit — ohne formale Unfreiheit. Du kannst ja „freiwillig" gehen. Nur: Wohin? Und mit was? Das ist kein Alptraum aus einem dystopischen Roman. Das ist dokumentierte Geschichte. Und es ist exakt die Struktur, die entsteht, wenn „freiwillige Vereinbarungen" zwischen radikal Ungleichen als „Freiheit" verkauft werden. Der Staat, den Krall abschaffen will, hat dieses System beendet — nicht der Markt, nicht die „freiwillige Karitas" der Besitzenden, sondern Gesetze: Arbeitsschutz, Lohnschutz, Sozialversicherung. Alles, was Krall „Sozialismus" nennt.
Opfer als Täter, Täter als Opfer
Was Krall mit der Inszenierung seiner Hausdurchsuchungsgeschichte betreibt, ist eine klassische Opfer-Täter-Umkehr. Ein Mann, der jahrzehntelang als Bankenberater an der Spitze der ökonomischen Nahrungskette saß, der bei Degussa Gold verkauft hat, der in der Schweiz lebt, wo der Staat noch „eingehegt" ist — dieser Mann inszeniert sich als Verfolgter eines Regimes.
Dass er als Zeuge in einem Terrorismusverfahren eine Hausdurchsuchung erlitten hat, ist unangenehm. Dass die Staatsanwaltschaft möglicherweise Daten durchgestochen hat, ist — wenn es stimmt — ein Rechtsverstoß. Aber aus dieser Episode eine Verfolgungsgeschichte zu stricken, die seine gesamte Freiheitsideologie autorisieren soll, ist ein rhetorischer Trick, kein Argument.
Die wirklichen Opfer des Systems, das Krall propagiert, kommen in seinem Weltbild nicht vor. Die Pflegekraft, die ohne Tarifvertrag arbeitet. Der Rentner, dessen Altersvorsorge nicht reicht. Die alleinerziehende Mutter, die auf Bürgergeld angewiesen ist. In Kralls „freier Gesellschaft" haben diese Menschen genau eine Option: hoffen, dass jemand freiwillig Karitas übt. Und wenn nicht — Pech.
Was Krall wirklich verkauft
Markus Krall verkauft keine Freiheit. Er verkauft die Abwesenheit von Verantwortung für diejenigen, die es sich leisten können. Er gibt der ökonomischen Elite, was sie hören will: dass ihr Reichtum gottgewollt ist, dass Steuern Sünde sind, dass der Sozialstaat Raub ist, und dass die Armen gefälligst selbst sehen sollen, wo sie bleiben.
Und er verpackt das so geschickt in berechtigte Kritik an realen Missständen, dass Menschen, die tatsächlich unter Staatsübergriffigkeit leiden — unter Coronazwang, unter Zensur, unter bürokratischer Willkür —, glauben, er spreche für sie.
Er spricht nicht für sie. Er spricht für die, die den Staat nicht mehr brauchen, weil sie längst alles haben. Die Leiter nach oben haben sie benutzt. Jetzt wollen sie sie wegziehen.
Das ist kein Freiheitsprogramm. Das ist die Vollendung der Diktatur ökonomischer Macht — verpackt in Bibelzitate, vorgetragen mit der Gravitas eines Klosterschülers, und beklatscht von einem alternativen Milieu, das nicht merkt, dass es gerade den Argumenten applaudiert, die es am härtesten treffen werden.
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